Sexualethik u. Kirchenspaltung

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Hans Lachenmann

Um was geht es eigentlich?

 

Wie ist es möglich, dass ein Detailproblem der Sexualethik zum Anlass einer Kirchenspaltung werden kann?

„Ein Konflikt mit Kraft zum Spalten“ – Unter dieser Überschrift berichtet die Süd-West-Presse Ulm vom 7.2.11. (Elisabeth Zoll) über die Debatte, „ob die Pfarrhäuser auch homosexuellen Pfarrern geöffnet werden“.
Es ist die Frage: „Evangelische Kirche, wie hältst du es mit der Homosexualität?“ Es geht um verfolgte und sozial benachteiligte Mitmenschen, für die auch die evangelische Kirche ein Herz haben sollte. Verletzte Gerechtigkeit muss wieder hergestellt werde. Und deshalb müssen homosexuelle Pfarrer mit ihrem Partner im Pfarrhaus zusammenleben können.

Die Frage ist falsch. Es geht um einen Generalangriff gegen das biblische Menschenbild. Und um die Frage, wie die evangelische Kirche darauf reagiert.

 

I. Das biblische Menschenbild

Es begegnet uns auf der ersten Seite der Bibel: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27). Mann und Frau sind als sich ergänzende, aufeinander angewiesene Gemeinschaft Gottes „Bild“, von ihm gesegnet und beauftragt: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan“ (V.28).

Ohne diesen Doppelauftrag gibt es keine Fortsetzung des Lebens und keine vom Menschen gestaltete Welt. Das Zeugnis über den Menschen steht unter dem grundlegenden ersten Wort der Bibel: „Am Anfang“. Es ist der Anfang aller Anfänge, vor dem nur noch das Nichts steht, aus dem Gott die Welt ins Sein ruft. Es ist kein Anfang, auf den wir zurückschauen müssten; er ist in jedem neuen Augenblick der Zeit gegenwärtig.

Die Ouvertüre der Bibel

Das biblische Menschenbild gilt für die Menschheit, nicht nur für Juden und Christen. Die Ouvertüre im ersten Kapitel der Bibel stimmt das beherrschende Thema an, bevor sich der Vorhang hebt und das Drama des göttlichen Handelns mit der Welt seinen Lauf nimmt.

Dieses Menschenbild hat prägende Kraft für alle Menschen:

– Jeder Mensch, gleich was mit ihm geschieht, ist aus der Verbindung eines Mannes und einer Frau hervorgegangen und trägt deren Erbgut unauslöschlich in sich. Für das Kind ist es deshalb das
  Beste und das Normale, wenn es mit Vater und Mutter in einer Familie verbunden ins Leben hineinwächst.

– In der Familie erfährt es sich geliebt und beschützt, gewinnt das notwendige Urvertrauen und seelische Stabilität.

– In der Familie wagt das Kind die ersten Schritte, lernt das Sprechen, das soziale Verhalten und was zum Leben gut und ungut ist. Der Erfolg von Schule und Ausbildung ist wesentlich abhängig von
  der Bindungs- und Bildungsleistung der Familie.

– Den kleinen Kreis der Familie umgibt der Kreis der Verwandtschaft, dieser weitet sich zum Gemeinwesen. Er gewährt Schutz und fordert Verantwortung. Gleichzeitig erfährt sich der Mensch
  hineingenommen in die Kette der Generationen, erkennt sich verpflichtet als Erbe und verantwortlich für Kinder, Enkel und kommende Generationen. So bleibt er bewahrt vor lebensfeindlichem
  Individualismus und Kollektivismus.

Unter dem Schutz des Grundgesetzes

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland stellt mit Artikel 6(1) fest:“ Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“. In Artikel 6(2) heißt es: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern …“ Wenn vom „natürlichen Recht der Eltern“ die Rede ist, so bezieht sich das auf ein dem Staat vorgegebenes Recht. Es hängt zusammen mit dem ersten Satz der Präambel: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…“ Hinter dem „natürlichen Recht der Eltern“ steht das biblische Menschenbild; es hat in der Gottesbeziehung seinen letzten Grund.

Der Staat tut dies im eigenen Interesse. Dieses Menschenbild prägt die Kultur und das soziale Leben. Es entlastet den Staat, dient dem guten Zusammenleben, der Bildung, der Wohlfahrt und der inneren Sicherheit, letztlich der Existenz des Staates selbst. 

 

II. Der Angriff gegen das biblische Menschenbild

Seit der 68er Revolution steht das biblische Menschenbild unter Dauerbeschuss. Der Generalangriff zielt darauf, es durch das Menschenbild zu ersetzen, das seit der Französischen Revolution unter der Fahne „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ die neue Zeit heraufführen will.

Die Forderung nach Freiheit richtet sich nun gegen die Familie. Sie erstickt in ihrer Enge und ihren Zwängen den Freiheitswillen. 1968 wurde zum Jahr des Aufstands der Kinder gegen die Eltern. Die 68er Revolution war von Anfang an auch sexuelle Revolution. Das angebliche verklemmte Spießertum der Alten sollte durch freie Liebe in allen möglichen Formen ersetzt werden. Zur geforderter Selbstbefreiung der Frau gehört die Freigabe der Abtreibung.

Der geforderten Gleichheit steht die Familie mit ihren patriarchalischen und autoritären Strukturen hinderlich im Wege. Deshalb nun die Versuche, mit der „antiautoritären Erziehung“ in Kinderläden und Kommunen. Deshalb der Aufstand gegen die Eltern, parallel mit dem Aufstand der Studenten gegen die Autorität der Professoren.

So kommt es zur Erfindung und Schaffung des neuen Menschen, der sich in einer freien, toleranten, brüderlichen und solidarischen Gesellschaft – abgesichert im  umfassenden Sozialstaat – selbst verwirklichen kann. Das System Familie wird überflüssig.

Angriffspunkt: Homosexualität

Das Phänomen der Homosexualität erwies sich als der entscheidende Punkt, an dem die Festung des biblischen Menschenbildes, samt dessen Schutzmächten in Kirche und Staat bezwungen werden kann.

Nicht alle Menschen leben im Stand der Ehe. Schon immer gibt es Männer und Frauen, die als Ledige, teils freiwillig, teils aus anderen Gründen ihren Platz im Leben gefunden haben. Sie alle aber partizipieren als Kinder ihrer Eltern an der vom biblischen Menschenbild geprägten Gemeinschaft.

Davon ausgeschlossen erleben sich homophil empfindende Menschen. Ungeeignet, eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen, verachtet wenn sie homosexuell leben, verdammt in biblischen Texten, früher durch staatliches Gesetz bestraft und in den KZ der Nazis ermordet.

Seit 1973 fordern sie ihr Recht ein. Nicht nur das Ende der Verfolgung, sondern die volle Gleichberechtigung: das Recht eine Ehe einzugehen,  Kinder zu adoptieren und so eine Familie zu gründen. Gleichberechtigung auch in allen Berufen, von denen sie ausgeschlossen waren – im Staat, beim Militär, in den Kirchen.

Diese Forderung widerspricht in wesentlichen Punkten dem biblischen Menschenbild. Sie wirkt darin wie ein Sprengsatz, der es zerstören wird und so den Weg frei macht für das neue Menschenbild unter der Fahne von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. 

So kommt es auch hier zum „Marsch durch die Institutionen“ mit Hilfe gut organisierter und finanziell ausgestatteter  Schwulen-und Lesbenverbände. Die meinungsbildenden Medien, Parteien, Schulen und Universitäten gilt es zu gewinnen, den öffentlichen Diskurs zu beherrschen, Gegenstimmen zum Schweigen zu bringen, die staatliche Gesetzgebung bis zum Grundgesetz zu verändern mit dem Ziel, jede „Diskriminierung“ zu verbieten und die völlige Gleichstellung im Rechtswesen, vor allem im Ehe-und Familienrecht zu erreichen. Es muss sich als allgemeine Erkenntnis durchsetzen, dass Homosexualität eine angeborene und nicht veränderbare, aber gleichwertige und völlig normale Variation der Sexualität ist, dass sie – wie  die heterosexuelle Lebensweise – zu einem gesunden und tüchtigen Leben befähigt.

Angriffspunkt: Gender-Mainstreaming

Die andere Gruppe, die sich im biblischen Menschenbild benachteiligt sieht, sind die Frauen. So sehen es wenigstens radikale Feministinnen, die für sich und ihre Geschlechtsgenossinnen gegen das biblische Erbe zum Kampf antreten. Dies geschieht unter dem Stichwort „Gleichstellung“. Sie ist etwas völlig anderes als die „Gleichberechtigung“ vor dem Gesetz, nämlich die Beseitigung sämtlicher Geschlechtsunterschiede. Es gibt angeblich überhaupt keine angeborenen und unveränderlichen Geschlechtsmerkmale, sondern nur soziale „Konstrukte“, den Kindern schon andressiert, um sie – zu Menschen zweiten Grades zugerichtet – ausbeuten und unterdrücken zu können. Unterschieden wird dabei zwischen Sex, den primären Geschlechtsmerkmalen, deren Bedeutung gegen Null geht, und „Gender“, dem sozialen Geschlecht mit den stereotypen Rollen als Mann und Frau.

Der in solchen Stereotypen gefangene Mensch muss daraus befreit werden. Die Fehlkonstruktion wird abgebaut und ein neuer Mensch konstruiert. Er ist in gleicher Weise befähigt für sämtliche Berufe. Für das sexuelle Leben steht dem Gendermenschen ein weites Spektrum von sexuellen Lebensweisen zur Auswahl; sie können nach Belieben gewechselt werden. 

Durchgeführt wird das Programm mit Hilfe der Europäischen Union und der Bundsrepublik, die sich verpflichtet hat, allen staatlichen Gesetzen und Verordnungen die Gender-Perspektive als Leitlinie vorzuordnen: „Gender Mainstreaming“. Auch für die Durchführung dieser Perspektive hat sich der Staat verpflichtet. Eigens dafür werden behördenartige Kompetenzzentren eingerichtet, die dafür sorgen, dass die Genderperspektive ohne Lärmen „implementiert“ wird: im Erziehungswesen von der Kinderkrippe an, in der Arbeitswelt, im Sozialwesen etc.

Die neue Ideologie des Bösen

Damit haben wir es hier zu tun. Sie ist erkennbar an folgenden Merkmalen:

– Utopische Ziele. Den Großideologien des vergangenen Jahrhunderts war gemeinsam, dass sie Ziele mit Heils-und Erlösungscharakter verfolgten: nach dem  Elend im Kapitalismus die gerechte Gesellschaft im kommunistischen Paradies – nach dem Elend als Folge des verlorenen Weltkriegs das ewige Reich des nordischen Lichtmenschen.  In der Gegenwart nach Frustration im Wohlstand nun die sofortige Erfüllung aller Glückswünsche im Paradies völliger Ungebundenheit und Gleichheit.

– Der totalitäre Charakter. Er zeigt sich darin, dass gegensätzliche Meinungen nicht mehr geduldet werden, sowie in der Kriminalisierung und Pathologisierung Andersdenkender.

– Die Durchsetzung nach dem Muster top-down. Von oben nach unten durch psychischen Druck, mediale Gehirnwäsche, Pressekampagnien zur moralischen Vernichtung widerstrebender Einzelpersonen – oder durch raffinierte Implementierung und Schaffung von Tatsachen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.

– Der Anspruch auf „Wissenschaftlichkeit“.  Deshalb gab es den Marxismus-Leninismus als Leitwissenschaft im Sozialismus und die Rassenlehre als Pflichtfach im Nationalsozialismus. Die Schwulen-und Lesbenbewegung nimmt ebenfalls die Qualität „wissenschaflich“ für sich in Anspruch, und bei Gender-Mainstreaming spielt man regelrecht „Wissenschaft“ in eigenen Studiengängen, akademischen Graden, eigener Fachsprache und 120 Professorinnenstellen – alles finanziert vom Staat. Dass es sich um Pseudowissenschaft handelt, ist leicht an der Ferne zum menschlichen Erfahrungswissen zu erkennen, vor allem aber am Absolutheitsanspruch, der keine Kritik mehr duldet. Zur Wissenschaftlichkeit gehört jedoch, dass die Ergebnisse „falsifiziert“ werden können.

Im Falle der Homosexualität gibt es bis heute keinen Beweis für ein unveränderbares, genetisch bedingtes Erbe. Das Gegenteil ist hingegen mehrfach bewiesen. Statistiken und persönliche Beobachtungen zeigen eine völlig andere und zwar traurige Wirklichkeit des homosexuellen Lebens. Wissenschaftlich begründete und erfolgreiche Bestrebungen, zu helfen und dies zu ändern, werden als „Scharlatanerie“ abgetan, die Existenz von „Ex-Gays“ einfach übersehen.

– Destruktive Folgen, bei den beiden Großideologien des vergangenen Jahrhunderts offensichtlich, sind auch das Kennzeichen der neuen Ideologie. Bei den lärmenden Umzügen am CSD, noch mehr bei den Demonstrationsaufgeboten in Bremen (Christival 2008) und Marburg (Seelsorgekongress 2009) zeigten sich schreiende, obszöne und gotteslästerliche Parolen brüllende junge Menschen, denen offenbar jedes Schamgefühl abhanden gekommen ist. Was ist nur mit diesen Menschen geschehen?

Nicht zu übersehen sind die sozialen und psychischen Folgen, insbesondere bei jungen Menschen, die schon im Kinderhort dem Genderprogramm ausgesetzt sind. Gleichzeitig  erleben wir die Zerstörung der familiaren Struktur unserer Gesellschaft und damit der Bedingung ihrer Fortsetzung in der nachwachsenden Generation. Die demographische Abwärtsspirale läuft immer schneller dem unausweichlichen Ende entgegen.

Beide Ausprägungen dieser Ideologie verfolgen dasselbe Ziel, sie werden auch von denselben Personen und Parteien vertreten. Sie widersprechen sich jedoch am entscheidenden Punkt: Für die Schwulen-Bewegung ist Homosexualität unveränderbar – weh dem, der das bestreitet! Für die Gender-Perspektive ist Sexualität jedoch in vielen Variationen lebbar, und dies nach eigener Wahl. Beides kann wohl nicht wahr sein! Klar wird hier: beides ist falsch. Doch das scheint keinen zu kümmern.

III. Anpassung oder Widerstand – die Reaktion der Kirchen

Die christlichen Kirchen gelten den Aggressoren als letztes Hindernis, das der Verwirklichung ihrer Ziele noch im Weg steht. Deshalb geraten sie in den Brennpunkt ihrer Anstrengungen. Konkret wird das bei der Lebensweise der Geistlichen. Auf sie wird geschaut. In ihrer Lebensführung soll erkennbar sein, was Christsein und was Kirche ist. Deshalb ist die Forderung, das Pfarrhaus – kein Privathaus, sondern Haus der Begegnung, der Beratung und der Seelsorge – für die homosexuelle Lebensweise der Pfarrer und Pfarrerinnen zu öffnen, von höchster Bedeutung. Wenn die Öffnung gelingt, ist der Widerstand gebrochen und die neue Ideologie kann sich in  Kirche und Gesellschaft durchsetzen. Wie werden die Kirchen darauf reagieren?

Die Reaktion der katholischen Kirche

Auch in der katholischen Kirche zeigt sich, dass der Anpassungsdruck nicht spurlos an ihr vorübergeht. Da werden aus ihrer Mitte kühne Forderungen erhoben, um die Kirche völlig umzukrempeln. Auf der Agenda solcher Gruppen steht nicht nur die Forderung nach Aufhebung des Zölibats, sondern auch die Einführung der Priesterweihe für Frauen, die Ersetzung der Ämterhierarchie durch demokratische Strukturen und sogar die Akzeptanz homosexueller und anderer Lebensformen. Von der Tagespresse und dem öffentlichen Fernsehen wird darüber mit Behagen berichtet. Das kann aber nicht den Tatbestand verdecken, dass es sich um kleine Gruppen von frustrierten Linkskatholiken handelt, die kaum Rückhalt im Kirchenvolk haben. Trotz berechtigter Kritik am Zölibat im Hinblick auf den Mangel an Priestern und die unzureichende Versorgung der Gemeinden bleibt man seiner Kirche eng verbunden.

Die Autorität des gegenwärtigen Papstes, dessen umfassende Bildung und geistliche Ausstrahlung kann nicht übersehen werden. Er ist das geistliche Oberhaupt von weltweit über einer Milliarde Menschen. Was bedeuten da die wilden Forderungen von einigen laut gestikulierenden deutschen Kritikern?

Dennoch wird in der deutschen Medienwelt keine Gelegenheit ausgelassen, das Ansehen des Papstes zu beschädigen. Jedes Wort von ihm, das dazu geeignet erscheint, seinem Ansehen zu schaden, wird aus dem Zusammenhang herausgerissen, zur „Schlagzeile“. In der Präsentation des öffentlichen Fernsehens erscheint er dann als ein vorgestriger, weltfremder und menschenfeindlicher Popanz, dessen Zeit abgelaufen ist.

Wo die katholische Kirche bei den unerträglichen Fällen von Kindesmissbrauch durch Geistliche eine offene Flanke zeigt, gibt es keine Hemmung, auch den kleinsten Hinweis aufzugreifen und mit Empörung an den Pranger zu stellen, während der Pranger meist leer bleibt bei den Fällen, die auf das Konto anderer Täter aus Politik, Sport und Schulen gehen. Die große Zahl von Kirchenaustritten zeigt, dass die selbstverschuldete Kampagne nicht ohne Wirkung bleibt.

Die Reaktion der evangelischen Kirche

Ganz anders ist die Situation in der evangelischen Kirche. Hier ist es nicht eine Minderheit von Linksintellektuellen, die der Verführung durch die neue Ideologie erlegen ist, sondern die Führungsschicht in Synoden und in höchsten kirchenleitenden Ämtern bis in die Spitze der EKD.  Man weiß nicht und will nicht wissen, versteht nicht und will nicht verstehen.

Selbstverständlich gibt es heute geschiedene Frauen im Bischofsamt. Die Segnung homosexueller Partnerschaften wird anerkannt, und schließlich gibt es homosexuelle Pfarrer und lesbische Pfarrerinnen auf der Kanzel.  Zugleich ein schwindender Widerstand von Kirchenleuten und Theologen. Aber da sind auch „evangelikale“ Gruppen und Organisationen, gebildete Konservative, aber auch treue  Mitglieder und Mitarbeiter in  den Gemeinden. Dass sie sich mit Erfolg zum Widerstand aktivieren lassen, den der Gesinnungsterror der Gegenseite nicht bezwingen kann, zeigte vor zwei Jahren der Seelsorgekongress in Marburg. Ingesamt herrscht in der evangelischen Christenheit in Deutschland eine ungeklärte Situation. Hier baut sich ein Spannungspotential auf, das die Einheit der EKD gefährdet. Es besteht Handlungsbedarf. Die gegensätzlichen Positionen lassen sich nicht vereinen. Es bleibt nur der Kompromiss.

„Mit Spannungen leben“ lautet der Titel der „Orientierungshilfe“ des Rates der EKD zum Verhältnis von „Homosexualität und Kirche“ aus dem Jahr 1996.  Die  bisherige Praxis wurde nur wenig geändert. Schon bald zeigte sich die Brüchigkeit des Kompromisses. Ohne Rücksicht auf die „Orientierungshilfe“ wurden in vielen Landeskirchen öffentliche, von der kirchlichen Trauung kaum zu unterscheidende Segenshandlungen an Homosexuellen eingeführt, praktizierende Homosexelle zum Pfarramt zugelassen.

Die drohende Spaltung erforderte weitergehende Lösungen, um sich der neuen Situation anzupassen. So stellt die Bischofskonferenz der VElKD vom 2. März 2004 „zum Umgang mit eingetragenen und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft von Pfarrern und Pfarrerinnen“ fest, dass es sich hier um „Ordnungsfragen handelt, die den Status Confessionis nicht berühren“. So wird eine Frage, die in der Anglikanischen Kirche zur Spaltung geführt hat, unter missbräuchlicher Verwendung der in den Lutherischen Bekenntnisschriften getroffenen Unterscheidung von „Adiaphora“ – die verschiedenen Riten – und „Status Confessionis“ – in dem es um das Heil geht – dazu missbraucht, der Wahrheitsfrage auszuweichen.

Höhepunkt und Endpunkt der Kompromissstrategie bedeutet die einstimmige Verabschiedung des Pfarrerdienstgesetzes für die Gliedkirchen der EKD in deren Synode in Hannover im Herbst 2010. Paragraph 39 „Ehe und Familie“ ordnet die Ehe und das „familiäre Zusammenleben“ wie es sich aus den Ordinationsverpflichtungen ergibt und für die „Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Verantwortung“ maßgebend sind. Die Formulierung ist  so gewählt, dass sich in diesen Rahmen sowohl die bisherige Ehe und Familie unterbringen lässt als auch homosexuelle und andere Lebensformen. Davon ist ausführlich in den Erläuterungen die Rede.  Der Begriff „familiäres Zusammenleben“ umfasst „jede Form des rechtsverbindlich geordneten Zusammenlebens von mindestens zwei Personen….“  Jede Gliedkirche kann ihre bisherige Praxis ohne neue Diskussion fortsetzen oder auch das eigene Profil für ihre Praxis gestalten. Damit macht die EKD  die Tür weit auf für den Einzug der neuen Ideologie und ihre Praxis. Das Kirchenvolk erfährt dann später, was über es verfügt wurde. Die Kompromisslösung der EKD Synode wurde bald als Täuschungsmanöver durchschaut. Zum Protest „von unten“ kam die offene Erklärung von acht Altbischöfen, die einer Regelung, die Schrift und Bekenntnis der Kirche offensichtlich widerspricht, mutig entgegentraten und die Synodalen in den Gliedkirchen aufforderten, die Erläuterung abzulehnen. Seitdem regt sich offener Widerstand. Kirchenaustritt und Kirchenspaltung werden ein Thema. Jedenfalls: die Zeit der faulen Kompromisse ist zu Ende. An der „Sollbruchstelle“, der Homo-Ehe im Pfarrhaus, zeigte sich der Riss, der sich rasch erweitert und unsere Kirche in eine Krise bringt wie im Kirchenkampf des Dritten Reiches. Damals kam es zur Barmer Theologischen Erklärung und zur Bildung einer „Bekennenden Kirche“.

Jetzt ist die Stunde des Wahrheit, die man bisher vermeiden wollte, um die Katastrophe einer Kirchenspaltung zu vermeiden. Wir müssen uns ihr stellen. Nicht Anpassung, sondern Widerstand ist geboten. Hilfreich ist dazu die Barmer Theologische Erklärung von 1934.

Der einzige Weg zur Bewahrung der Einheit: Die Umkehr

Eines müssen wir lernen: Kirchliche Einheit gibt es nur als Einheit in Christus. Deshalb kann  sie nicht durch faule Kompromisse gesichert werden. Es gibt nur einen Weg: Die Umkehr, die „metanoia“, die den ganzen Menschen, sein Herz, sein Denken, Empfinden, Reden und Leben umfasst, hin zu Christus dem „ Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde“ (Kol 1,18). Von ihm gilt „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung“ Kol 1,15). In ihm findet das geschändete Ebenbild die ersehnte Heilung. Und von ihm hören wir: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater (Matth 10,32.33).

Wir leben vielleicht in der schwersten Stunde unserer Kirche seit der Reformation. Doch sie steht unter der apostolischen Zeitansage: „Die Nacht ist vergangen; der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben, wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt (Römer 13,12).

Hans Lachenmann

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