Hitler in Stalins Kalkül

image_pdfimage_print

Victor Suworow

DER EISBRECHER

– Hitler in Stalins Kalkül –

Die Geschichte des sogenannten Grossen Vaterländischen Krieges – Aus dem Russischen von Hans Jaeger

Die Aufdeckung der militärischen Vorgänge in Rußland von 1939 bis 1941 war bisher durch ein doppeltes Tabu erschwert. Auf sowjetischer Seite besagte die offizielle »Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges«, Stalin habe 1939 den Nichtangriffspakt mit Deutschland aus friedenspolitischen Absichten geschlossen und das friedliebende Rußland sei dann von Hitler ruchlos überfallen worden, habe sich aber heldenmütig und erfolgreich verteidigt. – Auf westlicher Seite geriet jede Vermutung, es hätten sich vor 1941 auf sowjetischer Seite enorme militärische Vorbereitungen abgespielt, die nicht nur defensiv geplant waren, in den Verdacht, Hitlers Propagandalüge vom Präventivkrieg wiederaufleben zu lassen. Jetzt hat ein russischer Autor – selbst ehemals hochrangiger Offizier des sowjetischen militärischen Geheimdienstes GRU – das Geschehen rekonstruiert.

Im Zentrum stehen Stalins Geheimpläne, Europa zu erobern. Hitler war in dieser Strategie – bereits in den 30er Jahren erdacht – ein nützlicher »Eisbrecher der Revolution«: Der Nichtangriffspakt sollte ihn nach Westen lenken; und wenn die westeuropäischen Staaten und Deutschland sich in Kriegen gegenseitig geschwächt hätten, käme die Stunde der sowjetischen Offensive auf Kontinentaleuropa. Sie war auf den Sommer 1941 geplant. Hitlers überraschend früher Überfall und seine Auffassung, in einem Blitzkrieg und vor dem Wintereinbruch Rußland niederringen zu können: diese Entwicklungen waren in Stalins Kalkül, weil zu realitätsfern, nicht vorgesehen. Sie gaben dem Geschehen eine Wende und Verzögerung. Am Ende aber hatte Stalin immerhin die Hälfte Europas erobert, und Hitler war Opfer seiner blinden Aggressivität geworden.
Hitler und Stalin hatten – unabhängig voneinander und parallel zueinander – Eroberungsabsichten, der eine in Richtung Osten, der andere in Richtung Westen. Bei ganz verschiedener ideologischer Begründung waren ihre Strategien und deren kriminelle Implikationen verblüffend gleich.
– Der Autor  –

Viktor Suworow wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion geboren. Er absolvierte zwei militärische Lehranstalten und die Diplomatische Militärakademie in Moskau. 1968 nahm er mit seiner Truppeneinheit an der »Befreiung« der Tschechoslowakei teil. Nach Abschluß der Diplomatischen Militärakademie arbeitete er im Generalstab der Streitkräfte der UdSSR. Als Offizier des sowjetischen militärischen Geheimdienstes GRU war er als sowjetischer Diplomat in Westeuropa tätig. 1978 erbat er politisches Asyl in England. Er widmet sich intensiv zeitgeschichtlicher und militärhistorischer Forschungsarbeit und hat bisher fünf Bücher und viele Aufsätze veröffentlicht. Das vorliegende Buch ist für ihn die wichtigste Publikation seines Lebens und der entscheidende Grund für das Verlassen der UdSSR. Aus persönlichen Gründen bedient sich der Autor eines Pseudonyms.
– Stark gekürzt von Horst Koch, Herborn, im Februar 2017 –

AN MEINE LESER
Wer hat den Zweiten Weltkrieg begonnen? Auf diese Frage hört man verschiedene Antworten. Eine einheitliche Meinung gibt es nicht. Die Sowjetregierung beispielsweise hat ihre offizielle Meinung zu dieser Frage wiederholt geändert.
Am 18. September 1939 erklärte die Sowjetregierung in einer offiziellen Note, daß die Schuld an dem Krieg die Regierung Polens treffe.
Am 30. November 1939 bezichtigte Stalin in der »Prawda« andere als Schuldige: »England und Frankreich haben Deutschland angegriffen und damit die Verantwortung für den gegenwärtigen Krieg auf sich genommen.«
Am 5. Mai 1941 benennt Stalin in seiner Geheimrede vor den Absolventen der Militärakademien noch einen Urheber: Deutschland.
Nach Beendigung des Krieges hat sich der Kreis der »Schuldigen« ausgeweitet. Stalin erklärt, den Zweiten Weltkrieg hätten alle kapitalistischen Staaten der Welt begonnen. Bis zum Zweiten Weltkrieg galten nach Stalinscher Definition sämtliche souveränen Staaten der Welt mit Ausnahme der Sowjetunion als kapitalistische Staaten. Folgt man dieser Auffassung von Stalin, dann haben den blutigsten Krieg in der Geschichte der Menschheit die Regierungen sämtlicher Länder einschließlich Schwedens und der Schweiz mit Ausnahme der Sowjetunion begonnen.
Stalins Standpunkt, daß alle mit Ausnahme der UdSSR schuldig seien, hat sich offenbar auf lange Sicht in der kommunistischen Mythologie stabilisiert. Unter Chrutschtschow und Breschnew ebenso wie unter Andropow und Tschernenko sind diese Anschuldigungen gegen die ganze Welt mehr als einmal wiederholt worden. Unter Gorbatschow hat sich vieles in der Sowjetunion geändert, nicht aber die Gültigkeit von Stalins Standpunkt hinsichtlich der Urheberschaft des Krieges. So hat zum Beispiel in der Ära Gorbatschows der Chefhistoriker Generalleutnant P. A. Schilin wiederholt: »Schuld am Krieg waren nicht nur die Imperialisten Deutschlands, sondern auch die der ganzen Welt.« (»Roter Stern«, 24. September 1985)
Ich wage zu behaupten, daß die sowjetischen Kommunisten nur deshalb alle Staaten der Welt der Urheberschaft für den Zweiten Weltkrieg bezichtigen, weil sie so ihre eigene schmähliche Rolle als Kriegshetzer vertuschen wollen.
Erinnern wir uns, daß nach dem Ersten Weltkrieg im Versailler Vertrag Deutschland das Recht entzogen wurde, eine starke Armee einschließlich Panzer, Kampfflugzeuge, schwere Artillerie, U-Boote zu unterhalten. Auf deutschem Boden hatten deutsche Kommandeure keine Möglichkeit, die Führung von Angriffskriegen vorzubereiten, und so verlegten sie ihre Vorbereitungen… in die Sowjetunion. Auf Stalins Befehl wurden für die deutschen Kommandeure alle Voraussetzungen zur Gefechtsausbildung geschaffen. Man stellte ihnen Unterrichtsräume zur Verfügung, Truppenübungsplätze, Schießplätze und alles das, was sie nicht besitzen durften: Panzer, schwere Artillerie, Kampfflugzeuge. Auf Stalins Befehl erhielten deutsche Kommandeure Zutritt zu den sowjetischen größten Panzerproduktionsstätten in der Welt: Seht es euch an, merkt es euch, übernehmt, was ihr wollt! Seit den zwanziger Jahren scheute Stalin keine Mittel um die Schlagkraft des deutschen Militarismus wiedererstehen zu lassen. Gegen wen sollte sie sich richten? Natürlich nicht gegen ihn selbst. Wer war es dann? Es gibt nur eine Antwort: das ganze restliche Europa.
Stalin hatte begriffen, daß eine starke Offensivarmee von sich aus noch keinen Krieg beginnt, sie bedarf dazu auch eines fanatischen Führers. Und Stalin hat sehr viel dazu beigetragen, daß an der Spitze Deutschlands ein solcher Führer stehen sollte. Als die Faschisten an die Macht gelangt waren, hat Stalin sie beharrlich in den Krieg gehetzt. Den Gipfel dieser Bemühungen stellt der Molotow-Ribbentrop-Pakt 1939 dar. Mit diesem Pakt garantierte Stalin Hitler Handlungsfreiheit in Europa und öffnete im Grunde genommen die Schleusen für den Zweiten Weltkrieg. Doch wenn wir uns schon voll Abscheu des tollwütigen Hundes erinnern, der sich in halb Europa festgebissen hatte, dann sollten wir auch Stalin nicht vergessen, der diesen Hund herangezogen und dann von der Kette gelassen hat.
Noch bevor die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gelangt waren, hatten die sowjetischen Führer für Hitler bereits die inoffizielle Bezeichnung eines »Eisbrechers der Revolution« geprägt.
Es ist eine treffende Bezeichnung. Die Kommunisten hatten begriffen, daß Europa nur im Falle eines Krieges aufzubrechen war, und der Eisbrecher der Revolution konnte dies bewirken. Adolf Hitler hatte, ohne sich dessen bewußt zu werden, durch seine Aktionen dem Weltkommunismus den Weg bereitet. Mit seinen Blitzkriegen hatte er die westlichen Demokratien zerschlagen und gleichzeitig seine eigenen Streitkräfte von Norwegen bis Nordafrika zersplittert und verausgabt. Für Stalin konnte das nur von Vorteil sein.
Der Eisbrecher der Revolution hatte ungeheuerliche Verbrechen begangen und durch seine Taten Stalin das moralische Recht gegeben, jederzeit als Befreier Europas auftreten zu können und damit die braunen durch die roten Konzentrationslager zu ersetzen.

Stalin hatte besser als Hitler begriffen, daß den Krieg nicht derjenige gewinnt, der als erster beginnt, sondern derjenige, der zuletzt in diesen Krieg eintritt. Stalin hatte Hitler bereitwillig den zweifelhaften Vortritt gelassen und sich auf den unausbleiblichen Kriegseintritt zu dem Zeitpunkt vorbereitet, »wenn alle Kapitalisten sich untereinander in die Haare geraten sind«. (Stalin unter Berufung auf Lenin am 3. 12. 1927. Werke X, S. 288)

Für mich ist Hitler ein Verbrecher, die europäische Version eines Kannibalen. Aber auch wenn Hitler ein Kannibale war, so folgt daraus doch keineswegs, daß Stalin Vegetarier gewesen sein muß. Man hat große Anstrengungen unternommen, um die Verbrechen des Nationalsozialismus zu entlarven und die Henker aufzuspüren …
Die Kommunisten haben schon lange ihre Archive durchforstet, und das, was dort erhalten blieb, ist der historischen Forschung kaum zugänglich. Ich hatte die Möglichkeit, in den Archiven des Verteidigungsministeriums der UdSSR zu arbeiten, doch werde ich ganz bewußt nur sehr wenig Material aus diesen Geheimarchiven heranziehen. Meine Hauptquellen sind offen zugängliche sowjetische Publikationen. Auch die veröffentlichten Daten reichen vollkommen aus, um die sowjetischen Kommunisten an den Pranger zu stellen und sie auf eine gemeinsame Anklagebank mit den deutschen Faschisten zu setzen.
Meine Hauptzeugen sind Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin und viele Generale in führender Position. Die Kommunisten geben zu, daß sie durch Hitlers Hände den Krieg in Europa entfesselt um das von ihm zerstörte Europa zu erobern.   –  Viktor Suworow, Dezember 1988

DER WEG ZUM GLÜCK

»Wir sind die Partei einer Klasse, die zur Eroberung angetreten ist, zur Eroberung der Welt«. General M. W. Frunse (1885-1925; Werke, Bd. 2, S. 96)

  1. Marx und Engels hatten einen Weltkrieg vorausgesagt und lange währende internationale Konflikte von 15, 20, 50 Jahren. Diese Aussicht schreckte sie nicht. Die Autoren des »Kommunistischen Manifests« haben das Proletariat nicht zur Verhinderung des Krieges aufgerufen, ganz im Gegenteil, für Marx und Engels war ein künftiger Weltkrieg geradezu wünschenswert. Der Krieg ist die Mutter der Revolution. Ein Weltkrieg ist die Mutter einer Weltrevolution. Das Ergebnis dieses Weltkrieges wird nach Engels‘ Worten »die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Sieges der Arbeiterklasse« bedeuten.
    (Einleitung zu Sigismund Borkheims Broschüre »Zur Erinnerung für die deutschen Mordspatrioten. 1806-1807«. In: Karl Marx, Friedrich Engels. Werke. Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. 39 Bände. Berlin 1961-1968. Bd. 21, S. 351)

    Marx und Engels haben den Weltkrieg nicht mehr erlebt, aber es fand sich ein Mann, der ihr Werk weiterführte – Lenin. Die Partei Lenins setzte sich von den ersten Tagen des Weltkrieges an für eine Niederlage der Regierung ihres eigenen Landes ein, um »den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln«. Lenin ging davon aus, daß die linken Parteien der anderen Länder sich ebenfalls gegen ihre Regierungen wenden und daß der weltweite imperialistische Krieg in einen weltweiten Bürgerkrieg münden würde. Das trat nicht ein. Doch hatte Lenin mit der Absage an die Hoffnung auf eine Weltrevolution bereits im Herbst 1914 die Aufstellung eines Minimalprogramms verbunden: Sollte es als Folge des Weltkrieges nicht zu einer Weltrevolution kommen, mußte alles Erforderliche unternommen werden, damit die Revolution zumindest in einem Lande ausbrach, ganz gleich wo. Hat das Proletariat in diesem Lande gesiegt, wird es gegen die gesamte übrige Welt antreten, Unruhen und Aufstände in den anderen Ländern entfachen oder direkt zum Angriff mit bewaffneten Kräften übergehen. (Lenin in dem am 23. 8. 1915 in der Zeitung »Sozial-Demokrat« Nr. 44 erschienenen Artikel »Zur Losung von den Vereinigten Staaten von Europa«. Vollständige Werkausgabe, Bd. 26, S. 354)

    Während Lenin sein Minimalprogramm von der Eroberung der Macht in einem Lande aufstellt, verliert er nicht die größeren Perspektiven aus den Augen. Für Lenin bleibt – wie für Marx – die Weltrevolution der Leitstern. Wenn aber nach dem Minimalprogramm als Ergebnis des Ersten Weltkrieges die Revolution nur in einem Lande möglich ist, wie soll es dann mit der Weltrevolution weitergehen? Aufgrund welcher auslösenden Umstände? 1916 gibt Lenin eine präzise Antwort auf diese Frage: als Resultat eines zweiten Weltkrieges.
    Ich mag mich irren, doch unter dem vielen, was ich von Hitler gelesen habe, ist mir nichts begegnet, was darauf hinwiese, daß dieser Adolf Hitler 1916 an einen zweiten Weltkrieg dachte. Lenin tat es. Nicht genug damit, formulierte Lenin bereits zu jener Zeit die theoretische Begründung für die Notwendigkeit eines solchen Krieges zur Errichtung des Sozialismus in der ganzen Welt.
    Die Entwicklung der Ereignisse nimmt einen stürmischen Verlauf. Im folgenden Jahre bricht die Revolution in Rußland aus. Lenin eilt nach Rußland. Hier reißen er und seine kleine, aber militärisch organisierte Partei im Wirbel des allgemeinen Durcheinanders, in dem alles erlaubt ist, mit einem plötzlichen Umsturz die Staatsgewalt an sich. Lenins Schachzüge sind einfach, aber verschlagen. Im Augenblick der Bildung eines kommunistischen Staates erläßt Lenin das »Dekret über den Frieden « (Oktober 1917). Das macht sich nicht übel für Propagandazwecke. Doch den Frieden braucht Lenin nicht um des Friedens willen, sondern um sich an der Macht zu halten. Nach diesem Dekret fluteten Millionen bewaffneter Soldaten von der Front nach Hause. Mit dem »Dekret über den Frieden« verwandelte Lenin den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg, stürzte er das Land in ein tiefes Chaos, während er zugleich die Macht der Kommunisten konsolidierte und sich weiteres Territorium erkämpfte und unterwarf. Die von der Front zurückströmenden Soldaten spielten die Rolle eines Brecheisens, das Rußland auseinanderfallen ließ. Das Ergebnis des Bürgerkrieges war »die allgemeine Erschöpfung«, die es Lenin erlaubte, die gewonnene Macht zu behaupten und weiter zu festigen.
    Lenins außenpolitische Schachzüge sind nicht weniger verschlagen. Auch hier handelt er nach demselben Prinzip: Dieweil ihr euch rauft, stehe ich abseits und beobachte, aber habt ihr einander erst hinreichend geschwächt …

    Im März 1918 schließt Lenin mit Deutschland und seinen Verbündeten den Frieden von Brest-Litowsk. Zu dieser Zeit ist die Lage Deutschlands bereits hoffnungslos. Begreift Lenin das? Natürlich. Eben deshalb unterzeichnet er den Frieden, der
    a) Lenin den Kampf um die Festigung der kommunistischen Diktatur im Lande ermöglicht,
    b) Deutschland beachtliche Ressourcen und Reserven für die Fortsetzung des Krieges im Westen freigibt, der sowohl Deutschland wie auch die westlichen Verbündeten zermürbt.
    Durch den Abschluß eines separaten Abkommens mit dem Gegner verriet Lenin die Verbündeten Rußlands. Aber er verriet auch Rußland. Anfang 1918 lag ein Sieg Frankreichs, Großbritanniens, Rußlands, der USA und der übrigen Länder über Deutschland und seine Verbündeten bereits nahe. Rußland hatte im Kriege Millionen Soldaten verloren und besaß ein volles Recht darauf, gemeinsam mit seinen westlichen Bundesgenossen zu den Siegern zu zählen. Einen solchen Sieg hatte Lenin indessen nicht nötig; er brauchte die Weltrevolution. Lenin gibt zu, daß der »Friede« von Brest nicht im Interesse Rußlands geschlossen wurde, sondern im Interesse der Weltrevolution, im Interesse der Errichtung des Kommunismus in Rußland und in den übrigen Ländern …
    Die Niederlage Deutschlands war bereits greifbar, aber Lenin schließt einen »Frieden«, in dem Rußland seinen Anspruch auf die Rolle des Siegers aufgibt und im Gegenteil Deutschland kampflos eine Million Quadratkilometer fruchtbarsten Bodens und die reichsten Industrieregionen des Landes überlässt, ja er zahlt obendrein eine Kriegskontribution in Gold.

    Wofür ?!

    Er tat es aus folgendem Grund: Der Friede von Brest machte Millionen russischer Soldaten überflüssig, und diese führerlosen Menschenmassen zogen nach Hause und zerstörten auf ihrem Wege das Grundgefüge des Staatswesens und der eben erst geborenen Demokratie. Diese Millionen bewaffneter Soldaten übernahmen in Rußland die Rolle eines Brecheisens, indem sie eine jahrhundertealte Ordnung vernichteten und ebenso die Grundlagen, auf denen das Land ruhte.
    Der »Brester Friede« wurde zum Auslöser eines ungemein grausamen Bürgerkrieges, weit blutiger und grausamer als der Erste Weltkrieg.

    Durch den »Brester Frieden« erreichte Lenin sein Ziel: Er verwandelte den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg. Während jeder gegen jeden kämpfte, festigten die Kommunisten ihren Machtbereich, bauten ihn aus und unterwarfen anschließend im Laufe weniger Jahre das ganze Land.

    Der »Friede« von Brest widersprach nicht nur den nationalen Interessen Rußlands, sondern er richtete sich auch gegen Deutschland. Gemessen an seinem Zweck und Geist ist der »Friede« von Brest ein Urbild des Molotow-Ribbentrop-Paktes. Lenins Absichten 1918 und Stalins Absichten 1939 sind ein und dieselben: Mag Deutschland seinen Krieg im Westen führen, mag es sich ruhig auszehren und zugleich auch die westlichen Bundesgenossen bis zur Erschöpfung schwächen. Wir werden um jeden beliebigen Preis Deutschland behilflich sein, bis zur eigenen äußersten Auszehrung weiterzukämpfen, und dann …
    Zur gleichen Zeit, als auf Lenins Geheiß in Brest der »Friede« mit Deutschland unterzeichnet wird, arbeitet man in Petrograd intensiv an den Vorbereitungen zum Sturz der deutschen Regierung. In Petrograd wird in einer Auflage von einer halben Million Exemplaren die kommunistische deutschsprachige Zeitung »Die Fackel« herausgebracht, und noch vor der Unterzeichnung des »Friedensvertrages« von Brest wird im Januar 1918 in Petrograd die deutsche kommunistische »Spartakus«-Gruppe gegründet. Auch die Zeitungen »Die Weltrevolution« und »Die Rote Fahne« erleben ihre Geburtsstunde nicht in Deutschland, sondern im kommunistischen Rußland, auf Weisung Lenins, der den »Frieden« mit Deutschland unterzeichnet hat. In den zwanziger Jahren schlägt der Kommunismus in Deutschland tiefe Wurzeln …

    2.
    Lenins Rechnung ging auf: Das vom Krieg erschöpfte Deutsche Reich war der ungeheuren Anspannung des Zermürbungskrieges nicht gewachsen. Der Krieg endet mit dem Kollaps des Reiches und dem Ausbruch der Revolution. Unverzüglich annulliert Lenin den Vertrag. In dem vom Kriege zerstörten Europa entstehen auf den Trümmern der Reiche kommunistische Staaten von erstaunlicher Ähnlichkeit mit dem Leninschen bolschewistischen Regime. In seiner Schlußrede auf dem 8. Parteikongreß am 23.3.1919 sieht sich Lenin jubelnd an der Schwelle zur Weltrevolution. (Vollständige Werkausgabe, Bd. 38, S. 215) Zu dieser Zeit trennt er sich von seinem Minimalprogramm. Er spricht nicht länger von der Notwendigkeit eines zweiten Weltkrieges, weil er jetzt glaubt, die Weltrevolution könne bereits im Gefolge des Ersten Weltkrieges verwirklicht werden.

    Lenin gründet die Komintern, die sich selbst als Kommunistische Weltpartei deklariert und die Schaffung einer Sowjetischen Sozialistischen Weltrepublik zum Ziele setzt.
    Doch die Weltrevolution blieb aus. Die kommunistischen Regime in Bayern, Bremen, in der Slowakei, in Ungarn erwiesen sich als brüchig und nicht lebensfähig, die linken Parteien der westlichen Länder zeigten Schwäche bei der Ergreifung der Macht, und Lenin konnte ihnen zu der Zeit lediglich moralische Unterstützung gewähren: Alle Kräfte der Bolschewiken waren an die inneren Fronten geworfen, in den Kampf mit den Völkern Rußlands, die den Kommunismus nicht wollten.
    Erst 1920 hat Lenin seine Position in Zentralrußland hinreichend gefestigt und kann starke Kräfte nach Europa entsenden, um die Revolution voranzutreiben. Zwar ist der günstigste Augenblick in Deutschland bereits versäumt, und dennoch ist es im Jahre 1920 ein höchst geeignetes Feld für den Klassenkampf.

    Deutschland ist entwaffnet und gedemütigt. Sämtliche Ideale sind beschimpft und besudelt. Im Lande herrscht eine extreme wirtschaftliche Krise, im März 1920 wird es von einem Generalstreik erschüttert, an dem einigen Berichten zufolge über 12 Millionen Menschen beteiligt waren. Deutschland ist ein Pulverfaß, und es bedarf nur noch eines einzigen Funkens …
    Im Text des offiziellen Marschliedes der Roten Armee (Budjonny-Marsch) heißt es: »Erst her mit Warschau, dann her mit Berlin!« Nikolai Bucharin, der Theoretiker der sowjetischen Kommunisten, gibt in der »Prawda« eine noch entschiedenere Losung aus: »Direkt vor die Mauern von Paris und London!«

    Doch auf dem Wege der roten Legionen liegt Polen. Sowjetrußland und Deutschland besitzen keine gemeinsame Grenze. Um das Feuer der Revolution zu entfachen, gilt es, die trennende Barriere niederzureißen – das freie, unabhängige Polen. Zum Unglück der Kommunisten befand sich an der Spitze der sowjetischen Truppen ein Befehlshaber, der nichts vom Wesen der Strategie verstand: Tuchatschewski. Seine Armeen wurden 1920 vor Warschau geschlagen und ergriffen schmählich die Flucht. Im kritischen Augenblick standen Tuchatschewski keine strategischen Reserven zur Verfügung, das entschied den Ausgang der grandiosen Schlacht. Die Niederlage Tuchatschewskis war kein Zufall: Ein halbes Jahr vor Beginn des sowjetischen »Befreiungsfeldzuges« nach Warschau und Berlin hatte Tuchatschewski die mangelnde Notwendigkeit strategischer Reserven im Kriege »theoretisch begründet«.
    Die militärische Strategie folgt einfachen, aber unerbittlichen Gesetzen. Ein Grundprinzip der Strategie ist die Konzentration. Ein Grundgeheimnis der Strategie besteht darin, im entscheidenden Augenblick, am entscheidenden Ort seine geballte Kraft auf den empfindlichsten Punkt des Gegners zu konzentrieren. Um die eigenen Kräfte konzentrieren zu können, muß man sie in der Reserve halten. Tuchatschewski hatte das nicht begriffen und nun für dieses mangelnde Verständnis bezahlt. Die Revolution in Deutschland aber mußte auf 1923 verschoben werden.
    3.
    Die Zerschlagung von Tuchatschewskis Truppen in Polen zog für die Bolschewiken äußerst unangenehme Folgen nach sich. Rußland, das sie in ein Blutbad getaucht und scheinbar völlig ihrer Kontrolle unterjocht hatten, bäumte sich plötzlich in einem verzweifelten Versuch auf, die kommunistische Diktatur abzuwerfen. Das werktätige Petrograd, die Wiege der Revolution, trat in den Streik. Zwar erstickten die Bolschewiken die Arbeiterkundgebungen, doch nun stand plötzlich das Geschwader der Ostseeflotte an der Seite der Arbeiter. Die Matrosen von Kronstadt, dieselben, denen Lenin und Trotzki die Macht zu verdanken hatten, forderten jetzt die Säuberung der Räte von den Kommunisten. Durch das Land rollte eine Woge von Bauernprotesten. In den Wäldern um Tambow stellten die Bauern eine starke, gut organisierte, aber schlecht ausgerüstete antikommunistische Armee auf.
    Nun, Tuchatschewski, sieh zu, wie du damit fertig wirst! Und nun wäscht Tuchatschewski mit fremdem Blut seine eigene strategische Schande ab. Tuchatschewskis Greueltaten in Kronstadt sind legendär. Die ungeheuerliche Vernichtung der Bauern im Gouvernement Tambow ist eine der schrecklichsten Seiten in der Geschichte Rußlands. Der Autor dieser Seite aber heißt Tuchatschewski. Das zwanzigste Jahrhundert kennt einige große Verbrecher: Jeschow, Himmler, Pol Pot u. a. Gemessen an der Menge vergossenen Blutes hat sich Tuchatschewski durchaus einen Platz an ihrer Seite verdient, in zeitlicher Hinsicht jedoch war Tuchatschewski ein Vorläufer für die meisten dieser Verbrecher.
    4.
    1921 führt Lenin die Neue Ökonomische Politik (NÖP) ein. Indessen war an dieser Politik nichts neu – es war der gute alte Kapitalismus. Die Kommunisten müssen sich an der Macht behaupten, und dafür lassen sie sich auf jede beliebige Abschwächung in ihrem Programm ein bis hin zur Einführung von Elementen eines freien Marktes. Man sieht gewöhnlich in Kronstadt und Tambow die Hauptbeweggründe für Lenins Einführung von Elementen der freien Marktwirtschaft und die Milderung des ideologischen Würgegriffs am Halse der Gesellschaft. Ich meine, daß man die Ursachen hierfür tiefer suchen muß: 1921 hatte Lenin begriffen, daß der Erste Weltkrieg nicht die Weltrevolution ausgelöst hatte. Trotzkis Rat folgend, mußte man zu einer permanenten Revolution übergehen, Schlag um Schlag den schwachen Kettengliedern der freien Gesellschaft versetzen und zugleich einen zweiten Weltkrieg vorbereiten, der die endgültige »Befreiung« bringen würde. Noch vor der Einführung der NÖP im Dezember 1920 äußerte sich Lenin zum Thema Weltkrieg: »Ein neuer derartiger Krieg ist unausbleiblich. « (Rede vor dem Moskauer Stadtsowjet zum Jahrestag der III. Internationale am 6. 3. 1920. Vollständige Werkausgabe, Bd. 40, S. 211)

    Und wieder muß ich auf Hitler zurückkommen. Ich verteidige ihn nicht, sondern stelle bloß fest, daß er 1920 nicht öffentlich von der Unausbleiblichkeit und Erwünschtheit eines zweiten Weltkrieges redete. Hier dagegen eine Erklärung Lenins aus dieser Zeit: »Einen Teilabschnitt des Krieges haben wir beendet, nun müssen wir uns auf einen zweiten vorbereiten.« Eben dafür wird die NÖP eingeführt. Friede bedeutet ein Atemholen für den Krieg. Das sagt Lenin, das sagt Stalin, das sagt die »Prawda«. Die NÖP ist eine kurze Atempause vor den kommenden Kriegen. Die Kommunisten müssen ihr Land in Ordnung bringen, ihre Macht stärken und konsolidieren, eine gewaltige Rüstungsindustrie aufbauen, die Bevölkerung auf die künftigen Kriege, Schlachten, »Befreiungsfeldzüge« vorbereiten. Und genau damit befassen sie sich.
    Die Einführung von Elementen einer freien Marktwirtschaft bedeutet keineswegs eine Absage an die Vorbereitung der Weltrevolution und eines zweiten Weltkrieges, der diese Revolution bewirken soll. Bereits im folgenden Jahr wurde die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, die UdSSR, geschaffen. Die Gründungsdeklaration der UdSSR besagte, daß die UdSSR nur der erste entschlossene Schritt zur Schaffung einer Weltweiten Sozialistischen Sowjetrepublik, WSSR, sei. Zum Zeitpunkt ihrer Gründung umfaßte die UdSSR vier Republiken. Diese Zahl sollte so lange vergrößert werden, bis sie die ganze Welt einschließen würde.
    Die Gründungsdeklaration der UdSSR war eine ehrliche und offene Kriegserklärung an die gesamte restliche Welt. Die Deklaration besitzt Gültigkeit bis auf den heutigen Tag, niemand hat sie zurückgenommen. Zwischen Hitlers »Mein Kampf« und der Deklaration besteht ein Unterschied. Hitler schrieb sein Buch später, und es stellt den Standpunkt eines Mannes dar: »Mein Kampf«. Die Gründungsdeklaration der UdSSR ist ein offizielles Dokument über das Hauptziel eines riesigen Staatsgebildes: sämtliche anderen Staaten der Welt zu liquidieren, um sie sich selbst unterzuordnen.

    DER HAUPTFEIND
    »Wenn irgendwo die revolutionäre Erschütterung Europas beginnt, so wird dies von Deutschland aus geschehen … und der Sieg der Revolution in Deutschland ist gleichbedeutend mit der Gewährleistung des Sieges der internationalen Revolution.« – Stalin auf der Sitzung der Polnischen Kommission der Komintern am 3. 7. 1924 (Werke VI, 267)

    1923 steht Deutschland erneut am Rande einer Revolution. Lenin nimmt an der Führung des Landes und der Komintern bereits nicht mehr teil.
    Die Zügel der Regierung hat Stalin nahezu vollständig an sich gerissen, obwohl weder das Land noch die Welt, ja nicht einmal seine Konkurrenten dies zu der Zeit begreifen.
    Seine Rolle bei der Vorbereitung der deutschen Revolution von 1923 beschreibt Stalin folgendermaßen: »Die deutsche Kommission in der Komintern, bestehend aus Sinowjew, Bucharin, Stalin, Trotzki, Radek und einer Reihe deutscher Genossen, faßte eine Anzahl konkreter Beschlüsse zur direkten Unterstützung der deutschen Genossen bei der Machtergreifung.« (Rede auf dem vereinigten Plenum des ZK und der Zentralen Kontrollkommission der KPdSU am 5. 8. 1927. Werke X, S. 63)
    Stalins persönlicher Sekretär Baschanow hat diese Vorbereitung ausführlicher geschildert. Er sagt, riesige Geldmengen seien angewiesen worden, und das sowjetische Politbüro habe in geheimer Beratung den Beschluß gefaßt, keine Ausgaben zu scheuen. In der Sowjetunion wurden sämtliche Kommunisten deutscher Abstammung mobilisiert sowie alle Kommunisten, die des Deutschen mächtig waren. Sie wurden nach Deutschland zur Untergrundarbeit geschickt. Aber nicht nur gewöhnliche Kommunisten wurden nach Deutschland transferiert, sondern auch höherrangige sowjetische Führer, darunter der sowjetische Volkskommissar W. Schmidt, der Stellvertreter des Vorsitzenden der GPU (und künftige Chef des militärischen Geheimdienstes) Unschlicht, die Mitglieder des Zentralkomitees Radek und Pjatakow. Der sowjetische Bevollmächtigte (Botschafter) in Deutschland Krestinski entfaltete eine fieberhafte Aktivität. Die sowjetische Botschaft verwandelte sich in eine Organisationszentrale der Revolution. Über die Botschaft liefen die Anweisungen aus Moskau, flössen aber auch die Geldströme sowie Waffen und Munition. »Auf Unschlicht entfiel die Organisation von Abteilungen des bewaffneten Aufstandes für den Umsturz, ihrer Rekrutierung und Versorgung mit Waffen. Außerdem sollte er eine deutsche Tscheka zur Vernichtung der Bourgeoisie und der Revolutionsgegner nach dem Umsturz aufstellen.« (B. Baschanow, Ich war Stalins Sekretär. Frankfurt/Berlin/Wien 1977, S. 58)
    Vom sowjetischen Politbüro wurde ein detaillierter Plan für den Umsturz ausgearbeitet und bestätigt, als Zeitpunkt war der 9. November 1923 festgesetzt worden. Doch die Revolution fand nicht statt. Es gibt viele Gründe dafür. …

    Erstens: Die große Masse der deutschen Bevölkerung wählte die goldene Mitte und entschied sich für die Sozialdemokratie. Die Kommunistische Partei besaß nicht die notwendige Unterstützung bei den Massen und war obendrein in zwei Fraktionen aufgespalten. Die Führer der Partei zeigten keine hinreichende Entschlossenheit, wie sie seinerzeit Trotzki und Lenin aufgebracht hatten.
    Zweitens: Die Sowjetunion und Deutschland hatten keine gemeinsame Grenze. Wie schon vier Jahre zuvor trennte Polen die beiden Länder. Wäre eine gemeinsame Grenze vorhanden gewesen, hätte die Rote Armee der Deutschen Kommunistischen Partei und ihren unentschlossenen Führern zu Hilfe kommen können.
    Der dritte Grund ist vielleicht der wichtigste: Lenin liegt bereits im Sterben und leitet schon lange weder die Sowjetunion noch die Weltrevolution. Er hat viele Thronfolger: Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Rykow, Bucharin. Neben den offenen Konkurrenten arbeitet der bescheidene Stalin, in dem niemand einen Prätendenten auf die Macht sieht, der aber Lenins Worten zufolge bereits »eine enorme Macht in seinen Händen konzentriert hatte«. …
    Die deutsche Revolution von 1923 wurde zwar vom Kreml aus gelenkt, doch gleichzeitig spielte sich am Ruder der Weltrevolution ein erbitterter Kampf ab. Keiner der offenen Kronprätendenten wollte seinen Gegner in der Rolle eines Führers der deutschen und folglich auch der europäischen Revolution sehen. Die Führer stießen und drängten sich am Ruder und erteilten ihren Untergebenen widersprüchliche Anweisungen. Das konnte auf keinen Fall mit einem Sieg enden.
    Der weise Stalin mischte sich in dieser Situation nicht unter die Männer am Ruder. Er beschloß, zunächst seine ganze Aufmerksamkeit den Fragen der endgültigen Konsolidierung seiner Alleinherrschaft zu widmen und sich erst hernach mit allen übrigen Problemen zu befassen, unter anderem auch mit der Weltrevolution. In den nächstfolgenden Jahren schickt Stalin alle Prätendenten auf den Platz des Führers um eine Etage tiefer, dann aber läßt er sie immer weiter und weiter absinken, bis hinunter in die Keller des Lubjanka-Gefängnisses. Kaum hat Stalin die Macht ergriffen, beseitigt er alle Barrieren, die der deutschen Revolution im Wege stehen:
    – Er bringt Ordnung in die Deutsche Kommunistische Partei und erreicht von ihr
       die bedingungslose Erfüllung der 
Weisungen aus Moskau;
    
- er sorgt für eine gemeinsame Grenze mit Deutschland;
    
- er vernichtet die deutsche Sozialdemokratie. Natürlich nicht mit eigenen
       Händen. Hat Stalin jemals irgendjemanden eigenhändig umgebracht?


    Marx und Lenin zufolge entsteht die Revolution als Ergebnis eines Krieges. Der Krieg verschärft die vorhandenen Widersprüche, ruiniert die Wirtschaft, rückt die Revolution näher. Stalins Position ist einfach und von prinzipieller Natur: Sozialdemokraten und Pazifisten müssen bekämpft werden, weil sie das Proletariat von Revolution und Krieg ablenken.
 Am 7. November 1927 gibt Stalin die Losung aus: »Der Kapitalismus ist nicht zu beseitigen ohne vorherige Beseitigung der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung.« (Prawda, 7.11.1927, Werke X, S. 250)
    
Im folgenden Jahr erklärt Stalin den Kampf gegen die Sozialdemokratie zur Hauptaufgabe der Kommunisten: »Erstens, Kampf gegen die Sozialdemokratie auf allen Linien . . . einschließlich der zugehörigen Entlarvung des bürgerlichen Pazifismus.« (Rede vor dem Leningrader Parteiaktiv am 13. 7. 1928, Werke XI, S. 202)



Bezüglich derjenigen, die offen für den Krieg eintreten, der deutschen Faschisten beispielsweise, ist Stalins Position ebenso einfach und verständlich: Sie sind zu unterstützen. Laßt die Faschisten ruhig Sozialdemokraten und Pazifisten vernichten.
Laßt die Faschisten einen neuen Krieg beginnen.
Laßt die Faschisten in Europa alle Staaten, alle politischen Parteien, die Parlamente, Armeen, Gewerkschaften zerschlagen.
1927 sieht Stalin die Machtergreifung durch die Faschisten voraus, und er hält dies für ein positives Phänomen: »Gerade diese Tatsache führt zur Verschärfung der inneren Lage in den Ländern des Kapitalismus und zu revolutionären Aktionen der Arbeiter.« (Rede auf dem vereinigten Plenum des ZK, 1. 8. 1927. Werke X, S. 49)
Und Stalin fördert die Faschisten. Eifrige Stalinisten, wie zum Beispiel das Mitglied des Politbüros der Deutschen Kommunistischen Partei, Hermann Remmele, unterstützen ganz offen die an die Macht drängenden deutschen Faschisten. Stalins Rolle bei der Machtergreifung durch die Faschisten in Deutschland ist beachtlich. Ich hoffe, darüber einmal ein ganzes Buch schreiben zu können. Hier beschränke ich mich darauf, Trotzkis Auffassung zu dieser Frage anzuführen, die er 1936 äußerte:
»Ohne Stalin hätte es keinen Hitler gegeben und keine Gestapo!« (»Bulletin der Opposition« Nr. 52-53, Oktober 1936)

Von Trotzkis Scharfblick und Kenntnis dieser Problematik zeugt auch eine andere Bemerkung vom November 1938: »Stalin hat endgültig sowohl Hitler wie auch seinen Gegnern die Hände entfesselt und Europa in den Krieg getrieben.« (Bulletin der Opposition, Nr.71, November 1938).
Das wird in einem Augenblick gesagt, da Chamberlain sich freut, daß es keinen Krieg geben wird, da Mussolini sich für einen Friedensstifter hält und Hitler noch nicht daran denkt, die Direktive für den Angriff auf Polen, geschweige denn auf Frankreich zu geben. Zu einem Zeitpunkt, da Europa erleichtert aufatmete und glaubte, daß die Gefahr eines Krieges gebannt sei, wußte Trotzki um seinen baldigen Ausbruch, und er wußte auch, wen die Schuld daran traf. Um Trotzki endgültig Glauben zu schenken, lassen Sie uns noch eine weitere, am 21. Juni 1939 geäußerte Voraussage hören. Zu der Zeit werden intensive, gegen Deutschland gerichtete Verhandlungen zwischen Großbritannien, Frankreich und der UdSSR geführt. Nichts deutet auf die Möglichkeit irgendwelcher unerwarteter Ereignisse und Komplikationen hin. Aber Trotzki sagt in diesem Augenblick:

»Die UdSSR wird sich in geballter Masse in Richtung auf die Grenzen Deutschlands zu einem Zeitpunkt bewegen, wenn das Dritte Reich in einen Kampf um die Neuordnung der Welt verwickelt ist.« (»Bulletin der Opposition« Nr.80, S.14)

Und genau so wird es geschehen! Deutschland wird in Frankreich kämpfen, und Stalin wird »in geballter Masse« die neutralen Staaten an seinen Westgrenzen liquidieren und sich damit in Richtung auf die Grenzen Deutschlands bewegen.
An demselben 21. Juni 1939 stellte Trotzki eine noch verblüffendere Vorhersage auf: 
»Im Herbst 1939 wird Polen Gegenstand einer Okkupation, im Herbst 1941 beabsichtigt Deutschland, zur Offensive auf die Sowjetunion überzugehen.« Trotzki ist nur ein minimaler Fehler von wenigen Monaten hinsichtlich des Termins für den Beginn des Krieges gegen die UdSSR unterlaufen. Wir werden im weiteren sehen, daß denselben Fehler auch Stalin beging.
 Liest man heute, fünfzig Jahre später, Trotzkis Folgerungen und Voraussagen unter Würdigung der Treffsicherheit seiner Urteile, müssen wir uns die Frage stellen, woher er dies alles wissen konnte.
Trotzki machte kein Geheimnis daraus. Er ist ein ehemaliger Führer des kommunistischen Umsturzes, Begründer der Roten Armee, Vertreter der Sowjets bei den Verhandlungen in Brest-Litowsk, er war der erste Leiter der sowjetischen Diplomatie und der erste Chef der Roten Armee, ein anerkannter Führer der UdSSR an der Seite Lenins und ein Führer der Weltrevolution.


Wer sonst, wenn nicht er, mußte wissen, was der Kommunismus bedeutet, was die Rote Armee und wer dieser Stalin ist. Trotzki sagt, alle seine Vorhersagen beruhen auf offen zugänglichen sowjetischen Publikationen, insbesondere auf den Erklärungen des Sekretärs der Komintern Dimitrow.
Trotzki hatte als erster in der Welt Stalins Spiel durchschaut, das die westlichen Führer nicht begriffen und das zunächst auch Hitler nicht verstand.
Stalins Spielregeln aber waren einfach. Trotzki ist selbst ein Opfer dieses Spiels, und deshalb versteht er es. Stalin hatte Trotzki mit Hilfe von Sinowjew und Kamenew aus der Macht entfernt, anschließend entledigte sich Stalin Sinowjews und Kamenews mit Hilfe Bucharins, später beseitigte Stalin auch Bucharin. Die Generation von Dserschinskis Tschekaleuten ließ Stalin durch die Hände Genrich Jagodas entmachten, dann wurde Genrich Jagoda und seine Generation auf Stalins Geheiß durch die Hände Jeschows beseitigt, schließlich ließ Stalin Jeschow und dessen Generation durch die Hände Berijas beseitigen usw.
Stalin setzt sein Spiel in der internationalen Arena fort, und Trotzki verfolgt diese Vorgänge. Der deutsche Faschismus bedeutet für Stalin ein Instrument. Der deutsche Faschismus ist ein Feind, aber gemäß Komintern-Definition ist er auch der Eisbrecher der Revolution.

Der deutsche Faschismus kann den Krieg auslösen, und ein Krieg führt zur Revolution. Laßt den Eisbrecher Europa aufbrechen! Hitler kann das bewirken, was Stalin selbst nicht besorgen mag.

1927 hatte Stalin erklärt, daß ein zweiter imperialistischer Krieg völlig unvermeidbar sei, so wie auch der Eintritt der Sowjetunion in diesen Krieg. 
Aber der weise Stalin will diesen Krieg nicht beginnen und nicht vom ersten Tage an beteiligt sein: »Wir werden eingreifen, aber wir greifen als letzte ein, wir greifen ein, um das entscheidende Gewicht in die Waagschale zu werfen, das Gewicht, das den Ausschlag geben dürfte.« (Rede auf der Plenarsitzung des ZK am 19. 1. 1925, Werke VII, S. 14)

Stalin braucht in Europa Krisen, Kriege, Hunger, Destruktion. Das alles kann Hitler für ihn erledigen. Je mehr Verbrechen Hitler in Europa anhäuft, um so besser für Stalin, um so viel mehr Gründe für Stalin, die Rote Armee eines Tages als Befreierin nach Europa zu entsenden. Trotzki erfaßt das alles noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, ja sogar noch ehe Hitler an die Macht gelangt ist. 1932 erläutert Trotzki Stalins Verhalten gegenüber den deutschen Faschisten: »Laßt sie ruhig an die Macht kommen, mögen sie sich kompromittieren, dann aber …«
Seit 1927 unterstützt Stalin energisch (ohne dies indessen öffentlich zu zeigen) die Faschisten, die zur Macht drängen. Sobald die Faschisten die Macht erlangt haben, wird Stalin sie zielstrebig in den Krieg treiben. Haben sie erst den Krieg begonnen, wird Stalin die Kommunisten in den demokratischen Ländern anweisen, vorübergehend Pazifisten zu werden, die Armeen der westlichen Länder zu zersetzen, den Faschisten den Weg mit der Forderung nach Beendigung »des imperialistischen Krieges« zu ebnen, vor ihnen zu kapitulieren und die militärischen Anstrengungen ihrer Regierungen und Länder zu untergraben.
Aber indem Stalin den Eisbrecher auf das demokratische Europa ansetzte, sprach er ihm zugleich das Todesurteil. Fünf Jahre vor der Machtergreifung durch die Faschisten in Deutschland plant Stalin bereits ihre Vernichtung: »Zerschlagung des Faschismus, Beseitigung des Kapitalismus, Errichtung der Sowjetmacht, Befreiung der Kolonien aus der Sklaverei.«
Der Faschismus ist der Henker Europas. Stalin unterstützt diesen Henker, aber noch ehe der Henker seine blutige Arbeit beginnt, hat Stalin für den Henker das gleiche Schicksal wie für seine Opfer vorgesehen.

WOZU BRAUCHEN KOMMUNISTEN WAFFEN?

l.
1933 besuchte der deutsche Generaloberst Heinz Guderian die sowjetische Lokomotivenfabrik in Charkow. Guderian berichtet, daß das Werk außer Lokomotiven in einem Nebenproduktionszweig Panzer herstelle. Der Ausstoß an Panzern betrug 22 Stück pro Tag.
Um die Neben-Produktion eines einzigen sowjetischen Unternehmens in Friedenszeiten richtig zu bewerten, muß man sich ins Gedächtnis rufen, daß im Jahre 1933 Deutschland überhaupt keine Panzer produzierte. Als Hitler 1939 den Zweiten Weltkrieg begann, besaß er 3195 Stück, d.h. weniger, als die Charkower Lokomotivenfabrik in einem halben Jahr unter Friedensbedingungen produzieren konnte.
Um diese 22 Panzer pro Tag richtig zu bewerten, muß man sich bewusst machen, daß die Vereinigten Staaten immerhin schon nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1940 erst über insgesamt etwa 400 Panzer verfügten. Und nun zur Qualität der Panzer, die Guderian in der Charkower Lokomotivenfabrik gesehen hat. Es waren Panzer, die das amerikanische Panzergenie J.W. Christie entworfen hatte. Christies Errungenschaften wußte niemand zu schätzen, mit Ausnahme der sowjetischen Konstrukteure. Der amerikanische Panzer wurde gekauft und mit falschen Papieren, in denen er als Traktor für landwirtschaftliche Zwecke deklariert war, in die Sowjetunion gebracht. Dort wurde der »Traktor« in riesigen Mengen unter der Typenbezeichnung BT (Bystrochodny Tank – Schnellpanzer) produziert. Die ersten BTs besaßen eine Marschgeschwindigkeit von 100km/h. Sechzig Jahre später blickt jeder Panzersoldat neidvoll auf diese Geschwindigkeit zurück.
Die Form der Panzerwanne des BT war einfach und rationell konstruiert. Kein einziger Panzer der Welt zu jener Zeit besaß eine gleichwertige Panzerung. Der beste Panzer des Zweiten Weltkrieges, der russische T-34, ist ein unmittelbarer Abkömmling des BT. Die Form seiner Panzerwanne ist eine Weiterentwicklung der Ideen des genialen amerikanischen Panzerkonstrukteurs. Das Prinzip der schrägen Anordnung der Frontpanzerplatten ist später bei dem deutschen »Panther« angewendet worden und anschließend bei allen übrigen Panzern auf der ganzen Welt.
In den dreißiger Jahren wurden praktisch alle Panzer weltweit nach dem Schema »Antriebsaggregat im Heck, Kraftübertragung im Bugteil« hergestellt. Der BT bildet die Ausnahme von dieser Regel: Motor und Getriebe waren im Heck untergebracht. Fünfundzwanzig Jahre später begreift die ganze Welt die Vorzüge dieser Anordnung im BT. Der BT-Panzer wurde ständig verbessert, sein Aktionsradius bis auf 700 km ausgedehnt. Auch fünfzig Jahre später bleibt das noch immer ein Traum für die Mehrzahl der Panzerfahrer. 1936 waren die serienmäßig produzierten BT-Panzer in der Lage, tiefe Flußläufe quer durch das Flußbett unter Wasser zu überwinden. Ende der achtziger Jahre verfügen nicht alle Panzer der präsumtiven Gegner der Sowjetunion über diese Möglichkeit. 1938 begann man, die BT-Panzer mit Dieselmotoren auszurüsten. Die übrige Welt geht erst zehn bis zwanzig Jahre später dazu über. Schließlich besaß der BT eine für die damalige Zeit eindrucksvolle Bewaffnung. …
Nach so vielen positiven Worten über Quantität und Qualität der sowjetischen Panzer sei, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, auch ein ganz geringfügiger Mangel erwähnt: Diese BT-Panzer waren auf sowjetischem Territorium nicht einsetzbar. …

2.
Der entscheidende Vorzug des BT-Panzers ist seine Schnelligkeit. Diese Qualität war so dominierend, daß sie sogar in der Bezeichnung des Panzers zum Ausdruck kam: Schnellpanzer.
Der BT ist ein Angriffspanzer. In allen Einzelheiten seiner Charakteristik läßt er sich voll und ganz mit einem der kleinen, aber ausnehmend mobilen berittenen Krieger aus den zahllosen Horden Dschingis-Khans vergleichen. Dieser große Welteroberer besiegte alle Feinde durch überraschende Vorstöße der gewaltigen Massen seiner ungemein wendigen Krieger. Dschingis-Khan vernichtete seine Gegner in der Hauptsache nicht durch die Stärke seiner Waffen, sondern durch tief angelegte, ungestüm vorangetragene Attacken. Dschingis-Khan brauchte keine schwerfälligen Ritter, sondern Horden leichter, flinker, beweglicher Krieger, die in der Lage waren, riesige Räume zu bewältigen, Flüsse zu überwinden und tief in das Hinterland des Gegners einzudringen.
Genauso war der BT-Panzer beschaffen. Davon hatte man mehr produziert als sämtliche Panzer aller Typen in allen Ländern der Welt am 1. September 1939 zusammengenommen. Wendigkeit, Geschwindigkeit und Aktionsradius des BT waren auf Kosten einer rationellen, aber sehr leichten und dünnen Panzerung erreicht worden. Der BT konnte nur in einem Angriffskrieg eingesetzt werden, nur im Hinterland des Gegners, nur in einer zügig vorangetragenen Angriffsoperation, bei der die Panzerhorden überraschend in das Territorium des Gegners eindringen, die Stützpunkte des Widerstandes umgehen, in einem in die Tiefe gerichteten Vorstoß, dorthin, wo die Truppen des Gegners nicht stehen, wo jedoch seine Städte liegen, die Brücken, Produktionsstätten, Flugplätze, Häfen, Vorratslager und Verkehrsknotenpunkte.
Der verblüffend offensive Charakter des BT war allerdings auch durch Verwendung eines einzigartigen Fahrgestells erreicht worden. Der BT bewegte sich auf Feldwegen mit Hilfe von Ketten voran, sobald er jedoch auf gute Straßen stieß, warf er die schweren Ketten ab und drang weiter wie ein schnelles Kraftfahrzeug auf Rädern vor. Indessen ist wohlbekannt, daß Geschwindigkeit und Geländegängigkeit einander ausschließen: Man muß sich demnach entweder für ein schnelles Auto entscheiden, das nur auf guten Straßen fährt, oder für einen langsamen Traktor, der sich überall einen Weg bahnt. Dieses Dilemma lösten die sowjetischen Marschälle zugunsten des schnellen Autos: Die Panzer vom Typ BT waren auf sowjetischem Boden völlig hilflos. Als Hitler das »Unternehmen Barbarossa « begann, mußten praktisch alle BT-Panzer aufgegeben werden. Selbst mit Panzerketten war ihre Benutzung abseits der Straßen so gut wie unmöglich. Auf Rädern aber wurden sie niemals benutzt. Das Potential an diesen großartigen BT-Panzern wurde nicht realisiert, aber es konnte auch auf sowjetischem Territorium nicht realisiert werden.
Der BT war ausschließlich für Aktionen auf fremden Territorien konzipiert worden, und zwar nur auf solchen, die gute Straßen besaßen. Werfen wir einen Blick auf die sowjetischen Nachbarn: Die Türkei, Iran, Afghanistan, China, die Mongolei, die Mandschurei und Nordkorea verfügten damals so wenig wie heute über gute Straßen. Schukow hat BT-Panzer in der Mongolei eingesetzt, wo das Gelände eben wie ein Tisch ist, aber er verwendete sie nur mit Panzerketten und war mit ihnen äußerst unzufrieden: Abseits der Straßen lösten sich oft genug die Ketten, und wegen des relativ starken Druckes der Räder auf nicht befestigtem Untergrund und selbst auf Feldwegen brachen die Panzer ein, und die Räder drehten durch.
Auf die Frage nach einer erfolgversprechenden Einsatzmöglichkeit des gewaltigen Potentials an BT-Panzern bleibt eine einzige Antwort: Mittel- und Südeuropa. Sobald der BT seine Ketten abgeworfen hatte, war er mit Erfolg nur noch auf dem Territorium Deutschlands, Frankreichs und Belgiens zu verwenden. …
Auf die Frage, was das Wesentliche für die Fortbewegung des BT war, Räder oder Ketten, geben die Lehrbücher jener Jahre eine präzise Antwort: die Räder. Die entscheidende Qualität des BT war seine Marschgeschwindigkeit, und diese wird nur mit Hilfe der Räder realisiert. Die Ketten waren lediglich als Mittel zur Erreichung des fremden Territoriums gedacht – um beispielsweise auf Ketten Polen zu durchqueren; hatte man jedoch erst die deutschen Autobahnen erreicht, sollten die Ketten abgeworfen und weiterhin auf Rädern vorgerückt werden. Die Ketten waren als Hilfsmittel vorgesehen, das im Krieg ein einziges Mal Verwendung fand, anschließend konnte man sich ihrer entledigen und sie vergessen, so wie der Fallschirmspringer seinen Fallschirm nur benutzt, um auf das Territorium des Gegners zu gelangen: Dort läßt er seinen Fallschirm zurück und operiert im Hinterland, ohne sich weiter mit der schweren und künftig nicht mehr benötigten Bürde zu belasten. Die gleiche Einstellung galt auch hinsichtlich der Panzerketten. Die mit BT-Panzern ausgerüsteten sowjetischen Divisionen und Korps verfügten nicht einmal über Lkws, die zum Aufsammeln und Transport der abgeworfenen Panzerketten bestimmt gewesen wären: Die BT-Panzer sollten nach dem Abwerfen der Ketten den Krieg auf Rädern beenden, indem sie auf den hervorragenden Straßen tief in das Hinterland des Gegners vorstießen. …

5.
1927 ist das Jahr, in dem Stalin endgültig die Machtspitze erklommen und sich dort fest eingerichtet hat. Von diesem Augenblick an richtet sich seine Aufmerksamkeit nicht nur auf die Festigung seiner Diktatur, sie gilt vielmehr auch den Problemen der ganzen kommunistischen Bewegung und der Weltrevolution.
1927 ist das Jahr, in dem Stalin endgültig feststellt, daß ein zweiter Weltkrieg unvermeidlich ist, in dem er den entschiedenen Kampf gegen den sozialdemokratischen Pazifismus beschließt – der den Ausbruch eines Krieges hemmt -, aber auch die Unterstützung der an die Macht drängenden Faschisten, die man anschließend vernichten wird.
1927 ist das Jahr der beginnenden Industrialisierung der UdSSR. Diese Industrialisierung war in Fünfjahresabschnitten geplant, und der erste Fünfjahrplan setzte in dem nämlichen Jahr 1927 ein. Wozu diese Fünfjahrpläne nötig waren, kann man an der folgenden Tatsache ablesen: Zu Beginn des ersten Fünfjahrplanes besaß die Rote Armee 92 Panzer, an seinem Ende über 4000 Stück …
Das Ergebnis der Kollektivierung und des darauffolgenden Hungers waren 10 bis 16 Millionen Ermordeter, in den Lagern Umgekommener, Verhungerter. Angaben über eine noch höhere Zahl von Opfern haben in jüngster Zeit die sowjetische Zensur passiert. (»Fragen der Geschichte« 1988, Nr. 6, S. 32) …
Der ganze Erste Weltkrieg war ein Spaziergang im Vergleich zu der Stalinschen Industrialisierung. In den vier Kriegsjahren verloren auf den ersten Blick viele Menschen ihr Leben – zehn Millionen. Verteilt man jedoch diese zehn Millionen auf alle beteiligten Länder, dann erweisen sich diese Opfer als sehr gering. Rußland zum Beispiel hat während des Ersten Weltkrieges insgesamt nur 2,3 Millionen Menschen verloren. Aber in Friedenszeiten hat Stalin um seiner Autobahnpanzer und Angriffsflugzeuge willen sehr viel mehr Menschen umgebracht. Der kommunistische Frieden war weitaus schrecklicher als der imperialistische Krieg. …

WESHALB HAT STALIN POLEN GETEILT?
Wir haben eine Aufgabe übernommen, die im Falle des Erfolges die ganze Welt aus den Angeln heben wird und die gesamte Arbeiterklasse befreit. Stalin am 4. 2. 1931 (Werke XIII, S. 40)

1.
Am 22. Juni 1941 hat das faschistische Deutschland überraschend die Sowjetunion überfallen. Das ist eine historische Tatsache. Es ist indessen eine sehr eigenartige Tatsache. Bis zum Zweiten Weltkrieg besaßen Deutschland und die Sowjetunion keine gemeinsamen Grenzen, folglich konnte Deutschland die Sowjetunion nicht überfallen, geschweige denn überraschenderweise. Deutschland und die Sowjetunion waren durch eine geschlossene Barriere neutraler Staaten voneinander getrennt. Damit ein sowjetisch-deutscher Krieg stattfinden konnte, mußten vor allem die Voraussetzungen dafür geschaffen werden: Beseitigung der Barriere aus neutralen Staaten und Herstellung gemeinsamer sowjetisch-deutscher Grenzen. Ein jeder, der sich für dieses Datum, den 22. Juni 1941, interessiert, muß, ehe er Hitler verdammt und ihn des Vertragsbruches bezichtigt, zumindest für sich selbst die beiden folgenden Fragen klar beantworten:
1. Wer hat die trennende Barriere aus neutralen Staaten zwischen Deutschland und der Sowjetunion beseitigt?
Warum?

2.
Die Barriere zwischen Deutschland und der UdSSR war mit Ausnahme einer einzigen Stelle eine doppelte. Polen war das einzige Land, das sowohl an die Sowjetunion wie auch an Deutschland grenzte. Polen ist die kürzeste, direkteste, Verbindung zwischen der UdSSR und Deutschland. Polen bildet den schmälsten Teil dieser Trennmauer. Es ist begreiflich, daß ein potentieller Angreifer, der am Ausbruch eines sowjetisch-deutschen Krieges interessiert war, versuchen mußte, eben hier einen Korridor herzustellen. Dagegen mußte diejenige Seite, die diesen sowjetisch-deutschen Krieg nicht wollte, mit ihrer geballten militärischen Macht, mit ihrer ganzen Staatsklugheit, mit aller Kraft ihrer internationalen Autorität den Gegner daran hindern, auf polnisches Territorium zu gelangen, und im äußersten Fall den Krieg gegen ihn bereits in Polen beginnen, um ihn von den eigenen Grenzen fernzuhalten.
Hitler hatte seine Absichten völlig offen erklärt. Stalin nannte ihn in aller Öffentlichkeit einen Kannibalen. Aber Hitler konnte Stalin nicht überfallen, weil es keine gemeinsame Grenze gab. Hitler wandte sich an Stalin mit dem Vorschlag, durch vereinte Anstrengungen einen Durchbruch in der Trennwand zu erreichen. Stalin griff diesen Vorschlag begeistert auf, riß mit gewaltigem Enthusiasmus die polnische Mauer nieder und schlug einen Korridor zu Hitler hin. Hitlers Motive sind verständlich. Wie aber ist Stalins Verhalten zu erklären?
Die kommunistischen Geschichtsschreiber haben sich verschiedene Deutungen für das Verhalten der Sowjetunion ausgedacht.
Erste Erklärung: Nachdem Polen zerfetzt und in Blut ertränkt war, schoben wir unsere Grenzen nach Westen vor, d. h. wir stärkten unsere eigene Sicherheit. Eine seltsame Erklärung. Die sowjetischen Grenzen wurden in der Tat um zweihundert bis dreihundert Kilometer weitergerückt, aber dabei schob auch Deutschland seine Grenzen um dreihundert bis vierhundert Kilometer nach Osten vor. Das bedeutete keine Erhöhung der Sicherheit der Sowjetunion, sondern im Gegenteil ihre Reduzierung. Obendrein entstand ein vollkommen neuer Faktor: eine gemeinsame sowjetisch-deutsche Grenze und als deren Folge die Möglichkeit eines Krieges, auch eines Überraschungskrieges.
Zweite Erklärung: Als wir Polen während seines verzweifelten Kampfes gegen die Faschisten in den Rücken fielen, waren wir bemüht, den Augenblick des Ausbruches eines sowjetischdeutschen Krieges hinauszuzögern . . .
Das ist eine Erklärung nach dem Motto: Wir haben das Feuer im Hause des Nachbarn gelegt, weil dann das Feuer unser Haus erst nach den anderen erreicht.
Dritte Erklärung: Frankreich und Großbritannien wollten mit uns keinen Vertrag abschließen, folglich … Was für ein Unsinn! Wieso sollten Frankreich und Großbritannien die Sowjetunion verteidigen, wenn doch die Sowjetunion den Sturz der Demokratien der ganzen Welt und damit auch in Frankreich und Großbritannien als ihr Hauptziel proklamiert hatte?

Dem Westen konnte es zumindest gleichgültig sein, ob Hitler gen Osten zog oder nicht, den Ländern Osteuropas hingegen keineswegs. Wenn Hitler sich nach Osten wendete, würden sie die ersten Opfer sein. Insofern waren die Länder Osteuropas die natürlichen Bündnispartner der Sowjetunion. Bei ihnen hätte man sich um ein Bündnis gegen Hitler bemühen müssen. Aber Stalin suchte ein solches Bündnis nicht, und da, wo entsprechende Verträge bestanden, ist die Sowjetunion der Erfüllung ihrer Pflichten aus dem Bündnis nicht nachgekommen. Stalin hätte seine Neutralität wahren können, aber statt dessen fiel er denjenigen in den Rücken, die gegen den Faschismus kämpften.
Erklärungen für Stalins Handlungsweisen haben sich die kommunistischen Historiker reichlich ausgedacht. Aber jede dieser Erklärungen enthält zwei Mängel:

a) sie wurden nachträglich ersonnen;

b) sie ignorieren völlig die Position der sowjetischen Führer, obwohl diese Position klarer und verständlicher dargelegt worden war als die Position Hitlers in seinen Werken und Reden.

3.
Als die Bresche durch die trennende Mauer gebrochen war, begnügte sich Hitler mit dem Erreichten und widmete sich zunächst seinen westeuropäischen, afrikanischen, mediterranen und atlantischen Problemen. Was hätte Stalin tun müssen, als vor ihm diese Bresche von 570 km Breite lag und ihm immerhin eine gewisse Zeit zur Verfügung stand? Er hätte umgehend seine Verteidigung gerade in diesem Abschnitt ausbauen müssen. Er hätte sie zügig verstärken und vervollkommnen müssen. Außerdem mußte eine zweite Verteidigungslinie angelegt werden, eine dritte,… eine fünfte. Er mußte sofort die Straßen, Brücken, das Gelände verminen, Panzergräben ausheben lassen, sie mit Pak-Artillerie decken … Nur wenige Jahre später, 1943, bereitete sich die Rote Armee im Kursker Bogen darauf vor, die gegnerische Offensive aufzufangen. Binnen kurzer Frist legten die sowjetischen Truppen an der riesigen Front sechs kontinuierliche Verteidigungsstreifen in einer Gesamttiefe von 250 bis 300 km an. Jeder Kilometer war gespickt mit Schützengräben, Verbindungswegen, Unterständen und Feuerstellungen.
Die durchschnittliche Minendichte lag bei 7000 Panzer- und Infanterieminen pro Kilometer, und die Panzerabwehrdichte war auf ein immenses Niveau angehoben – sie betrug 41 Geschütze pro Kilometer, Feldartillerie und Flak sowie die eingegrabenen Panzer nicht mitgerechnet. Auf diese Weise war auf freiem Felde in kürzester Zeit ein in der Tat undurchdringlicher Verteidigungsgürtel geschaffen worden.
1939 wären die Voraussetzungen für eine Verteidigung bei weitem besser gewesen: undurchdringliche Wälder, Flüsse, Sümpfe. Wenig Straßen und viel Zeit. Die sowjetischen Truppen konnten ein wirklich unpassierbares Gelände an der neuen sowjetisch-deutschen Grenze schaffen, und dies um so mehr, als der Durchbruch in der Mauer nicht sehr breit war. …
Aber in diesem Augenblick stellte die Sowjetunion die Produktion von Panzer- und Fliegerabwehrgeschützen ein. Statt das Gelände undurchdringlich zu machen, wurde es zielstrebig besser passierbar gemacht. Da wurden Straßen und Brücken angelegt, das Eisenbahnnetz erweitert, verstärkt und vervollkommnet. Die früheren Befestigungsanlagen wurden zerstört und zugeschüttet. …
Ein Teilnehmer jener Ereignisse, der Oberst in der militärischen Aufklärung I.G. Starinow, beschreibt dies folgendermaßen: »Es war eine dumme Situation. Als wir an relativ kleine Staaten mit schwachen Armeen grenzten, hatten wir unsere Grenzen tatsächlich dicht gemacht. Als jedoch das faschistische Deutschland unser Nachbar wurde, stellte sich heraus, daß die von den Pionieren errichteten Verteidigungsanlagen entlang der früheren Grenze aufgegeben und teilweise sogar demontiert waren.« (Die Minen warten auf ihre Stunde. Moskau 1964, S.176).

Die Führung der Pioniereinheiten der Roten Armee forderte 120000 Eisenbahnminen mit Zeitzünder an. Diese Menge hätte vollkommen ausgereicht, um im Falle eines Eindringens der deutschen Wehrmacht den gesamten Eisenbahnverkehr in ihrem Rücken lahmzulegen, von dem sie völlig abhängig sein würde. Aber anstelle der angeforderten Menge erhielt man … ganze 120 Minen! (Die Minen warten auf ihre Stunde, S. 186).
Dabei ist eine Mine die einfachste und dabei höchst wirkungsvolle Waffe. Die Minenproduktion in der Sowjetunion war gewaltig, aber nachdem der Durchbruch in der Mauer erfolgt war, wurde dieser Produktionszweig stillgelegt.

Womit beschäftigte sich Stalin, abgesehen von der Zerstörung seiner eigenen Verteidigung? Er beschäftigte sich mit der Zerstörung der Barriere aus neutralen Staaten. Hitler begnügte sich mit einer Bresche in der Mauer. Stalin reichte das nicht. Hitler hatte (mit Stalins Hilfe) die Souveränität lediglich eines der Staaten, die diese trennende Barriere bildeten, beseitigt. Stalin besorgte dies (ohne fremde Hilfe) in drei Staaten (Estland, Lettland, Litauen), er versuchte es in einem vierten Land (Finnland) und traf aktive Vorbereitungen dazu in einem fünften Land (Rumänien), nachdem er sich vorsorglich bereits ein riesiges Stück von dessen Territorium abgetrennt hatte.
Hitler war nur bemüht gewesen, einen Durchbruch in der Mauer zu erzielen, Stalin wollte die ganze Mauer einreißen. Und Stalin bekam, was er wollte. Nur zehn Monate nach der Unterzeichnung des »Nichtangriffs«-Paktes war dank Stalins Bemühungen die trennende Barriere vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer restlos beseitigt. Es gab keine neutralen Staaten mehr zwischen Stalin und Hitler, und genau dadurch waren die Voraussetzungen für einen Angriff geschaffen. Sämtliche westlichen Nachbarn Stalins waren ihm in dieser kurzen Zeit zum Opfer gefallen. Außer den Ländern, die an die Sowjetunion grenzten, war auch Litauen in Stalins Sklaverei geraten, das zuvor überhaupt keine gemeinsame Grenze mit der Sowjetunion besaß. Das Auftauchen sowjetischer Truppen in Litauen bedeutete, daß diese bereits zu den echten deutschen Grenzen vorstießen. Früher war die sowjetisch-deutsche Grenze durch erobertes polnisches Territorium verlaufen. Jetzt standen sowjetische Truppen an der Grenze von Ostpreußen. Hier kann nun wirklich nicht mehr die Rede davon sein, daß Hitler gewaltsam einen Korridor nach Osten geschaffen habe und der dumme Stalin ihm dabei noch behilflich gewesen sei. Nein, Stalin selbst hat den Korridor nach Westen geöffnet.
Auf die Frage, weshalb Stalin bereit gewesen sei, Hitler beim Durchbruch und der Schaffung eines relativ schmalen Korridors durch Polen zu helfen, haben sich die kommunistischen Historiker eine Antwort zu ersinnen bemüht, wenn auch nicht recht erfolgreich. Die Frage jedoch, weshalb Stalin die ganze Barriere niedergerissen hat, wird von ihnen lieber erst gar nicht gestellt. Auch wir wollen uns darüber nicht den Kopf zerbrechen. Das Wort hat Stalin. Er selbst hat auf diese Frage eine klare Antwort gegeben: »Die Geschichte sagt, wenn ein Staat gegen einen anderen Staat Krieg führen will, dann wird er, selbst wenn dieser andere Staat nicht sein Nachbar wäre, nach Grenzen suchen, über die hinweg er an die Grenzen jenes Staates gelangen kann, den er angreifen will.« (Prawda, 5. März 1939)
War die Rote Armee willens, an den erreichten Grenzen anzuhalten? Marschall der Sowjetunion S. K. Timoschenko:
 »In Litauen, Lettland und Estland ist die den Werktätigen verhaßte Macht der Gutsbesitzer und Kapitalisten beseitigt. Die Sowjetunion hat sich beachtlich vergrößert und ihre Grenzen nach Westen vorgeschoben. Die kapitalistische Welt wurde gezwungen, zurückzuweichen. Aber uns, den Kämpfern der Roten Armee kommt es nicht zu, uns mit dem Erreichten zufrieden zu geben!« (Befehl des Volkskommissars für Verteidigung Nr. 400 vom 7. November 1940)
Das ist weder ein Kommentar noch eine Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS. Es ist ein Befehl der Roten Armee. Aber westlich der sowjetischen Grenzen liegt nur Deutschland bzw. die mit ihm verbündeten Staaten. Sollen die Grenzen weiter nach Westen verschoben werden? Auf Kosten Deutschlands? Mit Deutschland wurde doch der Pakt unterzeichnet!

DER PAKT UND SEINE FOLGEN
Stalin war gerissener als Hitler. Gerissener und hinterhältiger. A. Antonow-Owsejenko (Porträt eines Tyrannen. New York 1980, S. 296) 

l.
Rein äußerlich scheint alles gut ausgewogen: ein Teil Polens für Hitler, ein Teil Polens für Stalin. Aber schon eine Woche nach der Unterzeichnung leistet sich Stalin seinen ersten üblen Trick. Hitler begann den Polenkrieg, doch Stalin erklärte, seine Truppen seien noch nicht bereit. Er hätte es Ribbentrop vor der Unterzeichnung des Vertrages sagen können, aber er tat es nicht. Hitler begann den Krieg und mußte feststellen, daß er alleingelassen war.
Dies ist das erste Resultat für Hitler: Er, und nur er allein, gilt als schuldig am Zweiten Weltkrieg. Kaum hatte Hitler den Krieg gegen Polen begonnen, bekam er auf der Stelle den Krieg gegen Frankreich hinzu, das heißt einen Krieg an zwei Fronten. Jeder deutsche Schuljunge weiß, womit für Deutschland Zweifrontenkriege letztlich enden.
Umgehend erklärte auch Großbritannien Deutschland den Krieg. Mit Frankreich konnte man noch fertigwerden, aber Großbritannien ist ein Inselstaat. Um dahin zu gelangen, bedarf es langwieriger Vorbereitungen, bedarf es einer Flotte, die annähernd der britischen Flotte ebenbürtig ist, bedarf es der Luftherrschaft. Der Krieg versprach damit zu einem langwierigen Krieg zu werden. Jeder weiß, womit langwierige Kriege für Länder mit begrenzten Reserven enden.
Hinter Großbritannien standen die Vereinigten Staaten, und sie konnten im dramatischsten Augenblick – wie schon im Ersten Weltkrieg – ihre tatsächlich unerschöpflichen Kräfte in die Waagschale werfen. Der ganze Westen war Hitlers Feind geworden. Auf Stalins Freundschaft aber konnte Hitler nur bauen, solange er stark war. In einem langwierigen Krieg gegen den Westen mußte er seine Kräfte verausgaben, und dann . . .

Hier dagegen Stalins Situation:
Polen war nicht in der Reichskanzlei aufgeteilt worden, sondern im Kreml. Hitler war nicht anwesend bei der Unterzeichnung, wohl aber Stalin. Dennoch ist Hitler schuld am Ausbruch des Krieges, nicht aber Stalin. Stalin ist das unschuldige Opfer. Stalin ist der Befreier Osteuropas.
Stalins Truppen begingen auf dem Territorium Polens die gleichen, wenn nicht noch ärgere Verbrechen, aber der Westen hat ihm aus diesem Anlaß nicht den Krieg erklärt.
Stalin hatte den Krieg bekommen, den er wollte: Die Menschen des Westens töteten einander und zerstörten gegenseitig ihre Städte und Fabriken; Stalin blieb dabei neutral und wartete auf einen günstigen Augenblick. Als Stalin in eine schwierige Situation geriet, kam ihm der Westen umgehend zu Hilfe.
Am Ende hat Polen seine Freiheit nicht bekommen, sondern wurde der Sklaverei unter Stalin überlassen, zusammen mit ganz Osteuropa und auch einem Teil von Deutschland. Dennoch glauben einige Leute im Westen bis auf den heutigen Tag, ihre Staaten seien die Sieger im Zweiten Weltkrieg gewesen.

Am Ende kam Hitler durch Selbstmord um, Stalin aber wurde zum uneingeschränkten Herrscher in einem riesigen antiwestlichen Imperium, das mit Hilfe des Westens errichtet worden war. Bei alledem verstand es Stalin, die Reputation des naiven, gutgläubigen Einfaltspinsels zu wahren, während Hitler in die Geschichte als blutrünstiger Verbrecher einging! Man hat im Westen eine Menge Bücher herausgebracht, die auf der Vorstellung basieren, Stalin sei auf den Krieg nicht vorbereitet gewesen, während Hitler gerüstet war. Meines Erachtens aber ist nicht derjenige kriegsbereit, der dies laut proklamiert, sondern derjenige, der ihn gewinnt, nachdem er zuvor seine Feinde geteilt und mit den Köpfen zusammengestoßen hat.
2.
War Stalin gewillt, den Pakt einzuhalten?
Das Wort hat Stalin: »Die Frage des Kampfes … darf man nicht aus dem Blickwinkel der Gerechtigkeit betrachten, sondern man muß sie aus dem Blickwinkel der Forderungen des politischen Augenblicks sehen, aus dem Blickwinkel der politischen Erfordernisse der Partei im jeweils gegebenen Augenblick.« (Rede auf der Sitzung des Exekutivkomitees der Komintern am 22. Januar 1926; Werke VIII, S. 1)
»Der Krieg kann alles und jegliche Vereinbarung auf den Kopf stellen.« (Stalin, »Prawda«, 15. September 1927).

Die Partei hat auf den Kongressen, auf denen Stalin sprach, ihre Führer richtig verstanden und ihnen die entsprechenden Vollmachten erteilt: »Der Kongreß betont insbesondere, daß das Zentralkomitee ermächtigt ist, zu jedem Zeitpunkt sämtliche Bündnisse und Friedensverträge mit den imperialistischen und bürgerlichen Staaten aufzukündigen, und ebenso, ihnen den Krieg zu erklären.« (Resolution des 7. außerordentlichen Parteikongresses im März 1918) – Übrigens wurde dieser Parteibeschluß bis heute nicht aufgehoben.
Wann sollte dieser Zeitpunkt eintreten?

Stalin (unter Zitierung von Lenin im Rechenschaftsbericht des ZK am 3.12. 1927): »Sehr vieles hängt für unseren Aufbau davon ab, ob es uns gelingt, den Krieg mit der kapitalistischen Welt, der unvermeidlich ist…, bis zu dem Zeitpunkt hinauszuzögern, in dem die Kapitalisten sich untereinander in die Haare geraten… « Werke X, S. 288)
»Man kann davon ausgehen, sagt Lenin, daß die entscheidende Schlacht voll herangereift ist, sobald sich die uns feindlichen Klassenkräfte hinreichend in Verwicklungen hineinmanövriert haben, sobald sie sich hinreichend untereinander in die Haare geraten sind, sobald sie sich hinreichend in einem Kampf, dem sie nicht gewachsen sind, geschwächt haben.« (Über die Grundlagen des Leninismus. Vorlesungen an der Swerdlow-Universität. Anfang April 1924. Werke VI, S. 158)

Stalin brauchte eine Situation, in der »sich die Kapitalisten wie die Hunde beißen«. (»Prawda«, 14. Mai 1939). Gerade der Molotow-Ribbentrop-Pakt schuf eine solche Situation. Und jetzt begannen auch in der Prawda die entsprechenden Zitate aufzutauchen: Karl Marx wird zitiert, der gefordert hatte, die Gegner nicht nur an der Kehle zu packen, sondern sie auch zu töten. Die »Prawda« überschlägt sich vor Begeisterung: »Die Grundpfeiler der Welt erbeben, der Boden entgleitet den Menschen und Völkern unter den Füssen. Feuerschein lodert auf, und das Donnern der Geschütze erschüttert Meere und Kontinente. Wie ein Flaum zerstieben Mächte und Staaten … Welch großartiger Augenblick, wie erhebend, wenn die ganze Welt in ihren Grundfesten erschüttert wird, wenn die Mächtigen untergehen und die Erhabenen stürzen.« (»Prawda«, 4. August 1940)
»Jeder derartige Krieg bringt uns der glücklichen Periode näher, in der es kein Töten mehr unter den Menschen geben wird.« (»Prawda«, 18. August 1940)

Diese von der obersten Spitze ausgehende Stimmung wurde in der Roten Armee und in der Partei verbreitet. Generalleutnant S. Kriwoschejin schildert eine Unterhaltung mit seinem Stellvertreter Latyschew. Zu der Zeit ist Kriwoschejin Kommandeur des 25. Mechanisierten Korps. Erst kurz zuvor hatte er mit General H. Guderian die gemeinsame sowjetisch-faschistische Parade in Brest anläßlich der blutigen Teilung Polens kommandiert.
»>Mit den Deutschen haben wir einen Vertrag, aber das ist ohne Belang.< – >Jetzt ist die beste Zeit für eine endgültige Lösung aller Weltprobleme angebrochen… .<« (Eine Kriegsgeschichte. Moskau 1962, S. 8)

Kriwoschejin macht (im nachhinein) einen Scherz daraus. Es ist interessant, daß in seinem Korps so wie in der ganzen Roten Armee nur solche Scherze kursieren. Darüber, wie das Korps und überhaupt die gesamte Rote Armee auf eine Verteidigung vorbereitet war, führte niemand ernste Gespräche, geschweige denn, daß man scherzte.
Zu der Frage, ob die Kommunisten an den Nichtangriffspakt glaubten und ob sie ihn einzuhalten gesonnen waren, hat sich Leonid Breschnew selbst geäußert. Er beschreibt eine Versammlung von Parteiagitatoren in Dnjepropetrowsk im Jahr 1940:
»>Genosse Breschnew, wir sollen den Leuten die Sache mit dem Nichtangriffspakt klarmachen, das heißt, daß alles ernst gemeint ist, und wer nicht daran glaubt, der führt provokatorische Reden. Aber das Volk glaubt kaum daran. Wie sollen wir uns verhalten? Sollen wir es ihnen nun klarmachen oder nicht?< Es war eine recht schwierige Zeit, im Saal saßen vierhundert Mann, alle warteten auf meine Antwort, langes Überlegen war nicht gut möglich. >Unbedingt klarmachen<, sagte ich. >Wir werden es so lange klarmachen, bis im faschistischen Deutschland kein Stein mehr auf dem anderen steht.<« (L. Breschnew, Kleines Land. Moskau 1978, S. 16)

Eine Situation, in der »in Deutschland kein Stein mehr auf dem anderen steht«, schwebte Stalin für das Jahr 1942 vor. Aber der schnelle Fall Frankreichs und Hitlers Verzicht auf eine Landung in England (was die sowjetische militärische Aufklärung Ende 1940 wußte) brachte alle Karten Stalins durcheinander. Die Befreiung Europas wurde vom Sommer 1942 auf den Sommer 1941 vorverlegt. Neujahr 1941 wurde daher unter der Losung begangen: Laßt uns die Anzahl der Republiken im Rahmen der Sowjetunion vermehren!
»Im Jahr einundvierzig werden wir unsere Schaufeln in frische Bodenschätze stoßen. Und vielleicht wird das vom Zyklotron gespaltene Uran zur gewöhnlichen Antriebsenergie. Jedes Jahr bedeutet für uns Kampf und Sieg um die Kohle, um den Aufschwung der Stahlindustrie… Und vielleicht gesellen zu den sechzehn Wappen sich noch andere Wappen hinzu – – «. (Prawda, 1. Januar 1941)
Nein, sie dachten nicht an Verteidigung! Sie hatten sich nicht darauf vorbereitet und trafen auch keine Anstalten dazu. Sie wußten sehr wohl, daß Deutschland, das bereits im Westen kämpfte, aus diesem Grunde keinen Krieg im Osten beginnen konnte. Sie wußten sehr wohl, daß ein Zweifrontenkrieg für  Hitler einem Selbstmord gleichkäme! Und dazu ist es schließlich auch gekommen. Aber Hitler, der wußte, was in seinem Rücken geschah, war gezwungen, den Zweifrontenkrieg aufzunehmen, obwohl dieser Krieg später tatsächlich mit seinem Selbstmord enden sollte.
Vor dem Krieg hatte die »Prawda« das Sowjetvolk durchaus nicht zur Stärkung seiner Verteidigung aufgerufen. Der Tenor der »Prawda« war ein anderer: Pakt hin, Pakt her, demnächst wird uns ohnehin die ganze Welt gehören! »Groß ist dieses Land: Selbst der Erdball muß sich neun Stunden drehen, ehe für unser gesamtes riesiges Land ein neues Siegesjahr begonnen hat. Die Zeit wird kommen, in der dafür nicht neun, sondern volle vierundzwanzig Stunden nötig sind . . . Und wer weiß, wo wir das Neujahrsfest in fünf, in zehn Jahren begehen werden: in welcher Zone, auf welchem sowjetischen Meridian?« (Prawda, 1. Januar 1941)
Je näher das Datum der geplanten sowjetischen Invasion nach Europa rückt (Juli 1941), um so deutlicher wird die »Prawda«: »Trennt eure Feinde, erfüllt vorübergehend die Forderungen eines jeden von ihnen, doch dann schlagt sie einzeln, und laßt ihnen keine Möglichkeit, sich zu vereinen(»Prawda«, 4. März 1941)
Hitler kam zu dem Schluß, daß längeres Warten sich nicht lohnte. Er griff als erster an, ohne den Schlag der Befreiungsaxt in den Rücken abzuwarten. Doch obwohl er den Krieg unter den günstigsten Voraussetzungen begann, die es jemals für einen Angreifer gab, konnte er diesen Krieg nicht gewinnen. Selbst unter denkbar ungünstigen Umständen gelang es der Roten Armee, halb Europa zu befreien und fest in der Hand zu behalten. Was wäre wohl geschehen, wenn die besten deutschen Kräfte den Kontinent verlassen hätten, um nach Afrika zu gehen und auf den Britischen Inseln zu landen, während in ihrem Rücken die Rote Armee die einzige Erdölquelle Deutschlands vernichtet hätte?

WANN IST DIE SOWJETUNION IN DEN ZWEITEN WELTKRIEG EINGETRETEN?
»Nur ein einziges Land – Sowjetrußland – kann im Falle eines allgemeinen Konfliktes gewinnen«. Adolf Hitler in einem Gespräch mit Lord Halifax auf dem Obersalzberg am 19. 11. 1937 (Dokumente zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Bd.1, Moskau 1948, S. 48)

l.
Alles, was mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges zusammenhängt, ist in der Sowjetunion in das undurchdringliche Dunkel eines Staatsgeheimnisses gehüllt. Unter den vielen schrecklichen Geheimnissen des Krieges muß eines besonders gehütet werden – das Datum des Eintritts der Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg.
Um die Wahrheit zu vertuschen, hat die kommunistische Propaganda das irreführende Datum des Kriegsbeginns am 22. Juni 1941 in Umlauf gebracht. Die kommunistischen Geschichtsklitterer haben sich eine Menge Legenden über diesen 22. Juni ausgedacht. Mir kam sogar die folgende Version zu Ohren: »Wir lebten friedlich dahin, doch dann hat man uns angegriffen …«

Würde man den Erfindungen der kommunistischen Propaganda Glauben schenken, dann käme heraus, daß die Sowjetunion nicht von sich aus in den Weltkrieg eingegriffen hat, sondern daß sie mit Gewalt hineingezogen wurde. Um die brüchige Version vom 22. Juni zu stützen, mußte die sowjetische Propaganda dieses Datum mit speziellen Hilfskonstruktionen untermauern:
Zum einen dachte man sich den Begriff der »Vorkriegsperiode« aus, die die beiden dem 22. Juni vorangehenden Jahre umfaßt, zum anderen erfand man eine Ziffer – die 1418 Kriegstage. Das war für den Fall vorgesehen, daß irgendein Neugieriger beabsichtigen sollte, selbst das Datum des Kriegseintrittes auszurechnen. Wenn er seine Zählung von hinten, bei der Beendigung des Krieges in Europa begann, dann mußte er unweigerlich (nach den Berechnungen dieser sowjetischen Geschichtsfälscher) auf jenen »schicksalhaften Sonntag« stoßen. Indessen fällt es nicht schwer, dem Mythos vom 22. Juni seinen Nimbus zu rauben. Dazu braucht man bloß ein wenig an einem der Stützpfeiler zu rütteln, an der »Vorkriegsperiode« zum Beispiel, und die ganze Konstruktion fällt in sich zusammen, gemeinsam mit dem »schicksalhaften« Datum und den 1418 Tagen des »Großen Vaterländischen Krieges«.
Eine Vorkriegsperiode hat es niemals gegeben. Sie ist reine Erfindung. Es genügt, daran zu erinnern, daß während der »Vorkriegsperiode« alle europäischen Nachbarn der UdSSR der sowjetischen Aggression zum Opfer fielen. Und die Rote Armee hatte keineswegs die Absicht, sich damit zu begnügen oder ihre blutigen »Befreiungsfeldzüge« nach Westen einzustellen (siehe den Befehl des Volkskommissars für Verteidigung Nr. 400 vom 7. November 1940), obwohl im Westen der UdSSR nur noch Deutschland lag. Im September 1939 hatte die Sowjetunion ihre Neutralität erklärt und während der »Vorkriegsperiode« Territorien mit einer Bevölkerung von über 24 Millionen Menschen besetzt.
Ist das nicht ein bißchen viel für einen neutralen Staat?

In den besetzten Territorien verübten die Rote Armee und der NKWD grauenhafte Verbrechen. Die sowjetischen Konzentrationslager waren vollgestopft mit gefangenen Soldaten und Offizieren aus europäischen Ländern. Gefangene Offiziere (und nicht nur die polnischen) wurden zu Tausenden umgebracht.
Wird ein neutrales Land gefangene Offiziere töten? Und woher kommen in einem neutralen Land Tausende gefangener Offiziere, und noch dazu in einer »Vorkriegsperiode«?

Eine eigenartige Wissenschaft ist diese Historiographie: Deutschland hat Polen angegriffen, also ist Deutschland Initiator des Krieges und am europäischen Krieg, folglich auch am Weltkrieg beteiligt. Die Sowjetunion hat dasselbe getan und in demselben Monat – aber sie gilt nicht als Initiator des Krieges. Sogar unter die Kriegsteilnehmer fällt sie aus irgendeinem Grunde nicht in der Zeit von 1939 bis 1941.
Der im Kampf gegen die Rote Armee gefallene polnische Soldat gilt als Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg und als dessen Opfer, der sowjetische Soldat jedoch, der ihn getötet hat, gilt als »neutral«. Wenn in demselben Kampfe auf polnischem Territorium ein sowjetischer Soldat getötet wird, dann wurde er nicht im Krieg, sondern in Friedenszeiten getötet, in der »Vorkriegsperiode«.

Deutschland hat Dänemark besetzt – und das ist ein kriegerischer Akt, obwohl keine großen Schlachten geschlagen worden sind.
Die Sowjetunion hat ebenfalls kampflos die drei baltischen Staaten besetzt, die nach geographischer Lage, Bevölkerungszahl, Kultur und Traditionen Dänemark stark ähneln. Doch das Vorgehen der Sowjetunion gilt nicht als kriegerischer Akt.
Deutschland hat Norwegen besetzt – was eine Ausweitung der Aggression bedeutet, doch die Sowjetunion hatte zuvor schon Ströme von Blut im benachbarten Finnland vergossen.

Dennoch beginnt das blutige Verzeichnis der deutschen Kriegsverbrechen mit dem 1. September 1939, die Liste der Verbrechen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg aber setzt erst mit dem 22. Juni 1941 ein.
Warum?
In der »Vorkriegsperiode« hatte die Rote Armee in erbitterten Kämpfen Hunderttausende eigener Soldaten verloren. Die Verluste der deutschen Truppen waren in dieser Periode wesentlich geringer. Wollte man nach den Verlusten urteilen, dann hätte Deutschland mehr Gründe, sich für die Zeit von 1939 bis 1940 (Beginn des Frankreichfeldzuges) als neutral zu betrachten. Die Aktionen der Roten Armee in der »Vorkriegsperiode« laufen offiziell unter der Bezeichnung »Festigung der Sicherheit unserer Westgrenzen«. Das stimmt nicht. Die Grenzen waren sicher, solange neutrale Staaten die Nachbarn der UdSSR waren, solange es keine gemeinsame Grenze mit Deutschland gab und demnach Hitler die UdSSR gar nicht angreifen, geschweige denn einen Überraschungsangriff durchführen konnte. Aber Stalin hatte planmäßig die neutralen europäischen Staaten beseitigt, um eine gemeinsame Grenze mit Deutschland herzustellen. Das konnte die Sicherheit der sowjetischen Grenzen niemals vermehren.
Wenn wir jedoch schon die Aggression gegen sechs neutrale europäische Staaten mit dem Terminus »Stärkung der Sicherheit unserer Grenzen« belegen, warum wenden wir denselben Terminus nicht bei Hitler an? Hatte er etwa durch die Besetzung der Nachbarländer nicht die Sicherheit seiner eigenen Grenzen gestärkt?
Man hält mir entgegen, die Sowjetunion habe in der »Vorkriegsperiode« keinen permanenten Krieg geführt, es habe sich um eine Reihe von Einzelkriegen und Invasionen mit dazwischenliegenden Pausen gehandelt. Aber schließlich hat auch Hitler eine Reihe von Kriegen mit Pausen dazwischen geführt.
Weshalb messen wir bei ihm mit anderem Maß?

Man ereifert sich mir gegenüber: Die Sowjetunion habe in der »Vorkriegsperiode« niemandem offiziell den Krieg erklärt, weshalb man ihr auch keine Beteiligung am Krieg nachsagen könne. Aber ich bitte Sie, auch Hitler hat nicht immer formal den Krieg erklärt. Folgt man den Verlautbarungen der sowjetischen Propaganda, dann hat auch am 22. Juni 1941 niemand irgendwem formal den Krieg erklärt. Weshalb also gilt dieses Datum als Grenzscheide zwischen Frieden und Krieg?

Der 22. Juni ist ein Durchschnittsdatum in der Militärgeschichte. Es ist schlicht der Tag des Einsetzens von Kampfhandlungen seitens der Streitkräfte des einen Staates gegen die Streitkräfte eines anderen Staates im Verlauf eines Krieges, an dem beide Staaten längst beteiligt sind. Der ertappte Bandit berichtet das Vorgefallene von dem Augenblick an, als er selbst verbrecherisch angegriffen wurde, und verschweigt dabei, daß auch er bis dahin auf der Straße die Menschen ausgeraubt und erschlagen hat.
Die rote Propaganda beginnt, ähnlich wie der ertappte Verbrecher, mit der Darstellung der Geschichte des Krieges von dem Augenblick an, da fremde Truppen auf sowjetischem Territorium erscheinen, und malt so das Bild der Sowjetunion als unschuldiges Opfer. Hören wir endlich auf, uns als unschuldiges Opfer hinzustellen!
Laßt uns an die wirklich Unschuldigen denken, die in der »Vorkriegsperiode« unter den Bajonetten der Befreiungsarmee umgekommen sind. Laßt uns die Geschichte des Krieges nicht erst vom 22. Juni an schreiben, sondern von dem Augenblick, als kommunistische Soldaten ohne Kriegserklärung dem verblutenden Polen in den Rücken fielen, dessen heldenhafte Truppen in einem ungleichen Kampf das Vordringen Hitlers nach Osten aufzuhalten bemüht waren. Laßt uns die Geschichte des Krieges nicht einmal erst mit diesem Tage beginnen, sondern da, wo Stalin den Entschluß zu diesem Kriege faßte.

2.
Im Morgengrauen des 1. September 1939 begann die deutsche Wehrmacht den Krieg gegen Polen. Aber im zwanzigsten Jahrhundert bedeutet ein Krieg in Europa automatisch einen Weltkrieg. Der Krieg hatte in der Tat schnell auch Europa erfaßt und fast die ganze Welt.
In einem seltsamen Zusammentreffen der Ereignisse verabschiedete an dem nämlichen 1. September 1939 der Oberste Sowjet auf seiner vierten außerordentlichen Sitzung das Gesetz von der allgemeinen Wehrpflicht. Ein erstaunlicher Vorgang: Solange man Hitler den Kindern (und Erwachsenen) als Schreckgespenst hinstellte, ihn zum Ungeheuer und Kannibalen abstempelte, war man ohne die Wehrpflicht ausgekommen. Jetzt aber, da der Nichtangriffspakt unterzeichnet ist, wird die allgemeine Wehrpflicht nötig. Der September 1939 ist der Beginn eines »seltsamen Krieges« (»drole de guerre«) im Westen. Im Osten begann in demselben Monat ein nicht weniger seltsamer Friede.
Wozu eigentlich braucht die Sowjetunion eine allgemeine Wehrpflicht? Die Antwort der Kommunisten kommt wie aus einem Munde: An diesem Tag begann der Zweite Weltkrieg, wir wollten nicht hineingezogen werden, trafen jedoch unsere Sicherheitsvorkehrungen. Marschall der Sowjetunion K. A. Merezkow ist einer von vielen, der bestätigt, das Gesetz sei von immenser Bedeutung gewesen und »unter den Bedingungen des bereits ausgebrochenen Zweiten Weltkrieges« verabschiedet worden. (Im Dienst für das Volk. Moskau 1968, S. 181)

Aber versuchen wir nun, uns die polnisch-deutsche Grenze an jenem historischen Morgen vorzustellen: Dunkelheit, Nebel, Schüsse, Motorenlärm. Es gibt kaum einen Menschen in Polen, der begreift, was da vor sich geht: Ist es eine Provokation oder ein spontan ausgebrochener nichtsanktionierter Konflikt? Unsere Abgeordneten des Obersten Sowjets allerdings wissen es bereits: Das ist keine Provokation, das ist kein Konflikt, das ist kein deutsch-polnischer und nicht einmal ein europäischer Krieg, sondern der Ausbruch eines Weltkrieges. Wir – die Abgeordneten – müssen uns unverzüglich in Moskau versammeln (zu einer außerordentlichen Sitzung) und die entsprechenden Gesetze verabschieden. Unerfindlich bleibt nur, weshalb diese selben Abgeordneten nicht ebenso schnell reagierten, als sich Ähnliches an der sowjetisch-deutschen Grenze 1941 ereignete.
Am Morgen des 1. September wußte nicht nur die polnische Regierung, wußten nicht nur die Regierungen der westlichen Länder nicht, daß ein neuer Weltkrieg ausgebrochen war, nein, selbst Hitler wußte es nicht. Er begann den Krieg gegen Polen in der Hoffnung, daß es bei einer lokal begrenzten Operation bleiben würde wie schon seinerzeit bei der Besetzung der Tschechoslowakei. Und das ist keine Goebbelssche Propaganda. Sowjetische Historiker äußern sich ebenso.
Generaloberst der Luftstreitkräfte A. S. Jakowlew (zu jener Zeit persönlicher Referent Stalins): »Hitler war überzeugt, daß England und Frankreich für Polen nicht kämpfen würden.« (Ein Lebensziel. Moskau 1968, S. 212)

Hitler weiß also nicht, daß er den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat, aber die Genossen im Kreml, die wissen es ausgezeichnet! Und noch etwas: Der Weg nach Moskau ist ziemlich weit. Einige Abgeordnete brauchen sieben bis zehn, manche sogar zwölf Tage, um nach Moskau zu gelangen. Das aber bedeutet, daß für diese Erörterung über den in Europa ausgebrochenen Krieg jemand noch vor Ausbruch des Krieges den Abgeordneten ein Signal zur Zusammenkunft im Kreml gegeben hatte. Ich gehe noch weiter: vor der Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop- Pakts.
Jeder beliebige Versuch, das genaue Datum für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und den Eintritt der UdSSR in diesen Krieg zu bestimmen, führt uns unweigerlich zum Datum des 19. August 1939.
Stalin hat wiederholt und früher schon auf Geheimkonferenzen seinen Plan zur »Befreiung« Europas dargelegt: Europa muß in einen Krieg verwickelt werden – unter Wahrung der eigenen Neutralität -, und erst dann, wenn sich die Gegner gegenseitig hinreichend geschwächt haben, gilt es, die geballte Macht der Roten Armee in die Waagschale zu werfen. (Stalin unter Berufung auf Lenin 1924 in den Vorlesungen an der Swerdlow-Universität »Über die Grundlagen des Leninismus«, Werke VI, S. 158, und in seiner Rede auf dem Plenum des ZK am 19.1. 1925, Werke VII, S.140).

Auf der Sitzung des Politbüros am 19. August 1939 wurde der endgültige Beschluß zur Realisierung dieses Planes gefaßt. Nachrichten über diese Sitzung des Politbüros und die dabei gefaßten Beschlüsse gelangten umgehend in die westliche Presse. Die französische Agentur Havas veröffentlichte eine Meldung über die verabschiedeten Beschlüsse. (Vgl. E. Jäckel in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Oktober 1958, S. 383, unter Bezugnahme auf die in Genf erschienene »Revue de droit international«, Nr. 3, Juli-September 1939, S. 247ff.)
Wie konnte ein streng geheimes Protokoll des Politbüros in die Hände der westlichen Presse gelangen? Ich weiß es nicht. Es sind jedoch mehrere Wege denkbar. Einer der wahrscheinlichsten hätte der folgende sein können: Ein Mitglied des Politbüros oder auch mehrere gemeinsam konnten, aufgeschreckt durch Stalins Pläne, zu dem Schluß gekommen sein, daß man ihn aufhalten müsse. Ein offener Protest war nicht möglich. Also blieb nur ein Weg, um Stalin zum Verzicht auf seine Pläne zu bewegen: die Veröffentlichung dieser Pläne im Westen. Mitglieder des Politbüros, besonders diejenigen, welche die Rote Armee, die Rüstungsindustrie, die militärische Aufklärung, den NKWD, die Propagandaabteilung, die Komintern kontrollierten, hatten durchaus die Möglichkeit dazu. Eine solche Version wäre nicht so phantastisch, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. 1917 hatten die Mitglieder des Politbüros Sinowjew und Kamenew, um den Oktoberumsturz zu sabotieren, Lenins und Trotzkis Pläne in der »bürgerlichen« Presse veröffentlicht. Ich muß wiederholen, daß ich nicht weiß, wie das Dokument in den Westen gelangte, und möchte nur hervorheben, daß es Mittel und Wege gab, wie es dorthin geraten konnte.
Stalin reagierte auf die Meldung von Havas blitzschnell und in ganz ungewohnter Weise. Er meldete sich am 30. 11. 1939 in der »Prawda« mit einem Dementi zu Wort. Ein Dementi von Stalin ist ein sehr ernstzunehmendes Dokument, das man in seinem vollständigen Wortlaut lesen muß. Hier ist der Text:
»ZU EINER LÜGENMELDUNG DER NACHRICHTENAGENTUR HAVAS
Ein Redakteur der >Prawda< hat sich an den Genossen Stalin mit der Frage gewandt, was Genosse Stalin zu der Meldung der Agentur Havas über die >Stalinrede< meine, die er angeblich >im Politbüro am 19. August< gehalten haben solle, in der er angeblich den Gedanken ausgeführt habe, daß >der Krieg möglichst lange fortgesetzt werden müsse, damit sich die kämpfenden Parteien gegenseitig erschöpfen< . Genosse Stalin hat folgende Antwort geschickt: >Diese Meldung der Agentur Havas ist wie viele andere ihrer Meldungen ein Lügengeschwätz. Ich kann natürlich nicht wissen, in welchem Cafe-chantant dieses Lügengeschwätz fabriziert worden ist. Aber wie sehr auch die Herrschaften in der Agentur Havas lügen mögen, so können sie doch nicht in Abrede stellen,
a) daß nicht Deutschland Frankreich und England angegriffen hat, sondern daß Frankreich und England Deutschland angegriffen und damit die Verantwortung für den gegenwärtigen Krieg auf sich genommen haben;
b) daß Deutschland nach der Eröffnung der Kampfhandlungen Frankreich und England Friedensvorschläge unterbreitet und daß die Sowjetunion diese Friedensvorschläge Deutschlands offen unterstützt hat, weil sie der Auffassung ist und dies auch weiterhin sein wird, daß eine schnellstmögliche Beendigung des Krieges in entscheidender Weise die Lage aller Länder und Völker erleichtern würde;
c) daß die herrschenden Kreise Englands und Frankreichs in brüsker Form sowohl die Friedensvorschläge Deutschlands wie auch die Versuche der Sowjetunion, eine schnellstmögliche Beendigung des Krieges zu erreichen, abgelehnt haben. Das sind die Tatsachen. Was können die Cafe-chantant-Politiker aus der Agentur Havas dem entgegenstellen? – I. Stalin«

Der Leser möge selbst entscheiden, was hier Lügengeschwätz ist – die Meldung von Havas oder Stalins Dementi. Ich glaube, selbst Stalin hätte einige Zeit später schwerlich seine eigenen Worte wiederholt. Es ist nicht uninteressant, daß die »Prawda« vom 30.11. 1939 in der Sowjetunion praktisch nicht mehr existiert. Ich mußte verwundert feststellen, daß selbst im Spezialsafe des Archivs der Hauptverwaltung Militärische Aufklärung diese Ausgabe nicht vorhanden ist. Sie ist seit langem vernichtet. Erst im Westen konnte ich sie auftreiben.
Die offene Verlogenheit von Stalins Dementi und der für Stalin beispiellose Verlust an Gelassenheit sprechen zugunsten der Agentur Havas. Im vorliegenden Fall hatte man eine ungemein empfindliche Saite angerührt, und daher diese Resonanz. In den Jahrzehnten sowjetischer Machtausübung war in der westlichen Presse über die Sowjetunion und über Stalin viel geschrieben worden. Man hatte den Bolschewiken und Stalin persönlich sämtliche Todsünden angelastet, hatte von Stalin behauptet, er sei ein Polizeispitzel gewesen, habe seine Frau ermordet, er sei ein Despot, Sadist, Diktator, Henker usw. Doch Stalin hatte sich nie auf eine Polemik mit den »bürgerlichen Schmierfinken« eingelassen. Weshalb hat sich der schweigsame, kaltblütige Stalin ein einziges Mal zu öffentlichem Gezeter und billigen Beleidigungen hergegeben?
Es bleibt nur die eine Antwort:
Die Agentur Havas hatte die geheimsten Absichten Stalins bloßgelegt. Eben deshalb reagiert Stalin in so ungewohnter Weise. Es ist ihm völlig gleichgültig, was künftige Generationen von ihm denken werden, ihm ist im gegebenen Augenblick lediglich daran gelegen, seinen Plan für die nächsten zwei bis drei Jahre geheimzuhalten, bis die europäischen Länder einander in einem Vernichtungskrieg geschwächt haben.

Wir wollen uns für ein paar Minuten Stalins Argumentation anschließen: Ja, die Havas-Meldung ist ein »Lügengeschwätz, fabriziert in irgendeinem Cafe-chantant«. In diesem Falle dürfen wir unsere anerkennende Bewunderung den Journalisten der Agentur Havas nicht vorenthalten. Wenn sie tatsächlich ihre Meldung erfunden haben, dann ist dies aufgrund einer gründlichen Kenntnis des Marxismus-Leninismus, von Stalins Charakter und einer sorgfältigen wissenschaftlichen Analyse der militärpolitischen Situation in Europa erfolgt. Die Journalisten von Havas hätten die Situation natürlich weit besser als Hitler und die Führer der westlichen Demokratien begriffen. War die Havas- Meldung bloß erfunden, dann ist hier gerade der Fall eingetreten, daß das Erfundene vollkommen der Realität entspricht.

Viele Jahre später, als jedermann längst die Havas-Meldung und Stalins Dementi vergessen hatte, erschien in der Sowjetunion die dreizehnbändige Ausgabe der Werke Stalins (1949-1951). Darin sind auch Stalins Reden auf den Geheimsitzungen des ZK enthalten. Im Jahre 1939 hatten die Journalisten von Havas keinen Zugang zu diesen Reden. Aber die Publikation von Stalins Werken bestätigt, daß Stalins Plan einfach und genial zugleich gewesen war, und gerade so beschaffen, wie ihn die französischen Journalisten beschrieben hatten. Schon 1927 hatte Stalin auf einer geschlossenen Sitzung des ZK den Gedanken ausgesprochen, daß man im Falle eines Krieges so lange die eigene Neutralität wahren müsse, »bis sich die einander bekämpfenden Parteien in einem Kampfe, dem sie nicht gewachsen sind, geschwächt haben«.
Dieser Gedanke wurde hernach mehrere Male auf geschlossenen Sitzungen wiederholt. Stalin rechnete damit, daß im Falle eines Krieges in Europa die Sowjetunion unweigerlich mitbeteiligt sein würde, aber sie sollte als letzte in diesen Krieg eintreten, um »das entscheidende Gewicht in die Waagschale zu werfen, das Gewicht, das den Ausschlag geben dürfte«.

Es ist interessant, daß zwei Nachfolger Stalins, Chruschtschow und Breschnew, seine Absicht, Europa in einem Krieg zu zermürben, selbst aber neutral zu bleiben, um es anschließend »befreien« zu können, bestätigt haben. Aber auch Stalins Vorgänger hatten dasselbe gesagt. Als Stalin seinen Plan im engen Kreise der Mitstreiter begründete, zitierte er einfach Lenin und unterstrich dabei, daß die Idee von Lenin stamme. Doch selbst Lenin kann darin keine Originalität für sich beanspruchen. Er hatte seine Ideen aus dem unerschöpflichen Reservoir des Marxismus geschöpft. In dieser Hinsicht ist ein Brief von Friedrich Engels an Eduard Bernstein vom 12. Juni 1883 von Interesse: »Alle diese diversen Lumpenhunde müssen sich erst gegenseitig kaputtmachen, total ruinieren und blamieren und uns dadurch den Boden bereiten.« (Karl Marx, Friedrich Engels. Werke, Bd. 36, S. 37
Stalin unterschied sich von seinen Vorläufern und Nachfolgern dadurch, daß er weniger redete und mehr handelte.

3.
Es ist ungemein wichtig zu wissen, was Stalin auf der Sitzung des Politbüros am 19. August 1939 gesagt hat. Aber selbst wenn wir dies nicht durch die Havas-Meldung erfahren hätten, sehen wir doch seine Taten, und diese verraten noch viel deutlicher seine Absichten. Bereits vier Tage nach der Sitzung des Politbüros im Kreml erfolgt die Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop- Paktes, die bedeutendste Leistung der sowjetischen Diplomatie während ihrer ganzen Geschichte und der glänzendste Sieg Stalins in seiner ganzen außergewöhnlichen Karriere.
N. Chruschtschow berichtet in seinen Memoiren von Stalins Freudenschrei nach der Unterzeichnung des Vertrages: »Ich habe Hitler hinters Licht geführt!« (N. Chruschtschow, Erinnerungen, Bd. 2. New York 1981, S. 69).
Stalin hatte Hitler in der Tat gewaltig hinters Licht geführt. Schon zwei Wochen nach der Unterzeichnung des Paktes hatte Hitler einen Zweifrontenkrieg, das heißt, Deutschland war von allem Anfang an in eine Lage geraten, in der es den Krieg nur noch verlieren konnte (und auch verlor). Mit anderen Worten: Am 23. August hatte Stalin den Zweiten Weltkrieg gewonnen, noch ehe Hitler ihn begann.

Erst im Sommer 1940 begriff Hitler, daß er hinters Licht geführt worden war. Er versuchte noch einmal, Stalin zuvorzukommen, aber da war es bereits zu spät. Hitler konnte nur noch auf glänzende taktische Siege hoffen, doch die strategische Lage Deutschlands war katastrophal. Es war erneut zwischen zwei Mühlsteine geraten: auf der einen Seite Großbritannien mit seinen unzugänglichen Inseln (und den USA in seinem Rücken), auf der anderen Seite Stalin.
Hitler wandte sich nach Westen, doch war ihm völlig bewußt, daß Stalin einen Angriff vorbereitete, daß er mit einem Schlag die Erdölaorta in Rumänien durchtrennen und die gesamte deutsche Industrie, Deutschlands Heer, seine Luftwaffe und die Flotte lahmlegen konnte. Als Hitler sich nach Osten wandte, setzten die strategischen Bombardierungen und anschließend die Invasion der Alliierten von Westen her ein.
Man sagt, Stalin habe nur dank der Hilfe Großbritanniens und der USA gesiegt. Wie wahr! Doch eben darin besteht gerade Stalins Größe, daß er, der Hauptfeind des Westens, diesen Westen zur Verteidigung und Festigung seiner Diktatur auszunutzen verstand. Gerade darin erweist sich Stalins Genialität, daß er seine Gegner zu entzweien verstand.  . . .

Die starke Kürzung und die Hervorhebungen im Text sind von mir. Das komplette Werk können sie als pdf bei mir erhalten:  info@horst-koch.de
Horst Koch, Herborn,  im Januar 2017
www.horst-koch.de

image_pdfimage_print