Ein anderer Christus?

image_pdfimage_print

Friedemann Wunderlich

 

Ein anderer Christus?

Im Moment geschehen in der Welt sehr merkwürdige Dinge. Plötzlich ist Jesus wieder „in“. Was vor einigen Jahren noch peinlichst vermieden wurde – jedes Gespräch über Jesus – ist nicht nur seit dem Mel Gibson-Film „Die Passion Christi“ wieder salonfähig geworden. Sogar in manchen islamischen Ländern, wo Muslime, die zum Christentum übertreten, mit der Todesstrafe rechnen müssen, starren viele auf die Leinwand, um Jesus zu sehen. Und nicht irgendeinen Jesus. Jesus, den Gekreuzigten.

Sympathie ist noch keine Bekehrung

Jesus im Kino. Jesus im TV. Jesus in Zeitschriften. Jesus auf der Bühne der Welt. Was kann es für Christen und noch mehr für ein Missionswerk eigentlich Schöneres geben? Auf dieser Jesus-Welle schwimmt es sich leicht. Das Ärgernis des Kreuzes scheint verschwunden zu sein. Jesus für die ganze Welt. Aber Sympathie ist noch keine Bekehrung. Betroffenheit ersetzt keine Buße. Und der Glaube kommt immer aus dem Wort Gottes.

Zeitgleich geschehen in der christlichen Welt Dinge, die vor wenigen Jahren für Nachfolger Jesu undenkbar erschienen. Das evangelikale Nachrichtenmagazin idea berichtet über eine Veranstaltung am 8. Mai 2004 in Stuttgart, bei der sich 175 Kirchenvertreter aus der Katholischen Kirche, der Pfingstbewegung und dem evangelikalen Lager trafen. Ihre gemeinsame Überzeugung: Unter Christen erwächst eine konfessionsübergreifende Einheitsbewegung: Plötzlich ist Jesus der große Harmoniebringer. Dogmen, die Jahrhunderte lang in der Christenheit zu Trennungen führten, werden auf Einheits-Kongressen beiseite gelegt. Es heißt: Jesus will keine Trennung. Jesus will Einheit. Jesus will Liebe. Also machen wir Liebe. Der kleinste gemeinsame Nenner für alle gemeinsamen Veranstaltungen ist: Jesus. Jesus ist das Thema auf der Bühne der Christen und Gemeinden. Endlich macht Christsein wieder Spaß. Endlich keine konfessionellen Streitigkeiten mehr. Jesus als Katholik. Jesus als Protestant. Jesus als Baptist. Die gemeinsame Mitte ist Jesus.- Aber welcher Jesus?

Jesus soll für Europa die Erweckung bringen. Die Logik ist einfach: Wenn wir eins sind, dann bricht die Erweckung aus. Gebetsmühlenartig wird das Gebet Jesu aus Johannes 17 rauf- und runtergesprochen, wie jetzt in Stuttgart. Es macht mich allerdings stutzig, wenn der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, diese Bewegung als „Geschenk des Heiligen Geistes“ und diesen Europatag als „Sternstunde der Ökumene“ bezeichnet.

Die Charismatische Bewegung ist stolz darauf. Sie hat es geschafft. Millionen Anhänger der Charismatischen Bewegung weltweit, zum größten Teil innerhalb der Katholischen Kirche, können sich nicht irren!? Mitmachen. Mitvernetzen. Mit begeistert sein. – Welcher Geist?

Wer kritische Fragen stellt, bekommt ein Etikett

Harmlos ist mittlerweile die Bezeichnung „theologisch konservativ“: Schmerzhaft sind die Worte eines bekannten Evangelisten, der bekannt ist für seine glasklaren Predigten und sich in Stuttgart bewusst oder unbewusst in diesen ökumenischen Prozess einspannen ließ.
Er ordnet die Kritik an seiner Teilnahme als „psychologisch verständlichen Reflex“ auf Ungewöhnliches ein. Der schärfste Vorwurf kommt von dem Leiter der evangelischen Charismatischen Bewegung in Deutschland. „Wer sich abgrenzt verliert den Heiligen Geist“; so Friedrich Aschoff in einem offenen Aufsatz, der die Erklärung dazu liefert, was der Hintergrund für die nun plötzlich auftretende Einheit zwischen den Konfessionen ist.
Er schreibt:
„Es geschah zeichenhaft am ersten Tag des 20. Jahrhunderts, am 1. Januar 1901. An diesem Tag betete Papst Leo XIII. in Rom im Namen der ganzen Kirche den Hymnus zum Heiligen Geist ‚Komm, Heiliger Geist‘: Am gleichen Tag erlebte eine evangelische Bibelschülerin in Topeka (Kansas/USA) die Erfüllung mit dem Heiligen Geist; ein Geschehen, das neben den Ereignissen in der Azusa Street in Los Angeles/USA (ab 1906) zur Geburtsstunde der Pfingstbewegung gezählt wird. Was sich in diesen beiden Ereignissen zeichenhaft ankündigte, ereignete sich im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts in allen christlichen Kirchen. Aufgrund der politischen Umwälzungen begannen die starren Fronten der Konfessionen aufzuweichen. Daran kann man erkennen, wie der Heilige Geist angefangen hat die … Grenzen zu überschreiten, die die Christen lange Zeit voneinander trennten: Die Grenzen der Konfessionen. Wir erwarten in Stuttgart Zehntausend Teilnehmer aus über 160 Bewegungen, die im letzten Jahrhundert durch das Wirken des Heiligen Geistes entstanden sind. Sie kommen aus dem katholischen, evangelischen, freikirchlichen und orthodoxen Raum und tragen dieses Treffen mit.“

Dammbrüche

Zugegeben: Ich werde ab und zu verunsichert. Wer bin ich, dass ich kritische Fragen stelle? Aber wir sind ein Missionswerk. Wir sind über 100 Jahre alt. Von den Fragen der Ökumene und der Pfingstbewegung waren wir immer unmittelbar betroffen. Wer 100 Jahre auch in klassisch katholischen Ländern missioniert, weiß, was Katholizismus ist und wie wertvoll die Allianz der wahren Gläubigen ist. Die MSOE war und ist eine mehr als 100-jährige Allianzbewegung. Nein, wir betreiben keinen Konfessionalismus und binden uns an keine religiöse Bewegung unserer Tage. Aber die Dammbrüche gegenüber dem Katholizismus – und der Charismatischen Bewegung als Bindeglied – zeigen es deutlich, dass das nicht mehr die Allianz unserer geistlichen Väter und Mütter ist. Haben diese sich geistlich so geirrt? Haben sich die Christen, die außerhalb der verfassten Kirchen standen und für ihren Glauben Leid und Verfolgung erlebten, alle nur getäuscht? Waren das alles Missverständnisse, wie heute gesagt wird, wenn man betont, dass uns mehr mit der Katholischen Kirche verbindet als uns trennt?

Irrlehren hassen – Seelen lieben

Der englische Prediger Spurgeon schrieb über den obengenannten Papst Leo XIII, den Initiator der weltweiten Pfingstbewegung (wie er in Veröffentlichungen der Charismatischen Bewegung eindeutig genannt wird), und über das Papsttum, das er repräsentierte, folgende Worte: „Das antichristliche Papsttum verletzt Christus, weil es ihn seiner Herrlichkeit beraubt, weil es die Wirkungskraft der Sakramente an die Stelle seines Sündopfers setzt und ein Stück Brot an die Stelle des Erlösers erhebt. Wenn wir das Papsttum im Gebet bekämpfen, dann sollten wir die Personen lieben, auch wenn wir ihre Irrlehren hassen, wir lieben ihre Seelen, auch wenn wir ihre Dogmen verabscheuen.“ Bis heute hat sich die Katholische Kirche in diesen genannten Dingen nicht geändert.
Jesus Christus hat es scheinbar in unseren Tagen nicht leicht, noch als der Christus der Bibel erkannt zu werden. So viele schreiben seinen Namen auf ihre Fahnen. Jesus wird von vielen propagiert. Jesus wird besungen. Von Jesus wird geredet.
Kann es sein, dass Nachfolger Jesu eines übersehen: Jesus Christus selbst hat vor Doppelgängern gewarnt. „Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen.“ (Mt 24,24). Während wir noch gebannt auf die Welt schauen, auf den Islam, auf politische Machthaber, treten Verführer mitten aus der Gemeinde auf.
Die schleichenden Veränderungen in der westlichen Christenheit der letzten Jahre in Form des Pragmatismus, der Ökumene, des Mystizismus und der Psychologie, die sich in die Programme und Predigten eingemischt haben, schaffen eine großartige Bühne für das Auftreten von Verführern. – Was fehlt, ist die biblische Lehre, die Autorität der Bibel in allen Aussagen.

Identität

Warum schreibe ich das alles? „Gehört ihr jetzt auch zu den Nörglern, die an allem rummeckern?‘; denken die einen. „Es ist gut, wenn so was mal klar gesagt wird!“, meinen die anderen. „Das ist doch kein Thema für eine Mission“, sagen die Dritten. Ich schreibe das so offen, weil wir in den Entwicklungen unserer Tage auf unsere Identität angesprochen werden. Was war und was ist uns wichtig?

Unser Auftrag ist und bleibt Mission. Vorrangig unter denen, die noch nie das Evangelium von Jesus Christus gehört haben. Diese Arbeit geschieht durch das Wort Gottes und die Kraft des Heiligen Geistes. Es ist der Heilige Geist, der immer Jesus Christus groß und jeden Menschen klein macht. Unsere Arbeit geschah und geschieht in der Abgrenzung gegenüber der Ökumene und der so genannten Charismatischen Bewegung.

Wir sind und bleiben dabei eine Allianzbewegung. Vielleicht müssen sich heute Christen zusammenfinden, die Einheit nicht von der Wahrheit trennen. Christen, die sich nicht naiv oder unwissend von der Kirche Roms vereinnahmen lassen und die den Mut haben, wie die Väter vor uns, so genannte Sonderlehren als Irrlehren zu bezeichnen. Der Weg in der Nachfolge Jesu hat uns in den vergangenen 100 Jahren immer wieder auch den Hass der Welt und zu manchen Zeiten – wie im Dritten Reich – auch den Widerstand aus einer verführten Christenheit gebracht. Aber auch der ist Nachfolgern Jesu verheißen: „Und ihr werdet von allen Nationen gehasst werden um meines Namens willen.“ (Mt 24,9)
Warum werden bei diesen westlichen Einheitskongressen keine Christen aus der Verfolgung eingeladen? Nachfolger Jesu, die das Kreuz Jesu tragen und ihn treu bekennen. Menschen, die mit ihrem Leben mein eigenes Leben in der Nachfolge Jesu immer wieder in Frage stellen.

Friedemann Wunderlich, Siegen  (Missionsleiter der Süd-Ost-Europa Mission)

www.horst-koch.de 

info@horst-koch.de

 

image_pdfimage_print