Dritter Weltkrieg? – Haim Harari

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Ist der Dritte Weltkrieg unerkannt schon im Gang?

Von Haim Harari

Haim Harari, der frühere Präsident des Weizmann‑Instituts in Israel, hielt beim Treffen des International Advisory Board einer großen multinationalen Körperschaft im April 2004 den folgenden (von mir leicht gekürzten) Vortrag. Sein Text kam von Amerika über Jerusalem zu mir, und Jutta Zimmermann hat ihn dankenswerterweise wieder aus dem Englischen übersetzt.

Der Autor befasst sich mit den Verhaltensweisen und Illusionen einer Völkerwelt, die die Bedrohung durch den islamistischen Terror unterschiedlich einschätzt und dementsprechend auch unterschiedlich darauf reagiert. Er beurteilt den arabisch‑israelischen Konflikt im Zusammenhang dieses Weltkonflikts, benennt Fakten, die oft übersehen werden, und stellt Fragen, die für alle Nationen, vor allem auch für uns Europäer, lebenswichtig sind.

Noch zwei Bemerkungen:

1.) Es handelt sich hier um einen Vortrag, der vor vielen Zuhörern gehalten wurde. Auch in der Übersetzung wurde darum der Redestil beibehalten.

2.) Die Freunde aus Amerika und Jerusalem meinten, dieser Beitrag sollte eine möglichst weite Verbreitung finden. ‑ Wenn Sie auch dieser Meinung sind, dürfen Sie ihn gerne ‑ wie auch die anderen Artikel der Rundbriefe ‑ kopieren und weitergeben. Hartmut Metzger

 Wie Sie wissen, bin ich bei unseren Treffen gewöhnlich für wissenschaftliche und technologische „Unterhaltung“ zuständig, aber diesmal schlug unser Vorsitzender vor, ich solle meine persönliche Sicht der Geschehnisse in dem Teil der Welt darlegen, von dem ich komme. Ich war nie ein Regierungsvertreter und werde es nie sein, und ich habe keine geheimen Informationen. Meine Ansicht zu den Dingen gründet sich ganz und gar auf das, was ich sehe und lese ‑ und auf die Tatsache, dass mei­ne Fa­milie seit nahezu 200 Jahren in dieser Region lebt. Sie können meine Darlegungen betrachten als die des sprichwörtlichen Taxifahrers, den Sie vermutlich fragen, wenn Sie ein Land besuchen.

Ich könnte Sie teilhaben lassen an einigen faszinierenden Tatsachen und an einigen persönlichen Gedanken über den israelisch‑arabischen Konflikt. Darauf will ich jedoch nur beiläufig eingehen. Ich will lieber die meisten meiner Betrachtungen einem breiten Bild der Region und ihres Platzes in den Weltereignissen widmen. Ich beziehe mich auf das gesamte Gebiet zwischen Pakistan und Marokko, das vorherrschend arabisch und vorherrschend muslimisch ist, jedoch viele nicht arabische und auch bedeutsame nicht muslimische Minderheiten einschließt.

Warum stelle ich Israel und seine unmittelbare Nach­barschaft beiseite?

Weil Israel und die mit ihm verbundenen Probleme – trotz allem, was Sie in den Medien weltweit hören und lesen mögen ‑ nicht der Kernpunkt in den Umwälzungen der Region ist und dies auch nie war. Ja, es gibt einen hundertjährigen israelisch‑arabischen Konflikt, aber nicht da, wo die Haupt‑Brennpunkte sind.

– Die Millionen, die im Iran‑Irak‑Krieg starben, hatten nichts mit Israel zu tun.
– Der Massenmord, der eben jetzt im Sudan geschieht, wo das
  arabisch‑muslimische Regime seine schwarzen christlichen Bürger massakriert,
  hat nichts mit Israel zu tun.
– Die häufigen Berichte aus Algerien über die Ermordung Hunderter von
  Zivilisten in dem oder jenem Dorf durch andere Algerier haben nichts mit Israel
  zu tun.
– Saddam Hussein ist nicht wegen Israel in Kuwait einmarschiert, hat nicht
  wegen Israel Saudi‑Arabien bedroht und sein eigenes Volk hingeschlachtet.
– Ägypten hat nicht wegen Israel in den sechziger Jahren Giftgas gegen den
 Yemen eingesetzt.
– Assad, der Vater, hat nicht wegen Israel in einer Woche Zehntausende seiner    
  eigenen Bürger in EI Hamma in Syrien umgebracht.
– Die Herrschaft der Taliban in Afghanistan und der Bürgerkrieg dort hatten
  nichts mit Israel zu tun ‑ und ich könnte noch lange weitermachen.

Die Wurzel der Schwierigkeiten ist, dass diese ganze muslimische Region völlig funktionsunfähig ist, in jeder Bedeutung des Worts. Sie wäre das auch, wenn Israel der Arabischen Liga beigetreten wäre, und wenn hundert Jahre lang ein unabhängiges Palästina existiert hätte.

Die 22 Mitgliedsländer der Arabischen Liga, von Mauretanien bis zu den Golfstaaten, haben eine Gesamtbevölkerung von 300 Millionen ‑ mehr als die Vereinigten Staaten und fast so viel wie die EU vor ihrer Erweiterung. Flächenmäßig sind sie größer als die USA oder ganz Europa. Diese 22 Länder, mit all ihrem Öl und ihren natürlichen Ressourcen, haben insgesamt ein Bruttosozialprodukt (BSP), das kleiner ist als das der Niederlande plus Belgien und halb so groß wie das von Kalifornien.

Bei diesem mageren BSP sind die Unterschiede zwischen Reich und Arm unglaublich, und zu viele Reiche haben ihr Geld nicht durch geschäftliche Erfolge verdient, sondern durch Korruption und Macht.
Der soziale Status der Frau ist weit unter dem in der westlichen Welt vor 150 Jahren.
Die Menschenrechte liegen unter jedem vernünftigen Standard, trotz der grotesken Tatsache, dass Libyen zum Vorsitzenden der UN‑Menschenrechts­kommission gewählt wurde.

Nach einem Bericht, der von einem Komitee arabischer Intellektueller erstellt und unter der Schirmherrschaft der UN veröffentlicht wurde, ist die Zahl der Bücher, die von der gesamten arabischen Weit übersetzt werden, viel kleiner als das, was das kleine Griechenland über­setzt. Die gesamte Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen von 300 Millionen Arabern ist geringer als die von sechs Millionen Israelis.

Die Geburtenraten in der Region sind sehr hoch. Das vermehrt die Armut, die sozialen Span­nungen und den kulturellen Niedergang. Und all dies geschieht in einer Region, von der man vor nur 30 Jahren annahm, sie sei der Teil der Welt, der als nächster zu Wohlstand kommen würde, und in einem muslimischen Bereich, der einmal in der Geschichte eine der am höch­sten entwickelten Kulturen der Welt hervorbrachte.

Es muss gesagt werden, dass all dies eine nicht vorhersehbare Brutstätte schafft für grausame Diktatoren, Terrornetzwerke, Fanatismus, Aufhetzung, Selbstmordattentäter und all­gemeinen Niedergang. Es ist auch eine Tatsache, dass fast jedermann in der Region für diese Situation die Vereinigten Staaten, Israel, die westliche Zivilisation, Judentum und Christentum anklagt ‑ irgendjemanden oder irgendetwas, außer sich selbst.

Sage ich dies alles mit der Befriedigung eines Menschen, der über die Niederlagen seiner Feinde spricht? Im Gegenteil! Ich bin fest überzeugt, dass die Welt ein viel besserer Ort wäre und meine eigene Nachbarschaft viel angenehmer und friedlicher, wenn die Dinge anders wären.

Ich will auch ein Wort über die Millionen anständiger, ehrlicher, guter Menschen sagen, die entweder fromme Muslime sind oder nicht sehr religiös, aber in muslimischen Familien aufgewachsen.
Sie sind Opfer im doppelten Sinn: einmal einer Welt außerhalb, die dabei ist, eine Islamophobie zu entwickeln, und zum andern ihrer eigenen Umwelt, die ihnen das Herz bricht, weil sie total funktionsunfähig ist.

Das Problem ist, dass die große schweigende Mehrheit dieser Muslime zwar keinen Anteil am Terror und an der Aufhetzung haben, aber auch nicht dagegen aufstehen. Sie werden mitschuldig durch Unterlassung, und das gilt für politische Führer, Intellektuelle, Geschäftsleute und viele andere. Viele von ihnen können sehr wohl Recht von Unrecht unterscheiden, haben aber Angst, ihre Meinung zu äußern.

Die Ereignisse der letzten Jahre haben vier Schwerpunkte verstärkt, die immer da waren, aber nie so überhand nahmen wie in der gegenwärtigen Umbruchsphase in der Region. Es sind dies die vier Hauptsäulen im laufenden weltweiten Konflikt ‑ vielleicht sollten wir ihn schon den „nicht erklärten 3. Weltkrieg“ nennen. Ich habe keinen besseren Namen für die gegenwärtige Situation. Es mögen noch Jahre vergehen, bis jedermann erkennt, dass es ein Weltkrieg ist, aber wir sind schon ganz schön drin.

Das erste Element ist der Selbstmordanschlag.

Selbstmordanschläge sind keine neue Erfindung, aber sie wurden erst seit kurzem populär ‑ wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf. Selbst nach dem 11. September scheint es, als ob der Großteil der westlichen Welt diese Waffe noch nicht versteht.

Es ist eine sehr mächtige psychologische Waffe. Ihre reale direkte Wirkung ist relativ gering. Die Gesamtzahl der Opfer hunderter von Selbstmordanschlägen in Israel in den vergangenen drei Jahren ist viel kleiner als die durch Autounfälle. Der 11. September war quantitativ viel weniger tödlich als viele Erdbeben. An einem Tag sterben in Afrika mehr Menschen an Aids als alle die Russen, die durch die Hände von muslimischen Selbstmördern in Tschetschenien starben, seit dieser Konflikt begann. Die von Saddam jeden Monat umgebrachten Menschen waren mehr als alle zusammen, die seit der Besetzung des Irak durch Selbstmörder starben.

Was soll also das ganze Getöse um die Selbstmordanschläge? Sie schaffen Schlagzeilen. Sie sind spektakulär. Sie sind furchterregend. Es ist ein sehr grausamer Tod mit verstümmelten Körpern und schrecklichen, schweren, lebenslangen Verletzungen für viele der Verwundeten. Es wird im Fernsehen immer in Großaufnahmen gezeigt. Ein solcher Mord kann, mit Hilfe hysterischer Berichterstattung in den Medien, die Tourismus‑Industrie eines Landes für eine ganze Weile kaputtmachen, wie in Bali und in der Türkei.

Aber die eigentliche Angst kommt durch die nicht zu leugnende Tatsache, dass keine Verteidigung und keine Präventivmaßnahmen etwas ausrichten können gegen einen entschlossenen Selbstmordattentäter. Das ist noch nicht ins Denken der westlichen Welt eingegangen. Die Vereinigten Staaten und Europa verbessern ständig ihre Verteidigung gegen den letzten Anschlag, nicht den nächsten.

Wir können alles tun für die beste Flughafen‑Sicherheit auf der Welt. Aber wenn einer durch Selbstmord töten will, muss er kein Flugzeug besteigen, um. sich in die Luft zu sprengen und viele Menschen umzubringen. Wer kann einen Selbstmörder in einer Menschenschlange stoppen, die am Flughafen aufs Einchecken per Metalldetektor wartet? Oder vor den Gepäckschaltern während der Hauptreisezeit?

Installiere einen Detektor vor jedem Zugbahnhof in Spanien ‑ und die Terroristen werden zu den Bussen gehen. Bewache die Busse ‑ und sie werden sich in Lichtspielhäusern, Konzerthallen, Supermärkten, Einkaufszentren, Schulen und Krankenhäusern in die Luft sprengen.

Man kann seine Verletzlichkeit durch Präventiv‑ und Defensivmaßnahmen und durch strenge Grenzkontrollen etwas vermindern, aber man kann sie nicht aufheben ‑ man kann durch Verteidigungsmaßnahmen den Krieg definitiv nicht gewinnen. Und es ist ein Krieg!

Was steckt hinter den Selbstmordanschlägen? Geld, Macht und kaltblütige Aufhetzung zum Mord ‑ nichts weiter. Sie haben nichts mit wirklichem fanatischem religiösem Glauben zu tun. Kein Moslemprediger hat sich jemals selbst in die Luft gesprengt, auch kein Sohn eines arabischen Politikers oder religiösen Anführers. Kein Verwandter irgendeiner einflussreichen Persönlichkeit hat es getan.

Würde man nicht erwarten, dass einige der religiösen Führer es täten oder ihre Söhne dazu überredeten, wenn es wirklich ein Akt höchster religiöser Hingabe ist? Sind sie nicht an den Wohltaten eines Eingehens in den Himmel interessiert? Stattdessen schicken sie Frauen vom unteren Rand der Gesellschaft, naive Kinder, geistig Zurückgebliebene und junge verhetzte Heißsporne. Sie versprechen ihnen die, meist sexuellen, Wonnen der zukünftigen Welt und zahlen ihren Familien hübsche Summen, wenn die großartige Tat vollbracht ist und genug Unschuldige tot sind.

Selbstmordanschläge haben auch nichts mit Armut und Verzweiflung zu tun. Die bei weitem ärmste Region der Welt ist Afrika. Dort geschieht es nie. Es gibt viele Verzweifelte auf der Welt, in verschiedenen Kulturen, Ländern und Kontinenten. Verzweiflung stattet niemanden mit Sprengstoff, Fachwissen und Transportmöglichkeiten aus. Es gab gewiss mehr Verzweiflung in Saddams Irak als in Paul Bremers Irak, und doch sprengte sich keiner in die Luft.

Ein Selbstmordanschlag ist nichts als eine schreckliche, gefährliche Waffe grausamer, unmenschlicher, zynischer, wohl ausgestatteter Terroristen, die menschliches Leben für nichts achten, das ihrer Volksgenossen eingeschlossen, aber ihren eigenen Reichtum, ihr Wohlergehen und ihren Machthunger umso höher einstufen.

Der einzige Weg, sich gegen diese neue, „populäre“ Waffe zu wehren, ist identisch mit dem einzigen Weg, organisiertes Verbrechen oder Piraten auf hoher See zu bekämpfen: durch die Offensive. Wie beim organisierten Verbrechen ist es entscheidend, dass die Mächte, die es bekämpfen, einig sind, und es ist entscheidend, die Spitze der Verbrechens‑Pyramide zu erreichen. Man kann organisierte Kriminalität nicht beseitigen, indem man den kleinen Drogendealer an der Straßenecke einsperrt. Man muss das Oberhaupt der „Familie“ suchen.

Wenn ein Teil der Öffentlichkeit es unterstützt, andere es tolerieren, viele es fürchten und manche es wegerklären wollen durch Armut oder eine schwere Kindheit, wird das organisierte Verbrechen gedeihen, und der Terrorismus ebenso.

Die Vereinigten Staaten verstehen das jetzt ‑ nach dem 11. September. Russland beginnt es zu verstehen. Die Türkei versteht es wohl. Ich fürchte sehr, dass der größte Teil Europas es nicht versteht. Es scheint leider so, dass Europa es erst verstehen wird, wenn Selbstmordanschläge in Europa im großen Stil passieren. Meiner bescheidenen Meinung nach wird das zweifellos geschehen. Die spanischen Züge und die Bomben in Istanbul sind erst der Anfang.

Die Einigkeit der zivilisierten Welt bei der Bekämpfung dieses Horrors ist absolut unverzichtbar. Ehe Europa aufwacht, wird diese Einigkeit nicht erreicht werden.

Der zweite Bestandteil sind Worte, genauer: Lügen.

Worte können tödlich sein. Sie töten Menschen. Man sagt oft, dass Politiker, Diplomaten und vielleicht auch Rechtsanwälte und Geschäftsleute manchmal lügen müssen, als Teil ihres Berufslebens. Aber die Normen von Politik und Diplomatie sind kindlich im Vergleich mit dem Pegelstand der Verhetzung und der vollkommen freien Erfindungen, die neue Höhen erreicht haben in der Region, von der wir sprechen.

Eine unglaubliche Zahl von Menschen in der arabischen Welt glaubt, dass der 11. September nie geschah, oder dass er eine amerikanische Erfindung oder, besser noch, eine jüdische Verschwörung war.

Sie alle erinnern sich an den irakischen Informationsminister Mr. Mouhamad Said al‑Sahaf und seine Pressekonferenzen, als die US‑Streitkräfte schon innerhalb von Bagdad waren. Desinformation in Kriegszeiten ist eine akzeptierte Taktik. Aber dazustehen, Tag um Tag, und solche irrsinnigen Statements abzugeben, die von jedermann als Lügen erkannt werden, und dabei nicht einmal im eigenen Umfeld lächerlich gemacht zu werden ‑ das kann nur in dieser Region geschehen.

Mr. Sahaf wurde schließlich eine populäre lkone als Hofnarr, aber das hielt ein paar vermeintlich angesehene Zeitungen nicht davon ab, ihm Raum zu geben. Es hält auch die westliche Presse nicht davon ab, jeden Tag, selbst jetzt noch, ähnlichen Lügen Glauben zu schenken.

Schließlich, wenn man ein Antisemit sein will, kann man das auf subtile Weise. Man muss nicht behaupten, dass der Holocaust nie geschah und dass es den jüdischen Tempel in Jerusalem nie gab. Aber das hören Millionen von Muslimen von ihren Führern. Wenn dieselben Führer andere Aussagen machen, berichten die westlichen Medien darüber, als ob sie wahr sein könnten.

Es kommt täglich vor, dass dieselben Leute, die Selbstmörder finanzieren, bewaffnen und auf den Weg schicken, die Tat vor westlichen Fernsehkameras auf Englisch verurteilen, wenn sie zu einer weltweiten Hörerschaft sprechen, die ihnen zumindest teilweise glaubt.

Es ist tägliche Routine, denselben Führer zu hören, wie er auf Arabisch für sein Volk andere Aussagen macht als auf Englisch für den Rest der Welt.

Hetze im arabischen Fernsehen, begleitet von Horrorbildern verstümmelter Körper, ist zu einer mächtigen Waffe derer geworden, die lügen, verdrehen und alles zerstören wollen. Kleine Kinder werden zu tiefem Hass erzogen und zur Bewunderung sogenannter Märtyrer ‑ und die westliche Welt nimmt davon keine Notiz, weil ihre eigenen Fernsehgeräte meist auf Seifenopern und Spielshows eingestellt sind.

Ich empfehle Ihnen, auch wenn die meisten kein Arabisch verstehen, von Zeit zu Zeit Al Dschasira zu sehen. Sie werden Ihren eigenen Augen nicht glauben.

Aber Worte wirken auch auf andere Weise, subtiler. Eine Demonstration in Berlin, bei der Fahnen getragen wurden, die Saddams Regime unterstützten und Bilder von dreijährigen, als Selbstmörder gekleideten Kindern zeigten, wird von der Presse und von politischen Führern als „Friedensdemonstration“ bezeichnet. Man kann für oder gegen den Irakkrieg sein, aber Anhänger von Saddam, Arafat oder Bin Laden als Friedensaktivisten herauszustellen, geht ein bisschen zu weit.

Da geht eine Frau zur Mittagszeit in ein israelisches Restaurant, isst, beobachtet Familien mit Alten und Kindern, die an den Tischen daneben zu Mittag essen, und bezahlt. Dann sprengt sie sich in die Luft und tötet 20 Menschen, darunter viele Kinder, deren Köpfe und Arme im Restaurant herumliegen. Von mehreren arabischen Führern wird sie „Märtyrerin“ genannt, von der europäischen Presse „Aktivistin“. Würdenträger verurteilen die Tat, aber machen Beileidsbesuche bei ihrer Familie, und das Geld fließt.

Es gibt ein neues Spiel in der Stadt: Der Mörder, der die Tat ausführt, wird „der militärische Flügel“ genannt ‑, der ihn bezahlt, ausrüstet und sendet, ist jetzt „der politische Flügel“, und das Oberhaupt des Ganzen ist „der geistige Führer“.

Es gibt zahlreiche andere Beispiele für eine solche Orwell’sche Nomenklatur, wie sie täglich nicht nur von führenden Terroristen, sondern auch von westlichen Medien gebraucht wird. Diese Wörter sind weit gefährlicher als viele Leute merken. Sie schaffen eine emotionale Infrastruktur für Grausamkeiten. Es war Joseph Goebbels, der sagte: Wenn man eine Lüge oft genug wiederholt, werden die Menschen sie glauben. Jetzt wird er von seinen Nachfolgern übertroffen.

Der dritte Aspekt ist das Geld.

Riesige Geldbeträge, die viele soziale Probleme in diesem unterentwickelten Teil der Welt lösen könnten, werden in drei konzentrische Sphären geleitet und unterstützen dort Tod und Mord.

Im inneren Ring sind die Terroristen selbst. Mit Geld finanzieren sie ihre Reisen, den Sprengstoff, Schlupfwinkel und die ständige Suche nach verwundbaren Angriffszielen.

Sie sind umgeben von einem zweiten, weiteren Kreis direkter Unterstützer, Planer, Befehlshaber, Prediger, die alle ihren Lebensunterhalt verdienen, meist für ein sehr komfortables Leben, indem sie die Infrastruktur des Terrors bilden.

Schließlich finden wir den dritten Kreis sogenannter religiöser, Bildungs‑ und Wohlfahrtsorganisationen, die tatsächlich manches Gute tun, Hungrige speisen und für ein gewisses Schulwesen sorgen, die aber die Köpfe einer neuen Generation mit Hass, Lügen und Unwissenheit füllen.

Dieser Kreis wirkt meist über Moscheen und andere religiöse Einrichtungen, aber auch durch aufhetzende elektronische und gedruckte Medien. Es ist dieser Kreis, der dafür sorgt, dass Frauen untergeordnet bleiben, dass Demokratie undenkbar ist, und dass die Beziehungen zur Welt draußen minimal sind.

Dieser Kreis ist auch führend darin, jedermann außerhalb der muslimischen Welt für das Elend in der Region zu tadeln.

Von den drei beschriebenen Kreisen werden die inneren in erster Linie von Terroristenstaaten wie Iran und Syrien finanziert, bis vor kurzem auch vom Irak und von Libyen, und früher auch von einigen der kommunistischen Regime.

Diese Staaten, wie auch die palästinensische Behörde, sind die sicheren Häfen der Großhändler im Mordgeschäft.

Der äußere Kreis wird weitgehend von Saudi‑Arabien finanziert, aber auch durch Spenden von bestimmten muslimischen Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten und Europa und, in geringerem Umfang, durch Zuwendungen von europäischen Regierungen an verschiedene NGO’s [Nichtregierungsorganisationen; Hg] und durch bestimmte Organisationen der UN, deren Ziele edel sein mögen, aber sie werden verdorben und ausgenutzt durch Agenten des äußeren Kreises.

Einige der Führer dieser verschiedenen Kreise leben sehr komfortabel von ihrer Beute. Man findet ihre Kinder in den besten Privatschulen in Europa, nicht in den Trainingscamps für Selbstmörder, Die „Soldaten“ des Dschihad nehmen an konzentrierten Todestouren in den Irak und zu anderen Brennpunkten teil, während manche ihrer Führer in der Schweiz Ski fahren.

Das vierte Element des gegenwärtigen Weltkonflikts ist das totale Zerbrechen aller Gesetze.

Die zivilisierte Welt glaubt an Demokratie, an die Gültigkeit des Rechts einschließlich des internationalen Rechts, an Menschenrechte, freie Meinungsäußerung und freie Presse und noch an andere Freiheiten.

Und es gibt einfache altmodische Gewohnheiten. Dazu gehört etwa, dass man religiöse Orte und Symbole respektiert, Lazarette und Krankenhäuser von Kriegshandlungen freihält, Tote nicht verstümmelt und Kinder nicht als menschliche Schutzschilde oder menschliche Bomben benützt.

Nie in der Geschichte, nicht einmal in der Nazizeit, gab es eine solche Missachtung all des oben Genannten, wie wir sie jetzt beobachten.

Andere Richtlinien einer zivilisierten Gesellschaft brauchen auch Begrenzungen. Darf ein Polizist das Feuer auf einen eröffnen, der ihn töten will? Darf eine Regierung Gespräche von Terroristen und Drogenhändlern abhören? Schützt die Redefreiheit einen Menschen, der in einem überfüllten Theater „Feuer!“ schreit? Soll es die Todesstrafe für Massenmörder geben?

All dies sind altmodische Konflikte. Wir haben heute eine völlig neue Problemsammlung.

Stürmt man eine Moschee, die als Munitionslager für Terroristen dient? Erwidert man das Feuer, wenn man von einem Krankenhaus aus angegriffen wird? Erstürmt man eine von Terroristen besetzte Kirche, wenn diese die Priester als Geiseln genommen haben? Durchsucht man jede Ambulanz, nachdem ein paar Attentäter Ambulanzen benutzt haben, um ihre Ziele zu erreichen? Muss sich jede Frau ausziehen, weil eine vortäuschte, schwanger zu sein, und eine Bombe auf dem Bauch trug? Schieße ich zurück auf einen, der mich töten will und sich hinter eine Gruppe von Kindern gestellt hat? Greift man Zentralen von Terroristen an, die in einem Hospital für psychisch Kranke versteckt sind? Erschießt man einen Massenmörder, der vorsätzlich von einem Ort zum andern zieht und dabei immer von Kindern umgeben ist?

All diese Dinge geschehen täglich im Irak und in den Palästinensergebieten.
Was tut man?  Schön ‑ Sie wollen dem Dilemma nicht ins Gesicht sehen. Aber es lässt sich nicht vermeiden.

Nehmen Sie einmal an, um der Diskussion willen, es würde sich jemand öffentlich in Teheran aufhalten, an einem wohlbekannten Ort, beherbergt und finanziert von der iranischen Regierung, und dieser Jemand würde eine Greueltat nach der anderen verüben, in Spanien oder in Frankreich, würde Hunderte unschuldiger Menschen töten, die Verantwortung für die Verbrechen übernehmen, in öffentlichen Fernsehinterviews versprechen, noch mehr dergleichen zu tun ‑ während die Regierung des Iran seine Taten in öffentlichen Verlautbarungen verurteilt, ihm aber weiterhin Gastrecht gewährt, ihn zu offiziellen Veranstaltungen einlädt und ihn als großen Würdenträger behandelt.

Ich überlasse es Ihnen als Hausaufgabe herauszufinden, was Spanien oder Frankreich in solcher Lage getan hätten.

Das Problem ist, dass die zivilisierte Welt immer noch Illusionen hat über die Herrschaft des Gesetzes in einer völlig gesetzlosen Umgebung.

So wie kein Land ein Gesetz gegen Kannibalen hat, die seinen Premierminister auffressen, weil so etwas undenkbar ist, so wenig gibt es internationale Gesetze gegen Killer, die aus Hospitälern, Moscheen oder Ambulanzen schießen und dabei von ihrer Regierung oder ihrer Gesellschaft geschützt werden.

Das internationale Recht weiß nicht, wie jemand zu behandeln ist, der Kinder zum Steinewerfen schickt, hinter ihnen steht, straffrei schießt und nicht eingesperrt werden kann, weil er von einer Regierung geschützt wird.

Das internationale Recht weiß nicht, wie mit einem Anführer von Mördern umzugehen ist, der königlich und komfortabel beherbergt ist durch ein Land, das vorgibt, seine Taten zu verdammen, oder einfach behauptet, zu schwach zu sein, um ihn einzusperren.

Das Aufregende ist, dass alle diese Verbrecher Schutz durch internationales Recht fordern und ihrerseits alle, die sie angreifen, als Kriegsverbrecher bezeichnen. Und einige westliche Medien wiederholen diese Behauptungen.

Die gute Nachricht ist, dass all dies vorübergehend ist, weil die Entwicklung internationaler Gesetze sich immer der Realität angepasst hat. Die Strafe für Selbstmordattentäter sollte Tod oder Haft vor dem Mord sein, nicht während und nicht danach.

Nach jedem Weltkrieg haben sich die Regeln des internationalen Rechts geändert. Das wird auch nach dem gegenwärtigen so sein. Aber während der Zwischenzeit kann viel Schlimmes geschehen.

Was können wir tun?

Das Bild, das ich hier gezeichnet habe, ist nicht schön. Was können wir tun? Auf kurze Sicht nur: kämpfen und gewinnen. Auf lange Sicht: die nächste Generation erziehen und für die Welt öffnen.

Die inneren Kreise können und müssen durch Gewalt zerstört werden. Der äußere Kreis kann nicht durch Gewalt beseitigt werden. Hier muss die Elite, die ihn organisiert, finanziell ausgehungert werden, und wir brauchen mehr Macht für Frauen, mehr Erziehung, Gegenpropaganda, Boykott wo immer vernünftig, und Zugang zu den westlichen Medien, zum Internet und der internationalen Szene.

Vor allem brauchen wir die völlige, absolute Einheit und Entschlossenheit der zivilisierten Welt gegen alle drei Kreise des Bösen.

Erlauben Sie mir, für einen Moment zur Wissenschaft zurückzukehren. Wenn Sie einen bösartigen Tumor haben, können Sie diesen operativ entfernen. Sie können ihn auch aushungern, indem Sie verhindern, dass neues Blut aus andern Körperteilen ihn erreicht, indem Sie also neue „Unterstützungen“ davon abhalten, den Tumor noch zu vergrößern.

Wenn Sie sicher gehen wollen, tun Sie am besten beides.

Aber bevor man kämpft und gewinnt, durch Gewalt oder auf andere Weise, muss man erkennen, dass man in einem Krieg ist, und das wird in Europa noch einige Jahre brauchen.

Um zu gewinnen, ist es nötig, zuerst die terroristischen Regime zu beseitigen, so dass keine Regierung in der Welt mehr als sicherer Hafen für diese Leute dient.

Meiner bescheidenen Meinung nach ist die Weltgefahr Nr. 1 heute der Iran und sein Regime. Er hat entschieden den Ehrgeiz, weite Gebiete zu beherrschen und sich in alle Richtungen auszubreiten. Er hat eine Ideologie, die beansprucht, der westlichen Kultur überlegen zu sein. Er ist unbarmherzig. Er hat bewiesen, dass er durchdachte terroristische Anschläge durchführen kann, ohne viele Spuren zu hinterlassen, indem er iranische Botschaften benützt. Es ist klar, dass er versucht, Nuklearwaffen zu entwickeln. Die sogenannten Gemäßigten und Konservativen spielen im Iran ihre eigene virtuose Version des Spiels „Gute gegen Böse“. Der Iran sponsert den syrischen Terrorismus, er steckt mit Sicherheit hinter vielem, was im Irak geschieht, er rüstet die Hisbollah aus und über sie die palästinensische Hamas und den islamistischen Dschihad. Er führte Terrorakte durch, zumindest in Europa und in Südamerika, wahrscheinlich auch in Usbekistan und Saudiarabien. Und er steht sicherlich an der Spitze eines multinationalen Terror‑Konsortiums, das als untergeordnete Spieler Syrien, den Libanon und gewisse schiitische Elemente im Irak einschließt. Trotz alledem treiben die meisten europäischen Länder noch Handel mit dem Iran, versuchen ihn zu beschwichtigen und weigern sich, die klaren Signale zu lesen.

Um den Krieg zu gewinnen, ist es auch notwendig, die Finanzquellen des Terrorkonglomerats auszutrocknen. Es ist zwecklos, die subtilen Unterschiede zwischen dem sunnitischen Terror von Al Qaida und Hamas und dem schiitischen Terror von Hisbollah und anderen vom Iran beeinflussten Unternehmen verstehen zu wollen. Wenn es ihren geschäftlichen Belangen dient, arbeiten sie alle schönstens zusammen,

Es ist entscheidend, die saudische und andere finanzielle Unterstützung des äußeren Kreises zu stoppen, welcher der fruchtbare Nährboden des Terrors ist. Es ist wichtig, alle Spenden der westlichen Welt an islamische Organisationen zu überwachen, ebenso die Finanzen internationaler Hilfsorganisationen, und mit wirkungsvollen ökonomischen Maßnahmen auch auf kleine Anzeichen finanzieller Hilfe für einen jeden der drei Kreise des Terrorismus zu reagieren.

Es ist auch wichtig, entschieden gegen den Feldzug von Lügen und Fälschungen vorzugehen und jene westlichen Medien zu beobachten, die mit solchen Kreisen zusammenarbeiten ‑ aus Naivität, aus finanziellen Interessen oder aus Unwissenheit.

Vor allem gilt: Nie dem Terror nachgeben.

Niemand wird je wissen, ob die Wahlen in Spanien ein anderes Ergebnis gebracht hätten, wären nicht ein paar Tage vorher die Bombenanschläge auf die Züge gewesen. Aber das ist nicht wirklich wichtig. Was zählt ist, dass die Terroristen glauben, sie hätten das Ergebnis herbeigeführt, und dass sie gewonnen hätten, indem sie Spanien aus dem Irak vertrieben.

Ist eine demokratische arabische Welt die Lösung?

Wenn wir unter Demokratie freie Wahlen verstehen, aber ebenso eine freie Presse, Meinungsfreiheit, ein funktionierendes Rechtssystem, bürgerliche Freiheiten, Gleichberechtigung der Frau, internationale Reisefreiheit, Umgang mit internationalen Medien und Ideen, Gesetze gegen Rassismus und Diffamierung, und das Vermeiden gesetzlosen Benehmens im Blick auf Krankenhäuser, heilige Orte und Kinder ‑ dann ja, dann ist Demokratie die Lösung.

Wenn jedoch Demokratie nur freie Wahlen heißt, ist es wahrscheinlich, dass das fanatischste Regime gewählt wird, dessen Hetzreden und lügnerische Versprechungen am zündendsten sind. Das haben wir schon in Algerien gesehen und bis zu einem gewissen Grad in der Türkei. Es wird wieder so gehen, wenn der Boden nicht sehr sorgfältig vorbereitet wird. Andererseits kann eine gewisse Übergangs‑Demokratie, wie in Jordanien, eine bessere Lösung auf Zeit sein und den Weg bereiten für das Gemeinte.

Ich zweifle nicht daran, dass die zivilisierte Welt die Oberhand gewinnen wird. Aber je länger wir brauchen, um die neue Landschaft dieses Krieges zu verstehen, umso kostspieliger und schmerzlicher wird der Sieg sein.

Mehr als jede andere Region ist Europa der Schlüssel. Sein verständliches Zurückweichen vor Kriegen als Folge der Schrecken des Zweiten Weltkriegs kann Tausende unschuldiger Menschenleben zusätzlich kosten, ehe das Blatt sich wendet.

www.horst-koch.de
info@horst-koch.de

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