Gefoltert für Christus

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Richard Wurmbrand

 

Gefoltert für Christus

 

Ein Bericht vom Leiden und Bekennen der Unterdrücktenkirche in Ländern hinter dem Eisernen Vorhang

Inhaltsverzeichnis
Warum ich dieses Buch schreibe

 

1. Kapitel

Ein Atheist findet zu Christus
Mein Dienst an den Russen
Die Sprache der Liebe und die Sprache der Verführung klingen gleich
Die Russen – ein Volk mit dürstenden Seelen
Unser verborgener Dienst für ein geknechtetes Volk
Wie die Kirche aus dem Untergrund in die Öffentlichkeit hineinwirkte

2. Kapitel

Unsagbare Folterungen
Wie Gehirnwäsche aussieht
Kurze Freiheit – neue Verhaftung
Ein Abkommen: wir predigten – sie schlugen
Was mit meiner Frau und meinem Sohn geschah

3. Kapitel

Warum ich das kommunistische Rumänien verließ

4. Kapitel

Voller Freude – auch im Gefängnis
Wie wir den Kommunismus geistig überwinden können
Nichts aus der Geschichte gelernt
Was ich vorfand, als ich freigelassen wurde
Warum ich im Westen leide
Die Verfolgung der Untergrundkirche nimmt zu

5. Kapitel

Meine Botschaft an Euch von der Untergrundkirche
Wie freie Christen helfen können
Die Tragödie der Familien verfolgter Christen

 

Über den Verfasser

Pfarrer Richard Wurmbrand ist ein evangelischer Pfarrer, der vierzehn Jahre kommunistischer Haft und Folter in seiner Heimat Rumänien durchgemacht hat. Er ist einer der weithin bekannten führenden Christen Rumäniens, sowohl als Schriftsteller wie auch als geistlicher Erzieher. Kaum ein Name ist in seiner Heimat so bekannt. Als die Kommunisten 1945 Rumänien besetzten und sich anschickten, die Kirchen ihren Zwecken zu unterwerfen, rief Richard Wurmbrand gleichzeitig eine selbständige, im Untergrund arbeitende Gemeinde ins Leben, die nicht nur seinem unterdrückten Volk diente, sondern auch den einmarschierenden russischen Soldaten.

Er wurde schließlich 1948 zusammen mit seiner Frau Sabine eingekerkert. Seine Frau hatte drei Jahre lang Zwangsarbeit zu verrichten. Richard Wurmbrand dagegen wurde drei Jahre in Einzelhaft gehalten und bekam niemand zu Gesicht als seine kommunistischen Peiniger. Nach diesen drei Jahren wurde er in eine Gemeinschaftszelle verlegt, wo sich seine Qualen weitere fünf Jahre fortsetzten. Dank seinem internationalen Ansehen als einer führenden christlichen Persönlichkeit erkundigten sich Vertreter ausländischer Gesandtschaften bei der kommunistischen Regierung nach seinem Ergehen. Man erzählte ihnen, er sei aus Rumänien geflohen. Geheimpolizisten, die sich als entlassene Mitgefangene ausgaben, berichteten seiner Frau, sie hätten seiner Beerdigung auf dem Gefängnisfriedhof beigewohnt. Seiner Verwandtschaft in Rumänien und seinen Freunden im Ausland wurde mitgeteilt, ein Nachforschen erübrige sich, da er tot sei.

Nach acht Jahren wurde er aus dem Gefängnis entlassen und nahm unverzüglich seinen Dienst in der „Untergrundkirche" wieder auf. Zwei Jahre später, 1950, wurde er wieder verhaftet und zu fünfundzwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Auf Grund einer allgemeinen Amnestie wurde er 1964 begnadigt, und wiederum setzte er seine Arbeit in der unterdrückten Kirche fort. In Anbetracht der großen Gefahr einer dritten Verhaftung nahmen Christen in Norwegen Verbindung mit den kommunistischen Behörden wegen seiner Ausreise aus Rumänien auf. Sie bezahlten den von der Regierung geforderten Preis und ermöglichten so die Ausreise Wurmbrands in den Westen.

 

Einführung

Warum ich dieses Buch schreibe

Ich habe jedem in Freiheit lebenden Christen eine Botschaft zu bringen von der Unterdrücktenkirche hinter dem Eisernen Vorhang. Die Unterdrücktenkirche, die ich viele Jahre leitete, hat beschlossen, dass ich alles versuchen sollte, um in die Freiheit zu gelangen und Euch eine dringende Botschaft zu übermitteln. Durch ein Wunder, dessen Einmaligkeit Ihr aus dem Folgenden ersehen werdet, blieb ich am Leben und gelangte tatsächlich in die freie Welt. In diesem Buch entledige ich mich nun der Botschaft, die mir aufgetragen worden ist von der glaubenden, leidenden Kirche in der Unterdrückung der kommunistischen Länder. Damit Ihr aber auch in die Lage versetzt werdet, diesen Hilferuf aus der Unterdrücktenkirche erschöpfend und genau zu prüfen, möchte ich zuerst davon Zeugnis ablegen und Euch von der Arbeit dieser Kirche berichten.

 

1. Kapitel Ein Atheist findet zu Christus

Ich wurde in einer Familie aufgezogen, in der keine Religion anerkannt wurde. Während meiner ganzen Kindheit erhielt ich keinerlei religiöse Unterweisung, und mit vierzehn Jahren war ich schon ein überzeugter, verhärteter Atheist. Das war vor allem das Ergebnis einer bitteren Kindheit.

Von meinen ersten Lebensjahren an war ich Waise, und ich habe in den schweren Jahren des Ersten Weltkriegs Armut kennen gelernt. So war ich schon mit jungen Jahren ein so überzeugter Gottesleugner, wie es die Kommunisten heute sind. Ich hatte atheistische Bücher gelesen, und es ging mir nicht einfach darum, dass ich nicht an Gott oder Christus glaubte – nein, ich haßte geradezu diese Vorstellung und betrachtete sie als schädlich für den menschlichen Geist. Deshalb wuchs ich in bitterer Feindschaft gegen die Religion auf.

Dennoch wurde mir, wie ich es später erfassen durfte, die Gnade zuteil, einer der von Gott Erwählten zu sein – aus Gründen, die ich mit der Vernunft nicht begreife. Es waren Gründe, die mit meinem Charakter nicht das Geringste zu tun hatten, weil mein Charakter sehr schlecht war.

Obgleich ich Atheist war, zog mich ständig etwas Unerklärliches in die Kirchen. Es fiel mir schwer, an einer Kirche vorbei zukommen und nicht hineinzugehen. Jedoch verstand ich dann nie, was in diesen Kirchen vor sich ging. Ich lauschte den Predigten, aber sie drangen nicht zu meinem Herzen. Ich war mir ganz sicher, dass es einen Gott nicht gab.

Ich haßte die Vorstellung von Gott als einem Herrn, dem ich zu gehorchen hätte. Aber ich hätte gar zu gern gewußt, ob irgendwo im Zentrum dieses Weltalls ein liebendes Herz existierte. Ich hatte nur wenig Freude in meiner Kindheit und Jugend erfahren. Deshalb sehnte ich mich danach, dass irgendwo ein liebendes Herz auch für mich schlagen möchte. Zwar sagte mir mein Wissen, dass es Gott nicht gab, aber ich war traurig, dass solch ein Gott der Liebe nicht existierte.

In meinem inneren geistigen Zwiespalt ging ich damals in eine katholische Kirche; ich sah dort Leute knien und irgendetwas sagen. Ich faßte den Gedanken, ich will einfach neben ihnen knien, will aufnehmen, was sie sagen, will die Gebete nachsprechen und sehen, ob etwas geschieht. Sie sprachen gerade ein Gebet zur Heiligen Jungfrau: „Gegrüßt seist du, Maria, reich an Gnaden." Ich wiederholte nach ihnen die Worte immer wieder, ich blickte nach dem Standbild der Jungfrau Maria, aber nichts ereignete sich. Ich war sehr traurig darüber. Und eines Tages ertappte ich mich beim Beten zu Gott – obwohl ich ein überzeugter Atheist war. Mein Gebet war etwa wie das folgende:
„Gott, ich weiß genau, dass du nicht existierst. Aber wenn du vielleicht doch existierst, was ich bestreite, dann ist es nicht meine Pflicht, an dich zu glauben; es ist vielmehr deine Pflicht, dich mir zu offenbaren."

Ich war noch ein Atheist, aber der Atheismus gab meinem Herzen keinen Frieden. Zu dieser Zeit meiner inneren Zerrissenheit betete — wie ich später herausfand – in einem Dorf hoch in den Bergen Rumäniens ein alter Schreiner zu Gott: „Mein Gott, ich habe dir auf Erden gedient und möchte gern noch in dieser Welt wie auch später im Himmel meinen Lohn haben. Und mein Lohn soll sein, dass ich nicht eher sterbe, bis ich einen Juden zu Christus gebracht habe, weil Jesus vom jüdischen Volke kam. Aber ich bin arm, alt und krank. Ich kann nicht mehr umhergehen und einen Juden suchen. In meinem Dorfe sind keine. Bringe du einen Juden in mein Dorf, und ich will mein Bestes tun, ihn zu Christus zu führen."

Irgendetwas Unwiderstehliches zog mich zu jenem Dorf. Ich hatte dort nichts zu suchen. Rumänien hat über 12000 Dörfer. Aber ich ging ausgerechnet in jenes Dorf. Als der Schreiner sah, dass ich ein Jude war, warb er um mich, wie wohl noch nie einer um ein schönes Mädchen geworben hat. Er sah in mir die Antwort auf sein Gebet, und er gab mir die Bibel zu lesen. Ich hatte auch vorher schon die Bibel öfter gelesen, weil es zur Allgemeinbildung gehörte. Aber die Bibel, die er mir gab, war eine Bibel von anderer Art. Wie er mir später erzählte, hatte er oft stundenlang mit seiner Frau für meine und meiner Frau Bekehrung zu Gott gebetet. So war die Bibel, die er mir damals gab, eigentlich nicht in Buchstaben geschrieben, sondern in Flammenzeichen der Liebe, die seine Gebete entzündet hatten.

Ich konnte sie nur mit Mühe lesen. Denn ich konnte nur darüber weinen, wenn ich mein schlechtes Leben mit dem Leben Jesu verglich, meine Unreinheit mit seiner Reinheit, meinen Hass mit seiner Liebe. Und er nahm mich an, damit auch ich zu den Seinen gehörte.

Bald nach mir wurde auch meine Frau zu Gott bekehrt. Sie brachte noch andere Menschen zu Christus, und diese anderen brachten wieder andere zu Christus, und so entstand eine neue evangelische Gemeinde in Rumänien. Dann kam die Nazizeit. Wir hatten viel zu leiden. In Rumänien nahm der Nationalsozialismus die Form einer Diktatur extrem griechisch-orthodoxer Elemente an, die protestantische Gruppen ebenso wie die Juden verfolgten. Längst vor meiner eigentlichen Ordination und bevor ich überhaupt für mein geistliches Amt ausgebildet wurde, war ich in Wirklichkeit schon der Leiter dieser Kirche, da ich ihr Gründer war. Ich trug die Verantwortung für sie.
Meine Frau und ich wurden mehrmals verhaftet, geschlagen und vor Nazirichter gezerrt. Der Naziterror war schlimm, aber nur ein Vorgeschmack von dem, der unter den Kommunisten kommen sollte. Meinem Sohn Mihai mußten wir einen nichtjüdischen Namen geben, um ihn vor dem Tod zu bewahren. Aber diese Zeit unter dem Naziregime barg auch einen großen Gewinn. Sie lehrte uns, dass körperliche Mißhandlungen zu ertragen waren, dass die geistige Kraft des Menschen mit Gottes Hilfe selbst fürchterliche Qualen überstehen kann. Sie lehrte uns auch die Methode verborgener Gemeindearbeit, was eine Vorbereitung war auf eine weit schlimmere Prüfung, die über uns kommen sollte – eine Feuerprobe, die uns unmittelbar bevorstand.

 

Mein Dienst an den Russen

Weil ich es tief bereute, dass ich ein Atheist gewesen war, wünschte ich nichts sehnlicher vom ersten Tag meiner Hinkehr zu Gott, als den Russen ein Zeuge Jesu zu sein. Die Russen sind heute ein Volk, dessen Menschen von Kindheit an im Atheismus erzogen werden. Mein Wunsch, gerade Russen für das Evangelium zu gewinnen, ist erfüllt worden. Seine Verwirklichung hatte schon zur Zeit der nationalsozialistischen Besatzung angefangen, denn wir hatten in Rumänien viele Tausende kriegsgefangener Russen, und wir konnten missionarische Arbeit unter ihnen tun. Es war eine bewegende, erschütternde Arbeit. Meine erste Begegnung mit einem russischen Kriegsgefangenen werde ich nie vergessen. Er erzählte mir, er sei Ingenieur. Ich fragte ihn, ob er an Gott glaube. Hätte er „nein" gesagt, wäre ich nicht einmal erstaunt gewesen. Es steht jedem frei, zu glauben oder nicht zu glauben. Aber als ich ihn fragte, ob er an Gott glaube, blickte er verständnislos zu mir auf und sagte: „Ich habe keinen solchen militärischen Befehl zu glauben. Wenn ich einen Befehl bekomme, werde ich glauben." Tränen rannen mir über die Wangen. Ich fühlte geradezu mein Herz in Stücke gerissen. Hier stand ein Mann vor mir, dessen Geist tot war, ein Mensch, der die größte Gabe, die Gott der Menschheit gegeben hat, verloren hatte: ein Individuum, eine unverwechselbare Person zu sein. Er war ein willenloses Werkzeug in den Händen der Kommunisten, bereit, auf Befehl zu glauben oder nicht. Von sich aus konnte er nicht mehr entscheiden. Das war ein typischer Russe, geprägt von all den Jahren kommunistischer Herrschaft. Nach dieser erschütternden Erfahrung über das, was der Kommunismus menschlichen Wesen angetan hat, gelobte ich Gott, diesen Menschen von nun an mein Leben zu weihen, um ihnen ihre Persönlichkeit wieder zu verschaffen und ihnen zum Glauben an Gott zu verhelfen. Ich brauchte nicht nach Russland zu gehen, um die Russen zu erreichen. Seit dem 23. August 1944 waren etwa eine Million russischer Truppen in Rumänien eingerückt, und schon kurz danach kamen die Kommunisten in unserem Land zur Macht. Damit zog eine Schreckensherrschaft herauf, die die Leiden unter den Nazis als harmlos erscheinen ließ. Zu der Zeit hatte die kommunistische Partei in Rumänien, dessen Bevölkerung damals 18 Millionen zählte, nur zehntausend Mitglieder. Aber Wischinsky, der damalige Außenminister der Sowjetunion, stürmte in die Residenz König Michaels I., der beim Volk sehr beliebt war, schlug mit der Faust auf den Tisch und forderte: „Sie müssen Kommunisten in die Regierung hereinnehmen." Unsere Armee und Polizei wurden entwaffnet, und so kamen, unter Gewalt und von vielen gehaßt, die Kommunisten an die Macht. Dies vollzog sich nicht ohne die Mitwirkung der amerikanischen und britischen Staatsmänner jener Zeit. Menschen sind vor Gott nicht nur für ihre persönlichen Sünden verantwortlich, sondern auch für die politischen Sünden ihres Volkes. Die Tragödie all der versklavten Völker Osteuropas geht auch zu Lasten der amerikanischen und britischen Christen. Die Amerikaner müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie seinerzeit den Russen, wenn auch ohne es zu beabsichtigen, geholfen haben, uns ein Mord- und Terrorregime aufzuzwingen. Deshalb haben die Amerikaner auch die Pflicht, dies wieder gutzumachen, indem sie mithelfen, den geknechteten Völkern das Licht des Evangeliums in ihre Finsternis zu bringen.

Die Sprache der Liebe und die Sprache der Verführung klingen gleich

Nachdem die Kommunisten einmal zur Macht gekommen waren, gebrauchten sie meisterhaft das Mittel der Täuschung gegenüber den Kirchen. Denn die Sprache der Liebe und die Sprache der Verführung klingen gleich. Derjenige, der ein Mädchen zur Frau begehrt, und derjenige, der sie nur für eine Nacht haben will, um sie danach wieder wegzuwerfen, beteuern beide: „Ich liebe dich." Jesus mahnt uns in seinem Wort, die Sprache der Verführung von der Sprache der Liebe zu unterscheiden und einen Unterschied zu machen zwischen Wölfen in Schafskleidern und echten Schafen. Als die Kommunisten die Macht innehatten, wußten Tausende von Priestern, Pfarrern und Predigern die beiden Sprachen nicht zu unterscheiden. Die Kommunisten beriefen einen Kongreß aller christlichen Körperschaften in unserem Parlamentsgebäude in Bukarest. Dort waren viertausend Priester, Pastoren und Prediger aller Religionsgemeinschaften versammelt. Diese viertausend Geistlichen wählten Joseph Stalin zum Ehrenpräsidenten dieses Kongresses. Gleichzeitig war Stalin amtierender Präsident des Weltverbandes der Gottlosenbewegung und ein Massenmörder von Christen. Aber einer nach dem anderen, ob Bischof oder Pfarrer, erhob sich in unserem Parlament und erklärte öffentlich, dass der Kommunismus und das Christentum in ihren Grundlagen gleich seien und friedlich nebeneinander bestehen könnten. Ein Geistlicher nach dem andern fand preisende Worte für den Kommunismus und versicherte der neuen Regierung die treue Mitarbeit der Kirche. Meine Frau und ich waren auf diesem Kongreß anwesend. Meine Frau saß neben mir und sagte zu mir: „Richard, steh' auf und wasche diese Schande vom Antlitz Christi! Sie speien ihm ins Gesicht." Ich sagte zu meiner Frau: „Wenn ich das tue, verlierst du deinen Mann." Sie erwiderte: „Ich möchte keinen Feigling zum Mann haben." Da stand ich auf und sprach zu diesem Kongreß, und ich pries nicht die Mörder der Christen, sondern Christus und Gott und sagte, dass wir zuallererst Ihm unsere Treue schulden. Alle Reden wurden auf diesem Kongress durch Rundfunk übertragen, und das ganze Land konnte die von der Rednertribüne des kommunistischen Parlaments verkündigte Botschaft von Jesus Christus hören. Später musste ich dafür bezahlen, aber das war es wert gewesen. Orthodoxe und protestantische Kirchenführer wetteiferten miteinander, den Kommunisten ihre Ergebenheit auszudrücken. Ein orthodoxer Bischof steckte sich Hammer und Sichel auf das Gewand und forderte seine Priester auf, ihn nicht mehr „Euer Gnaden" zu nennen, sondern „Genosse Bischof". Ich nahm am Baptistenkongress in der Stadt Resita teil – auch ein Kongress unter der roten Fahne, wo man stehend miteinander die sowjetische Nationalhymne sang. Der Präsident der Baptisten verkündigte dort, dass Stalin nichts anderes getan habe als die Gebote Gottes erfüllt. Er pries Stalin als einen großen Lehrer der Bibel. Priester wie Patrascoiu und Rosianu drückten es noch deutlicher aus. Sie wurden Beamte der Geheimpolizei. Rapp, stellvertretender Bischof der lutherischen Kirche in Rumänien, lehrte nun in dem Theologischen Seminar, dass Gott sich dreimal offenbart habe: einmal durch Mose, dann durch Jesus und das dritte Mal durch Stalin, wobei letzterer seinen Vorgänger noch überrage. Man darf über all dem nicht vergessen, dass die echten Baptisten, mit denen ich eng verbunden bin, nicht mitmachten, sondern Jesus Christus treu blieben, wofür sie viel zu leiden hatten. Die Kommunisten bestimmten jedoch durch „Wahl" ihre Leiter, und die Baptisten hatten keine andere Wahl, als sie anzunehmen. Dasselbe Verfahren ist heute kennzeichnend für die Art der Besetzung aller einflussreichen Stellen der Religionsgemeinschaften. Jetzt begannen diejenigen, die statt Diener Christi Diener des Kommunismus geworden waren, die Glaubensbrüder zu denunzieren, die sich ihnen nicht anschließen wollten. So wie nach der Russischen Revolution die Christen dort eine Untergrundkirche gebildet hatten, zwangen uns nun die Machtergreifung des Kommunismus und der Verrat vieler offizieller Kirchenführer, auch in Rumänien eine Untergrundkirche zu schaffen: eine, getreu ihrem Auftrag zu evangelisieren, die Frohe Botschaft zu verkündigen und die Kinder für Jesus Christus zu gewinnen. Die Kommunisten verboten das alles, und die offizielle Kirche fügte sich. So begann ich gemeinsam mit anderen, Gemeindearbeit im geheimen zu betreiben. Nach außen hin hatte ich eine sehr angesehene soziale Stellung, die mit meiner eigentlichen verborgenen Reichsgottesarbeit nichts zu tun hatte und nur als Deckmantel diente. Ich war Pastor der Norwegischen Lutherischen Mission, und gleichzeitig arbeitete ich im rumänischen Ausschuss des Weltkirchenrates. (In Rumänien hatten wir nicht die blasseste Ahnung, dass diese Organisation in irgendeiner Weise mit den Kommunisten zusammenarbeiten würde. Zu jener Zeit diente sie jedenfalls in unserem Land ausschließlich der Erleichterung unserer Arbeit.) Diese beiden Ämter gaben mir einen sehr guten Stand gegenüber den Behörden, die von meiner Untergrundarbeit nichts wussten. Sie umfasste zwei Arbeitsgebiete. Das erste war unsere getarnte Arbeit unter den Abertausenden russischer Soldaten. Das zweite Gebiet bildete unser verborgener missionarisches Dienst an den unterdrückten Völkern Rumäniens.

 

Die Russen – ein Volk mit dürstenden Seelen

Für mich bedeutete es den Himmel auf Erden, den Russen das Evangelium zu predigen. Ich habe die Heilsbotschaft Menschen aus vielen Nationen gepredigt, aber ich habe noch nie ein Volk das Evangelium so in sich einsaugen sehen wie die Russen. Ihre Seelen dürsten geradezu. Ein orthodoxer Priester, ein Freund von mir, rief mich eines Tages an und erzählte mir, dass ein russischer Offizier zum Beichten zu ihm gekommen sei. Mein Freund konnte kein Russisch. Da er wusste, dass ich Russisch spreche, hatte er ihm meine Adresse gegeben. Am andern Tag kam dieser Mann zu mir. Er war für Gott aufgeschlossen, er sehnte sich nach Gott, aber er hatte noch nie eine Bibel gesehen, hatte noch nie einen Gottesdienst besucht (in Russland sind Kirchen ohnehin sehr spärlich vorhanden). Er hatte keine religiöse Erziehung gehabt. Er hegte eine Liebe zu Gott, ohne die geringste Kenntnis von Ihm zu haben. Ich begann damit, ihm die Bergpredigt vorzulesen und die Gleichnisse Jesu. Als er sie gehört hatte, sprang er in ausgelassener Freude im Zimmer umher und rief: „Was für eine einmalige Schönheit! Wie konnte ich leben, ohne diesen Christus zu kennen!" Es war das erste Mal, dass ich jemand in so überschwänglicher Freude in Christus sah. Dann beging ich einen Fehler. Ich las ihm den Leidensweg und die Kreuzigung Christi vor, ohne ihn darauf vorbereitet zu haben. Er hatte das nicht erwartet, und als er hörte, wie Christus geschlagen, wie er gekreuzigt wurde und dass er am Ende starb, sackte er in seinen Lehnstuhl und begann fassungslos zu weinen. Er hatte an einen Erretter geglaubt, und nun war sein Erretter tot. Ich sah ihn an und war beschämt, dass ich mich Christ und gar Pfarrer nannte, der bisher geglaubt hatte, andere unterweisen zu können. Ich hatte niemals am Leiden Christi solchen Anteil genommen, wie dieser russische Offizier es tat. Wie ich ihn jetzt anschaute, war es mir, als sähe ich Maria Magdalena am Fuß des Kreuzes weinen, aufrichtig weinen, selbst als Jesu Leichnam schon im Grabe lag. Dann las ich ihm den Bericht von der Auferstehung vor. Er wusste ja nichts davon, dass sein Erlöser wieder aus dem Grabe hervorkommen würde. Als er diese wunderbare Nachricht hörte, schlug er sich auf die Schenkel und stieß einen derben, aber wie ich glaube, ihm selber „heiligen" Fluch aus. Das gehörte zu seiner groben Art zu sprechen. Jetzt jubelte er wieder. Vor Freude rief er laut: „Er lebt! Er lebt!" Und von neuem hüpfte er in der Stube umher, überwältigt von Glückseligkeit. Ich sagte zu ihm: „Lass uns beten!" Er kannte keine Gebete. Er kannte nicht unsere frommen Phrasen. Er fiel mit mir auf die Knie, und sein Gebet bestand aus den Worten: „Oh Gott, was bist du für ein guter Kerl! Wenn ich du wäre und du wärst ich, hätte ich dir nie deine Sünden vergeben. Aber du bist wirklich ein prima Kerl. Ich hab' dich von ganzem Herzen lieb." Ich glaube, dass alle Engel im Himmel einhielten mit dem, was sie gerade taten, um diesem vollendeten Gebet eines russischen Offiziers zu lauschen. Der Mann war für Christus gewonnen worden. In einem Laden begegnete ich einem russischen Hauptmann und einem weiblichen Offizier. Sie waren dabei, allerlei einzukaufen, und hatten große Mühe, sich dem Verkäufer, der nicht Russisch verstand, verständlich zu machen. Ich erbot mich, für sie zu dolmetschen, und wir wurden miteinander bekannt. Ich lud sie zum Essen bei uns ein. Bevor wir zu essen anfingen, sagte ich ihnen: „Sie sind hier in einem christlichen Haus, und wir haben die Sitte zu beten." Ich sprach das Gebet in Russisch. Sie legten darauf Messer und Gabel wieder hin und waren an der Mahlzeit nicht mehr interessiert. Aber sie stellten Fragen über Fragen nach Gott, Christus, der Bibel. Sie hatten keine Ahnung davon. Es war nicht leicht, mit ihnen darüber zu sprechen. Ich erzählte ihnen das Gleichnis von dem Mann, der hundert Schafe hatte und eins davon verlor. Sie verstanden überhaupt nicht. Sie fragten: „Wie kommt es, daß er hundert Schafe hat? Hat die kommunistische Kolchose sie ihm nicht abgenommen?" Dann sagte ich, daß Jesus ein König sei. Sie antworteten: „Alle Könige seien schlechte Menschen gewesen, die das Volk tyrannisierten, folglich müsse Jesus ein Tyrann gewesen sein." Als ich ihnen das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erzählte, sagten sie: „Die haben ganz recht daran getan, gegen den Besitzer des Weinbergs zu rebellieren. Der Weinberg hat dem Kollektiv zu gehören." Alles war ihnen neu. Als ich ihnen von der Geburt Jesu berichtete, fragten sie etwas, was im Munde westlicher Menschen fast wie Lästerung erscheinen würde: „War Maria Gottes Ehefrau?" Und ich begriff in dieser Diskussion wie auch noch in vielen anderen, dass wir heute, wenn wir den Russen nach so vielen Jahren des Atheismus das Evangelium predigen wollen, eine völlig neue Sprache verwenden müssen. Die Missionare, die nach Innerafrika kamen, hatten große Schwierigkeit bei der Obersetzung des Jesajawortes: „Wenn eure Sünde gleich blutrot wäre, so soll sie doch schneeweiß werden." Niemand in Äquatorialafrika hat jemals Schnee gesehen. Sie hatten kein Wort dafür. Deshalb übersetzten sie: „Eure Sünde soll weiß werden wie der Kern der Kokosnuss." Genauso mussten wir das Evangelium in die Sprache des Marxismus übertragen, um es ihnen verständlich zu machen. Es war etwas, was wir von uns selber nicht vermochten; aber der Heilige Geist wirkte es durch uns. Der Hauptmann und der weibliche Offizier kamen noch am selben Tag zum Glauben an Gott. In der Folgezeit halfen sie uns noch viel bei unserer verborgenen missionarischen Arbeit an den Russen. Wir druckten im geheimen Tausende von Neuen Testamenten und andere christliche Literatur und verteilten sie unter den Russen. Durch die russischen Soldaten, die vom Atheismus zum lebendigen Glauben an Gott bekehrt worden waren, konnten wir viele Bibeln und Bibelteile nach Russland schmuggeln. Wir fanden noch einen anderen Weg, um Gottes Wort den Russen in die Hand zu spielen. Die russischen Soldaten waren schon jahrelang an der Front gewesen, und viele von ihnen hatten daheim Kinder, die sie die ganze Zeit über nicht gesehen hatten. (Die Russen sind ausgesprochen kinderlieb.) Mein Sohn Mihai und andere Kinder unter zehn Jahren suchten die Russen täglich auf den Straßen und in den Parkanlagen auf und nahmen dabei immer Bibeln, Evangelien und christliche Broschüren in ihren Taschen mit. Man sah dann die russischen Soldaten ihnen übers Haar streichen, freundlich mit ihnen reden, wobei sie wohl an ihre eigenen Kinder dachten, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen hatten. Sie gaben ihnen immer Schokolade und Süßigkeiten, und die Kinder zeigten sich ihrerseits auch erkenntlich: mit Bibeln und Evangelien, die ihnen jene begierig abnahmen. So verrichteten oft unsere Kinder, was für uns Erwachsene zu gefährlich auf offener Straße gewesen wäre, völlig unangefochten. Sie waren den Russen junge Missionare. Die Ergebnisse dieser Arbeit waren hervorragend. Viele russische Soldaten erhielten auf diese Weise das Evangelium, wozu sonst keine Möglichkeit bestanden hätte.

 

Predigen in russischen Kasernen.

Wir arbeiteten unter den Russen nicht nur durch unser Zeugnis im persönlichen Gespräch. Daneben konnten wir auch missionarischen Dienst in kleinen Versammlungen tun. Die Russen hatten es ganz besonders auf Armbanduhren abgesehen. Sie „organisierten" Uhren, wo sie nur konnten. Sie hielten die Menschen auf der Straße an, und jeder musste ihnen seine Uhr aushändigen. Russen, die an jedem Arm mehrere Uhren aufgereiht hatten, waren keine Seltenheit. Ja, man konnte sogar weiblichen russischen Offizieren begegnen, die einen Wecker um den Hals hängen hatten. Sie hatten eben vorher noch nie eine Uhr gehabt, und jetzt konnten sie nicht genug davon ergattern. Rumänen, die eine Uhr haben wollten, brauchten nur zu den Unterkünften der russischen Armee zu gehen, um eine der gestohlenen zu kaufen, wobei sie zuweilen ihre eigene zurückkauften. So wurde es üblich für uns Rumänen, in den russischen Kasernen ein- und auszugehen. Wir von der Untergrundkirche hatten dadurch einen guten Vorwand – nämlich Uhren zu kaufen – um auch hineinzugelangen. Für meinen ersten Versuch, in einer russischen Militärbaracke zu predigen, wählte ich ein Fest der Orthodoxen Kirche, den Tag der Heiligen „Peter und Paul". Ich ging zum russischen Militärbezirk und gab vor, eine Uhr kaufen zu wollen. Nun war mir die eine zu teuer, die nächste zu klein, eine andere zu groß. Mehrere Soldaten scharten sich um mich, und jeder bot mir etwas zu kaufen an. Zwischendurch fragte ich im Scherz: „Heißt einer von euch Peter oder Paul?" Es waren einige darunter. Darauf sagte ich: „Wisst ihr auch noch, dass heute der Tag ist, an dem eure orthodoxe Kirche des heiligen Petrus und Paulus gedenkt?" Einige der älteren Russen wussten es noch. Deshalb fuhr ich fort: „Wer weiß denn, wer Peter und Paul waren?" Niemand wusste es. Deshalb fing ich an, ihnen von Petrus und Paulus zu erzählen. Einer der älteren russischen Soldaten unterbrach mich und sagte: „Du bist nicht gekommen, um Uhren zu kaufen. Du bist hergekommen, um uns über den Glauben etwas zu sagen. Setz' dich hier zu uns und sprich zu uns. Aber sei dabei vorsichtig! Wir wissen, vor wem wir uns vorzusehen haben. Die hier um mich herum sind alles gute Leute. Wenn ich dir meine Hand aufs Knie lege, darfst du nur von Uhren sprechen. Wenn ich die Hand wegziehe, kannst du mit deiner Botschaft wieder fortfahren." Eine ganz schöne Menge Menschen war inzwischen um mich herum, und ich erzählte ihnen von Petrus und Paulus, auch von dem Christus, für den schließlich Petrus und Paulus in den Tod gegangen sind. Dann und wann kam einer in die Nähe, denn sie nicht trauten. Der Landser legte mir dann seine Hand aufs Knie, und sogleich fing ich an, über Uhren zu reden. War der Betreffende verschwunden, predigte ich weiter von Jesus Christus. Durch die freundliche Hilfe der Christen unter den russischen Soldaten konnte ich solche Besuche noch viele Male wiederholen. Auch von ihren Kameraden fanden viele Christus. Tausende von Evangelien verteilten wir mit ihnen heimlich. Viele unserer Brüder und Schwestern aus der Untergrundkirche wurden gefasst und schwer misshandelt, aber sie verrieten nie unsere Organisation. Wir hatten aber auch die große Freude, bei unserer Arbeit Brüder aus der Untergrundkirche in Russland zu treffen und ihre Erfahrungen zu hören. Was uns vor allem an ihnen auffiel, waren Wesenszüge, wie sie von großen Heiligen berichtet werden. Und dabei waren sie durch so viele Jahre kommunistischer Beeinflussung hindurchgegangen. Einige von ihnen hatten sogar kommunistische Universitäten absolviert; aber in der Weise, wie ein Fisch im Salzwasser lebt und doch sein Fleisch süß erhält, hatten sie die kommunistischen Schulen durchlaufen, jedoch ihre Seelen dabei klar und rein in Christus bewahrt. Was hatten diese russischen Christen für herrliche Seelen! „Wir wissen", sagten sie, „dass der Stern mit Hammer und Sichel, den wir an unseren Mützen tragen, das Zeichen des Antichristen ist." Sie sagten das mit großem Kummer. Und sie halfen uns überall, das Evangelium unter den anderen russischen Soldaten auszubreiten. Ich muss sagen, dass sie eigentlich alle christlichen Tugenden besaßen, ausgenommen eine, die Freude. Diese zeigten sie lediglich bei der Bekehrung zu Christus. Dann verschwand sie wieder. Ich verwunderte mich immer darüber. Einmal fragte ich einen Baptisten: „Wie kommt es, dass ihr keine Freude kennt?" Er antwortete: „Wie kann ich freudig sein, wenn ich vor dem Pfarrer meiner Kirche verbergen muss, dass ich es ernst meine mit meinem Christsein, dass ich ein Gebetsleben führe, dass ich Menschen für Christus zu gewinnen trachte? Der offizielle Pfarrer der Kirche ist ein Verbindungsmann der Geheimpolizei. Bei uns wird einer vom anderen überwacht; die Hirten sind bei uns diejenigen, die die Herde verraten. Wohl existiert ganz tief in unserem Herzen die Freude über die Errettung, aber die für andere sichtbare Freude, wie ihr sie habt – sie hat bei uns keinen Platz mehr. Christsein ist bei uns eine aufregende Sache geworden. Wenn ihr in Freiheit lebenden Christen jemand für Christus gewinnt, so gewinnt ihr einer in ihrer Arbeit ungestörten Kirche ein neues Mitglied. Wenn wir aber einen Menschen hinzugewinnen, dann wissen wir schon, dass er ins Gefängnis kommen kann, dass seine Kinder vielleicht Waisen werden. Die Freude, jemand zu Christus gebracht zu haben, ist immer getrübt von dem dunklen Gefühl, dass ein Preis dafür bezahlt werden muss." Wir hatten hier einen völlig neuen Typ von Christen vor uns: den Christen der unterdrückten Kirche. Hier gab es noch viele Überraschungen für uns. Wie es viele gibt, die von sich meinen, sie seien Christen, es in Wirklichkeit aber nicht sind, so fanden wir unter den Russen viele, die meinten, sie seien Atheisten, doch in Wirklichkeit waren sie es nicht. Da saß jenes russische Ehepaar vor mir, beide Bildhauer. Als ich zu ihnen von Gott sprach, kam die spontane Antwort: „Nein! Gott gibt es nicht. Wir sind ‚Bezboshniki’, gottlos. Aber wir wollen Ihnen etwas Interessantes erzählen, was uns passiert ist." „Damals arbeiteten wir gerade an einem Stalinstandbild. Während der Arbeit fragte mich plötzlich meine Frau: ‚Mann, was für eine sonderbare Sache ist es doch mit dem Daumen! Wenn wir den Daumen den andern Fingern nicht entgegensetzen könnten — wenn die Finger der Hand genauso wären wie die Zehen – wir könnten ja keinen Hammer festhalten und keinen Meißel, weder irgendein Werkzeug noch ein Buch oder auch nur ein Stück Brot. Menschliches Leben wäre ohne diesen kleinen Daumen unmöglich. Wer hat bloß den Daumen gemacht? Wir haben doch beide in der Schule den Marxismus gelernt und wissen, dass Himmel und Erde aus sich selber entstanden sind. Sie sind nicht von Gott geschaffen. Das hab' ich gelernt, und das glaub' ich. Aber wenn Gott auch nicht Himmel und Erde geschaffen hat, wenn er nur den Daumen erschaffen hat, wäre er allein wegen diesem kleinen Ding schon zu loben. Wir rühmen Edison und Bell und Stephenson, die die Glühlampe, das Telefon und die Eisenbahn erfunden haben und noch viele andere Dinge. Aber warum sollten wir nicht auch den rühmen, der den Daumen gemacht hat? Wenn Edison keinen Daumen gehabt hätte, hätte er gar nichts erfinden können. Es ist recht und billig, Gott dafür zu verehren, dass er den Daumen gemacht hat." Ihr Mann wurde sehr ärgerlich, wie es Ehemänner öfter werden, wenn ihre Frauen ihnen kluge Dinge sagen. „Sprich keine Dummheiten! Du hast doch gehört, dass es keinen Gott gibt. Genauso wenig, wie wir wissen können, ob ein Haus nicht verwanzt ist und ob uns nicht ein Unglück zustoßen wird! Lass dir ein für allemal gesagt sein, es gibt keinen Gott. Im Himmel ist niemand!" Sie erwiderte: „Das ist ein noch größeres Wunder. Wenn im Himmel der allmächtige Gott wäre, an den in ihrer Dummheit unsere Vorväter geglaubt haben, dann wäre es ganz natürlich, dass wir Daumen hätten. Ein allmächtiger Gott kann alles schaffen, also kann er auch Daumen machen. Aber wenn im Himmel niemand ist, dann bin ich, was mich betrifft, entschlossen, von ganzem Herzen diesen ‚Niemand' zu verehren, der den Daumen gemacht hat." So wurden sie Verehrer des „Niemand". Ihr Glaube an diesen „Niemand" wurde mit der Zeit umfassender, da sie an ihn nicht nur als den Schöpfer des Daumens, sondern auch der Sterne, Blumen, Kinder, überhaupt alles Schönen im Leben glaubten. Sie glichen jenen, die einst Paulus in Athen als Verehrer des „Unbekannten Gottes" angetroffen hatte. Dieses Paar war unsagbar glücklich, als sie hörten, sie hätten zu Recht geglaubt, dass im Himmel wirklich ein „Nie-man(d)" ist, ein Gott, der „Nicht-Mensch", sondern Geist ist: ein Geist der Liebe, der Wahrheit, der Weisheit und der Kraft, der sie so geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn sandte und sich selber für sie am Kreuz geopfert hat. Sie hatten an Gott geglaubt, ohne zu wissen, dass sie es schon taten. Mir wurde das große Vorrecht zuteil, sie noch einen Schritt weiter zu führen — zu der persönlichen Erfahrung der Errettung und Erlösung. Ein andermal begegnete mir auf der Straße eine Russin in Offiziersuniform. Ich ging auf sie zu und entschuldigte mich: „Ich weiß, es ist unhöflich, eine unbekannte Dame auf der Straße anzusprechen, aber ich bin Pfarrer, und mein Anliegen ist ernsthaft. Ich möchte mit Ihnen über Christus sprechen." Sie fragte mich: „Lieben Sie Christus?" „Ja", sagte ich, „von ganzem Herzen." Da fiel sie mir in die Arme und küsste mich immer wieder. Es war eine sehr peinliche Situation für einen Pastor, deshalb küsste ich sie ebenfalls, in der Hoffnung, die Leute dächten, wir seien Verwandte. Sie erklärte mir: „Auch ich liebe Christus." So nahm ich sie mit nach Hause. Dort entdeckte ich zu meinem Erstaunen, dass sie nichts von Christus wusste – absolut nichts – außer dem Namen. Und doch liebte sie ihn. Sie wusste nicht, dass er der „Retter" ist, noch was „Errettung" bedeutet. Sie wusste nicht, wo und wie er gelebt hat und wofür er gestorben ist. Sie kannte nicht seine Lehren, sein Leben noch seinen göttlichen Auftrag. Sie war für mich ein psychologisches Rätsel. Wie kann man jemand lieben, wenn man nur seinen Namen kennt? Als ich nachforschte, erklärte sie es mir: „Als Kind brachte man mir bei, anhand von Bildern zu lesen. Für ein ‚A' stand ein Apfel, für ein ‚B' ein Baum, für ein ‚D' ein Dach und so fort. Als ich später zur Hochschule kam, lernte ich als ‚heilige Pflicht', das kommunistische Vaterland zu verteidigen. Ich wurde auch in kommunistischer Moral unterwiesen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie eine ‚heilige Pflicht' oder ‚Moral' aussah. Denn ich brauchte ein Bild dafür. Nun wusste ich aber, dass unsere Vorväter ein Bild für alles Schöne, Preiswürdige und Wahre im Leben hatten. Meine Großmutter neigte sich immer vor diesem Bild, und sie sagte auch, dass es das Bild von einem war, der ‚Cristos' hieß. Allein schon diesen Namen liebte ich. Er gewann für mich eine eigenartige Wirklichkeit. Ich muss schon sagen, dieser Name verschaffte mir geradezu Freude." Während ich ihr zuhörte, kam mir in den Sinn, was im Philipperbrief geschrieben steht, dass sich vor seinem Namen einmal alle Knie beugen werden. Vielleicht könnte es dem Antichrist gelingen, die Erkenntnis Gottes eine Zeitlang zu verdunkeln und aus der Welt zu schaffen. Aber in dem bloßen Namen Christus steckt schon so viel Kraft, und diese wird die Menschen wieder zum Licht führen. In meiner Wohnung fand sie Jesus Christus, nun voller Freude darüber, dass der Eine, dessen Namen sie schon liebte, jetzt selbst in ihrem Herzen lebte. Jede Begegnung, die ich mit Russen hatte, war voller Poesie und tiefer Bedeutung. Eine Schwester, die das Evangelium auf Bahnhöfen verteilte, gab einem daran interessierten Offizier meine Adresse. Eines Abends kam er zu mir ins Haus – ein hoch gewachsener, stattlicher russischer Leutnant. Ich fragte ihn: „Wie kann ich Ihnen dienen?" Er antwortete: „Ich bin gekommen, um göttliches Licht zu erhalten." So fing ich an, ihm die wesentlichsten Stellen aus der Heiligen Schrift vorzulesen. Da legte er mir seine Hand auf meine und sagte: „Ich bitte Sie ganz herzlich, führen Sie mich nicht irre. Ich gehöre zu einem Volk, das im Dunkeln gehalten wird. Sagen Sie mir aufrichtig, ist dies wirklich Gottes Wort?" Ich gab ihm die Zusicherung. Er hörte stundenlang zu — und nahm Christus an. Russen sind niemals gekünstelt oder oberflächlich in religiösen Dingen. Ob sie gegen die Religion gekämpft haben oder dafür eingetreten sind und Christus gesucht haben, in beides haben sie stets ihre ganze Seele gelegt. Das ist ein Grund, warum in Russland jeder Christ ein Missionar wird, der Seelen zu gewinnen sucht. Das ist aber auch ein Grund, warum kein Land der Erde so aufgeschlossen und reif für die Arbeit des Evangeliums ist. Die Russen sind eines der von Natur aus am stärksten religiös veranlagten Völker der Erde. Der Gang der Weltgeschichte könnte verändert werden, wenn wir sie dem Angriff des Evangeliums aussetzten. Es ist eine wahre Tragödie, dass dieses russische Land und seine Völker geradezu einen Hunger nach Gottes Wort haben, es jedoch den Anschein hat, als ob alle Christen hier die Russen abgeschrieben hätten. Bei einer Bahnfahrt saß mir in dem Abteil ein russischer Offizier gegenüber. Ich hatte mit ihm über Christus zu sprechen versucht, als er mir schon nach wenigen Minuten mit einem wahren Ausbruch atheistischer Argumente entgegentrat. Von Marx, Stalin, Voltaire, Darwin und anderen Gewährsleuten flossen ihm Zitate gegen die Bibel nur so aus dem Mund. Er gab mir keine Gelegenheit, ihn zu widerlegen. Er redete fast eine Stunde lang, um mich davon zu überzeugen, dass es keinen Gott gibt. Als er zu Ende war, fragte ich ihn: „Wenn es keinen Gott gibt, warum beten Sie denn, wenn Sie in Not sind?" Wie ein beim Stehlen überraschter Dieb erwiderte er: „Woher wissen Sie denn, dass ich bete?" Ich erlaubte ihm nicht zu entschlüpfen. „Ich habe meine Frage zuerst gestellt. Ich habe gefragt, warum Sie beten. Bitte, antworten Sie!" Er senkte etwas den Kopf und gab zu: „Als wir an der Front von den Deutschen eingeschlossen waren, haben wir alle gebetet. Wir wussten nicht recht, wie wir es anstellen sollten. Deshalb sagten wir einfach: „Du Gott und mütterlicher Geist …" „- was in den Augen dessen, der die Herzen ansieht, sicherlich ein sehr gutes Gebet ist." Unser Dienst an den Russen hat viel Frucht gebracht. Hier erinnere ich mich besonders an Piotr. Niemand von uns weiß, in welchem russischen Gefängnis er gestorben ist. Er war noch so jung! Vielleicht zwanzig. Er war mit der russischen Armee nach Rumänien gekommen. Er wurde in einer unserer Untergrundversammlungen vom Atheismus zu Gott bekehrt und bat mich, ihn zu taufen. Nach seiner Taufe forderte ich ihn auf, uns zu erzählen, was für ein Wort aus der Bibel den stärksten Eindruck auf ihn gemacht und ihn dazu gebracht habe, zu Christus zu kommen. Er habe, sagte er, in einer unserer geheimen Versammlungen ¬ich hatte aus Lukas 24 gelesen – aufmerksam die Geschichte verfolgt, wo Jesus die zwei Jünger auf dem Wege nach Emmaus trifft. Als sie nahe an das Dorf kamen, heiße es im Evangelium, „tat er so, als habe er weitergehen wollen". Piotr sagte: „Ich wollte gern wissen, warum Jesus das getan hat. Sicherlich wollte er doch bei seinen Jüngern bleiben. Warum aber hat er denn gesagt, dass er weitergehen wollte? Meine Erklärung war, dass Jesus sehr rücksichtsvoll ist. Er wollte eben ganz sicher sein, dass er erwünscht war. Als er dann sah, dass er willkommen war, trat er froh mit ihnen ins Haus ein. Die Kommunisten sind rücksichtslos. Sie drängen sich mit Gewalt in unser Herz und unsern Geist. Sie zwingen uns vom frühen Morgen bis zum späten Abend, ihnen zuzuhören. Sie tun es in ihren Schulen, sie tun es durch Rundfunk und Zeitungen, durch Plakate und Filme, durch atheistische Versammlungen, ja, überall, wo man sich aufhält. Man muß beständig ihrer Gottlosenpropaganda zuhören, ob man will oder nicht. Jesus dagegen achtet unsere Freiheit. Er klopft sanft an die Tür. Jesus hat mich durch seine höfliche Rücksicht gewonnen." Dieser unübersehbare Kontrast zwischen dem Wesen des Kommunismus und dem von Christus hatte ihn überwunden. Er war nicht der einzige Russe, dem sich dieser Wesenszug Jesu tief eingeprägt hatte. Ich muss gestehen, dass ich, als Pfarrer, von diesem Gesichtspunkt aus noch nie darüber nachgedacht hatte. Nach seiner inneren Umwandlung setzte Piotr immer wieder seine Freiheit und sein Leben aufs Spiel, indem er christliche Literatur nach Russland einschleuste und von Rumänien aus der Untergrundkirche in der Sowjetunion Hilfe brachte. Am Ende wurde er verhaftet. Ich weiß nur, dass er noch 1959 im Gefängnis war. Ist er inzwischen gestorben? Ist er schon bei Christus, oder kämpft er in dieser Welt noch den guten Kampf des Glaubens? Ich weiß es nicht. Aber es genügt, dass Gott weiß, wo er jetzt ist. Ähnlich wie bei ihm blieb es auch bei vielen anderen nicht bei der eigenen Hinwendung zu Gott. Keiner von uns sollte dabei stehen bleiben, einer Seele zum Heil in Christus verholfen zu haben. Vielmehr muss jede Seele, die für Christus gewonnen wurde, selber wiederum zu einem Seelengewinner gemacht werden. Die Russen wurden nicht bloß zu Gott bekehrt, sondern zugleich auch wieder Missionare in der Untergrundkirche. Sie waren unbekümmert und voller Wagemut für Christus und beteuerten immer wieder, wie wenig das sei, was sie für Christus tun könnten, wo er doch für sie gestorben sei.

Unser verborgener Dienst für ein geknechtetes Volk

Das zweite Arbeitsgebiet war unsere geheime missionarische Arbeit unter den Rumänen selber. Sehr bald schon ließen auch bei uns die Kommunisten die Maske fallen. Am Anfang hatten sie noch Methoden angewandt, um die Kirchenführer auf ihre Seite zu ziehen; dann aber begann der offene Terror. Tausende wurden verhaftet. Einen Menschen für Christus zu gewinnen wurde auch für uns jetzt eine aufregende Sache, wie sie es für die Russen schon lange war. Später war ich dann selber im Gefängnis mit solchen Menschen zusammen, die Gott mich vorher hatte für Christus gewinnen lassen. Ich war mit einem zusammen in derselben Zelle, der sechs Kinder zurückgelassen hatte und nun um seines Glaubens willen im Gefängnis saß. Seine Frau und die Kinder litten Hunger.

Wahrscheinlich sah er sie nie mehr wieder. Ich fragte ihn: „Hegst du irgendeinen Groll gegen mich im Herzen, weil ich dich zu Jesus Christus gebracht und dadurch deine Familie in solches Elend gestürzt habe?" Er sagte: „Ich habe keine Worte, um meinen Dank auszudrücken, dass du mich zu dem wunderbaren Retter gebracht hast. Ich wollte es nie mehr anders haben." Unter den neuen Bedingungen Christus zu predigen war nicht leicht. Es gelang uns, verschiedene christliche Traktate zu drucken und sie durch die strenge Zensur der Kommunisten hindurch zubringen. Wir legten dem kommunistischen Zensor eine Broschüre vor, die auf ihrem Titelblatt ein Bild von Karl Marx aufwies, dem Begründer des Kommunismus. Das Buch war betitelt „Religion ist Opium für das Volk", andere hatten ähnliche Titel. Der Beamte hielt sie für kommunistische Literatur und drückte seinen Stempel darauf. In diesen Büchern gaben wir nach ein paar Seiten mit Zitaten von Marx, Lenin und Stalin, die den Prüfer zufrieden stellten, unsere Botschaft von Jesus Christus heraus. Eine Untergrundkirche ist nicht ganz verborgen. Einem Eisberg vergleichbar, bleibt ein kleiner Teil ihrer Arbeit sichtbar. So gingen wir zu den kommunistischen Massenversammlungen und verteilten dabei diese „kommunistischen" Broschüren. Die Kommunisten drängten sich, das Buch zu kaufen, als sie das Bild von Karl Marx darauf sahen. Beim Lesen kamen sie schon noch auf Seite zehn, und wenn sie dann herausfanden, dass das Folgende von Gott und Jesus Christus handelte, waren wir wieder im Untergrund. Dennoch war die Verkündigung unter diesen Bedingungen nicht einfach. Das ganze Volk wurde ja in schwerster Unterdrückung gehalten. Die Kommunisten nahmen den Leuten praktisch alles. Dem Bauern nahmen sie sein Land und sein Vieh, dem Friseur seinen kleinen Laden und dem Schneider seine Werkstatt. Nicht nur die Kapitalisten wurden enteignet. Auch arme Leute hatten sehr zu leiden. Es gab kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen im Gefängnis hatte. Die allgemeine Not war riesengroß. Die Leute fragten: „Wie ist es möglich, dass ein Gott der Liebe den Triumph des Bösen zulässt?" Den ersten Aposteln wäre es kaum leichter gefallen, am Karfreitag die Botschaft von Jesus Christus zu predigen, nachdem er am Kreuz gestorben war und die Worte ausgerufen hatte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Die Tatsache aber, dass Sein Werk dennoch unter uns getan wurde, erweist, dass es von Gott war und nicht von uns. Daher kann nur der Glaube an Jesus Christus jene Fragen beantworten. Jesus erzählt die Geschichte vom armen Lazarus, der auch so unterdrückt war wie wir – am Sterben, Hunger leidend, nur noch Hunde um ihn herum, die seine Schwären leckten – aber am Ende trugen ihn Gottes Engel in Abrahams offene Arme.

 

Wie die Kirche aus dem Untergrund in die Öffentlichkeit hineinwirkte

Die Untergrundkirche versammelte sich in Privathäusern, in Wäldern, in Kellergeschossen – wo immer sie konnte. Dort, im geheimen, bereitete sie ihre Arbeit in der Öffentlichkeit vor. Unter den Augen der Kommunisten entwarfen wir unseren Plan für eine Straßenmission, die zwar mit der Zeit immer gefahrvoller wurde, aber auf diese Art viele Menschen erreichte, die wir sonst nie erreicht hätten. Besonders meine Frau war darin sehr aktiv. Ein paar Christen sammelten sich unauffällig an einer Straßenecke und fingen an zu singen. Die Leute blieben um sie herum stehen, um den schönen Gesang zu hören, und meine Frau sagte ihnen dann die Frohe Botschaft. Wir verließen den Platz, bevor die Straßenpolizei herbeikam. Eines Nachmittags, während ich woanders tätig war, verkündigte meine Frau die Botschaft von Jesus Christus vor Tausenden von Arbeitern der großen „Malaxa"-Fabrik im Herzen von Bukarest. Sie sprach zu den Arbeitern über Gott und die Erlösung. Am folgenden Tag wurden viele Arbeiter in dieser Fabrik nach einem Aufstand gegen Ungerechtigkeiten der Kommunisten erschossen. Sie hatten noch rechtzeitig die Frohe Botschaft gehört. Wir waren zwar eine Kirche im Untergrund, aber wie Johannes der Täufer sprachen wir ganz öffentlich zu den Menschen und auch zu den Herrschenden von der Errettung durch Jesus Christus. Eines Tages bahnten sich zwei unserer Brüder über die Stufen unseres Regierungsgebäudes ihren Weg zu unserem Ministerpräsidenten Gheorghiu Dej. In den wenigen Augenblicken, die ihnen zur Verfügung standen, bezeugten sie ihm das Evangelium von Jesus Christus, legten ihm dringend ans Herz, von seinen Sünden und der Verfolgung der Christen abzulassen. Er ließ sie für ihr freimütiges Zeugnis ins Gefängnis werfen. Jahre später, als derselbe Ministerpräsident Gheorghiu Dej sehr krank war, trug die Saat des Evangeliums, die sie damals ausgesät und wofür sie schwer gelitten hatten, ihre Frucht. In der Stunde seiner Not erinnerte sich der Ministerpräsident an die Worte, die sie damals zu ihm gesprochen hatten. Diese Worte waren, wie die Bibel sagt, „lebendig und kräftig und schärfer denn ein zweischneidig Schwert" (Hebräer 4, 12). Sie drangen durch den Panzer seines Herzens, und er übergab sein Leben Christus. Er bekannte seine Sünden, nahm den Erretter an und fing noch in seiner Krankheit an, Ihm zu dienen. Nicht lange danach starb er, aber er ging heim zu seinem Heiland, der ihn wie einen Brand aus dem Feuer gerettet hatte, weil zwei Christen bereit gewesen waren, den Preis dafür zu bezahlen. Die Haltung dieser beiden ist beispielhaft für das mutige Zeugnis der Christen in atheistischen Ländern heute. Die Untergrundkirche arbeitete nicht nur in geheimen Versammlungen und getarnten Unternehmungen, sondern ebenso in unerschrockener, offener Verkündigung des Evangeliums auf den Straßen und vor hohen kommunistischen Funktionären. Das kostete einen Preis. Wir waren darauf vorbereitet, ihn zu zahlen. Und die unterdrückte Kirche ist immer noch bereit, ihn auch heute zu zahlen. Die Geheimpolizei verfolgte die Untergrundkirche deshalb so hart, weil sie in ihr den einzigen wahrhaft wirksamen Widerstand erkannt hatte. Denn nur diese Art von Widerstand, der geistige Widerstand, vermöchte ihre atheistische Macht zu untergraben, wenn sie ihn ungehindert wirken ließen. Sie erkannten darin, wie es nur dem Teufel möglich ist, eine unmittelbare Bedrohung für sie selber. Sie wussten, wenn ein Mensch an Christus glaubte, würde er nie zu einem geistlosen, willfähigen Werkzeug werden. Sie wussten, dass sie wohl Menschen einkerkern konnten, aber nicht den Glauben an Gott. Dennoch hat die unterdrückte Kirche ihre Anhänger und Mitglieder selbst in der kommunistischen Regierung und sogar in der Geheimpolizei. Wir beauftragten Christen, der Geheimpolizei beizutreten und die verachtete Uniform in unserem Land anzuziehen, damit sie die Schritte der Geheimpolizei der Untergrundkirche melden konnten. Mehrere Brüder der Untergrundkirche befolgten das und hielten ihren Glauben verborgen. Es ist keine Kleinigkeit, von der eigenen Familie und von Freunden verachtet zu werden, weil man die kommunistische Uniform trägt, und ihnen den wahren Auftrag nicht sagen zu können. Doch sie nahmen es auf sich – aus selbstloser Liebe zu Christus und seiner Gemeinde. Als ich von der Straße weg entführt und jahrelang unter strengster Geheimhaltung in Haft gehalten wurde, trat der Fall ein, dass ein christlicher Arzt Mitglied der Geheimpolizei wurde, um meinen derzeitigen Aufenthaltsort herauszufinden. Als Vertrauensarzt der Geheimpolizei hatte er Zugang zu den Zellen aller Häftlinge und hoffte so, mich zu entdecken. Alle seine Freunde mieden ihn, weil sie glaubten, er sei Kommunist geworden. In der Uniform der Folterer umherzulaufen ist für einen Gläubigen ein weit größeres Opfer, als die Kluft der Häftlinge zu tragen. Der Arzt fand mich in einer dunklen Kellerzelle und gab Nachricht, dass ich noch am Leben war. Er war der erste Freund, der mich während meiner ersten achteinhalb Jahre Gefängnis aufgespürt hatte. Ihm ist es zu verdanken, dass die Kunde, ich sei noch am Leben, hinaus drang, und als während des Eisenhower-Chruschtschow-Tauwetters im Jahre 1956 Häftlinge begnadigt wurden, stellten Christen der unterdrückten Kirche auch für mich einen Entlassungsantrag, und ich wurde für kurze Zeit frei. Hätte sich dieser christliche Arzt nicht dazu entschlossen, der Geheimpolizei beizutreten, um in erster Linie mich aufzuspüren, wäre ich nie herausgekommen. Ich wäre noch heute im Gefängnis oder im Grabe. Diese Glieder der Untergrundkirche benutzten ihre Stellung in der Geheimpolizei dazu, uns von Fall zu Fall zu warnen, und waren uns von großer Hilfe. Die Untergrundkirche hat auch heute noch Vertrauensleute in der Geheimpolizei, die ihre christlichen Brüder dadurch schützen, dass sie rechtzeitig sie vor drohender Gefahr warnen. Einige von ihnen sind in höchsten kommunistischen Führungsgremien, und indem sie ihren Glauben verbergen, helfen sie uns in großem Maße. Dereinst können sie Christus, dem sie jetzt verborgen dienen, öffentlich bezeugen. ‚Dennoch werden viele Mitglieder der Untergrundkirche entdeckt und eingekerkert. Auch wir hatten unsere Judasse, die ausplauderten und der Geheimpolizei berichteten. Die Kommunisten scheuten kein Mittel, durch Schläge und Verwendung von Drogen, durch Drohung und Erpressung Geistliche und Laien ausfindig zu machen, die bereit wären, über ihre Brüder laufend Berichte zu machen.
 

2. Kapitel

Bis zum 29. Februar 1948 war ich in zwei Funktionen tätig: in einer der Öffentlichkeit sichtbaren und einer im Untergrund verborgenen. Es war an einem Sonntag – einem besonders schönen Sonntag. An jenem Sonntag wurde ich auf meinem Wege zur Kirche von der Straße weg gewaltsam von der Geheimpolizei entführt. Schon oft hatte ich wissen wollen, was Menschenraub, der auch in der Bibel mehrmals erwähnt wird, für den Betroffenen bedeutet. Der Kommunismus hat es uns begreifen gelehrt. Viele wurden damals auf diese Art entführt. Ein geschlossener Wagen der Geheimpolizei hielt unmittelbar vor mir an, vier Männer sprangen heraus und stießen mich in den Wagen hinein. Ich blieb jahrelang verschwunden. Über acht Jahre lang wußte niemand, ob ich noch am Leben oder schon tot war. Meine Frau wurde von Geheimpolizisten, die sich als entlassene Mitgefangene ausgaben, teilnehmend aufgesucht. Sie erzählten ihr, sie wären bei meiner Beerdigung dabei gewesen. Ihr brach das Herz. Tausende aus Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften kamen zu jener Zeit ins Gefängnis. Nicht nur Geistliche wurden in den Kerker geworfen, auch ganz einfache Bauern, junge Burschen und Mädchen, die für ihren Glauben eintraten. Die Gefängnisse waren überfüllt, und in Rumänien, wie überhaupt in kommunistischen Ländern, bedeutet, im Gefängnis sein, vielfach auch leiden. Die Folterungen waren oft sehr hart. Ich möchte lieber nicht zuviel darüber sprechen. Immer wenn ich es tue, kann ich nachts nicht schlafen. Es setzt mir zu sehr zu. In dem Buch „In Gottes Untergrund" berichte ich im einzelnen unsere Erfahrungen mit Gott im Kerker.

 

Unsagbare Folterungen

Ein Pfarrer mit Namen Florescu wurde mit glühenden Schürhaken und mit Messern gefoltert. Er wurde arg zusammengehauen. Dann wurden ausgehungerte Ratten durch ein Rohr in seine Zelle hineingetrieben. Er konnte nicht schlafen, sondern hatte nur damit zu tun, sich die ganze Zeit über zu verteidigen. Wenn er nur einen Augenblick ausruhte, griffen ihn die Ratten sofort wieder an. Er mußte zwei Wochen lang, Tag und Nacht, stehen. Die Kommunisten wollten ihn zwingen, seine Glaubensbrüder zu verraten. Aber er blieb standhaft. Schließlich
brachten sie seinen vierzehn Jahre alten Sohn herbei und begannen, den Jungen vor den Augen des Vaters zu peitschen, und drohten, ihn so lange zu schlagen, bis der Pfarrer aussagen würde, was sie von ihm hören wollten: Der arme Mann war halb von Sinnen. Er hielt aus, solange seine Kraft reichte. Als er es nicht mehr ertragen konnte, rief er seinem Sohn zu: „Alexander, ich muss jetzt aussagen, was sie wissen wollen. Ich kann nicht länger ertragen, wie sie dich schlagen!" Der Junge antwortete: „Vater, tu mir das nicht an, dass ich einen Verräter zum Vater habe. Bleib' standhaft gegen sie! Wenn sie mich töten, werde ich sterben mit den Worten Jesus und mein Vaterland'." Voller Wut fielen die Kommunisten über das Kind her und schlugen es zu Tode – die Zellenwände waren übersät mit Blutspritzern. Noch im Sterben pries er seinen Gott. Unser Bruder Florescu aber war nach diesem Erleben nicht mehr derselbe wie vorher. Die Handfesseln, die uns um die Handgelenke gelegt wurden, hatten auf den Innenseiten scharfe Spitzen. Wenn wir uns vollkommen bewegungslos verhielten, stachen sie wenig. Aber in den bitterkalten Zellen wurden unsere Handgelenke, da wir uns vor Kälte schüttelten, von den scharfen Eisenspitzen aufgerissen. Einige Christen wurden an Tauen mit dem Kopf nach unten aufgehängt und dann so heftig geschlagen, dass ihre Körper unter den Schlägen vor- und zurück schwangen. Andere wurden in Kühlfächer von Eisschränken gesteckt, in denen der Frost das Eis schon an den Wänden hatte niederschlagen lassen. Ich selber wurde in eine solche Eiszelle gesperrt mit kaum Bekleidung auf dem Leibe. Gefängnisärzte überwachten uns durch eine Öffnung, bis sie die ersten Symptome tödlicher Starre bemerkten, gaben dann ein Warnzeichen, worauf Wachen herbeieilten, um uns in Empfang zu nehmen und wieder aufzuwärmen. Hatte sich der Körper dann wieder etwas erwärmt, wurden wir von neuem in die Gefrierfächer gesteckt – und das immer wieder! Auftauen, dann abkühlen bis knapp ein, zwei Minuten vor Eintreten des Erfrierungstodes, und wiederum auftauen. Das setzte sich schier endlos fort. Manchmal kann ich es selbst heute nicht ertragen, einen Kühlschrank zu öffnen. Wir Christen wurden auch in Holzverschläge gesteckt, die kaum größer waren als wir selber. Sie erlaubten keine Bewegungsfreiheit. Dutzende spitzer Nägel waren in die Seitenwände getrieben und ragten mit ihren scharfkantigen Enden in den Verschlag hinein. Solange wir ganz still standen, war es noch erträglich. Wir mußten in diesen Verschlägen aber Stunden um Stunden stehen. Wurden wir matt und schwankten vor Ermüdung, bohrten sich die Nägel in unsere Körper. Schon wenn wir uns bloß bewegten oder mit einer Muskel zuckten – sofort waren die quälenden Nägel da. Was die Kommunisten den Christen angetan haben, übersteigt alle menschliche Vorstellungskraft. Ich habe gesehen, wie Christen gefoltert wurden, und die Gesichter der Folterer verzerrten sich dabei in hämischer Freude. Während sie ihre Opfer folterten, schrieen sie ihnen zu: „Wir sind der Teufel!" Wir kämpfen nämlich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Repräsentanten und Gewalten des Bösen selber. Uns ist es ganz deutlich geworden, dass dieses System nicht von Menschen stammt, sondern vorn Prinzip des Bösen, dem Teufel. Es stellt eine geistige Gewalt dar, eine Macht des Bösen, und kann folglich nur durch eine größere geistige Macht, den Geist Gottes, überwunden werden. Oft fragte ich die Folterer: „Habt ihr tatsächlich kein Mitleid in euren Herzen?" Gewöhnlich antworteten sie mit einem Zitat von Lenin: „Man kann keine Omelette machen, ohne die Schale der Eier zu zerbrechen, und man kann kein Holz spalten, ohne dass Späne fliegen." Ich entgegnete: „Ich kenne dieses Zitat von Lenin. Aber da besteht doch ein Unterschied. Wenn ein Stück Holz gespalten wird, fühlt es nichts. Hier aber habt ihr es mit menschlichen Wesen zu tun. Jeder Schlag verursacht Schmerzen, und es gibt auch noch Mütter, die weinen." Es war alles umsonst. Sie sind Materialisten. Für sie existiert nichts als Materie, und ein Mensch ist für sie wie ein Stück Holz, wie eine Eierschale. Mit solchem Glauben sinken sie in unvorstellbare Tiefen der Grausamkeit. Für uns ist die Grausamkeit des Atheismus kaum zu fassen.  Wenn aber ein Mensch nicht an eine Belohnung des Guten und eine Bestrafung des Bösen glaubt, dann gibt es auch keinen Grund mehr, menschlich zu sein. Da gibt es keine Zurückhaltung mehr vor den Abgründen des Bösen, die im Menschen verborgen sind. Die kommunistischen Folterknechte sagten oft: „Es gibt keinen Gott, kein Hernach, keine Bestrafung des Bösen. Wir können machen, was wir wollen." Einen dieser Peiniger habe ich sogar sagen hören: „Ich danke Gott, an den ich nicht glaube, dass ich diese Stunde erlebt habe, wo ich allem Bösen in meinem Herzen freien Lauf lassen kann." Er brachte das auch in unglaublicher Brutalität und unmenschlicher Folter, die er den Häftlingen antat, zum Ausdruck. Wenn ein Krokodil einen Mensch auffrißt, erregt das mein Mitleid, aber ich kann das Krokodil nicht verdammen. Es ist eben ein Krokodil. Es ist kein moralisches Wesen.

Ebenso wenig kann man über die Kommunisten ein moralisches Urteil fällen. Der Kommunismus hat in ihnen jedes moralische Gefühl zerstört. Sie waren noch stolz darauf, dass sie kein Mitleid mehr in ihren Herzen fühlten. Ich habe von ihnen eins gelernt. Wie sie Jesus keinen Platz in ihrem Herzen einräumten, so entschloß ich mich, in meinem dem Satan auch nicht den geringsten Platz zu überlassen. Ich habe vor dem Unterausschuß für Innere Sicherheit des amerikanischen Senats meine Aussage gemacht. Dort habe ich über solche furchtbaren Dinge berichtet, wie Christen vier Tage und Nächte lang an Kreuze gefesselt waren. Die Kreuze wurden auf den Boden gelegt, und Hunderte von Häftlingen mußten nun ihre leibliche Notdurft über den Gesichtern und Leibern der Gekreuzigten verrichten. Dann wurden die Kreuze wieder aufgerichtet, und die Kommunisten frohlockten und spotteten: „Betrachtet euren Christus! Wie schön er ist! Was für einen Duft bringt er vom Himmel mit!" Ich habe geschildert, wie ein Priester, nachdem er durch das Foltern fast in den Wahnsinn getrieben worden war, gezwungen wurde, menschlichen Kot und Urin zu weihen und in dieser Form den Christen die Heilige Kommunion zu spenden. Das hat sich in dem rumänischen Gefängnis von Pitesti ereignet. Ich habe den Priester später gefragt, warum er nicht lieber gestorben sei, als an dieser Verhöhnung teilzuhaben. Er hat geantwortet: „Bitte, maßen Sie sich kein Urteil über mich an. Ich habe zuviel gelitten." Alle die aus der Bibel bekannten Darstellungen der Hölle und auch die Qualen des Danteschen Infernos sind nichts im Vergleich mit den Folterungen in kommunistischen Gefängnissen. Das hier Geschilderte ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was sich an einem Sonntag und an vielen anderen Sonntagen in dem Gefängnis von Pitesti zugetragen hat. Es geschahen dort Dinge, für die sich einfach keine Worte finden. Ich fürchte, mein Herz würde aussetzen, sollte ich sie immer von neuem beschreiben. Sie sind zu grauenhaft und zu obszön, um hier niedergeschrieben zu werden. Aber eure Brüder in Christus haben sie durchlebt und müssen sie noch heute durchstehen! Einer der wahrhaft Großen im Glauben war Pfarrer Milan Haimovici. Die Gefängnisse waren überfüllt, und die Wächter kannten uns nicht mit Namen. Sie riefen gerade diejenigen auf, die zu fünfundzwanzig Peitschenhieben verurteilt worden waren, weil sie gegen irgendeinen Paragraphen der Gefängnisordnung verstoßen hatten. Unzählige Male trat Pfarrer Milan Haimovici vor, um die Auspeitschung an Stelle eines anderen zu empfangen. Dadurch gewann er die Achtung der anderen Häftlinge nicht nur für sich, sondern auch für Christus, dessen Botschafter er war. Wenn ich fortfahren müßte, alle Greueltaten der Atheisten und alle Selbstaufopferung der Christen darzustellen, käme ich zu keinem Ende. Denn nicht nur die Folterungen wurden bekannt. Auch das heldenhafte Verhalten kam ans Licht. Und dieses heldenhafte Beispiel von denen im Gefängnis beflügelte die Brüder, die noch der Verhaftung entgangen waren, zum Zeugendienst. Unter unseren Mitarbeitern war auch ein junges Mädchen aus der Untergrundkirche. Die Polizei hatte herausgefunden, dass sie im geheimen Evangelien verteilte und Kinder über Christus unterwies. Ihre Verhaftung war sicher. Um sie aber noch peinigender und so qualvoll wie nur möglich zu machen, hatten sie wohl beschlossen, ihre Verhaftung noch einige Wochen aufzuschieben bis genau zu dem Tag, wo sie ihre Hochzeit festgesetzt hatte. Der Tag kam heran, das Mädchen war als Braut geschmückt – der herrlichste, freudigste Tag im Leben eines Mädchens! Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen, und Geheimpolizisten stürzten herein. Als die Braut die Geheimpolizisten sah, hielt sie ihnen ihre Arme entgegen, um sich widerstandslos fesseln zu lassen. Roh legten sie ihr die Handschellen um die Handgelenke. Sie blickte nach ihrem Geliebten, küßte dann die Ketten und sagte: „Ich danke meinem himmlischen Bräutigam für das Geschmeide, das er mir zu meinem Hochzeitstag geschenkt hat. Ich danke ihm, dass ich würdig bin, für ihn zu leiden." Sie wurde fortgezerrt unter dem Weinen der Christen und den Tränen des zurückgelassenen Bräutigams. Sie wußten, was jungen Mädchen, die Christus bekannten, in den Händen kommunistischer Wachmannschaften zustößt. Nach fünf Jahren wurde sie entlassen – eine zerstörte, gebrochene Frau, die dreißig Jahre älter aussah. Ihr Verlobter hatte auf sie gewartet Sie sagte, es sei das Geringste gewesen, das sie für ihren Christus habe tun können. Solche ihrem Herrn ähnlichen Christen sind in der Untergrundkirche.

 

Wie Gehirnwäsche aussieht

Die Menschen im Westen haben wahrscheinlich von Gehirnwäsche im Koreakrieg und jetzt in Vietnam gehört. Ich selbst bin durch eine solche Gehirnwäsche hindurchgegangen. Sie ist wohl die allerschrecklichste Tortur. Jahrelang mußten wir sechzehn Stunden am Tag still sitzen und ununterbrochen
hören: Kommunismus ist gut! Kommunismus ist gut! Kommunismus ist gut! Kommunismus ist gut! Christentum ist dumm! Christentum ist dumm! Christentum ist dumm! Christentum ist dumm! Gib's auf! Gib's auf! Gib's auf! Gib's auf! Sechzehn lange Stunden am Tag – tagelang, wochenlang, monatelang. Es haben mich schon viele Christen gefragt, wie wir der Hirnwäsche widerstehen konnten. Es gibt nur eine Methode, der Gehirnwäsche zu widerstehen: sie heißt „Herzwäsche". Wenn das Herz gereinigt ist durch die Liebe Jesu Christi und dein Herz dann Ihn liebt, kannst du allen Folterungen widerstehen. Was würde eine liebende Braut nicht tun für ihren Bräutigam, der sie liebt? Was würde eine liebende Mutter nicht für ihr Kind tun? Wenn du Christus liebst, wie Maria es tat, die Jesus schon als kleines Kind in den Armen hielt, wenn du Jesus Christus lieb hast wie eine Braut ihren Verlobten, dann kannst du solchen Folterungen widerstehen. Gott wird uns einmal nicht danach beurteilen, wie viel wir erduldet haben, sondern wie viel Liebe wir aufgebracht haben. Ich bin für die Christen in kommunistischen Gefängnissen Zeuge, dass sie wirklich lieben konnten. Sie konnten Gott lieben und auch ihre Mitmenschen. Die Folterungen hielten in ihrer Brutalität ohne Unterbrechung an. Wenn ich zuweilen das Bewußtsein verlor oder gar zu benommen war, um den Peinigern noch irgendwelche Hoffnung auf Geständnisse zu machen, wurde ich gewöhnlich wieder in meine Zelle zurück verfrachtet. Dort lag ich dann halb tot, aber doch unbeaufsichtigt und sammelte wieder etwas Kräfte, damit sie mich von neuem bearbeiten konnten. In diesem Stadium der Folter starben viele. Aber irgendwie kehrten meine Kräfte immer wieder zurück. Im Laufe der folgenden Jahre brachen sie mir in verschiedenen Gefängnissen vier Rückenwirbel und mehrere Knochen im Körper. An zwölf Stellen kerbten sie mir tiefe Wundmale ein. Sie brannten und schnitten mir insgesamt achtzehn Löcher in den Körper. Ärzte in Oslo, die all das gesehen haben und dazu die Vernarbungen von einer Lungentuberkulose, die ich in jener Zeit durchgemacht habe, erklärten, es sei ein reines Wunder, dass ich überhaupt noch am Leben sei. Nach dem Stand der Wissenschaft in ihren medizinischen Lehrbüchern hätte ich schon einige Jahre tot sein müssen. Ich selber weiß nur zu gut, dass es ein Wunder ist. Gott ist ein Gott der Wunder. Ich glaube, Gott hat dieses Wunder getan, damit ihr meine Stimme es hinausschreien hört für die unterdrückte Kirche hinter dem Eisernen Vorhang. Er hat einem erlaubt, lebend herauszukommen und laut die Kunde von euren leidenden Brüdern in die Welt zu schreien!

 

Kurze Freiheit – neue Verhaftung

Das Jahr 1956 kam heran. Ich hatte achteinhalb Jahre im Gefängnis zugebracht. Ich hatte viel an Gewicht verloren, hatte böse Narben erworben, war brutal niedergeschlagen worden und getreten, war verspottet worden, vor Hunger fast umgekommen, unter seelischen Druck gesetzt, bis zum Erbrechen verhört, bedroht und dann links liegen gelassen. Keins von allen diesen hatte das Ergebnis gezeitigt, auf das meine Zwingherren aus waren. So ließen sie mich schließlich voller Enttäuschung frei. Außerdem gingen bei ihnen ständig Proteste ein wegen meiner Inhaftierung. Man erlaubte mir, in meine alte Stelle zurückzukehren – aber nur für eine Woche. Ich hielt ganze zwei Predigten. Dann riefen sie mich zu sich und teilten mir mit, ich dürfte nicht mehr predigen noch mich in irgendeiner religiösen Arbeit weiterhin betätigen. Was hatte ich gesagt? Ich hatte meinen Gemeindegliedern den Rat gegeben, „Geduld, Geduld und nochmals Geduld" zu üben. „Das bedeutet, Sie sagen ihnen, nur geduldig abzuwarten, und die Amerikaner werden doch einmal kommen und sie befreien!" schrie mir der Polizist entgegen. Ich hatte auch gesagt, dass sich das Rad der Geschichte weiterdreht und die Zeiten sich ändern. „Sie wollen ihnen damit sagen, dass der Kommunismus nicht immer regieren wird! Das sind konterrevolutionäre Lügen!" schrieen sie. Das war das Ende meines öffentlichen Pfarramtes.
Wahrscheinlich glaubten die Behörden, nun hätte ich doch Angst, sie noch weiter zu hintergehen und wieder wie früher meine Untergrundmission zu betreiben. Darin hatten sie sich jedoch geirrt. Unauffällig kehrte ich in meine Arbeit zurück. Meine Familie stand hinter mir. Nun bezeugte ich wiederum das Evangelium vor verborgenen Kreisen von Gläubigen, wobei ich wie ein Geist unter dem sicheren Geleit von solchen, die vertrauenswürdig waren, zu ihnen kam und wieder verschwand. Dieses Mal hatte ich zusätzlich Narben, die mein Urteil über das Böse des atheistischen Standpunkts bestätigten und schwankende Brüder ermutigten, ihr Vertrauen ganz auf Gott zu setzen und standhaft zu bleiben. Ich richtete ein ganzes Netz von Evangelisten ein, die in dem Gebiet Hand in Hand arbeiteten und das Evangelium unter den durch Gottes Fügung blinden Augen der Kommunisten ausbreiteten. Denn wenn ein Mensch so blind sein kann und Gottes Hand nicht am Werke sieht, wird er wahrscheinlich die seiner Botschafter auch nicht ohne weiteres erkennen. Schließlich zahlte sich aber das pausenlose Interesse der Geheimpolizei für meine Tätigkeit und meine Aufenthaltsorte aus. Ich wurde entdeckt und wieder eingekerkert. Aus irgendeinem Grund steckten sie meine Familie diesmal nicht ins Gefängnis, vielleicht wegen des starken Widerhalls, den ich in der Öffentlichkeit gefunden hatte. Achteinhalb Jahre Gefängnis hatte ich hinter mir und drei Jahre verhältnismäßiger Freiheit. Nun sollte ich weitere fünfeinhalb Jahre hinter Gefängnismauern verbringen. Meine zweite Inhaftierung war in mehrfacher Hinsicht schlimmer als die erste. Ich wußte zu genau, was meiner wartete. Mein körperlicher Zustand verschlechterte sich daher mit einem Schlage. Dennoch setzten wir die Untergrundarbeit der Untergrundkirche fort, auch im Untergrund kommunistischer Gefängnisse.

 

Ein Abkommen: wir predigten – sie schlugen

Es war mir streng verboten, den anderen Häftlingen Gottes Wort zu sagen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass derjenige, der dabei ertappt wurde, eine schwere Prügelstrafe erhielt. Eine Anzahl von uns war willens, ihre Bedingungen anzunehmen und den Preis zu zahlen für das Vorrecht, Christus zu predigen. Es war eine Art Abkommen: Wir predigten, und sie schlugen uns dafür. Wir waren glücklich zu predigen, sie waren glücklich, uns zu schlagen, so war jeder glücklich.
Der folgende Fall ereignete sich öfter, als dass ich mich an alle einzeln noch erinnern könnte: Ein Glaubensbruder war gerade dabei, den anderen Gefangenen zu predigen, als die Wächter plötzlich hereinstürzten und ihn mitten im Satz überraschten. Sie zerrten ihn den langen Gang entlang zum „Prügelzimmer". Nach schier endlosen Schlägen schleiften sie ihn zurück – blutüberströmt und zerschunden
– und warfen ihn auf den Gefängnisboden. Langsam richtete er seine zerschlagenen Glieder auf, ordnete seine Kleider und sagte: „Nun, Brüder, wo war ich stehen geblieben, als ich unterbrochen wurde?" Und er fuhr fort mit seiner Botschaft von Christus. Das waren wunderbare Erlebnisse. Manchmal waren die Prediger einfache Laien. Schlichte Leute, aber erfüllt vom Heiligen Geist, die das Wort Gottes mit Vollmacht verkündigten. Ihr ganzes Herz lag in ihren Worten, denn unter solchen Strafandrohungen zu predigen war keine Kleinigkeit. Irgendwann kamen nämlich die Wächter, holten den Prediger heraus und schlugen ihn halbtot. Im Gefängnis von Gherla war ein Christ namens Grecu zum Tode durch Schläge verurteilt worden. Die Prozedur zog sich über einige Wochen hin. In größeren Zeitabständen wurden ihm die Schläge verabreicht. Zunächst wurde er einmal mit dem Gummiknüppel auf die Fußsohlen geschlagen, dann ließ man von ihm ab. Einige Minuten danach traf ihn ein neuer Schlag, wenige Minuten später wieder einer. Plötzlich wurde er auf die Hoden geschlagen. Dann kam ein Arzt und gab ihm eine Spritze. Er kam wieder zu sich, man gab ihm sehr gutes Essen, um seine Kräfte wiederherzustellen, und dann wurde er von neuem geschlagen – geschlagen, bis er unter diesen langsamen, ständig wiederholten Schlägen endlich starb. Einer, der die Folterung leitete, war Mitglied des Zentralkomitees der kommunistischen Partei und hieß Reck. Zu einem bestimmten Zeitpunkt pflegte dann Reck eine besondere Mitteilung zu machen, die die Kommunisten den eingekerkerten Christen gern unterbreiteten: „Jetzt weißt du es – ich bin Gott. Ich habe Macht über Leben und Tod dir gegenüber. Der da im Himmel ist, kann nicht entscheiden, ob du am Leben bleibst. Das hängt allein von mir ab. Wenn ich es will, bleibst du am Leben. Und wenn ich es anders will, wirst du getötet. Ich bin also Gott!" So verspottete er die Christen. Bruder Grecu gab in seiner furchtbaren Lage diesem Reck eine sehr interessante Antwort, die ich später von Reck selber gehört habe: „Du weißt gar nicht, was für ein tiefgründiges Wort du gesagt hast. Du bist wirklich ein Gott. Jede Raupe ist ja in Wirklichkeit ein Schmetterling, wenn sie sich richtig entwickelt. Du bist nämlich nicht dazu geschaffen, um ein Folterer zu sein, ein Mensch, der andere tötet. Du bist geschaffen, um ein gottähnliches Wesen zu werden. Jesus sagte zu den Juden seiner Zeit: ‚Ihr seid Götter.' Auch in euch schlummert das Leben der Gottheit. Viele, die genauso waren wie ihr, Verfolger wie der Apostel Paulus, haben zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens entdeckt, dass es den Menschen schändet, Grausamkeiten zu begehen, dass er ja weit Besseres tun könnte. Durch diese Erkenntnis sind sie der göttlichen Natur teilhaftig geworden. Glauben Sie mir, Herr Reck, Ihre wirkliche Berufung ist, ein Kind Gottes zu sein, von göttlicher Art – kein Folterer." In diesem Augenblick achtete Reck nicht besonders auf die Worte seines Opfers, sowenig wie Saulus von Tarsus dem herrlichen Zeugnis des Stephanus Beachtung schenkte, der in seinem Beisein getötet wurde. Dennoch wirkten jene Worte in seinem Herzen weiter. Und auch Reck hat später noch begriffen, dass dies seine wahre Berufung gewesen ist. Aus all den Prügeleien, Folterungen und Metzeleien stieg uns eine tiefe Erkenntnis auf: dass der Geist Herr über den Körper ist. Gar oft, wenn wir gefoltert wurden, fühlten wir wohl die Folter, aber doch wie im Abstand von uns und weit entfernt von unserem Geist, der in die Herrlichkeit Christi und seine lebendige Gegenwart eingetaucht war. Als sie uns wöchentlich nur noch eine Scheibe Brot und täglich eine schmutzige Suppe gaben, beschlossen wir, selbst davon noch gewissenhaft den Zehnten zu geben. Jede zehnte Woche nahmen wir die Scheibe Brot und gaben sie schwächeren Brüdern als unseren Zehnten an den Herrn. Einer der inhaftierten Christen war zum Tode verurteilt. Bevor er hingerichtet wurde, durfte er noch einmal seine Frau sehen. Seine letzten Worte an seine Frau waren: „Sei gewiß, dass ich in den Tod gehe und dennoch die liebe, die mich töten. Sie wissen nicht, was sie tun, und meine letzte Bitte an dich ist, sie auch zu lieben. Behalte keine Bitterkeit in deinem Herzen, weil sie den töten, den du liebst. Wir sehen uns im Himmel wieder." Diese Worte hinterließen einen tiefen Eindruck in dem Offizier der Geheimpolizei, der bei der Unterhaltung zwischen den beiden zugegen war und mir später die Geschichte im Gefängnis erzählt hat, in das er eingeliefert worden war, weil er ein Christ wurde. In dem Gefängnis von Tirgu-Ocna befand sich ein sehr junger Häftling namens Matchevici. Er war mit achtzehn Jahren ins Gefängnis gekommen. Nach schweren Folterungen war er Tuberkulose krank geworden. Seine Familie fand irgendwie heraus, dass sein Gesundheitszustand bedenklich war und schickte ihm einhundert Ampullen Streptomyzin, das über Leben und Tod entscheiden konnte. Der politische Offizier ließ ihn rufen, zeigte ihm das Päckchen und sagte: „Hier ist die Medizin, die dein Leben retten kann. Aber es ist dir nicht gestattet, Päckchen von deiner Familie zu empfangen. Ich persönlich möchte dir gerne helfen. Du bist noch jung. Ich möchte nicht, dass du im Gefängnis stirbst. Hilf mir, damit ich dir helfen kann! Gib mir Informationen über deine Mitgefangenen. Das versetzt mich in die Lage, es vor meinen Vorgesetzten zu rechtfertigen, dass ich dir die Medizin aushändigte." Matchevici antwortete ohne Zögern: „Ich möchte nicht am Leben bleiben und mich vor mir selber schämen müssen, wenn ich in einen Spiegel blicke, weil mich das Gesicht eines Verräters daraus anblickt. Solch eine Bedingung kann ich nicht annehmen. Dann will ich lieber sterben." Der Beamte der Geheimpolizei gab ihm die Hand und sagte: „Ich kann dich nur beglückwünschen. Ich habe keine andere Antwort von dir erwartet. Ich möchte dir aber gern einen anderen Vorschlag machen. Unter den Häftlingen hier sind einige unsere Spitzel geworden. Sie geben vor, Kommunisten zu sein, und sie denunzieren euch. Sie spielen eine Doppelrolle. Wir haben kein Vertrauen in sie. Wir möchten gern wissen, wieweit sie aufrichtig sind. Euch gegenüber sind sie jedenfalls Verräter. Sie tun euch viel Böses an, indem sie uns über eure Gespräche und Handlungen unterrichten. Ich kann verstehen, dass du deine Kameraden nicht verraten willst. Aber gib uns doch Nachrichten über diejenigen, die gegen euch sind, dann kannst du dein Leben retten!" Matchevici antwortete ebenso unverzüglich wie das erste Mal: „Ich bin ein jünger Jesu Christi, und er hat mich gelehrt, auch unsere Feinde zu lieben. Diese Leute, die uns verraten, tun uns zwar viel Leid an, aber ich kann nicht Böses mit Bösem vergelten. Selbst gegen sie kann ich nicht irgendwelche Aussagen machen. Sie tun mir leid, ich bete für sie, aber mit Kommunisten möchte ich nicht in irgendeiner Verbindung stehen." Matchevici kam von der Unterredung mit dem Polit-Offizier zurück und starb in derselben Zelle, in der ich war. Ich sah, wie er starb – er lobte Gott. Die Liebe hatte bei ihm sogar den kreatürlichen Lebenshunger besiegt.  Wenn ein armer Mann ein großer Musikliebhaber ist, dann gibt er seine letzte Mark hin, um ein Konzert zu hören. Er ist dann zwar ohne Geld, aber er fühlt sich nicht enttäuscht, denn er hat etwas Wunderschönes gehört.

Ich habe nicht das Gefühl eines sinnlosen Verlustes, wenn ich an die vielen Jahre im Gefängnis denke. Ich habe dort herrliche Dinge erlebt. Was mich betrifft, so gehörte ich im Gefängnis zu den Schwachen und Unscheinbaren, aber ich habe das Vorrecht gehabt, im selben Kerker mit großen Heiligen zusammen zu sein, mit Helden des Glaubens, die den Christen der ersten Jahrhunderte gleichkamen. Sie gingen freudig für Christus in den Tod. Die geistige Schönheit solcher Heiligen und Glaubenshelden läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Die Dinge, die ich hier berichte, sind nicht etwa außergewöhnlich. Denn die übernatürlichen Dinge sind den Christen der Untergrundkirche natürlich geworden. Die Untergrundkirche ist die Kirche, die zu der ersten Liebe zurückgefunden hat. Auch bevor ich ins Gefängnis kam, liebte ich Christus sehr. Nun aber, nachdem ich die „Braut Christi" – Seinen geistlichen Leib – im Gefängnis gesehen habe, möchte ich sagen, ich liebe die Untergrundkirche ebenso wie ich Christus selber liebe. Ich habe etwas von ihrer Schönheit gesehen, von ihrem Geist der Selbstaufopferung.

 

Was mit meiner Frau und meinem Sohn geschah

Nach meiner Verhaftung war ich von meiner Frau getrennt worden. Ich wußte nicht, was aus ihr danach geworden war. Erst viele Jahre später hörte ich, dass auch sie ins Gefängnis geworfen worden war. Frauen haben als Christen im Gefängnis viel mehr zu leiden als Männer. Junge Mädchen vor allem wurden von den Wachmannschaften brutal vergewaltigt. Ihr Spott, ihre unzüchtige Gemeinheit waren einfach abscheulich. Die inhaftierten Frauen wurden gezwungen, bei einem Kanalbau harte Arbeit zu verrichten, und sie hatten dieselbe Arbeitslast zu erfüllen wie die Männer. Im Winter mußten sie Erde schaufeln. Prostituierte wurden zu ihren Aufseherinnen gemacht und überboten sich gegenseitig im Quälen der Gläubigen.  Meine Frau hat damals Gras gegessen wie das Vieh, nur um am Leben zu bleiben. Ratten und Schlangen wurden von den ausgehungerten Gefangenen an diesem Kanal verzehrt. Eine der Hauptbelustigungen der Wachmannschaften war an Sonntagen, Frauen in die Donau zu werfen und sie dann wieder herauszufischen, sie dem allgemeinen Gelächter preiszugeben und zu verspotten, wenn sie an ihren nassen Körpern heruntersahen, sie dann wieder zurückzustoßen ins Wasser und von neuem herauszufischen. Auf diese grausame Art ist auch meine Frau in die Donau
geworfen worden. Mein Sohn war auf die Straße gesetzt worden, als seine Mutter und sein Vater ihm entrissen wurden. Mihai war von Kindheit an sehr religiös und immer sehr interessiert gewesen an Glaubensdingen. Später, mit neun Jahren, als ihm Vater und Mutter weggenommen waren, machte er in seinem Christenleben eine Krise durch. Er war verbittert worden und stellte nun alle seine religiösen Anschauungen in Frage. In diesem Alter hatte er Probleme, die Kinder normalerweise noch nicht haben. Er mußte sich ja auch schon Gedanken machen, wie er seinen Lebensunterhalt bestritt. Es war nämlich ein Verbrechen, den Familien verfolgter und verurteilter Christen zu helfen. Zwei Frauen, die sich Mihais angenommen hatten, wurden hinterher verhaftet und so arg geschlagen, dass sie noch heute Krüppel sind — fünfzehn Jahre danach. Eine Frau, die damit ihr Leben wagte, dass sie Mihai in ihr Haus aufnahm, wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wegen des Verbrechens, einem Kind aus einer Familie von politischen Gefangenen geholfen zu haben. Ihr wurden alle Zähne im Gefängnis ausgeschlagen. Man fügte ihr mehrere Knochenbrüche zu. Sie wird nie mehr arbeiten können. Auch sie wird zeitlebens ein Krüppel bleiben.
„Mihai, glaube an Jesus!"
Vom elften Lebensjahr an verdiente Mihai seinen Lebensunterhalt als gewöhnlicher Arbeiter selber. Das Leid, das er schon in jungen Jahren erfuhr, hatte eine Erschütterung in seinem Glauben hervorgerufen. Nachdem zwei Jahre von der Haftzeit meiner Frau verstrichen waren, erlaubte man ihm einen kurzen Besuch. Er kam in das kommunistische Gefängnis und sah seine Mutter hinter Eisengittern. Sie war schmutzig, abgemagert, hatte schrundige Hände und trug die schäbige Sträflingskluft. Er erkannte sie kaum wieder. Ihre ersten Worte waren: „Mihai, glaube an Jesus!" In wilder Wut zerrten sie die Wachen von Mihai weg und führten sie ab. Mihai weinte, als er mit ansah, wie seine Mutter fort gestoßen wurde. Dies wurde die Stunde seiner Bekehrung. Wenn jemand unter solchen Umständen Christus noch lieben konnte, dann war Er sicherlich – so viel erkannte er jetzt – der wahre Erretter. Später äußerte er: „Wenn das Christentum keine anderen Argumente zu seinen Gunsten hätte als allein die Tatsache, dass meine Mutter daran glaubt, dann ist das für mich genug." An jenem Tag nahm er Christus ganz an.

In der Schule hatte er einen ständigen Kampf um seine Selbstbehauptung zu führen. Er war ein guter Schiller, und als Belohnung wurde ihm ein rotes Halstuch geschenkt – als Zeichen seiner Mitgliedschaft bei den Jungen Pionieren der Kommunisten. Da sagte mein Sohn: „Ich werde niemals das Halstuch von denen tragen, die meinen Vater und meine Mutter ins Gefängnis geworfen haben." Dafür wurde er von der Schule verwiesen. Nachdem er ein Jahr verloren hatte, trat er in eine andere Schule ein, verbarg aber diesmal, dass er der Sohn inhaftierter Christen war. Dort sollte er einige Zeit später ein Streitgespräch gegen die Bibel abfassen. In dieser Abhandlung schrieb er: „Die Argumente gegen die Bibel sind schwach, und die angeführten Zitate gegen die Bibel sind unwahr. Ganz sicher hat der Professor die Bibel nicht gelesen. Die Bibel ist durchaus im Einklang mit der Wissenschaft." Wieder flog er von der Schule. Diesmal mußte er zwei Schuljahre einbüßen. Schließlich durfte er doch noch im Theologischen Seminar studieren. Hier lehrte man ihn „Marxistische Theologie". Alles wurde hier nach dem Muster von Karl Marx erklärt. Mihai protestierte öffentlich in der Klasse. Andere Studenten schlossen sich ihm an. Das Ergebnis war, dass er auch von hier abgewiesen wurde und seine theologischen Studien nicht abschließen konnte. Als in der Schule einmal ein Professor eine atheistische Rede hielt, erhob sich mein Sohn Mihai, widersprach dem Professor und sagte ihm, was er für eine Verantwortung trage, wenn er so viele junge Menschen irreführe. Die ganze Klasse ergriff für ihn Partei. Es hatte nur des Anstoßes bedurft, dass einer den Mut hatte und es als erster aussprach. Dann waren die anderen schon auf seiner Seite. Andererseits, wenn er eine abgeschlossene Ausbildung haben wollte, mußte er ständig die Tatsachen verbergen, dass er der Sohn von Wurmbrand, dem inhaftierten Pfarrer, war. Allzu häufig wurde es aber entdeckt, und dann folgte die schon vertraute Szene, dass er in das Direktorzimmer gerufen und von der Schule verwiesen wurde. Mihai litt in der ganzen Zeit großen Hunger. In atheistischen Ländern gehen die Angehörigen eingekerkerter Christen fast immer am Hunger zugrunde. Denn es gilt als großes Verbrechen, ihnen zu helfen. Ich will hier nur einen Fall vom Leidensweg einer Familie berichten, die ich persönlich gut kenne. Ein Glaubensbruder kam ins Gefängnis wegen seiner Arbeit in der Untergrundkirche. Er ließ seine Frau mit sechs Kindern zurück. Die älteren Töchter von siebzehn und neunzehn Jahren konnten keine Arbeit bekommen. Die einzige Stelle, die in einem kommunistischen Land Arbeitsplätze vergibt, ist der Staat, und er gibt Kindern von „kriminellen" Christen keine Stellen. Was sich im Folgenden in dieser Familie zugetragen hat, sollte nicht Gegenstand moralischer Entrüstung sein. Laßt einfach die Tatsachen sprechen! Die beiden Töchter dieses verfolgten Bruders aus der unterdrückten Kirche — sie selber Christen – wurden Prostituierte, um ihre kleineren Brüder und ihre kranke Mutter zu ernähren. Einer von ihren jüngeren Brüdern, gerade vierzehn Jahre alt, der das erfaßte, verlor den Verstand und mußte in eine Heilanstalt gebracht werden. Als der Vater nach Jahren aus dem Gefängnis heimkam und hinter alles schaute, war seine einzige Bitte: „Herr Gott, nimm mich zurück ins Gefängnis, ich kann es nicht ertragen, das mit anzusehen!" Sein Gebet ist erhört worden. Er sitzt jetzt wieder im Gefängnis wegen des Verbrechens, Kindern die Frohe Botschaft von Jesus Christus gesagt zu haben. Seine Töchter sind keine Prostituierten mehr. Sie haben jetzt eine Stelle bekommen, weil sie sich der Forderung der Geheimpolizei gefügt, haben. Sie sind Spitzel geworden. Als Töchter verfolgter Christen werden sie in jedem christlichen Haus ehrenvoll aufgenommen. Sie hören nur zu, und dann berichten sie das Gehörte der Geheimpolizei. Macht es euch nicht zu einfach, dass ihr sagt, das ist gemein und unmoralisch – natürlich ist es das -, sondern fragt euch lieber einmal selber, ob es nicht auch ein Teil eurer Schuld ist, dass sich solche Tragödien abspielen können, dass solche Familien von Gläubigen allein gelassen werden – auch ohne Hilfe von euch, die ihr frei seid und noch helfen könnt.

 

3. Kapitel

Volle vierzehn Jahre hinter Gefängnismauern sind über mich hinweggegangen. Während dieser Zeit habe ich niemals eine Bibel oder irgendein Buch gesehen. Ich hatte fast das Schreiben verlernt. Unter dem ständig quälenden Hunger, der geistigen Schwäche und den Folterungen konnte ich sogar die Heilige Schrift nicht mehr im Gedächtnis behalten. Aber an dem Tage, an dem ich die vierzehn Jahre Kerker voll gemacht hatte, stieg aus der Vergessenheit meines Geistes der eine Vers in mein Bewußtsein: „Jakob arbeitete um Rahel vierzehn Jahre, und es schien ihm eine kleine Zeit, denn er liebte sie." Bald hiernach wurde ich auf Grund einer allgemeinen Amnestie, die in unserem Land erlassen worden war, freigelassen, nicht zuletzt auch durch den wachsenden Einfluß der öffentlichen Meinung in Amerika. Ich sah meine Frau wieder. Sie hatte über vierzehn Jahre treu auf mich gewartet. Wir fingen unser Leben noch einmal von vorne an, in größter Armut, weil einem, der im Gefängnis sitzt, vom Staat einfach alles weggenommen wird. Die Priester und Pfarrer, die entlassen wurden, konnten wieder kleine Kirchen erhalten. Mir teilte man eine Kirche in der Stadt Orsova zu. Das kommunistische Referat für Religion sagte mir, es gebe fünfunddreißig Mitglieder dort und wies warnend darauf hin, es dürften niemals sechsunddreißig sein! Man teilte mir weiterhin mit, dass ich ihr Agent sein müsse und über jedes Mitglied dieser Kirche der Geheimpolizei zu berichten hätte und vor allem alle Jugendlichen fernhalten müsse. Das ist die Methode, wie die Kommunisten die Kirche als Kontrollorgan benutzen. Ich wußte, dass viele kommen würden, wenn ich predigte. Deshalb versuchte ich erst gar nicht, in der offiziellen Kirche meinen Dienst zu beginnen. So arbeitete ich wieder in der Untergrundkirche und teilte alle Freuden und Gefahren dieser Arbeit. Während der Jahre, die ich im Gefängnis war, hatte Gott sein Werk wunderbar gefördert. Die Untergrundkirche war jetzt nicht mehr so verloren und verlassen. Christen aus Amerika und anderen Ländern hatten angefangen, uns zu unterstützen und für uns zu beten. Eines Nachmittags ruhte ich ein wenig im Hause eines Bruders in einer Provinzstadt. Plötzlich weckte er mich auf und rief: "Brüder aus dem Ausland sind gekommen." Es gab also noch Christen im Westen, die uns nicht vergessen und abgeschrieben hatten. Mitglieder aus verschiedenen christlichen Kirchen hatten ein geheimes Hilfswerk in die Wege geleitet für Familien verfolgter Christen und für die Einschleusung christlicher Literatur und praktischer Hilfe. Im angrenzenden Zimmer fand ich sechs Brüder vor, die gekommen waren, um dieses Werk zu vollbringen. Sie besprachen viele Fragen mit mir. Schließlich erwähnten sie auch, dass sich hier jemand aufhalten müsse, der vierzehn Jahre im Gefängnis verbracht habe, und sie hätten ihn gern gesehen. Als ich ihnen sagte, ich sei es, entgegneten sie: "Wir haben erwartet, einen abgestumpften Menschen zu sehen. Sie können diese Person doch nicht sein, denn Sie sind ja voller Freude!" Nochmals versicherte ich ihnen, ich sei der Häftling, meine Freude aber rühre daher, dass sie vom Ausland zu uns gekommen seien und wir jetzt nicht mehr vergessen seien. Eine gleich bleibende, regelmäßige Unterstützung kam von nun an unserer Untergrundkirche zugute. Durch geheime Kanäle erhielten wir nun viele Bibeln und christliche Literatur und auch finanzielle Hilfe für die Familien christlicher Blutzeugen. Jetzt, wo wir unterstützt wurden, konnten auch wir von der Untergrundkirche viel besser arbeiten. Es ging nicht nur darum, dass sie uns Bibeln und damit Gottes Wort brachten, sondern wir sahen vor allem jetzt, dass man uns lieb hatte. Sie haben uns zum ersten Mal wieder ein Wort des Trostes gebracht. Während der Jahre der Gehirnwäsche hatten wir nur das eine gehört: „Niemand liebt euch mehr – niemand liebt euch mehr – niemand liebt euch mehr…" Nun sahen wir auf einmal Christen aus England und Amerika leibhaftig vor uns, die ihr Leben aufs Spiel setzten und uns bewiesen, dass sie uns wirklich liebten. Sie nahmen unseren Rat an und entwickelten eine besondere Methode zur Tarnung ihrer Arbeit. Sie schlichen in Häuser, die von der Geheimpolizei umstellt waren. Die Polizei merkte nicht, dass sie hineingegangen waren. Der Wert der Bibeln, die auf diesem Wege eingeschmuggelt wurden, kann gar nicht ermessen werden von den Christen in England oder Deutschland, die in Bibeln „schwimmen". Meine Familie und ich hätten ohne die materielle Hilfe, die wir von betenden Christen im Ausland empfangen haben, sicher nicht überlebt. Dasselbe trifft auf viele Pfarrer der Untergrundkirche und die um ihres Glaubens willen Verfolgten in all den anderen atheistischen Ländern ebenfalls zu. Ich kann das
bezeugen aus meiner eigenen Erfahrung solcher materiellen und, was eigentlich noch wichtiger ist, moralischen Hilfe, die uns durch die Christliche Europa-Mission Großbritanniens zuteil geworden ist. Für uns waren ihre Männer wie Engel, die Gott gesandt hatte! Wegen meiner erneut aufgenommenen Arbeit in der Untergrundkirche stand ich in größter Gefahr einer abermaligen Verhaftung. In diesem kritischen Zeitpunkt unternahmen es zwei christliche Organisationen, die Norwegische Mission an Juden und die Jüdisch-Christliche Allianz, ein Lösegeld von zweitausendfünfhundert englischen Pfund (ca. 29.000 DM 1965) für mich zu zahlen. Jetzt konnte ich Rumänien verlassen.

 

Warum ich das kommunistische Rumänien verließ

Ich hätte Rumänien, trotz aller Gefahren, nicht verlassen, wenn die Leiter der Untergrundkirche mich nicht beauftragt hätten, diese Gelegenheit zum Verlassen des Landes zu benutzen, um dadurch gleichsam die „Stimme" der Untergrundkirche in der Freien Welt zu werden. Es war ihr Wunsch, dass ich zu euch in der westlichen Welt in ihrem Namen über ihre Leiden und ihre Nöte sprechen sollte. So kam ich nach dem Westen, aber mein Herz blieb bei ihnen. Hätte ich nicht die dringende Notwendigkeit, dass auch ihr vom Leiden und von der unerschrockenen Arbeit der Untergrundkirche erfahrt, so deutlich gesehen, ich hätte nie Rumänien verlassen. Dies ist mein einziger Auftrag. Bevor ich aber Rumänien verließ, wurde ich zweimal zur Geheimpolizei bestellt. Zunächst bestätigten sie mir, dass das Geld für mich eingegangen war. (Rumänien verkauft seine Bürger für Geld wegen der schweren Wirtschaftskrise, in die der Kommunismus unser Land gestürzt hat.) Darm sagten sie zu mir: „Gehe nun in den Westen und predige Christus, soviel du willst, aber laß uns aus dem Spiel! Sprich ja kein Wort gegen uns! Wir sagen dir offen, was wir mit dir im Sinne haben, wenn du etwa ausplauderst, was hier geschehen ist. In jedem Fall könnten wir für fünftausend Mark einen Kriminellen anwerben, der dich liquidiert. Wir können dich aber auch entführen. (Ich selber bin in derselben Zelle mit dem orthodoxen Bischof Vasile Leul zusammen gewesen, der in Österreich geraubt und nach Rumänien entführt worden ist. Alle seine Fingernägel waren herausgerissen. Ich bin auch mit solchen zusammengetroffen, die aus Berlin entführt worden waren. Und erst kürzlich sind
Rumänen aus Italien und aus Paris entführt worden.) Weiterhin sagten mir die Beamten: „Wir können dich auch moralisch erledigen, indem wir irgendeine Geschichte über dich in die Welt setzen, etwa eine Sache mit einer Frau, einen Diebstahl oder irgendwelche Verfehlungen aus deiner fugend. Die Leute im Westen, besonders die Amerikaner, lassen sich sehr leicht täuschen und hinters Licht führen." Nachdem sie mich so bedroht hatten, erlaubten sie mir, in den Westen zu gehen. Sie haben ein erstaunliches Vertrauen in ihre Gehirnwäsche gesetzt, durch die ich hindurchgegangen bin. Im Westen sind zurzeit noch viele, die dasselbe durchgemacht haben wie ich – aber sie sind stumm. Einige von ihnen preisen sogar den Kommunismus, nachdem sie durch seine Leute gefoltert worden sind. Die Kommunisten waren daher ganz sicher, dass auch ich schweigen würde. Dadurch konnte ich im Dezember 1965 mit meiner Familie Rumänien verlassen. Meine letzte Handlung vor der Ausreise war, an das Grab jenes Obersten zu gehen, der Befehl zu meiner Verhaftung gegeben und mir Jahre der Folterung verschafft hatte. Ich legte eine Blume auf sein Grab. Während ich das tat, gelobte ich in meinem Herzen, die Freude über die Errettung durch Christus, die ich selber habe, auch den Kommunisten zu bringen, die geistlich so völlig leer sind. Ich hasse das kommunistische System, aber ich liebe die Kommunisten. Das sei auch hier wieder gesagt. Ich hasse die Sünde, aber ich liebe den Sünder. Ja, ich liebe die Kommunisten von ganzem Herzen. Die Kommunisten können wohl die Christen töten, aber ihre Liebe gerade zu denen, die sie in den Tod schicken, können sie nicht töten.
 

4. Kapitel

Die Juden haben eine Legende, dass damals, als ihre Vorväter aus der Hand der Ägypter gerettet wurden und die Ägypter im Roten Meer ertranken, die Engel in die Siegeslieder einstimmten, die von den Israeliten gesungen wurden. Da soll Gott zu den Engeln gesagt haben: „Die Juden sind Menschen und dürfen sich über ihre Errettung freuen. Von euch aber erwarte ich ein tieferes Verstehen. Sind die Ägypter nicht auch meine Geschöpfe? Liebe ich sie nicht ebenso? Wie ist es möglich, dass ihr für meinen Kummer über ihr tragisches Schicksal kein Empfinden habt?" Als Josua vor Jericho stand, hob er seine Augen auf und wurde gewahr, dass ein Mann ihm gegenüberstand, der ein blankes Schwert in der Hand hatte. Da ging Josua zu ihm hin und sprach zu ihm: „Bist du mit uns oder mit unseren Feinden?" (Josua 5, 13). Wenn der Mann, den Josua dort getroffen hatte, ein Mensch gewesen wäre, hätte die Antwort nur sein können „Ich bin mit euch", „Ich bin mit euren Feinden" oder „Ich bin neutral". Das sind die einzig möglichen menschlichen Antworten auf eine solche Frage. Aber das Wesen, dem Josua gegenüberstand, war aus einer anderen Welt und gab daher auf die Frage, ob er für oder gegen Israel sei, eine Antwort, die höchst unerwartet ist und schwer zu verstehen: „Nein!" Was bedeutet dieses „Nein"? Der so sprach, kam von einer Welt, deren Bewohner nicht „für" oder „gegen" sind, sondern wo jeder und jedes mit Erbarmen und Mitleiden angesehen und herzlich geliebt wird. Es gibt freilich einen Maßstab der Menschlichkeit. Gemessen an diesem Maßstab, kann der Kommunismus nur abgelehnt werden. Ja, dieser Maßstab macht es uns zur Pflicht, den atheistischen Materialismus zu bekämpfen, weil sie damit die Bannerträger eines grausamen, unmenschlichen Ideals sind. Und doch sind Christen noch mehr als dem Menschlichen verpflichtet: Sie sind Kinder Gottes und damit Teilhaber seiner göttlichen Natur (2. Petrus 1, 4). Nur deshalb haben mich die Folterungen, die ich in den Gefängnissen erduldet habe, nicht dazu gebracht, die Kommunisten zu hassen. Auch sie sind Geschöpfe Gottes, obwohl sie das selber nicht wahrhaben wollen. Wie könnte ich sie da hassen? Ich kann aber auch nicht mit ihnen und ihr Freund sein. Freundschaft bedeutet, dass zwei ein Herz und eine Seele sind. Ich kann nicht ein Herz und eine Seele mit den Atheisten sein. Denn sie hassen schon die bloße Vorstellung von Gott. Ich aber liebe

Gott. Wenn man mich nun fragte: „Bist du für oder gegen die Kommunisten?" so würde meine Antwort komplex sein. Der Kommunismus ist die größte Bedrohung der Menschlichkeit und deshalb der Menschheit. Von daher gesehen, muss ich auf der entgegen gesetzten Seite sein und ihn bekämpfen, bis er über-wunden ist. Aber durch Gottes Geist bin ich hier schon Christi Hausgenosse und Bürger der himmlischen Welt. Da befinde ich mich in der Sphäre des „Nein", jenes „Weder-Noch", wo die Kommunisten trotz all ihrer Verbrechen noch verstanden und geliebt werden, jener Sphäre, in der Wesen von göttlicher Natur als Beauftragte Gottes walten und jedem ohne Ansehen der Person helfen, das Ziel unseres menschlichen Lebens zu erreichen, zu werden wie Jesus Christus. Daher ist mein einziges Ziel, das Evangelium den Kommunisten zu bringen, auch ihnen das große Angebot Gottes eines unvergänglichen Lebens zu verkünden. Christus, der mein Herr ist, liebt die Kommunisten. Er hat selbst gesagt, dass er alle Menschen liebt und eher neunundneunzig „gerechte" Schafe zurückläßt, als zuzugeben, dass das eine verirrte verloren geht. Seine Apostel und alle späteren großen Lehrer der Christenheit haben diese universale Liebe in Seinem Namen bezeugt. Der heilige Makarios sagt: „Wenn ein Mensch alle Menschen inbrünstig liebt, von einem einzigen aber sagt, den könne er nicht lieben – dann ist dieser Mensch, der das sagt, kein Christ mehr, denn seine Liebe ist nicht allumfassend." Und der Kirchenvater Augustin lehrt: „Wenn die ganze Menschheit gerecht und nur ein einziger Mensch ein Sünder gewesen wäre, so wäre Christus doch gekommen und hätte für diesen einen Menschen dasselbe Kreuz erduldet – so sehr liebt er jeden einzelnen persönlich." Die christliche Lehre ist ganz klar. Als Menschen liebt Christus die Kommunisten. So handelt jeder, der Christi Geist hat. Wir lieben den Sünder, obwohl wir, ja, gerade weil wir die Sünde hassen.

Wir kennen die Liebe des auferstandenen Christus zu allen Menschen und darum auch zu den Kommunisten aus unserer eigenen Liebe zu ihnen. Ich habe Christen in den Gefängnissen gesehen mit fünfzig Pfund Ketten an ihren Füßen, gefoltert mit glühenden Feuerhaken, in ihren Kehlen gewaltsam mit Löffeln eingeflößtes Salz ohne den geringsten Zusatz von Wasser, ausgehungert, durchgepeitscht, vor Kälte zitternd – und dennoch aus tiefem Herzen betend für die Kommunisten. Menschlich ist das nicht zu erklären! Das ist nur aus der Liebe Christi möglich, die in ihr Herz ausgegossen ist.
Später kamen von den Kommunisten, die uns gefoltert hatten, einige ebenfalls ins Gefängnis. Unter der Herrschaft des Kommunismus werden manchmal die eigenen Leute, auch höhere Funktionäre, fast eben sooft ins Gefängnis geworfen wie ihre Gegner. Dann kam es vor, dass die Gefolterten und ihre Folterer in derselben Zelle waren. Während nun die Nichtchristen gegen ihre früheren Peiniger blanken Hass an den Tag legten und sie schlugen, nahmen sie die Christen in Schutz, sogar auf die Gefahr hin, selbst geschlagen zu werden und als Komplizen der Kommunisten unter den Häftlingen verschrien zu werden. Ich habe Christen ihre letzte Scheibe Brot – es gab damals eine in der Woche – ebenso ihre Medizin, die ihnen selber das Leben retten konnte, an einen kranken Folterer, der jetzt ihr Mitgefangener war, weggeben sehen. Die letzten Worte von Juhu Maniu, dem vorhergehenden christlichen Ministerpräsidenten Rumäniens, der im Gefängnis starb, waren: „Wenn die Kommunisten in unserem Land einmal überwunden werden, wird es die heiligste Pflicht eines jeden Christen sein, auf die Straße zu gehen und unter Einsatz seines Lebens die Kommunisten vor dem gerechten Zorn der Massen, die sie tyrannisiert haben, zu schützen!" In den ersten Tagen nach meiner Bekehrung zu Gott hatte ich das Gefühl, als ob ich nicht mehr weiterleben könnte. Wenn ich durch die Straßen ging, empfand ich einen physischen Schmerz für jeden Mann und jede Frau, die an mir vorübergingen. Es war fast wie ein Messer in meinem Herzen, so brannte mich die Frage, ob er oder sie gerettet war oder nicht. War ein Glied der Gemeinde in Sünde gefallen, mußte ich oft stundenlang weinen. Dieses Verlangen nach der Errettung aller Seelen ist mir seit damals im Herzen geblieben, und die Kommunisten sind davon nicht ausgeschlossen. In Einzelhaft waren wir nicht mehr in der Lage, so wie sonst zu beten. Wir hatten einen unvorstellbaren Hunger; wir waren so matt und abgestumpft, dass wir fast wie Idioten wurden. Äußerlich sahen wir wie wandelnde Skelette aus. Das Vater-Unser war uns zum Beten schon viel zu lang. Wir konnten uns nicht mehr so lange konzentrieren. Mein einziges Gebet, das ich immer wieder sprach, war: „Jesus, ich liebe dich." Und dann erhielt ich an einem in meiner Erinnerung herrlichen Tage Antwort von Jesus: „Du liebst mich? Dann will ich dir zeigen, wie ich dich liebe!" Momentan spürte ich einen brennenden Stich im Herzen, der wie durch ein Brennglas gebündelte Sonnenstrahlen brannte. Die Jünger, die auf dem Weg nach Einmaus waren, berichten, dass ihr Herz brannte, als Jesus mit ihnen sprach. So erging es mir damals. Denn ich kannte die Liebe des Einen, der sein Leben am Kreuz für uns alle gegeben hat. Solche Liebe kann die Kommunisten nicht ausschließen, wie schwer ihre Schuld auch sei. Die Kommunisten haben furchtbare Greuel begangen und begehen sie heute noch, aber auch „noch so viele Wasser können die Liebe nicht ersticken, noch können die Fluten sie ertränken. Liebe ist stärker als der Tod. Eifersucht dagegen ist nur grausam – wie das Grab". Und wie das Grab kalt und unnachgiebig alle zur Vernichtung haben will – Arme und Reiche, Junge und Alte, Menschen aller Rassen, Nationen und politische Überzeugungen, Heilige und Verbrecher – so umschließt die Liebe Christi auch alle, aber Leben spendend. Jesus Christus, die Mensch gewordene Liebe Gottes, wird niemals aufhören, bis sie auch die Feinde gewinnt. In meine Gefängniszelle war ein Minister eingeliefert worden. Er war halb tot. Blut strömte ihm von Gesicht und Körper. Er war fürchterlich geschlagen worden. Wir wuschen ihn. Einige unter den Häftlingen verfluchten die Peiniger. Stöhnend sagte er: „Bitte, flucht ihnen nicht. Seid still! Ich möchte für sie beten."

 

Voller Freude – auch im Gefängnis

Wenn ich auf meine vierzehn Jahre Gefängnis zurückblicke, so will mir scheinen, dass sie trotz allem auch eine Zeit voller Freude waren. Andere Häftlinge und selbst unsere Wächter gerieten immer wieder in Verwunderung darüber, wie Christen sogar unter den furchtbarsten Umständen noch fröhlich sein konnten. Wir ließen uns nicht abhalten zu singen, obwohl wir dafür geschlagen wurden. So, stelle ich mir vor, würden auch Nachtigallen noch singen, selbst wenn sie das Wissen hätten, dass sie nach ihrem Gesang dafür sterben müßten. Es gab im Gefängnis Christen, die von ihrer Freude so erfüllt waren, dass sie buchstäblich getanzt haben. Was konnte sie unter solch erschütternden Bedingungen so fröhlich machen? Ich habe im Gefängnis oft über ein Wort Jesu an seine Jünger nachdenken müssen: „Glückselig sind die Augen, die das sehen, was ihr seht!" Nun waren die Jünger aber gerade von einer Reise durch ihr Land zurückgekommen, wobei sie Erschütterndes gesehen hatten. Palästina war damals ein besetztes, unterdrücktes Land. Auf Schritt
und Tritt begegnete ihnen das furchtbare Elend eines unterjochten Volkes. Wo sie hinkamen, stießen die Jünger auf Krankheit, Seuchen, Hunger und Not. Sie kamen in Häuser, aus denen Patrioten verhaftet und ins Gefängnis geworfen worden waren, in denen nur noch das Weinen der Eltern und Ehefrauen zurückgeblieben war. Es war durchaus keine heitere Welt, die sich ihnen bot. Und doch sagte Jesus: „Glückselig sind die Augen, die auch solches sehen, was ihr gesehen habt!" Der Grund war, dass sie nicht nur Not und Elend gesehen hatten. Vor allem hatten sie den Erlöser Jesus Christus gesehen, den Bringer alles Guten, das Endziel alles menschlichen Strebens überhaupt. Zum ersten Mal haben damals ein paar häßliche Erdenwürmer, Raupen, die auf ihren eng begrenzten Blättern krochen, das Geheimnis entdeckt, dass nach diesem erbärmlichen Dasein noch ein ganz anderes Leben kommt, das eines unbeschwerten, herrlichen Schmetterlings, der sich über die Erdenschwere erhebt und von Blüte zu Blüte schwebt. Diese Entdeckerfreude hatten auch wir. Rund um mich her waren solche armen Würmer, Hiobsleute, von denen einige noch mehr gequält waren, als es Hiob einst war. Aber ich kannte das Ende von Hiobs Lebensgeschichte: wie er doppelt soviel wiederbekam, als er vorher gehabt hatte. Auch Menschen wie den armen Lazarus hatte ich um mich, genauso hungrig und voller Geschwüre. Aber ich wußte, Gottes Boten würden sie dem Abraham an die Brust tragen. Ich sah sie so, wie sie dereinst sein werden. In dem schäbigen, elenden, schmutzigen Blutzeugen neben mir sah ich schon den Heiligen der hoheitsvollen Gemeinde Jesu Christi, dem die Krone göttlicher Gerechtigkeit gegeben wird. Wenn ich die Menschen von dieser Warte aus betrachtete –nicht, wie sie zu der Zeit noch waren, sondern wie sie sein würden – dann konnte ich auch in unseren Verfolgern, gleich dem Saul von Tarsus, zuweilen die künftigen „Paulusse" entdecken. Einige von unseren Verfolgern haben diese Wandlung erfahren. Beamte der Geheimpolizei, denen wir Christus bezeugt haben, wurden selber Christen und schätzten sich danach glücklich, im Gefängnis dafür zu leiden, dass auch sie Christus gefunden hatten. In den Gefängniswärtern, die uns auspeitschten, sahen wir die Möglichkeiten der Wandlung eines Kerkermeisters von PhiIippi, der auch zuerst Paulus geschlagen hatte und dann zu Christus bekehrt worden war. Wir sehnten es geradezu herbei, dass auch sie anfingen zu fragen: „Was soll ich tun, dass ich selig werde?" (Apostelgeschichte 16, 30). Gerade in denen, die höhnisch zusahen, wie Christen mit Kot beschmiert und an Kreuze gebunden wurden, sahen wir die Vertreter jener Volksmenge von Golgatha, die kurze Zeit später sich wegen ihrer Sünden reuevoll an die Brust schlugen. Dort im Gefängnis bestätigte sich unsere Hoffnung für die Peiniger, dass auch sie das Heil in Christus annehmen können. In besonderem Maße ging uns dort die Erkenntnis auf, dass wir ihnen gegenüber Verantwortung tragen. Und so seltsam es denn natürlichen menschlichen Empfinden erscheinen mag, wir lernten sie, während wir gefoltert wurden, wahrhaftig zu lieben. Viele aus meiner Familie sind ermordet worden. Es geschah aber auch in meinem Hause, dass ihre Mörder zu Gott bekehrt wurden. War es doch auch der geeignetste Ort dafür. Und so wurde mitten in den Gefängnissen der Gedanke christlicher Mission an den Kommunisten geboren. Gott sieht die Dinge anders als wir sie sehen, und wir sehen sie wieder anders als eine Ameise. Vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet, ist es etwas Fürchterliches, an ein Kreuz gebunden und mit Kot beschmiert zu werden. Dennoch bezeichnet die Bibel die Leiden der Blutzeugen als „leichte Trübsale" (2. Korinther 4, 17). Vierzehn Jahre im Gefängnis zu verbringen, ist für uns eine lange Zeitspanne. Die Bibel aber nennt sie „nur einen Augenblick, der uns die Ehrenkrone erwirkt". Das berechtigt uns zu der Annahme, dass die furchtbaren Verbrechen der Kommunisten, die uns Menschen so schwer erscheinen und gegen die wir mit vollem Recht bis zum Äußersten ankämpfen müssen, mit Gottes Augen anders bemessen werden als mit unseren. Ihre Gewaltherrschaft, die nun schon ein halbes Jahrhundert andauert, mag Gott, vor dem „tausend Jahre wie ein Tag" sind, nur als ein Augenblick der Verirrung erscheinen. Deshalb besteht auch für sie die Möglichkeit der Errettung. Das himmlische Jerusalem ist eine Mutter und liebt wie eine Mutter alle Kinder. Die Tore des Himmels sind den Kommunisten nicht verschlossen, und das Licht göttlicher Gnade ist für sie wie für alle Menschen noch nicht erloschen. Sie sind noch fähig zu bereuen wie jeder andere. Und wir sind gefordert, sie zur Buße zu rufen. Nur Liebe vermag diese Menschen zu ändern – eine Liebe freilich, die sich ganz klar von jener Willfährigkeit gegenüber dem Kommunismus unterscheidet, wie sie heute von vielen Vertretern der Kirchen an den Tag gelegt wird. Hass macht blind. Hitler war Antikommunist, aber einer, der haßte wie sie selber.

Anstatt sie zu besiegen, verhalf er den Kommunisten noch dazu, ein Drittel der Welt sich zu unterwerfen. Noch im Gefängnis faßten wir daher einen Plan für ein Missionswerk unter den Kommunisten, der nur von der Liebe Christi getragen war. Und in erster Linie dachten wir dabei an die Funktionäre. Ich habe oft den Eindruck, dass manche Leiter von Missionswerken die Geschichte ihrer Kirche nur wenig studiert haben. Wie ist doch einst Norwegen für Jesus Christus gewonnen worden? Einfach dadurch, dass König Olaf gewonnen wurde. Ebenso erhielt Russland das Evangelium, als König Wladimir der Große Christ wurde. Und Ungarn ist dadurch für den christlichen Glauben gewonnen worden, dass der heilige Stephan, sein damaliger König, vorher gewonnen wurde. Dasselbe trifft auch auf Polen zu. Und wo in Afrika der Häuptling eines Stammes für Christus gewonnen wurde, folgte der ganze Stamm nach. Wir dagegen beginnen heutzutage unsere Missionsarbeit gewöhnlich bei den einfachen Gemeindegliedern, die sicher gute Christen werden mögen, die aber nur wenig Einfluß haben und daher den Gesamtzustand nicht zu ändern vermögen. Wir müssen die Verantwortlichen gewinnen: die führenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Sie sind die Ingenieure der Massengesellschaft, denn sie formen die Seelen der Menschen. Wenn man diese gewinnt, gewinnt man zugleich die Menschen, die von ihnen gelenkt und beeinflußt werden. Vom missionarischen Standpunkt aus bietet der Kommunismus einen großen Vorteil, den andere Gesellschaftssysteme nicht haben: Er ist weit mehr zentralisiert als alle anderen. Wenn der Präsident der USA zu den Mormonen überträte, würde deswegen Amerika noch lange nicht mormonisch. Wenn aber Mao Tse-tung Christ würde oder Breschnew oder Ceausescu, könnte ihr ganzes Land davon erfaßt werden. So groß ist dort die Ausstrahlung der politischen Führer. Aber kann ein kommunistischer Führer überhaupt zu Gott bekehrt werden? wird mancher fragen. Ganz gewiß, denn er ist im Grunde auch unglücklich und innerlich so ungewiß und unsicher wie seine Opfer. Viele kommunistische Politiker endeten im Gefängnis oder wurden von ihren eigenen Genossen beseitigt. Dasselbe beobachten wir heute in China. Und in Russland endeten selbst die Innenminister wie Jagoda, Yezhov, Beria, die doch alle Macht in ihren Händen zu halten schienen, genauso wie der letzte Konterrevolutionär: eine Kugel, und es war aus mit ihnen. Erst kürzlich sind Schelepin, Innenminister der Sowjetunion, und Rankovic, Innenminister von Jugoslawien, wie schmutzige Lumpen hinausgeworfen worden.

Wie wir den Kommunismus geistig überwinden können

Das kommunistische Regime macht niemand glücklich, nicht einmal seine Nutznießer. Denn selbst diese zittern davor, dass eines Nachts der geschlossene Wagen der Geheimpolizei sie abholt, weil die Parteilinie sich wieder einmal geändert hat. Ich habe viele kommunistische Funktionäre persönlich kennen gelernt. Es sind schwer belastete Menschen. Auch ihnen kann nur Jesus Frieden geben. Führende Kommunisten für Jesus Christus zu gewinnen, mag vielen ebenso erscheinen, wie die Welt vor der nuklearen Zerstörung zu bewahren oder die Menschheit vor dem überall herrschenden Hunger zu befreien, der wiederum der Tatsache zuzuschreiben ist, dass ihre an sich ausreichenden Einkünfte in kostspielige Rüstungen abgezweigt werden. In der Tat könnte es das Ende der gegenwärtigen internationalen Spannungen bedeuten, wenn es gelänge, die führenden Kommunisten für Christus zu gewinnen. Es würde Christus und die Engel Gottes mit Freude erfüllen, ja, es könnte den Sieg der Kirche Christi bedeuten. Alle jene Gebiete, in denen heute noch Missionare nur mit Mühe vorankommen wie etwa Neu-Guinea und Madagaskar, würden ohne Widerstreben folgen, wenn die Führer der kommunistischen Welt gewonnen wären, denn es gäbe der Ausbreitung des Evangeliums ganz neuen Auftrieb. Ich bin mit Kommunisten, die sich vom Atheismus zu Christus bekehrt hatten, in persönliche Berührung gekommen. Ich war selber in meiner Jugend ein militanter Atheist. Bekehrte Atheisten lieben Christus ganz besonders, denn sie wissen, dass er ihnen viel vergeben hat. Eine Art strategischen Denkens ist in der Mission notwendig. Von der persönlichen Errettung her gesehen, sind alle Menschen vor Gott gleich. Vom Standpunkt einer missionarischen Strategie für die Erfüllung des göttlichen Heilsplans sind sie durchaus nicht gleich. Es ist weit wichtiger, einen Menschen mit großem Einfluß zu gewinnen, der danach noch Tausende hinzugewinnen kann, als einem unzivilisierten Bewohner des Dschungels das Heil in Christus zu predigen, damit er sich bloß seiner eigenen Errettung freut. Deswegen wählte Jesus für die Erfüllung seines göttlichen Auftrags Jerusalem, das geistliche Hauptquartier der damaligen Welt.

Aus demselben Grunde setzte Paulus alles daran, nach Rom zu gelangen. Gottes Wort sagt: „Der Same des Weibes – des Menschen Sohn — wird der Schlange den Kopf zertreten." Wir dagegen kitzeln die Schlange nur am Bauche und bringen sie zum Lachen. Der Kopf der Schlange ist aber irgendwo zwischen Moskau und Peking, nicht in Tunis oder Madagaskar. Die kommunistische Welt muss das Hauptinteresse unserer Kirchenführer und Missionsdirektoren wie überhaupt eines jeden Christen auf sich ziehen. Wir müssen alle Routinearbeit aufgeben. Es steht geschrieben: „Verflucht sei, wer des Herrn Werk lässig tut" (Jeremia 48, 10). Ein mit den Waffen des Geistes geführter Angriff gegen den Kommunismus ist unserer Kirche nötig. Kriege können nur durch eine Offensive, niemals durch eine bloß defensive Strategie gewonnen werden. Gegenüber den Ländern des Ostens ist die Kirche bis jetzt vielfach nur in der Verteidigung gewesen, wobei sie ein Land nach dem anderen an den Kommunismus verloren hat. Dies muss sich in unserer gesamten Kirche von nun an grundlegend ändern. In der Bibel heißt es, dass Gott eherne Türen und Eisenstäbe zerbricht (Psalm 107, 16; Jesaja 45, 2). Für Ihn wäre auch der Eiserne Vorhang ein kleines. Die Kirche der ersten Christen arbeitete im geheimen und illegal — und siegte. Wir müssen es wieder lernen, auf dieselbe Weise zu arbeiten. Bevor der Kommunismus kam, habe ich nie recht verstanden, warum so viele Personen des Neuen Testamentes mit Decknamen erwähnt werden: z. B. Simeon, der „Niger" hieß, Johannes, genannt „Markus", und viele andere. Auch wir gebrauchen bei unserer Arbeit in den kommunistischen Ländern heute solche Decknamen. Ebenso habe ich vorher nicht verstanden, warum Jesus, als er das letzte Mahl mit seinen Jüngern vorbereitete, keine klare Adresse angab, sondern bloß sagte: „Geht in die Stadt und haltet nach einem Mann Ausschau, der einen Wasserkrug trägt." Jetzt verstehe ich das. Auch wir geben uns geheime Erkennungszeichen in der Arbeit der Untergrundkirche. Wenn wir uns bereit finden, auch so zu arbeiten – also auf die Methoden der frühen Christenheit zurückzukommen – dann können wir auch in kommunistischen Ländern wirksam arbeiten. Als ich aber mit Kirchenvertretern der westlichen Welt deswegen zusammentraf, fand ich anstelle wirklicher Retterliebe zu den Kommunisten, die sonst schon längst zu einem Missionswerk in deren Ländern geführt hätte, ihre Kirchenpolitik ganz im Einklang mit dieser. Und ich habe nicht jenes wahrhafte Mitleiden des barmherzigen Samariters mit den verlorenen Seelen aus dem „Hause Karl Marx"` angetroffen. Im Grunde glaubt ja ein Mensch nicht das, was er in seinem Glaubensbekenntnis hersagt, sondern nur das, wofür er zu sterben bereit ist. Die Christen der Untergrundkirche haben bewiesen, daß sie bereit sind, für ihren Glauben zu sterben. Auch ich setze hier nur eine Arbeit fort, die für mich neue Einkerkerung in einem kommunistischen Land bedeuten kann, neue Folterungen und auch den Tod, weil ich eine geheime Mission hinter dem Eisernen Vorhang leite und damit alle Risiken auf mich nehmen muss. Damit stehe ich für das ein, was ich schreibe. Deshalb habe ich auch das Recht zu fragen: Wären die Kirchenführer Amerikas, Deutschlands und anderer westlicher Länder, die sich offen mit dem Kommunismus anfreunden, auch bereit, für diese ihre Oberzeugung zu sterben? Wer hält sie davon ab, ihre hohen Positionen im Westen aufzugeben und im Osten, in engster Zusammenarbeit an Ort und Stelle mit den Kommunisten, ebenso die öffentlichen Pfarrämter und Kirchenstellen zu übernehmen? Der praktische Erweis einer solchen zur Schau getragenen Oberzeugung ist bis jetzt noch von keinem der westlichen Würdenträger der Kirche erbracht worden. Die menschliche Sprache ist aus dem Bedürfnis und der Notwendigkeit entstanden, einander beim Jagen, Fischen und – im Laufe der Zeit — bei der gemeinsamen Erzeugung lebensnotwendiger Güter sich verständlich zu machen und die wechselseitigen Beziehungen und Gefühle auszudrücken. Es gibt aber keine Worte in menschlicher Sprache, die in einer dem Gegenstand angemessenen Weise die göttlichen Geheimnisse und die Erhabenheit geistlichen Lebens darstellen könnten. In gleicher Weise gibt es keine menschlichen Worte, die die Tiefen satanischer Grausamkeit beschreiben könnten. Oder kannst du noch in Worte fassen, was ein Mensch empfunden hat, der ausgesucht worden war, um in einen Verbrennungsofen der Nazis geworfen zu werden, oder der mit ansehen mußte, wie seine Kinder in diesen Glutofen geworfen wurden? Deshalb ist auch der Versuch vergeblich zu beschreiben, was Christen unter kommunistischer Gewaltherrschaft erduldet haben und noch erdulden. Ich war im Gefängnis zusammen mit Lucretiu Patrscanu, dem Mann, der den
Kommunismus in Rumänien an die Macht gebracht hat. Seine Genossen haben ihn damit belohnt, dass sie ihn ins Gefängnis steckten. Und obgleich er geistig normal war, sperrten sie ihn danach mit wirklich Geisteskranken zusammen in ein Irrenhaus ein, bis auch er wahnsinnig wurde. Dasselbe haben sie mit Anna Pauker gemacht, ihrer früheren Außenministerin. Auch bei Christen wird diese Art der Behandlung mit Vorliebe angewandt. Man gibt ihnen Elektroschocks, und sie werden in Zwangsjacken gesteckt. Die ganze Welt hat sich kürzlich über das entsetzt, was sich auf den chinesischen Straßen abspielte. Vor den Augen der Welt übten die roten Garden ihren Terror aus. Dann versucht euch einmal vorzustellen, was so manchem Christen in einem chinesischen Gefängnis widerfährt, wo niemand mehr zuschaut! Die letzte Nachricht, die uns von dort erreichte, berichtet von einem angesehenen Chinesen, einem evangelischen Schriftsteller, sowie einigen Mitchristen, die sich geweigert hatten, von ihrem Glauben abzulassen, und denen man die Ohren abtrennte, die Zunge herausschnitt und die Beine amputierte. Das Schlimmste jedoch, das die Kommunisten den Menschen antun, besteht nicht darin, dass sie sie foltern und ihren Leib töten. Viel unmenschlicher ist es, daß sie den Geist und die Gedanken der Menschen verfälschen und vor allem die Jugend und die Kinder vergiften. Sie haben ihre Leute in alle leitenden Stellen der Kirchen hineingebracht, um auch die Christen nach ihrem Willen zu lenken und die Gemeinden zugrunde zu richten. Sie halten die Jugend nicht einfach davon ab, an Gott und Christus zu glauben, vielmehr erziehen sie alle dazu, diese Namen geradezu zu hassen. Wer will mit Worten die Tragödie jener verfolgten Christen beschreiben, die nach Jahren schwerer Kerkerhaft endlich nach Hause kommen und von ihren Kindern mit Holm und Verachtung empfangen werden, weil diese in der Zwischenzeit zu militanten Atheisten erzogen worden sind? Dieses Buch ist nicht so sehr mit Tinte geschrieben, vielmehr mit dem Blut verwundeter Herzen. Doch hier unterscheiden sich Christen von der Welt. Wie die drei jungen Männer, die zu Daniels Zeiten in den Feuerofen geworfen wurden, nach ihrer Befreiung nicht einmal den Geruch des Feuers an sich trugen, ebenso wenig haftet den Christen, die in kommunistischen Gefängnissen geschmachtet haben, ein Anflug von Bitterkeit oder Hass gegen die Kommunisten an.

Wenn man eine Blume unter den Füßen zertritt, belohnt sie einen noch mit dem Ausströmen ihres Duftes. In gleicher Weise lohnten die Christen die Folterungen ihrer Peiniger mit Liebe. Auf diese Weise brachten wir viele unserer Kerkermeister zu Christus. Denn wir sind nur von dem einen Wunsch beseelt, den Kommunisten, unter denen wir schwer gelitten haben, das Beste zu geben, was wir haben, die Erlösung durch unseren Herrn Jesus Christus, darum lieben wir sie. Ich hatte nicht das Vorrecht, das viele meiner Glaubensbrüder hatten, den Märtyrertod im Gefängnis zu sterben. Ich kam noch einmal heraus und konnte sogar aus Rumänien in den Westen gelangen. Im Westen fand ich jedoch bei vielen Kirchenvertretern gerade die entgegen gesetzte Einstellung vor, wie sie in der Untergrundkirche hinter dem Eisernen und dem Bambusvorhang vorherrschend ist. Viele Christen im Westen haben nämlich keine Liebe für die Kommunisten. Der Beweis dafür ist darin zu sehen, dass sie einfach nichts für die Rettung dieser Menschen tun. Sie haben Judenmissionen, Moslemmissionen und Buddhistenmissionen. Sie unterhalten sogar Missionswerke, um Christen zum Wechsel von einer Konfession zu einer anderen zu bewegen. Aber sie haben keine Kommunistenmission! Sie lieben sie einfach nicht, sonst hätten sie längst eine solche Mission ins Leben gerufen, so wie einst Carey aus Liebe zu den Indern und Hudson Taylor aus Liebe zu den Chinesen ihre entsprechenden Missionswerke gegründet haben. Aber nicht genug, dass sie die Kommunisten nicht lieben und nichts dafür tun, sie für Christus zu gewinnen – durch ihre Beschwichtigung, ihre Lauheit, ja zuweilen sogar aktive Unterstützung bestärken einige westliche Kirchenführer die Kommunisten noch in ihrer Zersetzungsarbeit. Sie leisten ihren Vertretern Vorschub, in die Kirchen hier im Westen einzudringen und sogar führende Stellen in den kirchlichen Organisationen der freien Welt einzunehmen. Dort machen sie dann die Christen blind gegenüber den Gefahren des atheistischen Kommunismus. Unter dem Vorwand, dass es ihnen ja gesetzlich nicht erlaubt sei, in kommunistischen Ländern für Christus zu werben – als ob die ersten Christen Nero um die Erlaubnis gefragt hätten, das Evangelium auszubreiten -, machen sie erst richtig deutlich, dass sie weder Liebe für die Kommunisten noch für ihre eigene Herde haben. Wenn w i r aber nicht die Kommunisten für Christus gewinnen, werden s i e uns im Westen erobern und auch hier den Glauben an Christus bei vielen zum Erliegen
bringen.

Nichts aus der Geschichte gelernt

In den ersten Jahrhunderten nach Christus gab es eine blühende christliche Kirche in Nordafrika. Aus ihr gingen hervor die Kirchenväter Augustin (Bischof von Hippo, dem heutigen Bone), Athanasius (Bischof von Alexandria), Cyprianus (Bischof von Karthago) und Tertullian. Aber die Christen von Nordafrika versäumten schließlich eine unabdingbare Pflicht: die Mohammedaner in den folgenden Jahrhunderten für Christus zu gewinnen. Das Ergebnis war, dass die Mohammedaner nach Nordafrika vordrangen und das Christentum dort auf Jahrhunderte hin ausgerottet haben. Noch heute gehört Nordafrika den Moslems, und sie werden von den Missionaren der Christlichen Nordafrika-Mission der „Block der Unbekehrbaren" genannt. Es ist an der Zeit, dass wir aus der Geschichte lernen! Zur Zeit der Reformation trafen die religiösen Bestrebungen eines Hus, Luther und Calvin mit dem allgemeinen Interesse der europäischen Völker zusammen, von dem Joch des Papsttums freizuwerden, das damals eine drückende politische und wirtschaftliche Macht darstellte. In gleicher Weise gehen heute die Interessen der Untergrundkirche bei der Ausbreitung des Evangeliums unter Kommunisten wie auch ihren Opfern mit dem vitalen Interesse aller freien Völker zusammen, in Unabhängigkeit und Freiheit fortzubestehen. Es existiert keine politische Macht, die den Kommunismus überwinden könnte. Die Kommunisten besitzen die Atommacht, und sie militärisch überwinden zu wollen würde den dritten Weltkrieg bedeuten mit Hunderten von Millionen an Opfern. Auch sind viele Politiker im Westen schon durch eine Gehirnwäsche gegangen und wünschen gar nicht mehr, die kommunistischen Führer zu entmachten. Einige sagen das frei heraus. Wohl setzen sie sich dafür ein, dass Rauschgifthandel, Verbrechertum, Krebs und Tuberkulose abnehmen, nicht aber der atheistische Kommunismus, der schon weit mehr Opfer gefordert hat als sie alle zusammengenommen. Der sowjetische Schriftsteller Ilya Ehrenburg sagte nach Stalins Tod: „Wenn Stalin in seinem ganzen Leben nichts anderes getan hätte, als die Namen aller seiner unschuldigen Opfer aufzuschreiben, dann hätte sein Leben noch nicht lange genug
gedauert, um diese Arbeit abzuschließen." Chruschtschow stellte auf dem Zwanzigsten Parteitag der Kommunistischen Partei vor den Delegierten fest: „Stalin hat Tausende von ehrenhaften und schuldlosen Kommunisten liquidiert… Von den hundertneununddreißig Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees, die auf dem Siebzehnten Parteitag gewählt worden sind, wurden danach achtundneunzig, das sind siebzig Prozent, verhaftet und erschossen." Es bedarf keiner besonderen Vorstellungskraft, wie er mit den Christen verfahren ist. Chruschtschow leitete die „Entstalinisierung" ein, aber er blieb doch auf derselben politischen Linie. Seit 1959 ist die Hälfte aller Kirchen Sowjetrusslands, die bis dahin noch offen waren, unter Chruschtschows Führung geschlossen worden. In China wütet eine neue Welle des Barbarentums, die schlimmer und grausamer ist als die der stalinistischen Ära war. In der Öffentlichkeit hat jedes kirchliche Leben aufgehört. In Russland und Rumänien laufen neue Verhaftungen an. Gerade jetzt erreicht uns aus Russland die Nachricht von Massenverhaftungen unter den dortigen Christen. Mit Terror wie auch mit ausgeklügelter List und raffinierter Verlockung wird heute in Ländern mit über einer Milliarde Einwohnern die gesamte junge Generation in offenem Hass gegen alles Westliche und vor allem alles Christliche erzogen. So ist es heute in Russland kein ungewöhnlicher Anblick, dass Beamte der lokalen Behörden vor Kircheneingängen stehen und dort auf Kinder warten. Werden dabei welche ertappt, so werden sie geohrfeigt und hinausgeworfen. Die künftigen Totengräber der westlichen Christenheit werden mit Sorgfalt und System herangezogen! Es gibt nur eine Kraft, die den Kommunismus überwinden kann. Es ist dieselbe Macht, die einst die christlichen Staaten in die Lage versetzte, den Platz des heidnischen Römischen Reiches einzunehmen. Es ist die Macht, die einst aus wilden Teutonen und Wikingern Christen machte, und auch die Macht, die schließlich die blutige Inquisition überwand. Diese Macht zeigt sich auch heute wieder als Kraft des Evangeliums in der Untergrundkirche, die in den kommunistischen Ländern existiert. Diese Kirche zu stärken und laufend zu unterstützen ist nicht bloß eine Frage der Verbundenheit mit unterdrückten Brüdern. Es bedeutet vielmehr Leben oder Tod auch für euer Land und eure Kirchen. Diese Kirche zu stärken liegt daher nicht nur im Interesse der Christen innerhalb der Freien Welt, sondern sollte überhaupt ein
politischer Grundsatz aller freien Regierungen sein. Die Untergrundkirche hat schon eine Reihe kommunistischer Funktionäre für Christus gewonnen. Gheorghiu Dej, Rumäniens früherer Ministerpräsident, ist als ein zu Gott bekehrter Mann gestorben, nachdem er seine Schuld bekannt und sein in Sünden verstricktes Leben geändert hatte. In kommunistischen Ländern gibt es Mitglieder der dortigen Regierungen, die im geheimen Christen sind. Das kann sich weiter ausbreiten. Dann können wir eines Tages damit rechnen, dass sich ein Wandel in der Politik einiger dieser kommunistischen Regierungen vollzieht. Hier sind nicht solche Veränderungen gemeint wie jene unter Tito und Gomulka, nach deren scheinbarem Frühling sich doch dieselbe Diktatur einer klar atheistischen Partei fortsetzte, sondern ein Wandel zu christlicher Auffassung und Freiheit hin. Gerade jetzt bestehen dazu einmalige Möglichkeiten. Die Kommunisten, die in ihrem Glauben an die marxistische Ideologie sehr oft ebenso aufrichtig sind wie die Christen in dem ihrigen, gehen zur Zeit nämlich durch eine schwere Krise. Sie hatten tatsächlich geglaubt, dass der Kommunismus unter den Völkern wahre Brüderlichkeit herstellen könnte. Stattdessen müssen die führenden Männer nun feststellen, dass auch ihre Länder untereinander wie böse Hunde streiten. Und außerdem leiden ihre Völker Hunger. Aus „kapitalistischen" Ländern muss Weizen eingeführt werden. Bisher hatten die Kommunisten ihren Führern vertraut. Nun haben sie in ihren eigenen Zeitungen lesen müssen, dass Stalin ein Massenmörder war und Chruschtschow ein Dummkopf. Dasselbe erleben die anderen mit ihren Nationalhelden Rakosi, Gerö, Anna Pauker, Rankovic, Novotny und anderen, die noch folgen. Die Kommunisten glauben nicht länger mehr an die Unfehlbarkeit ihrer Führer. Sie sind jetzt wie Katholiken ohne Papst. Deshalb ist auch in ihren Herzen eine leere Stelle. Diese Leere kann einzig von Christus ausgefüllt werden. Denn das menschliche Herz ist von Natur aus auf der Suche nach Gott. Es besteht eine geistige Leere in jedem Menschen, bis sie durch Christus ausgefüllt wird. Das gilt auch für Kommunisten. Im Evangelium steckt eine Kraft der Liebe, die auch zu ihnen spricht. Das habe ich unmittelbar erlebt. Deshalb weiß ich, dass es möglich ist. Christen, die von den Kommunisten verspottet und gefoltert worden waren, haben ihnen dennoch vergeben und vergessen, was jene ihnen persönlich und auch ihren Familien angetan hatten. Gerade sie tragen am besten dazu bei, dass die Kommunisten aus ihrer Krise den Weg zu Christus finden. Und für diese Aufgabe brauchen sie unsere Hilfe. Aber nicht dafür allein. Christliche Liebe ist immer universal. Bei Christen gibt es keine Parteilichkeit und nach Sympathie auswählende Liebe. Jesus spricht, dass Gott seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen lässt. So verhält es sich auch mit der christlichen Liebe. jene erwähnten Kirchenführer im Westen, die den Kommunisten Freundschaft erweisen, rechtfertigen ihre Haltung ebenfalls mit dem Hinweis auf Jesu Lehre, dass wir auch unsere Feinde lieben sollen. Aber Jesus hat niemals gelehrt, dass wir nur unsere Feinde lieben und unsere Brüder dabei vergessen sollen. Sie bezeugen ihre Liebe, indem sie mit jenen schmausen und tafeln, deren Hände den Christen blutiges Unrecht getan haben, nicht aber dadurch, dass sie ihnen die frohe Botschaft von Jesus Christus anbieten. Ihre Brüder jedoch, die von den Kommunisten unmenschlich unterdrückt werden, sind völlig vergessen. Von Liebe zu diesen ist keine Rede. Die Evangelische und die Katholische Kirche in Deutschland haben in den letzten sieben Jahren fünfhundert Millionen Mark zur Bekämpfung des Hungers in der Welt gespendet. Amerikanische Christen geben sogar noch mehr. Es gibt viele hungernde Menschen in der Welt, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass irgend jemand mehr Hunger leidet als die verfolgten Christen oder etwa eher Anspruch hätte auf die Hilfe der Christen hier im freien Westen. Wenn deutsche Kirchen und ebenso die britischen, amerikanischen und skandinavischen so viel Geld aufbringen zur Linderung der allgemeinen Not, dann sollte es auch jedem, der in Not ist, zugute kommen, zuallererst aber den um ihres Glaubens willen Verfolgten und ihren Familien. Wie steht es aber damit? Ich selber wurde ja von christlichen Organisationen losgekauft, was immerhin beweist, dass Christen losgekauft werden können. Dennoch bin ich bis jetzt der einzige Fall eines Verfolgten, der durch ein Lösegeld aus unserem Land herausgeholt worden ist. Und die Tatsache meiner Befreiung durch Lösegeld ist zu¬gleich eine Anklage gegen viele christliche Organisationen hier im Westen, dass sie in zahlreichen anderen Fällen, die es noch gibt, ihre Pflicht zu erfüllen versäumt haben. Die ersten Christen stellten sich die Frage, ob die neue Kirche Christi nur für Juden sei oder auch für die übrigen Völker. Die Frage erhielt damals die rechte Antwort. In verwandelter Form ist dieses Problem im zwanzigsten Jahrhundert neu aufgetaucht. Das Christentum ist nicht nur für den Westen da, Christus gehört nicht nur Amerika, England, Deutschland und den anderen demokratischen Ländern. Als er gekreuzigt wurde, war eine seiner Hände nach dem Westen, die andere nach dem Osten ausgestreckt. Jesus will nicht mir der König der Juden sein, sondern der Herr aller Völker, auch der Herr der Kommunisten und nicht nur seines Volkes in der westlichen Welt. Denn Jesus gebietet: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!" Er gab sein Blut zur Erlösung für alle hin, deshalb sollen auch alle diese Botschaft hören und daran glauben. Was uns so ermutigt, in allen Ländern das Evangelium zu predigen, ist die Erfahrung, dass diejenigen, die dort Christen werden, voller Liebe und Eifer für Gottes Sache sind. Ich persönlich habe noch keinen einzigen lauen russischen Christen getroffen. Gerade junge ehemalige Kommunisten werden überwiegend zu hervorragenden Jüngern Jesu. Christus liebt die Kommunisten und möchte auch sie befreien, da er alle Sünder liebt und sie von ihrer Sünde freimachen will. Dagegen praktizieren hier im Westen einige kirchliche Würdenträger anstelle dieser einzig richtigen Haltung eine ganz andere: die der Beschwichtigung und Selbstgefälligkeit gegenüber dem Kommunismus.
Was ich vorfand, als ich freigelassen wurde.

Als ich nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis wieder bei meiner Frau war, fragte sie mich, wie ich mir unsere Zukunft vorstellte. Da antwortete ich: „Das Ideal, das mir vorschwebt, ist ein zurückgezogenes Leben in geistiger Betrachtung." Meine Frau bemerkte dazu, sie habe denselben Gedanken gehabt. In meiner Jugend war ich ein ausgesprochen dynamischer Typ. Aber die lange Gefängniszeit und besonders die Jahre der Einzelhaft haben mich zu einem nachdenklichen, kontemplativen Menschen geformt. Alle Stürme in meinem Herzen waren gestillt worden. Ich hatte nichts gegen den Kommunismus. Ich nahm ihn nicht einmal mehr wahr. Ich war geborgen in den Armen meines Herrn und betete für die, die uns quälten.
Ich hatte ja nur wenig Hoffnung gehabt, jemals wieder aus dem Gefängnis herauszukommen, und wenn es mir doch gelegentlich einmal durch den Kopf ging, was ich wohl anfangen würde, falls ich wider Erwarten entlassen werden sollte, so erwog ich eigentlich nur, dass ich mich irgendwohin zurückziehen und in der Einsamkeit die innige Gemeinschaft mit meinem himmlischen Herrn fortsetzen wollte.

Gott ist „die Wahrheit". Die Bibel ist „die Wahrheit über die Wahrheit". Theologie ist „die Wahrheit über die Wahrheit über die Wahrheit". Der Fundamentalismus – als treuer Bibelglaube – ist „die Wahrheit über die Wahrheit über die Wahrheit über die Wahrheit". Und die Christen leben in diesen vielen Wahrheiten über die Wahrheit und haben wegen dieser vielen nicht die eine, die Not tut. Hungrig, geschlagen und erschöpft, hatten wir Theologie und Bibelkunde vergessen. Wir hatten alle die Wahrheiten über die Wahrheit vergessen, und deshalb lebten wir nur noch in der Wahrheit. Es steht geschrieben: „Des Menschen Sohn wird kommen zu einer Stunde, da ihr es nicht meint, und an einem Tag, den ihr nicht wißt." Wir konnten damals nicht mehr denken. Aber in den dunkelsten Stunden unserer Folter kam des Menschen Sohn zu uns und ließ uns die düsteren Gefängnismauern wie Diamanten leuchten, so dass unsere Zellen mit Licht erfüllt waren. Irgendwo in der Ferne befanden sich die Folterer tief unter uns in der Sphäre des Körpers. Aber unser Geist freute sich in dem Herrn. Wir hätten diese Freude nicht gegen die in königlichen Palästen hergegeben. Warum also jetzt gegen irgend jemand oder irgendetwas kämpfen? Nichts lag meinem Geist ferner als das. Ich wollte überhaupt keine Kämpfe mehr ausfechten, auch keine gerechten. Ich wollte lieber lebendige Tempel zur Ehre Christi bauen. Mit dieser Hoffnung auf ruhige Jahre der inneren Betrachtung vor Augen verließ ich das Gefängnis. Aber schon vom ersten Tag meiner Entlassung an sah ich mich neuen Praktiken des Kommunismus gegenübergestellt. Einer um den anderen, den ich von den bekannten Predigern und Pfarrern der verschiedenen Kirchen traf, selbst Bischöfe nicht ausgeschlossen, bekannten mir in tiefem Kummer, aber ohne Beschönigung, dass sie Mittelsmänner der Geheimpolizei gegen ihre eigene Herde geworden seien. Ich fragte sie, ob sie bereit wären, ihre Spitzeltätigkeit aufzugeben, auch auf die Gefahr hin, selber eingekerkert zu werden. Alle antworteten „nein" und erklärten mir, es sei nicht die Furcht um ihre eigene Person, die sie davon zurückhielte. Sie berichteten mir von ganz neuen Entwicklungen im Bereich der Kirche, von Dingen, die vor meiner Verhaftung noch nicht bestanden hatten – dass nämlich die Weigerung, Verbindungsdienste zu leisten, die Schließung der Kirchen bedeuten konnte. In jeder Stadt gibt es einen Vertreter des Staates für die Überwachung der Religionsgemeinschaften, einen Mann der kommunistischen Geheimpolizei. Er hat das Recht, jeden Priester oder Pfarrer zu sich zu bestellen, wann immer es ihm paßt, und sie zu fragen, wer in der Kirche war, wer regelmäßig die Kommunion in Anspruch nimmt, wer es mit seiner Religion ernst meint, wer andere zu gewinnen sucht, welche Leute beichten und so fort. Wenn einer keine Auskunft gibt, wird er abgesetzt und ein anderer „Diener" an seine Stelle getan, der mehr sagen wird als er. Wo der Regierungsvertreter einen solchen Mann nicht findet, was aber nahezu niemals vorkommt, schließt er einfach die Kirche. Die meisten Seelsorger haben der Geheimpolizei daher Auskünfte gegeben, mit dem einen Unterschied, dass einige unter ihnen es widerstrebend taten und gewisse Dinge noch zu verbergen suchten, während andere es sich zur Gewohnheit machten und ihr Gewissen abstumpften. Dann gab es noch welche, die sogar eine Leidenschaft dafür entwickelten und mehr aussagten, als man von ihnen forderte. Ich habe Geständnisse von Kindern aus Familien von Verfolgten gehört, die man erpreßt hatte, Auskünfte über diejenigen Familien zu geben, in die sie nach der Verhaftung ihrer Eltern aus Barmherzigkeit aufgenommen worden waren. Im Weigerungsfalle drohte man ihnen, dass sie ihr Studium nicht fortsetzen könnten. Ich habe an dem Baptistenkongreß teilgenommen, einem Kongreß unter dem Zeichen der roten Fahne. Hier hatten eindeutig die Kommunisten bestimmt, wer die „gewählten Führer" dieser Kirche zu sein hatten. So wußte ich, dass an der Spitze der offiziellen Kirchen jetzt Männer standen, die von der kommunistischen Partei benannt worden waren. Es wurde mir ganz klar, dass ich hier den „Greuel der Verwüstung an allerheiligster Stätte" sah, von dem Jesus im Evangelium spricht. Es hat immer schon gute und schlechte Gemeindehirten gegeben. Aber jetzt entschied zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche das Zentralkomitee einer ausgesprochen atheistischen Partei, deren erklärtes Ziel die Ausrottung aller Religion ist, wer die Kirche leiten sollte. Und zu welchem Ziel hin leiten.? Ohne Zweifel dem ihrer eigenen Ausrottung. Dazu hat Lenin folgendes geschrieben: „jede religiöse Vorstellung, erst recht jede VCorstellung von Gott, ja schon das Spielen mit dem bloßen Gedanken an einen Gott, ist eine unerträgliche Erniedrigung gefährlichster Art, eine ansteckende Krankheit von der abscheulichsten Sorte. Millionen von Sünden, verruchte Taten, Gewaltakte und böse Seuchen sind weit weniger gefährlich als die subtile geistliche Vorstellung von einem Gott." Die kommunistischen Parteien des gesamten sowjetischen Gebietes sind leninistisch. Für sie ist Religion schlimmer als Krebs, Tuberkulose oder Syphilis. Und sie entscheiden nun darüber, wer die religiösen Führer sein sollen. Mit ihnen arbeiten die Leiter der offiziellen Kirchen zusammen und schließen mit ihnen mehr oder weniger weit reichende Kompromisse. Ich habe es erlebt, wie Kinder und jugendliche mit dem Atheismus vergiftet wurden, und die offiziellen Kirchen haben nicht die geringste Möglichkeit, dagegen anzugehen. In keiner Kirche in unserer Hauptstadt Bukarest gibt es noch eine Jugendversammlung oder einen Kindergottesdienst. Als ich dies alles sah, konnte ich nicht anders, als meinen Kampf wieder neu aufzurichten. Ich stellte mich nicht gegen den Kommunismus wegen dem, was er mir persönlich angetan hatte, sondern wegen dem Unrecht, das er der Ehre Gottes, dem Namen Christi und den Seelen der über eine Milliarde Menschen unter seiner Herrschaft ständig antut. Bauern aus dem ganzen Land suchten mich auf und erzählten mir, wie die Kollektivierung der Landwirtschaft durchgeführt wurde. Nun waren sie auf einmal hungrige Sklaven auf ihren eigenen früheren Feldern und in ihren Weinbergen. Sie hatten kein Brot, ihre Kinder hatten keine Milch, kein Obst – und das in einem Land mit natürlichen Reichtümern, die denen im alten Kanaan gleichkommen. Glaubensbrüder bekannten mir, dass man Diebe und Betrüger aus ihnen allen gemacht habe. Vor Hunger mußten sie nun stehlen, was eigentlich aus ihren eigenen Feldern stammte, aber jetzt dem Kollektiv gehörte. Dazu mußten sie noch lügen, um ihren Diebstahl zu verbergen. Arbeiter berichteten mir von dem Terror in den Fabriken und über die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, wie sie sich die „Kapitalisten" nie hätten träumen lassen. Ein Recht zum Streiken hatten die Arbeiter nicht mehr. Wissenschaftler mußten gegen ihre innere Überzeugung lehren, dass es keinen Gott gebe.

Das ganze Leben und Denken eines guten Drittels der Welt ist hier zerstört und verfälscht worden. Junge Mädchen kamen und beklagten sich, dass man sie vor die kommunistische Jugendorganisation bestellt und zurechtgewiesen und bedroht hatte, weil sie einen jungen Mann geküßt hätten, der Christ war – und gleichzeitig gab man ihnen den Namen eines anderen, den sie küssen dürften. Alles war einfach hoffnungslos verdorben und niederträchtig. Dann traf ich die Streiter der Untergrundkirche – meine alten Mitstreiter von früher – von denen einige wenige noch nicht verhaftet und daher übrig geblieben waren, während andere, nachdem sie aus dem Gefängnis entlassen worden waren, schon wieder den Kampf des Glaubens aufgenommen hatten. Sie baten mich, mit ihnen zusammen den Kampf fortzusetzen. Ich besuchte ihre geheimen Versammlungen, bei denen sie aus handgeschriebenen Liederbüchern sangen. Mir kam Antonius der Große in den Sinn. Er hatte dreißig Jahre in der ägyptischen Wüste zugebracht. Er hatte der Welt ganz und gar den Rücken gekehrt, um sein Leben nur noch mit Fasten und Beten zu verbringen. Als er aber von dem Streit des Athanasius und Arius um die Göttlichkeit Christi erfuhr, gab er sein Leben der inneren Betrachtung auf und kam nach Alexandria, um der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. So beschloß ich, was allen Christen zu tun aufgetragen ist: dem Beispiel Christi, seiner Apostel und seiner Gemeinde der Heiligen zu folgen, den Gedanken an ein zurückgezogenes Leben aufzugeben und den Kampf des Glaubens von neuem aufzunehmen. Welcher Art würde der Kampf nun werden? Die Christen im Gefängnis haben immer für ihre Feinde gebetet und ihnen ein lauteres Zeugnis des Evangeliums gegeben. Unser tiefster Wunsch war, dass auch sie errettet würden, und wir waren jedes Mal überglücklich, wenn es sich ereignete. Aber das System haßte ich und hatte nur einen Wunsch, die Untergrundkirche zu stärken, die einzige Macht, die diese furchtbare Tyrannei durch die Kraft des Evangeliums über-winden kann. Ich dachte dabei nicht nur an Rumänien, sondern an die gesamte kommunistische Welt. Im Westen aber habe ich so viel Gleichgültigkeit angetroffen. Schriftsteller der ganzen Welt haben protestiert, als zwei kommunistische Schriftsteller – Siniavski und Daniel – von ihren eigenen kommunistischen Genossen zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Aber nicht einmal die Kirchen protestieren hier, wenn Christen um ihres Glaubens willen ins Gefängnis geworfen werden. Wen kümmert hier schon Bruder Kuzyck, der verurteilt wurde, weil er das „Verbrechen" begangen hat, „verderbliche" christliche Schriften verbreitet zu haben? Es waren Teile der Bibel und Andachtsbücher von Torrey. Wer weiß hier etwas über Bruder Prokofiev, der verurteilt wurde wegen Verteilung abgeschriebener Predigten? Und wer weiß schon etwas über den Judenchristen Grunwald, der in Russland wegen ähnlicher Vergehen verurteilt worden ist und dem die Kommunisten seinen kleinen Sohn auf Lebenszeit fortnahmen? Ich weiß noch, wie mir zumute war, als man mir meinen Mihai wegnahm. Deshalb leide ich mit Bruder Grunwald mit, ebenso mit Bruder Ivanenko, Granny Shevchuk, Taisya Tkachenko, Ekaterina Vekazina, Georgi Vekazin, dem Ehepaar Pilat in Lettland und so fort und fort – Namen von Glaubenshelden und Heiligen im zwanzigsten Jahrhundert! Ich bücke mich vor ihnen und küsse ihre Ketten, wie die ersten Christen die Ketten ihrer Mitchristen geküsst haben, wenn man sie abführte, damit sie den wilden Tieren vorgeworfen würden. Es gibt hier im Westen führende Männer der Kirche, die nicht nach ihnen fragen. Die Namen dieser Verfolgten stehen nicht auf ihren Gebetslisten. Während sie dort gefoltert und zu schweren Strafen verurteilt wurden, sind die offiziellen Vertreter der russischen Baptisten und der orthodoxen Kirche, die sie denunziert und verraten haben, in Neu Delhi, in Genf und auf anderen Konferenzen mit großen Ehren empfangen worden. Dort versicherten sie dann jedermann, dass in Russland völlige Religionsfreiheit besteht. Einer der Präsidenten des Weltkirchenrates küßte den Erzbischof Nikodim, als der diese Erklärung abgab. Dann hatten sie ein gemeinsames Festessen in dem so imposanten Namen des Weltkirchenrates, während die Christen in den Gefängnissen Kohlsuppe mit ungewaschenen Innereien aßen, wie ich sie jahrelang um Jesu willen gegessen habe. Dieser Zustand konnte auf die Dauer nicht hingenommen werden. Deshalb entschied die Leitung der Untergrundkirche, dass ich, wenn sich die Gelegenheit böte, mein Land verlassen und euch Christen hier über die wirklichen Geschehnisse informieren sollte. Ich bin entschlossen, „den Kommunismus" anzuklagen, obwohl ich „die Kommunisten" lieb habe. In unserer Zeit halte ich es nicht für richtig, das Evangelium zu predigen, ohne diese Wahrheit auszusprechen. Einige sagen zu mir: „Predige die reine Botschaft von Christus!" Das ruft mir in Erinnerung, dass auch die Geheimpolizei mir dringend empfohlen hatte, nur Christus zu predigen, den Kommunismus aber nicht zu erwähnen. Ist es denn wirklich schon so, dass diejenigen, die für ein – wie sie es nennen – „reines Evangelium" eintreten, von demselben Geist inspiriert sind wie jene von der kommunistischen Geheimpolizei? Ich weiß nicht, was dieses so genannte „reine Evangelium" ist. War die Predigt Johannes des Täufers „rein"? Er sagte nicht bloß: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen." Er sagte auch: „Du, Herodes, tust Böses." Er wurde enthauptet, weil er sich nicht auf reine, abstrakte Verkündigung beschränkte. Jesus hielt nicht nur die „reine" Bergpredigt, sondern auch solche, die einige unserer heutigen bekannten Theologen als „negative Predigt" bezeichnet hätten: „Weh über euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Weh euch, ihr Heuchler … ihr Schlangen- und Otterngezücht!" Wegen dieses „nicht-reinen" Predigens ist er gekreuzigt worden. Über die Bergpredigt hätten sich die Pharisäer wahrscheinlich nicht weiter aufgeregt. Sünde muss schon bei ihrem Namen genannt werden. Der Kommunismus als materialistischer Atheismus ist heute die gefährlichste Sünde in der Welt. Jede Verkündigung, die ihn nicht als solche entlarvt, ist nicht das reine Evangelium. Die Untergrundkirche tut das und setzt Freiheit und Leben aufs Spiel. Wie viel weniger Grund zu schweigen haben wir im Westen. Ich bin deshalb entschlossen, den Kommunismus als materialistischen Atheismus aufzuzeigen, jedoch nicht aus der Haltung, aus der jene es tun, die sich „Antikommunisten" nennen. Hitler war ein solcher Antikommunist und dennoch ein Tyrann. Wir rufen zur Versöhnung mit Gott, darum hassen wir die Sünde und lieben die Sünder.

Warum ich im Westen leide

Ich leide im Westen mehr, als ich in kommunistischen Ländern gelitten habe. Mein Leiden besteht vor allem in der Sehnsucht nach der unaussprechlichen Schönheit der unterdrückten Kirche – der Kirche, die den alten lateinischen Wahlspruch wahr gemacht hat: „Nudis nudum Christi sequi" (Dieweil wir nackt sind, sind wir Nachfolger der Nacktheit Christi). Im kommunistischen Lager ist Jesu Wort wieder Wirklichkeit, dass des Menschen Sohn und diejenigen, die ihm angehören, nicht haben, wo sie ihr Haupt hinlegen. Christen bauen sich dort keine Häuser. Wozu auch? Sie werden ihnen bei ihrer ersten Verhaftung beschlagnahmt. Gerade der Umstand, dass du etwa ein neues Haus hast, kann der eigentliche Beweggrund dafür sein, dass du ins Gefängnis kommst – weil die Kommunisten dieses Haus haben wollen. Dort erfüllt sich an dir das Wort, dass du deinen Vater nicht begräbst noch deine Familie „Lebewohl" sagst, wenn du Christus nachfolgst. Wer sind dort deine Mutter, dein Bruder, deine Schwester? In dieser Beziehung gleichst du dort Jesus. Mutter und Bruder sind dir nur jene, die den Willen Gottes tun. Was aber die natürlichen menschlichen Bindungen anbelangt — haben sie denn noch irgendeinen Wert angesichts der häufigen Tatsache, dass die Braut den Bräutigam denunziert, die Kinder ihre Eltern, die Frauen ihre Ehemänner? Was wirklich Bestand hat, ist mehr und mehr nur noch die geistliche Verbindung in Christus.  Die Untergrundkirche ist eine arme und leidende Kirche, aber sie hat keine lauen Glieder. Ein Gottesdienst in der Untergrundkirche gleicht jenen Versammlungen in der frühchristlichen Kirche vor neunzehnhundert Jahren. Der Prediger kennt keine ausgearbeitete theologische Exegese. Er weiß auch nichts vom „Kanzelstil", sowenig Petrus davon wusste. Jeder Theologieprofessor hätte Petrus eine schlechte Note für seine Pfingstpredigt erteilt. Die Verse der Bibel sind in kommunistischen Ländern nicht so allgemein bekannt, weil dort Bibeln selten sind. Und außerdem hat der Prediger höchst wahrscheinlich jahrelang im Gefängnis gesessen ohne eine Bibel. Wenn sie dort ihren Glauben an einen Vater im Himmel bekunden, so bedeutet das sehr viel, denn hinter dieser Versicherung stehen erschütternde Erlebnisse. Im Gefängnis haben sie nämlich diesen allmächtigen Vater täglich um Brot gebeten -¬und haben stattdessen Kohl mit unbeschreiblichem Schmutz empfangen. Dennoch glauben sie, dass Gott ihr liebender Vater ist. Sie sind wie Hiob, der sagte, er würde Gott vertrauen, selbst wenn Gott ihn schlüge. Sie sind wie Jesus, der Gott seinen Vater nannte, selbst als er dort am Kreuz allem Anschein nach verlassen war. Wer einmal die geistliche Schönheit der Untergrundkirche kennen gelernt hat, der kann sich mit der Leere so mancher Kirchen hier im Westen nicht mehr zufrieden geben.

Ich muss es noch einmal deutlich sagen: Ich leide hier im Westen mehr, als ich je im Kerker gelitten habe, weil ich hier mit eigenen Augen die westliche Kultur sterben sehe. Oswald Spengler schrieb in seinem „Untergang des Abendlandes": „Ihr liegt im Sterben. Ich sehe an euch alle die charakteristischen Merkmale des Zerfalls. Ich kann euch nachweisen, dass euer großer Reichtum und eure große Armut, euer Kapitalismus und euer Sozialismus, eure Kriege und eure Revolutionen, euer Atheismus und Pessimismus und auch euer Zynismus, eure Lasterhaftigkeit, eure zerrütteten Ehen, eure Geburtenkontrolle, die euch von der Substanz her ausblutet und auch von eurer geistigen Höhe stürzt – ich kann es euch beweisen, daß dies die Wahrzeichen der Sterbeepoche aller antiken Staaten waren: Griechenlands und Alexandrias und des neurotischen Rom."  Das ist 1926 geschrieben worden. Seitdem sind schon in der einen Hälfte Europas Demokratie und abendländische Kultur gestorben und uns ebenso fern geworden wie Cuba. Und der übrige Teil des Westens schläft. Aber da ist eine Macht, die nicht schläft: der Kommunismus. Während im Osten die Kommunisten enttäuscht sind und ihre Illusionen verloren haben, ist der Kommunismus im Westen gefährlich geblieben. Denn im Westen will man die furchtbaren Berichte über die Greueltaten, das Elend und die unmenschlichen Verfolgungen in den kommunistisch regierten Ländern nicht wahrhaben. Mit unermüdlichem Eifer suchen sie überall ihre „Heilslehre" auszubreiten – in den Salons der oberen Schichten, in den Clubs der Intellektuellen, in den Universitäten und Hochschulen, in den Elendsvierteln und den Kirchen. Und wir, die Christen, sind häufig nur mit halbem Herzen auf der Seite der ganzen Wahrheit. Sie aber sind mit ganzem Herzen auf der Seite der Lüge. Währenddessen erörtern die Theologen hier im Westen vielfach nur Nebensächlichkeiten. Aus der Geschichte drängt sich mir eine Parallele auf. Während die Truppen Mohammeds II. 1453 Konstantinopel einschlossen und die Entscheidung über Jahrhunderte zu treffen war, ob die Völker des Balkan unter christlicher oder mohammedanischer Oberherrschaft leben sollten, diskutierte in der belagerten Stadt ein Kirchenkonzil über folgende Probleme: Welche Farbe hatten die Augen der Heiligen Jungfrau? Welchen Geschlechts sind die Engel? Was geschieht, wenn eine Fliege in geweihtes Wasser fällt? Ist die Fliege geweiht oder das Wasser entweiht?

Selbst wenn es nur eine Legende sein sollte, soweit es die Einzelheiten betrifft, so kommt doch die geistige Haltung der Zeit darin treffend zum Ausdruck. Und welche Haltung nehmen wir ein? Man blättere nur einmal die Wochenzeitungen unserer Kirche heute durch, und man wird in der einen oder anderen finden, dass die diskutierten Fragen sich vielfach nicht all zu sehr von jenen unterscheiden. Unser aller Bedrohung durch den atheistischen Kommunismus und die Leiden der unterdrückten Kirche werden kaum jemals erwähnt. Da werden oft endlose Debatten über theologische Streitfragen geführt, über Gottesdienstordnungen, über Äußerlichkeiten. Es war auf irgendeiner Gesellschaft. Einer fragte: „Wenn Sie jetzt auf einem Schiff wären, das am Sinken ist, und Sie könnten sich auf eine einsame Insel retten, jedoch vorher noch gerade ein Buch aus der Schiffsbibliothek mitnehmen – welches Buch würden Sie wählen?" Jemand sagte: „Die Bibel", ein anderer „Shakespeare". Ein Schriftsteller meinte: „Ich würde ein Buch wählen, das mich anleiten könnte, wie ich mir ein Boot bauen könnte, um wieder ans Festland zu gelangen. Dann hätte ich wieder die Freiheit zu lesen, was ich wollte." Diese Freiheit für alle Religionsgemeinschaften und theologischen Richtungen zu bewahren und es auch da öffentlich zu beklagen, wo sie wegen der kommunistischen Diktatur und Verfolgung verloren gegangen ist, das ist weit wichtiger, als etwa auf einer bestimmten theologischen Meinung zu beharren. „Die Wahrheit wird euch freimachen" sagt Jesus (Johannes 8, 32). Aber ebenso sagt er auch: „Nur der Geist der Freiheit führt euch in die Wahrheit." Deshalb sollten wir, anstatt über unwesentliche Dinge zu streiten, uns lieber in diesem Kampf für die Freiheit gegen jede Diktatur vereinen. Ich kann nur mitleiden, wenn ich an den ständig zunehmenden Leiden der Kirche hinter dem Eisernen Vorhang noch Anteil nehme. Da ich selber durch diese Leiden gegangen bin, stehen sie mir besonders lebendig vor Augen. Im Juni 1966 beschuldigten die sowjetischen Zeitungen Iswestija und Derewenskais Jisn die russischen Baptisten, sie forderten ihre Mitglieder auf, zur Sühne für ihre Sünden ihre Kinder zu töten. Es ist die alte Beschuldigung des Ritualmordes, wie sie auch gegen die Juden immer wieder erhoben worden ist. Viele werden so etwas hier nicht ernst nehmen. Ich weiß jedoch, was es für die Betroffenen bedeutet. Ich war 1959 im Gefängnis von Cluj in Rumänien mit dem Häftling Lazarovici zusammen, der tatsächlich angeklagt war, an einem Mädchen einen Ritualmord vollzogen zu haben. Er war erst dreißig Jahre alt, aber sein Haar war über Nacht weiß geworden unter den Folterungen. Er sah wie ein alter Mann aus. Er hatte keine Fingernägel mehr. Man hatte sie ihm ausgerissen, um ihn zum Geständnis zu bringen eines Verbrechens, das er nicht begangen hatte. Nach einem Jahr der Folterungen stellte sich heraus, dass er unschuldig war, und er wurde entlassen. Die Freiheit bedeutete jedoch für ihn fortan nichts mehr. Er war für immer ein gebrochener Mann. Es gibt viele, die einen solchen Zeitungsartikel lesen und bloß über die unsinnigen Anklagen der Sowjetpresse gegen die Baptisten dort lachen. Ich kann es nicht, denn ich weiß, was sie für die Angeklagten bedeuten. Auch deshalb ist es für mich so furchtbar, hier im Westen zu leben und ständig solche Beispiele von Unverständnis vor Augen zu haben. Wo ist wohl jetzt der Erzbischof Yermogen von Kaluga, und wo sind die anderen sieben Bischöfe, die gegen Auswüchse der Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Regime durch den Patriarchen Alexei und den Erzbischof Nikodim protestierten, die ,beide Werkzeuge in den Händen der Kommunisten sind? Wenn ich nicht aus nächster Nähe seinerzeit im Gefängnis die Bischöfe, die in Rumänien protestiert hatten, hätte sterben sehen, wäre ich jetzt nicht so besorgt um das Schicksal dieser gottesfürchtigen Bischöfe. Die Pfarrer Nikolas Eshliman und Gleb Yakunin hatten von dem Patriarchen einen Verweis bekommen, weil sie religiöse Freiheit für die Kirche gefordert hatten. Der Westen hält das für selbstverständlich. Aber im Gefängnis war ich mit Vater Joan aus Vladimiresti in Rumänien zusammen, dem die gleiche Sache vorgeworfen worden war. Nach außen gab es auch nur einen kirchlichen „Verweis". Aber unsere offiziellen Kirchenführer arbeiten wie alle offiziellen Kirchenvertreter in kommunistischen Ländern – mit der Geheimpolizei Hand in Hand. Wer also unter ihrer Disziplinarstrafe steht, wird dann noch einmal unter eine wesentlich wirksamere „Ordnungsstrafe" gestellt – d. h. Folterungen, Schläge, Behandlung mit Drogen – im Gefängnis nämlich. Deshalb zittere ich, wenn ich an die Leiden jener armen Verfolgten denke. Ich zittere aber auch, wenn ich an die ewige Bestimmung ihrer Folterer denke. Und es überkommt mich ein banges Zittern um die Christen im Westen, die ihren verfolgten Brüdern nicht beistehen. Auch ich möchte die Seligkeit meines geistlichen Weinbergs tief verschlossen in meinem Herzen bewahren und nicht in einen solchen Kampf der Geister
hineingezogen werden. Wie gern wäre ich irgendwo in Ruhe und Abgeschiedenheit! Aber es ist nicht möglich. Die Gefahr des Atheismus steht vor der Tür. Als die Kommunisten in Tibet eindrangen, setzten sie all denen ein Ende, die einzig an Gegenständen geistlicher Betrachtung interessiert waren. Und in meinem eigenen Land beendeten sie den Traum all derer, die sich von der Wirklichkeit zurückgezogen hatten. Kirchen und Klöster wurden aufgelöst, und nur so viele wurden belassen, wie notwendig waren, um die Fremden hinters Licht zu führen. Stille und Ruhe, nach denen ich mich so sehr sehne, wären eine Flucht vor der Wirklichkeit und obendrein für meine Seele höchst gefährlich. Ich muß diesen geistigen Kampf austragen, obwohl er mich in große Gefahr bringt. Wenn ich einmal plötzlich verschwinden sollte, dann könnt ihr sicher sein, dass es die Kommunisten gewesen sind, die mich entführt haben. Haben sie mich doch 1948 auch schon auf offener Straße gewaltsam entführt und mich unter falschem Namen in einem Gefängnis verschwinden lassen. Damals sagte Anna Pauker, Rumäniens Außenministerin, zu dem schwedischen Botschafter Patrick von Reuterswaerde: „Oh, Wurmbrand macht zur Zeit Spaziergänge auf den Straßen von Kopenhagen." Der schwedische Gesandte hatte aber meinen Brief in der Tasche, den ich aus dem Gefängnis hatte hinausschmuggeln können. Er wusste also genau, dass man ihm eine Lüge erzählte. Ein solcher Fall kann sich durchaus wiederholen. Sollte ich ermordet werden, so kann der Mörder nur bestellt sein. Niemand sonst hätte einen Grund, mich zu ermorden. Und wenn ihr einmal Gerüchte über meine moralische Verkommenheit vernehmt, etwa über Diebstahl, Homosexualität, Ehebruch, politische Unzuverlässigkeit, Betrügereien oder dergleichen, dann ist das die Erfüllung jener Drohung der Geheimpolizei: „Wir werden dich moralisch erledigen." Aus zuverlässiger Quelle erreichte mich die Nachricht, dass die rumänischen Kommunisten nach meiner Aussage vor dem amerikanischen Senat beschlossen haben, mich zu ermorden. Sie werden versuchen, mich tatsächlich zu töten oder aber mich durch Rufmord zu erledigen. Sie werden auch versuchen, mich zu erpressen, indem sie meine Freunde in Rumänien terrorisieren. Sie haben wirksame Mittel. Aber ich kann dennoch nicht schweigen. Und eure Pflicht ist es jetzt, das in. Ruhe zu prüfen, was ich euch berichte. Selbst wenn ihr glaubt, dass ich – nach all dem, was ich durchgemacht habe – an einem Verfolgungswahn leide, dann müßt ihr euch immerhin die Frage beantworten, was es mit dieser fürchterlichen Macht des Kommunismus auf sich hat, die ihre Bürger in solche Komplexe hineintreibt. Was ist das für eine Macht, die Menschen aus Mitteldeutschland auf einem Traktor mitsamt ihrem kleinen Kinde den Stacheldrahtverhau durchbrechen lässt, selbst auf die Gefahr hin, mit der ganzen Familie erschossen zu werden? Müßte darüber der schlafende Westen nicht endlich aufwachen? Menschen, die leiden, suchen gewöhnlich einen Sündenbock, irgend jemand, auf den sie die Schuld für ihr Leid abladen können. Wenn man einen solchen findet, erleichtert das die drückende Last. Dazu kann ich mich nicht herbeilassen. Ich kann die Schuld nicht einfach auf einige führende Männer der Kirche hier im Westen schieben, die mit dem Kommunismus Kompromisse schließen. Das Übel kommt nämlich nicht von ihnen. Es ist viel älter. Sie haben den schlimmen Zustand in der Kirche nicht geschaffen. Sie haben ihn schon vorgefunden. Seit ich hier im Westen bin, habe ich viele theologische Seminare besucht. Ich habe dort Vorlesungen gehört über die Geschichte der Kirchenglocken sowie über die Geschichte liturgischer Gesänge, über kanonisches Recht, das schon lange außer Kraft ist, über Kirchenzucht, die längst nicht mehr geübt wird. Ich war Zeuge, wie Studenten der Theologie lernten, dass der Schöpfungsbericht nicht wahr sei, noch der vom Sündenfall, noch der von der Sintflut, und auch nicht die Wunder des Mose; dass die Prophezeiungen der Bibel niedergeschrieben worden sind nach ihrer Erfüllung; dass die Jungfrauengeburt ein Mythos sei; ebenso die Auferstehung Jesu; dass seine Gebeine irgendwo in einem Grab geblieben seien; dass die Briefe des Neuen Testamentes nicht echt seien; dass die Offenbarung das Buch eines Schwärmers sei – aber sonst sei die Bibel die Heilige Schrift! Und das ist es, was die heutigen Theologen und Vertreter der Kirche lernten, als sie Studenten waren und die theologischen Seminare und Hörsäle füllten. Das ist die eigentliche Atmosphäre, in der sehr viele von ihnen leben. Warum sollen sie auch einem Herrn vertrauen, über den solche seltsamen Dinge ausgesagt werden? Warum sollen die führenden Männer der Kirche noch einer Kirche vertrauen und auf sie bauen, in der frei und öffentlich gelehrt werden kann, dass Gott tot ist? Sie sind Führer der offiziellen Kirche, nicht der Braut Christi. Sie sind Vertreter einer Kirche, in der seit langem viele schon ihren Herrn verraten haben. Wenn sie einem Vertreter der leidenden und verfolgten Kirche im Untergrund begegnen, blicken sie ihn an wie ein fremdes Wesen. Zum anderen ist es aber nicht gerechtfertigt, die Menschen nur nach einem Teil ihres Verhaltens zu beurteilen. Wenn wir das täten, wären wir wie die Pharisäer, für die Jesus deswegen schlecht war, weil er ihre Vorschriften über den Sabbat nicht beachtete. Das verschloß ihnen die Augen vollständig gegenüber dem, was, selbst in ihrer Sicht, an Jesus liebenswert gewesen wäre. Dieselben Kirchenführer, die eine falsche Einstellung gegenüber dem Kommunismus haben, mögen in vielen anderen Dingen durchaus recht haben und auch persönlich aufrichtig sein und aufrichtig handeln. Und selbst in dem, worin sie Unrecht haben, können sie sich ja ändern. Ich war vor Jahren mit einem orthodoxen Metropoliten in Rumänien zusammen. Er war ein Verbindungsmann der Kommunisten, der seine eigene Herde verriet. Damals nahm ich seine Hand zwischen meine Hände und erzählte ihm das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Es war gegen Abend und wir saßen in seinem Garten. Ich sagte zu ihm: „Sehen Sie, mit welcher Liebe Gott einen Sünder aufnimmt, der zu ihm zurückkehrt. Er nimmt sogar einen Bischof wieder mit Freuden an, wenn er bereut." Ich sang ihm Lieder von der Errettung in Jesus Christus. Dieser Mann übergab an jenem Abend Christus sein Leben. Im Gefängnis war ich in derselben Zelle mit einem orthodoxen Priester zusammen, der in der Hoffnung, dann eher freigelassen zu werden, atheistische Abhandlungen schrieb. Ich redete mit ihm darüber. Er zerriß später, was er geschrieben hatte, und nahm es auf sich, vielleicht nie mehr aus dem Gefängnis zu kommen. Ich kann niemand zum Sündenbock machen, um auf diese Weise mir selber die Last zu erleichtern, die ich auf dem Herzen habe. Noch etwas anderes schmerzt mich sehr. Selbst unter meinen engen Freunden verstehen mich einige falsch. Sie klagen mich der Bitterkeit und angestauter Ressentiments gegenüber den Kommunisten an, was einfach nicht zutrifft. Der mosaisch jüdische Schriftsteller Claude Montefiore behauptet, dass Jesu Haltung gegenüber den Pharisäern und Schriftgelehrten, seine öffentliche Anklage gegen sie, im Gegensatz stände zu seiner Forderung, unsere Feinde zu lieben und die zu segnen, die uns fluchen. Und Dr. W. R. Matthews, der kürzlich in den Ruhestand getretene Dekan der St. Pauls-Kathedrale in London, kommt zu dem Schluß, dass dies eine Widersprüchlichkeit und auch Wankelmütigkeit in der Persönlichkeit Jesu sei. Er führt zur Entschuldigung an, dass Jesus eben kein Intellektueller gewesen sei. Montefiores Vorstellung und Urteil über Jesus waren falsch. Jesus liebte die Pharisäer, obwohl er sie öffentlich zurechtwies. Und ich liebe die Kommunisten und auch ihre Werkzeuge in der Kirche, obgleich ich sie anklagen muss. Immer wieder sagt man zu mir: „Vergiß die Kommunisten! Befasse dich nur mit geistlichen Dingen!" Ich bin mit einem Christen zusammengetroffen, der unter den Nazis gelitten hatte. Er versicherte mir, er stehe ganz auf meiner Seite, solange ich Christus bezeugte, gegen die Kommunisten aber sollte ich kein Wort sagen. Ich fragte ihn, ob die Christen, die gegen die Hitlertyrannei in Deutschland gekämpft haben, darin unrecht gehandelt hätten und sich darauf hätten beschränken sollen, nur die Bibel auszulegen, ohne ein Wort gegen den Tyrannen zu sagen. Seine Erwiderung war: "Aber Hitler hat sechs Millionen Juden getötet! Man musste einfach gegen ihn sprechen." Ich antwortete ihm „Die Kommunisten haben dreißig Millionen Russen getötet, dazu Millionen von Chinesen und Osteuropäern. Juden haben sie auch umgebracht. Sollen wir nur protestieren, wenn Juden ermordet werden, und nicht auch, wenn Russen ermordet werden?" Er gab mir zurück: „Das ist etwas ganz anderes." Eine Erklärung erhielt ich dazu nicht. Ich bin von der Polizei unter Hitler und unter den Kommunisten geschlagen worden, und ich konnte keinen Unterschied dabei erkennen. Beide Male war es schmerzhaft. Das Christentum hat gegen viele Ausprägungen der Sünde zu kämpfen, nicht bloß gegen den Kommunismus. Uns beschäftigt nicht nur dieses eine Problem. Aber der atheistische Kommunismus ist zurzeit der größte Feind des Christentums und der gefährlichste. Deshalb müssen wir uns alle gegen ihn verbünden. Darf ich es noch einmal sagen: Die eigentliche Bestimmung des Menschen ist es, Christus ähnlich zu werden. Das zu verhindern, ist das oberste Ziel der Kommunisten. Sie sind in erster Linie antireligiös. Sie glauben, dass der Mensch nach dem Tod zu Salzen und Mineralen werde, sonst nichts. Deshalb wollen sie auch, dass das Leben ausschließlich auf der Ebene der Materie gelebt werden soll. Sie kennen nur die Massen. Ihr Motto ist das des Dämons, von dem das Neue Testament berichtet. Auf die Frage nach seinem Namen gab er zur Antwort: „Wir sind Legion." Die Persönlichkeit, die größte Gabe Gottes an die Menschheit, muss nach ihrer Vorstellung zerbrochen werden. So haben sie einen Mann eingesperrt, weil sie das Buch von Alfred Adler „Individuelle Psychologie" bei ihm gefunden hatten. Die Untersuchungsbeamten der Geheimpolizei schrieen: „Aha, individuell — immer individuell! Warum nicht kollektiv?" Jesus möchte aber, dass wir Persönlichkeiten sind. Auch von daher besteht keine Möglichkeit des Kompromisses zwischen uns und dieser Weltanschauung. Das wissen die Kommunisten. Eine ihrer Zeitschriften in Rumänien, „Nauka i Religia" (Wissenschaft und Religion), schreibt an einer Stelle: „Religion ist unvereinbar mit dem Kommunismus. Er ist ihr natürlicher Feind … Der Inhalt des Programms der Kommunistischen Partei ist der Todesstoß für die Religion … Er ist das Programm für die Schaffung einer atheistischen Gesellschaft, in der die Menschen für immer von der religiösen Fessel frei sein werden." Kann hiernach christlicher Glaube mit dem Kommunismus in Koexistenz leben? Die Kommunisten haben diese Frage hier klar beantwortet: „Der Kommunismus ist der Todesstoß für die Religion." Noch einmal muss ich über die Untergrundkirche berichten. Sie arbeitet unter unsäglich schweren Bedingungen. Der Atheismus ist in allen kommunistischen Ländern Staatsreligion. Eine gewisse Freiheit gewähren sie noch für die Art und Weise, in der die älteren Leute ihren Glauben ausüben; Kinder und Jugendliche jedoch dürfen überhaupt nicht an Gott glauben. Alle Informationsmittel in diesen Ländern – Radio, Fernsehen, Kino, Theater, Presse und Verlage – haben nur das eine Ziel, jeden Glauben an Gott auszurotten. Die Untergrundkirche hat den riesigen Machtmitteln des totalitären Staates nur sehr schwache eigene Mittel entgegenzusetzen. Die Pfarrer der Untergrundkirche in Russland haben keine theologische Ausbildung. Es sind Pfarrer, die noch niemals die Bibel ganz gelesen haben. An dieser Stelle muss ich berichten, auf welche Weise viele von ihnen ordiniert worden sind. Wir trafen mit einem jungen Russen zusammen, der im geheimen Pfarrer war. Ich fragte ihn, wer ihn ordiniert habe. Er gab zur Antwort: „Wir hatten keinen regulären Bischof, der uns einsegnen konnte. Denn die offiziellen Bischöfe setzen niemand ins Amt ein, der nicht von der Kommunistischen Partei gebilligt wird. Deshalb gingen zehn von uns jungen Anwärtern zum Grab eines Bischofs, der als Märtyrer gestorben war. Zwei von uns legten ihre Hand auf seinen Grabstein. Die anderen bildeten einen Kreis um sie, und wir beteten zum Heiligen Geist, uns den
Segen zu geben. Wir waren gewiß, dass wir von den durchbohrten Händen Christi ordiniert worden waren." Nach meinem Urteil ist die Ordination dieses jungen Mannes gültig vor Gott. Solche Menschen, die niemals eine theologische Ausbildung hatten, die oft sogar nur wenig von der Bibel kennen, treiben die Sache Christi voran. Es ist ganz wie in der Kirche der ersten Jahrhunderte. Was für Seminare hatten denn jene besucht, die die ganze damalige Welt für Christus umkrempelten? Konnten alle von ihnen überhaupt lesen? Und woher bekamen sie Bibeln? Aber Gott redete zu ihnen. Wir von der Untergrundkirche haben keine Kathedralen. Aber kann irgendeine Kathedrale schöner sein als der gewölbte Himmel, in den wir schauten, wenn wir uns in den Wäldern heimlich versammelten? Das Zwitschern der Vögel übernahm die Rolle der Orgel. Der Duft der Blumen war unser Weihrauch. Und der schäbige Anzug eines gerade aus dem Gefängnis entlassenen Märtyrers war uns feierlicher als die feinste Robe eines Priesters. Den Mond und die Sterne hatten wir als Kerzen. Die Engel selber waren unsere Meßdiener, die sie anzündeten. Die Schönheit dieser Kirche kann ich mit Worten nicht beschreiben. Oft wurden Christen nach einem geheimen Gottesdienst verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Dort trugen sie ihre Ketten mit einer stillen Freude, mit der eine Braut ein kostbares Geschmeide trägt, das sie von ihrem Geliebten erhalten hat. Die Uhren der Welt stehen im Gefängnis still. Du empfängst dort von Christus Kuß und Umarmung, und du würdest nicht mehr mit Königen tauschen. Wahrhaft jubilierende Christen habe ich nur in der Bibel, in der Untergrundkirche und im Gefängnis angetroffen. Die Untergrundkirche wird schwer unterdrückt, aber sie hat auch Freunde – selbst unter den Angehörigen der Geheimpolizei, ja sogar unter Mitgliedern der Regierung. Manchmal gewähren diese verborgenen Gläubigen der Untergrundkirche Schutz. Kürzlich beklagten sich russische Zeitungen über die wachsende Zahl der „Nach¬außen-hin-Nichtgläubigen". Das sind, so erklärte die russische Presse, zahllose Männer und Frauen, die sich sogar in den Schaltstellen der kommunistischen Macht befinden und in Regierungsämtern, Propagandaabteilungen und Parteistellen arbeiten. Nach außen hin sind sie Kommunisten, im Innern aber Gläubige und geheime Mitglieder der Untergrundkirche. So berichtete die kommunistische Presse von einer jungen Frau, die in einer sowjetischen Propagandaabteilung beschäftigt war. Nach ihrer Arbeit, so war zu lesen, ging sie gewöhnlich in ihre Wohnung und traf sich dort mit ihrem Mann, der ebenfalls von der Arbeit heimkam. Nach dem Essen sammelte sie mit ihrem Mann eine Gruppe junger Leute aus den anderen Teilen des Wohnblocks zu Bibelstunden und Gebetsversammlungen. Solche Fälle sind in der gesamten kommunistischen Welt heute gang und gäbe. Zehntausende solcher „Nach-außen-hin-Nichtgläubigen" existieren in jedem kommunistischen Land. Sie halten es für klüger, die zur Schau gestellten Kirchen nicht zu besuchen, wo sie bespitzelt werden und nur verwässertes Evangelium zu hören bekommen. Stattdessen bleiben sie in angesehenen und verantwortlichen Stellungen und bezeugen von dort aus, unauffällig und doch sehr wirksam, ihren Herrn Jesus Christus. In solchen Stellen hat die wahre, unterdrückte Kirche Tausende von Gliedern. Sie kommen zu geheimen Versammlungen in Kellerräumen und Mansarden zusammen, in Etagenwohnungen und Einfamilienhäusern. In Russland erörtert niemand mehr die Argumente für oder wider die Kinder- oder Erwachsenentaufe, für oder gegen die päpstliche Unfehlbarkeit. Sie spalten sich nicht in Verfechter der Vor- oder Nachepoche des Tausendjährigen Reiches. Sie können die Prophezeiungen der Bibel nicht deuten und streiten darüber auch nicht, aber ich habe mich immer wieder gewundert, wie treffend sie den Atheisten die Existenz Gottes, seine lebendige Gegenwart, bewiesen. Ihre Antworten an die Atheisten sind schlagend einfach: „Wenn Sie zu einem Festmahl eingeladen wären mit vielen guten Speisen, würden Sie da etwa annehmen, dass kein Koch da gewesen wäre, der sie zubereitet hätte? Die ganze Natur ist ein großes Festmahl, das für uns bereitet ist. Da gibt es Tomaten, Pfirsiche und Äpfel, Milch und Honig. Wer hat alle diese Kostbarkeiten für die Menschen bereitet? Die Natur selber ist blind und gefühllos. Wenn Sie nicht an einen Gott glauben, welche Erklärung haben Sie dafür, dass diese blinde Natur ausgerechnet die Dinge hervorgebracht hat, die wir in solcher Fülle und Vielfalt nötig haben?" Sie verstehen es auch, die Existenz eines unvergänglichen Lebens anschaulich zu machen. Ich war Zeuge einer solchen Auseinandersetzung mit einem Atheisten: „Nehmen wir einmal an, wir könnten mit einem Embryo im Mutterleib sprechen, und Sie würden ihm nun erzählen, dass dieses embryonale Leben nur von kurzer Dauer sei; danach aber folge das eigentliche, lange Leben. Was würde der Embryo wohl antworten? Er würde genau das sagen, was ihr Atheisten uns antwortet, wenn wir mit euch über ein unvergängliches Leben in Seligkeit oder Verdammnis sprechen. Er würde nämlich antworten, dass das Leben im Mutterleib das einzig wirkliche und alles andere religiöser Wahn sei. Wenn der Embryo aber denken könnte, dann müßte er sich sagen: ‚Hier wachsen mir Arme, und ich brauche sie nicht. Ich kann sie nicht einmal ausstrecken. Warum wachsen sie aber? Wahrscheinlich für ein künftiges Stadium meines Daseins, in dem ich mit ihnen werde arbeiten müssen. Ebenso wachsen mir Beine, aber ich muss sie zusammengekauert gegen die Brust halten. Warum wachsen sie bloß? Wahrscheinlich folgt noch ein Leben in einer weiten Welt, in der sie zu laufen haben. Und auch Augen bilden sich, obgleich ich von tiefster Dunkelheit umgeben bin und sie hier gar nicht brauche. Wozu bekomme ich wohl Augen? Wahrscheinlich folgt noch eine Welt voller Licht und Farben.' Wenn also der Embryo über seine eigene Entwicklung reflektieren könnte, hätte er schon ein bestimmtes Wissen über ein Leben außerhalb seiner Mutter Leib, ohne es gesehen zu haben. Ähnlich verhält es sich mit uns. Solange wir jung sind, haben wir Kraft, aber noch nicht den Verstand, sie richtig zu gebrauchen. Wenn wir dann mit den Jahren an Weisheit und Wissen zugenommen haben, erwartet uns schon der Leichenwagen, um uns ins Grab zu bringen. Wozu war es notwendig, Wissen und Erkenntnis anzusammeln, wenn wir sie nicht mehr recht anwenden können? Warum wachsen einem Embryo Arme, Beine und Augen? Sie sind für etwas bestimmt, was noch folgt. So verhält es sich mit uns in diesem Leben. Wir wachsen hier an Erfahrung, Wissen und Erkenntnis für ein Leben, das darauf folgt. Wir werden hier zum Wirken auf einer höheren Stufe vorbereitet, die nach dem Tode kommt." Ober Jesus besagt die offizielle kommunistische Doktrin, er habe nie gelebt. Die Mitarbeiter der Untergrundkirche antworten darauf ganz einfach: „Was für Tageszeitungen habt ihr in der Tasche? Ist es die ‚Prawda` von heute oder von gestern? Lassen Sie mich sehen! Schön, vom 14. Januar 1964 also. 1964, von wo ab gezählt? Von dem einen, der nie existierte und überhaupt keine Rolle spielte? Ihr sagt, es hat ihn nie gegeben, aber ihr zählt die Jahre von seiner Geburt her. Eine Zeitrechnung gab es auch schon vor ihm. Als er aber kam, schien es der Menschheit, dass alles, was vorher da war, umsonst gewesen sei und die wirkliche Zeit erst jetzt begonnen habe. Eure Zeitung ist schon selber Beweis, dass Jesus keine Einbildung ist." Die Pfarrer hier im Westen setzen gewöhnlich voraus, dass diejenigen, die in die Kirche kommen, von den Wahrheiten des christlichen Glaubens wirklich überzeugt sind, was aber vielfach gar nicht der Fall ist. Man hört selten eine Predigt, die die Wahrheit unseres Glaubens erweist. Hinter dem Eisernen Vorhang jedoch geben Menschen, die es nie gelernt haben, ihren neu gewonnenen Glaubensbrüdern eine feste Grundlage ihres Glaubens. Es besteht keine klare Trennungslinie, an der man aufzeigen könnte, wo die Untergrundkirche, das eigentliche Bollwerk des christlichen Glaubens, enden und die offizielle Kirche beginnt. Sie sind miteinander verwoben. Viele Pfarrer der Scheinkirchen versehen gleichzeitig einen verborgenen Dienst, der weit über die Grenzen hinausgeht, die ihnen von den Kommunisten abgesteckt sind. Die offizielle Kirche, die Kirche, die mit dem Regime zusammenarbeitet, hat eine verhältnismäßig lange Geschichte. Sie fing schon unmittelbar nach der Russischen Sozialistischen Revolution an, und zwar mit der so genannten „Lebendigen Kirche", die von einem Priester namens Sergius geleitet wurde. Diese „Lebendige Kirche" verkündete damals in Moskau ganz öffentlich: „Unser Ziel ist es nicht, die Kirche wiederherzustellen, sondern sie abzuschaffen und alle Religion auszurotten." Ein schönes Programm für eine Kirche! Wir haben in jedem der kommunistischen Länder solche Sergiusse gehabt. In Ungarn war es unter den Katholiken Pater Balogh. Er verhalf zusammen mit einigen protestantischen Pfarrern den Kommunisten dazu, die vollständige Kontrolle des Staates über die Kirche herzustellen. In Rumänien gelang dies den Kommunisten mit Hilfe eines orthodoxen Priesters mit Namen Burducea, eines früheren Faschisten, der die „Roten" wegen seiner früheren schweren Verfehlungen besänftigen musste, indem er sich noch „roter" gebärdete als seine Meister. Dieser Priester stand Wyschinski, dem sowjetischen Außenminister von 1949 bis 1953, nahe; und er lächelte zustimmend, als der letztere bei der Einführung der neuen kommunistischen Regierung erklärte: „Diese Regierung wird ein Paradies auf Erden bauen, und Sie werden in Zukunft keins mehr im Himmel brauchen." Was den Erzbischof Nikodim vorn Russland betrifft, so ist geschichtlich erwiesen, dass er ein Mittelsmann der sowjetischen Regierung ist. Major Deriabin, ein Überläufer der russischen Geheimpolizei, hat bezeugt, dass Nikodim ein Spitzel war. So sieht es heute aus in nahezu allen Kirchen und Religionsgemeinschaften. Den Baptisten in Rumänien ist die derzeitige Leitung ihrer Kirche zwangsweise auferlegt. Die wirklichen Christen werden von ihr denunziert. In Russland tut die Kirchenleitung der Baptisten das gleiche. Der Vorsitzende der rumänischen Adventisten, Tachici, hat mir selber erzählt, dass er Verbindungsmann zur kommunistischen Geheimpolizei vom ersten Tag ihrer Machtübernahme an gewesen sei. Anstatt alle Kirchen ausnahmslos zu schließen — obgleich sie Abertausende geschlossen haben -, entschieden sich die Kommunisten schlauerweise dazu, ein paar Kirchen als Wahrzeichen ihrer Toleranz mit staatlicher Billigung offen zu halten und sie als Fenster zu benutzen, durch die sie Christen und den christlichen Glauben beobachten, kontrollieren und bei Gelegenheit um so gründlicher zerstören können. Sie hielten es für besser, das Gefüge der Kirche bestehen zu lassen und es in ein kommunistisches Werkzeug zur Kontrolle der Christen umzuwandeln und zugleich in ein Mittel, um die ausländischen Besucher ihres Landes hinters Licht zu führen. Man hatte auch mir eine solche Kirche angeboten unter der Bedingung, dass ich der Geheimpolizei als Pfarrer über meine Gemeindeglieder laufend berichtete. Es hat den Anschein, dass die Leute im Westen, längst an Schwarz-Weiß-Malerei gewöhnt, weder das eine noch das andere glauben und folglich auch dies nicht verstehen können. Doch die Untergrundkirche wird niemals die zur Schau gestellten, überwachten Kirchen als Ersatz für eine klare, kraftvolle Verkündigung des Evangeliums „an alle Kreatur" – die Jugend eingeschlossen – hinnehmen. Dennoch ist in den offiziellen Kirchen auch wirkliches geistliches Leben, trotz vieler untreuer Hirten. (Ich habe den Eindruck, dass in vielen Kirchen des Westens die Lage ganz ähnlich ist. Die Gemeinden sind mitunter treu, und das nicht w e g e n, sondern bisweilen trotz ihrer Oberhirten.) Die orthodoxe Liturgie ist bis heute unverändert geblieben, und sie füllt die Herzen der Gemeindeglieder mit Gottes Wort, selbst wenn die Predigten vieler Pfarrer den Kommunisten Zugeständnisse machen. Ebenso singen die Lutheraner, Presbyterianer und die anderen Protestanten noch dieselben alten Choräle. Und schließlich müssen selbst die Predigten derjenigen Pfarrer, die Spitzel sind, etwas von der Heiligen Schrift enthalten. So werden also Menschen zu Gott bekehrt unter dem Einfluss von Leuten, die von vornherein als Zwischenträger bekannt sind, von denen man weiß, dass sie alle neu zum Glauben Erweckten der Geheimpolizei melden werden, so dass diese ihren Glauben gerade vor jenen verbergen müssen, die ihn durch ihre – unaufrichtige — Predigt geweckt hatten. Das ist das große Wunder Gottes, von dem das dritte Buch Mose im elften Kapitel in symbolischer Sprache schreibt: „Und wenn auch etwas von solch einem unreinen Kadaver auf lebendigen Samen fiele, den man aussät, so ist er dennoch rein" (V. 37). Die Gerechtigkeit gebietet uns zu erwähnen, dass nicht alle Repräsentanten der offiziellen Kirche, auch nicht alle leitenden Männer darin Verbindungsleute der Kommunisten sind. Es gibt Glieder der Untergrundkirche, die auch in den offiziellen Kirchen eine führende Rolle spielen, ausgenommen solche, die sich verborgen halten müssen. Und sie achten darauf, dass die christliche Botschaft nicht satt- und kraftlos wird, sondern als lebendiges Wort Gottes in die Herzen dringt. Als die Geheimpolizei kam, um das Kloster Vladimiresti in Rumänien zu schließen -¬ähnliches hat sich an mehreren Stellen auch in Russland ereignet -, gab es sogar Widerstand. Einige Kommunisten haben diesen Verfassungsbruch, die Religion zu verbieten, dabei mit dem Leben bezahlt. Der offiziellen Kirchen werden jedoch immer weniger. Ich bin nicht sicher, ob in der gesamten Sowjetunion noch ganze fünf- oder sechstausend Kirchen bestehen. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit etwa einem Fünftel weniger Einwohnern haben rund dreihunderttausend. Und diese übrig gebliebenen russischen „Kirchen" bestehen häufig nur aus einem einzigen, winzigen Raum, sind also keine Kirchen, wie wir sie uns vorzustellen gewöhnt sind. Da sehen Touristen in Moskau eine überfüllte Kirche – die einzige protestantische Kirche in der Stadt – und stellen anerkennend fest, was für Freiheit dort herrscht. „Die Kirchen sind sogar überfüllt", berichten sie voller Freude. Sie sehen nicht die Tragödie dahinter: eine einzige protestantische Kirche auf sieben Millionen Einwohner! Und für achtzig Prozent der Menschen der Sowjetunion liegen nicht einmal die „Ein-Zimmer-Kirchen" in Fußgänger-Reichweite. Diese Menschenmassen müssen für das Evangelium entweder abgeschrieben oder auf verborgenen Wegen und mit anderen Methoden der Verkündigung von der Untergrundkirche erreicht werden. Es bleibt keine andere Wahl. Je weiter der Kommunismus in einem Land fortschreitet, umso tiefer muss die Kirche in den Untergrund gehen. An die Stelle jeder weiteren Kirche, die offiziell geschlossen wird, treten dann jeweils die Versammlungen der antireligiösen Organisationen.

 

Wie sich die Untergrundkirche mit atheistischer Literatur „ernährt".

Die Untergrundkirche weiß sich jedoch diesen Zustand nutzbar zu machen. In erster Linie bezieht sie ihre Nahrung aus der atheistischen Literatur, so wie Elia sich von den Raben ernähren ließ. Denn die Atheisten wenden viel Kunst und Fleiß daran, Bibelverse zu kritisieren und lächerlich zu machen. So haben sie Bücher veröffentlicht unter Titeln wie „Die Bibel zum Lachen" und „Die Bibel für Gläubige und Ungläubige". Darin wollen sie zeigen, wie unsinnig die Bibel ist, und um es zu belegen, führen sie viele Bibelverse an. Wie sehr freuten wir uns darüber! Die Kritik war nämlich so stupide, dass niemand sie ernst nahm. Aber das Buch wurde in Millionen Exemplaren gedruckt und war voll von Bibelversen, die unaussprechlich herrlich waren, auch wenn die Kommunisten meinten, sie lächerlich zu machen. Schon im Mittelalter wurden die „Ketzer", die von der Inquisition zum Tode durch Verbrennen verurteilt worden waren, in einer großen Prozession zum Scheiterhaufen geführt, angetan mit Narrenkleidern, auf denen Höllenflammen und Teufel aufgemalt waren. Und was für Heilige waren diese Ketzer in Wirklichkeit! Ebenso steht es um den Wert und die Wahrheit der Bibelverse, auch wenn sie der Teufel zitiert.  Der kommunistische Verlag war besonders stolz, als er Tausende von Briefen erhielt, die um weitere Auflagen solcher atheistischer Bücher ersuchten, in denen Bibelverse zum Spott zitiert wurden. Die Verleger wussten freilich nicht, dass diese Briefe von Mitgliedern der Untergrundkirche kamen, die keine andere Möglichkeit hatten, um sich Gottes Wort zu verschaffen. Auch die atheistischen Versammlungen wussten wir uns nutzbar zu machen. Ein Professor des dialektischen Materialismus versuchte auf einer solchen Versammlung nachzuweisen, dass Jesus nichts anderes als ein Zauberer gewesen sei. Der Professor hatte einen Krug mit Wasser vor sich stehen. Er streute ein Pulver hinein, und das Wasser wurde rot. „Das ist das ganze Wunder", erläuterte er. „Jesus hatte in seinem Ärmel ein Pulver versteckt wie dieses hier, und dann tat er vor den Leuten so, als habe er auf wunderbare Weise Wasser in Wein verwandelt. Und ich kann noch mehr als Jesus: Ich kann den Wein sogar wieder in Wasser verwandeln." Nun streute er ein anderes Pulver in die Flüssigkeit. Das Wasser wurde hell. Darauf noch einmal das vorige Pulver, und es war wieder rot. Ein Christ erhob sich und sagte: „Sie haben uns, Genosse Professor, mit dem, was Sie hier vorgeführt haben, in Erstaunen versetzt. Wir möchten Sie nur noch um eine Kleinigkeit bitten: Trinken Sie auch ein wenig von Ihrem Wein!" Der Professor erwiderte: „Das kann ich nicht machen. Das Pulver war Gift." Der Christ gab ihm zur Antwort: „Das eben ist der ganze Unterschied zwischen Ihnen und Jesus. Mit seinem Wein hat er uns schon fast zweitausend Jahre lang Freude bereitet, während Sie mit Ihrem Wein uns vergiften." Der Christ wurde verhaftet und kam ins Gefängnis. Aber die Nachricht von dem Zwischenfall breitete sich weithin aus und stärkte den unterdrückten Brüdern den Glauben. Wir sind schwache, kleine Davide. Aber wir sind stärker als der Goliath des Atheismus, weil Gott auf unserer Seite ist. Die Wahrheit gehört uns. Ein Dozent hielt eine Vorlesung über Atheismus. Alle Arbeiter der Fabrik waren zum Besuch aufgefordert worden, darunter auch viele Christen. Sie saßen still unter den anderen und hörten sich alle Argumente gegen Gott an und auch den Vorwurf der Dummheit, an Christus zu glauben. Der Dozent war gerade dabei zu beweisen, dass es eine geistige Welt nicht gibt, folglich weder Gott, noch Christus, noch ein Jenseits — der Mensch sei nur Materie ohne Seele. Immer wieder betonte er, dass das einzige, was existiere, die Materie sei. Ein Christ meldete sich und fragte, ob er etwas sagen dürfe. Er erhielt die Erlaubnis. Er nahm seinen Klappstuhl und warf ihn auf den Boden. Darauf hielt er inne und sah sich alles an. Dann ging er nach vorn und gab dem kommunistischen Dozenten eine Ohrfeige. Der Dozent war wütend. Sein Gesicht wurde rot vor Entrüstung. Er schrie seinem Herausforderer Gemeinheiten zu und forderte seine kommunistischen Genossen auf, den Christen zu verhaften. Dann stellte er ihn zur Rede: „Wie kommen Sie dazu, mich zu schlagen? Was haben Sie für einen Grund?" Der Christ antwortete: „Sie haben sich selber jetzt als Lügner entlarvt. Sie sagten gerade, alles sei Materie, sonst nichts. Da habe ich den Stuhl genommen und ihn hingeworfen. Er ist wirklich Materie. Der Stuhl wurde nicht zornig. Er ist reiner Stoff. AIs ich Sie aber geschlagen habe, reagierten Sie nicht wie der Stuhl. Sie reagierten anders. Materie wird nicht wütend oder ärgerlich, aber Sie wurden es. Deshalb, Genosse Professor, haben Sie unrecht! Der Mensch ist mehr als Materie. Wir sind geistige Wesen!" Bei unzähligen solcher Gelegenheiten widerlegten einfache Christen der Untergrundkirche die ausgeklügelten atheistischen Argumente. Im Gefängnis fragte mich der Politoffizier barsch: „Wie lange wollen Sie noch an Ihrer stupiden Religion festhalten?" Ich sagte nur zu ihm: „Ich habe zahllose Atheisten auf ihrem Sterbebett bereuen sehen, dass sie gottlos gewesen sind; sie wandten sich an
Christus und riefen ihn an. Können Sie sich vorstellen, dass es einen Christen, wenn der Tod ihm nahe ist, reuen könnte, ein Christ gewesen zu sein, und dass er Marx oder Lenin anruft, ihn aus seinem bisherigen Glauben zu erretten?" Er fing an zu lachen: „Eine schlaue Antwort!" Ich fuhr fort: „Wenn ein Ingenieur eine Brücke gebaut hat, dann ist die Tatsache, dass er selber über die Brücke gehen kann, noch kein Beweis dafür, dass die Brücke wirklich gut ist. Ein Zug muss erst darüber fahren, um ihre Tragkraft zu erweisen. Die Tatsache, dass Sie ein Atheist sein können, solange alles gut geht, beweist noch nicht die Wahrheit des Atheismus. Er hält nämlich nicht stand in den großen Krisen und Erschütterungen des Lebens." Ich wies ihm aus Lenins Schriften nach, dass Lenin, sogar nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten der Sowjetunion, insgeheim gebetet hat, wenn etwas schief zugehen drohte. Wir sind getrost und können getrost die Entwicklung der Ereignisse abwarten. Dagegen sind die Kommunisten voller Unruhe und müssen immer neue antireligiöse Kampagnen auslösen. Damit bestätigen sie, was Augustin in dem Satz ausdrückt: „Unser Herz ist unruhig, bis es ruht, Gott, in dir."

 

Warum auch Kommunisten noch gewonnen werden können

Wenn die Untergrundkirche von euch, den freien Christen, unterstützt wird, wird sie durch die Botschaft von Christus die Herzen der Kommunisten umwandeln und dadurch das Gesicht der Welt verändern. Sie wird sie durch das Evangelium gewinnen, weil es ganz unnatürlich ist, ein Kommunist zu sein. Selbst ein Hund wünscht sich, seinen eigenen Knochen zu haben. Die Herzen der Kommunisten lehnen sich innerlich gegen die Rolle auf, die sie innerhalb des Materialismus spielen müssen, und gegen die offenkundigen Widersprüche, die sie einfach zu glauben haben. Wenn einzelne Kommunisten uns versichern wollten, die Materie sei das letzte, wir seien bloß eine Handvoll chemischer Stoffe, nach einer bestimmten Formel zusammengefügt, und nach dem Tode würden wir wieder Salze und Minerale, dann brauchten wir sie nur zu fragen: „Wie kommt es, dass in so vielen Ländern die Kommunisten ihr Leben für ihr Ideal hingegeben haben? Kann denn eine ‚Handvoll chemischer Stoffe' Ideale haben? Können sich ‚Minerale' zum Wohl anderer Menschen opfern?" Darauf haben sie keine Antwort. Und dann ihre Brutalität! Die Menschen sind nicht als unvernünftige, gefühllose Wesen geschaffen und können es daher nicht lange ertragen, solche zu sein oder als solche behandelt zu werden. Wir haben es erlebt bei dem Zusammenbruch der Naziführer, von denen einige Selbstmord begingen, während andere ehrlich bereuten und ihre Verbrechen gestanden. In dem ungeheuren Ansteigen der Trunksucht in den kommunistischen Ländern zeigt sich dennoch etwas Positives an. Es kommt darin die Sehnsucht nach einem weiteren, freieren Leben zum Ausdruck, das die atheistische Weltanschauung den Menschen nicht geben kann. Der einfache Russe ist ein tief veranlagter, großmütiger und gütiger Mensch. Der Kommunismus dagegen ist oberflächlich und schal. Der russische Mensch sucht jedoch im Leben Tiefe, und da er sie nirgends mehr findet, sucht er sie im Alkohol. Selbst in seinem Alkoholismus bekundet er noch seinen Abscheu vor einem brutalen, einer Täuschung hingegebenen Leben, das ihm aufgezwungen wird. Der Alkohol verschafft ihm für ein paar Augenblicke Befreiung davon, wogegen die christliche Wahrheit ihn für immer frei machte, wenn er sie kennen lernte. Während der russischen Besatzung in Bukarest empfand ich einmal einen unwiderstehlichen Drang, in eine Gastwirtschaft zu gehen. Ich bat meine Frau, mitzugehen. Als ich hineinkam, sah ich einen russischen Hauptmann mit einer Maschinenpistole, der alle bedrohte, wenn er nicht mehr zu trinken bekomme. Man hatte es ihm verweigert, weil er schon sehr betrunken war. Die Menschen gerieten in eine Panik. Ich ging zu dem Besitzer, den ich kannte, und bat ihn, dem Hauptmann weiter zu trinken zu geben, wobei ich versprach, bei ihm sitzen zu bleiben und darauf zu achten, dass er sich ruhig verhielt. Eine Flasche Wein nach der anderen reichte man uns. Auf dem Tisch standen drei Gläser. Der Hauptmann füllte alle drei immer höflich … und trank auch alle drei. Meine Frau und ich tranken nicht mit. Obgleich er stark betrunken war, arbeitete sein Geist noch. Er war an Alkohol gewöhnt. Ich sprach mit ihm über Christus, und er hörte mit unerwarteter Aufmerksamkeit zu. Am Ende sagte er: „Jetzt haben Sie mir erzählt, wer S i e sind. Nun will ich Ihnen auch erzählen, wer i c h bin. Ich bin ein orthodoxer Priester, der unter den ersten war, die ihren Glauben verleugneten, als die große Verfolgung unter Stalin einsetzte. Ich zog damals von Dorf zu Dorf und hielt Vorträge, in denen ich erklärte, dass es keinen Gott gebe und dass ich als Priester ein Schwindler gewesen sei. ‚Ich bin ein Betrüger, und auch all die anderen Priester sind es', sagte ich ihnen. Man schätzte mich außerordentlich wegen meines Eifers, deshalb wurde ich auch Beamter der Geheimpolizei. Dass ich mit dieser Hand hier Christen töten musste, die ich vorher gefoltert hatte, war meine Strafe von Gott. Und jetzt trinke und trinke ich, um das zu vergessen, was ich angerichtet habe. Aber es hilft nichts." Viele Kommunisten begehen Selbstmord. Essenin und Majakowski, ihre bedeutendsten Dichter, sind so geendet, ebenso ihr großer Schriftsteller Fadejew. Er hatte gerade seinen Roman „Glück" beendet, in dem er ausführt, dass Glück darin besteht, rastlos für den Kommunismus zu arbeiten. Er selber war so „glücklich" darüber, dass er sich erschoss, als er den Roman abgeschlossen hatte. Es fiel ihm einfach zu schwer, eine solche Lüge länger zu ertragen. Joffe und Tomkin, zwei bedeutende Vorkämpfer des Kommunismus in der Zarenzeit, konnten nach der Revolution nicht mehr mit ansehen, wie der Kommunismus sich in Wirklichkeit darbot. Sie endeten durch Selbstmord. Kommunisten sind unglücklich. Selbst ihre allmächtigen Diktatoren sind es. Wie unglücklich war ein Stalin! Nachdem er beinahe alle seine Genossen von früher umgebracht hatte, war er immer noch ständig in Furcht, vergiftet oder ermordet zu werden. Er hatte acht Schlafzimmer, die wie Tresore einer Bank verschlossen werden konnten. Niemand wusste genau, in welchem dieser Gemächer er jeweils schlief. Er fing nie an zu essen, ohne vorher den Koch die Speise in seiner Gegenwart kosten zu lassen. Der Kommunismus macht niemand glücklich, nicht einmal seine Machthaber. Sie brauchen alle Christus. Wenn wir den atheistischen Materialismus der Kommunisten überwinden, würden wir nicht nur die Opfer des Kommunismus befreien, sondern die Kommunisten selber. Die Untergrundkirche aber bringt die tiefsten Bedürfnisse unserer versklavten Völker zum Ausdruck. Helft ihr dabei! Das hervorragende Kennzeichen der Untergrundkirche ist ihr Glaubensernst. Ein Pfarrer, der sich hinter dem Namen „Georg" verbirgt, berichtet in seinem Buch „Gottes Untergrund" folgende Begebenheit: Ein Hauptmann der russischen Armee kam zu einem Pfarrer in Ungarn und bat, ihn allein sprechen zu dürfen. Der Bursche war noch sehr jung und ungehobelt und sich vor allem seiner Rolle als Eroberer bewusst, Nachdem er in ein kleines Sprechzimmer geführt worden und die Tür geschlossen war, nickte er zu dem Kreuze
hin, das an der Wand hing. „Sie wissen, dass das Ding da eine Lüge ist", sagte er zu dem Pfarrer. „Es ist so ein Stück Betrug, mit dem ihr Pfarrer die armen Leute zu fangen pflegt, um es den Reichen zu erleichtern, sie in Unwissenheit zu halten. Nun denn! Wir sind allein! Geben Sie mir gegenüber jetzt zu, dass Sie noch nie wirklich geglaubt haben, daß Jesus Christus Gottes Sohn ist!" Der Pfarrer lächelte freundlich: „Aber mein lieber junger Freund, selbstverständlich glaube ich es. Es ist wahr." „Ich dulde es nicht, solche Mätzchen mit mir zu machen!" schrie der Hauptmann. „Es ist mir bitter ernst. Lachen Sie nicht noch über mich!" Er zog seinen Revolver heraus und hielt ihn dem Pfarrer vor die Brust. „Wenn Sie jetzt nicht zugeben, dass alles Lüge ist, werde ich abdrücken!" „Ich kann es nicht zugeben, denn es ist nicht wahr. Unser Herr Jesus Christus ist wirklich und wahrhaftig der Sohn Gottes", sagte der Pfarrer. Der Hauptmann schleuderte seinen Revolver auf den Boden und umarmte den Mann Gottes. Tränen traten ihm in die Augen. „Es ist doch wahr!" schrie er. „Es ist wahr! Auch ich glaube es, aber ich war mir nicht sicher, ob Menschen für diesen Glauben auch sterben würden, bis ich es jetzt selber erlebt habe. O, ich danke Ihnen! Sie haben meinen Glauben wieder aufgerichtet. Auch ich kann jetzt für Christus sterben. Sie haben es mir gezeigt." Ich selber habe ähnliche Fälle erlebt. Als die Russen Rumänien besetzten, drangen zwei russische Soldaten mit ihren Gewehren in der Hand in die Kirche ein. Dort riefen sie: „Wir halten nichts von eurem Glauben. Diejenigen, die ihm jetzt nicht auf der Stelle absagen, werden sofort erschossen. Die ihren Glauben jetzt aufgeben, gehen alle nach rechts!" Einige begaben sich nach rechts. Ihnen wurde befohlen, die Kirche zu verlassen und nach Hause zu gehen. Sie flohen aus Angst um ihr Leben. Als die Russen mit den übrig gebliebenen Christen allein waren, umarmten sie sie und eröffneten ihnen: „Auch wir sind Christen, aber wir wollten nur mit denen Gemeinschaft haben, die für die Wahrheit auch zu sterben bereit sind." Das sind die Menschen, die in unseren Ländern für das Evangelium streiten. Und sie kämpfen nicht nur für das Evangelium, sondern zugleich auch für die Freiheit des Menschen. In den Häusern vieler Christen im Westen verbringt man oft Stunden, um weltliche Musik zu hören. Auch in unseren Häusern kann man öfter laute Musik hören, aber sie dient nur dazu, um das Gespräch über die Frohe Botschaft zu übertönen und die geheime Zusammenkunft abzuschirmen, damit die Nachbarn es nicht mithören können und die Geheimpolizei informieren. Und wie freuen sie sich, wenn sie – selten genug – einem echten Christen aus dem Westen begegnen! Der diese Zeilen schreibt, ist nur ein unbedeutender Mann. Aber ich bin die Stimme all derer, die keine Stimme haben: jener, die mundtot gemacht worden sind und von deren nichts mehr in den Westen dringt. In ihrem Namen und Auftrag bitte ich um Ernsthaftigkeit im Glauben und in der Behandlung der Probleme, vor die wir heute als Gemeinde Jesu Christi gestellt sind. In ihrem Namen bitte ich um euer Eintreten im Gebet und um praktische Hilfe für die glaubende, duldende Kirche in der Unterdrückung der kommunistischen Länder. Wir werden die Kommunisten für Gott gewinnen, weil Gott selber auf unserer Seite ist. Zum anderen aber auch, weil unsere Botschaft den tiefsten Bedürfnissen der Herzen jener Menschen entspricht. Kommunisten, die unter den Nazis im Gefängnis waren, haben mir bekannt, dass sie in schweren Stunden gebetet hätten. Ich habe kommunistische Offiziere sterben sehen mit den Worten „Jesus, Jesus" auf den Lippen. Wir werden in dieser geistigen Auseinandersetzung siegen, weil das gesamte kulturelle Erbe unseres Volkes auf unserer Seite ist. Mögen die Russen alle Schriften christlicher Autoren der Gegenwart verbieten, aber die Werke von Tolstoi und Dostojewski sind schon Allgemeinbesitz des Volkes, und die Menschen finden auch bei ihnen das Licht des Wortes Gottes. Ebenso verhält es sich mit Goethe in Mitteldeutschland und mit Sienkiewicz in Polen. Der bedeutendste rumänische Schriftsteller ist Sadoveanu. Die Kommunisten haben sein Buch „Das Leben der Heiligen" unter dem Titel „Die Legenden der Heiligen" veröffentlicht. Aber auch unter diesem Titel übt das Vorbild der Lebensgeschichten dieser Heiligen seinen Einfluss aus. Die Reproduktionen der Werke Raffaels, Michelangelos, Leonardo da Vincis können sie nicht aus der Geschichte der Kunst ausschließen. Auch diese Werke reden von Christus. Und wenn ich mit einem Kommunisten über Christus spreche, werden die tiefsten Bedürfnisse seines Herzens zu meinen Verbündeten, meinen Helfern. Die größte Schwierigkeit besteht für ihn darin, dass er auf meine Argumente nicht zu antworten weiß. Daraus ergibt sich die weitere, wie er die Stimme seines eigenen
Gewissens, die auf meiner Seite ist, zum Schweigen bringen kann. Ich habe Professoren des Marxismus persönlich gekannt, die vor ihren atheistischen Vorlesungen zu Gott gebetet haben, dass er ihnen dabei helfe. Ebenso kenne ich Kommunisten, die unsere geheimen Versammlungen, oft aus großer Entfernung, aufsuchten. Als sie von ihren Genossen zur Rede gestellt wurden, leugneten sie es ab, in einer Untergrundversammlung gewesen zu sein. Danach weinten sie über ihre Schwachheit und bereuten tief, dass sie nicht den Mut gehabt hatten, einzustehen für ihren Glauben, der sie immer wieder zur Gemeinschaft treibt. Auch sie sind Menschen. Und wo einer einmal zum Glauben gekommen ist – mag dieser auch ganz schlicht und einfach sein -, da entwickelt sich dieser Glaube und wächst. Wir sind ganz gewiss, dass er siegen wird, weil wir ihn in der Gemeinschaft der Untergrundkirche schon viele Male haben durchbrechen sehen. Gerade die Kommunisten werden von Christus geliebt. Deshalb können und müssen sie für Christus gewonnen werden. Und sie können dort hinter dem Eisernen Vorhang nur von der Untergrundkirche gewonnen werden. Alle, die errettet sind und den heißen Wunsch haben, dass das tiefe Verlangen der Menschenherzen nach Jesus Christus gestillt wird, sollten die Untergrundkirche in ihrer Arbeit unterstützen, damit allen Menschen das Heil in Christus angeboten wird. Jesus hat gesagt: „Gehet hin und lehret alle Völker!" Er hat nicht gesagt: Macht halt vor dem Eisernen Vorhang! Gläubiges Vertrauen auf Gott und der eindeutige Missionsbefehl unseres Herrn zwingen uns geradezu, auch hinter den Eisernen Vorhang hineinzuwirken bis hin zu dem einen von drei heute lebenden Menschen, die unter dem Kommunismus versklavt sind. Wir können sie nämlich erreichen, wenn wir mit der Untergrundkirche zusammenarbeiten, die ja schon dort ist.

 

Die drei Gruppen der Untergrundkirche

1. Ehemalige Pfarrer und Prediger Von drei Gruppen wird die Untergrundkirche in den kommunistischen Ländern getragen. Zur ersten gehören die Abertausende ehemaliger Pfarrer und Prediger, die aus ihren Kirchen ausgewiesen und von ihren Gemeinden entfernt worden sind, weil sie das Evangelium nicht verfälschen wollten. Viele dieser Pfarrer und Prediger waren im Gefängnis und sind dort um ihres
Glaubens willen gefoltert worden. Sie sind irgendwann entlassen worden und haben ohne Zögern ihren Dienst wieder aufgenommen, um jetzt in der Untergrundkirche geheim, aber in der Kraft des Wortes Gottes zu wirken. Obwohl die Kirchen dieser Geistlichen offiziell geschlossen oder sie durch „verlässlichere" ersetzt worden sind, führen sie nun ihren Dienst am Evangelium weit wirksamer als früher fort, wenn sie in geheimen Zusammenkünften die Gläubigen sammeln in Scheunen oder Dachstuben, in Kellerräumen oder im Freien zwischen Heuschobern. Sie sind in unserer Zeit heute die „Märtyrer" der Kirche, die trotz schwerster Drohung nicht von ihrem Dienst am Evangelium ablassen und dabei neue Verhaftungen und weitere Folterungen in Kauf nehmen.
2. Die Laienkirche Die zweite Säule der Untergrundkirche ist die große Armee der ihrem Herrn geweihten Laien – Männer wie Frauen. Es ist wohl jedem klar, dass es in Russland oder China keine nur nominellen, halbherzigen, lauen Christen gibt. Der Preis, den die Christen dort zahlen müssen, ist viel zu hoch. Und man muss sich ins Gedächtnis rufen, dass Verfolgungszeiten schon immer die treueren Christen hervorgebracht haben – Christen, die ihren Glauben öffentlich bezeugen und Menschen für Christus gewinnen wollen. So hat die kommunistische Verfolgung der Christen umgekehrt gewirkt und entschlossene, hingebungsvolle Christen geschaffen, wie sie in freien Ländern nur selten anzutreffen sind. Sie können nicht verstehen, wie jemand Christ sein kann und nicht jeden, mit dem er zusammentrifft, für Christus gewinnen will. Die russische Armeezeitung „Roter Stern" greift die russischen Christen mit dem folgenden bezeichnenden Argument an: „Die Jünger Christi möchten ihre gierigen Klauen am liebsten nach jedem ausstrecken." Aber ihr christlicher Lebenswandel strahlt auf ihre Mitbürger und Nachbarn aus und gewinnt ihnen deren Achtung und Liebe. In jedem Dorf, in jeder Stadt sind die Christen die angenehmsten und beliebtesten Einwohner. Wenn irgendwo eine Mutter krank ist und für ihre Kinder nicht selber sorgen kann, dann ist es eine christliche Mutter, die kommt und sie betreut. Und wenn ein Mann sein Brennholz nicht hacken kann, weil er krank ist, dann ist es ein Christ, der es für ihn besorgt. Sie „leben" schlicht ihren Christenglauben, und wenn sie ihn dann mit dem Wort
bezeugen, dann hören die Leute zu und nehmen es ihnen ab, weil sie in ihrem Leben etwas von Christus gesehen haben. Da aber in der offiziellen Kirche niemand anders als der vom Staat zugelassene Geistliche sprechen darf, so missionieren Millionen für ihren Herrn brennender, ihm geweihter Christen in jedem Winkel der kommunistischen Welt und bezeugen ihren Glauben und halten Gottesdienste auf Marktplätzen, bei der Dorfpumpe, überall, wo sie gehen und stehen. Kommunistische Zeitungen geben bedauernd zu, dass christliche Metzger Evangeliumstraktate einrollen in das Einwickelpapier für das Fleisch, das sie verkaufen. Aus anderen Pressemeldungen erfahren wir, dass Christen, die in kommunistischen Druckereien und Verlagen an verantwortlicher Stelle arbeiten, zu später Nachtzeit an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, ihre Druckerpressen in Gang setzen und etliche Tausend Exemplare christlicher Literatur durchlaufen lassen – und, bevor die Sonne aufgeht, alles wieder an seinen Ort stellen. Interessant ist ein Lokalbericht, dass in Moskau junge Christen, meist noch Kinder, aus „irgendeiner Quelle" Evangelien bekommen haben und nun Teile davon abschreiben. Diese Blätter stecken sie den Lehrern in die Taschen ihrer Mäntel, die in den Schulgarderoben hängen. Die große Schar der Laienbrüder und -schwestern ist heute in allen kommunistischen Ländern zu einer missionarischen Kraft geworden, deren Wirkungen, die Gewinnung von Menschenseelen, überall in zunehmendem Maße zu spüren sind. Im kommunistischen Kuba haben ehemalige Missionare festgestellt, dass eine geheime Laienkirche entstanden ist, nachdem alle treuen Prediger und Pfarrer verhaftet oder verfolgt und durch kommunistische „Diener" ersetzt worden waren. Diese Millionen aufrichtiger, treuer und für ihren Herrn brennender Gläubigen in der Laienkirche sind gerade durch das Feuer der Verfolgung geläutert worden, das die Kommunisten in der Hoffnung entfacht hatten, es werde sie endlich vernichten.
3. Pfarrer und Prediger im Amt Die dritte tragende Säule der Untergrundkirche ist die große Gruppe der gläubigen Pfarrer in der offiziellen, aber am staatlichen Zügel gelenkten und zum Schweigen gebrachten „Kirche". Die Untergrundkirche ist nämlich in ihrer Organisation nicht völlig getrennt von der offiziellen Kirche. In vielen kommunistischen Ländern wie in

Jugoslawien, Polen und Ungarn arbeiten zahlreiche Geistliche der öffentlich erlaubten Kirchen insgeheim auch in der Untergrundkirche. In einigen Ländern sind beide miteinander verflochten. Den Pfarrern ist nämlich nicht erlaubt, außerhalb ihrer oft winzigen, nur aus einem Zimmer bestehenden „Kirchen" über Christus zu sprechen. Sie dürfen auch keine Kindergottesdienste und Jugendversammlungen abhalten. Nichtchristen haben Angst, überhaupt zu kommen. Die Pfarrer dürfen nicht einmal in den Häusern für kranke Gemeindeglieder beten. Von allen Seiten werden sie eingeschränkt durch kommunistische Verordnungen, die ihre „Kirchen" völlig bedeutungslos machen. Angesichts all dieser Kontrollvorschriften, die aus der verfassungsmäßig garantierten „Freiheit der Religion" ein Gespött machen, setzen diese Pfarrer sehr oft ihre Freiheit mutig aufs Spiel und übernehmen gleichzeitig einen geheimen Gemeindedienst, der weit über die von den Kommunisten gesteckten Grenzen hinausgeht. Dort halten sie geheime Gottesdienste für Kinder und Jugendliche. Sie evangelisieren heimlich in Wohnungen oder auch Kellerräumen von Christen. Sie empfangen und verteilen heimlich christliche Literatur an Menschen, die danach verlangen. Sie riskieren jedes Mal ihre persönliche Freiheit, wenn sie die vom Staat verordneten Beschränkungen heimlich ignorieren und den hungrigen Seeler um sie her das Wort des Lebens bringen. In der Öffentlichkeit scheinbar fügsam und beflissen, breiten sie unter dieser Decke das Wort Gottes aus und wagen dabei oft ihr Leben. Erst kürzlich sind in Russland wieder ziemlich viele von ihnen entdeckt und verhaftet worden. Sie erhielten längere Gefängnisstrafen. Für die Untergrundkirche sind sie geradezu eine lebenswichtige Gruppe. So fügt sich alles zum Ganzen: ehemalige Geistliche, von den Kommunisten abgesetzt und vielfach verfolgt; die große Schar der Laienkirche; Pfarrer im Dienst der staatlich zugelassenen Kirchen, die getarnt einen viel umfassenderen und weiterrechenden Dienst tun, als ihnen offiziell erlaubt ist – sie alle arbeiten in der Untergrundkirche zusammen. Und die Untergrundkirche wird bestehen bleiben, bis der Kommunismus überwunden ist. Mag in manchen Gegenden eine der Gruppen stärker hervortreten als in anderen – vorhanden sind sie alle und arbeiten für Christus. Ein Mann, der häufig in kommunistische Länder reist und an religiösen Fragen sehr interessiert ist, kam zurück und schrieb, er habe nirgendwo eine Untergrundkirche angetroffen. Es ist so ähnlich, wie wenn einer in Zentralafrika unter Primitiven Stämmen umherreist und nach seiner Rückkunft feststellt: „Ich habe gründliche Erhebungen gemacht und sie alle gefragt, ob sie Prosa sprechen. Sie haben es alle verneint." Es ist überflüssig zu sagen, dass sie alle Prosa sprechen und bloß nicht wissen, dass das, was sie sprechen, Prosa ist. Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten noch nicht, dass sie Christen waren. Wenn man sie nach ihrer Religion gefragt hätte, dann hätten sie vielleicht geantwortet, sie seien Juden, Israeliten, die an Jesus als den Messias glauben, oder auch Brüder in Christus, Heilige des Herrn, Gotteskinder. Der Name „Christ" ist in dieser Allgemeingültigkeit erst viel später von anderen auf sie angewandt worden, zum ersten Mal in Antiochien. Keiner der Anhänger Luthers war sich bewusst, dass er ein „Lutheraner" war. Luther selber lehnte energisch diesen Namen ab. „Untergrundkirche" ist ein Name, der von den Kommunisten wie auch von westlichen Erforschern der religiösen Situation in den östlichen Ländern einer geheimen Organisation gegeben worden ist, die sich spontan unter dem Kommunismus gebildet hatte. Die Glieder der Untergrundkirche selber nennen ihre Organisation nicht bei diesem Namen. Sie selber nennen sich Christen, Gläubige, Kinder Gottes. Aber sie betreiben in der Tat eine Arbeit im Untergrund, versammeln sich im Untergrund, breiten das Evangelium in geheimen Versammlungen unter den Menschen aus und werden bisweilen sogar von Ausländern besucht, die bezeugen, dass sie die Untergrundkirche wirklich gesehen haben. Es ist ein passender Name, der ihr von ihren Feinden gegeben wurde und auch von solchen benutzt wird, die von draußen auf diese wunderbare verborgene Organisation blicken. Man kann jahrelang durch den Westen reisen und dabei nie etwas von einem sowjetischen Spionagenetz entdecken, was aber nicht bedeutet, dass es deshalb etwa nicht existiert. Es ist nur nicht so töricht, dass es sich neugierigen Reisenden zur Schau stellt. Weiter unten führe ich Auszüge aus der sowjetischen Presse an, die die Existenz und die zunehmende Bedeutung dieser unerschrockenen Kirche in der Unterdrückung erweisen. Ich habe von unseren eigenen Erfahrungen bei der Ausbreitung der Botschaft von Jesus Christus in der sowjetischen Armee wie auch im kommunistischen Rumänien berichtet.
Ich habe mich an euch gewandt, damit ihr uns helft, den Kommunisten und den von ihnen unterdrückten Völkern Christus zu predigen. Ist mein Aufruf „verstiegen" und „unausführbar"? Ist er realistisch? Besteht heute noch eine Untergrundkirche in Russland und den anderen Ländern? Ist dort eine Arbeit im Untergrund jetzt noch weiterhin möglich? Auf alle diese Fragen kann ich mit sehr guten Nachrichten antworten.  Die Kommunisten haben vor kurzem den fünfzigsten Jahrestag ihrer Oktoberrevolution, ein halbes Jahrhundert kommunistischer Herrschaft, mit großem Pomp gefeiert. Aber ihr Sieg ist im Grunde eine Niederlage. Der christliche Glaube hat dort, wenn auch erst im „Untergrunde", gesiegt – nicht der Kommunismus. Die russische Presse, die unsere Organisation gründlich beobachtet, steckt voller Nachrichten über die Untergrundkirche. Zum ersten Mal seit ihrer Entstehung ist die Untergrundkirche so stark geworden und überall gegenwärtig, dass sie schon halb an der Öffentlichkeit arbeitet und die Kommunisten für die Vorherrschaft ihrer atheistischen Ideologie mit schwerer Sorge erfüllt. Informationen aus anderen Quellen bestätigen die Berichte der russischen Presse. Vergegenwärtigen wir uns dabei immer, dass die Untergrundkirche einem Eisberg gleicht: der weitaus größere Teil ist verborgen unter der Oberfläche, nur ein ganz kleiner Teil ist sichtbar. Im Folgenden gebe ich eine knappe Zusammenstellung der wichtigsten Nachrichten.

 

Die Spitze des Eisbergs

Am 7. November 1966 hielt die Untergrundkirche in Suhumi im Kaukasus ein großes Treffen unter freiem Himmel ab. Viele Gläubige waren aus den umliegenden Orten und aus anderen Städten gekommen, um an diesem Treffen teilzunehmen. Nach der Aufforderung zur Entscheidung nahmen siebenundvierzig junge Leute Christus als ihren Erretter an und wurden an Ort und Stelle im Schwarzen Meer getauft, gerade wie in biblischen Zeiten. Es hatte für sie vorher keine Zeit der Vorbereitung gegeben. Nach fünfzig Jahren kommunistischer Diktatur können die Prediger der Untergrundkirche, die weder Bibeln noch christliche Bücher noch gar theologische Seminare haben, keine voll ausgebildeten Theologen sein. Aber auch der Diakon Philippus war das nicht. Und als der Kämmerer, mit dem er vielleicht nur eine Stunde lang gesprochen hatte, ihn bat: „Sieh, hier ist Wasser, was hindert's, dass ich mich taufen lasse?" antwortete Philippus: „Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so mag's wohl sein." Da gingen sie hinunter zum Wasser, und der zum Glauben Gekommene wurde getauft (Apostelgeschichte. 8, 36-38). Im Schwarzen Meer ist Wasser genug, und die Untergrundkirche ist wieder zu den Bräuchen der biblischen Zeiten zurückgekehrt. Die Lehrerzeitschrift „Uchitelskaja Gazeta" vom 23. August 1966 enthält die Nachricht, dass in Rostow am Don Baptisten, die sich geweigert hatten, gemäß den Gesetzen ihre Gemeinde registrieren zu lassen und den Anweisungen der von den Kommunisten ernannten „Führer" zu gehorchen, eine Demonstration auf der Straße organisierten. Das war am L. Mai. so wie Jesus oft seine Wundertaten an Sabbat-Tagen getan hat, um seine pharisäischen Widersacher zu entlarven, so wählt die Untergrundkirche kommunistische Feiertage, um die kommunistischen Gesetze bloßzustellen. Der 1. Mai ist ein Feiertag, an dem die Kommunisten ihre großen Aufmärsche haben, die jeder mitmachen muss. Diesmal jedoch erschien auf den Straßen neben der Staatspartei auch die andere, sonst verborgene Macht in Russland: die Untergrundkirche. Fünfzehnhundert Gläubige waren gekommen. Was sie dazu trieb, war ihre Liebe zu Gott und sein Auftrag, ihn vor der Welt zu bekennen. Sie wussten ganz genau, dass sie ihre persönliche Freiheit aufs Spiel setzten. Sie wussten auch, dass im Gefängnis Hunger und Folterungen auf sie warteten. Jeder Gläubige in Russland kennt das „Geheime Manifest", das von den evangelischen Christen in Barnaul gedruckt worden ist. Darin wird geschildert, wie Schwester Hmara aus dem Dorf Kulunda die Nachricht erhielt, dass ihr Mann im Gefängnis gestorben sei. Als Witwe stand sie nun mit ihren vier kleinen Kindern allein. Nachdem sie die Leiche ihres Ehemannes erhalten hatte, konnte sie auf seinen Handgelenken noch die Abdrücke der Handfesseln sehen. Hände, Finger und Fußsohlen waren grässlich verbrannt. Der untere Teil des Bauches wies Messerstiche auf. Der rechte Fuß war geschwollen. Auf beiden Füßen waren die Spuren von Schlägen. Der ganze Körper war bedeckt von Wunden, die von furchtbaren Schlägen herrührten. Jeder Gläubige, der zu der öffentlichen Demonstration in Rostow am Don gekommen war, wusste genau, dass das auch sein Schicksal werden konnte. Und doch kamen sie.
Aber sie wussten auch, dass dieser Blutzeuge, der Gott nur drei Monate nach seiner Bekehrung sein Leben gegeben hafte, vor einer großen Schar von Gläubigen zu Grabe gebracht worden war, wobei sie Plakate trugen mit der Aufschrift: „Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn." „Fürchtet die nicht, die den Leib töten, aber die Seele nicht töten können!" „Und ich sah am Altar jene stehen, die um des Wortes Gottes willen getötet worden waren." Das Beispiel dieses Blutzeugen bestärkte die Christen in Rostow am Don. Sie versammelten sich vor einem Haus auf der Straße. Überall, wo noch Platz war, drängten sich die Leute – einige sogar auf den angrenzenden Dächern, andere wieder auf Bäumen wie einst Zachäus. Achtzig Menschen wurden auf dieser Versammlung zu Gott bekehrt, überwiegend junge Leute. Darunter waren auch dreiundzwanzig frühere Komsomolzen (Mitglieder des kommunistischen Jugendverbandes). Von hier aus durchquerten die Gläubigen die ganze Stadt und gelangten zum Don, wo die Taufen stattfinden sollten. Da trafen auch schon Polizisten auf Mannschaftswagen ein und umzingelten die Gläubigen am Flussufer. Sie wollten die verantwortlichen Brüder verhaften, da sie ja nicht alle fünfzehnhundert in Haft nehmen konnten. In diesem Augenblick fielen die Gläubigen auf die Knie und baten Gott mit ernstem Gebet, seine Leute zu bewahren und ihnen die Gnade zu schenken, ihren für diesen Tag vorgesehenen Gottesdienst abzuhalten. Darauf standen sie auf und umringten, Schulter an Schulter stehend, die Brüder, die den Gottesdienst leiteten, in der Hoffnung, die Polizei von ihrer Verhaftung abzuhalten. Die Situation wurde sehr gespannt. „Uchitelskaja Gazeta" erwähnt in diesem Zusammenhang, dass die „illegale" Organisation der Baptisten eine geheime Druckerpresse besitze. (Der Name „Baptisten" umfasst in Russland alle evangelischen Gruppen.) Sie druckten damit Schriften, in denen die Jugend aufgerufen wird, für ihren Glauben einzutreten. In einer dieser geheim hergestellten Publikationen werden christliche Eltern zu etwas aufgefordert, was ich für sehr gut halte: „…ihre Kinder immer zu Begräbnissen mitzunehmen, damit sie früh lernen, über vergängliche Dinge nicht zu jammern." Die Eltern werden auch gebeten, ihren Kindern als Gegenmittel gegen den Atheismus, mit dem sie in den kommunistischen Schulen vergiftet werden, eine bewusst christliche Erziehung zu geben.

„Uchitelskaja Gazeta" beendet den Artikel mit der Frage: „Warum sind unsere Lehrer so ängstlich, sich stärker in das Leben solcher Familien einzumischen, in denen die Kinder so verdummt werden (durch die Religion)?" Dieses „Lehrer-Magazin" berichtet auch über den Prozess gegen die Glieder der Untergrundkirche in Rostow am Don, die unerlaubt getauft hatten: „Die (getauften) Jugendlichen, die als Zeugen aufgerufen wurden, waren herausfordernd und ohne Achtung gegenüber dem kommunistischen Gericht. Sie verhielten sich aufgebracht und fanatisch. Junge Frauen unter den Zuschauern starrten mit Bewunderung auf die Angeklagten und mit unverhüllter Missbilligung auf die atheistische Öffentlichkeit." Angehörige der Untergrundkirche haben Schläge und Gefängnis in Kauf genommen, als sie öffentlich mehr Freiheit der Religionsausübung vor der Zentrale der Kommunistischen Partei Russlands forderten. Wir besitzen ein Geheimdokument, verfasst von dem „illegalen" Komitee der Evangelischen Baptistenkirchen der Sowjetunion, die im Gegensatz stehen zu der von den Kommunisten kontrollierten „Baptisten-Union" unter der Leitung des Verräters Karew, der die „Humanität" der kommunistischen Massenmörder der Christen preist und die Freiheit rühmt, die im „Sowjetischen Leben heute" herrscht (Nr. 6, 1967). Das Dokument ist durch geheime Kanäle in den Westen gelangt. Darin wird noch von einer anderen mutigen Demonstration in der Öffentlichkeit berichtet, die in Moskau stattfand. Ich bringe einen Auszug aus dem Manifest: „Wichtige Mitteilung! Geliebte Brüder und Schwestern, Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen euch rasch mitteilen, daß die fünfhundert Delegierten der Evangelischen Baptistenkirchen am 16. Mai 1966 nach Moskau gereist sind, um bei den Zentralbehörden vorstellig zu werden. Vor dem Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der UdSSR brachten sie die Bitte vor, empfangen und angehört zu werden. Sie versuchten, dem Generalsekretär Breschnew eine Bittschrift zu übergeben." In dem Manifest wird nun berichtet, dass diese fünfhundert Leute den ganzen Tag vor dem Gebäude des Zentralkomitees gestanden hätten. Es war die erste öffentliche Demonstration für Religionsfreiheit in Moskau, die von Vertretern der Untergrundkirche durchgeführt worden ist. Gegen Abend übergaben sie eine zweite Eingabe an die Adresse von Breschnew, in der sie sich über einen bestimmten „Genossen" Stroganow beschwerten, der sich geweigert hatte, ihr Gesuch an Breschnew weiterzuleiten, und sie auch bedroht hatte. Die fünfhundert Delegierten blieben die ganze Nacht auf der Straße. Lastwagen fuhren scharf an ihnen vorbei und bespritzten sie mit Schlamm und Schmutz, und man beleidigte sie. Obwohl sie so schlecht behandelt wurden und es zudem regnete, blieben sie bis zum Morgen vor dem Gebäude der Kommunistischen Partei. Am nächsten Tag machte man ihnen den Vorschlag, in einem anderen Gebäude mit einigen unteren Funktionären zu verhandeln. Da sie aber wussten, dass Gläubige, die solche Behörden aufgesucht hatten, oft geschlagen worden sind, wenn sie einen geschlossenen Raum betreten hatten, in dem keine Zeugen mehr waren, weigerte sich die Delegation einmütig und bestand darauf zu warten, bis sie von Breschnew empfangen würden. Dann trat ein, was in Diktaturen unvermeidbar folgt. Um 13.45 Uhr kamen achtundzwanzig Busse, und die brutale Racheaktion gegen die Gläubigen setzte ein. „Wir bildeten einen Kreis, hielten uns bei den Händen und sangen das Lied: ‚Die besten. Tage unseres Lebens sind die Tage, wo wir gewürdigt sind, das Kreuz zu tragen.' Die Geheimpolizisten fingen jetzt an, uns zu schlagen, junge wie alte. Sie zerrten einige aus unserer Kette heraus, schlugen ihnen ins Gesicht und auf den Kopf und warfen sie auf den Asphalt. Etliche schleiften sie an den Haaren zu den Bussen. Als einige wegzugehen versuchten, wurden sie geschlagen, bis sie bewusstlos dalagen. Nachdem sie die Busse mit Gläubigen voll gestopft hatten, brachten sie alle an einen unbekannten Ort. Das Singen unserer Brüder und Schwestern war noch aus den fahrenden Bussen der Geheimpolizei heraus zu hören. Das ganze spielte sich vor den Augen einer beträchtlichen Menschenmenge ab."  Die Sache hatte noch ein aufschlussreiches Nachspiel. Nachdem die fünfhundert im Gefängnis waren und sehr wahrscheinlich gefoltert wurden, brachten die beiden verantwortlichen Brüder G. Vins und Horew, die sich dabei als wahre Hirten ihrer Herde erwiesen, den Mut auf, noch einmal zum Zentralkomitee der Kommunistischen Partei zu gehen. So war einst Jesus nach der Verhaftung Johannes des Täufers an denselben Ort gekommen und hatte mit denselben Worten zu predigen angefangen, für die Johannes das Gefängnis erduldete: „Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!" Vins und Horew fragten, wo die verhaftete Delegation jetzt wäre, und forderten ihre Freilassung. Diese beiden unerschrockenen Brüder verschwanden ebenfalls. Später erhielt man die Nachricht, sie seien in das Gefängnis von Lefortowskaja gekommen. Hatten diese Christen der Untergrundkirche etwa Furcht? Gewiss nicht. Viele andere setzten auch danach ihre Freiheit aufs Spiel, als sie das vorliegende Manifest veröffentlichten, das uns den Hergang berichtet. Darin lesen wir noch das Bekenntnis, „dass ihnen die Gnade zuteil geworden sei, nicht nur an Christus zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden" (Philipper 1, 29). Und sie ermahnen die Brüder, „dass nicht jemand weich würde in diesen Trübsalen. Denn ihr wisset, dass wir dazu gesetzt sind" (1. Thessalonicher 3, 3). Sie weisen auch auf Hebräer 12, Vers 2 hin und fordern die Gläubigen auf, „aufzuschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens, welcher für die Freude, die er hätte haben können, das Kreuz erduldete, und achtete der Schande nicht". Die Untergrundkirche hat öffentlich Stellung bezogen gegen die atheistische Vergiftung der Jugend, so in Rostow, in Moskau und in vielen Städten Russlands. Sie geht gegen das atheistische Gift an und gegen alle treulosen Führer der offiziellen Kirche, über die sie in einem geheimen Manifest schreibt: „In unseren Tagen diktiert Satan, und ‚die Kirche' akzeptiert alle diese Vorschriften, die im Gegensatz zu den Geboten Gottes stehen" (entnommen der „Prawda Ukraini" vom 4. Oktober 1966). Die „Prawda Wostoka" gab die Verhandlung gegen die Brüder Alexei Newerow, Boris Garmaschow und Axen Zubow wieder, die „Gruppen organisiert" hätten, um Evangeliumssendungen aus Amerika zu hören. Sie hätten diese Predigten auf Tonbändern aufgenommen und sie danach zirkulieren lassen. Außerdem waren sie angeklagt, geheime Bibelstunden im Rahmen von „Exkursionen" und „künstlerischen Zirkeln" veranstaltet zu haben. Diese verdeckte Arbeit der Untergrundkirche erinnert stark an die Tarnung der Frühen Kirche in den Katakomben von Rom. Die „Sowjetskaja Moidawia" vom 15. September 1966 klagt darüber, dass die Untergrundkirche Broschüren vervielfältige. Dann sammeln sie sich in Gaststätten, obwohl das gesetzlich verboten ist, und gehen von dort aus von Ort zu Ort, um die Botschaft von Christus weiterzusagen und die Broschüren zu verteilen. Dieselbe Zeitung berichtet noch, dass in dem Zug von Reni nach Chisinau drei Burschen und vier junge Mädchen ein christliches Lied gesungen hätten, das beginnt: „Wir wollen unsere Jugend Christus weihen!" Der Berichterstatter erklärt, er sei empört gewesen, dass diese Leute „auf den Straßen, auf Bahnhöfen, in Zügen, in Bussen und sogar in staatlichen Einrichtungen predigen". Dies ist eine treffende Darstellung der Arbeitsweise unserer Untergrundkirche in Russland heute. Als in dem Prozess gegen diese Christen dann das Urteil gefällt wurde für ihr „Verbrechen", in der Öffentlichkeit christliche Lieder gesungen zu haben, fielen die Verurteilten auf die Knie und sagten: „Wir geben unser Leben in Gottes Hand. Wir danken dir, Herr, dass du uns gewürdigt hast, für dein Geschenk des Glaubens zu leiden." Dann sangen die Zuhörer, angeführt von dem „Fanatiker" Madan, im Gerichtssaal den Choral, dessentwegen ihre Brüder gerade zu Gefängnis und Folter verurteilt worden waren. An einem 1. Mai veranstalteten die Christen aus den Dörfern Copceag und Zacharowka einen geheimen Gottesdienst im Wald, da sie keine Kirchen haben. Sie halten auch Versammlungen ab und nehmen dazu Geburtstagsfeiern zum Anlass. Manchmal wird ein Geburtstag mehrmals gefeiert. Gefängnis und Folter schreckt die Christen der Untergrundkirche nicht von ihrem Glauben ab, sondern wie in der Frühen Kirche vermehrt Verfolgung nur ihre Hingabe.

Die „Prawda Ukraini" vom 4. Oktober 1966 berichtet über Bruder Prokofiiew, einen der führenden Männer der russischen Untergrundkirche, dass er schon dreimal im Gefängnis gewesen sei, aber sobald er wieder entlassen sei, fange er von neuem an, Kindergottesdienste zu halten. Zurzeit ist er wieder eingekerkert. Er schrieb in einem internen Brief: „Durch die Unterwerfung unter menschliche Satzungen hat sich die offizielle Kirche um den Segen Gottes gebracht." Doch stellt euch ein Gefängnis nicht so wie im Westen vor, wenn ihr hört, dass Brüder in Russland dazu verurteilt werden. Dort bedeutet Gefängnis Hunger, Folter und Gehirnwäsche. „Nauka i Religia" („Wissenschaft und Religion") berichtet in Nr. 911966, dass Christen biblische Literatur zwischen Titel- und Schlussblatt von „Ogoniok", einer Zeitschrift wie „Die Zeit" oder „Stern", unter die Leute verteilen. Sie verbreiten auch Bücher, auf deren Umschlag Titel wie „Anna Karenina" (ein Roman von Leo Tolstoi) stehen. Innen finden sich dann Teile der Bibel. Ihre Lieder sind erwähnenswert. Einige haben die Melodie der „Kommunistischen Internationale", aber ihr Text lobt Jesus Christus – berichtet die „Kasachstanskaja Prawda" vom 30. Juni 1966. In einem geheimen Rundbrief, der in Kulunda in Sibirien kursierte, berichten die dortigen Christen, dass die vom Staat eingesetzten Führer der „Baptisten" „ihre Kirche und ihre wahren Diener zugrunde gerichtet hätten, wie einst die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer Jesus Christus an den römischen Statthalter Pilatus verraten hätten". Aber die wahre Kirche arbeitet auch in der Unterdrückung weiter. Die „Braut Christi", seine wahre Gemeinde, kann nicht aufhören, Ihm zu dienen. Und die Kommunisten bestätigen selber meine eigenen Erfahrungen, dass die Untergrundkirche auch Kommunisten für Christus gewinnt. Sie können tatsächlich zum Glauben an Christus kommen. „Bakinskij Rabochij" („Der Arbeiter von Baku") druckt am 27. April 1966 einen Brief ab von Tania Kugunowa, einem Mitglied der Kommunistischen Jugend-Liga, die für Christus gewonnen worden war. Der Brief war von den kommunistischen Behörden abgefangen worden:

„Liebe Tante Nadia, Gnade und Segen von unserem geliebten Herrn! Tante Nadia, wie lieb hat er mich doch! Und wir sind so gar nichts vor Ihm. Ich glaube, Tante Nadia, Du verstehst, was die Worte bedeuten: ‚Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.' Nachdem dieser Brief beschlagnahmt worden war, kam Piotr Serebrennikow, der Laienbruder, durch den sie und noch andere junge Kommunisten zu Jesus gefunden hatten, ins Gefängnis. Die kommunistische Zeitung zitiert aus einer seiner Predigten: „Wir müssen unserem Heiland vertrauen, wie es die ersten Christen taten. Für uns ist die Bibel das oberste Gesetz. Wir erkennen in Glaubensfragen sonst nichts an. Und wir müssen die Zeit auskaufen, damit die Menschen aus ihren Sünden errettet werden, besonders die jungen." Als man ihn darauf aufmerksam machte, dass das sowjetische Gesetz verbietet, Jugendlichen von Christus zu erzählen, gab er zur Antwort: „Darin ist für uns nur die Bibel Gesetz" — eine ganz normale Antwort in einem Land, wo eine grausame, bewusst gottlose Diktatur herrscht. Dann schildert die kommunistische Zeitung noch eine „wüste" Szene: „Junge Männer und junge Mädchen singen geistliche Lieder miteinander, empfangen die christliche Taufe und vertreten die verwerfliche, landesverräterische Lehre, die Feinde zu lieben." „Bakinskij Rabochij" fügt noch hinzu, dass viele Jungen und Mädchen, die alle Mitglieder der Kommunistischen Jugend-Liga sind, in Wirklichkeit Christen seien. Das Blatt schließt diesen Artikel mit den Worten: „Wie machtlos muss doch die kommunistische Schule sein, wie langweilig und ohne jegliche aufklärende Wirkung …dass die Pastoren in der Lage sind, den gleichgültigen Erziehern ihre Schüler vor der Nase wegzuschnappen!" Die „Kasachstanskaja Prawda" vom 30. Juni 1966 ist entsetzt über die Entdeckung, dass der Schüler mit den besten Noten ein junger Christ ist. Die „Kirgisiskaja Prawda" von 17. Januar 1966 führt ein Flugblatt der Untergrundkirche an, das sich an christliche Mütter wendet: „Lasst uns keine Mühe scheuen, im Gebet für unsere Kinder einzutreten und ihr Leben Gott anzuvertrauen, schon wenn sie noch in der Wiege liegen. Und lasst uns besonders unsere Kinder vor dem Einfluss der gottlosen Welt bewahren!" Diese Mühe ist nicht vergeblich gewesen. Die kommunistischen Tageszeitungen geben davon Zeugnis. Der christliche Glaube gewinnt unter der Jugend immer mehr an Boden. Eine Tageszeitung aus Tscheliabinsk östlich des Ural berichtet, wie ein Mädchen des kommunistischen Jugendverbandes namens Nina Christin wurde. Es geschah beim Besuch einer geheimen christlichen Versammlung. „Sowjetskaja Justitia" Nr. 911966 beschreibt eine solche Untergrundversammlung. „Sie begann um Mitternacht. Heimlich, selbst vor dem eigenen Schatten noch auf der Hut, kamen die Menschen aus allen Richtungen. Sie füllten den dunklen Raum mit seiner niedrigen Decke. Es waren so viele, dass kein Platz mehr zum Knien war. Die Luft war so schlecht, dass das Licht der Gaslampe ausging. Schweiß rann den Anwesenden vom Gesicht. Auf der Straße hielt einer der ‚Diener des Herrn' Ausschau nach der Polizei." Nina erklärte, dass sie in einer solchen Versammlung mit herzlicher Umarmung und menschlicher Wärme aufgenommen worden sei. „Sie hatten alle, wie auch ich jetzt, einen großen, gewiss machenden Glauben, ein unbedingtes Vertrauen auf Gott. Denn Er nimmt uns unter seinen Schutz. Lasst die Komsomolzen, die mich kennen, an mir vorbeigehen, ohne mich zu grüßen. Lasst sie mich nur mit Verachtung ansehen und mich, als ob sie mich damit schlagen wollten, ‚Baptisten' nennen. Sie sollen es ruhig tun. Ich brauche sie nicht mehr." So wie sie haben viele junge Kommunisten den Entschluss gefasst, ihr Leben Christus anzuvertrauen. Die „Kasachstanskaja Prawda" berichtet am 18. August 1967 über die Gerichtsverhandlung der Laienbrüder Klassen, Bondar und Teleghin. Wir erfahren daraus nicht, welche Strafe über sie verhängt wurde, aber ihr „Verbrechen" wird erwähnt. Sie hatten Kindern von Jesus Christus erzählt. In der Ausgabe vom 15. Juni 1967 führt die „Sowjetskaja Kirgisia" Klage, dass Christen „die Anwendung administrativer Maßnahmen gegen sich selber provozieren". So haben die daran unschuldigen kommunistischen Behörden jetzt wieder eine solche Gruppe verhaften müssen, nachdem sie andauernd von diesen hartnäckigen Christen selber dazu herausgefordert worden seien. Sie seien einfach nicht zufrieden, in Freiheit zu leben. Ihr Verbrechen war, dass sie fünfzehn Hektographen, sechs Buchbindemaschinen und eine Druckerpresse illegal besaßen, auf der christliche Literatur gedruckt wurde. Die „Prawda" berichtet am 21. Februar 1968, dass Tausende von Frauen und Mädchen festgestellt worden seien, die Gürtel und Bänder an sich trugen, auf denen Bibelverse und Gebete aufgedruckt waren. Die Behörden stellten eine Untersuchung an und fanden heraus, dass die Person, die diese neue Mode in Umlauf gebracht hatte (die auch dem Westen zu empfehlen wäre), niemand anders war als ein christliches Mitglied der kommunistischen Polizei, der Beamte Stasink aus Liubertz. Die Zeitung meldete seine Verhaftung. Die Antworten, die Christen im Verhör vor den kommunistischen Gerichten geben, sind eine Bestätigung der Verheißung Jesu in Lukas 21, Vers 15: „Ich will euch Mund und Weisheit geben, welcher nicht sollen widersprechen können noch widerstehen alle eure Widersacher." Ein Richter verlangte Auskunft: „Warum habt ihr andere Menschen für eure verbotene Sekte geworben?" Eine Christin antwortete: „Unser Ziel ist es, die ganze Welt für Christus zu gewinnen." „Eure Religion ist gegen alle wissenschaftliche Erkenntnis", höhnte in einem anderen Prozess der Richter, worauf das angeklagte junge Mädchen, eine Studentin, erwiderte: „Trauen Sie sich mehr wissenschaftliche Einsicht zu als Einstein, als Newton? Sie glaubten an Gott. Unser Universum trägt nach Einsteins Weltformel den wissenschaftlichen Namen. Jedenfalls habe ich auf der Universität das ‚Einsteinsche Universum' kennen gelernt. Einstein schreibt: ,Wenn wir die jüdische Religion der Propheten und das Christentum, wie Jesus es gelehrt hat, von dem reinigen, was später hinzukam, besonders von seinen Entartungen und Verfälschungen, dann haben wir eine Religion, die die Welt von allen sozialen Missständen befreien kann. Es ist die heilige Pflicht eines jeden, dass er sein Äußerstes tut, um dieser Religion
zum Sieg zu verhelfen.'" „Und denken Sie nur an unseren großen Physiologen Pawlow! Steht nicht in unseren russischen Büchern, dass er ein Christ war? Selbst Karl Marx sagt in seinem Vorwort zu dem Werk ,Das Kapital', dass das Christentum, besonders in seiner protestantischen Form, die ideale Religion sei, um durch Sünde zerrüttete Charaktere zu erneuern. Ich hatte einen solchen von der Sünde zerstörten Charakter. Marx hat mich dazu gebracht, ein Christ zu werden, damit er wieder in Ordnung kommt. Wie können Sie als Marxist mich deswegen verurteilen?" Man kann gut verstehen, warum der Richter die Antwort schuldig blieb. Auf denselben Vorwurf, einer anti-wissenschaftlichen Religion ‚anzugehören, antwortete ein anderer Christ vor Gericht: „Ich bin ziemlich sicher, Genosse Richter, dass Sie nicht ein so großer Wissenschaftler sind wie Simpson, der Entdecker des Chloroforms und noch vieler anderer Medikamente. Als er nun gefragt wurde, was er für seine größte Entdeckung halte, antwortete er: ‚Es ist nicht das Chloroform. Meine größte Entdeckung ist gewesen zu erkennen, dass ich ein Sünder bin und daß ich durch Gottes Gnade gerettet werden konnte.'" Die stärksten Argumente jedoch, die von den Christen der unterdrückten Kirche für ihren Glauben vorgebracht werden können, sind ihr Lebenswandel, ihre Selbstaufopferung, ihre Bereitschaft, für ihren Glauben ihr Leben dranzugeben. Daraus entsteht, wie der bekannte Afrikamissionar Albert Schweitzer es ausgedrückt hat, „die geheiligte Bruderschaft derjenigen, die den Stempel des Leides an sich tragen", jene brüderliche Gemeinschaft, zu der Jesus, der Mann der Schmerzen, gehörte. Die Untergrundkirche ist durch das Band der Liebe an ihren Erlöser gebunden. Dasselbe Band vereint ihre Glieder untereinander. Niemand in der Welt kann sie nach dem Wort ihres Herrn überwältigen, auch nicht „die Pforten der Hölle". In einem heraus geschmuggelten Brief erklärt die Untergrundkirche: „Wir beten nicht darum, bessere Christen zu werden, sondern dass wir die einzige Art von Christen seien, die Gott uns aufgibt zu sein: Christus ähnliche Christen, das heißt Christen, die bereitwillig das Kreuz zur Ehre Gottes tragen." Mit der Klugheit der Schlangen weigern sich die Christen standhaft, bei Verhören und vor Gericht auszusagen, wer ihre leitenden und verantwortlichen Männer sind. Die „Prawda Wostoka" („Die Wahrheit des Ostens") vom 15. Januar 1966 berichtet, wie die Angeklagte Maria Sewtschuk auf die Frage, wer sie zu Christus gebracht habe, geantwortet habe: „Gott zog mich in seine Gemeinschaft." Ein anderer gab auf die Frage: „Wer ist euer Führer?" die Antwort: „Wir haben keine irdischen Führer." Man fragte Kinder, die sich zu Christus bekannten: „Wer hat euch angewiesen, die Jungen Pioniere zu verlassen und das rote Halstuch abzunehmen?" Sie antworteten: „Wir haben es aus freien Stücken getan. Niemand hat uns dazu aufgefordert." Obgleich mancherorts die „Spitze des Eisbergs" sichtbar ist, wenden an anderen Orten die Christen die Selbst-Taufe an, um im Falle der Entdeckung eine Verhaftung ihrer Leiter zu verhindern. In einigen Gegenden vollzieht man die Taufen in einem Fluss, wobei der Täufling wie auch der Taufende beide Masken tragen, so dass niemand sie fotografieren kann. In der Ausgabe vom 3o. Januar 1964 gibt die „Uchitelskaja Gazeta" einen Bericht über eine atheistische Vorlesung in Woronin im Distrikt Wolnetschino-Korskij. Sobald der Dozent zu Ende war, begannen die Gläubigen die atheistische Belehrung öffentlich anzugreifen durch bestimmte Fragen, auf die der atheistische Dozent nicht antworten konnte. Eine lautete: „Woher leiten die Kommunisten ihre moralischen Grundsätze ab, die sie proklamieren, aber selbst nicht befolgen – zum Beispiel: ,du sollst nicht stehlen, man soll nicht töten'?" Die Christen wiesen dem Dozenten nach, dass jeder dieser Grundsätze aus der Bibel herkomme, gegen die aber gerade die Kommunisten ankämpften. Der Dozent war ziemlich verwirrt, und die Auseinandersetzung endete mit dem geistigen Sieg der Gläubigen.

 

Die Verfolgung der Untergrundkirche nimmt zu

Aufs Ganze gesehen, leiden die Christen der Untergrundkirche heute mehr als je zuvor. Alle Religionen werden in Russland verfolgt. Besonders erschütternd ist für uns Christen die Unterdrückung der Juden in den kommunistischen Ländern. Aber das bevorzugte Objekt ihrer Verfolgung sind die christlichen Gemeinden der Untergrundkirche. Die sowjetische Presse gibt zurzeit eine neue Welle von Massenverhaftungen und Schauprozessen bekannt. In einem Ort wurden zweiundachtzig Christen in eine Irrenanstalt gesteckt. Vierundzwanzig starben nach wenigen Tagen, wie es hieß, an „allzu langem Beten". Wie sollte längeres Beten einen Menschen töten. Könnt ihr euch vorstellen, was jene Ärmsten durchgemacht haben? Das allerschlimmste, was Eltern auferlegt werden kann, wenn entdeckt wird, dass sie ihren Kindern von Christus erzählen, ist, dass ihnen die Kinder zeitlebens weggenommen werden – nicht einmal Besuchsrecht wird ihnen zugestanden. Die Sowjetunion hat die Erklärung der Vereinten Nationen „Gegen jede Diskriminierung im Erziehungswesen" mit unterzeichnet. Darin wird als unabdingbar gefordert: „Eltern müssen das Recht haben, die religiöse und moralische Erziehung ihrer Kinder entsprechend ihren eigenen Überzeugungen sicherzustellen."

Der Verräter Karew, der Leiter der von den Behörden anerkannten Baptistenunion der Sowjetunion, der oben schon angeführt wurde, gibt die Versicherung, dass dieses Recht in der Sowjetunion verwirklicht ist – und Einfältige glauben es ihm.
Doch hören wir die Sowjetpresse selber. „Sowjetskaja Rossia" vom 4. Juni 1963 berichtet eingehend, wie der Baptistin Makrinkowa ihre sechs Kinder fortgenommen wurden, weil sie ihnen den christlichen Glauben vermittelte und ihnen verboten hatte, das Halstuch der Jungen Pioniere zu tragen. Als sie das Urteil vernahm, sagte sie nur: „Ich leide für den Glauben." Sie musste auch noch für den Unterhalt der Kinder, die ihr entrissen wurden, bezahlen. Jetzt werden sie mit atheistischen Lehren vergiftet. Ihr christlichen Mütter, denkt an sie in ihrem furchtbaren Kampf! Die „Utschitelskaja Gazeta" führt an, dass einem lgnatij Mullin und seiner Frau dasselbe widerfahren ist. Der Richter verlangte, sie sollten ihren Glauben aufgeben. Er sagte zu ihnen: „Wählt zwischen Gott und eurer Tochter. Wollt ihr Gott wählen?" Der Vater antwortete: „Ich werde meinen Glauben nicht aufgeben." Paulus sagt: „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen." Ich habe es erlebt, dass Kinder, die als Christen erzogen worden waren, von ihren Eltern weggenommen und in atheistische Schulen gegeben wurden. Statt nun vom Atheismus erfasst zu werden, breitete sich der Glaube, den sie aufgenommen hatten, auch auf die anderen Kinder aus. Jesus spricht: „Wer Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert." Diese Worte erhalten wieder ihre ursprüngliche Bedeutung hinter dem Eisernen Vorhang. Versucht einmal, eine Woche lang ohne eure Kinder zu leben. Dann werdet ihr ermessen können, wie solche Eltern in Russland leiden. Die Christen ihres Elternrechts zu berauben, ist eine Praxis, die bis heute in den Ländern des Ostblocks an der Tagesordnung ist. Die neuesten Fälle, die wir aus der sowjetischen Presse selber belegen können, betreffen eine Frau Sitsch, der man nach „Znamia Junosti" vom 29. März 1967 ihren Sohn Watscheslaw weggenommen hat, weil sie ihn in der Ehrfurcht vor Gott erzog. Und die „Sowjetskaja Rossia" vom  13. Januar 1g68 berichtet von dem Fall der Frau Zabawina aus Chabarowsk, der ihr Enkelkind Tania, eine Vollwaise, für immer weggenommen wurde, weil sie ihr eine „unnatürliche christliche Erziehung" gegeben hatte. Es wäre ungerecht, nur von der protestantischen Untergrundkirche zu sprechen. Die orthodoxen Christen in Russland haben sich vollständig gewandelt. Millionen von ihnen sind durch die sowjetischen Gefängnisse gegangen. Dort hatten sie keinen Rosenkranz, keine Kruzifixe, keine Ikonen, keinen Weihrauch, keine Kerzen. Die Laien waren im Gefängnis meist ohne einen ordinierten Priester. Die Priester, die hier und da unter ihnen waren, hatten keine Priestergewänder, kein Weißbrot, keinen Wein, den sie weihen konnten, kein heiliges 01, keine Bücher, aus denen sie vorbereitete Gebete lesen konnten. Und nun entdeckten sie, dass sie sogar ohne alle diese Dinge auskommen konnten, indem sie sich unmittelbar an Gott im Gebet wandten. Sie beteten schlicht, und Gott antwortete und goss seinen Heiligen Geist auf sie aus. Eine geistliche Erweckung, sehr ähnlich derjenigen zum fundamentalen Bibelglauben, ist zurzeit unter den orthodoxen Christen im Gange. So kommt es, dass in Russland wie auch in den Satelliten-Staaten eine orthodoxe Untergrundkirche entsteht, die ihrem Wesen nach evangelisch bibeltreu und unmittelbar an Gott gebunden ist, nur dass sie sich aus Gewohnheit noch etwas an die orthodoxe Kirchenordnung hält. Auch diese orthodoxe Untergrundkirche hat ihre großen Märtyrer. Zu ihnen gehört sicher ihr betagter Erzbischof Yermogen von Kaluga, von dem niemand weiß, wo er jetzt ist. Er hatte es gewagt, gegen die schamlose Zusammenarbeit des Patriarchats mit den gottlosen kommunistischen Behörden zu protestieren. Fünfzig Jahre kommunistischer Herrschaft! Und die russische Presse berichtet heute ungewollt von dem Aufschwung der Untergrundkirche. Sie geht zwar durch unsägliche Leiden, aber sie hat sich als fest und treu erwiesen – und sie wächst. Wir haben in Rumänien durch unsere getarnte Mission in der russischen Armee die
Saat ausgestreut. Auch andere haben das noch getan, sowohl in Rumänien als auch in den übrigen Ländern, in die russische Soldaten einmarschiert sind. Diese Saat ist aufgegangen und trägt jetzt ihre Früchte. Sie zeigen, dass die kommunistische Welt für Christus gewonnen werden kann, daß aus Kommunisten Christen werden können. Und nicht zu vergessen aus den anderen, die von ihnen unterdrückt werden — wenn wir nur bereit sind, ihnen zu helfen. Der Beweis für die Richtigkeit dieser Beurteilung ist in der Tatsache enthalten, daß die Untergrundkirche in der Sowjetunion, in China und beinahe allen übrigen kommunistischen Ländern lebendig ist. Um eine Vorstellung von der geistlichen Reife und inneren Schönheit unserer Mitchristen zu vermitteln, die oft unter furchtbaren Bedingungen leben müssen, gebe ich ein paar Briefe wieder, die zum Teil aus russischen Gefängnissen den Weg zu uns fanden.

 

Varia, ein kommunistisches Mädchen, findet zu Christus

Die ersten drei Briefe stammen von Maria, einer jungen Christin, die Varia zu Christus führte. Durch ihr mutiges Zeugnis für Jesus wird Varia später zu Zwangsarbeit verurteilt.
Erster Brief ,,… Ich bin immer noch hier, aber ich weiß mich von Gott geliebt. Ich werde auch von einem Mitglied aus einer Arbeitskolonne des Komsomol geliebt. Sie sagte jetzt zu mir: ‚Ich weiß nicht, was du für ein Wesen bist. Viele beleidigen und verletzen dich hier, und doch bist du zu allen freundlich.` Ich habe ihr geantwortet, dass Gott uns gebietet, alle Menschen zu lieben, nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Anfangs hat mir dieses Mädchen sehr zugesetzt, aber dann betete ich für sie mit besonderer Inbrunst. Als sie mich fragte, ob ich auch sie lieben könnte, umarmte ich sie, und wir beide fingen zu weinen an. Jetzt beten wir immer zusammen. Bitte, betet für sie. Sie heißt Varia. Manchmal, wenn man denen zuhört, die so laut Gott leugnen, will es einem scheinen, dass sie es wirklich so meinen. Aber das Leben zeigt bald, dass viele von ihnen in ihrem Herzen, obwohl sie mit den Lippen Gott noch fluchen, ein ganz großes Verlangen nach Ihm haben. Und zuweilen kannst
du geradezu das Stöhnen ihres Herzens heraushören. Alle diese Menschen suchen etwas und versuchen ihre innere Leere mit ihrer Gottlosigkeit zu vertuschen. Eure Schwester in Christus, Maria"
Zweiter Brief „In meinem vorigen Brief schrieb ich Euch von dem atheistischen Mädchen Varia. Nun drängt es mich, Euch, meinen Lieben, von unserer großen Freude zu berichten: Varia hat Christus als ihren persönlichen Heiland angenommen und bezeugt es öffentlich vor jedermann. Als sie zum Glauben an Christus durchdrang und die große Freude der Errettung erfuhr, war sie jedoch auch zugleich recht betrübt. Sie war deswegen traurig, weil sie vorher überall verbreitet hatte, es gebe keinen Gott. Letzthin ging ich mit Varia zu einer Gottlosen-Versammlung. Obwohl ich sie dringend ermahnte, zurückhaltend zu sein, war meine Warnung umsonst. Varia wollte unbedingt hingehen, .und so ging ich mit, um zu sehen, wie es ablief. Nach dem üblichen Singen der Internationale, wobei Varia nicht mitmachte, meldete sie sich zu Wort. Als sie an der Reihe war, ging sie nach vorn vor die ganze Versammlung. Mutig und mit starker innerer Beteiligung bezeugte sie vor den Versammelten Christus als ihren Erretter und bat die früheren Genossen um Vergebung, dass sie so blind gewesen sei und nicht gesehen habe, wie sie selber und alle anderen mit ihr ins Verderben gerannt seien. Sie bat alle inständig, den Weg der Sünde aufzugeben und zu Christus zu kommen.
Alle waren still geworden und niemand unterbrach sie. Als sie zu reden aufgehört hatte, sang sie mit ihrer hervorragenden Stimme das ganze christliche Lied: ,Ich schäme mich der Botschaft nicht von dem Christus, der für uns starb; ich trete für seine Gebote ein und rühme die Kraft seines Kreuzes.' Aber später … später holten sie dann Varia weg. Heute ist der g. Mai, und wir wissen immer noch nichts von ihr. Gott hat die Macht, sie zu bewahren. Betet für sie! Eure Maria"
Dritter Brief „Gestern, am 2. August, hatte ich im Gefängnis ein Gespräch mit unserer lieben Varia. Mein Herz blutet, wenn ich über sie nachdenke. Sie ist ja noch ein Kind, erst
neunzehn Jahre alt. Auch im Glauben ist sie noch ein geistliches Kind. Aber sie hebt den Herrn von ganzem Herzen, und deshalb ist sie gleich den schweren Weg gegangen. Das arme Kind hat solchen Hunger. Gleich, als wir erfahren hatten, daß sie im Gefängnis war, begannen wir ihr Päckchen zu schicken. Aber sie hat nur wenig von dem bekommen, was wir ihr geschickt hatten. Als ich sie gestern sah, sah sie sehr schmal, bleich und zerschlagen aus. Nur ihre Augen leuchteten von einer überirdischen Freude und dem Frieden mit Gott. Wer ihn nicht selber erlebt hat, diesen wunderbaren Frieden Christi, kann das nicht verstehen
– aber wie glücklich sind alle, die diesen Frieden haben – und uns, die in Christo Jesu sind, sollten keine Leiden und Enttäuschungen von unserem Auftrag zurückhalten. Ich habe sie durch das Gitter gefragt: ‚Varia, bereust du den Schritt, den du getan hast?' ‚Ach nein', antwortete sie, ,und wenn sie mich freiließen, ginge ich wieder hin und erzählte ihnen von der großen Liebe Christi. Denke nur nicht, dass ich leide. Ich bin sehr froh, dass der Herr mich so liebt und mir die Freude schenkt, um seines Namens willen zu leiden.' Ich bitte Euch herzlich, für sie zu beten. Wahrscheinlich wird sie nach Sibirien geschickt. Sie haben ihr alle ihre Sachen und Kleider weggenommen. Sie hat jetzt nichts mehr, als was sie an sich trägt. Sie hat hier keine Angehörigen, und wir müssen jetzt die notwendigsten Dinge für sie sammeln. Den letzten Betrag, den Ihr mir geschickt habt, habe ich beiseite gelegt.  Wenn Varia deportiert wird, werde ich ihn ihr aushändigen. Ich vertraue, dass Gott ihr durchhilft und ihr die Kraft gibt, auch in Zukunft standhaft zu sein. Möge Gott sie bewahren! Eure Maria“
Vierter Brief „Liebe Maria, endlich kann ich Dir schreiben. Wir sind wohlbehalten in … angekommen. Unser Lager ist fünfzehn Kilometer von der Stadt entfernt. Ich will das ganze Leben hier nicht beschreiben. Du kennst es ja. Ich möchte Dir nur ein wenig über mich selber schreiben. Ich danke Gott, dass er mir Gesundheit gibt und ich körperlich arbeiten kann. Ich und Schwester U. wurden zur Arbeit in der Werkstatt angewiesen. Wir arbeiten dort an Maschinen. Die Arbeit ist schwierig, und Schwester U’s Gesundheit ist nicht gut. So muss ich für sie noch mit arbeiten. Ich tue erst meine
Arbeit und helfe dann ihr. Wir arbeiten zwölf bis dreizehn Stunden am Tag. Unser Essen ist etwa so wie Eures, sehr kärglich. Aber das ist es nicht, was ich Dir schreiben wollte. Mein Herz jubelt und ich danke Gott, dass er mir durch Dich den Weg zu meiner Errettung gezeigt hat. Jetzt, wo ich auf diesem Weg bin, hat mein Leben doch ein Ziel und ich weiß, wohin ich gehe und für wen ich dulde. Ich habe das Bedürfnis, jedem von meiner großen Freude, die ich über meine Errettung im Herzen trage, zu erzählen. Denn wer kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die er in Jesus Christus uns erzeigt hat? Niemand und nichts. Weder Gefängnis noch Trübsal. Die Leiden, die Gott uns schickt, bestärken uns nur immer mehr im Glauben an Ihn. Mein Herz ist so voll Lob über Gottes Erbarmen, dass es davon überfließt. Bei der Arbeit lästern sie über mich und setzen mir sehr zu, geben mir auch zusätzliche Arbeit, weil ich einfach nicht schweigen kann, sondern jedem erzählen muss, was Gott an mir getan hat. Er hat aus mir ein neues Wesen, eine neue Schöpfung gemacht, aus mir, der ich auf dem Weg zum Verderben gewesen bin. Kann ich denn hiernach still sein? Nein, niemals. Solange ich sprechen kann, will ich jedem Gottes große Liebe zu mir bezeugen. Auf unserem Weg zum Lager trafen wir mit vielen Brüdern und Schwestern zusammen. Wie wunderbar ist es doch, dass du durch Gottes Geist spürst, sie sind Gottes Kinder, auch wenn du sie zum ersten Mal siehst. Es bedarf weiter keiner Worte. Als wir noch auf dem Weg zum Lager waren, kam an einer Eisenbahnhaltestelle eine Frau auf uns zu, gab uns Essen und sagte nur die zwei Worte: ‚Gott lebt.' Am ersten Abend, als wir hier ankamen – es war schon ziemlich spät – wurden wir in Kellerbaracken untergebracht. Wir grüßten die Anwesenden mit den Worten: ‚Friede sei mit euch.' Zu unserer großen Freude hörten wir aus allen Ecken die Antwort: ‚Wir empfangen euch mit Frieden.' Und vom ersten Abend empfanden wir, dass wir eine Familie sind. Und so war es auch. Wir sind viele, die an Jesus Christus als ihren persönlichen Heiland glauben. Mehr als die Hälfte der Häftlinge sind Gläubige. Wir haben großartige Sänger und gute Prediger unter uns. Wenn wir uns abends nach schwerer Arbeit versammeln, wie herrlich ist es dann, ein wenig Zeit gemeinsam vor unserem Erlöser im Gebet zu verbringen. Mit Christus ist überall Freiheit. Ich habe hier viele schöne geistliche Lieder gelernt, und täglich gibt mir Gott mehr von seinem Wort.
Den Geburtstag unseres Herrn Jesus habe ich hier mit neunzehn Jahren zum ersten Mal gefeiert. Diesen herrlichen Tag werde ich nie vergessen. Wir hatten den ganzen Tag arbeiten müssen. Aber einige unserer Brüder konnten trotz allem zum nahen Fluss gehen. Dort brachen sie das Eis auf und bereiteten den Ort vor, wo ich und noch sieben Brüder dann in der Nacht getauft wurden. Wie glücklich bin ich und wie sehr wünschte ich, dass auch Du, Maria, bei mir wärst, damit ich ein klein wenig an Dir gut machen könnte für das Böse, das ich Dir damals angetan habe. Aber Gott stellt jeden von uns an seinen Platz, und wir müssen ausharren, wo er uns hingestellt hat. Grüße die ganze Familie der Gotteskinder. Gott wird Eure gemeinsame Arbeit reich segnen, wie er auch mich gesegnet hat. Lies Hebräer 12, 1-3. Alle Brüder hier grüßen Euch und sind froh, dass Euer Glaube an Gott so stark ist und dass Ihr Ihn in Eurem Leiden ohne Unterlass lobt. Wenn Ihr den anderen schreibt, richtet ihnen unsere Grüße aus! Immer Eure Varia
Fünfter Brief „Liebe Maria. Endlich habe ich Gelegenheit gefunden, Dir ein paar Zeilen zu schreiben. Ich kann Dir mitteilen, meine Liebe, dass ich und Schwester U. durch Gottes Gnade gesund und wohlauf sind. Wir befinden uns jetzt in … Sie schicken uns aber später nach…, und wir werden dort bleiben. Ich danke Dir für Deine mütterliche Sorge um mich. Wir haben alles erhalten, was Ihr für uns zurechtgemacht habt. Habe besonderen Dank für das Allerwertvollste, die Bibel. Sage allen herzlichen Dank, und wenn Du ihnen schreibst, füge besondere Grüße bei und meinen Dank für das, was sie für mich getan haben. Seitdem mir Gott das tiefe Geheimnis seiner heiligen Liebe offenbart hat, betrachte ich mich selber als den glücklichsten Menschen in der Welt. Die Verfolgungen, die ich zu erdulden habe, sehe ich als besondere Gabe an. Ich freue mich, dass der Herr mir vom ersten Tag meines Glaubens an die große Freudigkeit geschenkt hat, für Ihn zu leiden. Bittet alle für mich, dass ich dem Herrn bis ans Ende treu bleiben möge. Möge Euch alle der Herr bewahren und für den heiligen Kampf stärken, der Euch verordnet ist. Schwester U. und ich küssen Euch alle. Wenn wir nach … gebracht werden, haben wir vielleicht Gelegenheit, Euch wieder zu schreiben. Macht Euch um uns keine
Sorgen. Wir sind fröhlich und getrost, denn unser Lohn im Himmel ist groß (Matthäus 5,11-12). Eure Varia"
Das ist der letzte Brief von Varia, der jungen Kommunistin, die Christus gefunden hat, ihn öffentlich bekannte und zu Zwangsarbeit verurteilt wurde. Man hat nie mehr etwas von ihr gehört, aber ihre reine Liebe und ihr Zeugnis für Jesus zeigen etwas von der geistlichen Schönheit der leidenden, glaubenden Kirche im Untergrund von einem Drittel der Welt unter dem Kommunismus.

5. Kapitel Meine Botschaft an Euch von der Untergrundkirche

Man hat mich die „Stimme der Untergrundkirche" genannt. Ich halte mich nicht für würdig, die Stimme eines so geachteten Gliedes am Leibe Christi zu sein. Jedoch habe ich jahrelang einen Bezirk der Untergrundkirche in kommunistischen Gebieten geleitet Durch ein Wunder Gottes habe ich vierzehn Jahre Gefängnis und Folter einschließlich zwei Jahre Kerker in einem „Sterbezimmer" überlebt. Durch ein noch größeres Wunder hat es Gott gefallen, in meine Gefangenschaft einzugreifen und mich herauszunehmen, in den Westen zu bringen und der freien Kirche hier zu berichten. Ich spreche im Auftrag meiner Brüder, die in zahllosen, namenlosen Gräbern liegen. Ich spreche im Namen meiner Brüder, die sich jetzt heimlich in Wäldern versammeln und in Kellern, in Dachstuben und an verborgenen Plätzen. Es wurde von der Untergrundkirche in Rumänien beschlossen, dass ich versuchen sollte, mein Land zu verlassen, um eine Botschaft an die freien Christen in der Welt hinauszutragen. Durch Gottes Fügung habe ich herauskommen können, und ich erfülle den Auftrag, der mir von denen erteilt wurde, die zurückbleiben und sich weiter im kommunistischen Gebiet abmühen, dort alles aufs Spiel setzen, leiden und sterben für ihren Herrn. Die Botschaft, die ich von der Untergrundkirche bringe, lautet:
 „Verlasst uns nicht!" „Vergesst uns nicht!" „Schreibt uns nicht ab!" „Gebt uns die Mittel und Werkzeuge, die wir brauchen! Für ihren Gebrauch wollen wir selber den Preis zahlen." Das ist die Botschaft, die mir auferlegt wurde, um sie euch zu überbringen. Ich spreche für eine zum Schweigen gebrachte Kirche, die Kirche im Untergrund, für die „stumme" Kirche, die keine Stimme zum Sprechen hat. Hört das Schreien eurer Brüder und Schwestern in kommunistischen Ländern! Sie bitten nicht um Flucht, um Sicherheit oder um ein leichteres Leben. Sie bitten euch nur um die Werkzeuge, um damit der Vergiftung der Jugend – der kommenden Generation – durch den Atheismus entgegenzuwirken. Sie bitten euch um Bibeln, die sie bei der Verkündigung des Wortes Gottes brauchen. Wie sollen sie Gottes Wort
weitergeben können, wenn sie es nicht haben? Die Untergrundkirche ist zu vergleichen mit einem Arzt, der mit der Bahn fuhr und dessen Zug mit einem anderen zusammenstieß. Hunderte von Menschen lagen umher, verletzt, verstümmelt, am Sterben. Der Arzt ging unter den Sterbenden einher und klagte: „Wenn ich nur meine Instrumente hätte! … nur meine Instrumente!" Mit den chirurgischen Instrumenten hätte er vielen das Leben retten können. Er hatte den guten Willen, aber er hatte nicht die nötigen Werkzeuge. Das ist die Lage, in der sich die Untergrundkirche befindet. Sie ist willig und bereit, selber alles hinzugeben. Sie ist bereit, das Martyrium auf sich zu nehmen. Sie ist bereit, Jahre der Gefangenschaft in kommunistischen Gefängnissen in Kauf zu nehmen. Aber all ihr guter Wille bleibt wertlos, wenn sie nicht die nötigen Mittel und Werkzeuge erhält, mit denen sie arbeiten kann. Und das ist die dringende Bitte der glaubenden, hoffenden Kirche in der Unterdrückung an euch, die ihr frei seid: „Gebt uns das Handwerkszeug – Evangelien, Bibeln, christliche Literatur, praktische Hilfe – und wir wollen das andere auf uns nehmen!"

Wie freie Christen helfen können

Jeder Christ, der in Freiheit lebt, kann sofort auf folgende Weise helfen: Atheisten sind Menschen, die den unsichtbaren Ursprung ihres Lebens nicht anerkennen. Sie haben kein Organ für das, was im Leben des einzelnen wie auch in der Gesetzmäßigkeit des Kosmos Geheimnis ist. Christen können ihnen am besten helfen, wenn sie selber nicht vordergründig im Schauen, sondern im Glauben leben und so ein Leben der Gemeinschaft mit Gott führen. Sie helfen auch uns am besten, wenn sie ein Leben führen, das mit dem Glauben übereinstimmt, ein Leben der Selbsthingabe. Und sie können dadurch helfen, dass sie öffentlich ihre Stimme erheben, wann immer Christen verfolgt werden. Weiterhin könnt ihr Christen in der freien Welt uns eine große Hilfe geben, wenn ihr für die Kommunisten betet, damit sie errettet werden. Solch ein Gebet mag menschlichem Ermessen naiv erscheinen. Wir haben oft für die kommunistischen Gefängniswärter gebetet, und am nächsten Tag haben sie uns ärger gefoltert als vor dem Beten. Aber das Gebet des Herrn über Jerusalem wäre dann auch naiv gewesen. Denn sie haben Ihn nach diesem Gebet gekreuzigt.

Doch schon wenige Tage später schlugen sie an ihre Brust, und dreitausend wurden an dem Tag zu Christus bekehrt. Auch für die anderen war das Gebet nicht umsonst gewesen. jedes Beten für einen Menschen, das von dem, für den du eintrittst, nicht angenommen wird, kommt mit Segnungen auf dich zurück, wird aber für den, der die Ursache deines Gebetes war, zum Gericht. Im Einklang mit Jesu Wort betete ich mit noch vielen anderen Christen für Hitler und seine Männer in der Regierung. Ich bin überzeugt, dass unser Gebet ihn besiegen half. Wir sollen unsere Nächsten lieben wie uns selbst. Die Kommunisten sind unsere Nächsten so gut wie jeder andere. Aber die Kommunisten sind auch ein Zeichen der Zeit. Sie sind das sichtbare Ergebnis der Missachtung der Worte Christi: „Ich bin gekommen, auf dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen." Die Christen haben dieses volle Genüge noch nicht für alle gebracht. Sie haben zu viele am Rande des Lebensnotwendigen gelassen. Und diese haben dagegen rebelliert und die kommunistische Partei gegründet. Ihre Anhänger sind oft die Opfer sozialer Ungerechtigkeit gewesen. Jetzt sind sie verbittert und grausam. Jetzt müssen wir uns ihrer erwehren. Aber wenn wir Christen sind, müssen wir sie verstehen und leben, auch wenn sie Feinde des Evangeliums sind. Wir sind nicht unschuldig an der Tatsache, dass heute viele Menschen Kommunisten sind. Wir sind zumindest darin schuldig, dass wir unsere Pflicht nicht erfüllt haben. Über all das müssen wir Buße tun und sie wirklich lieb haben, was etwas ganz anderes ist, als sie gern mögen. Und wir müssen für sie beten. Ich bin nicht so einfältig zu glauben, dass bloße Liebe das kommunistische Problem in der Welt lösen könnte. Ich würde auch nicht den staatlichen Behörden empfehlen, das Problem des Verbrechertums nur durch verzeihende Liebe zu lösen. Es muss auch Polizeigewalt geben und Richter und Strafanstalten für Verbrecher – nicht nur Pfarrer. Wenn Verbrecher nicht bereuen, müssen sie verwahrt werden. Es hieße das christliche Gebot der Liebe missverstehen, wenn man dem berechtigten politischen, wirtschaftlichen und geistigen Widerstand gegen die kommunistischen Gewaltherrscher in den Rücken fiele, wo doch offenkundig ist, dass sie vielfach nichts anders sind als Rechtsbrecher in einem internationalen Maßstab. Verbrecher stehlen Geld; sie stehlen ganze Länder. Aber jeder Christ, ob Pfarrer oder Gemeindeglied, muss sein Bestes tun, um den einzelnen Kommunisten zu Christus zu bringen – was für Böses er auch begangen haben mag – und auch ihre Opfer dürfen wir nicht vergessen. Für sie alle müssen wir beten mit barmherzigem Verstehen.

Bibeln, Evangelien werden dringend benötigt.u

Zm anderen können wir Christen helfen, wenn wir Bibeln und Bibelteile hinschicken. Es gibt Mittel und Wege, auf denen sie sicher in kommunistische Länder verschickt werden können. Seitdem ich aus Rumänien gekommen bin, habe ich viele hingeschickt, die unversehrt angekommen sind. Es gibt also Wege, sie zu befördern, wenn nur ihr, die freien Christen, diese Bibeln und Evangelien für eure Brüder und Schwestern der Untergrundkirche besorgen wollt. Als ich noch in Rumänien war, habe ich selber viele Bibeln erhalten, die auf ganz bestimmten Wegen hereingebracht worden waren. Mittel und Wege, sie hinzuschicken, sind also nicht die eigentliche Frage, sondern daß sie überhaupt erst beschafft werden. Sie werden verzweifelt benötigt. Tausende von Christen in Russland und in den Ostblockländern haben zwanzig oder gar fünfzig Jahre lang keine Bibel mehr gesehen. Zwei verschmutzte Dorfbewohner kamen eines Tages in meine Wohnung. Sie waren aus ihrem Dorf hierher gekommen, um den Winter über in der Stadt den Schnee wegzuschaufeln in der Hoffnung, mit dem verdienten Geld eine alte Bibel zu kaufen und sie mit in ihr Dorf zu bringen. Da ich gerade Bibeln aus Amerika bekommen hatte, war ich in der Lage, ihnen eine neue Bibel, keine mit fliegenden Blättern zu geben. Sie trauten ihren Augen nicht. Sie wollten sie mir mit dem Geld bezahlen, das sie sich beim Schneeschaufeln verdient hatten. Ich nahm ihr Geld nicht an. Mit ihrer Bibel eilten sie in ihr Dorf zurück. Ein paar Tage später erhielt ich einen Brief von so ungehemmter, überschäumender Freude, in dem sie sich noch einmal für die Heilige Schrift bedanken. Er war von dreißig Leuten aus dem Dorf unterschrieben. Sie hatten die Bibel sorgfältig in dreißig Teile geschnitten und tauschten nun die einzelnen Teile unter sich aus. Es rührt einem ans Herz, wenn man einen Russen um eine Seite aus der Bibel bitten hört. Er gehört zu denen, die ihre Seele damit nähren. Sie sind glücklich, wenn sie eine Kuh oder eine Ziege gegen eine Bibel tauschen können. Einer, den ich kannte, gab seinen Trauring her, um ein zerknautschtes Neues Testament dafür zu erstehen. Die Kinder bei uns haben noch nie eine Weihnachtskarte gesehen. Wenn sie eine bekämen, würden sich alle die anderen Kinder um sie scharen, und irgendein alter Mann aus dem Dorf müsste ihnen die Sache mit dem Jesuskind und der Heiligen Jungfrau erklären, und wie von daher die Erlösung der Menschen ihren Anfang nahm. Und das ganze … wegen einer einzigen Weihnachtskarte. Wir könnten aber weit mehr tun, könnten Bibeln, Evangelien und christliche Literatur hinschicken. Hier öffnen sich Wege, die begangen werden können. Als drittes müssen wir ganz spezielle Literatur drucken und versenden, mit der dem atheistischen Gift entgegengewirkt werden kann, das vom Kindergarten bis zur Universität der Jugend eingeflößt wird. Die Kommunisten haben alles bereit. Sie haben einen „Führer für Atheisten", die „Bibel" der Atheisten. Der Unterricht ist methodisch aufgebaut. Zunächst werden den Kleinen im Kindergarten ganz einfache Sprüche mitgegeben. Wenn sie dann heranwachsen, sind die Leitsätze aus dem atheistischen „Führer" ausführlicher. Diese „Bibel des Bösen" folgt jedem Kind auf jeder Stufe seiner Entwicklung und vergiftet sein Denken die ganze Zeit über. Die christliche Welt hat noch keine Antwort auf den „Führer für Atheisten" gegeben. Hier können und müssen wir die christliche Antwort auf diese vergiftenden atheistischen Lehren geben und sie dorthin schicken.  Wir müssen das unverzüglich tun, denn die Untergrundkirche selber hat nicht die Möglichkeit, der atheistischen Verführung der Jugend entsprechende Literatur entgegenzusetzen. Die Kirche in der Unterdrückung steht gleichsam mit auf den Rücken gebundenen Händen da und wartet auf eine solche Darstellung in den verschiedenen Sprachen des Ostblocks. Und unsere Jugend wartet ebenfalls auf diese Antwort – eine Antwort von Gott her, von Christus aus, von den Christen! Das wäre eine große Möglichkeit der Hilfe: ein christliches Gegenstück zum „Führer für Gottesleugner", als illustriertes Jugendbuch und auch als Kinderfibel. Das vierte, was zu tun wäre, besteht darin, den Gliedern der unterdrückten Kirche die Hand zu reichen und sie ganz praktisch mit den finanziellen Mitteln auszurüsten, die sie brauchen, damit sie durchs Land reisen können und Mission treiben von Mann zu Mann. Gerade in dieser Hinsicht sind augenblicklich so viele „angekettet", weil sie einfach, das Geld nicht haben für einen solchen Reisedienst, für die Eisenbahnfahrten, die Busfahrten, die Reiseverpflegung.

Sie liegen gleichsam gestrandet da, unfähig für einen beweglichen Dienst, während bloß zwanzig, dreißig Kilometer weiter die Menschen vergeblich nach ihnen rufen zu einem Dienst am Evangelium. Schon mit fünfzig bis hundert Mark im Monat können wir sie „losketten", damit sie hinausziehen können und die vielen Hilferufe mit Gottes Wort beantworten können. Die ehemaligen Pfarrer, die um ihres Glaubens willen im Gefängnis waren, haben eine durchdringende Botschaft und eine brennende Liebe für die Verlorenen, sie haben nur die Mittel nicht, um diese Liebe und diese Botschaft in die Städte und Dörfer zu bringen. Und nur wenige Mark im Monat gäben ihnen die Mittel dazu an die Hand. Auch die zahlreichen Laienbrüder und -schwestern brauchen Hilfe. Als Christen verdienen sie kaum so viel, um überleben zu können, so dass nichts mehr übrig bleibt, womit sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt mit dem Evangelium ziehen können. Hier könnten fünfzig bis hundert Mark im Monat „Wunder" wirken. Die Pfarrer der staatlich genehmigten Kirchen, die daneben unter großem Risiko einen geheimen Dienst versehen, müssen für solche Zwecke ebenfalls besondere Mittel erhalten. Ihr „Gehalt", das von den kommunistischen Behörden festgesetzt wird, ist äußerst gering bemessen. Der gute Wille dieser Pfarrer, ihre Freiheit aufs Spiel zu setzen, wenn sie die staatlichen Vorschriften umgehen und Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in geheimen Versammlungen die Botschaft von Jesus Christus bringen, reicht allein noch nicht aus. Auch sie brauchen Mittel, um ihren segensreichen Dienst im Verborgenen auszuführen. Ich kann nur wiederholen, dass fünfzig oder hundert Mark im Monat ein solches Mitglied der Untergrundkirche schon in die Lage versetzen würde, das Evangelium wirkungsvoll auszubreiten. Das wäre eine wesentliche Hilfe für die unterdrückte Kirche im Untergrund. Und schließlich müssen wir das Evangelium durchs Radio in die kommunistischen Länder senden. Von den Rundfunksendern der freien Welt aus können wir die leidende, unterdrückte Kirche geistlich am Leben erhalten und mit dem Brot des Lebens versorgen. Da die kommunistischen Regierungen selber über ihre Kurzwellensender ihre eigenen Staatsbürger propagandistisch erreichen wollen, haben jetzt Abermillionen von Russen und Menschen der anderen versklavten Völker Radioapparate, mit denen sie auch christliche Sendungen empfangen können. So sind die Türen für den Evangeliums-Rundfunk in kommunistischen Ländern weit offen. Diese Arbeit muss erweitert werden. Aus diesen Sendungen bezieht die Untergrundkirche ihre geistliche Nahrung. Was wäre das für eine Hilfe für die unterdrückte Kirche hinter dem Eisernen Vorhang.

 

Die Tragödie der Familien verfolgter Christen

Wir müssen den Familien der um ihres Glaubens willen Verfolgten aus der Not helfen. Zehntausende solcher Familien leiden zurzeit auf unbeschreibliche Weise. Wenn ein Glied der Untergrundkirche ins Gefängnis kommt, trifft die Familie ein schreckliches Los. Es ist jedem gesetzlich verboten, einer solchen Familie zu helfen. Das ist wohlweislich so eingerichtet, um die Leiden der zurückgelassenen Frauen und Kinder zu vergrößern. Muss ein Christ ins Gefängnis gehen – sehr oft folgen dann Folter und Tod – dann fängt das eigentliche, Leiden der Familie erst an. Sie muss sich auf endlose Schikanen gefasst machen. Mein eigener Fall beweist die Tatsache, dass ich mit meiner Familie nicht überlebt hätte und euch diese Dinge jetzt nicht bezeugen könnte, wenn nicht treue Gemeindeglieder aus der freien Welt mir und den Meinen Hilfe geschickt hätten. Gerade jetzt ist wieder eine neue Welle von Massenverhaftungen und grausamem Terror gegen die Christen in Russland und auch anderswo angelaufen. Ununterbrochen schaffen sie neue Blutzeugen. Wenn diese Märtyrer auch selber zu ihrer Ruhe und Belohnung eingehen, so leben ihre Familien doch unter furchtbaren Bedingungen. Wir müssen ihnen einfach helfen, weil wir es noch können. Natürlich sollen wir auch den hungernden Indern und Afrikanern helfen. Aber wer verdient die Hilfe der Christen eher als die Familien derjenigen, die für ihren Herrn ihr Leben gegeben haben und die um ihres Glaubens gefoltert wurden? Seit meiner Freilassung hat die Christliche Europa-Mission den Familien verfolgter Christen schon beträchtliche Hilfe zukommen lassen. Aber alles, was getan worden ist, ist klein im Vergleich zu dem, was mit eurer aller Hilfe getan werden könnte. Als ein Glied dieser unterdrückten Kirche, das lebend herausgekommen ist, habe ich eine Botschaft, eine Aufforderung, einen Notschrei meiner zurückgebliebenen Brüder überbracht. Durch mich schicken sie diese Botschaft an euch. Und es ist ein Wunder, dass ich es tun kann.
Ich habe euch die Dringlichkeit vor Augen gestellt, der kommunistischen Welt Christus zu bringen. Ich habe auf die Notwendigkeit hingewiesen, den Familien der Verfolgten zu helfen. Und schließlich habe ich praktische Wege aufgezeigt, durch die ihr die Untergrundkirche in die Lage versetzen könnt, ihren Auftrag der Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen. Als man mich im Gefängnis auf die Fußsohlen schlug, schrie meine Zunge. Sie war nicht geschlagen worden. Sie schrie aber, weil Zunge und Füße Teile desselben Körpers sind. Ihr Christen im freien Teil der Welt seid Teil desselben Leibes Christi, der heute in kommunistischen Gefängnissen geschlagen wird, der jetzt die Blutzeugen Jesu Christi stellt. Fühlt ihr unsere Schmerzen nicht?
 Die Kirche der ersten Christen mit ihrer ganzen Schönheit, ihrem Opfersinn und ihrer Hingabe an Gott ist in den kommunistischen Ländern wieder zum Leben erwacht. Während unser Herr Jesus Christus im Garten Gethsemane im Todeskampf rang, waren Petrus, Jakobus und Johannes nur einen Steinwurf weit entfernt von dem größten Drama der Weltgeschichte – aber sie waren in tiefem Schlaf. Wie viel von eurer christlichen Sorge und Gebefreudigkeit ist wirklich auf eine Erleichterung des Loses der Märtyrerkirche gerichtet? Fragt einmal eure Pfarrer und Kirchenvorsteher, was in eurem Namen getan wird, um euren Glaubensbrüdern und ¬schwestern hinter dem Eisernen Vorhang zu helfen? Hinter dem Todesstreifen des Eisernen Vorhangs spielt sich tagtäglich das Drama des Heldenkampfes und des Opfergangs der ersten Christen ab – und die freie Kirche schläft. Unsere Brüder dort, obwohl allein gelassen und ohne materielle Hilfe, führen zur Zeit den größten und wagemutigsten Kampf des zwanzigsten Jahrhunderts, der dem Heldentum, der Standhaftigkeit und der Hingabe der frühen Kirche nicht nachsteht. Und die freie Kirche hier im Westen schläft weiter, unbeeindruckt von ihrem Ringen und ihrem Todeskampf, genau wie Petrus, Jakobus und Johannes im Augenblick des schwersten Kampfes ihres Heilands schliefen. Wollt auch ihr schlafen, während die leidende Kirche, eure Brüder in Christo, ganz allein für das Evangelium leiden und kämpfen? Werdet ihr auf unsere Botschaft hören?: „Denkt an uns! Helft uns! Lasst uns nicht im Stich!" Hiermit habe ich mich der Botschaft von der ihrem Herrn treuen, verfolgten,
unterdrückten Kirche im Untergrund der kommunistischen Länder entledigt – der Botschaft von euren Brüdern und Schwestern, die in den Banden des atheistischen Kommunismus für ihren Herrn dulden.

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Johannes Krikowski Wer macht die Götter? Atheismus – Materialismus – Christlicher Glaube 96 Seiten, kart. (Aussaat-Bücherei Band 13) Der Verfasser, 1951 als Zwanzigjähriger in Greifswald verhaftet und zu 25 Jahren Freiheitsentzug wegen „antisowjetischer Propaganda und illegaler Gruppenbildung" verurteilt, nach Workuta (UdSSR) ins Bergwerk deportiert und nach vier Jahren vorzeitig entlassen, schreibt im Vorwort: Haben wir als Christen dieser Auseinandersetzung zu wenig Raum gegeben? Sind wir der Meinung, dass es nicht lohnt, sich mit dem Atheismus auseinanderzusetzen? Ist doch unser Reich nicht von dieser Welt. Weil jedoch der historische und dialektische Materialismus — und von dieser Anschauung, die sich selber Götter macht, soll hier die Rede sein – über Religion und Glauben, über Christus und Heilige Schrift Stellung nimmt, müssen auch wir als Christen Stellung beziehen. Dabei sollten wir unsere Schuld an dem Atheismus nicht leugnen und schon gar nicht ihn der östlichen und den christlichen Glauben der westlichen Welt zuordnen. Mitten durch unsere Welt, mitten durch unsere Herzen geht der Atheismus, geht die Sünde hindurch. Das zu erkennen und anzuerkennen, möchte die Aufgabe dieser Schrift sein. Erst aus der Klarheit unseres Glaubens und aus der Erkenntnis der Liebe Christi heraus werden wir dem Atheismus eine Antwort geben können. Die nachfolgende Leseprobe ist dem Schlusskapitel entnommen: Wenn wir die Kommunisten und Atheisten hassen, lieben wir Christus nicht. Freilich, aus unserer eigenen Liebe können wir sie nicht lieben. Diese Liebe — diese Agape — muß uns geschenkt werden. Unsere eigene Liebe ist egoistisch; sie liebt den anderen aus purer Eigenliebe. Die Liebe Christi liebt den Menschen als Geschöpf Gottes, nicht wegen seiner Sünde. Die Liebe Christi lebt den anderen gerade um dessentwillen, was der andere nicht hat. Die Liebe Christi ist selbstlos, sie sieht von sich ab und weist auf Christus hin. Welche Haltung soll und muss ein Christ einnehmen, wenn von ihm ein marxistisches Bekenntnis abverlangt wird?

Jede Situation wird natürlich eine andere sein, und darum kann es auch keine Pauschalantwort geben. Der Christ wird aber niemals in ein Antidenken verfallen können. Jesus Christus hat niemals seine Feinde gehasst. Er ist für sie eingetreten und ist für sie gestorben. Ja, gerade um seine Feinde ging es ihm in seinem Heilshandeln, um seiner Feinde willen ist er ja gestorben. Er wurde nicht als Folge seines Hasses gegen seine Feinde gekreuzigt. Er hing am Kreuz aus Liebe für seine Feinde. So können die Christen letzten Endes auch nur Boten für ihre Feinde sein. Wir sind Boten Jesu. Die Christen haben also nicht ihren eigenen Auftrag zu erfüllen, sondern den Auftrag von Jesus Christus. Weil es so ist und weil es so verheißen ist, wird er uns auch zur passenden Zeit das passende Wort in den Mund legen. Wir dürfen ihm vertrauen, denn wir dürfen nicht vergessen, dass auch diese gottlose Welt Gott anvertraut ist und ihm unterliegt. Die marxistisch-atheistische Welt ist also einzig und allein mit den Augen der Heiligen Schrift zu verstehen. Wir Christen werden die Marxisten so sehen müssen, dass uns weder von Ost noch West ein Lob zuteil wird. Wir werden von Marx gefragt, ob wir in diesem Raum Christus und seine Botschaft bezeugt haben, d. h. ob wir auf seine Herrschaft zugehen. Er gebraucht uns – sein Volk, die Atheisten zu retten. Er will, dass keiner verloren gehe. Das allein ist die Bezeugung in der nichtchristlichen Welt. Besitzen wir diese durchbrechende Kraft des Evangeliums? Stehen wir vielleicht gar auf tönernen Füßen und sind damit dem Untergang geweiht? Wir brauchen vor einer gottlosen Welt keine Angst zu haben, wohl aber vor einer gottlosen und ungläubig gewordenen Kirche, ist einmal gesagt worden. Warum können, dürfen und sollen wir den Mut haben, mit unserem Evangelium den Marxisten-Materialisten gegenüberzutreten? Unser Evangelium enthält Gottes Kraft. Das Evangelium der Materialisten ist Menschenwerk. Wenn die Marxisten meinen, mit ihrem Evangelium Gott zu stürzen, so dürfen wir ganz getrost sein, denn der Herr, der im Himmel wohnt, lacht und spottet ihrer.  Was ist das doch für eine ärmliche Lehre, die lehrt, dass christlicher Glaube zum überbau gehört und dass die kommunistische Basis diesen überbau eliminiert. Viele Funktionäre, die ernsten Christen begegneten, merkten, dass ihre „Lehre" Schall und Rauch war. Als ob mit diesem marxistischen Dogma der Gehorsam und der Glaube gegen unseren Herrn und Heiland gekennzeichnet würde. Es wurde schon gesagt, dass der Materialismus ein Christusbild entwickelt hat, das
mit dem von Gottes Geist gezeigten Sohn überhaupt nichts zu tun hat. Der Materialismus konstruiert ein verzerrtes Gottesbild, und er hat deshalb keinen Grund, den in der Bibel geoffenbarten Gott abzulehnen. Wer macht die Götter? So lautet der Titel dieses Büchleins. Haben wir nicht miterleben können, wie gerade die Menschen, die Gott leugnen, selber Götzen verfallen sind und, wie Feuerbach – hier zu Recht – sagt, sich selber Götzen machten? Statt:
Gott = Partei Paradies = klassenlose, kommunistische Gesellschaft  Glaube = Parteidoktrin Bekehrung = Kritik und Selbstkritik Sünde = Verrat an der Arbeiterklasse (Partei) Gericht = Liquidation
Es gilt, diesen Göttern den alleinigen, wahrhaftigen und lebendigen Gott zu bezeugen. Viele Materialisten, die einem aus dem Glauben lebenden Christen begegnet sind, spürten bald, dass Jesus Christus leibhaftig in diesem Menschen wirkt. Sie kamen nicht umhin, ihm ihre Achtung zu bezeugen. Aber gleichzeitig standen sie hilflos diesen Christen gegenüber; denn ihre Lehre von Überbau und Unterbau war zerschellt. Die Kraft des Herrn überwindet alle menschlichen Kräfte. Ist das nicht ein Zeugnis unseres Herrn, der gesagt hat: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Matthäus 28, 20). Christlicher Glaube ist immer ein Zeugendienst. Dieser Zeugendienst ist gleichzeitig ein Martyrium, das jedoch die Zusage unseres Herrn und Heilands hat.

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