Evangelium-modern u. verfügbar

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Gerhard Naujokat

 

Evangelium modern und verfügbar

 

Zur heutigen Vermarktung des „Wortes“

Die Gemeinde Jesu lebt vom verkündigten, geglaubten und praktizierten Wort des Evangeliums. Das ist ihre Nahrung und ihre Hoffnung. Daran hält sie sich, denn es ist ihr Brot des Lebens und ihr Ziel des Glaubens.

Manchmal liegen Erfreuliches und Ängstigendes eng beieinander. Einerseits ist es paulinisch, wenn das Evangelium in der Gemeinde Jesu klar verkündigt wird, gleich in welcher Art und Form. Hauptsache, Christus wird gepredigt. Andererseits ist aufmerksame Wachsamkeit geboten, da sich Irrlehren, Sektierer, schwarmgeistige Bewegungen und andere Verfälschungen einschleichen können.

Der Drang zum „Modernen“ liegt immer in der Luft, auch im Bereich der Verkündigung. Modern ist gefragt. Aber wie nahe liegt modern an modern. Die Betonung der ersten oder zweiten Silbe verändert total den Inhalt. Wie schnell kann Modernes faulen und modern. Das Evangelium ist daher nicht für jede Modernisierung geeignet und dafür gegeben. Die derzeit neuen Bibelübertragungen, die publiziert wurden, sind Beispiele dafür.

Je notvoller die Situation in Verbänden und Werken wird, je stärker die Austritte und Irrwege in den Kirchen beklagt werden, je mehr Menschen allem Frommem den Rücken kehren und dergleichen als altmodisch belächeln, um so vehementer ruft man nach einer Modernisierung der christlichen Botschaft und der kirchlichen Verkündigung. Man brauche Marketing und Management, benötige kreative Ideen, alles müsse multimedial angelegt werden, sonst könne die Gemeinde nicht angemessen und formgerecht in das dritte Jahrtausend hineinwachsen. Es gäbe sonst keine Zukunft für die Formierungen des Christentums. Die richtigen Funktionäre an der rechten Stelle zur jetzigen Zeit und mit gläubigem Herzen würden das Können aufbringen, den christlichen Karren wieder in Bewegung zu setzen und zu gesellschaftspolitischem Ansehen zu bringen. Ein Machtfaktor wäre dabei wichtig, um auch politischen Strömungen entgegenhalten zu können. Die Fäden wären auf allen Ebenen und in alle Richtungen zu ziehen und möglichst eine Konzentration von Verbänden und Kirchen zu erreichen, die einen Teil ihrer Eigenständigkeit unter- und zuordnen müssten im Rahmen eines dachartigen Systems. Das zu managen und funktionsgerecht zu gestalten wäre nötig und möglich. Hinsichtlich ihrer Funktionäre gleicht sich inzwischen vieles in Kirche, Gesellschaft und Industrie.

Evangelium richtig vermarkten?

Natürlich geschähe alles um des Evangeliums willen. Das Wort Gottes bilde den Mittelpunkt, müsse aber sachkundig vermarktet werden, damit es die Hörer intensiver und dauerhaft erreiche. Und das sei eben das bisherige Dilemma: die laue und unzureichende, manchmal politisch gefärbte Verkündigung. Die Kernstücke wie die Bergpredigt und die Zehn Gebote wären wässerig geworden, auch das Glaubensbekenntnis verblasst. Alles müsse werblich aufbereitet und mit möglichst viel Show und Pop unter die Leute gebracht werden. Zwar sollten es auch wortgetreue Prediger und zündende Verkündiger sein, aber vor allem müsse es so etwas wie eine geistliche Vitaminspritze geben, die richtig Spaß bringt und herausfordert. Der Gottesdienst müsse zum Happening werden und die Kirche zum multimedialen Versandunternehmen. E-Mail und Internet verstehen sich von selbst. Und an die Stelle des direkten Dienstes am Menschen tritt der Service auf allen Kanälen. Dabei seien Sound- und Software-Freaks so wichtig.

Alles online?

Man muss die Sorge teilen, dass diese Entpersönlichung des Evangeliums zu einer Art Selbstvernichtung führt. Man sucht sich passende, anscheinend notwendige Formen, weil diese beim modern gefächerten Menschen ankommen und presst einen Teil des Evangeliums in diesen meist technischen Mantel hinein. Werden Gottesdienste und Hausbesuche des Pfarrers durch Hotline und Online ersetzt? Werden die eigentlichen Kraftquellen des Evangeliums, Hoffnung, Trost, Zuspruch, Beichte, Buße, Vergebung, Gemeinschaft in Wort und Sakrament demnächst durch diese Art ratloser Kommunikation verdrängt und die seelsorgerliche Verantwortung durch ein routiniertes Management ersetzt? Die Substanz der biblischen Botschaft wäre dann verloren. Der Himmel bewahre uns davor!

„Verkündigung“ befindet sich durchaus von Zeit zu Zeit in Stil und Form im Wandlungsprozess. Die Form ist noch nicht der Inhalt. Aber Vorsicht und Weisheit sind angesagt: Mit der Form ändert sich nicht selten der Inhalt!

Tempo, Tempo?

Der Hektik scheinen ebenfalls keine Grenzen gesetzt. Alles muss schnell umgesetzt werden, die „Basis“ soll per Zuruf oder Fax reagieren, Rekordpläne müssen umgehend vorankommen, und alles muss Supereffekte haben. Die Generation der Drängenden marschiert. Ist das eine Generationsfrage? Dorothea Hille hat in „idea“ das Thema auf den Punkt gebracht: „Heilige gehen, Eilige kommen.“ Sie schreibt dazu treffend: „Die Heiligen haben abge¬nommen, aber die Eiligen werden mehr: die mit den schnellen Konzepten und Plänen, die schon morgen greifen sollen. Die Sache des Königs ist eilig – ja, aber seine Boten sieht man vor lauter Hetze nur noch von hinten.“ Es sind nicht die eigentlich Jungen, die Unruhe, Ungeduld und Schnellstware produzieren, sondern die „Halbalten“ und eigentlich schon „Gestandenen“. Man weiß nicht recht weshalb. Eine Art Torschlusspanik, geistlich oder organisatorisch nicht mehr zeitig genug zum Zuge zu kommen? Sieht man Felle davonschwimmen und möchte die Richtung ändern und sich selbst schneller ins Spiel bringen? Alles oft mit eminentem Krafteinsatz.

“Fast Food“ – Evangelium?

Der neue religiöse Funktionär ist tüchtig und einsatzfähig, strapazierbar und gesellschaftspolitisch auf dem Laufenden. Er arbeitet an einem stromlinienförmigen Evangelium, das eingängig und mundgerecht ist.
„Fast food“ nannte das ein Zeitgenosse und gab zu bedenken, dass damit die tiefen Wahrheiten der Bibel nicht erfasst wären. Er warnte vor einem „McChristentum“, welches das Evangelium in „leichtverdaulichen Häppchen billig serviere“, mundgerechte „Trend-Kost“. Gerät das Evangelium mit den Stilmitteln in Widerspruch? Gibt es inzwischen einen „Nützlichkeitsgott“? John F. Mac Arthur schrieb eine unbequeme Schrift „Wenn Salz kraftlos wird – die Evangelikalen im Zeitalter juckender Ohren“. Er schreibt von dem Pragmatismus eines unterhaltsamen, verwässerten Evangeliums, das bei Zuhörern ankommt, aber grundlegende biblische Wahrheiten wie Sünde, Buße und Kreuz nicht oder wenig predigt, der Zug des Zeitgeistes aber beachtet wird. Wäre es nicht in unserer oberflächlichen Kirchlichkeit und in der gesellschaftlichen Gottlosigkeit an der Zeit, die „Theologie des Kreuzes“ zu unterstreichen und die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen in besonderer Weise in der Verkündigung zu integrieren?

Fromme Strategie und Macht?

Christen sind als Salz dieser Welt bestimmt und nicht als deren Sahne. Wenn die Würzkraft abnimmt und dafür ein Funktionalismus überhand nimmt, wird dieser zur schleichenden Gefahr für die biblische Verkündigung. Diese verträgt weder ein ständiges Powerangebot, noch ein Macher-Image, noch einen gesellschaftlichen Anpassungskurs. Evangelium kann nicht benutzerfreundlich und mit marktorientierten Strategien angeboten werden. Ein leitender Mitarbeiter schrieb mir: „Man kann es nur mit einem inneren Erschrecken sagen, dass heute eine Scheidung und Spaltung durch alle Verhältnisse hindurchläuft und dass die Verführungen immer neue Formen annehmen. Ich stehe unter dem Eindruck, dass sich der so genannte fromme Mensch, der allzeit fröhliche Macher in religiöser Gestalt, nach vorne drängt und die Herrschaft in der Weise an sich reißt, dass er sich die Gemeinde unterwirft.“ Wie viel Kraft, Zeit und Glaubwürdigkeit verlieren wir durch Grabenkämpfe. Letztlich steht jeder Kampf um Strategien und Macht dem Kommen des Reiches Gottes im Wege.

Der Dienst des Evangeliums findet in einem Umfeld statt, in dem das Ego, ein brutal-natürlicher Selbstbehauptungstrieb regiert und modisch-lautstarken Trends auch dann das Wort redet, wenn diese mit der biblischen Demut nicht vereinbar sind. Das Buhlen um Gunst, Anerkennung und Mehrheit, Karriere und Ansehen (meist sicher ohne böse Hintergedanken) hat Vorrang bekommen. Das zu hinterfragen und mit dem Kern des Evangeliums zu vergleichen, setzt einem „Machen“ verbindliche Grenzen. Ohne Verfälschung des biblischen Fundamentes kann das „Wort“ kaum im modernen Sinne gesellschaftsfähig gemacht werden.

Das Geringste wird zum Wertvollen

Der Christ hat lebenslang alle Hände voll zu tun, die Veränderung seiner selbst herbeizuführen (Heiligung nannte man das früher, und das „Dicke Ich“ wurde beim Namen genannt). Ferner geht es um das permanente Bemühen um mehr Leben, um mehr Liebe, um die Güte des Herzens, um eine persönliche Hingabe. Hier gilt das Geringste als das Höchste und Wertvollste. Das Management darf sich selbstkritisch hinterfragen, ob es diesem Akzent des Auftrags eindeutig genug gerecht wird. Evangelium lässt sich nicht „machen“, dann verdient es den Namen nicht. Biblische Verkündigung ist weder abrufbar, noch knetbar, noch technisierbar.

So wird die unmittelbare Kraft des Evangeliums – und zwar das durch Menschen verkündigte Wort – unersetzbar sein und bleiben. Routine, Show, Technik und Macher können es nicht verdrängen. „Es ist der Geist, der da lebendig macht“ – nicht der Buchstabe, nicht das Outfit, nicht das Management, nicht das „panevangelikale“ Etwas, – es ist der Geist, und der weht bekanntlich, wo er will. In ihm liegt die wahre und immer neue Modernität. Und er wird sich seine Formen suchen – nicht umgekehrt!

„Die Welt sucht nach priesterlichen Menschen,
die sich nicht entrüsten und auch nicht jammern,
sondern die schweigend die Last ihrer Brüder (und Schwestern)
auf ihr eigenes Herz nehmen.“

(Professor Karl Heim)

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