Fritz Bodelschwingh

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Wilhelm Hesemann

Friedrich von Bodelschwingh, der Sohn des Gründers von Bethel

Am 8. Januar 1946 wurde Pastor Friedrich von Bodelschwingh auf dem Friedhof von Bethel bei Bielefeld beigesetzt. Die Kranken der Anstalt Bethel standen an diesem nasskalten Tag an den Straßen und ließen in tiefem Schweigen den Sarg an sich vorüberziehen – in Fahrstühlen sitzend, gestützt, eine Gemeinde der Ärmsten, die einen »Bruder« verloren hatte.
Frau von Bodelschwingh schreibt über den Heimgang dieses Zeugen Jesu Folgendes: »In den Morgenstunden des 4. Januars wollte ich ihn warmen Tee trinken lassen, legte seinen Kopf in meinen Arm, um das Trinken mit dem Löffel bequemer zu machen. Da sah ich in seinen Augen, wie die merkwürdige Abholung geschah. Ohne irgendeinen Ton, ohne irgendein Schmerzenszeichen. Tiefste Stille, das Gesicht lauter Zufriedenheit. Mir war kein Zweifel, dass Gottes Befehle geschahen. Das Reich der Engel um uns. Ich glaube, ich bilde es mir nicht ein, dass eine große Überraschung da war. Diese Überraschung war herrliche, selige Freude für uns beide, und dies ist mir geblieben als ein echtes Stück – ich wage zu sagen: >Freude, Freude über Freude, Christus wehret allem Leide< – irgendeine mächtige Erfüllung! Es war vier Uhr morgens. Mittags läuteten alle Bielefelder Glocken. Abends kam die erschrockene und sehr trauernde Gemeinde im Assapheum zusammen. Im Sitzungszimmer vor großen Weihnachtsbäumen war der Sarg feierlich aufgebahrt, und mehrere Tage konnten die Scharen der Kranken vorüberziehen und Abschied nehmen. Kinder kamen und gingen, und von morgens bis abends erscholl durchs Haus ein Lieblingslied nach dem anderen und immer wieder der Vers von der Krippe: >Aus tausend Traurigkeiten gehn wir zur Krippe still, das Kind der Ewigkeiten uns alle trösten will.<« (Das Lied von Pastor Friedrich von Bodelschwingh).
Auch wenn seit dem Heimgang dieses Zeugen Jesu erst gut sechzig Jahre vergangen sind, werden viele Christen nicht wissen, wer denn dieser Pastor Friedrich von Bodelschwingh war. Die Bethel-Gemeinde nannte ihn »Pastor Fritz«, oder, was noch vertrauter war, »unser Pastor Fritz«, wie es auch vorwiegend die Kranken der Anstalt sagten. Er war das achte Kind der Familie. Seine Eltern verloren im Januar 1869 in nur 13 Tagen alle vier bis dahin geborenen Kinder. Man lese einmal darüber das Heftchen »Vom Leben und Sterben vier seliger Kinder«, das der Vater Bodelschwingh schrieb. Es sind Trostworte für Angefochtene, deren Angehörige heimgingen. Gott aber schenkte den Eltern danach wieder vier Kinder, von denen Pastor Fritz das jüngste war. Er wurde am 14. August 1877 in Bethel geboren, hier verlebte er auch seine Kindheit, über die er seiner Schwester Frieda zum Geburtstag seine Erinnerungen aufschrieb. Dieses Büchlein »Aus einer hellen Kinderzeit« ist leider nur noch antiquarisch zu bekommen. Die Schulzeit verbrachte er in Bielefeld, danach studierte er in Bonn, Basel, Tübingen, Greifswald und Göttingen. 1901 folgte er dem Ruf des Vaters, ihn in der stark gewachsenen Arbeit zu unterstützen.
Es kann hier kein umfangreiches Lebensbild folgen. Dennoch sollen herausragende Geschehnisse aus der Arbeit von Friedrich von Bodelschwingh jr. hier genannt werden. In der vorangegangenen Zeit hatte die Anstalt Bethel ein enormes Wachstum erfahren. Es wurden die beiden Krankenhäuser Gilead und Samaria und das Kinderkrankenhaus gebaut und an größeren Häusern für Epileptische und Gemütskranke die Häuser Kidron, Dothan, Kapernaum, Berseba, Mara, Hebron und Morija. Es gab eine ganze Reihe von Bethel-Stationen in der Nähe und in der Ferne. Nicht zu vergessen das Diakonissen-Mutterhaus Sarepta und das Brüderhaus Nazareth. Es galt Schulen, ja selbst eine Theologische Schule zu betreuen. Hier muss gesagt werden, dass letztere von dem Vater Bodelschwingh ins Leben gerufen wurde. Seine Begründung hierfür fasste er mit folgenden Worten zusammen: »Unaufhaltsam ergießt sich eine Flut glaubensloser und oft pietätloser Kritik von den theologischen Lehrstühlen unserer deutschen Hochschulen über unsere arme theologische Jugend und rüttelt an der Grundlage unseres Glaubens, nämlich an der Heiligen Schrift. Viele junge Theologen ziehen fröhlich im Glauben auf die Universität und kommen mit gebrochenem Glauben zurück. Es schreien viele Vater- und Muttertränen gegen solche grausamen Seelenhirten auf evangelischen Lehrstühlen. Ich würde doch viel lieber Steine klopfen als solche Arbeit treiben. Wer zwingt die Leute zu solchem grausamen Dienst? Um Glauben kämpfende, um Gewissheit ringende, wissenschaftlich fleißige und gründliche, nicht fertige, aber immer tiefer in die Wahrheit eindringende Männer der Schule kann ich gut leiden; aber nicht solche, die ihre leichtfertigen Zweifel und hoffärtigen Fündlein als sichere Resultate der Wissenschaft ihren Schülern darbieten. Diese Männer stehen sicher nicht auf des Heilands Wort Johannes 7,17: >So jemand will des Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei oder ob ich von mir selbst rede.< Martin Boos, Goßners Freund, der bekanntlich bis zu seinem Tod seiner Kirche treu und katholischer Priester blieb, schrieb einmal in einem seiner letzten Briefe: »Es ärgert mich vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, dass sie dem Evangelium so feindlich ist. So möchte ich vielmehr von der evangelischen Kirche sagen: Es ärgert mich vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, dass sie solche Feinde des Evangeliums auf den theologischen Hochschulen sitzen hat…« Was würde dieser treue Zeuge des Evangeliums zu der derzeitigen Situation an Hochschulen und in der evangelischen Kirche wohl sagen? Eine Antwort darauf erübrigt sich.
Alle diese Einrichtungen der Anstalt Bethel und darüber hinaus noch unzählig viele andere Aufgaben innerhalb dieses großen Werkes galt es nach dem Heimgang des Vaters 1910, also mit knapp 33 Jahren zu übernehmen. Schon der Erste Weltkrieg verlangte von Bethel eine fast unmögliche Aufgabe, nämlich an die 30 000 Kriegsverwundete aufzunehmen und zu pflegen. Aber dann die unsagbar große Not nach diesem für Deutschland verlorenen Krieg. Es waren die Auswirkungen der Revolution, der Inflation und der großen Arbeitslosigkeit, der Mangel an Nahrungsmitteln. All das bekam Bethel in besonderer Weise zu spüren. Woher die Mittel nehmen, um all die Aufgaben zu erfüllen, denn die Not der Menschen war unsäglich groß.4 Dabei musste doch auch die Arbeit an den Kranken und die Pflege der Epileptischen weitergehen. Man vergesse nicht, dass Bodelschwingh nicht nur die organisatorische Leitung für Bethel zu verantworten hatte, er war auch der Pfarrer und Seelsorger dieser »Stadt der Barmherzigkeit«, und gerade diese Aufgabe lag ihm besonders am Herzen. Mit welcher Treue versah er seine Aufgabe an den epileptischen Kindern in Patmos, sie war ihm sehr an das Herz gewachsen.
Seine Gabe des Erzählens kam besonders in dem regelmäßig erscheinenden »Boten von Bethel« zum Ausdruck, hiermit gewann er durch die Schilderung aus dem Leben der Kranken viele Freunde für die vielfältigen Aufgaben dieses großen Werkes. An dieser Stelle sei schon erwähnt, dass in der Nacht vom 18. auf den 19. September 1940 die ersten Bomben auf Bethel fielen. Insgesamt ist Bethel elfmal bombardiert worden, 53 Menschen fanden dabei den Tod.
Es sollte aber noch schwerer kommen durch die Bedrohung der in Bethel lebenden Kranken von Seiten der Nationalsozialisten, aber auch durch die Gefahr für ihn selbst. All das raubte ihm die Kräfte an Leib und Seele in einer solchen Weise, dass Gott in seiner Vatertreue ihn nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges so zu sich nahm, wie wir es am Anfang dieses Berichtes lesen.
Seit 1940 erfuhren Bodelschwingh und Pfarrer Paul Braune, der Leiter der Bethel-Anstalten in Lobetal bei Berlin gerüchteweise, dass die Nationalsozialisten hin und her in Deutschland aus christlichen und anderen Anstalten Kranke abholten. Man brachte sie in staatliche Anstalten, wo sie nach relativ kurzer Zeit verstarben. Die Angehörigen bekamen darüber brieflichen Bescheid. Der Text dieser Benachrichtigung war inhaltlich fast immer gleichlautend: »Der Angehörige sei leider an Grippe erkrankt, trotz ärztlichen Bemühens nicht zu retten gewesen und schon – wegen Seuchengefahr – eingeäschert.« Nun begann für die beiden Pfarrer ein außerordentlich schwerer Kampf mit den Behörden des Staates. Sie gingen im Mai und Juni 1940 zu vier Ministern nach Berlin, um mit ihnen Wege der Abhilfe bei den entscheidenden Stellen zu beraten. Der Verdacht hatte sich bestätigt, die Heil- und Pflegeanstalten im nationalsozialistischen Staat waren zu Orten systematischer und planmäßiger Tötung der Kranken geworden. Danach unterbreiteten die beiden Männer, begleitet von Professor Sauerbruch, Reichsjustizminister Gürtner das ihnen bekannte Material. Dieser äußerte: »Es ist für einen Reichsjustizminister eine fatale Angelegenheit, wenn ihm von glaubwürdigster Seite gesagt wird: >In deinem Reich wird am laufenden Band gemordet, und du weißt nichts davon! <«
Pfarrer Braune verfasste über die gesammelten Fakten eine Denkschrift, die am 9. Juli 1940 zu Händen Adolf Hitlers in der Reichskanzlei überreicht wurde. Am 12. August wurde Pfarrer Braune verhaftet und erst nach 14 Tagen vernommen. Eine zweite Vernehmung fand erst nach weiteren 50 Tagen statt. Bis zum 31. Oktober hielt man Braune in der Schutzhaft fest. Bodelschwingh aber führte während der Haftzeit von Pfarrer Braune die Verhandlungen weiter und versuchte, Einfluss auf Verantwortliche zu gewinnen, um das grauenvolle Morden der Kranken zu verhindern. In ei nem Brief vom 6. Januar 1941 an Hermann Göring verwahrte er sich gegen die »Ausmerzung lebensunwerten Lebens«, wie das die Nazis nannten. Das hatte zur Folge, dass der Leibarzt Hitlers, Professor Dr. Brandt, sich mit Bodelschwingh in Verbindung setzen musste. Dieser Mann war persönlich von Hitler mit der Durchführung der Tötungsaktion beauftragt. Vor dessen Eintreffen aber erschien bereits eine Ärztekommission in Bethel, um die Krankengeschichten zu studieren und die vom Staat angefertigten Formulare auszufüllen, weil man sich in Bethel weigerte, diese Arbeit zu verrichten. Bodelschwingh trat der Kommission tapfer entgegen und rang mit Professor Brandt in einem langen Gespräch um Leben und Tod der Kranken von Bethel. Über die Auswirkung dieses Gespräches gibt es drei Überlieferungen – so charakteristisch, dass man sie am besten nebeneinander stellt. Professor Brandt sagte später in einem Schlusswort im »Nürnberger Prozess«, in dem er zum Tode verurteilt wurde: »Bodelschwingh habe zum Schluss gesagt: >Das war der schwerste Kampf in meinem Leben.<« Mündlich wird berichtet, dass Bodelschwingh am Nachmittag dieses Tages heiter und gelassen in die Bethelkanzlei gekommen sei und lächelnd gesagt habe: »Er hat mich für einen ganz passablen Mann gehalten.« Frieda von Bodelschwingh, die Schwester des Bethel-Pfarrers, berichtet von dem Abend dieses Tages: »Ganz erschöpft saß Bruder Fritz da. Als ich ihn fragte, was der epileptische Otto, der stundenlang vor der Studierstube ausgeharrt hatte, gewollt habe, sagte Fritz: Er hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: Ich wollte nur sagen: Wir stehen alle hinter Ihnen.« Durch diese drei Überlieferungen wird die Situation beleuchtet: Zwei Männer hatten im Gespräch erkannt, dass einer dem andern ein ernst zu nehmender Gegner war. Hinter dem einen stand der Befehl des »Führers« und auch der eigene Wille, durch Vernichtung des Kranken die deutschen Menschen weiterzuführen zu Kraft und Schönheit; hinter dem andern die betende Gemeinde der Kranken. In einem Gespräch in Berlin am 13. Februar 1942 gesteht Brandt: Er müsse immer an die schwerkranken Kinder denken, besonders an das Kind mit dem Wasserkopf in Patmos. »Ich berichtete ihm« – so in einer Stenogrammnotiz Bodelschwinghs, »wie gerade diese kleine Margarete vielen Leuten etwas gegeben habe und gewesen sei und wie viele junge Mädchen in dieser Pflege Entscheidendes gelernt hätten für ihren Dienst an geistig gesunden Menschen«.
Im Laufe des Kampfes hat Bodelschwingh ein paar Mal angegeben, dass er für etwa 6300 Pfleglinge eintrete. Er dachte dabei ganz konkret an den »Otto« und an die »Margarete«, um die Namen nur beispielsweise zu nennen. Es ging bei ihm darum, diese Kranken ganz konkret vor der Vernichtung zu schützen.
In einem Brief an Professor Brandt schreibt Bodelschwingh u. a.: »Der Bestand des Staates hängt davon ab, wie er zu seinen leidenden Bürgern steht. Liebe und Achtung vor dem Leben des anderen haben ihre Wurzeln in Christus, dem >göttlichen Urgrund alles Lebens und aller Geschichte^ sie sind aber auch Lebensregeln für jedes Zusammenleben der Menschen untereinander. Wer sie verletzt, zerstört im eigentlichen Sinne des Wortes.«
Am 13. Februar 1942 haben die beiden Männer in der Wohnung von Brandt ausführlich über den Brief gesprochen. Brandt bestätigt, dass »der Brief sehr deutlich gewesen sei«. Es bleibt dabei – so die Aufzeichnung Bodelschwinghs -, »dass sein Standpunkt von dem meinen grundsätzlich unterschieden sei«. Brandt weist auf das Sterben in Stalingrad hin: »Demgegenüber sei alles andere Sterben klein.« Bodelschwingh dagegen umgekehrt: »Das Sterben der vielen jungen Menschen sei auch durch das Unrecht, das geschehen sei, mit verschuldet.«
Bodelschwingh lebte in all den Kämpfen dieser schweren Zeit von dem Wort, das für den nächsten Schritt Licht gab. Das aber lautete in dieser Zeit für ihn: Tritt für deine Kranken ein und habe auch deinen Gegner lieb. Eine solche Liebe war jedes Mal ein »Stück Sterben«. Die höchste Stufe der Gotteskindschaft, zu der Pastor Bodelschwingh aufrief, sah er in dem Wort: »Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.«
Die akute Bedrohung dauerte etwa bis 1943; offiziell hörte sie bis zum Kriegsende nicht auf. Bis zu diesem Tage wurde durch Gottes Bewahrung kein Kranker aus Bediel abgeholt. Allerdings konnte nicht verhindert werden, dass von 14 jüdischen Patienten sieben abgeholt und nach Wunstorf gebracht wurden. Sie wurden später von den Nazis umgebracht und waren die ersten Euthanasieopfer aus Westfalen. Die anderen sieben Personen konnten zunächst anderweitig untergebracht werden, konnten aber ihrem Schicksal nicht entgehen, in den meisten Fällen endete ihr Leben in Auschwitz.
Rückblickend darf gesagt werden, dass Friedrich von Bodelschwingh nicht die Kämpfernatur war. Ein Zeitgenosse sagte von ihm, dass sein Herz nicht für den Kampf brannte, sondern dafür, dass Gottes Reich komme und Gottes Wort laufe. Er war auch deshalb kein Kämpfer, weil er selbst nie in Gegnerschaft zu seinen Gegnern trat. Auch im vertrautesten Kreis kam kein verächtliches Wort über die Gegner von seinen Lippen. Sein eigentliches Anliegen war, sie für die Wahrheit zu gewinnen. Sein Herz brannte dafür, dass das Evangelium unverfälscht und unverkürzt gepredigt würde, dass die Liebestat der Kirche ein Zeugnis bleibe von der großen Liebestat Gottes in Jesus Christus. Wo immer Gefahren gegen diese Anliegen auftraten, da war er als treuer Wächter auf dem Plan. Er war ein Schüler Schlatters. Das Horchen auf den biblischen Zusammenhang, das Beobachten der biblischen Ausdrücke bis in feine Einzelheiten ging ihm über alles.
Abschließend ein Bericht, der uns erlaubt, einen tiefen Blick in sein barmherziges Herz zu tun. Hier kann man vollends erkennen, wer Pastor Friedrich von Bodelschwingh war, in wessen Dienst er stand und was ihm wichtig war. Rea Ku-lenkampf war Ärztin und Diakonisse, sie leitete das Haus Patmos in Bethel, in dem kranke Kinder betreut wurden. Sie schildert in dem Büchlein »Unser Pastor Fritz« folgende Begebenheit:
»Herrn Pastors Freund war unser Fritz. Fritzchen war so verkrüppelt und gelähmt, dass er zeitlebens nicht mehr konnte als auf einer Seite im Bett liegen, nur die dünnen Ärmchen bewegen und ein >Ja< und >Nein< hervorbringen. Aber er war ein Charakter und ein kleiner König und bei aller Schwachheit, auch des Geistes, dennoch voll innerer Lebendigkeit und Originalität. Die Freundschaft mit seinem großen Namensbruder machte ihn stolz und glücklich. Wenn er Pastor Fritz’s Schritt auf der Straße kommen hörte, gerieten seine Arme in ausfahrende Zappelbewegungen; er schrie und jauchzte. Und dies Strahlen und Lachen, wenn Herr Pastor dann da war und an seinem Bett saß! Dann musste er den Kopf tief in Fritzchens Kissen vergraben, damit der ihn mit seinen schwachen Händchen streicheln konnte. Dann fing eine Unterhaltung zwischen den beiden an, von der ich nie etwas habe verstehen können, die aber überaus lebhaft war; und die gewiss immer voller wunderbarer Dinge und Gedanken gewesen sein muss. Denn beide waren dabei so glücklich und fröhlich, als wären sie ganz allein in einer wunderschönen Welt.
Der Höhepunkt des Jahres war für Fritz der Geburtstagsbesuch bei Herrn Pastor. Er wurde dann auf einer Matratze in ein Auto gepackt und in Bodelschwinghs Garten auf dem Basen gelagert. Wie konnte sich dies armselige Kind dann so unbeschreiblich freuen! Und wie stolz war er, wenn Herr Pastor das Geld, das Fritz für ihn gesammelt hatte, Groschen für Groschen zählte, als habe er weiter nichts zu tun, als mit seinem kleinen Freunde zu feiern.
Als Fritzchens letzte Krankheit kam, besuchte Herr Pastor ihn täglich und bereitete seinen Geist, der trotz allen Elendes leidenschaftlich am Leben hing, auf den Heimweg vor. Es war nachmittags, als Fritzchen auf seine Frage, ob er nun bereit und fröhlich sei, wenn der Heiland kommen und ihn zu sich holen würde, mit einem klaren >Ja< antwortete. Abends gegen zehn Uhr kam Herr Pastor noch einmal wieder, um Abschied zu nehmen. – Bewegt stand er am nächsten Tage am Totenbett seines jungen Freundes, – eines Kindes, das in der Welt nichts galt, dem Pastor Fritz aber ein Stück seines Herzens geschenkt und ihm das Leben mit Licht und Liebe überstrahlt hatte!«
Hier offenbarte sich in besonderer Weise an Friedrich von Bodelschwingh das Leben eines rechten Seelsorgers und Hirten, der im Dienst seines Herrn steht, nach den Worten aus dem »Messias« von Georg Friedrich Händel: »Er weidet seine Herde, dem Hirten gleich, und heget seine Lämmer so sanft in seinem Arm. Er nimmt sie mit Erbarmen auf in seinen Schoß und leitet sanft, die in Nöten sind« (vgl. Jesaja 40,10).
»Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach« (Hebräer 13,7).

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