Die Göttlichkeit Jesu

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 Johannes Pflaum


Ist Jesus Christus Gott?

 

Was sagt das Zeugnis der Heiligen Schrift?

 

Jesus Christus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich. Johannes 14, 6

… bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmass des Wuchses der Fülle Christi. Eph. 4, 13

Aber was auch immer mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust geachtet, ja wirklich, ich achte auch alles für Verlust um der unübertrefflichen Grösse der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, willen, um dessentwillen ich alles eingebüsst habe und es für Dreck achte, damit ich Christus gewinne und in ihm erfunden werde. Phil. 3, 7

Einleitung

Die ganze Heilige Schrift hat eine Mitte, wie es Luther formulierte. Diese Mitte ist die Person Jesus Christus und sein vollbrachtes Erlösungswerk. Als Mitte der Heiligen Schrift ist er zugleich auch das Zentrum der Heilsgeschichte. Er hat den Namen, der über alle Namen ist und vor ihm wird sich einmal jedes Knie beugen und jede Zunge bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes des Vaters (Phil. 2, 9-11). Allein im Namen Jesu gibt es Rettung vor dem ewigen Gericht Gottes (Apg. 4, 12). Und in ihm hat der Vater alles zusammengefasst, was im Himmel und auf Erden ist (Eph. 1, 10). Aus diesem Grund kann die Frage: „Ist Jesus Christus wahrer Gott?“ keine zweitrangige Erkenntnisfrage sein. Sondern sie ist die Kernfrage der gesamten Heiligen Schrift und des Evangeliums. Deshalb nennt Paulus in Eph. 4, 13 die Erkenntnis des Sohnes Gottes in einem unauflösbaren Zusammenhang mit der Einheit des Glaubens. Mit anderen Worten: Mit der Frage nach der Person Christi steht und fällt unser Glaube. Aus diesem Grund dürfen wir bezüglich der Christologie keinerlei Erkenntnisunterschiede dulden oder tolerieren. Sonst verlassen wir das Fundament des biblischen Glaubens.

Für die Frage, ob der Titel „Gottes Sohn“ bedeutet, dass Christus weniger ist als Gott oder doch Gott, ist deshalb auch allein die Autorität der Heiligen Schrift ausschlaggebend. Keine andere Inspirationsquelle kann uns dabei weiterhelfen. Wir dürfen auch nicht den Fehler machen, die Bibel im Licht anderer Informationsquellen und religiöser Werke verstehen zu wollen. Vielmehr müssen wir alle anderen Quellen im Licht der Heiligen Schrift hinterfragen und von dorther beurteilen.

Weil die Frage nach der Gottheit Jesu eine Kernfrage ist, hat sie auch entscheidende Auswirkungen für andere grundlegende biblische Lehrfragen. Einige davon möchte ich kurz erwähnen.

Das Wesen Gottes: Ist Gott in sich selbst Liebe? Dies ist nur bei mehreren Personen möglich.

Das Wesen Christi: Ist Jesus Christus Gott oder nur ein göttliches Wesen? Dies macht einen grossen Unterschied in Bezug auf seine Bedeutung und seine Stellung.

Die Sünde des Menschen: Wie tief ist der Mensch durch die Sünde gefallen? Es ist ein tieferer Fall, wenn nur Gott selbst und nicht lediglich ein göttliches Wesen den Schaden gut machen kann.

Die Erlösung durch Jesus Christus: Starb Gott selbst am Kreuz? Die Gnade und Barmherzigkeit Gottes ist unvergleichlich grösser, wenn nur Gott selbst sich für unsere Sünden geben konnte.   

Da die Frage nach der Person Jesu untrennbar mit der Frage der Dreieinigkeit verknüpft ist, möchte ich diesbezüglich noch einige Anmerkungen machen. Es ist wahr, dass der Begriff Dreieinigkeit, oder besser gesagt Dreieinheit, kein biblischer Begriff ist. Dies sagt aber noch nichts darüber aus, ob die Sache der Dreieinheit in der Bibel erwähnt wird. An einem anderen Beispiel möchte ich dies deutlich machen. Die Rabbiner sprechen im Bezug auf die Gegenwart Gottes in der Stiftshütte und im ersten Tempel von der Schechina, dem Wohnen der Herrlichkeit Gottes unter seinem Volk. Den Begriff Schechina finden wir aber an keiner Stelle in der Heiligen Schrift. Trotzdem bringt er einen biblischen Sachverhalt zum Ausdruck. Genauso verhält es sich mit der Dreieinheit. Die Frage ist nicht, ob wir diesen Begriff in der Heiligen Schrift finden. Sondern ob die Bibel den Sachverhalt lehrt, welcher in diesem theologischen Begriff zum Ausdruck gebracht werden soll.

In diesem Zusammenhang verweisen Gegner der Dreieinigkeitslehre auf einen angeblichen Dreigottglauben, welcher im Gegensatz zum biblischen Monotheismus (Eingottglauben) stehen würde. Wer das behauptet macht damit nur deutlich, dass er überhaupt nicht verstanden hat, was dieser Begriff zum Ausdruck bringen möchte. Prinzipiell können wir festhalten, dass diejenigen welche meinen, rational und verstandesmässig die Lehre von der Dreieinheit verstanden zu haben, damit nur zum Ausdruck bringen, dass sie noch überhaupt nichts verstanden haben. Warum? Mit unserem menschlichen Denken können wir nur in eins oder drei denken. Aber dass eins und drei eine völlige Einheit darstellen können, ist für uns genauso unvorstellbar wie Gottes Allmacht, Allweisheit und Allgegenwart. Gottes Gedanken sind eben nicht unsere Gedanken und Gottes Wege sind viel höher als unsere Wege (Jes. 55, 8-9). Von daher ist auch das Argument grundlegend verkehrt, dass es sich bei der biblischen Dreieinheitslehre um eine Vielgötterei handelt, welche im Gegensatz zu dem einem wahren Gott steht.

Auf diesem Hintergrund bekommt auch der Vers aus Rö. 1, 20 eine tiefere Bedeutung: Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien. Im Gegensatz zu dem rationalen Denken finden sich in der Schöpfung mehrere Fakten, welche nicht in die „Entweder-oder-Kategorie“ passen. So kann Licht beispielsweise nicht nur als Wellen oder Korpuskel auftreten, sondern als Wellen und Korpuskel. Das eine Element Wasser kann sowohl in flüssiger als auch fester und gasförmiger Form auftreten. Somit können wir wortwörtlich in dem Gemachten das Wesen Gottes erkennen, welches in  Übereinstimmung mit dem Zeugnis der Heiligen Schrift steht.

Als letzte Vorbemerkung muss es uns nachdenklich stimmen, in welchen Lehren und Religionen Jesus als wahrer Gott abgelehnt wird. An erster Stelle sei hier der Islam erwähnt mit seinem durch und durch antichristlichen Charakter. Weiter finden wir die Infragestellung der Gottheit Jesu bei verschiedenen Sekten[1] (Zeugen Jehovas, Mormonen, Universelles Leben, Scientologie). Allein schon auf diesem Hintergrund darf die Ablehnung der Gottheit Jesu durch das religiöse Judentum nicht blauäugig als eine biblische oder alttestamentliche Lehre angesehen werden. Eine judaistische Lehre hat, wie wir später noch sehen werden, noch lange nicht den Anspruch „ursprünglich biblischer“ zu sein, nur weil sie dem religiösen Judentum entstammt. Über allem muss die absolute Autorität der ganzen Heiligen Schrift als alleiniger Massstab stehen. Dazu ist grundlegend festzuhalten, dass sowohl das AT in seinem hebräischen Urtext wie auch das NT in seinem griechischen Urtext gleichermassen von Gott wörtlich inspiriert sind. Nur im Licht des AT können wir das NT auslegen. Genauso kommen wir nur im Licht des NT zu einer biblischen Auslegung des AT’s. Da nach meiner Beobachtung die Frage nach der Gottheit Jesu hauptsächlich durch judaistische Einflüsse im evangelikalen Raum aufkommt, möchte ich mich hier auf diese Linie beschränken und sowohl die Sekten als auch den Islam unberücksichtigt lassen.

1. Die Gotteserkenntnis im Judentum

Die Ablehnung der Gottheit Christi wird hauptsächlich mit dem Glaubensbekenntnis Israels (Sch’ma Israel) aus 5. Mo. 6, 4 begründet: Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein oder Der HERR ist unser Gott, ein HERR.. Aufgrund dieser Schriftstelle lehnen weite Teile des religiösen Judentums bis heute die Lehre von der Dreieinheit Gottes als eine „Vielgötterei“ radikal ab. Für christliche Verfechter dieser Auffassung steht fest, dass Jesus Christus diese Gotteserkenntnis des Judentums teilte. Oberflächlich gesehen klingt diese Erklärung sehr einleuchtend, da Israel ja Gottes auserwähltes Volk war und ist. Aber bei einer näheren Betrachtung muss eine fundamentale Frage gestellt werden. Entspricht die Gotteserkenntnis des religiösen Judentums der Gottesoffenbarung der Heiligen Schrift? Auf diesem Hintergrund muss auch die manchmal zitierte „Belegstelle“ aus Joh. 4, 22 genau betrachtet werden: … wir beten an, was wir kennen, denn das Heil ist aus den Juden.

a) Israels Stellung als auserwähltes Volk Gottes

Nun steht ausser Frage, dass Israel das auserwählte Volk Gottes unter allen Nationen ist. Im Römerbrief lesen wir diesbezüglich, was Israel in besonderer Weise anvertraut ist und worin ihr Vorzug besteht. Rö. 3, 1-2: Was ist nun der Vorzug des Juden oder was der Nutzen der Beschneidung? Viel in jeder Hinsicht. Denn zuerst sind ihnen die Aussprüche Gottes anvertraut worden. In Rö. 9, 4-5 steht: … die Israeliten sind, deren die Sohnschaft ist und die Herrlichkeit und die Bündnisse, und die Gesetzgebung und der Dienst und die Verheissungen, deren die Väter sind und aus denen dem Fleisch nach der Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. Amen! Interessanterweise zeigt Paulus gerade mit dem was Israel anvertraut ist auf, dass Christus Gott ist über alles.

An keiner Stelle in der Heiligen Schrift wird aber hervorgehoben, dass Israel oder das religiöse Judentum als solches über die wahre Gotteserkenntnis verfügt. Vielmehr finden wir immer wieder die Klage der Propheten über den Mangel an Gotteserkenntnis in seinem Volk (Hos. 4, 1u.6 etc.) Dabei bezieht sich dieser Mangel nicht nur auf den säkularen, sondern, wie das Zeugnis der Propheten deutlich macht, auch auf den grössten Teil  der religiösen Bevölkerung Israels. Aus diesem Grund ist schon einmal Vorsicht geboten, die Gotteserkenntnis des religiösen Judentums mit der biblischen Gotteserkenntnis vorschnell gleichzusetzen. Hier sei auch nochmals die oft zitierte „Belegstelle“ aus Joh. 4, 22 erwähnt. Darin lesen wir nicht, dass das Heil im Judentum ist, sondern aus den Juden kommt. Somit weisst diese Stelle eindeutig auf Jesus Christus als den Messias hin. Sie kann aber nicht dazu missbraucht werden, um das religiöse Judentum in der Frage nach der biblischen Gotteserkenntnis absolut zu setzen.              

b) Die Gotteserkenntnis im Judentum und die biblische Gotteserkenntnis

Wie erwähnt klagen die Propheten immer wieder über den Mangel an echter Erkenntnis in Gottes Volk. So wird auch in den Propheten deutlich, dass es immer nur der treue Rest in Israel war (die wahrhaft Gläubigen), welcher den Herrn wirklich kannte. Trotz aller ernst gemeinten Religiosität kannte das Volk als Ganzes den Herrn nicht. Dies wird erst in der Zukunft der Fall sein, nachdem sich der wiederkommende Herr ihnen offenbaren wird. (Jer. 31, 34). Im Gegensatz zu dem treuen Rest, den wahrhaft Gläubigen des alten Bundes, klagt Gott darüber, dass sein Volk ihn nicht kennt (Jes. 1, 3; Jer. 4, 22) und dies, obwohl Gott sich Israel zu erkennen gab. So kann uns letztendlich nur das geoffenbarte Wort Gottes und nicht das religiöse Judentum zur wahren Gotteserkenntnis führen. Von daher müssen wir alle Aussagen des religiösen Judentums im Licht der Heiligen Schrift überprüfen und beurteilen und dürfen auf keinen Fall den umgekehrten Weg einschlagen, nämlich die Heilige Schrift im Licht der religiösen jüdischen Tradition auslegen und beurteilen.  

Gerade im Bezug auf das Evangelium und die Christuserkenntnis bezeugt uns die Bibel die Blindheit Israels (Rö. 11, 8 u. 25). Paulus weist zwar auf den Eifer Israels für Gott hin, der aber ohne wahre Erkenntnis geschieht (Rö. 10, 2). In 2. Kor. 3, 14-18 wird die Decke vor den Augen Israels in einen untrennbaren Zusammenhang mit der Erkenntnis Christi gebracht.

Hierbei muss aber auch noch erwähnt werden, dass es selbst im Judentum Rabbiner gab, welche aufgrund alttestamentlicher Aussagen auf die Lehre einer Dreieinigkeit gekommen sind[2]. Allerdings wurden diese Hinweise durch den Pharisäismus und das daraus entstandene orthodoxe Judentum zur Seite gedrängt. Stanley A. Elliesen und Charels H. Dyer schreiben in diesem Zusammenhang folgendes[3]: Diese Lehre über ein einziges göttliches Wesen, über die mindestens seit den Schulen Hillels und Schammais diskutiert wird, entstand „hauptsächlich als Antwort auf die christliche Theologie und Verfolgung“ … So wurde das Sch’ma zur theologischen Verteidigung der Juden, um Jesus abzulehnen, der Einssein und Gleichheit mit Gott für sich beanspruchte.

Tatsächlich ist im religiösen Judentum ein deutlicher Unterschied in der Schriftauslegung  vor und nach der Zeit Christi erkennbar. So schreibt John Gill in seiner Auslegung des Propheten Daniel: Fünfzig Jahre vor dem Kommen Christi sagte Rabbi Nehemia, dass der von Daniel für das Kommen des Messias festgelegte Zeitpunkt nicht weiter als fünfzig Jahre entfernt sein könnte. Als Christus dann aber erschienen war, durfte er aus der Sicht der religiösen Oberschicht in Israel nicht der Messias sein. Als Folge davon musste deshalb das eindeutige Messiaszeugnis des Propheten Daniels umgedeutet werden. Benedikt Peters erwähnt in seiner Einleitung zum Buch Daniel folgendes: Die Juden zählen Daniel nicht zu den Propheten, sondern zu den Schriften (zur jüdischen Art der Einteilung des Alten Testaments siehe Lk 24:27, 44); sie anerkennen, dass das Buch durch die Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben wurde, nicht aber durch den Geist der Prophetie. Was wollen sie mit dieser seltsamen, willkürlichen und sinnlosen Unterscheidung sagen? Dies: Daniel darf nicht als Prophet gelten, weil er nicht allein das Kommen, sondern dazu  auch den genauen Zeitpunkt des Kommens des Messias angekündigt hat. Hinter dieser Deklassierung Daniels steht also polemische, gegen das Christentum gewandte Absicht. Damit wird deutlich, wie in der Zeit nach Christi Geburt der Gottesbegriff im religiösen Judentum in einer engen Verbindung mit der Ablehnung von Jesus Christus als Sohn Gottes gesehen werden muss. 

In seinem Kommentar zum Hebräerbrief schreibt Franz Delitzsch im Zusammenhang mit dem Zitat aus Psalm 110, 1 in Hebr. 1, 13 folgendes[4]: Er (Ps. 110, Anmerk. des Verf.) galt also in der Zeit Jesu und der Apostel als messianischer Hauptpsalm. In dem uns vorliegenden altsynagogalen Midrasch ist er aus dieser Stellung verdrängt. Hier haben wir einen weiteren Hinweis dafür, wie sich das nachchristliche religiöse Judentum verändert hat, damit Jesus nicht den Messiastitel Gottheit beanspruchen konnte. Dies sollte uns zurückhaltend und von der Bibel her prüfend machen im Bezug auf alles, was uns das religiöse Judentum an Gotteserkenntnis lehrt.

In seinem Buch „Warum noch warten“[5] macht Martin Heide darauf aufmerksam, dass die rabbinische Auslegung schon immer (auch vor Christus) Probleme mit manchen messianischen Stellen in den Propheten hatte. Am Beispiel der Targumim[6] wird dies ganz deutlich. Am Beispiel von Jes. 9 u. 53 zeigt Heide auf[7], wie die messianischen Texte so uminterpretiert wurden, damit sie der frühen jüdischen Auslegung entsprachen. Beachtenswert sind dabei die textlichen und inhaltlichen Abweichungen vom Hebräischen Original, welche sich durch die jüdische Auslegung ergeben.

 

Martin Heide macht dazu folgende Anmerkung[8]: Wir haben an diesen beiden Beispielen aus Jes. 2 und 9 gesehen, dass sich die Targumim – wenn es um die Thematik des zukünftigen Reiches geht – dem Inhalt nach weitgehend an den Text der hebräischen Vorlage orientieren. In dem zuletzt vorgestellten Text zu Jes. 9 fällt uns aber auch eine starke inhaltliche Verbiegung auf. Sobald nämlich die Person des Messias das Thema bestimmt, sind in den Targumim grobe Abweichungen von einer unmittlbaren Auslegung festzustellen. Im Originaltext zu Jes. 9 wurde das Kind, das geboren werden soll, eindeutig als göttliche Person vorgestellt („wunderbarer Berater, starker Gott, Vater der Ewigkeit …). Genau dieses Kind wird dann als Ursache einer herrlichen Friedensherrschaft gesehen (V. 7). Die jüdische Auslegung „korrigiert“ den Text jedoch nach ihren Vorstellungen: sein Name wird nicht „Wunderbarer, starker Gott“ heissen, sondern sein Name wird von dem „Wunderbaren“ genannt werden, d.h., der Name des Gesalbten wird zwar sehr wichtig sein (er wird „vor“ Gott genannt werden), aber er selbst wird als Geschöpft, nicht als göttliche Person gesehen! Eine Gottessohnschaft des Messias im eigentlichen physischen Sinn hat das Judentum nämlich nicht gekannt; selbst Jes. 7, 14 (Jungfrauengeburt) wurde nirgends auf den Messias gedeutet. Wir werden im folgenden Kapitel sehen, wie solche und ähnliche Missdeutungen die Haltung der Juden gegenüber Jesus mitbestimmt haben.   

An dem von Martin Heide zitierten Textbeispiel können wir sehen, wie gross die Gefahr im religiösen Judentum ist, trotz allem gut gemeinten Eifer, die Gotteserkenntnis nicht wirklich von den Schriften des alten Testamentes (Tenach) her prägen zu lassen, sondern die Texte nach der eigenen Auslegung und dem eignen theologischen System zurechtzubiegen.     

  

c) Die Gotteserkenntnis und die Person Christi

Wie schon deutlich wurde, gehen die Gegner der Gottheit Christi von dem traditionellen Gottesbegriff des religiösen Judentums aus. Allerdings lässt sich diese Annahme nicht biblisch untermauern. Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift kommen wir nicht durch die „wahre Gotteserkenntnis“ zur „wahren Christuserkenntnis“, sondern der Weg ist genau umgekehrt. Nur durch Jesus Christus können wir den Vater wirklich erkennen. Damit stehen wir mitten in der Auseinandersetzung, die Christus mit den damaligen Vertretern des religiösen Judentums führte.

Besonders im Johannesevangelium (welches uns Christus als Gottes Sohn zeigt) werden wir in diese Auseinandersetzung hineingeführt. In Joh. 8, 19 bezeugt Christus gegenüber den Pharisäern: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich gekannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater gekannt haben. Und in Joh. 14, 6-7 steht: Jesus spricht zu Ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen; und von jetzt an erkennt ihr ihn und habt ihn gesehen.  Im Matthäusevangelium wird uns Christus als der verheissene König Israels gezeigt. Dort sagt er in K. 11, 27: Alles ist mir übergeben worden von meinem Vater; und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn, und der, dem der Sohn ihn offenbaren will.

Aus diesem Grund achtete Paulus nach seiner Bekehrung alles für Dreck, was ihm vorher einmal wichtig war, um der unübertrefflichen Erkenntnis Christi Jesu, seines Herrn, willen (Phil. 3, 8). Wir müssen uns dabei vor Augen halten, dass Paulus nicht zu den Zöllnern oder Sündern gehörte, sondern ein vorbildlicher religiöser Eiferer nach dem Gesetz war. Am Anfang von Phil. 3 kommt er diesbezüglich auf seine Vergangenheit als religiöser Eiferer zu sprechen. Aber all das war für ihn unwichtig geworden, und er suchte nur noch Christus zu gewinnen.

In 2. Kor. 3, 14-18 wird noch einmal deutlich gemacht, dass wir nur durch Christus zur Erkenntnis der Herrlichkeit des Herrn kommen können: Aber ihr Sinn ist verstockt worden, denn bis auf den heutigen Tag bleibt dieselbe Decke auf der Verlesung des Alten Testaments und wird nicht aufgedeckt, weil sie nur in Christus beseitigt wird. Aber bis heute, sooft Mose gelesen wird, liegt eine Decke auf ihrem Herzen. Dann aber, wenn es sich zum Herrn wendet, wird die Decke weggenommen. Der Herr aber ist der Geist, wo aber der Geist des Herrn ist, ist Freiheit. Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist geschieht. Übrigens wird in V. 18 die Dreieinheit umschrieben. Paulus redet zunächst von der Herrlichkeit des Herrn (Vater), dann von der Verwandlung in sein Bild (Christus) und schliesslich von dem Herrn, dem Geist (Heiliger Geist).

Wir kommen also nicht durch das religiöse Judentum zur wahren Gotteserkenntnis. Auch nicht durch das Christentum als solches. Der Schlüssel dazu liegt allein in der Person und der damit verbundenen Erkenntnis Jesu Christi. Deshalb lesen wir in 2. Joh. 9: Jeder, der weitergeht und nicht in der Lehre des Christus bleibt, hat Gott nicht; wer in der Lehre bleibt, der hat sowohl den Vater als auch den Sohn. Alle Ansätze welche nicht von dieser biblischen Grundwahrheit ausgehen, müssen deshalb verworfen werden. Aus diesem Grund gab der Herr Jesus der damaligen religiösen Oberschicht den wichtigen Rat (Joh. 5, 39): Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeugen; und ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt.   

2. Die grundlegende Bedeutung der ersten drei Genesiskapitel

In den ersten drei Kapiteln der Genesis finden wir grundlegende biblische Wahrheiten für das ganze Verständnis der Heiligen Schrift und des Evangeliums. Deshalb ist das wörtliche Verständnis dieser ersten Bibelkapitel so ausschlaggebend. Aber auch über das Wesen Gottes werden uns in diesen drei Kapiteln Wahrheiten von grundlegender Bedeutung mitgeteilt.

a) Der Name Gottes wird in der Mehrzahl erwähnt

Arnold Fruchtenbaum weist darauf hin[9], dass schon im ersten Vers der Bibel der Name Gottes „elohim“ als plurales Nomen mit der maskulinen pluralen Endung „im“ genannt wird. Interessanterweise wird aber auch im AT der Name Gottes im Singular (in der Einzahl) erwähnt (z.B. 5. Mo. 32, 15-17; Hab. 3, 3). Diese Singularform kommt jedoch nur 250 Mal zum Einsatz, während die Pluralform (Mehrzahl) für den Namen Gottes sich etwa 2500 Mal im AT finden lässt. Somit gibt uns schon die erste Erwähnung des Namens Gottes in der Bibel eine gewisse Richtung vor.  

b) Gott spricht im Plural-Pronomen (in der Mehrzahl)

In 1. Mo. 1, 26 lesen wir: Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserem Bild, uns ähnlich!  Gegner der Dreieinheit argumentieren hier mit einer Verwendung des Pluralis Majestatis (Benutzung der Pluralform zur Hervorhebung einer übergeordneten Stellung). Dieses Argument geht allerdings ins Leere, da es im gesamten Bibelhebräisch keine einzige Anwendung des Pluralis Majestatis gibt. Stattdessen sind in der Mehrzahlform immer auch mehrere beteiligte Personen gemeint.

Interessanterweise kommt das Plural-Pronomen zum ersten Mal bei der Erschaffung des Menschen als Abbild Gottes vor. Der lebendige Gott gibt damit einen ersten tiefen Einblick in sein Wesen, als er den Menschen zu seinem Abbild erschuf. Das zweite Mal wird das Plural-Pronomen wieder im Zusammenhang mit den Menschen in den ersten drei Kapiteln der Heiligen Schrift erwähnt (1. Mo. 3, 22). Somit kann folgendes beobachtet werden. Insgesamt gebraucht Gott nur an vier Stellen des ATs das Plural-Pronomen (ausser den erwähnten Stellen in 1. Mo. 11, 7; Jes. 6, 8). Aber an allen vier Stellen steht es ausschliesslich in einer Verbindung mit Menschen. Das Plural-Pronomen wird daher nur an solchen Stellen verwendet, an denen es um Gottes Reden oder um das Verhältnis zu seinem Abbild geht.          

c) Die Verwendung des hebräischen Wortes „echad“  

Wie schon erwähnt, wird als das Hauptargument zur Ablehnung der Gottheit Christi das „Sch’ma Israel“ aus 5. Mo. 6, 4 herangezogen. Dabei wird auf den „alleinigen“ oder „einzigen“ Gott in diesem Vers hingewiesen, im Hebräischen „echad“. In diesem Sinn wird das Wort „echad“ an verschiedenen Stellen des ATs verwendet. Oft, aber nicht immer, meint es dabei ausschliesslich „ein“ oder „einzig“ im Sinn eines einzelnen Gegenstandes.  

Nun finden wir dieses Wort „echad“ auch in den ersten drei Kapiteln der Bibel erwähnt. Einmal wird es dabei im Zusammenhang mit dem Schöpfungswerk als solches erwähnt, das zweite Mal bei der Erschaffung von Mann und Frau und ihrer Schöpfungsbestimmung. An dieser Stelle sei nochmals an das Wort aus Rö. 1, 20 erinnert: Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien. So können wir etwas von Gottes unsichtbarem Wesen in dem Gemachten erkennen. Das erste Mal wird „echad“ in 1. Mo. 1, 5 erwähnt: Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag. Die Schöpfungstage bestehen also aus einer zusammengesetzten Einheit, aus Abend und Morgen. Dasselbe finden wir in 1. Mo. 2, 24: Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden zu einem Fleisch werden. Auch hier, wo es im Schöpfungsbericht wieder um den Menschen als Abbild Gottes geht, wird das Wort „echad“ im Sinn einer zusammengesetzten Einheit gebraucht. Daraus ersehen wir, dass dieses „ein Fleisch sein“ von Mann und Frau in der Ehe sich letztendlich auch unserem logischen Vorstellungsvermögen entzieht. Äusserlich gesehen bleiben sie für uns zwei verschiedene „Fleische“, während sie biblisch gesehen sich tatsächlich zu einem Fleisch verbunden haben.

Aufgrund der Verwendung des Wortes „echad“ in den ersten drei Kapiteln der Genesis mit ihrer herausragenden Bedeutung ist der Rückschluss nicht von der Hand zu weisen, dass es sich in 5. Mo. 6, 4 um eine zusammengesetzte Einheit als dem alleinigen oder einzigen Gott handelt. Demnach ist das Sch’ma Israel in der alten Lutherübersetzung (1912) nicht von der wörtlichen Bedeutung aber vom Sinn her brillant übersetzt: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Herr.

Ausser den beiden erwähnten Schriftstellen wird das Wort „echad“ im Sinn einer zusammengesetzten Einheit auch in Esr. 3, 1 und Hes. 37, 17 verwendet[10].  Ellisen und Deyer verweisen auf die Erwähnung des Wortes beim Bau der Stiftshütte[11]: In 2. Mo. 36, 18 wird das Wort gebraucht, als Teile des Zeltdachs der Stiftshütte zusammengefügt werden, damit es „ein Ganzes“ ist. Das zeigt, dass der Ausdruck eine vielseitige Bedeutung hat.

 

Zu der Bedeutung dieses Wortes schrieb der Rabbiner Dr. Max Wertheimer nach seiner Bekehrung Folgendes[12]:  Ich war der Lehre der Dreieinigkeit gegenübergestellt. Wir Juden haben ein total monotheistisches Glaubensbekenntnis (5. Mo. 6, 4) … In diesem Wort ist die Lehre der Einheit Jehovas verwurzelt und begründet. Die gesamte Philosophie des Judaismus findet hier ihre Grundlage. Über Jahrhunderte hin lehrten die Rabbiner, dass das Wort „echad“ absolute Einheit bedeutet. Doch nun – ich konnte es kaum glauben -: Meine Lehre war falsch! Ich studierte das Wort und entdeckte, dass es nicht absolute Einheit, sondern zusammengeschlossene Einheit bedeutet. Lassen Sie es mich veranschaulichen: Adam und Eva wurden ein Fleisch. „bosor echad“, eine zusammengeschlossene Einheit. Mose sandte 12 Kundschafter ins Land Kanaan und sie kehrten zurück mit einem riesigen Bündel Weinbeeren. Dieser Stamm Weinbeeren ist hebräisch genannt „eskol echad“. Mit hunderten von Weinbeeren an einem Stamm konnte es nicht eine absolute Einheit gewesen sein; sie sind auf Hebräisch „eine Traube“ genannt. Eine zusammengeschlossene Einheit. In Gibea-Benjamin war eine Übeltat geschehen, welche Jehova, seinen Namen und seinen Charakter verunehrte. Die anderen Stämme waren entrüstet und „das ganze Volk stand auf wie ein Mann“. Das ist es, was ich Ihnen zeigen möchte: Zu der Zeit zählten die Männer Israels neben Benjamin 400 000 Soldaten, doch waren sie zusammengeschlossen wie ein Mann (auf Hebräisch: „isch echad“). Hier ist es wiederum zusammengeschlossene Einheit: Tausende handelten wie einer! Diese und andere Schriftstellen zeigen zweifellos, dass „echad“ nicht eine absolute Einheit sein kann.        

     

3. Das Zeugnis des Alten Testaments

Im AT finden wir an verschiedenen Stellen wichtige Hinweise, welche uns bezeugen,dass Gott nicht nur eine Person ist bzw. der Messias Gott selbst sein muss. Im Folgenden kann aber nur auf eine begrenzte Auswahl von alttestamentlichen Büchern und Stellen eingegangen werden, wobei das Zeugnis des Alten Testamentes in dieser Beziehung noch viel umfassender und deutlicher ist.  

a) Die Namen des Messias im Buch Jesaja    

Im Propheten Jesaja werden uns verschiedene Namen für den verheissenen Erlöser genannt. Schon diese Namen lassen darauf schliessen, dass der Messias niemand anders als Gott selbst sein kann. In Jes. 7, 14 wird der verheissene Erlöser als Immanuel, “Gott mit uns“, angekündigt. Im Zusammenhang  mit Jes. 9, 6 wird deutlich, dass es sich hierbei um mehr handelt als nur eine Handlungsweise Gottes, welches der Name Immanuel zum Ausdruck bringt: Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und man nennt seinen Namen: Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens. Der angekündigte Herrscher muss also Gott selbst sein.

Im weiteren Verlauf des Propheten Jesajas wird diese Linie bestätigt. In Jes. 48, 12-16 redet Jahwe von sich selbst in der ersten und dritten Person. Wieder geht es dabei wie in Jes. 7 u. 9 um den Gesandten Jahwes, der zugleich Jahwe selbst ist. Bemerkenswert dabei ist auch, dass Jakob und Israel an der Stelle, an welcher der Herr in der ersten und dritten Person von sich redet, ausdrücklich zum Hören aufgerufen werden. Jes. 48, 12-16: Höre auf mich Jakob, und Israel, mein Berufener! Ich bin, der da ist, ich der Erste, ich auch der Letzte. Ja meine Hand hat die Grundmauern der Erde gelegt und meine Rechte die Himmel ausgespannt; ich rufe ihnen zu: allesamt stehen sie da. Versammelt euch, ihr alle, und hört! Wer unter ihnen hat dies verkündigt? Der HERR liebt ihn. Er wird an Babel ausführen, was ihm gefällt und sein Arm wird die Chaldäer richten. Ich, ich selbst habe geredet, ja, ich habe ihn gerufen. Ich habe ihn kommen lassen, und sein Weg wird gelingen. Tretet her zu mir, hört dies! Ich habe von Anfang an nicht im Verborgenen geredet; von der Zeit an, da es geschah, bin ich da. – Und nun hat der Herr HERR mich gesandt und seinen Geist verliehen. In diesen Versen, in welchen bei einem genauen Betrachten alle drei Personen Gottes genannt werden, gebraucht am Anfang Jahwe für sich dieselbe Umschreibung, wie sie der erhöhte Christus in Offb. 1, 17 beansprucht: Ich bin der Erste und der Letzte. Jahwe ist in Jes. 48 zugleich der Redende wie auch der Gesandte.

Wie erwähnt, werden uns im Buch Jesaja die verschiedenen Namen des kommenden Messias genannt. In K. 19, 20 lesen wir: Und er wird zu einem Zeichen und zu einem Zeugnis für den HERRN der Heerscharen im Land Ägypten werden: Wenn sie zum HERRN schreien werden wegen der Unterdrücker, dann wird er ihnen einen Retter senden; der wird den Streit führen und sie erretten. In K. 43, 11 betont Jahwe im Blick auf die Rettung seines Volkes (vgl. K. 45, 21; Hos. 13, 4): Ich, ich bin der HERR und ausser mir gibt es keinen Retter. Aus diesem Grund kann der verheissene Retter niemand anders als Jahwe selbst sein. Dieses eindeutige Zeugnis ergibt der Kontext des Buches Jesaja.    

b) Der Messias als Jahwe

Die Botschaft des Buches Sacharja können wir unter verschiedenen Überschriften zusammenfassen. Ein Hauptthema des Propheten wird dabei allerdings häufig übersehen. Der Prophet Sacharja zeigt in eindeutiger Weise auf, dass der kommende Messias niemand anders als Jahwe selbst ist. Ein besonderes Merkmal dieses Buches sind Bibelstellen, in welchen Jahwe sowohl der Sendende als auch der Gesandte ist.

 

Den ersten Hinweis dazu finden wir in Sach. 2, 12-17 (in anderen Übersetzungen V. 8-13 ): Denn so spricht der HERR der Heerscharen, nachdem die Herrlichkeit mich ausgesandt hat, über die Nationen, die euch geplündert haben – denn wer euch antastet, tastet meinen Augapfel an. Ja siehe, ich werde meine Hand über sie schwingen, und sie sollen ihren Knechten zur Beute werden. Und ihr werdet erkennen, dass der HERR der Heerscharen mich gesandt hat. Juble und freue dich, Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und werde in deiner Mitte wohnen, spricht der HERR: Und an jenem Tag werden viele Nationen sich dem HERRN anschliessen. So werden sie mein Volk sein. Und ich werde in deiner Mitte wohnen, und du wirst erkennen, dass der HERR der Heerscharen mich zu dir gesandt hat. Und der HERR wird Juda als sein Erbteil besitzen im heiligen Land und wird Jerusalem aufs Neue erwählen. Alles Fleisch schweige vor dem HERRN! Denn er hat sich aufgemacht aus seiner heiligen Wohnung. In diesem Abschnitt sendet Jahwe sich selbst zur Rettung seines Volkes. Mit anderen Worten sendet Jahwe einen anderen Jahwe. Wir finden diesen Sachverhalt nicht nur bei Sacharja. Eine andere wichtige Stelle steht in Hosea 1, 7: Aber über das Haus Juda erbarme ich mich und rette sie durch den HERRN, ihren Gott. Doch ich rette sie nicht durch Bogen und durch Schwert und durch Krieg,, durch Pferde und durch Reiter. Jahwe rettet das Haus Juda durch einen anderen Jahwe. Dieser kann nur der Messias sein, was übrigens in völliger Übereinstimmung mit Hos. 13, 4 steht. Dort betont der Prophet wie oben schon erwähnt, dass es keinen Retter ausser Jahwe gibt. Auch in 1. Mo. 19, 24 finden wir den HERRN, der durch den HERRN handelt.        

Die Formulierung Und du wirst erkennen, dass der Herr der Heerscharen mich gesandt hat durchzieht ab K. 2 die Botschaft Sacharjas. Wir finden sie auch in K. 4, 9. Das nächste Mal taucht diese Formulierung in K. 6, 15 auf. In V. 12-15 ist dabei wieder vom kommenden Messias die Rede: Und sage ihm: So spricht der HERR der Heerscharen: Siehe, ein Mann, Spross ist sein Name! Und es wird unter ihm sprossen, und er wird den Tempel des HERRN bauen. Ja, er wird den Tempel des HERRN bauen, und er wird Hoheit tragen und wird auf seinem Thron sitzen und herrschen. Auch wird ein Priester auf seinem Thron sein; und der Rat des Friedens wird zwischen ihnen beiden sein … Und Ferne werden kommen und am Tempel des HERRN bauen. Und ihr werdet erkennen, dass der HERR der Heerscharen mich zu euch gesandt hat. Und das wird geschehen, wenn ihr aufmerksam auf die Stimme des HERRN, eures Gottes, hören werdet. Der Bezug zu K. 2 legt den Schluss sehr nahe, dass hier mit derselben Formulierung wieder auf die Sendung Jahwes durch Jahwe zur Rettung seines Volkes Bezug genommen wird.

In Sach. 9, 9 wird der Einzug des messianischen Königs in Jerusalem auf einem Esel beschrieben. In V. 10 finden wir bei der Entfaltung seines Reiches den Wechsel von der ersten zur dritten Person: Und ich rotte die Streitwagen aus Ephraim und die Pferde aus Jerusalem aus, und der Kriegsbogen wird ausgerottet. Und er verkündet Frieden den Nationen. Und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde. Vom Gesamtzusammenhang des Buches Sacharjas liegt es auf der Hand, dass hier wieder Jahwe durch seinen messianischen Jahwe handelt.            

Einen weiteren Hinweis gibt uns Sach. 10, 12: So werde ich sie stark machen in dem Namen des HERRN, und nur in seinem Namen werden sie leben, spricht der HERR.  Jahwe spricht hier wieder von einem anderen Jahwe, in dessen Namen das Volk Israel leben kann. Eine weitere messianische Voraussage steht in Sach. 11, 12-13: Und sie wogen meinen Lohn ab: dreissig Silberschekel. Da sprach der HERR zu mir: Wirf ihn dem Töpfer hin, den herrlichen Wert, den ich ihnen wert bin! Und ich nahm die dreissig Silberschekel und warf sie in das Haus des HERRN dem Töpfer hin. Diese Schriftstelle bezieht sich prophetisch auf den Verrat des Judas (Matth. 26, 14-16). Dabei spricht Jahwe nicht von seinem Gesandten oder Boten, welcher ihnen dreissig Silberschekel wert ist. Vielmehr ist es die Summe, die Jahwe selbst ihnen wert ist. Damit haben wir eine weitere Stelle bei Sacharja, die im Rückblick vom NT aus deutlich macht, dass der Messias nur Jahwe selbst sein kann.

Eine weitere eindeutige Stelle finden wir in Sach. 12, 10: Aber über das Haus David und über die Bewohnerschaft von Jerusalem giesse ich den Geist der Gnade und des Flehens aus, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben und werden über ihn wehklagen, wie man über den einzigen Sohn wehklagt, und werden bitter über ihn weinen, wie man bitter über den Erstgeborenen weint. In diesem Vers redet Jahwe wieder nicht nur in der ersten und dritten Person von sich, was wieder ein eindeutiger Beleg für die beiden verschiedenen Jahwes ist. Sondern er redet in der Ich-Form davon, dass er durchbohrt wurde. Für manche Rabbiner war die Vorstellung, dass Jahwe  durchbohrt würde unerträglich. Aus diesem Grund änderten sie einfach den von Gott inspirierten Urtext eigenmächtig ab und ersetzten das „mich“ durch ein „ihn“ [13]. Weil Israel als Ganzes den gekreuzigten Christus bis heute als Messias ablehnt, wird nach der Botschaft von Sacharja die Busse des Restes Israels darin bestehen, dass sie in dem wiederkommenden Christus Jahwe selbst erkennen, welchen sie durchbohrt haben.

 Eine weitere messianische Prophezeihung finden wir in Sach. 13, 7: Wache auf Schwert, gegen meinen Hirten und gegen den Mann der mein Gefährte ist! spricht der HERR der Heerscharen. Schlage den Hirten, dass die Schafe sich zerstreuen. Das Wort Gefährte (hebr. amit) bedeutet auch Gleichgestellter. Der Messias, der hier geschlagen wird, ist damit dem Herrn der Heerscharen gleichgestellt, d.h. Gott selbst.

In Sach. 14, 3-5 wird uns nochmals das Kommen des Herrn berichtet: Dann wird der HERR ausziehen und gegen jene Nationen kämpfen, wie er schon immer gekämpft hat am Tag der Schlacht. Und seine Füsse werden an jenem Tag auf dem Ölberg stehen, der vor Jerusalem im Osten liegt, und der Ölberg wird sich von seiner Mitte aus nach Osten und nach Westen spalten zu einem sehr grossen Tal, und die eine Hälfte des Berges wird nach Norden und seine andere Hälfte nach Süden weichen. Und ihr werdet in das Tal meiner Berge fliehen und das Tal der Berge wird bis Azal reichen. Und ihr werdet fliehen, wie ihr vor dem Erdbeben geflohen seid in den Tagen Usijas, des Königs von Juda. Dann wird der HERR mein Gott kommen und alle Heiligen mit ihm. Obwohl Jahwe im zweiten Vers dieses Kapitels noch in der ersten Person redet, kommt ab V. 3 wieder der Wechsel zur dritten Person. Damit haben wir einen weiteren Hinweis darauf, dass Jahwe durch einen anderen Jahwe handelt. Dies wird in V. 4 noch deutlicher. Im Zusammenhang mit Apg. 1, 11 bezieht sich diese Stelle auf den wiederkommenden Messias Jesus Christus. Er ist Jahwe, welcher seine Füsse auf den Ölberg stellen wird. Dieser biblische Sachverhalt wird durch das Ende von V. 5 zusätzlich untermauert. Jahwe wird mit allen seinen Heiligen zur Rettung Israels kommen. Auch diese Stelle bezieht sich eindeutig auf Christus (vgl. Matth. 24, 30-31; 25, 31; Jud. 14; Offb. 19, 17-21).

Schliesslich steht in Sach. 14, 9: Und der HERR wird König sein über die ganze Erde, an jenem Tag wird der HERR einzig sein und sein Name einzig. In Verbindung mit Sach. 9. 9 u. 14, 16 wird deutlich, dass der Herr und der kommende König Israels ein und dieselbe Person sind. So bestätigt diese Stelle im letzten Kapitel des Propheten den Messias als den Herrn.           

c) Der Engel des Herrn/HERRN (Mal’akh Adonaj/Jahwe)

Im AT begegnet uns immer wieder der Engel oder Gesandte des Herrn. Interessanterweise finden wir ihn das erste Mal bei Abraham, dem Stammvater Israels und Glaubensvater aller Gläubigen, erwähnt (1. Mo. 16, 7u.9-11; 22, 11u.15). Dieser Bote unterscheidet sich von allen anderen Engeln.

So durfte dem Engel des Herrn geopfert werden (Ri. 6, 18-24; 13, 19-22), was nur dem lebendigen Gott selbst zusteht.

Als Israel seine Enkel Manasse und Ephraim segnete, machte er deutlich, dass der Engel des Herrn Gott selbst ist (1. Mo. 48, 15-16) Und er segnete Joseph und sprach: Der Gott, vor dessen Angesicht meine Väter Abraham und Isaak, gelebt haben, der Gott der mich geweidet hat, seitdem ich bin, bis zu diesem Tag, der Engel, der mich von allem Übel erlöst hat, segne die Knaben; und in ihnen werden meine Name genannt und der Name meiner Väter, Abraham und Isaak und sie sollen sich vermehren zu einer Menge mitten im Land!  Der „Engel“ welcher Jakob erlöste wird hier mit Gott selbst gleichgesetzt. Dies wir uns durch Jes. 63, 9 bestätigt. Dort steht im Bezug auf die Geschichte Israels in der Vergangenheit: Nicht Bote noch Engel – er selbst hat sie gerettet. In seiner Liebe und in seinem Erbarmen hat er sie erlöst. Und er hob sie auf und trug sie alle Tage der Vorzeit.   

In Ri. 13, 18 fragt Manoach den Engel des Herrn nach seinem Namen. Daraufhin bekommt er die Antwort: Warum fragst du denn nach meinem Namen? Er ist zu wunderbar. Somit ist ein klarer Bezug zu Jes. 9, 5 (Wunderbarer) gegeben. Mit dem Engel des Herrn haben wir damit verschiedene Christuserscheinungen im AT vor dessen Menschwerdung. Nach seiner Begegnung mit dem Engel des Herrn stellte Manoach erschrocken fest, dass er und sein Frau Gott gesehen hatten. Genau dasselbe musste Jakob nach seinem Kampf sagen, wobei die Bibel uns bezeugt, dass er mit Gott selbst gekämpft hatte (1. Mo. 32, 29-31). Der Engel des Herrn ist damit niemand anderes als Gott (Elohim) selbst.

Aber nicht nur in Verbindung mit dem Gottesnamen Elohim wird deutlich, dass der Engel des Herrn Gott selbst ist. Im Unterschied zu allen anderen Engelserscheinungen ist der Engel des Herrn mit Jahwe selbst austauschbar. 2. Mo. 3, 4: Als aber der HERR sah, dass er herzutrat um zu sehen, da rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch zu und sprach: Mose, Mose … In diesem Abschnitt (2. Mo. 3, 3- 4, 17) werden immer wieder die beiden Gottesnamen Herr (Jahwe) und Gott (Elohim) für den redenden Engel Gottes verwendet. Auch bei Gideon (Ri. 6, 18-24) und Manoach (Ri. 13, 8-21) ist es nicht ein Engel, durch welchen Jahwe reden lässt, sondern der Herr selbst (vgl. Ri. 2, 1-5). Arnold Fruchtenbaum verweist auf die Stelle in 2. Mo. 23, 20-23[14]: Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, damit er dich auf dem Weg bewahrt und dich an den Ort bringt, den ich für dich bereitet habe. Hüte dich vor ihm, höre auf seine Stimme und widersetze dich ihm nicht! Denn er wird eure Vergehen nicht vergeben, denn mein Name ist in ihm. Denn mein Engel wird vor dir hergehen und wird dich bringen zu den Amoritern, Hetitern, Perisitern, Kanaanitern, Hewitern und Jebusitern; und ich werde sie austilgen. Der Engel des Herrn hat hier die Macht, Israels Sünde zu vergeben oder zu lassen. Da diese Macht allein Gott zusteht, kann der Engel des Herrn niemand anders als der Herr selbst sein.

So lesen wir bezüglich der Wüstenwanderung Israels von dem Engel des Herrn, welcher seinem Volk vorauszog und es führte und bewahrte (2. Mo. 23, 20; 32, 34). Der Engel des Herrn war sowohl vor Israel, wie auch hinter dem Volk zu finden (2. Mo. 14, 19). Nach Jes. 52, 12 u. 58, 8 ist es aber Jahwe selbst, welcher die Vor- und Nachhut Israels bildete. Gibt es eine andere Erklärung dafür, als dass der Engel des Herrn Gott selbst ist?    

 

Wie erwähnt, ist ein Hauptthema des Buches Sacharja, in dem kommenden Messias Jahwe selbst zu erkennen. Es ist es sehr bedeutsam, dass wir auch den Engel des Herrn bei Sacharja wieder finden. In. Sach. 1, 11-13 finden wir bei genauem Betrachten zwei Engel. Der Engel, welcher mit Sacharja redete, ist von dem Engel des Herrn zu unterscheiden. In K. 3, 1-7 treffen wir wieder auf den Engel des Herrn. Während der Hohepriester Joschua in V. 1 vor dem Engel des Herrn steht, ist es wieder Jahwe selbst, der zum Satan spricht. Schliesslich wird in Sach. 12, 8 der Engel des Herrn mit Gott selbst verglichen, um die Errettung Israels zu verdeutlichen.

In Mal. 3, 1 steht: Siehe, ich sende meinen Boten, damit er den Weg vor mir her bereitet. Und plötzlich kommt zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Engel des Bundes, den ihr herbeiwünscht, siehe, er kommt, spricht der HERR der Heerscharen. Auch bei Maleachi ist der Herr (Adonaj) und der Engel des Bundes ein und dieselbe Person. 

d) Aus dem Zeugnis des Rabbiners Dr. M. Wertheimer

Als Abschluss des Zeugnisses von der Dreieinigkeit Gottes im AT sollen noch einmal Beobachtungen von Rabbi Wertheimer erwähnt werden[15]:  Gott offenbart sich dem Abraham als der Allmächtige (El Schaddai). Der erste Buchstabe dieses Wortes ist Schin. Das Schin besteht aus drei Strichen, zusammengeschlossen zu einem. Dieser Buchstabe steht oben auf dem Gebetsriemen und auf der Hülse an den Türpfosten. Juden haben allezeit diesen Buchstaben als symbolisch für die Gottheit angesehen, aber er hat drei Striche (einen für jede Person der Dreieinigkeit) zusammengeschlossen in eins, um die Einheit zu zeigen. Doch beunruhigte mich eine andere Frage: Wenn Er, der am Kreuz hing, wirklich eine Menschwerdung Jehovas war, wer war dann im Himmel? Ich schlug das 18. Kapitel im ersten Buch Mose auf. Abraham hatte drei Besucher – zwei Engel – und den dritten sprach er vierzehnmal als Jehova an. Später verliessen ihn zwei, aber der dritte sprach zu Abraham: „Sollte ich Abraham verbergen, was ich tun werde? Ich gehe nach Sodom und Gomorra hinab, um zu sehen, ob sie nach dem Bericht, der vor mich gekommen ist, völlig getan haben. Und wenn nicht, so will ich’s wissen. Denn ich werde diese Städte zerstören.“ Abraham betete für sie, der Herr ging seinen  Weg, und Abraham ging heim. – Doch hier ist es nun, worauf ich hinweisen will: wir finden, dass Jehova den moralischen Stand Sodoms und Gomorrras prüft und sich weigert, sie zu schonen, weil nicht einmal zehn gerechte Einwohner innerhalb ihrer Grenzen gefunden werden konnten. In demselben Kapitel (19) haben wir diesen Bericht: „Dann liess Jehova auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen von Jehova aus dem Himmel.“ Wie und warum konnten da zwei Jehovas sein, Einer, der durch die Strassen Sodoms ging, und Einer in den himmlischen Orten? Es muss ein allgegenwärtiger Jehova sein! Dann, wenn das wahr ist, konnte Er ja auch gleichzeitig sowohl im Himmel, als auch mit und in Jesus am Kreuz sein.      
  

4. Das Zeugnis des Neuen Testamentes

Im NT finden wir zahlreiche Zeugnisse für die Gottheit des Herrn Jesus. Auch wird im Licht des NT deutlich, dass das AT die Gottheit des Messias lehrt und bezeugt. Im folgenden soll hier nur auf eine Auswahl der neutestamentlichen Schriften näher eingegangen werden. Eigentlich müssten zu diesem Thema auch noch der Römerbrief, Kolosserbrief, beide Thessalonicherbriefe sowie Titus und der Hebräerbrief betrachtet werden.  

a) Das Matthäusevangelium

Im Matthäusevangelium wird uns Christus als der verheissene König Israels gezeigt. Schon bei der Ankündigung der Geburt Christi durch Gabriel wird der Herr Jesus als wahrer Gott bezeugt, Matth. 1, 21-23: Und sie wird einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von seinen Sünden. Dies alles geschah aber, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, der spricht: Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen, was übersetzt ist: Gott mit uns.

Als erstes sticht hier hervor, dass der verheissene Retter sein Volk von den Sünden erretten wird. Dies kann aber weder ein Mensch noch eine Engel, sondern nur allein der lebendige Gott. Auch für das religiöse Judentum z.Zt.Christi stand dies ausser Frage. Aus diesem Grund warfen die Schriftgelehrten Christus später Gotteslästerung vor, als er Sünden vergab (vgl. Matth. 9, 3; u.a.). Wie wir gesehen haben, lehrt uns das AT ebenfalls, dass nur der Herr selbst sein Volk retten kann.

Zum anderen sieht die Schrift die Ankündigung der Geburt unseres Herrn als Erfüllung der Verheissung aus Jes. 7, 14. In und durch Christus ist Gott selbst mit seinem Volk. Nun wird der Name Immanuel an keiner anderen Stelle des Matthäusevangeliums mehr erwähnt. Aber genau den Sachverhalt „Gott mit uns“ finden wir am Ende des Evangeliums. Es ist wie eine Klammer, in welche das ganze Matthäusevangelium eingebettet wird. Sie öffnet sich in K. 1, 23 mit der ausdrücklichen Erwähnung „Gott mit uns“. Und sie schliesst sich im letzten Vers des Evangeliums, Matth. 28, 20: Und siehe ich bin bei (mit[16]) euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters. Christus verheisst an dieser Stelle seinen Jüngern nicht die Gegenwart des Vaters, sondern seiner selbst. Damit wird deutlich, dass Christus Gott selbst sein muss. Er ist bei uns alle Tage, bis zur Vollendung des Zeitalters.

Interessanterweise wird am Ende des Matthäusevangelium die Dreieinheit und die Gottheit Christi bestätigt, V. 19: … tauft sie auf den Namen (Singular) des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. 

 

In Matthäus 8, 23-27 wird uns die Sturmstillung berichtet. In V. 26-27 steht: Dann stand er auf, und bedrohte die Winde und den See; und es entstand eine grosse Stille. Die Menschen aber wunderten sich und sagten: Was für einer ist dieser, dass auch die Winde und der See ihm gehorchen? In der Parallelstelle (Mrk. 4, 41) lesen wir: Und sie fürchteten sich mit grosser Furcht und sprachen zueinander: Wer ist denn dieser, dass auch der Wind und der See ihm gehorchen? Die Antwort auf die Frage, warum die Menschen sich wunderten bzw. die Jünger entsetzt waren und sich fürchteten, finden wir im Gesamtzusammenhang der Heiligen Schrift. Im AT ist an vielen Stellen das Gebieten über den Wind und die Wellen (das Meer) ein Zeichen für Gottes souveränes Handeln und seine Grösse. So etwas konnte deshalb nur Gott selbst tun. Obwohl die Jünger zu diesem Zeitpunkt schon einige messianische Wunder gesehen hatten, waren sie über die Sturmstillung zutiefst entsetzt. Dadurch wurde ihnen klar, dass es nur Gott selbst sein konnte, der hier vor ihnen stand.              

b) Das Johannesevangelium

ba) Die Entstehung des Johannesevangeliums

Mit Johannes haben wir das späteste oder jüngste Evangelium, je nachdem von welcher Seite aus man es betrachtet. Es wird auch oft das geistliche Evangelium genannt, da es sich noch mehr wie die anderen Evangelien auf das Wesen unseres Herrn bezieht. Johannes Calvin sagte über das Johannesevangelium[17]: Ich pflege zu sagen: dieses Evangelium ist der Schüssel zum Verständnis der anderen. Im Mittelpunkt dieses Evangeliums steht unser Herr Jesus als der Sohn Gottes. Johannes zeigt auf, dass Jesus nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott ist. Da sich Ende des ersten Jahrhunderts in dieser Beziehung Irrlehren zu verbreiten begannen, war das Johannesevangelium notwendig geworden. Dabei können wir vier verschiedene Hauptströmungen von Irrlehrern feststellen, die den Hintergrund für die Abfassung des Johannesevangeliums abgeben.

(1) Die Ebioniten

Die Ebioniten (hebr. die Armen) entstanden möglicherweise aus einer Abspaltung der Jerusalemer Gemeinde nach dem Tod des Jakobus, dem Bruder unseres Herrn (62. n Chr.). Karl-Heinz Vanheiden schreibt dazu[18]: Thebutis wurde also nicht gewählt. Darüber enttäuscht und beleidigt, begann er mit einer Rebellion, was schliesslich zur Spaltung der Gemeinde führte. Es ist durchaus möglich, dass Thebutis mit Ebion identisch ist, dem Begründer der Irrlehre der sogenannten Ebioniten. Andererseits stammt der Name Ebjonim aus dem Essenertum und bedeutet einfach: „die Armen“.

Wir wissen jedenfalls, dass sich bald nach dem Tod des Jakobus in judenchristlichen Kreisen eine Irrlehre breit machte, die behauptete, der „Prophet“ Jesus sei nicht von einer Jungfrau geboren worden, sondern das leibliche Kind von Maria und Josef. Jesus sei erst durch seine Taufe im Jordan von Gott als Sohn adoptiert worden. Die Anhänger dieser Lehre wurden spätern Ebioniten genannt und waren offenbar stark von den Essenern beeinflusst. Sie versuchten nämlich auch die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde fortzusetzen. Eine judenchristliche Schrift sagt, dass ihnen nur so viel Eigentum erlaubt gewesen sei, wie man unbedingt zum Leben brauchte. Die Ebioniten lehnten auch Paulus ab.

Was ca. 5 Jahrhunderte später durch die Lehre der Ebioniten, welche die Präexistenz und damit verbundene Gottheit Jesu ablehnten, entstanden ist, können wir nur als äusserst tragisch und traurig ansehen. So hatten die Ebioniten neben anderen jüdischen Quellen, massgeblichen Einfluss auf den jungen Mohammed und den entstehenden Islam. Dazu folgende Zitate von Mark Gabriel[19]: Mohammed sprach andere Menschen auf ihre Ansichten über Gott an. Durch seine Frau Chadidja und ihren Vetter Waraqa bin Neufal wurde er stark von den Ebioniten beeinflusst. Waraqa wurde Mohammeds Mentor und unterrichtet ihn über das Christentum. In einem Hadith heisst es, das Waraqa Teile der Evangelien auf Arabisch niederschrieb. Im Weitern zeigt Gabriel auf, wie er dadurch als „Prophet Gottes“ gefestigt wurde. Es war vor allem seine Frau und sein Vetter, der Priester in einer Kirche in Mekka war, die ihn als Prophet Gottes stärkten und festigten. Damit kann festgehalten werden, die judenchristliche Sekte der Ebioniten mit ihrer Ablehnung der Gottheit Jesu massgeblich zur Entstehung des Islam beitrug.

(2) Die Johannesjünger

Nach E. Aebie stellten spätere Jünger von Johannes dem Täufer, wie sie sich bezeichneten, ihren Meister über Jesus. Johannes der Täufer hatte in ihren Augen geistlich einen höheren Stellenwert wie Christus. Jedoch dürfen wir hier nicht die Johannesjünger sehen, welche Christus nachfolgten. Dazu gehörte ja auch der Apostel Johannes. Auch war Johannes der Täufer für diese Entwicklung nach seinem Tod nicht verantwortlich, da er ja in Joh. 1, 29 seine Jünger klar auf Jesus als dem Lamm Gottes hinwies. Nur im Johannesevangelium (K. 3, 3) finden wir deshalb auch diesen wichtigen Hinweis von Johannes dem Täufer: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. Durch dieses Zitat widerlegt der Apostel Johannes die Irrlehre der so genannten Johannesjünger.

(3) Die Kerinthianer

Diese Irrlehre sah in Jesus einen blossen Menschen, der sich nur in bestimmten Situationen mit dem himmlischen Christus vereinigt hatte. Kerinthos, der Vater dieser Lehre, welcher wohl auch Ende des 1. Jahrhunderts in Ephesus wirkte, unterschied zwischen dem höchsten Gott und einem Engelwesen (Christus). Auf diesem Hintergrund ist neben dem Johannesevangelium auch der Inhalt der Johannesbriefe sehr interessant. Nach der Legende soll Kerinthos in einem Bad in Ephesus mit Johannes zusammengetroffen sein. Ob dies tatsächlich so war, können wir nicht sicher sagen. Eine Tatsache dagegen ist die Irrlehre der Kerinthianer, welche wohl mit ein Anlass zur Abfassung des Johannesevangeliums war.    

(4) Die Doketen

Nach dieser Auffassung hatte Christus nur einen Scheinkörper als Mensch. Er hat deshalb nur zum Schein gelitten und ist zum Schein gestorben. Alles war die Vorspiegelung falscher Tatsachen. Christus als wahrer Gott und Mensch zugleich, sowie seine Geschichtlichkeit wird im Doketismus aufgegeben.

Interessanterweise finden wir heute vor wieder ganz ähnliche Strömungen innerhalb des sogenannten messianischen Judentums, deren Ansichten Ähnlichkeiten zu den Lehren der Ebioniten und Kerinthianer aufweisen. Sie erkennen Christus als Messias, aber nicht als wahren Gott an. Manche Glaubensväter vertraten die Meinung, dass sich am Ende des Gemeindezeitalters wieder alles zum Anfang kehren wird. Wir können feststellen, wie auch heute wieder ganz ähnliche Irrlehren über Christus um sich greifen.

bb) Das Zeugnis im Johannesevangelium

Im Johannesevangelium wird uns Christus als der ewige Sohn Gottes gezeigt. Dazu gehört, dass uns dieses Evangelium in einmaliger Weise Christus als wahren Gott bezeugt. Schon in Joh. 1, 1-2 wird deutlich, dass der Logos (das Wort) nicht Gott untergeordnet, sondern gleichgestellt ist. Mit dem Wort ist niemand anders als Christus selbst gemeint (vgl. K. 1, 14 u. Offb. 19, 13). Somit stellt uns

Johannes in seinem Evangelium als erstes Christus als wahren Gott und menschgewordenen Gott (V. 14) vor. Die jüdische Tradition dagegen, muss aufgrund ihres Systems zu einem anderen Schluss kommen[20]: Die Lehre der ewigen Gottessohnschaft („Vater der Ewigkeit“, Jes 9, 6) wie sie z.B. das NT in Joh 1, 1ff bringt, war in der jüdischen Tradition weitgehend unbekannt. Besonders hat man nicht die Identität des Messias mit dem Sohn Gottes (als göttliche Person) gesehen. Dagegen galt die Thora, das alttestamentliche Gesetz als göttlich. Joh 1, 1ff z.B. würde in der jüdischen Tradition nicht auf Christus, sondern auf die Thora zutreffen (Strack-Billerbeck I,974ff; II,355ff). 

In Joh. 1, 14 haben wir nun eine weitere Bezeugung der Gottheit Christi. Hier wird mit anderen Worten umschrieben, was die Rabbiner als die Schechina bezeichneten – das Wohnen der Herrlichkeit Gottes unter seinem Volk: Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Mit der Menschwerdung Christi wohnte die Herrlichkeit Gottes nicht mehr in einer Wolke, sondern leibhaftig unter seinem auserwählten Volk. Es ist interessant, dass schon im AT der Engel des Herrn in einer engen Verbindung mit der Wolken- und Feuersäule gesehen wurde. Schon damals gehörte beides zusammen und weist auf die Gottheit Christi hin (vgl. 2. Mo. 14, 19).   

Ein weiteres wichtiges Zeugnis von der Gottheit Christi finden wir in Joh. 2, 24-25: Jesus selbst vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte und nicht nötig hatte, dass jemand Zeugnis gebe von dem Menschen; denn er selbst wusste, was in dem Menschen war. Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift kennt aber niemand das Verborgene im Menschen als allein der lebendige Gott (Jer. 17, 9-10; 1. Kö. 8, 39; Ps. 139, 23-24 etc.). Auch an anderen Stellen wird uns bezeugt, dass unser Herr die Menschen durch und durch kannte, bevor er sie ansprach (Joh. 1, 48; 4, 17-19 u. 29).

Zu einem grossen Zusammenstoss zwischen Christus und seinen Gegnern kam es in Joh. 5, 17-24. In V. 17 wird uns berichtet, dass Christus Gott seinen Vater nannte. An dieser Stelle können wir erkennen, wie das Judentum damals die Inanspruchnahme der Sohnschaft Gottes (nur Christus heisst in der Bibel „der Sohn Gottes“ (Einzahl); Engel und Menschen heissen „Söhne Gottes“) nicht als Unterordnung unter den Vater, sondern als Gleichstellung mit ihm verstand. V. 18: Darum nun suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat aufhob, sondern auch Gott seinen eigenen Vater nannte und sich so selbst Gott gleich machte. Weder Christus noch die Bibel widersprachen dem Urteil der Juden. Sie hatten zu Recht erkannt, dass Christus für sich beanspruchte Gott zu sein. Dies war ein Hauptgrund für das Todesurteil gegen ihn (vgl. Joh. 19, 7).

Eine ganz ähnliche Begebenheit finden wir in Joh. 10, 33-36 berichtet. Auch dort war den Zuhörern klar, dass Christus für sich beanspruchte, Gott zu sein. In Joh. 5 liess Christus die Feststellung der Juden nicht nur unwidersprochen stehen. Vielmehr unterstrich er in V. 21-24 noch den Anspruch, Gott zu sein, da er vier Dinge für sich selbst in Anspruch nimmt, die allein Gott zustehen: 1. lebendig zu machen, wen er will, 2. das Gericht auszuführen, 3. geehrt zu werden, wie der Vater geehrt wird, 4. ewiges Leben zu geben.                 

In Joh. 6 fordert Christus seine Zuhörer nicht zum Glauben an Gott, sondern zum Glauben an seine Person auf. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass er nur Gott sein kann. Joh. 6, 29: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubet, den er gesandt hat. V. 35: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Der Blindgeborene, welcher von Christus geheilt wurde, warf sich nach Joh. 9, 38 anbetend vor ihm nieder. Bei seiner Versuchung zitierte Jesus aus 5. Mo. 6, 13, um deutlich zu machen, dass Anbetung allein Gott dem Herrn zusteht.

Einen grossen Abschnitt über die Auferstehung finden wir in Johannes 10. Es ist nicht nur das Kapitel, in welchem die Juden erneut Christus vorwerfen, sich selbst zu Gott zu machen (V. 33). Sondern tatsächlich leuchtet aus diesem Kapitel wieder in einzigartiger Weise die Gottheit Christi hervor. So betont Jesus in V. 18 seine Macht, sein Leben selbst zu geben und es wieder zu nehmen, eine Sache, die nur Gott allein zusteht! In V. 28 und 29 wird deutlich, wie das Wirken des Sohnes und des Vaters untrennbar zusammengehören, bzw. miteinander austauschbar sind: Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist grösser als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben. Was Christus hier sagen wollte, wird noch einmal durch V. 30 betont: Ich und der Vater sind eins. Dabei geht es nicht nur um eine völlige Übereinstimmung von Vater und Sohn. Mit dem „eins“ wird ausgedrückt, dass Vater und Sohn gleichermassen Gott sind. Den Beleg dafür finden wir in Joh. 14, 8-11: Philippus spricht zu ihm: Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns. Jesus spricht zu ihm: So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater, gesehen. Und wie sagst du: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst, der Vater aber, der in mir bleibt, tut seine Werke. Glaubt mir, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist; wenn aber nicht, so glaubt mir um der Werke willen.           

Eine weitere Stelle, an welcher deutlich wird, wie der Glaube an Jesus Christus und an den Vater deckungsgleich sind und somit beide Gott sein müssen, finden wir in Joh. 12, 44-45: Jesus aber rief und sprach: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat; und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. In K. 13, 31-32 spricht Christus von seiner Verherrlichung. Dabei wird deutlich, dass seine Verherrlichung zugleich auch Gottes Verherrlichung ist: Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. Wenn Gott verherrlicht ist in ihm, so wird auch Gott ihn verherrlichen in sich selbst, und er wird ihn sogleich verherrlichen. Von der kommenden Innewohnung durch den Heiligen Geist in seinen Jüngern sprach der Herr Jesus in Joh. 14. In diesem Kapitel wird deutlich, wie die Innewohnung des Geistes (V. 16-17) und die Innewohnung des Sohnes und des Vaters (V. 23) untrennbar zusammengehören. Damit haben wir einen weiteren Hinweis auf die Dreieinheit Gottes.

Schliesslich begegnete der auferstandene Christus seinem Jünger Thomas, der bis dorthin von Zweifel an der Auferstehung geplagt war. Als Thomas den Herrn Jesus erkennt, kann er nur anbetend feststellen (Joh. 20, 28): Mein Herr und mein Gott. Damit wird der rote Faden deutlich, welcher sich durch das gesamte Johannesevangelium zieht: Der Sohn Gottes ist wahrer Gott. In K. 1 wird uns Christus als menschgewordener Gott bezeugt. In K. 20 betet sein Jünger Thomas ihn nach seiner Auferstehung als Herrn und Gott an. Dazu kommen die sieben „Ich bin Worte“ (Joh. 6, 35; 8, 12; 10, 7; 10, 11; 11, 25; 14, 6; 15, 1), welche in einem Zusammenhang zu 2. Mo. 3, 14 stehen und Christus als Jahwe bezeugen. Dies hat Christus auch in Joh. 8, 24 deutlich gemacht: So habe ich euch gesagt, dass ihr  sterben werdet in euren Sünden; denn so ihr nicht glaubet, dass ich es bin (wörtl.: ich bin), so werdet ihr sterben in euren Sünden.        

c) Die Johannesbriefe

Die  drei Johannesbriefe stehen in einem engen Zusammenhang mit dem Johannesevangelium. Im 1. Johannesbrief wird hauptsächlich das Thema von der Gemeinschaft der Gläubigen mit dem Herrn und damit verbunden auch von der Gemeinschaft untereinander aufgegriffen. Es wird immer wieder die einzigartige Bedeutung Christi als Grundlage der echten Gemeinschaft mit dem Vater wie auch der Gläubigen untereinander herausgestellt. Auch der 1. Johannesbrief bezeugt uns deshalb Christus als wahren Gott. Im Johannesevangelium wird uns Christus als Licht der Welt vorgestellt (Joh. 8, 12). Parallel dazu lesen wir in 1. Joh. 1, 5: Und dies ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: dass Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm wohnt.   

Johannes macht in diesem Brief noch einmal deutlich, wie untrennbar der Vater und der Sohn zusammengehören und der Glaube an den Vater ganz und gar vom Glauben an den Sohn abhängt (1. Joh. 2, 22-23: Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Der ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater. Damit wird auch in diesem Brief deutlich, dass wahre Gotteserkenntnis von der Erkenntnis und dem Glauben an Jesus Christus abhängt und nicht umgekehrt (vg. 2. Joh. 7). Dies lesen wir ebenfalls in 1. Joh. 4, 2-3:  Hieran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus, im Fleisch gekommen, bekennt, ist aus Gott und jeder Geist, der nicht Jesus bekennt, ist nicht aus Gott; und dies ist der Geist des Antichristus, von dem ihr gehört habt, dass er komme, und jetzt ist er schon in der Welt.

 

Vom gesamten Hintergrund und Zusammenhang des 1. Johannesbriefes sowie des Johannesevangeliums her kann die Redewendung „ins Fleisch gekommen“ sich nur auf die Menschwerdung Gottes beziehen. Alles andere würde keinen Sinn geben (vgl. 2. Joh. 7). Aus diesem Grund schliesst der Apostel seinen ersten Brief in K. 5, 20 mit folgender Zusammenfassung: Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Verständnis gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. Kinder, hütet euch vor den Götzen! In diesem Brief wird auch der Heilige Geist als Gott bestätigt (1. Joh. 5, 6). Er wird genauso wie der Vater und Christus als die personifizierte Wahrheit bezeichnet.       

d) Bibelstellen, die Christus als Gott bezeichnen

Im Neuen Testament finden wir zahlreiche Bibelstellen, die Christus eindeutig als Gott bezeichnen. Im Folgenden sollen die Wichtigsten genannt werden.

Joh. 20, 28: Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Bei dem Bekenntnis von Thomas handelt es sich wahrscheinlich um ein Zitat aus Ps. 84, 4.

Röm. 9, 5: … deren die Väter sind und aus denen dem Fleisch nach der Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit! Amen.    

Tit. 2, 13: … indem wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes Jesus Christus erwarten.   

2. Petr. 1, 1: … durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus.

Hebr. 1, 8-9: … von dem Sohn aber: Dein Thron, o Gott, ist in alle Ewigkeit, und das Zepter der Aufrichtigkeit ist Zepter deines Reiches; du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst; darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit Freudenöl vor deinen Gefährten. In diesem altestamentlichen Zitat wird Gott von Gott gesalbt, was wieder ein eindeutiger Hinweis auf mehrere Personen Gottes ist.

Jud. 25: … dem alleinigen Gott, unserem Heiland durch Jesus Christus, unserem Herrn, sei Herrlichkeit, Majestät, Gewalt und Macht vor aller Zeit und jetzt und in alle Ewigkeit! Amen! 

e) Bibelstellen, in denen Jesus Christus durch Zitate als Jahwe bezeichnet wird

Der hebräische Gottesname Jahwe wird im Griechischen mit Kyrios übersetzt. Dabei gilt es zu beachten, dass das Neue Testament genauso von Gott inspiriert ist wie das Alte Testament und nicht eine zweitklassige oder minderwertige Gottesoffenbarung darstellt. So wird Christus im NT immer auch als der Kyrios (Herr) bezeichnet. Diesen Titel teilt er mit dem Vater. Darüber hinaus finden wir aber zahlreiche Zitate aus dem AT, welche mit dem Gottesnamen Jahwe eindeutig im NT auf Christus bezogen werden. Damit wird deutlich, was schon im AT verheissen ist: im Messias kam Jahwe selbst zu seinem Volk. Besonders in den Predigten und Briefen der Apostel wird Jesus, der verheissene Messias, als Jahwe bezeichnet.

Matth. 3, 3: Denn dieser ist der, von dem durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des HERRN, macht gerade seine Pfade.

Matth. 12, 8 (Bezug auf 2. Mo. 16, 29): Denn der Sohn des Menschen ist HERR des Sabbats. 

Mark. 11, 9 (Zitat Ps. 118, 26): Gepriesen sei, der da kommt im Namen des HERRN!

Apg. 2, 21 (Zitat Joel 3, 5): Jeder, der den Namen des HERRN anruft, wird errettet werden. 

In Verbindung  mit Apg. 4, 12 wird deutlich, dass es hier um den Namen Jesus geht.

Rö. 10, 12-13 (Zitat Ps. 145 18; Joel 3, 5 ): Denn es ist kein Unterschied zwischen Jude und Grieche, denn er ist HERR über alle, und er ist reich für alle, die ihn anrufen; »denn jeder, der den Namen des HERRN anrufen wird, wird errettet werden.«  In diesen Versen wendet Paulus den Namen Jahwe zweimal durch alttestamentliche Zitate auf Christus an.    

1. Kor. 2, 16 (Zitat Jes. 40, 13): Denn »wer hat den Sinn des HERRN erkannt, dass er ihn unterweisen könnte?« Wir aber haben Christi Sinn.

2. Kor. 3, 18 (Bezug aus 2. Mo. 34, 34): Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des HERRN an und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht.

Phil. 2, 9-11 (Zitat aus Jes. 45, 23): Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen verliehen, der über jeden Namen ist,  damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. Im Zusammenhang mit der zitierten Stelle aus Jes. 45, 23+24geht klar hervor, dass Jesus hier als Jahwe bezeichnet wird: Ja, jedes Knie wird sich vor mir beugen, jede Zunge mir schwören und sagen: Nur in dem HERRN ist Gerechtigkeit und Stärke.

Hebr. 1, 10-12 (Zitat Ps. 102, 26-28): Du, HERR, hast im Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind Werke deiner Hände; sie werden untergehen, du aber bleibst; und sie alle werden veralten wie ein Kleid, und wie einen Mantel wirst du sie zusammenrollen, und sie werden wie ein Kleid gewechselt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht aufhören.         

1. Petr. 2, 3-4 (Zitat aus Ps. 34, 9): … wenn ihr wirklich geschmeckt habt, dass der HERR gütig ist. Zu ihm kommend als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar.   

Mit den oben angeführten Stellen sind nur die Zitate genannt, die eindeutig auf den Namen Jesu bezogen werden.  Nicht erwähnt sind die zahlreichen alttestamentlichen Zitate im NT, in denen vom HERRN (Jahwe) die Rede ist und die sich gesamtbiblisch sowohl auf den Vater wie auch auf Christus beziehen lassen. Unmöglich, geradezu als einen Angriff auf Gottes Wort, muss jeder Versuch gewertet werden, welcher den Titel HERR in diesen zahlreichen unerwähnten Zitaten nicht Christus zuschreiben möchte. In 1. Kor. 8, 6 schreibt Paulus: So ist doch für uns ein Gott, der Vater, von dem alle Dinge sind und wir auf ihn hin, und ein Herr, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.   

f) Bibelstellen, in denen Jesus Christus durch Zitate als Adonaj bezeichnet wird

Die drei wichtigsten Gottesnamen im AT sind Elohim (dt.: Gott), Jahwe (dt.: HERR) und Adonai (dt.: Herr). Sowohl Jahwe als auch Adonai wird im Griechischen mit Kyrios übersetzt. Somit werden alle drei Gottesnamen durch alttestamentliche Zitate auf Christus angewendet.

Mrk. 12, 35-37 (Zitat aus Ps. 110, 1): Und Jesus begann und sprach, als er im Tempel lehrte: Wie sagen die Schriftgelehrten, dass der Christus Davids Sohn sei? David selbst hat im Heiligen Geist gesagt: »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege!« David selbst nennt ihn Herr. Und woher ist er sein Sohn? Und die große Volksmenge hörte ihn gern.

Hebr. 1, 13 (Zitat aus Ps. 110, 1): Zu welchem der Engel aber hat er jemals gesagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel deiner Füsse“?  Vom Textzusammenhang her wird hier genau derselbe Name Herr auf Christus bezogen, wie in Mrk. 12.

Im NT wird uns durchgehend Jesus Christus als Gott und Herr bezeugt. Nicht angeführt sind alle die Titel, welche sowohl Gott als auch Christus tragen (Richter, König Israels, Herr aller Herren, König aller Könige, Retter, Hirte, Fels etc.) und zahlreiche andere Belege, welche uns Christus als Gott zeigen. Dazu gehört auch, dass Jesus über alle Eigenschaften Gottes verfügt. Michal Kotsch hat in seinem Artikel [21]„Jesus, der ewige Gott“ diese und noch andere Beweise über die Gottheit Jesu zusammengetragen.  

5. Starb Gott am Kreuz?

Mit der obenstehenden Frage versuchen die Gegner der Gottheit Christi andere zu verunsichern. Diese Frage kann aber auch wieder nur allein von der Heiligen Schrift her und nicht mit den Lehren des Judaismus geklärt werden. Zugleich trifft diese Frage den Kern des Kreuzesgeschehens. Es geht dabei um das Ärgernis des Kreuzes für die Juden und um die Torheit des Kreuzes für die Heiden (1. Kor. 1, 22-24).

Nicht nur für einen religiösen Juden, sondern auch für einen religiösen Heiden war es undenkbar, dass Gott selbst zur Errettung der Menschen sein Leben lässt. In diesem Punkt finden wir eine Übereinstimmung aller Religionen in der Ablehnung der Botschaft vom Kreuz. Genau genommen ist diese Frage die messerscharfe Trennlinie, welche das göttliche Evangelium gegenüber aller Form von menschlicher Religiosität zieht. John MacArthur schreibt dazu[22]: Und unter diesen Umständen trat Paulus auf und sprach von nichts anderem als dem Gekreuzigten. In einigen heidnischen Äusserungen über Christus können wir etwas von der tiefen Verachtung der Heiden gegenüber jedem Gekreuzigten erkennen. Eine geritzte Zeichnung auf einem Stein in einer Wachstube auf dem Hügel Palatin in der Nähe des Circus Maximus in Rom stellt einen Gekreuzigten mit Eselskopf dar. Darunter befindet sich ein Mann in Anbetungshaltung, und die Inschrift lautet: „Elexa Manos betet seinen Gott an“. Eine solche widerwärtige Darstellung des Herrn Jesus Christus illustriert eindrücklich, welchen Abscheu die Heiden für jeden Gekreuzigten empfanden, insbesondere für einen gekreuzigten Gott. Justins erste Apologie aus dem Jahr 152 n. Chr. fasst die heidnische Sichtweise wie folgt zusammen: „ Die verkünden es als Irrwahn, dass wir darauf bestehen, einem Gekreuzigten den Platz des unveränderlichen, ewigen Gottes einzuräumen“ … Die Heiden bezeichneten das christliche Evangelium als einen widersinnigen und völlig verqueren Aberglauben und als eine krankhafte Wahnvorstellung. Martin Hengel schreibt in seinem lehrreichen Buch „Kreuzigung“: Zu glauben, dass der präexistente Sohn des einen wahren Gottes, der Mittler bei der Schöpfung und der Erlöser der Welt, vor kurzer Zeit im abgelegenen Galiläa als Mitglied des unbedeutenden Judenvolkes aufgetreten ist und – noch schlimmer – am Kreuz den Tod eines gemeinen Verbrechers starb, konnte nur als ein Zeichen des Irrwahns angesehen werden. Die wirklichen Götter der Griechen und der Römer unterschieden sich dadurch von sterblichen Menschen, dass sie unsterblich waren. Die hatten absolut nichts mit dem Kreuz als Zeichen der Schande gemein … und somit auch nichts mit dem, der … „auf schändlichste Weise gebunden“ und „in schmachvollster Weise hingerichtet“ wurde.

Was das Ärgernis des Kreuzes für die Juden betrifft, schreibt John MacArthur: Für sie war die Kreuzigung nicht nur ein soziales Stigma, sondern auch ein göttlicher Fluch. So war das Stigma des Kreuzes noch schlimmer als gesellschaftliche Schmach, es war ein Fluch Gottes. Die im 2. Jahrhundert entstandene Mischna, ein Kommentar zu den fünf Büchern Moses, erklärt, dass nur Gotteslästerer und Götzendiener gekreuzigt werden sollten. Die Henker hefteten ihre Leiber sogar erst nach ihrem Tod ans Kreuz. Wie konnte der Messias ein Gotteslästerer sein? Wie konnte Gott ein Gotteslästerer sein? Für die Juden war die Vorstellung von einem gekreuzigten Christus lächerlich. Das machte das Evangelium unglaubwürdig.

Durch die Mischna wird einmal mehr deutlich, wie der religiöse Judaismus nach Christus eine bewusste Ablehnung des Kreuzes und der Person Christi als Grundlage hat. Aus diesem Grund sei noch einmal darauf hingewiesen, dass Schriften, die einem solchen Hintergrund entspringen, niemals als eine Offenbarungs- oder Erklärungsquelle in Bezug auf die Erkenntnis Gottes und die Person Christi herangezogen werden können. Die Frage, ob Gott am Kreuz starb, können wir deshalb nur von der Heiligen Schrift her beantworten. Und sie gibt uns in Bezug auf das, was den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit ist, eine eindeutige Antwort. Schon bei dem Propheten Jesaja lesen wir in diesem Zusammenhang (Jes. 8, 13-14): Den HERRN der Heerscharen, den sollt ihr heiligen! Er sei eure Furcht, und er sei euer Schrecken! Und er wird zum Heiligtum (andere Lesart: „zur Falle“ oder „zur Verschwörung“) sein und zum Stein des Anstosses und zum Fels des Strauchelns für die beiden Häuser Israel, zum Klappnetz und zur Falle für die Bewohner Jerusalems.  Diese Stelle wird mehrmals im NT auf Christus angewendet (Matth. 11, 6; Lk. 2, 34; 1. Petr. 2, 8). Er selbst ist als der Herr der Heerscharen der Stein des Anstosses geworden. Aber auch Sacharja sah den Tod Jahwes am Kreuz prophetisch voraus, was durch mehrere neutestamentliche Stellen bestätigt wird.

Sach.  12, 10: Aber über das Haus David und über die Bewohnerschaft von Jerusalem giesse ich den Geist der Gnade und des Flehens aus, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben (Jahwe ist der Redende in diesem Abschnitt) und werden über ihn wehklagen, wie man über den einzigen Sohn wehklagt, und werden bitter über ihn weinen, wie man bitter über den Erstgeborenen weint. Hier sei noch einmal auf den Punkt 3b verwiesen. Das AT prophezeit damit unzweideutig, dass Jahwe durch sein eigenes Volk durchbohrt wird. Von welch herausragender Bedeutung dieser Sacharjavers ist, wird daran deutlich, an welchen Stellen er im NT zitiert wird.  Im Johannesevangelium wird uns Jesus als der Sohn Gottes und wahrer Gott gezeigt. Daher ist es beachtenswert, dass Johannes in K. 19, 37 diese Stelle in Verbindung mit der Kreuzigung zitiert. Das nächste Mal finden wir diese Schriftstelle in Offb. 1, 7. Dort geht es um die sichtbare Wiederkunft des Herrn Jesus. Da es für einen Juden undenkbar war, dass Jahwe gekreuzigt wurde, gingen einige Gelehrten her und änderten diesen Vers einfach ab: … sie werden auf ihn (statt „mich“) blicken … Dieses Vorgehen erinnert an die Worte unseres Herrn in Matth. 15, 3: Warum übertretet auch ihr das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen?

Apg. 20, 28: Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines eigenen (Sohnes) oder: durch sein eigenes Blut. Michael Kotsch weist auf die alten Lesarten hin[23] in welchen steht: durch sein eigenes Blut (vgl. auch Anmerkung in der rev. Elbf. Übers.) . Somit haben wir in dieser Stelle einen Hinweis, dass Gott durch sein Blut die Gemeinde erkauft hat.

1. Kor. 2, 8: Keiner von den Fürsten dieser Welt hat sie erkannt – denn wenn sie sie erkannt hätten, so würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben. In diesem Vers (vgl. Jak. 2, 1) gibt Paulus Christus einen Titel, der allein dem lebendigen Gott zusteht (vgl. 1. Kö. 8, 11; Jes. 40, 5; 1. Chr. 29, 11; 1. Tim. 1, 17; Offb. 5, 12-13 etc.). Damit macht Paulus unmissverständlich deutlich, dass Christus nicht nur die Herrlichkeit Gottes widergespiegelt hat, sondern wesensgleich mit dem Vater, d.h. Gott selbst ist. Eine deutlichere und gewaltigere Aussage im Bezug auf das, was am Kreuz geschah, kann es nicht mehr geben.

2. Kor. 5, 18-19: Alles aber von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat, nämlich dass Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete und in uns das Wort von der Versöhnung gelegt hat. Bezeichnenderweise ist es in V. 19 Gott, der die Welt mit sich selbst versöhnte. Damit macht diese Stelle zwingend deutlich, dass Jesus Christus nur Gott gewesen sein kann.

Titus 2, 13-14: …indem wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus erwarten. Der hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken. Gott hat sich selbst hingegeben, um uns loszukaufen und sich ein Eigentumsvolk zu reinigen.

Wie schon erwähnt, betont  der lebendige Gott schon im AT, dass es ausser ihm keinen Retter gibt (Jes. 43, 3+11; 45, 15+17; Hos. 13, 4, Jona 2, 10). Er ist zugleich auch der Erlöser Israels (Jes. 41, 14; 63, 16). Damit werden zwei Konsequenzen unumgänglich. Jesus Christus musste Gott sein, um der verheissene Retter zu sein (Matth. 1, 21). Völlig zu Recht, aber leider verblendet, stellen die Schriftgelehrten deshalb fest, dass niemand Sünden vergeben kann als allein Gott (vgl. Jes. 43, 25; 44, 22; Matth. 9, 3-4; Mrk. 2, 7; Lk. 5, 21). Damit zur zweiten Konsequenz. Wenn Jesus Christus nicht Gott war, kann er auch nicht der Retter  der Menschen und Israels sein. Dann ist er auch nicht der einzige Weg zu Gott (Joh. 14, 6), sondern vielleicht einer von mehreren Wegen und Möglichkeiten, die Gott hat, der ja selbst der Retter ist.

Die Ablehnung der Gottheit Jesu zieht im Bezug auf die Erlösung weitere gravierende Konsequenzen nach sich, die schon in der Einleitung angesprochen wurden. Es ist ein anderer Gott, der seinen Sohn (der nicht selbst Gott ist) zur Erlösung sendet, als ein Gott, der sich selbst herabneigt und sich für uns hingibt. Durch die Ablehnung der Person Jesu wird deshalb auch der Bedeutung und Grösse von Gottes Gnade und Liebe Abbruch getan. Weiter ist es wichtig zu überdenken, wie tief der Schaden durch die Sünde ist. Ist der Mensch so verdorben, dass nur Gott selbst ihn loskaufen konnte oder ist der Sündenfall doch nicht so tiefgreifend? Auch die Erlösung ist eine viel grössere und bedeutendere, wenn Gott sich selbst für uns dahingegeben hat. Mit der Frage, ob Gott selbst am Kreuz starb, steht oder fällt deshalb das ganze Evangelium von Jesus Christus. Die Heilige Schrift beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen Ja. Wer dagegen diese Frage mit einem Nein beantwortet, versucht nichts anderes, als das Ärgernis und die Torheit des Kreuzes zu umgehen. Er macht damit das Kreuz Christi zunichte.    
     

6. Konsequenzen aus der Ablehnung der Gottheit Christi

Die Ablehnung der Gottheit Christi zieht weitere Folgerungen nach sich, welche die biblische Wahrheit verzerren und verleugnen.

Die Ablehnung der Gottheit Jesu muss auch logischerweise eine Ablehnung der Präexistenz Christi nach sich ziehen, da die Schrift vielfach in den ewigen Titeln und der Schöpfermacht Christi belegt, dass er nur Gott sein kann. Die Präexistenz Christi ist in der Schrift so eindeutig belegt, dass es nicht nötig ist, näher darauf einzugehen. In 2. Mo. 3, 14 stellt sich Gott als der grosse „Ich Bin“ oder der „Ewig Seiende“ vor. Im Hebräischen umfasst dies sowohl die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese Selbstvorstellung Gottes  in 2. Mo. 3, 14 finden wir in Hebr. 13, 8  mit anderen Worten ausgedrückt: „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.“ Johannes nannte Gott deshalb auch in Offb. 1, 4 „der da war und der da ist und der da kommt“.

Die Ablehnung eines Gebetes zu Jesus Christus ist eine weitere logische Konsequenz aus der Ablehnung seiner Gottheit.  In 5. Mo. 6 finden wir nicht nur das Sch’ma Israel, auf welches sich die Gegner der Gottheit Jesu fälschlicherweise berufen. Im selben Kapitel wird uns auch gelehrt, allein den lebendigen Gott anzubeten (vgl, Matth. 4, 10 mit 5. Mo. 6, 13 u. 10, 20). Nun lehrt uns das NT aber vielfach, dass Christus angebetet wurde (wie auch dem „Engel des Herrn“ im AT geopfert wurde) und auch in der Ewigkeit angebetet wird (Matth. 4, 11; Joh. 1, 51; Phil. 2, 10f; Hebr. 1, 6; Offb. 5, 12-14 etc.). Nach 1. Kor. 1, 2 ist das Gebet zu Christus das Kennzeichen aller wahrer Gläubigen: … an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, den Geheiligten in Christus Jesu, den berufenen Heiligen samt allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, ihres und unseres Herrn. Aus diesem Grund kann Jesus Christus niemand anders als Gott selbst sein.

Als weitere Folge einer Ablehnung der Gottheit Christi muss auch der Absolutheitsanspruch Jesu (Joh. 14, 6) abgelehnt werden. Wie schon erwähnt, gibt es für Juden, aber auch für Heiden, dann einen Weg zur Rettung ohne den Glauben an Jesus Christus. Möglicherweise genügt dann auch ein Glaube an Gott. Wenn Jesus aber Gott und damit auch Retter ist, ist der rettende Glaube sowohl für Juden und Heiden untrennbar mit dem Glauben an seine Person verbunden. Die Schrift lehrt uns deshalb auch, dass alle Gottesverehrung ohne die Anerkennung Christi keine echte Gottesverehrung ist (vg. Joh. 5, 23 u. Jes. 42, 8).  Da die Frage der Gottheit Christi der Kern des Evangeliums ist, entscheidet sich daran letztendlich die Errettung für Juden und Heiden gleichermassen (Joh. 8, 24): Daher sage ich euch, dass ihr in euren Sünden sterben werdet; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin (wörtlich übersetzt: ich bin – eine eindeutige Bezugnahme auf  den Gottesnamen in 2. Mo. 3, 13-14), so werdet ihr in euren Sünden sterben. Für das religiöse Judentum wird sich zusätzlich an dieser Frage das Hereinfallen auf die Verführung durch den kommenden falschen Messias (Antichristus) entscheiden (Joh. 5, 43): Ich bin in dem Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht auf; wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr aufnehmen.    

Ein Teil der Gegner der Gottheit Christi lehnen die gleichwertige göttliche Inspiration des NT gegenüber dem AT ab. Oder sie wähnen die Inspiration des AT auf einer „höheren“ oder „wichtigeren“ Stufe als die des NT.  Ebenso wird das Hebräische dann auf einer höheren Offenbarungsstufe gesehen als das Griechische (obwohl es Gottes Wille und Absicht war, das NT in Griechisch abzufassen). Nur so kann letztendlich auch das eindeutige Zeugnis über Christus als wahrer Gott neutralisiert werden, wobei schon das alttestamentliche Zeugnis für sich genommen ja genug Hinweise auf mehrere Personen Gottes hat. Allerdings sei jedem Versuch, der die gleichwertige göttliche Inspiration des NT in Frage stellt, das Wort aus Offb. 22, 18-19 entgegengehalten: Ich bezeuge jedem, der die Worte der Weissagung dieses Buches hört: Wenn jemand zu diesen Dingen hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen hinzufügen, die in diesem Buch geschrieben sind; und wenn jemand von den Worten des Buches dieser Weissagung wegnimmt, so wird Gott sein Teil wegnehmen von dem Baum des Lebens und aus der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben ist.

7. Schlussfolgerung                  

Die Frage nach der Gottheit Christi ist von der Schrift her keine Erkenntnisfrage. Das Zeugnis der Heiligen Schrift ist in dieser Frage überwältigend. In dieser Ausarbeitung war es nur möglich, auf einige biblische Kernpunkte der Gottheit Christi einzugehen. Aber bei einem genauen Schriftstudium sind es wohl hunderte von Bibelstellen, welche diesbezüglich keine Unklarheit lassen. Bei einer genauen Betrachtung der Heiligen Schrift ist sie die Schlüssel- und Kernfrage der gesamten Heilsgeschichte und des rettenden Evangeliums. Mit ihr steht oder fällt die Botschaft des Kreuzes. Aus diesem Grund wird die Gottheit Christi ausser im Judentum auch im Islam und in verschiedenen Sekten verworfen. Die Gemeinde Jesu ist deshalb aufgerufen, ohne Kompromisse an diesem Punkt für den ein für allemal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen (Jud. 3). Selbst Johannes, der „Apostel der Liebe“, zog deshalb anhand der Lehre von Christus eine unüberbrückbare Trennungslinie (2. Joh. 9-11).

Wie schon am Anfang angedeutet, hat die Ablehnung der Dreieinheit Gottes nicht ihre Wurzeln im AT, sondern im religiösen Judaismus. Die Vertreter dieser Richtung erkennen deshalb auch im Prinzip nicht die Heilige Schrift (AT u. NT) als die höchste Autoriät an, sondern ordnen sie bewusst oder unbewusst, den menschlichen Satzungen und Traditionen des Judaismus unter. Sie verstossen damit gegen Rö. 9, 5: … deren die Väter sind und aus denen dem Fleisch nach der Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. 

Interessanterweise wird heute immer deutlicher, wie die Gemeinde Jesu in der Endzeit genau wieder in dieselben lehrmässigen Auseinandersetzungen und Verwirrungen kommt wie in ihrer Anfangszeit. So sehen wir schon in der Zeit des NT zwei Gefahren für die Gläubigen. Auf der einen Seite ging die Liebe und der Blick für Israel als Gottes auserwähltes Volk und seine Zukunft verloren (vgl. Rö. 9-11). Auf der anderen Seite wollten Lehren und Elemente des religiösen Judaismus als ein „besonderer“ oder „höherer“ Weg der Erkenntnis und Nachfolge in die ersten Gemeinden eindringen (vgl. Apg. 15; Galater, Kolosser etc.). Vor beiden Gefahren werden wir nur bewahrt bleiben, wenn wir Christus über allem sehen, wie Paulus am Anfang seiner Ausführungen über Israel schreibt, und all diese Lehren allein mit dem Schwert des Geistes (der Heiligen Schrift) prüfen: es steht geschrieben und wiederum steht geschrieben.

Um nicht in ein liebloses Richten und Verurteilen zu geraten, müssen wir aber auch zwischen überzeugten Verfechtern dieser Lehre und Glaubensgeschwistern, die dadurch beeinflusst oder verunsichert wurden, unterscheiden. Während erstere mit aller Entschiedenheit abgelehnt werden müssen, braucht es bezüglich der Glaubensgeschwister ein geduldiges und liebevolles Ringen und Überführen, anhand der Heiligen Schrift.   

Zusammengefasst geht es bei der Ablehnung der Gottheit Christi – auch wenn vieles recht gut und ähnlich wie das biblische Evangelium klingt – um einen anderen Christus, einen anderen Geist und ein anderes Evangelium ( 2. Kor. 11, 3-4).  

Zum Schluss soll noch eine Schriftstelle aus dem letzten Buch der Bibel erwähnt werden, welche uns die erhabene Stellung Christi als wahren Gott verdeutlicht, Offb. , 21, 22-23: Und ich sah keinen Tempel in ihr, denn der Herr, Gott, der Allmächtige, ist ihr Tempel und das Lamm. Und die Stadt bedarf nicht der Sonne noch des Mondes, damit sie ihr scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet, und ihre Lampe ist das Lamm. Ein irdischer Tempel ist in der Neuschöpfung nicht mehr nötig, da Gott selbst und das Lamm als eine völlige Einheit der Tempel sind. Die Stadt wird von der Herrlichkeit Gottes erleuchtet sein, wobei das Lamm als Lampe selbst die Lichtquelle der Herrlichkeit Gottes ist! In Christus werden wir einmal Gott selbst von Angesicht zu Angesicht sehen. Welch eine Verheissung!


[1] Siehe den Artikel von M. Kotsch: „Jesus der ewige Gott“ Bibel und Gemeinde Nr. 4/2005

[2] vgl.: Arnold Fruchtenbaum „Die Dreieinigkeit im Alten Testament“, Gemeindegründung Nr. 4/97 S. 14-18 u. Vortrag von Roger Liebi: „Wer ist ein Gott wie du?“ 

[3] Stanly A. Ellisen u. Charles H. Dyer „Wem gehört das Land?“, S. 177, CLV-Bielefeld  

[4] Delitzsch Franz „Kommentar zum Hebräerbrief“, S. 40, Brunnenverlag Giessen

[5] Heide Martin, „Warum noch warten …“ , CLV-Bielefeld 

[6] Die Targumim ist eine Übersetzung des AT vom Hebräischen ins Aramäische. Dabei wird der Text an manchen Stellen aber nicht nur übersetzt sondern zugleich auch interpretiert. Ihre Verwendung lässt sich schon im vierten Jahrhundert vor Christus nachweisen, die Form, aus welcher Heide zitiert erhielt sie jedoch erst in nachchristlicher Zeit).

[7] s.o. S. 21-22

[8] s.o. S. 22-23

[9] vgl.: Arnold Fruchtenbaum „Die Dreieinigkeit im Alten Testament“, Gemeindegründung Nr. 4/97 S. 15

[10] s.o. S. 17

[11] Stanly A. Ellisen u. Charles H. Dyer „Wem gehört das Land?“, S. 177, CLV-Bielefeld  

[12] „Die Weisheit ruft“, Zeugnisse von Rabbinern, Hrsg.: Harald Flösch, Stuttgart

[13] Benedikt Peters macht zu dieser Stelle folgende Anmerkung zu den verschiedenen jüdischen Versionen: Die Hebrew-English Tanakh der Jewis Publication Society lautet: „…they shall lament to Me about those who are slain…“ Zunz fügt eine Klammer ein: „…und sie schauen zu mir auf (bei Jeglichem), den sie durchbohrt haben…“. Buber hält sich zwar an den Mas. Text, versucht aber durch die Interpunktion den Blick für Jahwe als den Durchbohrten zu verstellen: „…aufblicken werden sie zu mir. Den sie erstochen haben, nun werden sie um ihn jammern…“. Tur Sinai: „…und sie blicken auf zu mir – mit dem, den sie durchbohrt haben…“

[14] s.o. S. 17

[15] s.o. S. 9

[16] im Griechischen lautet die Präposition „mit“ (Mt 1) und „bei“ (Mt 28) jedesmal gleich: meta

[17] Mauerhofer Erich “Einleitung in das Neue Testament“, S. 106, Vorlesungsmanuskript FETA Basel.

[18] Vanheiden Karl-Heinz „Jakobus und die Jerusalemer Urgemeinde“; S. 195-196, Christliches Verlagshaus Dillenburg

[19] Gabriel Mark, „Jesus und Mohamed“, S. 54, Verlag Dr. Ingo Resch

[20] Heide Martin, „Warum noch warten …“ , S. 23 – Fussnote 2, CLV-Bielefeld 

[21] Kotsch Michael in „Bibel und Gemeinde“, 5/05, S. 3-20

[22] MacArthur John „Durch die enge Pforte“, S. 36-37, Behanien Oerlinghausen.

[23] s.o. S. 10

 

 

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