Ein Vater und sechs Kinder

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Es ist leichter, daß ein Vater sechs Kinder ernährt, als daß sechs Kinder einen Vater ernähren!

 

»Es ist leichter, daß ein Vater sechs Kinder ernährt, als daß sechs Kinder einen Vater ernähren!« Das ist leider eine bittere Wahrheit, die sich millionenfach bestätigt hat. Heutzutage gibt es Sozialversicherungen und auch Altenheime, wohin man Vater und Mutter abschieben kann. Gewiß gibt es schwerste Pflegefälle, die niemand allein zu Hause bewältigen kann. Aber heute leben wir in einer derart materialistischen und egoistischen Gesellschaft, wo man für Vater und Mutter kein Herz und darum auch keinen Platz mehr hat. Früher gab es noch keine Pflegeversicherungen und noch keine Altenheime, da lebten die Eltern noch bei ihren Kindern.
Zwar waren einige als Beamte durch die Pension abgesichert, andere hatten einen Bauernhof und konnten in das Altenteil ziehen, wo sie versorgt wurden. Die selbständigen Handwerker und Kaufleute hatten so viel gespart, daß sie davon leben konnten. Aber immer lebten die Eltern in irgendeiner Weise bei ihren Kindern.

 

»Ehre Vater und Mutter, das ist das erste Gebot, das Verheißung hat:  . . . auf daß dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden!«   Epheser 6, Verse 2 ‑ 3

So hatte sich in alter Zeit ein Mann in Nürnberg zur Ruhe gesetzt und seinen sechs Kindern alle seine Güter übergeben. Seine Frau war schon gestorben und er meinte, daß seine sechs Kinder für ihn sorgen würden. So zog er zu seinem ältesten Sohn. Nach einiger Zeit wurde es diesem aber zu viel und er sprach zu ihm: »Vater, diese Nacht ist uns ein Knäblein geboren, und wo jetzt Euer Armstuhl steht, da soll die Wiege stehen. Wollt Ihr nicht zu meinem Bruder ziehen, der eine viel größere Wohnung hat?«

Da zog der alte Vater zu seinem zweiten Sohn. Als er aber bei diesem eine gewisse Zeit gewesen war, wurde auch der seiner müde und er sprach zu ihm: »Vater, Ihr habt gern eine warme Stube, mir aber tut der Kopf darin weh. Wollt Ihr nicht zu meinem Bruder ziehen, der eine Bäckerei hat? Bei ihm ist es doch immer warm.« So zog der Vater weiter. Als er nun eine Zeitlang bei seinem dritten Sohn gelebt hatte, wurde er auch diesem zur Last und er sprach eines Tages zu ihm: »Vater, bei uns geht es zu wie in einem Taubenschlag. Du kannst gar nicht richtig Dein Mittagsschläfchen halten. Willst Du nicht zu meiner Schwester Käthe ziehen, die an der Stadtmauer wohnt? Bei ihr hast Du doch viel mehr Ruhe als bei uns!«

Der alte Vater merkte nun doch, daß ihn seine drei Söhne und die Schwiegertöchter nicht haben wollten und sprach bei sich selbst: »Wohlan, das werde ich tun! Ich will mich aufmachen und es bei meinen Töchtern versuchen. Die Frauen haben oft ein weicheres Herz!« Als er nun einige Zeit bei seiner Tochter Käthe gewohnt hatte, wurde auch sie seiner überdrüssig. Sie klagte ihm, wie sehr sie sich ängstige, wenn er zur Kirche oder woanders hin gehen wolle und er immer die hohe Treppe herunter mußte. Bei ihrer Schwester Elisabeth brauchte er aber keine Treppe zu steigen, da diese zu ebener Erde wohne. Damit er in Frieden davon kam, zog der Vater nun zu seiner zweitjüngsten Tochter.

Aber auch die wollte den Vater nicht auf Dauer bei sich haben und ließ ihm durch einen dritten zu Ohren kommen, daß ihre Wohnung an der Pegnitz, dem Fluß, der durch ihre Stadt floß, viel zu feucht für einen alten Mann sei, der von Gicht geplagt werde. Ihre Schwester, die jüngste Tochter Lene, die Frau des Totengräbers von St. Johannis, dagegen hätte eine trockene Wohnung. Der Vater glaubte selbst, daß seine Tochter recht haben könnte und zog zu seiner jüngsten Tochter, zu seiner lieben Lene. Doch schon nach zwei Tagen sagte ihr kleines Söhnlein zum Großvater: »Mutter hat gestern zu Tante Elisabeth gesagt, es gäbe für Dich kein besseres Unterkommen, als in einer Kammer, wie sie der Vater auf dem Friedhof gräbt!«

Als der alte Vater hörte, was seine Töchter da über ihn gesprochen hatten, brach ihm das Herz. Er sank in seinem Lehnstuhl zurück und starb. Sein Schwiegersohn, der Totengräber von St. Johannis, grub für ihn eine Kammer, in der er bleiben konnte. Der Friedhof von St. Johannis war barmherziger als alle seine sechs Kinder. Auf diesem Friedhof konnte er bis zum Tage der Auferstehung bleiben und mußte nicht mehr weiter ziehen. Ja, es ist wahr: »Es ist leichter, daß ein Vater sechs Kinder ernährt, als daß sechs Kinder einen Vater ernähren! « Dies geschah in alter Zeit. Und wie ist es heute? Ist es heutzutage in der gegenwärtigen gottlosen Zeit nicht noch viel schlimmer als in den früheren Zeiten?

 

Von Ferdinand Freiligrath

O lieb, so lang du lieben kannst!
O lieb, so lang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
wo du an Gräbern stehst und klagst.

Und sorge, daß dein Herze glüht
und Liebe hegt und Liebe trägt,
solang ihm noch ein andres Herz
in Liebe warm entgegenschlägt!

Und wenn er dir sein Herz erschließt,
o tu ihm, was du kannst, zulieb,
und mach ihm jede Stunde froh,
und mach ihm keine Stunde trüb!

Und hüte deine Zunge wohl!
Bald ist ein böses Wort gesagt.
O Herr, es war nicht bös gemeint,
der andre aber geht und klagt.

O lieb, so lang du lieben kannst!
O lieb, so lang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
wo du an Gräbern stehst und klagst.

Ferdinand Freiligrath

 

Von Philipp Spitta

O selig Haus, wo man Dich aufgenommen
Du wahrer Seelenfreund, Herr Jesus Christ,
wo unter allen Gästen, die da kommen,
Du der gefeiertste und liebste bist;
wo alle Herzen Dir entgegenschlagen
und alle Augen freudig auf Dich sehn,
wo alle Lippen Dein Gebot erfragen
und alle Deines Winks gewärtig stehn.

O selig Haus, wo Mann und Weib in einer,
in Deiner Liebe eines Geistes sind,
wo beide eines Heils gewürdigt,
keiner im Glaubensgrunde anders ist gesinnt;
 wo beide unzertrennbar an Dir hangen
in Lieb und Leid, Gemach und Ungemach,
und nur bei Dir zu bleiben stets verlangen
an jedem guten wie am bösen Tag.

O selig Haus, wo man die lieben Kleinen
mit Händen des Gebets ans Herz Dir legt,
Du Freund der Kinder, der sie als die Seinen
mit mehr als Mutterliebe hegt und pflegt;
wo sie zu Deinen Füßen gern sich sammeln
und horchen Deiner süßen Rede zu
und lernen früh Dein Lob mit Freuden stammeln,
sich Deiner freun, Du lieber Heiland, Du.

O selig Haus, wo Knecht und Magd Dich kennen
und wissend, wessen Augen auf sie sehn,
bei allem Werk in einem Eifer brennen,
daß es nach Deinem Willen mag geschehn;
als Deine Diener, Deine Hausgenossen,
in Demut willig und in Liebe frei,
das Ihre schaffen froh und unverdrossen,
in kleinen Dingen zeigen große Treu.

O selig Haus, wo Du die Freude teilest,
wo man bei keiner Freude Dein vergißt;
o selig Haus, wo Du die Wunden heilest
und aller Arzt und aller Tröster bist:
bis jeder einst sein Tagewerk vollendet,
und bis sie endlich alle ziehen aus
dahin, woher der Vater Dich gesendet,
ins große, freie, schöne Vaterhaus.

Philipp Spitta

 

Entnommen der Zeitschrift „Evangeliums-Mission“ von Herrn Pastor Joachim Langhammer, Bad Salzuflen, im Januar 2012  –  Horst Koch, Herborn

 

www.horst-koch.de

info@horst-koch.de

 

 

 

 

 

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