Gottessöhne und Menschentöchter

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David Jaffin

DIE URGESCHICHTE DER MENSCHHEIT  –  UNSERE GESCHICHTE

 

Auszug:
KAPITEL 7 – Gottessöhne und Menschentöchter: Die Grenzüberschreitung

Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten. Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn auch der Mensch ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertundzwanzig Jahre. Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhtie zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten. 1. Mose 6, 1 4

Der Satz direkt davor lautet: »Noah war 500 Jahre alt und zeugte Sein, Ham und Jafet.« Das bedeutet, daß unser Text der letzte Text vor der Sintflut ist. Hier wird über Noah auf der Erde mit seinen drei Söhnen, seiner Frau und seinen Schwiegertöchtern berichtet. Dann kommt der Bericht über »Gottessöhne und Menschentöchter«, darauf folgt die Ankündigung der Sintflut. Das bedeutet, daß diese Zeit die Zeit der Geburtswehen einer neuen Welt ist.

Ein Thema, das durch die ganze Bibel läuft, die Geburtswehen einer neuen Welt und Wirklichkeit. Das Heil ist im Kommen, die Menschen sind da, die Gott zum Heil, zu einer neuen Welt führen will, damit sie ihm nach seinem Gericht opfern können. Gleichzeitig ist aber eine Stufe von Erbsünde erreicht, die alles überbietet, was Gott ertragen kann und wird. Deswegen ist das Gericht beschlossene Sache. Eines steht fest: Ein zentrales Thema durch die ganze Bibel ist: Gericht und Errettung. Auf der einen Seite ist das Gericht beschlossen, die Sintflut kommt, aber auf der anderen Seite ist auch Rettung da.

Als ich mit meinen Konfirmanden über das zweite Gebot nach Mose sprach, fragte ich: »Vor welchem Bild von Gott hat man am meisten Angst?« Jeder hatte am meisten Angst vor Gott, dem Richter. Aber wenn Gott nicht der Richter ist, was kann er dann auch nicht sein? Ein Konfirmand meinte darauf: »Er kann dann auch nicht der Retter sein.« Das ist richtig. Wenn Gott nicht der Richter ist, kann er auch nicht der Retter sein. Denn Gott steht in seiner Gerechtigkeit über uns Menschen und unserer Gerechtigkeit. Wenn wir den Richter ablehnen, lehnen wir zugleich den Retter ab, denn beides gehört zu Gottes Gerechtigkeit. Die Waage der Gerechtigkeit, die in Gerichtssälen überall zu sehen ist, geht auf die dritte Vision von Amos zurück, die Waage der Gerechtigkeit. Gott ist der Richter, der aber nicht nur richtet, sondern auch rettet. Von was? Er richtet Sünde, Teufel und Tod, auch in uns. Das bedeutet, daß sein Richteramt auch ein rettendes Amt ist; beide hängen miteinander zusammen.

Auch vor der Wiederkunft Jesu wird es die Geburtsschmerzen, Geburtswehen einer neuen Welt geben. Es wird nicht der Himmel auf Erden sein, daß die Menschen Frieden, mehr Freiheit und Gerechtigkeit bekommen, aber dann wird Jesus als der Vollender kommen.  Der jetzige Friede ist ein Trugfriede, wie der Friede von Cäsar Augustus, Frieden mit dem Schwert und mit falschem Gesetzverständnis wie das römische; es ist ein trügerischer Friede, ein Friede der Unterdrückung, ein Friede, der in einem Land nicht einzieht. Dieses Land heute heißt Israel. Der römische Frieden ist dort nicht eingekehrt. Geburtsschmerzen kommen nicht, weil man nah zu Gottes Reich gekommen ist wie die liberale Theologie und der Positivismus, sondern weil wir in die letzte Tiefe gestürzt sind. Das sagt dieser Text letzten Endes aus. Ein Paralleltext zum Babeisturm, der vor der Berufung Abrahams kommt. Diese Texte haben beide mit dem gleichen Problem zu tun. Interessant hieran ist, daß der Verfall nicht von unten sondern von oben kommt. Es sind nicht die Menschentöchter, die zuerst die gefallenen Engel gelockt haben, sondern die gefallenen Engel gehen zu den Menschentöchtern. Diese verweigern den Zutritt allerdings auch nicht.

Was wir hier haben, ist eine Fortsetzung unseres Verständnisses von Satan. Diese Göttersöhne, diese Engelsgestalten sind gefallene Engel, denn sie fallen hier auf der Erde in Sünde. Es ist eine Fortsetzung des ersten Falls durch Satan. Er fällt vom Himmel weg, denn er will sich an Gottes Stelle setzen. Das wirkt weiter, indem Satan himmlische, gefallene kosmische Kräfte und Mächte in seinen Bann zieht   dann versucht er Adam und Eva. Adam und Eva fangen nicht an, die suchen nicht nach Satan, sondern Satan sucht sie. Er bringt sie zu Fall. Hier sehen wir einen dritten Schritt in diesem Thema, das ist, daß die gefallenen Engel Frauen auf der Erde suchen und eine Vermischung vollziehen, die gegen Gottes Willen und gegen Gottes Gebot ist. Es ist ein unheimliches Thema, aber leider sehr wahr, daß wir es mit unheimlichen Kräften des Bösen zu tun haben, die eine Macht über uns ausüben.

In bezug auf das zweite Gebot fragte ich meine Konfirmanden weiter, wovor sie mehr Angst hätten: vor einem sichtbaren Satan mit Schwanz, Hörnern und Pferdefuß oder vor nichts, etwas, das man nicht sehen, nicht riechen, nicht spüren kann. Die Reaktion war eindeutig. Das nichts macht uns viel mehr angst. Wenn der Satan mit Hörnern, Schwanz und Pferdefuß käme, so könnten wir ihn überwältigen und töten. Wir hätten ihn im Griff, nicht wahr? Das ist der erste Schritt zur Verharmlosung von Satan, ihn zum Teufel, zum sichtbaren Teufel zu machen. Der nächste Schritt ist dann zu sagen, dies sei ein lächerliches Bild, es gäbe keinen Satan. Doch dann hat er eine ungeheure Macht über uns, wenn wir abstreiten, daß er existiert. Auch die Konfirmanden haben sofort gewußt, daß das, was man nicht sehen, nicht riechen und nicht spüren kann, viel unheimlicher ist.

Es muß äußerst unheimlich für Petrus gewesen sein, als Jesus zu ihm sagte »du Satan«, nachdem Petrus Jesu Leiden verneint hatte. Wir haben es mit einem ungeheuer mächtigen Gegner zu tun, ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht. Dieser Gegner, und das ist das Interessante hier, steckt in uns, kommt zu uns und ist um uns. Das ist es, was dieser Text deutlich zeigt. Satan ist ein kosmischer Engel. Er hat Macht, die metaphysische Macht des Bösen. Er ist eine Person mit einer unheimlichen Ausstrahlung des Bösen. Seine Zielsetzung ist Vernichtung und Zerstörung. Wohl kommt er mit Mächten und Kräften von oben, aber er findet eine Entsprechung in uns.

Glaubt ihr, daß, als David Batseba baden sieht, Batseba unschuldig ist an diesem Prozeß? Nein, das glaube ich nicht. Sie weiß sicher genau, daß der König da ist und daß sie hübsch ist und daß der König sie sehen wird … sie ist also nicht unschuldig. Glaubt ihr, daß die Menschentöchter hier unschuldig sind? Ich denke nicht, denn sie könnten sich wehren, sie könnten nein sagen. Sie sagen aber nicht nein. Sie lassen sich mit Mächten und Kräften ein, die uns nicht gehören (bestimmt nicht nur im Geschlechtsbereich). Dies ist typisch für das Alte Testament (nicht nur geistlich, sondern auch fleischlich): Leib, Geist und Seele sind eine unzertrennliche Einheit in der Bibel. Da ist auch der Hintergrund, warum ein Jude unrein wird, wenn er Schweinefleisch oder Fleisch von Tieren, das nicht koscher ist, zu sich nimmt. Es ist für ihn unmöglich, nicht weil sein Bauch besudelt sein würde, sondern weil sein Geist und seine Seele besudelt wären. Leib, Geist und Seele   er bekäme keine Bauchschmerzen davon, aber sein ganzes Wesen wäre besudelt. Hier geht es bis ins Fleisch hinein, geschlechtlich bis ins Fleisch hinein, das bedeutet, hier vollzieht sich eine Besudelung des ganzen Wesens. Der Verfall kommt von oben, aber dieser Verfall kommt auch zugleich von unten. Denn was von oben kommt, könnte keine Macht über uns haben, wenn wir nicht einwilligten. Jesus betitelte Petrus mit »Satan« oder auch sein eigenes Volk mit »Kinder des Teufels und nicht Abrahams«. Dies ist genau die gleiche Aussage. Sie bedeutet, daß die Macht Satans in uns selbst ist. Man denke nur an die Zeit von Hitler oder Stalin, und man sieht, was für ungeheure satanische Mächte und Kräfte es gibt! Wer Satan verneint, gibt ihm eine noch viel größere Macht. Wenn wir die Existenz Satans verneinen, erlauben wir ihm einen absoluten Freiraum.

Camus sagt am Anfang von »Die Pest«: Das Böse wird kommen, niemand weiß, wann oder wo, aber es nimmt immer eine andere Form an (die Verwandelbarkeit von Satan ist eine biblische Aussage); und nachher werden die Historiker kommen und klug sagen: Jetzt verstehen wir, warum es so war, und wir können alles erklären. Aber das hilft niemand, denn nächstes Mal wird Satan ganz anders kommen, und wir werden genauso unvorbereitet sein. Das ist die Verwandelbarkeit Satans.

Wie ist es hier in Deutschland? Die Entwicklung geht von extremer Überstrenge bis zum moralischen, ethischen Verfall, genau zum Entgegengesetzten, obwohl man auch bei Hitler in einer gewissen Weise vom moralischen und ethischen Verfall sprechen kann. Ein berühmter Oxford Historiker sagte einmal: »Der Mensch geht immer von einem Übel in das andere Übel.« Diese Feststellung ist richtig, denn das ist satanisch, ist die Verwandelbarkeit Satans.

Was steckt hinter dieser ganzen Sache? Ein Thema, das gesamtbiblisch ist und schon mit der Schöpfung anfängt: Abgrenzung in der Schöpfung zwischen Menschsein und dem, was über dem Menschen ist, was Gott gehört. Eine Bescheidenheit in bezug auf Gott, zu seiner Macht und Kraft, und auch in bezug auf Satan und seiner Macht und Kraft ist nötig. Hier wird für die Menschen eine deutliche Grenze gesetzt. Der Baum des Lebens und der Erkenntnis ist tabu. Das bedeutet, daß das Leben Gott gehört, er gibt das Leben, und er herrscht über Leben und ewiges Leben.

Was ist dann Erkenntnis? Wir besitzen Wahrheit und Leben nicht selbst. Diese Kräfte sind von Gott gegeben und werden auch von ihm genommen. Darunter fallen für mich auch Abtreibung und alle möglichen anderen Themen. Leben und Tod sind Dinge, die ihm gehören und nicht uns. Diese Grenze zum Paradies ist eine deutliche Grenze, die dann in der Grenze zwischen Himmel und Erde übernommen wurde. Sie ist eine Raumgrenze sowie eine Geistgrenze. Denn der Himmel ist da, wo Gott ist. Gott ist eigentlich überall. Aber das, wo Gott und seine Himmelsherrschaft ist, ist unerreichbar für uns. Deswegen stellen wir uns das in einer absolut entfernten Art und Weise vor. Ein sowjetischer Astronaut sagte einmal, wohl sei er im Weltraum gewesen, aber Gott wäre er nicht begegnet. Doch so finden wir den Himmel nicht. Himmel ist, was entfernt ist von uns, was für uns nicht erreichbar ist.

In unserem Text geschieht eine Überschreitung dieser Grenze, aber sie vollzieht sich vom Himmel auf die Erde. Die gefallenen Engel, wie Satan, kommen auf die Erde und besudeln sie. Aber der Mensch nimmt diese Besudelung an. Er hat sie nicht erstrebt, doch nimmt er sie an. Deswegen ist die Grenze überschritten worden.

Wir haben in unserem Haus eine Lithographie von Israels größtem Maler, Mordechai Ardon, der eigentlich vom Chassidismus und der Kabbala beeinflußt ist. Diese Lithographie hat mit der Leiter Jakobs zu tun. Es ist genau das gleiche Thema. Die Engel kommen herunter und gehen wieder hinauf. Das bedeutet, daß sie die Grenze zwischen dem, was himmlisch ist im Raum wie im Geist, und dem, was uns gehört, überwinden. Denn Gott antwortet auf die Besudelung, die von den gefallenen Engeln und Satan durch die Überschreitung dieser Grenze zwischen der Engelwelt, Gottes Welt, und unserer Welt stattfand, indem er selbst, der Allmächtige, der über alle Engel herrscht, zu uns kommt. Zuerst vorgedeutet durch die Engel, dann erfüllt zu Weihnachten, als Jesus Christus hier auf die Erde kam. Gott antwortet auf diese Besudelung, auf dieses Verlorensein, indem er selbst aus dem kosmischen Bereich, aus seinem Herrschaftsort herunterkommt und uns Frieden, Leben und Wahrheit schenkt. Denn Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben selbst und damit eine Antwort auf dieses Problem der zwei Bäume, der Grenze zwischen uns.

Von Memling, einem spätmittelalterlichen Maler gibt es ein Bild, das von der Geburt Jesu handelt. Es sind zwei offene Fenster und zwei Bäume zu sehen. Mir ist sehr klar, was diese zwei Bäu¬me bedeuten: Leben und Erkenntnis. Dieser Bereich ist zu uns gekommen, weil wir nicht in diesen Bereich kommen können, weil die gefallenen Engel aus diesem Bereich zu uns gekommen sind und uns endgültig   so dachten sie   besudelt haben. Das ist es, was hier vorgeht. Die Überschreitung des Bereichs, der den Menschen gehört, durch verfallene Kräfte, die uns überwinden, weil wir selbst verfallen sind. Das ist der letzte Schritt, bevor Gott dann diese Welt vernichtet. Denn mit der Sintflut vernichtete er diese Welt. Helden oder Heiden, wie man es ausdrücken will, werden vernichtet. Hier geschieht eine Besudelung, die im höchsten Grad unerträglich ist, weil die Grenzen jetzt fließend zwischen kosmischer Welt und menschlicher Weit sind. Heute haben wir Esoterik und Okkultismus, die eigentlich genau das gleiche beinhalten. Am Ende der Tage, wenn die Grenze zwischen den Mächten und Bereichen des Kosmos und dem menschlichen Bereich nicht mehr klar gezogen ist.

Doch zurück zu unserem Text: Als Folge der Übertretung wurde das Lebensalter plötzlich auf 120 Jahre begrenzt. Wie lange haben die anderen gelebt? Methusalem fast 1000 Jahre (969 Jahre, niemand sonst hat so lange gelebt), Noah war gerade 500 Jahre alt. Luther sagte, je weiter man von der Schöpfung entfernt sei und damit von der Kraft der Schöpfung, von der Lebenskraft, desto kürzer würde das Leben. Wenn wirkliche Vermengung zwischen den kosmischen und den menschlichen Wesen stattfände, würde logischerweise die Lebenserwartung viel höher sein. Die Engel sind zuerst unsterbliche Wesen. Logischerweise müßten die Menschen dann Tausende von Jahren leben, aber genau das Gegenteil ist passiert.

Auch hier unterliegen Menschen wieder einer Täuschung. Die Frauen in ihrem Kontakt mit diesen himmlischen Wesen glaubten vielleicht, sie bekämen etwas äußerst Besonderes, Helden, oder was man will   aber sie starben nach 120 Jahren. Im Vergleich mit 900 bedeutet es, daß die Lebenserwartung nur noch etwa 15 Prozent der ursprünglichen betrug. Hat nicht Satan genau die gleiche Täuschung vollbracht? Ihr werdet so wie Gott sein. Ihr werdet Macht über die Erkenntnis, über das Leben haben. Aber was bekommen die Menschen? Nicht längeres Leben, die Ewigkeit im Paradies, sondern das Todesurteil.

Es ist eine gewaltige Selbsttäuschung, denn wenn wir uns mit Mächten und Kräften, die uns nicht gehören, vermengen, kann die Auswirkung nur negativ und nie positiv sein. Das fängt mit Satan an, mit seiner Selbsttäuschung. Diese Frauen haben bestimmt ge¬dacht, daß sie einen großen Fang gemacht haben, nicht wahr, sie haben Kontakt mit Engelwesen gehabt. Aber es war der Weg zur Verdorbenheit, der Weg zur Sintflut, der Weg zur Zerstörung. Das zeigt sich zuerst in der eingeschränkten Lebenserwartung, dann in der Sintflut selbst. Die gefallenen Engel kamen vom Himmel, und Gott zerstörte ihre fortgepflanzte Welt vom Himmel aus mit Regen. Gerade im Anschluß an diesen Text kommt die Sintflut. Vom Himmel kommen die gefallenen Engel mit ihrer totalen negativen Auswirkung. Hier auf Erden geschieht einfach eine Überflutung des Bösen, die Vermengung von Dingen, die einander nicht gehören. Das wäre ungefähr auf der gleichen Stufe, wie wenn Menschen Geschlechtsverkehr mit Tieren haben. Sie gehören zwei total verschiedenen Bereichen an.

Wie antwortet Gott auf diese ungeheure Verfehlung? Indem er gerade von dem gleichen Ort, vom Himmel aus, Regen schickt: 40 Tage und Nächte, um alles zu zerstören, was vom Himmel gekommen ist.   Aber später schickt er Engel mit der Leiter zu Jakob, zu dem Verheißungsträger, der Israel heißen wird; zu Weihnachten schickte er dann Jesus Christus. Wenn dieser wiederkommt, wird er sein Tausendjähriges Friedensreich hier auf Erden aufrichten. Die gefallenen Engel haben nicht das letzte Wort, denn Christus herrscht über alle Engelgestalten (das steht übrigens an mehreren Stellen im Neuen Testament).

Interessant ist hier die Rolle der Riesen. Die Juden sind traditionell klein. Ich selbst komme bei diesem Thema in Verlegenheit. Bei einem Vortrag in Hessen über David und Goliat ging ich, um meine Hände zu waschen. Da kam mir ein Riese entgegen (ca. 2,06 m). Ich sagte: »Grüß Gott, Goliat«. Darauf meinte er jedoch, er würde lieber David heißen.

Aber »Riesen« sind auch ein gesamtbiblisches Thema. Was für eine Rolle spielen diese Riesen in der Bibel? Sind sie positiv oder negativ? Als die Israelis zum verheißenen Land kamen, wollten sie es nicht einnehmen, weil sie fürchteten, gegen die Riesen im Land nicht bestehen zu können. Die Enakiter waren echte Riesen, wenn auch für einen Juden fast jeder ein Riese ist. Als ich in die Schule ging, war ich der Kleinste in der Klasse. Doch meine Mutter sagte mir, ein Jude kämpfe nie mit der Faust, sondern nur mit der Feder (deswegen schreibe ich so viele Bücher). Also mußte ich vor den Großen davonlaufen. Ich durfte ja nicht kämpfen (ich bin dann sehr schnell geworden).

Dieses Thema »Riesen« entwickelt sich jedoch weiter. Es gab einen Riesen, mit dem es wirklich um einen entscheidenden Kampf ging. Der Kampf Goliat (2,55 m, und stark wie ein Baum) gegen David (der kleine David, nach dem ich genannt bin). Der Ausgang des Kampfes würde die Herrschaft des einen über das andere Volk festlegen. Später gab es noch einen Kampf zwischen einem gefallenen Engel und einem, der die Wahrheit und das Leben ist, Jesus Christus. Auch da ging es um Herrschaft. Satan ist ein Riese in seiner Ausstrahlung und seiner Wirkung. Er stellt Jesus auf die Zinne des Tempels und sagt: »Diese ganze Welt gehört mir.« (Sie gehörte ihm zu dieser Zeit auch.) Aber Jesus widerstand diesem Riesen, wie David auch gegen Goliat gewonnen hat.

Diese physische Kraft der Helden spielte auch in Israel einmal eine zentrale Rolle: Simson. Doch da wird die Macht im göttlichen Sinne benutzt, bis diese erste Friseuse in der Bibel kam, Delila, die ihm die Haare kurz geschnitten hat. Solange er das Geheimnis seiner Kraft nicht verriet, ging alles gut; doch dann stürzte er.

Auch die Standartenführer Hitlers waren alle sehr groß und stark   anscheinend geborene Helden. Das Thema Heldentum ist auch eine endzeitliche Erscheinung. Es bedeutet äußerliche Macht und Kraft.

Der Bezug dieses Textes auf unsere heutige Zeit ist, daß wir ganz bewußt wissen sollten, uns sind Grenzen gesetzt. Der Anfang der Weisheit ist Gottesfurcht! Der Anfang der Weisheit ist die Erkenntnis dessen, was wir sind und der Grenzen, die uns gegeben sind. Jedesmal, wenn wir diese Grenze überschreiten, folgt das Gericht. Der englische Dichter Wordsworth (er lebte Ende des 18. Jahrhunderts zu Beginn der Industrialisierung) verfaßte ein Gedicht, in dem er beschreibt, wie das ganze Land durch die Industrialisierung besudelt wird. Niemand hat das damals geglaubt. Aber es ist wahr geworden. Wir sind die Herren der Welt. Wir wollen alles in unsere eigenen Hände nehmen. Die gleiche Problematik sehen wir auch in der Französischen Revolution. Die Menschen glaubten an die menschliche Vernunft. Doch wie endete die Französische Revolution? In einem Blutbad. Das gleiche geschieht im Kommunismus: Gott ist tot, wir bauen einen Himmel hier auf Erden. Alles wird diesseitig, nicht jenseitig. Aber dieser Himmel auf Erden ist inzwischen absolut bankrott. Das ist ein Thema, das wir ständig vor Augen haben, nicht nur in der allgemeinen Geschichte, sondem auch in der persönlichen. Die Bibel sagt uns ständig, daß, wer sich selbst erhöht, emiedrigt wird. Die Helden, die Großen (hier geht es jetzt nicht um physische Größe, sondern wer sich für etwas Besonderes hält), wer sich über andere erhebt, wird erniedrigt. Aber wer sich vor dem Herrn erniedrigt, der wird erhöht. Dies bedeutet ein Ruf zur Bescheidenheit, zu einer Kenntnis der Grenze zwischen uns und Gott.

Der moderne Mensch sagt: »Ich werde urteilen, ob es Gott gibt.« Aber sollte sein Urteilsvermögen in der Lage sein, zu beurteilen, ob es Gott gibt? Wenn der Mensch in der Lage wäre, das zu beurteilen, dann müßte er die Welt erschaffen können (wie Gott zu Hiob sagte), er müßte uns von Schuld erlösen, er müßte Liebe schaffen können, er müßte eine Antwort auf den Tod haben. Wenn die menschliche Vernunft der Maßstab aller Dinge ist, dann sind wir alle hinfällig, denn die menschliche Vernunft gibt keine Antwort auf den Tod.

Ich habe bei einer Beerdigung noch nie erlebt, daß, wenn der Sarg niedergelassen wurde und der Gesang aufhörte, der Sarg dann plötzlich aufging, der Tote heraufkletterte und mir die Hand gab und sagte: »Herr Pfarrer, nicht schlecht die Predigt, nächstes Mal machen Sie es besser!« Nein, so etwas gibt es nicht unter uns. Der Tod hat Allmacht über uns, über unseren Verstand. Wir glauben, daß unser Verstand so klug ist. Wie hat Claudius das ausgedrückt? »Wir eitlen Menschenkinder … «, ja, wir haben unsere klugen Gedanken. Aber wohin bringt uns dieser Verstand, wenn wir über Gott urteilen? Wir können kein Leben schaffen, wir können die Grundlage des Lebens nicht schaffen, wir können keine Antwort auf Leiden und auf Tod geben. Wenn der Mensch und der menschliche Verstand der Maßstab aller Dinge ist, dann verherrlichen wir den Tod. Wer an die Vernunft glaubt, an die menschliche Vernunft, der verherrlicht den Tod. Denn der Tod verschlingt die ganze Vernunft und unser ganzes Leben dazu.

Dieser Text ist ein Ruf zur Bescheidenheit, zu einer Kenntnis, wer Gott und wer der Mensch ist. Dieses Problem ist auch sehr deutlich in unserer kirchlichen Entwicklung zu sehen. In der modernen Theologie wird Jesus immer mehr zum Menschen herunterstilisiert, und die Göttlichkeit Jesu wird immer geringer gemacht   gegen uns.f Denn Jesu Göttlichkeit rettet uns, nicht seine Menschlichkeit, seine Göttlichkeit, daß er Gott ist, daß er Macht über den Tod hat, daß er uns aus dem Tod erretten kann.

Der am besten besuchte Gottesdienst ist der am Heiligen Abend. Warum? Der süße, liebliche Jesus, der in der Krippe lag, ist verharmlost. Ein verharmloster Gott, über den wir herrschen können (oder zumindest meinen wir das). Natürlich, iin Mittelalter, zur Reformationszeit dagegen waren auf Bildern von Jesus als Kind, als Säugling öfters Zeichen seines Kreuzes dabei: Ent¬weder ein Kreuz bei dem Stall oder Jesus, der mit dem Lamm spielt, oder man sieht Blut an einem Teil seines Körpers; fast immer sieht man das Gesicht eines Erwachsenen, manchmal sogar weinende Augen.

Gott ist zu uns gekommen, weil er der Allmächtige ist, und er ist zurück zur Rechten des Vaters gegangen. Er ist der, der zu uns kommt. Aber wenn wir ihn hier auf Erden halten, wie wir ihn haben wollen, den Himmlischen, dann vermengen wir die Grenze zwischen Menschheit und Gottheit, genauso wie die gefallenen Engel, indem sie Kontakt mit Menschentöchtem hatten. Eine Vermengung der Grenze des Menschseins, eine Überschreitung dieser Grenze, indem wir Gott vom Himmel in unserem eigenen Sinn herunterholen. »Wir werden entscheiden, ob er Gott ist. Wir werden entscheiden, ob die Bibel recht hat. Wir richten Gott, nicht Gott richtet uns.«

Auch der Babelsturm, der direkt vor dem Alten Bund, vor der Berufung Abrahams (l. Mose 11; 12) steht, zielt in die gleiche Richtung: der Versuch, in den Himmel zu gelangen, um Gott zu entmächtigen, indem sich der Mensch an Gottes Stelle setzt. Genau wie Adam und Eva.

Alle diese Texte gehen um die Kenntnis der Grenze des Menschseins. Es ist sehr bedeutungsvoll, daß die größten Naturwissenschaftler in unserem Jahrhundert zutiefst demütig, bescheiden und gläubig waren, ob Einstein, Heisenberg oder Planck. Die drei herausragenden Physiker unseres Jahrhunderts waren alle gläubige Menschen, sie waren alle zutiefst demütig. Eines Tages landete eine kleine Fliege auf den Papieren Einsteins. Der zerstreute Einstein sah die Fliege und sagte: »Kleine Fliege, wer hinter dir steckt, der ist soviel größer und soviel tiefer als alle meine Gedanken.« Heisenberg, der große evangelische Christ, der letzte wirklich große deutsche Wissenschaftler von Jahrhundertformat, ließ sich in München zu dem Text »Die Engel werden mich tragen« beerdigen. Die Engel werden mich tragen   eine Bejahung von Gottes Himmel und von den Engeln als Boten Gottes, nicht die gefallenen, sondern die guten Engel. Auch Planck war von gleicher Bescheidenheit geprägt.

Die Erkenntnis, es mit einem Universum, mit einem Geheimnis in der Schöpfung zu tun zu haben, die nur von einer göttlichen Ebene kommen kann, macht demütig. Deshalb sollten wir Christen auch nicht immer über Gottes Himmelreich spekulieren. Das ist gefährlich, denn die Spekulationen sind letzten Endes immer falsch. Warum? Weil wir sündige Menschen sind, Gott aber ist vollkommen und rein. Jeder Gedanke, die ein sündiger Mensch über Dinge hat, die ihm nicht gehören (wie das Himmelreich), besudelt diese Dinge. Wir können Gottes Himmelreich nicht begreifen; auch Gott können wir nicht begreifen, denn Gott ist Gott, aber wir sind nur kleine und sündige Menschen. Jeder Versuch, sein Himmelreich wahrzunehmen, ist eine Besudelung dieses Himmelreiches, ein Herunterziehen dessen, was göttlich, was ohne Sünde ist, auf mein sündiges Niveau.

Dieser Text ruft nach einer Grund Bescheidenheit. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller Weisheit, daß wir uns auf Gottes Bestimmung, unter Gottes Wege stellen. So weit ging es in der Urgeschichte: Vom Sündenfall, der Gottesentfernung zum Brudermord (Kain und Abel), über Massenmord (Lamech) bis hin zur endgültigen Überschreitung der Grenzen: die Grenze des Bösen, die himmlischen Kräfte des Bösen, die zu uns kommen, weil wir selbst verfallen sind.

Aber es gibt noch eine andere Grenze. Zum Beispiel die des Spiritismus. Wir dürfen keine Verbindung zu dieser Welt aufnehmen, nicht versuchen, mit den Toten in Kontakt zu kommen. Der Tod ist hier die Grenze, denn Leben und Tod gehören Gott und nicht uns. Der Gott des Lebens ist zugleich der Gott des Todes. Jeder Versuch, diese Grenze zu überschreiten, führt zu einer absoluten Besudelung. Diese Grenzüberschreitung wird heute jedoch oft praktiziert. Okkultismus und Spiritismus sind leider im Vormarsch. Aufklärung tut not, aber zugleich ist es gefährlich, zu viel über Okkultismus, über Satan und seine Macht zu sprechen, denn Menschen lassen sich davon auch leicht faszinieren. Wir sind dazu da, Christus und seine Macht sowie seine Liebe und Barmherzigkeit zu verkündigen.

Wir sind schwach; deshalb dürfen wir diese Mächte und Kräfte nicht unterschätzen. Mein Vetter war zugleich ein enger Freund von mir. Er, ein junger Jurist, 29 Jahre alt, glaubte, stark zu sein, und nahm (ohne mein Wissen) zunächst Marihuana, dann LSD. Doch das Rauschgift war stärker. Die durch das LSD verursachten Depressionen führten zu seinem Selbstmord.

Dies sind Machtkämpfe, auf die wir uns nicht einlassen sollten, weil wir sie verlieren werden. Nur mit unserem Helden, Jesus Christus, der alle Macht hat, können wir stark sein (wenn wir uns unter seine Kraft stellen). Jesus steht über den Himmelskräften, ob gute oder schlechte. Auch heute gibt es noch Engel, denn die »richtigen« Engel sind Gottes Boten. Wir werden sie sehen, wenn wir bis ans Ende ausharren und in sein Himmelreich kommen. »Sichtbar« werden diese Engel in manchen Zeitungsmeldungen: Ein Kind fällt aus dem dritten Stockwerk auf den Asphalt und ist nicht verletzt. Viele Ärzte, die nicht an Gott glauben, geben eine Erklärung, die jedoch nicht haltbar ist: Weil das Kind keine Angst hatte, verletzte es sich bei dem Fall nicht. Ich würde keinem empfehlen, sich aus dem dritten Stockwerk herunterfallen zu lassen in dem Vertrauen darauf, daß ihn ein Engel schon halten wird. Man kann so eine Sache nicht herausfordern.

Die New Age Bewegung verfolgt dieselben Ziele. Der Mensch versucht mit anderen »Welten« Kontakt aufzunehmen. Der sündige, verfallene Mensch versucht, sich einen sünd  und schuldlosen Freiraum zu schaffen.

Aber auch auf Baal, den Götzen der Lust und der Fruchtbarkeit, wird hier im Text Bezugenommen. Er ist ebenso ein Götze unserer Zeit, der Götze des Sex, der Pornographie, des Rauschgifts und Alkohols.

In unserem Text ist Noah die Antwort auf die schlimmen Zustände der damaligen Welt. Es war sicher keine leichte Welt, in der er lebte. Überall »Helden«, Riesen und gefallene Engel. Die endzeitliche Welt weist sicher gewisse Ähnlichkeiten auf. Doch Noahs Antwort ist schlicht und einfach: Er gehorchte dem Herrn. Noah wußte, daß seine damalige Welt nicht mehr zu retten war. So baute er eine Gemeinde, seine Arche   »ein Schiff das sich Gemeinde nennt«  um diese Welt nach Gottes Verheißung zu retten. Er gehorchte Gott. Gott war der Steuermann, er brachte diese Arche durch die ganze Zerstörung zu einer neuen Welt.

Fortsetzung folgt.

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