Gewaltbereitschaft bei Kindern

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Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen – Ursachen und Abhilfen

von Sonja van Biezen, Psychologin    –     Aus Nr.18 vom 28.4.2008, Zeit-Fragen

 

Es steht außer Frage: Gewalttaten, die von Jugendlichen ausgehen, haben zugenommen, und ausländische Jugendliche sind zu einem unverhältnismäßig hohen Prozentsatz daran beteiligt. Doch politische Vorstöße, dieser zunehmenden Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen mit der Verschärfung des Strafrechtes und der Änderung der Einbürgerungspraxis bis hin zur Ausweisung ganzer Familien zu begegnen, sind verfehlt.

 

Sie führen an den eigentlichen Problemen der heutigen Zeit vorbei und setzen zu spät an. Darüber hinaus schaffen sie eine Stimmung des Misstrauens gegenüber ganzen Bevölkerungsgruppen und führen weg von einer wirkungsvollen Präventions- und Integrationsarbeit, die in den Elternhäusern aller Kulturen und in den Schulen konsequent und bewusst in den kindlichen Alltag eingebunden werden muss. Die vielschichtigen Ursachen der Gewaltbereitschaft junger Menschen sollen im folgenden Artikel beleuchtet werden.

Viele Eltern, Lehrer und andere Erwachsene machen sich große Sorgen ob der Zunahme an Gewalttaten von Jugendlichen und Kindern. Mobbing an den Schulen, verbale Gewalt, Schlägereien, Sachbeschädigungen, Vergewaltigungen bis hin zur brutalen Kriminalität. Ansätze für solche Gewaltbereitschaft – und zwar in allen gesellschaftlichen Schichten – sind, wie Fachleute warnen, bereits in den Kindergärten zu beobachten. Neu hinzugekommen ist in letzter Zeit, dass die Taten brutaler werden, dass zum Beispiel Opfer noch weiter geschlagen und getreten werden, wenn diese bereits wehrlos am Boden liegen. Das Phänomen der steigenden Gewaltbereitschaft einseitig fehlenden Werten oder der mangelhaften Integration der ausländischen Bevölkerung anzulasten, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Die Ursachen sind vielschichtiger und sind es wert, genauer studiert zu werden. Der folgende Artikel wird den Fragen nachgehen, was sich in den Kinderstuben der westlichen Welt abspielt und auch in denen der ausländischen Familien, die sich in unserem Land niederlassen.

Entwicklungsstörungen durch Fernsehkonsum

Zahlreiche Untersuchungen haben eindeutig gezeigt: Zuviel Fernsehen wirkt sich negativ auf die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit, insbesondere des Gemeinschaftssinns, aus.

Die meisten Kinder und Jugendlichen wachsen heute von frühestem Alter an mit Fernsehen, Spielkonsole und Handy auf. Bereits im Babyalter werden die Säuglinge vor den Fernseher gesetzt, teils weil die Eltern selber oft fernsehen und teils weil die berufstätigen Mütter und Väter manchmal einfach froh sind, wenn sie einmal ihre Ruhe haben. Neuerdings gibt es schon für die Kleinsten Computer mit farbiger Tastatur und «Lernprogrammen mit Namen wie «Baby Einstein» und ähnliches. Das Medium Fernsehen ist schon seit einigen Jahrzehnten in unser Leben vollständig integriert wie andere tägliche Verrichtungen. Vielen Eltern ist aber gar nicht bekannt, welche Auswirkungen häufiger Fernsehkonsum auf die Entwicklung des Kindes hat. Bereits im Kleinkindalter sind die Kinder ständigen optischen und akustischen Reizen ausgesetzt, die sie noch nicht verarbeiten können. Untersuchungen zeigen, dass dadurch die Gehirn- und Sprachentwicklung nicht zum Positiven beeinflusst und gar beeinträchtigt wird. Die für die seelische Entwicklung dringend notwendige persönliche Ansprache und Zuwendung von Mutter und Vater wird durch das Medium allein schon zeitlich drastisch eingeschränkt.

Eine über 10 Jahre laufende englische Studie hat nachgewiesen, dass Fernsehkonsum im Kleinkindalter zu erheblichen Sprachstörungen führen kann. (Vgl. Glogauer, «Die neuen Medien verändern die Kindheit», S. 13)

Unterschätzte familiäre Gemeinsamkeiten

Natürlichen gemeinsamen familiären Tätigkeiten wie Vorlesen, Erzählen, Spielen oder Wandern werden von den Eltern zuwenig Bedeutung beigemessen, sie fallen durch den häufigen Fernsehkonsum oft ganz weg oder kommen zu kurz. Diese familiären Gemeinsamkeiten sind es aber, die ein Kind mit anderen Menschen – zunächst die Familie, später die erweiterte Gemeinschaft der Gleichaltrigen, Nachbarn usw. – verbinden und die kindliche Persönlichkeit stärken. Gemeinschaftsfördernde Aktivitäten sind wichtig für die Heranbildung des kindlichen Gemeinschaftssinns, welchen es in der Schule und im weiteren Leben braucht.

Nachahmung und Lernen am Modell

 Kinder lernen gewalttätige Verhaltensmuster vom Fernsehen, von Video- und Computerspielen: Zu wenige Eltern sind darüber informiert, dass Kinder bereits ab dem 14. Lebensmonat vom Geschehen im Fernsehen lernen. Seit den Untersuchungen von Albert Bandura in den 60er Jahren ist bekannt, dass unsere Kinder durch Abschauen und Nachahmen lernen. Positive Bestätigung – der coole Revolverheld zum Beispiel bekommt zum Schluss eine hübsche Frau – verstärkt den Lerneffekt. Erschreckend dabei ist, dass in den vergangenen 3 Jahrzehnten die Darstellung von Gewalttaten drastisch zugenommen hat. Bis die Kinder in die Schule kommen, haben sie allein im Fernsehen bereits unzählige Gewaltdarstellungen und Morde gesehen.

Der amerikanische Militärpsychologe Lt. Col. Dave Grossmann belegt dies in seinem Buch «Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?» am Beispiel von Computerspielen, in denen Treffer auf Menschen (!) mit Punkten belohnt werden. Dave Grossmann macht auf die Perversion aufmerksam. dass unsere Gesellschaft heute ihren Jugendlichen und Kindern Videospiele anbietet, die ursprünglich für die Ausbildung junger Soldaten entwickelt wurden und diesen die Tötungshemmung nehmen sollten.

Emotional absorbiert statt ruhig und konzentriert

Natürlich hat häufiger Fernsehkonsum der Kinder und Jugendlichen auch Auswirkungen auf das schulische Lernen. Gerade schwächere Schüler sind leicht beeindruckbar und lassen sich durch Gewaltfilme und -spiele vom Lernen ablenken. Die für das Lernen notwendigen Eigenschaften wie Geduld und Ausdauer können durch ständige Ablenkung nicht entwickelt und gefestigt werden. Wenn die kindliche Aufmerksamkeit häufig durch aufregende und Angst einflössende Vorgänge im Fernsehen abgelenkt wird, fehlt die Ruhe, sich geduldig in anspruchsvollere Wissensgebiete einzuarbeiten und sich um das Verständnis von komplexeren Zusammenhängen zu bemühen.

Kinder sollten aber mit zunehmendem Alter in ihrer Persönlichkeitsentwicklung in die Lage kommen, den Spannungszustand von Aufgabenstellung und sich nicht sofort einstellendem Erfolg auszuhalten. Denn gerade die Entwicklung dieser Fähigkeit ist es, die es später den erwachsenen Menschen ermöglicht, schwierigere und nicht immer sofort lösbare Lebensaufgaben mit Geduld und Ruhe anzupacken und zu bewältigen.

Abbau von Hemmschwellen und emotionale Fehlorientierung

Auch die jüngsten Computer- oder Handybesitzer werden heute – teilweise ungewollt – von perversen Porno- und Gewaltdarstellungen überflutet. Das Gefühlsleben, das in den ersten Kindheitsjahren im Zusammenleben in der Familie mit Eltern und Geschwister entsteht, wird nicht nur durch den Mangel an gemeinschaftsbildenden Erlebnissen verarmen und verkümmern. Es werden so auch Werte und Tugenden wie Mitmenschlichkeit, Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme und gegenseitige Hilfe durch den häufigen Konsum von Mediengewalt verdrängt und nicht eingeübt. Es entsteht schon beim Kind eine Bewunderung von gewalttätigem Verhalten. Videospiele, durch die unsere Kinder mit dem Quälen und Töten anderer Menschen konfrontiert werden, können ohne große Mühe erstanden werden. Die Inhalte sind geeignet, sämtliche Hemmschwellen, einem anderen Menschen weh zu tun, abzubauen. Die allen Menschen eigene positive Ausrichtung auf die Mitmenschen wird auf diese Weise pervertiert und orientiert sich an unsozialen Eigenschaften, wie Gefühllosigkeit und Coolness, bis hin zur Brutalität.

Zurichtung für die globalisierte Wirtschaft durch Amerikanisierung des Lebensstils

In der westlichen Welt findet seit Jahrzehnten die Auflösung der Familienstrukturen und die Zersetzung sämtlicher kultureller Werte mit Hilfe der bereits erwähnten Medien statt. Dies geht europaweit einher mit der Übernahme des amerikanischen «way of life»: Kleidung, Ernährung, Spielzeuge und Freizeitgestaltung bis hin zu Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen orientieren sich am amerikanischen Vorbild. Erziehung, Bildung und Berufswelt der Eltern werden dominiert von den Spielregeln der Globalisierung, d. h. der modernen Kriegswirtschaft, bei der sie wohl oder übel mitmachen müssen. Väter müssen mit ihren Familien dorthin ziehen, wo es Arbeitsplätze gibt. Frauen und Müttern bleibt oft nicht viel Zeit und Ruhe für die Erziehung ihrer Kinder. Sie sind gezwungen, auch zu arbeiten und die Kinder in Krippen und Tagesstätten unterzubringen. Die Zunahme an gewalttätigem Verhalten kann deshalb auch nicht allein individuellem elterlichem Versagen zugeordnet werden. Mütter und Väter sind selber auch Betroffene der heutigen Zeit.

Schwächung der Familiengemeinschaft

Durch die seit 60 Jahren vorherrschenden falschen Theorien über die Erziehung der Kinder ist in der westlichen Welt ein Mangel an führender und Orientierung gebender Erziehung zu beobachten. Durch die Verunsicherung der Eltern in der Erziehungsaufgabe haben Kinder und Jugendliche oft nicht mehr den notwendigen inneren Halt durch eine feste Familienstruktur, den sie für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung bräuchten. Eltern sind nicht selten hin und her gerissen zwischen Nicht-mehr-autoritär-sein-Wollen und der Versuchung, den Kindern in allen Wünschen und Bedürfnissen nachzugeben.

Verunsicherte Eltern

Die Kinder sagen, was sie wollen, sie geben den Ton an. Manchmal steht die Welt auf dem Kopf. Eltern verhalten sich wie Geschwister oder Kumpel ihren Kindern gegenüber. Anstatt der jungen Generation Halt und Orientierung zu geben, sie auf die Gefahren der heutigen Gesellschaft hinzuweisen und ihnen zu zeigen, wie man als ehrlicher Mensch und unbeschadet von den zersetzenden Einflüssen der Medien den Weg ins Erwachsenenleben findet, wollen es viele Eltern und Lehrer ihren Kindern recht machen. Die Heranwachsenden brauchen aber den Schutz der Eltern, Großeltern und Lehrer. Sie brauchen Rückhalt und Begleitung von den Vorbildern der älteren, an Lebenserfahrung gereiften Generationen. Eltern und Lehrer sollen diese Aufgaben wieder ausfüllen. Sie sollen die Kinder und Jugendlichen wieder erziehen und anleiten und sie nicht einfach gewähren lassen und achselzuckend zuschauen, wie sich ihre Kinder die «Welt erobern».

Folgen der realen Kriege

Kriege in anderen Teilen der Welt führen zu Hoffnungslosigkeit, Hunger und Vertreibung. Der Tagespresse können wir entnehmen, dass die humanitäre Situation in den zahlreichen Kriegsgebieten immer prekärer wird. Im Irak wird eine große Anzahl von Menschen gezwungen sein, das Heimatland zu verlassen. Die Uno hat bereits um Hilfe der Völkergemeinschaft gebeten. Die Iraker sind die zweitgrößte Menschengruppe neben den Serben, die aus kriegsbedingten Gründen ihre Länder verlassen müssen und bei uns in der Schweiz um Asyl nachsuchen. Diese Menschen müssen oder wollen ihre Heimat verlassen, weil der Jahre andauernde Krieg alles zerstörte, was ihr Leben ausgemacht hatte. Seit vielen Jahren werden gegen die unschuldige Zivilbevölkerung von den westlichen Staaten völkerrechtswidrige Kriege geführt. Unter dem schönklingenden Namen «Nationbuilding» werden von der bereits schon wohlhabenden westlichen Welt horrende Summen am Wiederaufbau von Jugoslawien, dem Irak, Afghanistan und anderen vom Krieg zerstörten Ländern verdient. Diese Länder hatten einst eine eigene zum Teil hochentwickelte Kultur, in der die Menschen zu Hause waren und ihre traditionellen Werte von Generation zu Generation weitergetragen haben. Mitten im Leben werden sie durch die neuen Kriege aus ihrer Heimat herausgerissen, sie müssen ihr Land verlassen und irgendwo auf der Welt von neuem eine Existenz aufbauen, wenn sie nicht von Bomben getötet oder verseucht werden wollen.

Die Situation vieler Emigrantenfamilien

Wenn die Menschen als Flüchtlinge und Emigranten nach Europa kommen, haben sie in vielen Fällen außer ihrem nackten Leben gar nichts mehr, was sie besitzen. Sie haben Schlimmes erlebt, sind in unserem Kulturkreis fremd, sprechen unsere Sprache nicht, haben oft durch den Krieg ihre Freunde und Verwandten verloren. Wenn sie bei uns ankommen, sind sie in jeder Beziehung auf Hilfe angewiesen. Oft erfahren sie monatelang keine Nachrichten aus ihren Heimatländern. Viele staatliche und kirchliche Hilfsorganisationen, aber auch Privatpersonen leisten bereits einen großen Einsatz. Sie helfen und unterstützen ihre Mitmenschen aus den Kriegsgebieten. Trotzdem steht die westliche Welt vor einer Situation, die höchste Anforderungen an unser Menschsein stellt und in Zukunft noch vermehrt stellen wird.

Missglückte Integration

Die Entwurzelung aus einer als wertlos empfundenen Herkunft mündet nicht selten in eine seelische Vereinsamung und hat zur Folge, dass sich junge Menschen weder in ihrer Herkunftsfamilie noch in der als fremd empfundenen Kultur des Gastlandes verwurzeln und beheimaten können. Eine seelische Entwurzelung beinhaltet eine Gleichgültigkeit gegenüber den als fremd empfundenen Mitmenschen und kann so den Nährboden für Gewalttaten bilden. Ausländische Kinder und Jugendliche wachsen oft jahrelang Seite an Seite in unseren Schulen und Ausbildungsstätten nicht mit, sondern neben unseren Kindern und Jugendlichen auf. Zusätzlich zu den beschriebenen Gefahren und Verführungen, denen alle Jugendlichen in unseren westlichen Ländern ausgesetzt sind, müssen sie sich mit dieser ihrer persönlichen, oft leidvollen Lebensgeschichte, dem Sprachproblem und ihrem ganz anderen kulturellen Hintergrund bei uns zurechtfinden. Die Eltern dieser Kinder fühlen sich zwar oft noch ihrer Kultur und ihren familiären Werten verbunden – gleichzeitig sind sie oft stark mit Geldverdienen absorbiert. Die Einflüsse der Medien – Zeichen des «modernen», «entwickelten» Lebensstils der neuen Umgebung – schätzen sie wohl kaum richtig ein und überlassen ihre Kinder diesen Eindrücken. Letztere sind damit auch nicht wirklich in ihrer Kultur verankert, sondern oft in noch größerem Ausmaß den Einflüssen gewaltverherrlichender Medien ausgesetzt.

All diese Aspekte – und wohl noch weitere – müssen in die Beurteilung der angeprangerten Ausländerkriminalität einbezogen werden. Nicht um irgendeine Gewalttat zu entschuldigen oder abzumildern. Nein, für begangene kriminelle Taten haben wir unsere Gesetze und entsprechende Möglichkeiten, dagegen vorzugehen.

Schutz unserer Jugend vor verrohender Mediengewalt

 Was aber können Erzieher tun, damit Fehlentwicklungen vermieden und die Kinder für das Leben gestärkt werden?

Die Kinder und Jugendlichen sind heute vor einer solchen Entwicklung nur geschützt, wenn Eltern und Lehrer und andere erwachsene Menschen sich der Gefahren der modernen Medien für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung bewusst und bereit sind, ihre elterliche Autorität dafür einzusetzen, die Kinder vor solchen Einflüssen zu bewahren. Erwachsene müssen über die Auswirkungen verrohender Medienerzeugnisse dringend besser und häufiger informiert werden und wissen, dass sie eine wesentliche Ursache für eine gewalttätige Gefühlsentwicklung unserer Kinder und Jugendlichen bilden.

Es stellt sich auch die Frage, weshalb diese Filme und Videos nicht verboten werden. Ist die Verrohung unserer Kinder und Jugendlichen gewollt, oder wird sie wegen des sehr lukrativen Geschäfts in Kauf genommen? (Vgl. Grossmann, Hänsel, Glogauer)
Es ist zu begrüßen, dass die deutsche Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e.V. (GwG) vor kurzem ein Verbot von Computerspielen gefordert hat, in denen Jugendliche für das Töten und Foltern von Menschen belohnt werden. Der Gesetzgeber könnte so die Präventionsbemühungen der Erzieher unterstützen.

Fachliche Unterstützung und Beratung für alle Eltern

Allen Eltern, auch denen aus anderen Kulturen, die in unserem Land leben und deren Kinder unsere Schulen besuchen, sollten die grundlegenden Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie vermittelt werden. Das Wissen darum, dass jedes Kind für seine seelische Entwicklung vom Beginn seines Lebens an eine sichere, konstante und kontinuierliche Bindung zu seinen Eltern braucht, sollte allen Eltern zugänglich gemacht werden. In Kursen und Beratungen sollten alle Eltern, ungeachtet ihrer Herkunft, Unterstützung in ihrer Erziehungsarbeit bekommen. Ganz besonders verdienen Eltern aus einem anderen Kulturkreis unsere Hilfe und Beratung. Auch sie machen sich Sorgen darüber, wie ihre Kinder in die Lage kommen können, gute Schüler zu werden, damit sie hier oder später im ehemaligen Heimatland einen Beruf ausüben und ihre Familie ernähren können. Gelungene Integration hat dabei nicht nur das Verständnis für das Land zu fördern, in das die jungen Menschen zugezogen sind, sondern auch die Wertschätzung und Verbundenheit zum Herkunftsland. Damit erleichtern wir nicht nur das Zusammenleben bei uns, sondern halten dem heranwachsenden Menschen auch Herz und Kopf offen für seine Heimat.

Wenn aber schwerwiegende eigene Probleme den Alltag der Eltern überschatten, haben sie manchmal nicht mehr die Kraft, sich der Entwicklung der Kinder mit der nötigen Aufmerksamkeit zu widmen. Existenzsorgen lassen oft wenig Zeit und Raum, sich den auftretenden Schwierigkeiten der Kinder in Schule und Gemeinschaft zu widmen und sie mit ihnen zu meistern.

So sind viele Kinder ausländischer Familien auf sich gestellt, oder ältere Geschwister passen auf die jüngeren auf. Da sind wir als Erzieher, Kindergärtner, Lehrer oder Erziehungsberater ganz besonders gefordert. Es geht nicht nur um Linderung von seelischen Folgen, die vielleicht durch Kriegserlebnisse und Flucht verursacht wurden, sondern es müssen sich alle, vor allem aber Fachleute wie Lehrer, Ärzte und Psychologen den vielschichtigen Problemen solcher Familien annehmen; dann wird es gelingen, Kinder und Eltern bei uns aufzunehmen und zu integrieren.

Eine der wichtigsten Aufgaben für Lehrer ist es, die ausländischen Kinder und Jugendlichen sowohl mit unserem Kulturgut vertraut zu machen als auch den Werten und Traditionen unserer ausländischen Mitmenschen mit Interesse, Achtung und Wertschätzung zu begegnen. So kann vermieden werden, dass beim heranwachsenden jungen Menschen eine innere Zerrissenheit entsteht.

Die ersten Lebensjahre – das emotionale Fundament

 Bei der Anleitung zu gewaltfreier Konfliktlösung soll schon den ersten Lebensjahren unserer Kinder unsere ganze Aufmerksamkeit und Sorgfalt gelten. Da werden die Weichen gestellt, ob ein Kind zu einem gefühlvollen Mitmenschen heranwächst oder ob es sich mit aggressivem Verhalten gegen seine Mitmenschen richtet.

Nicht erst, wenn ein junger Mensch straffällig geworden ist, sollte die Aufmerksamkeit von Eltern und Lehrern und anderen Fachleuten geweckt werden. Die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und der Individualpsychologie geben uns, richtig angewendet, Möglichkeiten, jedem Kind zu einer gesunden psychischen Entwicklung zu verhelfen.

Jedes Fehlverhalten eines Kindes kann mit den heutigen psychologischen Kenntnissen erkannt und ihm mit einer sicheren Haltung begegnet werden. Die Kinder und Jugendlichen müssen an der Haltung des Erwachsenen spüren, dass aggressives Verhalten nicht akzeptiert wird. Deshalb sind Wegschauen oder Verharmlosen nicht die richtigen Mittel. Sie können vom Kind oder Jugendlichen als Zustimmung verstanden werden. Wollen wir aber nicht, dass sich aggressive Gefühlsregungen im kindlichen Seelenleben einnisten und sich im Verborgenen ausbreiten, braucht es Erwachsene, die die Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg ins Leben mit Warmherzigkeit begleiten und sie in ihrer Persönlichkeit stärken. Der Erzieher muss anhand der Lebensgeschichte eines Kindes wirklich verstehen, warum dieses Kind zu aggressiven Handlungen greift. Eine eindeutige Stellungnahme gegen Gewalt in jeder Form ist aber immer notwendig.

Ablehnung der Gewalt – liebevoll, aber bestimmt

Bereits beim kleinen Kind sollte aggressives Verhalten mit eindeutigen Signalen der Elternperson gestoppt werden. Das Kind muss in der Haltung der Eltern spüren, dass in seinen Handlungen nichts toleriert wird, was einem anderen Lebewesen, Mensch oder Tier, Schmerzen bereitet. Seite an Seite muss der Erwachsene mit dem Kind den Weg aus einer Fehlhaltung heraus entwickeln, liebevoll, aber bestimmt den Weg zu einem gewaltfreien Zusammenleben mit den Menschen zeigen. Denn es gibt im Zwischenmenschlichen nie einen Grund für Gewaltanwendung. Ausüben von Gewalt in jeder Form ist ein gelerntes Verhalten. Fachleute weisen darauf hin, dass bereits in den Kindergärten darauf geachtet werden sollte, wie ein Kind sich in der Kindergemeinschaft «bewegt», wenn es etwas will oder nicht will. Die Erzieher sollten daher feinfühlig ungemeinschaftliche Verhaltensweisen erkennen und bereits im Ansatz korrigieren. In den frühen Kindheitsjahren entsteht beim Kind das wirkliche Fundament für die Freundschaften mit anderen, andersfarbigen und anderssprachigen Kindern und Erwachsenen.

Auch Eltern aus anderen Ländern und Kulturen, deren Kinder in dieser von Kriegen gezeichneten Welt heranwachsen müssen, haben allen Grund, der Entwicklung ihrer Kinder große Sorgfalt zukommen zu lassen. Die Welt, die unsere Kinder vorfinden, ist keineswegs harmlos. Schon in den ersten Lebensjahren gibt es Möglichkeiten, sie bewusst an ihre spätere Aufgabe als Freund, Mitmensch und mündige Mitbürger, die sich gegenseitig helfen, heranzuführen. Eltern und Lehrer können täglich bei unzähligen kleineren und größeren Gelegenheiten dazu beitragen, dass unsere Kinder einen gewaltfreien Umgang miteinander lernen und dadurch ein echtes Fundament für den Frieden auf der Welt bilden.

Verwendete Literatur:

  • Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?, Lt. Col. Dave Grossmann und Gloria DeGaetano, Verlag Freies Geistesleben, ISBN 3-7725-2225-4
  • Da spiel ich nicht mit, Rudolf Hänsel, Renate Hänsel, Auer Verlag, ISBN 3-403-04268-5
  • Die neuen Medien verändern die Kindheit, Dr. Werner Glogauer, Deutscher Studien Verlag, ISBN 3-89271-500-9
    Geschrieben am 03. 05. 2008

 

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