Einheit der Christen und Jesus

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Bernhard Kaiser

 

Die Einheit der Christen – was hat Jesus damit gemeint?        

 

„Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast.“ (Joh. 17, 20 – 21)

 

1. Warum sind die Christen eins?

Die Tatsache, daß Jesus seinen Vater im Himmel um die Einheit der Christen bittet, zeigt, daß die Einheit unter Christen nicht von Menschen gemacht werden kann, sondern eine Gabe Gottes ist. Einheit der Christen kann nicht aus Impulstouren, gruppendynamischen Experimenten, Ökumenebestrebungen oder gar Waffengewalt kommen. Angesichts des Egoismus und der Streitsucht unter Menschen ist das einleuchtend. Nur Gott kann wirklich Frieden schaffen. Gott aber will die Einheit der Christen. Es ist darum undenkbar, daß Jesu Bitte nicht erhört worden wäre oder erhört würde. Gott hat alles getan und tut alles, damit die Christen eins sein können. Dazu gehört vor allem, dass er seinen Sohn gesandt hat, um sie zu erlösen und sie zu einem Leib, zu der einen apostolischen Kirche, zusammenzubringen und dieser seiner Kirche das Heil zu geben. Die Einheit der Christen, die uns die Bibel vorstellt, ist allerdings nicht eine äußerliche, organisierte oder in einer menschlichen Hierarchie bestehende Einheit, sondern eine solche, die aus der Verbindung mit Christus erwächst.

Jesus hat bei seiner Bitte seine Einheit mit dem Vater vor Augen. Diese ist für uns gefallene Menschen eigentlich nicht auszuloten, weil Jesus wirklich Gottes Sohn und in seinem Wesen Gott ist. Dies gehört zu den Geheimnissen der Dreieinigkeit. Was wir aber anhand der Bibel an dem menschgewordenen Gottessohn sehen, ist die Einheit mit dem Vater in der Gesinnung, in der Liebe, im Wollen und im Handeln.

Einheit mit Christus verbindet die Christen

Indem ein Mensch durch das von Heiligen Geist gegebene apostolische Wort, das gepredigt oder gelesen wird, zum Glauben kommt, kommt er mit Gott in Verbindung. Diese Verbindung ist ähnlich der zwischen dem Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn: So wie sie verbunden sind, sollen auch die Christen mit Christus verbunden sein. Die Christen sind also nicht zuerst untereinander eins, sondern mit Christus. Erst aus der Gemeinschaft mit ihm erhalten sie ihre Einheit untereinander. Dies wird auch durch das Bild vom Leib bestätigt. Paulus macht in Eph 4,15-16 deutlich, daß Christus das Haupt ist, von dem her und zu dem hin der Leib erbaut wird. Wo rechte Einheit mit Christus ist, dort ist auch Einheit unter den Christen. Das Bild vom Leib macht zugleich deutlich, daß Christen nicht gleichgeschaltet werden. So, wie jedes Glied am Leib seine bestimmte Aufgabe hat, so hat auch ein jeder Christ in seiner Gemeinde eine bestimmte Aufgabe. Aber dort, wo ein jeder in rechter Weise Christus zu- und untergeordnet ist, entsteht Einheit.

Wie kommt die Verbindung mit Christus zustande? Jesus macht in seinem Gebet deutlich, daß Menschen durch das Wort der Apostel zum Glauben an ihn kommen. Das Wort der Apostel spielt in der Begründung der Einheit der Kirche die entscheidende Rolle. Johannes sagt in 1Joh 1,3: „was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“

Sehr eindeutig wird damit das Wort der Apostel als gemeinschaftsstiftend ausgewiesen. Die Apostel verkündigen den fleischgewordenen Christus, und wer ihr Wort hört, kommt zur Gemeinschaft der Apostel hinzu. Weil deren Gemeinschaft mit Gott in Christus ist, bekommt, der, der ihr Wort hört und glaubt, an der Gemeinschaft mit Christus teil. Gott redet also durch den Mund der Apostel und schafft sich sein Volk, das an ihn glaubt und in diesem Glauben Gemeinschaft untereinander hat. Die Einheit der Christen ist also von Gott gewirkt und besteht im gemeinsamen Glauben. Der Glaube wird erkennbar am Bekenntnis. Der Christ weist sich als Christ aus, indem er im Einklang mit der Bibel sagt, was er glaubt. Darum hat die Christenheit zu allen Zeiten ihren gemeinsamen Glauben mit Worten bekannt. Das Bekenntnis ist ein Lob Gottes, denn der, der seinen Glauben bekennt, gibt Gott recht und ehrt ihn mit seinem Wort. Es ist also nur dort die von Gott gewirkte Einheit, wo man Gott in einem Sinne lobt.

Der Glaube ist nach biblischem Verständnis in der Liebe tätig. Lebendiger Glaube tut immer Werke der Liebe. Doch stellt die Liebe die Einheit nicht her. Sie ist vielmehr Ausdruck der Einheit. Wenn es echte, christliche Liebe ist, dann fragt sie nach dem gemeinsamen Glauben und sucht den Konsens mit dem Bruder oder der Schwester im Bekenntnis. Die Liebe kann also nicht auf das Wort Gottes verzichten, denn sie lebt vom diesem her. Erst auf dieser Basis entsteht eine gegenseitige Wertschätzung. Erkennt man die gemeinsame Bewußtseinsbindung anhand dessen, was der andere sagt, ergibt sich daraus geradezu von selbst die Liebe zum Bruder bzw. zur Schwester.

2. Warum sind Christen uneins?

Es ist immer wieder ein Stein des Anstoßes, daß gerade unter Christen keine Einigkeit besteht. Egoismus, Machtgier und -kämpfe, Lüge, Streitsucht und ähnliche Dinge mehr sind es, die die Gemeinden entzweien. Sie zerstören das Vertrauen in den Bruder und verhindern ein gemeinsames Handeln aus Glauben. Die Quelle der Uneinigkeit ist also die menschliche Sünde. Der sündige Drang nach Macht ist ein häufiges Motiv für das Handeln eines Christen. Sowohl die örtliche Gemeinde als auch ein Gemeindeverband oder eine landesweite Kirche sind willkommene Foren, um über andere Menschen zu herrschen, und es liegt ein geradezu natürlicher Reiz darin, solche Foren zu besetzen. Schnell stoßen so unterschiedliche Interessen aufeinander. Das war schon in der neutestamentlichen Christenheit so (vgl. Röm 16,17-18; Phil 1,15-17, 2Joh 9-11 u.v.a.).

Doch selbst wenn man diesen Faktoren achtsam begegnet und Entzweiungen aus solchen „menschlichen“ Gründen zu vermeiden sucht, bleibt immer noch das Problem, daß man die Bibel falsch verstehen kann. Der Mensch – auch der Christ – kann irren. Dadurch kommen unterschiedliche Ansichten zustande, etwa auch zur Frage, wie der Mensch gerettet wird. Dies ist nicht weniger eine Ursache von Spaltungen. Diese unterschiedlichen und teils widersprüchlichen lehrmäßigen Überzeugungen sind das eigentliche Problem, denn sie scheinen der oben vertretenen Ansicht, daß das biblische Wort die Einheit der Gemeinde stifte, direkt entgegenzustehen.

Der Grund für diese Art Uneinigkeit liegt ebenfalls in der menschlichen Sünde, nämlich in der Blindheit des menschlichen Herzens, das Evangelium richtig zu verstehen. Der Grund liegt nicht in der mangelnden Klarheit der Bibel, sondern darin, daß Menschen die biblischen Aussagen in ihrem für den gefallenen Menschen typischen Denken mißverstehen oder gar aktiv verdrehen. Manchmal geschieht das sogar mit dem guten Willen, der Kirche zu dienen, und nicht selten mit dem Etikett der Bibeltreue. Wenn also in der christlichen Welt widersprüchliche Sichtweisen zu lehrmäßigen Fragen zu finden sind, dann ist das keineswegs eine Bereicherung, wie man immer wieder versichert, sondern vielmehr ein Zeichen der geistlichen Armut und eine Folge der Sünde und des Unglaubens.

 

3. Rechte Einheit

3.1. Einheit durch das gemeinsame Hören auf Gottes Wort

Wenn Jesus darum bittet, daß der Vater die Gläubigen in der Wahrheit heiligen möge und hinzufügt, daß sein Wort die Wahrheit sei, dann liegt es auf der Hand, daß er das Wort als das Mittel ansieht, der Sünde, dem Grundschaden der Menschen, zu begegnen und Menschen zu seinen Kindern zu machen. Die Einheit der Kirche müssen wir also dort suchen, wo sie herkommt: bei Gott und seinem Wort. Logischerweise hat die Einheit dann auch die Gestalt der Lehr- und Bekenntniseinheit. Denn es gilt, gemeinsam auf die heilige Schrift zu hören, und nicht nur Meinungen über die Auslegung der Bibel auszutauschen oder religiöse Erlebnisse zu berichten. Dann muß eine lehrmäßige Äußerung anhand der Schrift selbst bewiesen werden. Das forderte Luther bereits im Jahre 1520 in seiner Schrift „Grund und Ursache aller Artikel, so durch die römische Bulle unrechtlich verdammt worden sind“. In dieser Schrift stellte er die Klarheit der Schrift und ihre Autorität heraus und forderte, daß sie der Maßstab sei für alle Lehre (vgl. MüA 2, 307 und WA 7,317). Wenn also in der Kirche etwas gelehrt wird und gelten soll, dann hat es nur dann rechtmäßige Geltung, wenn es durch die Schrift gedeckt ist. Was sich nicht durch die Schrift decken läßt, darf keine Geltung beanspruchen.

In der gemeinsamen Unterordnung unter die Schrift kommt Einheit zustande. Dabei kann es auch nicht darum gehen, widersprüchliche Ansichten durch den scheinbar biblischen Hinweis, unser Erkennen sei Stückwerk, zu vernebeln. Auch wenn wir nur bruchstückhaft erkennen, können wir doch richtig erkennen. Freilich: Immer wieder müssen wir unsere Ansichten in das Licht der heiligen Schrift stellen, um von ihr her beurteilt zu werden. Das heißt, daß der rechte Christ, der die Irrtumsfähigkeit seines Herzens erkannt hat, immer wieder bei der Schrift anklopft und erfahren will, was sie sagt, und daß er bereit ist, sich von ihr korrigieren zu lassen. Es heißt auch, daß man sich Zeit läßt im gemeinsamen Hören auf die Schrift und eine vielleicht überflüssige Trennung nicht  vorzeitig erzwingt. Man darf aber nicht unter Verweis auf unsere Irrtumsfähigkeit das Hören und Nachsprechen dessen, was die Schrift sagt, preisgeben zugunsten einer im gemeinsamen religiösen Erleben oder im „Dienst“ gründenden Einheit.

Sagen wir es anders: Indem Gott durch sein Wort Menschen überzeugt, schafft er die Einheit unter diesen Menschen. Es geht ja nicht um die Unterwerfung unter einen papierenen Papst, sondern darum, daß Gott durch sein Wort schöpferisch tätig ist und freie Überzeugungen, Glauben und Liebe schafft. Dann ist es so, daß man die Einheit mit dem Mitchristen anhand der gemeinsamen und durch die Bibel gedeckten Ansichten erkennt und Gott loben kann für das Wunder des gemeinsamen Glaubens.

3.2. Die Einheit der Kirche

Können wir nun immer noch von der einen Kirche sprechen? Sind nicht die Christen in vielen Denominationen verstreut? Es besteht wohl kein Zweifel, daß einzelne Christen, die im rechten Glauben stehen, sich in allen Denominationen einschließlich der römischen Kirche finden. Doch das berechtigt uns nicht, die Einheit der Kirche auf denominationellem Wege zu beschaffen. Die Einheit der Kirche ist vielmehr eine vom Heiligen Geist geschaffene Wirklichkeit. Die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche ist dort, wo sich die Heiligen versammeln und Gottes Wort rein gepredigt und die Sakramente recht verwaltet werden (Augsburgisches Bekenntnis, Art. 7). Dort wird sie sichtbar. Die rechte Einheit ist also dort, wo Christen sich versammeln, um gemeinsam den dreieinigen Gott zu loben, auf Gottes Wort zu hören, das von geeigneten und rechtmäßig berufenen Predigern verkündigt wird, und wo sie in Taufe und Abendmahl an demselben, biblischen Christus teilbekommen. Sie werden auch den gemeinsamen Glauben mit anderen Gemeinden teilen und mit diesen einen gemeinsamen Weg gehen, mithin also eine Synode bilden. Das geschieht nicht, um, eine zahlenmäßig große und eindrucksvolle Organisation zu schaffen, sondern um die bereits bestehende Gemeinschaft im Glauben zum Ausdruck zu bringen. Die Einheit der Christen und der Gemeinden ist ja von Christus her bestimmt, sie ist von ihm gewirkt und in ihr steht ihre missionarische Kraft. Sie ist nicht Sache einer organisierten Hierarchie, sondern die Verantwortung der Gemeinde und ihrer Leitung  vor Ort.

Unsichtbare Einheit

Im übrigen aber ist die Einheit der Kirche verborgen, weil die Gemeinschaft der Christen, die recht mit Christus verbunden sind, in diesem Zeitalter noch nicht offenbar ist. Damit sage ich zugleich, dass eine organisatorische Einheit der Christen aufgrund der biblischen Perspektiven überhaupt nicht beabsichtigt ist, schon gar nicht die Einheit in einer Papstkirche. Daß wir aber eine rechte, schriftgegründete Einheit im gegenwärtigen protestantischen Umfeld nicht haben, ist ein Zeichen unserer bitteren geistlichen Armut.

Wenn eine Gemeinde, eine Kirche, eine Bewegung oder ein Werk Risse aufweist und sich in Fragen des Glaubens und des Bekenntnisses nicht mehr einig ist, dann haben solche Spaltungen nach 1Kor 11,19 den positiven Sinn, daß sie die Rechtschaffenen offenbar machen. Spaltungen sind also nicht immer so negativ, wie sie heute bewertet werden.

In den Kirchen der EKD ist bei dem gegenwärtigen Lehrchaos und dem Abgleiten in schriftwidrige Positionen Einheit im biblischen Glauben nicht mehr zu erkennen. Sollte in einer solchen Kirche oder Gemeinde ein biblisches Bekenntnis nicht mehr gelten, dann wird sich rechter Glaube in Form neuer Gemeinden und Kirchen Bahn schaffen. Das gilt auch für Gemeinschaften und Freikirchen. Solche Trennungen sind menschlich gesehen zumeist schmerzlich. Aber was nützt die ständige gegenseitige Behinderung durch widersprüchliche Worte und Absichten? Dann ist es besser, wenn man sich gegenseitig freigibt. Unterschiedliche Ansichten zu haben und getrennte Wege zu gehen heißt ja nicht, daß man sich gegenseitig mit Waffengewalt bekämpft. Aber es heißt, daß man anerkennt, nicht mit einer Stimme Gott zu loben. Es wird auch bedeuten, daß die rechte Kirche falsche Lehre als solche aufweist und ausscheidet.

 

4. Falsche Einheit

4.1. „Lehre trennt, Dienst eint“

So lautete das geflügelte Wort eines Ökumenikers der Nachkriegszeit. Es prägte die Ökumenebewegung in den Evangelischen Landeskirchen. Seit längerer Zeit prägt es auch das Denken im evangelikalen Bereich, hier wohl auch im Blick auf die jährliche Allianz-Gebetswoche in der Variante „Gebet eint“. Aber es ist angesichts der biblischen Aussagen falsch. Es mag zwar sehr eindrucksvoll sein, wenn man etwa eine Evangelisation auf überkonfessioneller Ebene organisiert und dabei alle lehrmäßigen Besonderheiten um der gemeinsamen Sache willen zurückstellt, wie dies häufig bei Evangelisationen auf Allianzebene geschieht. Wenn es aber eine Evangelisation sein soll, die Menschen wirklich zum Glauben an das Evangelium ruft, dann können nicht die methodistische Gemeinde die menschliche Entscheidung für Jesus, die neulutherische ein nicht näher bestimmtes Bußerlebnis, die charismatische das Erlebnis der Geistestaufe, die pietistische die Wiedergeburt und die katholische die Teilhabe am Sakrament gleichzeitig zum Ziel ihrer Aktivitäten machen. Will man wirklich gemeinsam evangelisieren, dann kann man sich nicht um eine erkennbare Einheit in klaren und schriftgemäßen Formulierungen drücken. Man muß gemeinsam sagen können, was der Inhalt des Evangeliums ist. Man kann nicht Widersprüchliches behaupten  und so tun, als würde man dasselbe meinen.

Es ist kein Grund zum Stolz, wenn in einer Kirche oder einer überkonfessionellen Bewegung Lehrpluralismus herrscht. Damit sagt man, daß das biblische Wort nicht Maßgabe ist und daß man irrenden Mitarbeitern in der gemeinsamen Aktion das Recht zubilligt, ihre Ansichten zu verbreiten, ohne sie ins Licht der Schrift zu stellen. Es ist eben problematisch, wenn man beim gemeinsamen Gebet oder der gemeinsamen Aktion merkt, daß der Glaube des einen dem des anderen widerspricht. Es ist für das Reich Gottes nutzlos, diesen Tatbestand vernebelnd als gegenseitige Ergänzung anzusehen. Tatsache ist, daß man Gott dann nicht nach Maßgabe des einen biblischen Glaubens lobt. Es ist nicht ein Glaube, sondern vielerlei Glaube.

4.2. Geschwisterlichkeit und die Seele Europas

Neuerdings – so auf dem Europatag in Stuttgart am 8. Mai – wird freilich das Christentum für eine Einheit vereinnahmt, die das biblische Liebesgebot aus seinem Zusammenhang reißt und zu einer postmodernen Forderung nach „Geschwisterlichkeit“ umfunktioniert. Oder sollte man sagen, hier werde die ideologiebeladene Forderung der französischen Revolution nach „Brüderlichkeit“ politisch korrekt neu aufgelegt? Erinnerungen an die Guillotine werden wach.

Noch ganz andere Erinnerungen werden wach, da auf demselben Europatag in einer Grußbotschaft des Papstes und schon mehrfach in früheren Jahren die Forderung nach einer Seele Europas laut wurde. Man denkt, hier setze sich der Papst für christliche oder wenigstens religiöse Bezüge im Leben und in der Verfassung Europas ein. Doch wenn man in die Geschichte schaut, ergibt sich etwas ganz anderes. Die Vorstellung von der „Seele“ des Abendlandes leitete auch das Mittelalter. Es sah die abendländischen Völker als corpus christianum, als einen christlichen Organismus, der beseelt ist vom Christentum. Die Seele ist ja nach antiker und abendländischer Vorstellung das regierende Prinzip im Leib. Diese Funktion beanspruchte vor tausend Jahren die vom Papst geleitete römische Kirche. Sie erzeugte damit die Finsternis des Mittelalters, zu deren Zutaten Papstdiktatur, Inquisition, Bann, gewaltsame Christenverfolgungen Kreuzzüge, Aberglaube, Reliquienverehrung, Ablaßhandel und die unselige Vermischung von Kirche und Staat gehörten. Sollte nun die Seele des neuen Europas wieder in der Leitungsfunktion des Papsttums bestehen (die durch die absurden Ansprüche der Stellvertretung Christi und der Unfehlbarkeit gestützt werden), dann wird Europa wohl eins sein, aber in die Unfreiheit des Mittelalters zurückfallen, die ebenso unfrei und menschenverachtend war wie die kommunistischen Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine solche Einheit ist hoffentlich niemandem willkommen.

Klar, daß auch bei der schönen Illusion der Geschwisterlichkeit Gottes Wort, in Worte gefaßte Wahrheit, überhaupt keine Rolle mehr spielt. Und konsequenterweise haben wir es dann auch nicht mit rechter Kirche zu tun.

5. Einheit ohne Wort?

Die Postmoderne, die Kultur der Nachkriegszeit, hat die Suche nach der Einheit im Wort aufgegeben. Steht einmal fest, daß ein einzelner Mensch nie die ganze Wahrheit hat und haben kann, dann ist das Offenbarwerden von Wahrheit – falls überhaupt – ein Prozeß, in dem unterschiedliche Sichtweisen ausgetauscht, diskutiert und aufeinander abgestimmt werden, so daß eine Art Kompromiß zustandekommt. Das Zauberwort lautet hierbei Dialog. Der Dialog zwischen den unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen soll gewissermaßen das Öl sein, das den Motor des ökumenischen Prozesses am Laufen hält. Nun kann keiner etwas dagegen haben, wenn Menschen miteinander reden. Wenn aber der Dialog nicht zu dem Eingeständnis führen darf, daß man nicht das gleiche denkt und will, sondern nur zur Vernebelung der widersprüchlichen Anschauungen, dann ist jede echte Toleranz gegenüber dem Andersdenkenden nichtig, weil keiner wirklich anders denken und für sich Wahrheit beanspruchen darf. So macht man vielleicht gemeinsame, aber inhaltlich unbestimmte religiöse Erfahrungen. Und  die organisierte Gemeinsamkeit im Nichtwissen macht man zum Grund der Einheit. Das gilt für die Kirchen ebenso wie für den Staat. Eine so organisierte Einheit ist mit dem Versuch vergleichbar, einen Hund und eine Katze am Schwanz zusammenzubinden. Dann hat man wohl eine organisierte Einheit, aber diese Maßnahme macht noch keine Gemeinsamkeit. So macht auch die institutionalisierte Einheit oder die organisierte Zusammenarbeit noch keine Gemeinschaft im Glauben.

Bekennende Kirche sucht die Einheit der Kirche unter dem biblischen Wort, im gemeinsamen Glauben und im gemeinsamen Bekenntnis. Sie kann und muß damit leben, daß es Andersgläubige gibt, denn sie weiß, daß sie das Reich Gottes hier auf Erden nicht haben kann. Darum tritt sie auch für echte Toleranz im gesellschaftlichen Zusammenleben ein und widersteht der Instrumentalisierung der Religion zur Herstellung politischer Einheit, so wie sie umgekehrt auf die Kraft des Wortes Gottes vertraut und nicht  staatliche Organe für ihre Zwecke instrumentalisiert. Sie wird aber nicht müde, innerhalb und außerhalb der Kirche Gottes Recht zu verkündigen, und wenn Gott es gibt, wird sie offene Türen finden

 

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