China-Revolution

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TSCHENG JEN-YUAN

ZERSTÖRTE  JAHRE

Die Erfahrungen eines Mädchens, das im chinesischen Kommunismus aufwuchs.

INHALT
Die Wang Po Dynastie
Entsetzliche Alpträume
Die Rolle Maos an den Schulen
Sturmzeichen für unsere Familie
Am Rande der Verzweiflung
1959-1961 eine Zeit größter Schwierigkeiten
Noch schlimmere Zeiten
Fragen, die ich immer wieder stellte
Das Vorrecht, eine Bibliothek zu haben
Die Falle des Massenberichtes
Eine Menge Insekten und wenig Wasser
Um ein Haar getötet
Verletzung der Menschenrechte
Der Sturm der Kulturrevolution
Weitere Lehrer als Opfer
Entweihte Buddhas und verbrannte Bibeln
Plünderung aller Häuser
Junge Menschen werden ausgeschaltet
Meine Flucht in die Freiheit

VORWORT
Tscheng Jen-yuan wurde im Sommer 1947 in Nantschang, der Hauptstadt der Provinz Kiangsi im Osten Chinas geboren. Sie wuchs mit dem Kommunismus auf. Um eine bessere Ausbildung zu erhalten, versuchte sie zunächst, Musterschülerin zu werden. Aber sie gab dieses Ziel auf, als sie einsehen mußte, daß sie die ungeheure Überbeanspruchung, den Hunger und die Sinnlosigkeit eines Lebens ohne Hoffnung auf Freiheit nicht mehr ertragen konnte.

Gegen Ende des Jahres 1973 schlich sie sich nachts mit zwei Freundinnen aus der Kommune, in der sie drei Jahre gelebt hatte. Nach ungefähr einmonatigem, strapaziösen Fußmarsch erreichten sie Hongkong mit seinen funkelnden Lichtern – und die Freiheit.

Mit Hilfe der Free China Relief Association kam Tscheng Jen-yuan am 9. April 1974 nach Taiwan. Dort sah sie ihre älteren Geschwister wieder, die in die Geburtsstadt Tainan in Süd-Taiwan zurückgekehrt waren, bevor das Festland in die Hände der Kommunisten fiel.
Ihr Vater, ein gebürtiger Taiwanese und von Beruf Arzt, starb auf dem chinesischen Festland, nach Gefangenschaft und ständiger Schikane durch die Kommunisten. Ihre Mutter und die jüngeren Geschwister befinden sich noch immer in China. Seit ihrer Flucht hat Tscheng Jen-yuan jedoch nichts mehr von ihnen gehört.
Dieser Bericht von Tscheng Jen-yuan erschien zunächst als Fortsetzungs-geschichte in der chinesischen Ausgabe des Youth Warrżor Daily in Taipeh vom 30. April bis 11. Mai 1974. Die englische Ausgabe wurde von der Free China Relief Association veranlaßt.
»Wenn rosige Wolken und einsame Enten gemeinsam dahinfliegen, verschmelzt sich der Herbsthimmel mit den Fluten des Wassers.«


Wang Po Tang Dynastie
Diese Zeilen vermitteln einen Eindruck davon, wie es früher einmal in Nantschang gewesen sein mag. Nantschang liegt an dem Fluß Kan, der in den nahegelegenen Pojangsee im östlichen zentralchinesischen Becken mündet. Diese Gegend ist für ihren Reisanbau bekannt. Die Hauptstadt der Provinz Kiangsi, in der ich geboren wurde, war einmal von Legenden umwoben, ebenso wie die Geburtsstadt meiner Eltern, Tainan, die im Süden Taiwans liegt.

Aber heute ist Nantschang eine unter vielen chinesischen Orten auf dem Festland, an dem sich erschöpfte Menschen von einer Finsternis zur anderen schleppen. Legenden gibt es nicht mehr. Sie wurden durch die Peitsche ersetzt. Die einzige Farbe, die sich aus dieser primitiven Finsternis erhebt, ist rot, auch das Rot des Blutes von unzähligen, unschuldigen Opfern.

Entsetzliche Alpträume
Ich bin eine von denen, die im Kommunismus groß wurden. Könnte der Mensch die anhaltende Versklavung ertragen, würde die Zeit rückwärts gehen und die Geschichtsordnung verändert. Wer vom chinesischen Festland geflohen ist, kann nur mit Grauen zurückblicken. Die Erinnerungen sind so schmerzlich, daß sich selbst der härteste Mensch elend fühlt und seine Tränen nicht unterdrücken kann. Die Jahre auf dem Festland waren für mich ein einziger, entsetzlicher Alptraum.

Im Sommer 1949, kurz nach meinem zweiten Geburtstag, rückten die Kommunisten über den Jangtse vor und besetzten Nantschang. Wie sich später herausstellte, unterlief meinem Vater, einem Arzt und Ladenbesitzer, der folgenschwere Fehler, nur den Schafspelz, aber nicht die Wölfe darunter, zu sehen.
Vater konnte nicht ahnen, was auf uns zukam. Und als er erkannte, daß er seine Familie nach Taiwan in Sicherheit hätte bringen sollen, war es zu spät. Ich glaube jedoch, daß er wußte, daß uns noch Schlimmeres bevorstand, nachdem er das erste Mal mit den Kommunisten Schwierigkeiten bekam.

Umzug nach Nantschang
Ich muß ein paar Jahre zurückgreifen, um die Lage meines Vaters verständlicher zu machen. Im Zweiten Weltkrieg, als Taiwan unter der Herrschaft Japans stand, arbeitete mein Vater als Arzt in Taiwan auf Taiwan. Als er eines Tages an einem Wachtposten vorüberging, vergaß er, den japanischen Soldaten zu grüßen. Daraufhin wurde er brutal ins Gesicht geschlagen. Vaters chinesisches Blut begann zu kochen. Er beschloß, so bald als möglich auf das Festland zu ziehen, wo er unter seinem eigenen Volk leben konnte.

Als der Widerstandskrieg Chinas gegen Japan mit einem chinesischen Sieg endete, zog Vater mit seiner Familie von Tainan nach Nantschang (Festlandchina), wo er wieder als Arzt arbeitete. Gleichzeitig eröffnete er sein Geschäft für Arzneimittel und Gemischtwaren. Auf diese Weise ließ es sich ganz gut leben.

Eines Tages schrieb meine Großmutter aus Tainan (Taiwan) an Vater und bat darum, ihre größeren Enkelkinder an ihrem siebzigsten Geburtstag bei sich haben zu dürfen. Meine vier älteren Geschwister, die schon selbstständig genug waren, fuhren mit dem Schiff nach Taiwan. Das war im Frühjahr 1949, als die Kommunisten im Norden eine Stadt nach der anderen einnahmen. Vater wußte, daß sie eines Tages auch Nantschang erobern würden, aber er konnte sich nicht dazu überwinden, alles aufzugeben, wofür er in dieser Stadt gearbeitet hatte. Wer hätte ahnen können, daß die Familie ein halbes Jahr später geteilt und die Zurückgebliebenen einem Leben in Terror ausgeliefert sein würden, die anderen jedoch auf Taiwan ihr Leben frei nach ihren Wünschen gestalten konnten?

Der Steuerhinterziehung beschuldigt
Ich weiß nur noch wenig, was um mich her geschah, als ich noch klein war. Aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, daß ich 1953 eines Tages vom Kindergarten nach Hause kam und feststellte, daß etwas Schlimmes geschehen sein mußte. Vater war nirgends zu sehen und Mutter schien völlig aufgelöst. Meine Geschwister waren verstört und ausdruckslos wie Zikaden bei kaltem Wetter. Wir wagten kaum, unsere Mutter anzusprechen, denn sie weinte ununterbrochen und wollte uns nicht sagen, was sich zugetragen hatte. Wir spürten, daß wir sie nicht bedrängen durften.

Ängstlich warteten wir, bis unser Vater spät in der Nacht heimkehrte. Er sah gequält aus. Vater und Mutter weinten, als ob die Schleusen ihres Herzens aufgebrochen wären. Vater wiederholte immer wieder, man habe ihn zu Unrecht beschuldigt. Er habe sich nichts zuschulden kommen lassen und man habe ihn sehr mißhandelt.

Später erfuhren wir, daß frühmorgens ein Kadermitglied gekommen war, Vater mitgenommen und ihn beschuldigt hatte, „gegen das Gesetz verstoßen und Steuergelder unterschlagen zu haben.“ Sie beharrten darauf, daß er schuldig sei und belästigten ihn mit Fragen, die mit dieser Sache überhaupt nichts zu tun hatten. Sie verhörten ihn den ganzen Tag über, bis er sich ihrem Druck schließlich beugte und eine „Erklärung der Selbstüberprüfung“ gegen besseres Wissen unterschrieb.

Das war zu der Zeit, als die „Drei-Anti-Kampagne“ gegen Korruption, Verschwendung und Bürokratie“ sich plötzlich in die viel umfassendere „Fünf-Anti-Kampagne“ gegen Bestechung, Steuerhinterziehung, Diebstahl von Staatseigentum, Betrug bei Regierungsverträgen und Spionage in der staatlichen Wirtschaft umwandelte. Die Kommunisten erklärten, daß sie dem mit Milde begegneten, der seine Schuld offen eingestand, aber kein Pardon kennen, wenn sich jemand weigerte, dies zu tun. Jedermann in der Stadt lief entweder selbst in die Falle oder wurde in diese hineingestoßen.

Nach ihrem Einmarsch in Nantschang hatten sich die Kommunisten zu „Einhaus-Einfuhr-beschränkungs und Reformmaßnahmen“ für Kaufleute und Ladenbe¬sitzer bekannt. Man machte diese Berufsgruppe glauben, daß die Kommunisten auf ihrer Seite stünden. Aber die Kaufleute mußten bald feststellen, daß sie hilflos dem Treibsand ausgeliefert waren, aus dem sie sich nicht mehr selbst befreien konnten.

Als mein Vater das erste Mal verhaftet wurde, hatten die Kommunisten ihre Maske schon fallen lassen. Tschen, ein Freund meines Vater aus Kaoshiung in Südtaiwan, der in Nantschang ein Textilwarengeschäft führte, wurde der Steuerhinterziehung beschuldigt und eingesperrt. Er wurde isoliert und auf das Brutalste verhört. Aber er blieb standhaft. Er hatte nichts zu gestehen und die Beschuldigungen entbehrten jeder Grundlage. Er wurde gefoltert und mußte allerlei Qualen über sich ergehen lassen. Als man ihn schließlich halbtot in seiner Zelle liegenließ, erhängte er sich mit seinem Gürtel.

So klein ich war, spürte ich doch, wie entsetzlich das war. Als ich von Onkel Tschens letzten Tagen erfuhr, begann ich mich vor den Kommunisten zu fürchten.

Onkel Tschens Tod warf seine Schatten auf Vater, weil er ihn von Taiwan kannte. Wochenlang hatten wir keinen Frieden mehr. Vater wurde immer wieder vorgeladen, zur Ehrlichkeit ermahnt uňd aufgefordert, seine Bilanz in Ordnung zu bringen. Es waren böse Zeiten für ihn und für uns, wenn wir zu Hause saßen und auf ihn warteten.

Die Rolle Maos an den Schulen
1954 kam ich in die Fuhua Grundschule. Am ersten Tag legte unser Lehrer, Herr Tschu, ein Mitglied der Chinesischen Kommunistischen Jugendliga, seine Hand auf meinen Kopf und sagte: „Tscheng Jen-yuan, du bist Taiwanesin und dein Vater ist Arzt. Wir hoffen, daß du dich, wenn du groß bist, nicht gegen unser Volk stellst.« Was wußte ich, ein siebenjähriges Kind, davon, was es hieß, sich gegen das Volk zu stellen? Wir kamen als unbeschriebene Blätter in die Schule, aber die Kommunisten verloren keine Zeit, unsere Denkweise zu beeinflussen. Selbst die Schulkinder wurden in zwei Kategorien, in eine rote und eine schwarze eingeteilt. Die Kommunisten hatten »fünf rote Kategorien« und »fünf schwarze Kategorien« aufgestellt. Der ersten Gruppe gehörten Kinder von Arbeitern, Bauern, Revolutionären (Soldaten und Märtyrer) und Kaderangehörigen an. Die zweite setzte sich aus den Kindern der Landbesitzer, reichen Bauern, Gegenrevolutionären, Kriminellen und Rechtsgerichteten wir so lange unsere Granaten werfen, bis sich unser Lehrer zufriedengab.

An einem drückend heißen Tag wurde einer meiner Schulkameraden von einer solchen Granate am Kopf getroffen. Der Junge schrie vor Schmerz, aber der Lehrer zeigte kein Mitleid. Der Junge mußte vielmehr nachsitzen und weiterhin Granaten werfen. Außerdem bezichtigte ihn der Lehrer mangelndem Klassenbewußtseins.

Später wurde die Ausbildung an Holzgewehren und Granaten sogar auf die Kindergärten ausgedehnt. Die Beeinflussung begann schon frühzeitig, Ausnahmen gab es nicht.

Der Stundenplan für die Grundschule hörte sich eindrucksvoll an. Die unteren Klassen hatten Mathematik, Sprachkunde, Sport, Musik und Zeichnen, die Mittelstufe zusätzlich Geschichte, Erdkunde und militärische Ausbildung und für die oberen Klassen kam noch Frühgeschichte, Gesundheits- und Hygieneunterricht hinzu. Sämtliche Klassen wurden von der kommunistischen Ideologie durchdrungen. Die Gesellschaft wurde entweder als sklavisch, feudalistisch, kolonialistisch oder halbkolonialistisch eingestuft und das Ziel war unausweich¬lich eine sozialistische Gesellschaft. Etwas anderes kam nicht in Frage. Die Kommunisten erteilten den Erdkundeunterricht so, als gäbe es außer der kommunistischen Welt nichts anderes.

Als ich klein war, konnte ich den Konflikt zwischen der menschlichen Natur und der doktrinären Ordnung, die uns die Kommunisten aufzwangen, nicht verstehen, aber jetzt begann ich allmählich an den Lebensumständen zu erkennen, daß der Kommunismus zum Scheitern verurteilt ist.

Die Komplizen der Jugendliga
Die »Jungen Pioniere« der Schule waren Bestandteile der Chinesischen Kommunistischen Jugendliga, die ihrerseits wieder der Kommunistischen Partei angehörte. Wenn man bis zur fünften Klasse nicht bei den Jungen Pionieren aufgenommen wurde, durfte man kein Gymnasium besuchen, auch wenn man sehr gute Noten hatte. Ebensowenig durfte man zur Universität, wenn man im Gymnasium nicht in die Jugendliga gewählt wurde. Als wir die oberen Klassen erreichten, galt unser Interesse immer mehr der Politik anstatt dem Lernstoff. Anstatt sich mit unseren Büchern zu beschäftigen, schrieen wir unsere Parolen und bemühten uns um die Gunst der Lehrer.

Das erwies sich für manchen als gefährliche Falle. Ein Mädchen aus der fünften Klasse namens Lan Jui-uchu bemühte sich besonders um die Aufnahme zu den Jungen Pionieren. Unter dem Vorwand, den Mädchen bei den Schularbeiten zu helfen, nutzte der Aufsichtslehrer, der Parteimitglied war, die Möglichkeit, mit ihr nach der Schule allein sein zu können. Als sich die Nachricht verbreitete, daß Jui-uchu (Perlenknospe) entehrt worden sei, schämte sich das Mädchen so sehr, daß es sich im Fluß ertränkte. Man flüsterte oft über derartige Vorfälle, aber keiner wagte es, dagegen anzugehen, weil es die Tragödie nur noch verschlimmert hätte.

Neue Definition der Faulheit
In der Grundschule nahmen wir auch an sogenannten »Kampagnen der fleißigen Arbeit und des sorgfältigen Studiums« teil. Hinter dieser Kampagne steckte nichts anderes als Ausbeutung und Kinderarbeit. Jeden Tag wurden ein paar Stunden bestimmt, in denen Kindergruppen zu »fleißiger Arbeit und sorgfältigem Studium« in die Fabriken gingen. Das bedeutete viel Arbeit und wenig Unterricht, und alle mußten daran teilnehmen. Wer nicht mitmachte, wurde in der Schule geächtet. Jeder meldete sich freiwillig zu dieser Arbeit. In Nantschang nagelte ich Kisten zusammen, trug Sand und Erde, klebte Umschläge und fertigte Streichholzschachteln. Als Freiwillige arbeiteten wir genauso wie die regulären Arbeiter, nur daß wir keinen Lohn dafür erhielten. Wer es wagte, sich darüber zu beklagen, wurde bei Versammlungen kritisiert und zur Selbstkritik aufgefordert. Diese Versammlungen dauerten oft viele Tage lang, bis das »Volk« davon überzeugt war, daß ein Schüler genug bereut hatte. Und damit war man noch gut bedient, denn jeder konnte gebrandmarkt oder wie es die Kommunisten bezeichneten »mit Narrenkappen gekrönt« werden. Wem das zuteil wurde, der hatte keine Möglichkeit mehr, jemals wieder zu Ansehen zu kommen.

Diese Narrenkappen konnte man sich unversehens einhandeln. Konnte eine schwangere Frau sich zum Beispiel nicht mehr in einen vollbesetzten Zug drängen und erschien zu spät zur Arbeit, dann wurde sie nicht der »Drückebergerei« oder »Faulheit« beschuldigt, sondern der »Sabotage der sozialistischen Produktion.« Somit war sie ein »Staatsfeind« und ein »öffentlicher Feind des Volkes.«

Alles, was im Konflikt zur kommunistischen Autorität und Ordnung steht, ist ein »Verbrechen gegen das Volk«. Wenn die Kommunisten Menschen umbringen, so geschieht das im Namen des Volkes. Es hat überhaupt den Anschein, als sei das Wort »Volk« die größte Entdeckung kommunistischer Führer, denn im Namen des Volkes kann alles getan werden.

Wir Kinder wagten nicht, uns zu widersetzen und nicht an der »Kampagne der fleißigen Arbeit und des sorgfältigen Studiums« teilzunehmen, weil wir uns den Willen des »Volkes« beugen mußten und als »Volksfeinde gegolten hätten, was uns das Leben gekostet hätte.

 

Kampfübungen im offenen Gelände

Um für den Ernstfall vorbereitet zu sein, mußten die Schüler der höheren Grundschulklassen sich einer Kampfausbildung im Gelände unterziehen. Dazu gehörten verschiedene Übungen, wie zum Beispiel Schilder zu lokalisieren, Himmelsrichtungen festzustellen und Landschaftsstrukturen zu unterscheiden. Das war Bestandteil des wöchentlichen Unterrichtsprogramms und wurde bei jedem Wetter durchgeführt. Die Verantwortlichen suchten sich ein Gelände mit Hügeln, Flüssen, Dörfern und Straßen aus. Dann zeigten sie uns eine Landkarte und sagten uns, wo Schilder aufgestellt waren. Diese mußten wir finden. Wir durften nicht eher zurückkehren, bis wir alle ausfindig gemacht hatten.

Die meisten Kinder hatten Schwierigkeiten, den Weg zu finden. Sie verirrten sich oder liefen im Kreis. Selbst wenn die Nacht hereinbrach, durfte ihnen keiner helfen. Ich glaube nicht, daß ein Schüler der freien Welt nachfühlen kann, was wir da mitmachen mußten.

 

Kohlesammlung für Hochöfen

1958 begannen die chinesischen Kommunisten ihren »großen Sprung vorwärts« und sie riefen zur volksweiten Mitarbeit in der Stahlproduktion auf. Alle Schulen wurden mobilisiert.

Wir waren zunächst völlig verblüfft, als wir erfuhren, daß auch unsere Schule Stahl produzieren sollte. Was brauchten wir dazu und wie wurde das überhaupt gemacht? Keiner wußte es, Aber die Parolen »große Stahlproduktionskampagne« und »Alle für die Stahlproduktion« beeindruckten uns. Als die Kinder ihre Eltern baten, ihnen das zu erklären, erhielten sie für gewöhnlich die Antwort, es handle sich hier um »Lao-min Bhang-tsai«, was soviel bedeutet, das Volk ermüden und Vorräte vergeuden. Nicht jedes Kind verstand diesen chinesischen Ausdruck, und manche glaubten, daß es sich dabei nur um eine andere Bezeichnung für das handelte, was wir in der Schule tun würden. Sie sagten den anderen Klassenkameraden, wir würden jetzt in der Schule »Lao-min Bhang tsai« tun.

Als das den Lehrern zu Ohren kam, verlangten sie eine Untersuchung. Wer zur Verbreitung des seiner Meinung nach so hübschen Ausdrucks beigetragen hatte, wurde scharf gemaßregelt. Viele Eltern wurden vorgeladen und getadelt.

Wie sich später herausstellte, war das Stahlprojekt ein völliger Fehlschlag. Ein ungeheurer Aufwand an Zeit, Kraft und Vorräten war verschwendet worden. Wer jedoch das Ergebnis vorhergesehen hatte und so unklug gewesen war, seine Meinung zum Ausdruck zu bringen, wurde zur Selbstüberprüfung und Selbstkritik aufgefordert.

Zu Beginn des Stahlprojekts sagten die Lehrer, es würde Erfolg haben, da »Tu-fa shan ma« mit im Spiel sei, was wörtlich heißt, ein Pferd auf die ursprüngliche Art zu besteigen. Sie meinten damit, daß man auf alte Arbeitsweisen zurückgreifen werde, auf eine Mischung aus abend- und morgenländischen Verfahren. Diese Ausdrücke wurden speziell für dieses Projekt geprägt.

Vielleicht waren unsere Lehrer ebenso darüber verblüfft wie wir.

Das Projekt begann mit Pauken und Trompetenschlag. Extraausgaben von Wandzeitungen erschienen, die die Schüler aufforderten, Kohlestückchen und sämtliches altes Eisen, das sie zu Hause finden konnten, in die Schule mitzubringen. Je mehr, desto besser. Dies sei eine Möglichkeit, dem Volk zu dienen, und jeder solle sich bemühen seine Vaterlandsliebe unter Beweis zu stellen. Obwohl wir erst zehn Jahre alt waren und nur wenig Kraft besaßen, erwartete man von uns, die Arbeit von Erwachsenen zu tun und den Befehlen zu gehorchen, wenn wir Kritik vermeiden wollten.

 

Verirrte Kinder mit löchrigen Körben

Jeden Tag strömten die Kinder nach der Schule zum Bahnhof, denn dort konnte man am ehesten Kohle finden. Oft waren es so viele Kinder, daß der Zugverkehr ins Stocken geriet. Der Bahnhofvorsteher mußte den Zug manchmal schon vor dem Bahnhof anhalten und konnte ihn nur langsam einrollen lassen, nach dem die Jugendlichen, von denen es nur so wimmelte, vertrieben worden waren.

Das galt nicht nur für Nantschang. Auch die Züge der Hangtschou-Sutschou-Linie kamen oft mit zwei oder dreistündiger Verspätung bei uns an. Am Gesichtsausdruck der Reisenden konnten wir erkennen, daß sie sich über uns ärgeren, aber keiner wagte, sich zu beklagen.

Am Bahnhof gab es bald nichts mehr zu holen, und wir Kinder mußten entlang den Gleisen suchen. Wir sahen genauso schäbig und kümmerlich aus wie dię löchrigen Körbe auf unserem Rücken. Hände und Gesichter waren von Schmutz, Kohlestaub und Schweiß überzogen. Die Gesichter der Kinder sahen im Schein der Fackeln gespenstisch aus, aber wir mußten weitersuchen.

Es kam auch vor, daß Kinder zu weit gingen und dann zu müde waren, um noch nach Hause zu gehen. Sie konnten ihre kostbare Kohle nicht wegwerfen. So blieben sie sitzen, wo sie sich gerade befanden. Die Eltern machten sich in der Zwischenzeit auf die Suche nach ihnen. Sie folgten den Gleisen und riefen nach ihren Kindern. Es war eine gefährliche Arbeit, und viele Kinder wurden vom Zug überrollt.

 

Alles aus Eisen

In der Schule wurde die Kohle gewogen. Wer nicht genug gebracht hatte, sah schweren Zeiten entgegen. Ein Mädchen aus meiner Klasse namens Wang war so dünn und klein, daß sie kaum ein paar Pfund tragen konnte. Zwei Tage lang kam sie weder nach Hause noch zur Schule. Die ganze Zeit über versuchte sie verzweifelt, an den Gleisen genug Kohle zusammenzutragen, um sie dem Lehrer zu bringen.

Wenn man es heute betrachtet, hatte das Eisensammeln auch seine heitere Seite, aber damals war die Sache uns todernst. Alles, was nicht mehr oder fast nicht mehr gebraucht wurde und aus Eisen oder Stahl war, mußten wir von zu Hause mitbringen: Töpfe, Schaufeln, Hacken, Dosen, Nägel und was wir sonst noch fanden. Aber unsere Lehrer bemängelten stets, daß es nicht genug sei, um einen Hochofen zu füttern. So opferten wir Fenster, Türen und Stühle, alles, was irgendwie Eisen enthielt oder an sich hatte und was beweglich war. Manches mußten wir abreißen und heraus¬brechen. Kein Haus blieb verschont. Die Kampagne wandte sich nicht nur an die Schüler sondern an alle.

Wer sich weigerte, wurde sofort von angriffslustigen »Helfern« entdeckt. Bald begannen die Menschen Liedchen vor sich hinzusummen: »Es gibt kein Eisenwerkzeug mehr, es gibt keine Kohle mehr. Jetzt ist einfacher, den Himmel emporzuklettern als Eisen oder Kohle zu bekommen.« Und das galt nicht nur für Nantschang, das ganze Land war geplündert.

Ich erinnere mich an einen Vorfall in der sechsten Klasse. Ein Junge war so eifrig und auch so verzweifelt, daß er das einzige Küchenmesser seiner Mutter zur Schule brachte. Als sie das entdeckte, nahm sie sich es so zu Herzen, daß sie sich das Leben nehmen wollte. Sie war gerade dabei, sich zu erhängen, als ihr Mann hereinstürzte und sie rettete.

In einer Ecke unseres Schulgeländes wurden drei behelfsmäßige Hochöfen aus Backstein gebaut. Unten wurde die Kohle und oben die Eisenstücke hineingeschoben, die wir gesammelt hatten. Da die Hochöfen rund um die Uhr brennen mußten, schürten die Schüler der oberen Klassen nachts das Feuer. Diese Tätigkeit nannten sie »Ausübung der Nachtkampfpflicht.«

Trotz all dieser Bemühungen kam kein Stahl aus den Hochöfen, sondern nur ein Haufen formloser Metallstücke mit viel Sand und Schmutz. Es war doch »Laomin shang-tsai« gewesen. Unzählige Menschen hatten unzählige Stunden geopfert, um unzählige Dinge zu zerstören.

 

Sturmzeichen für unsere Familie

Ich muß auf das Jahr 1956 zurückgreifen, als sich Vater nach seinen bösen Erfahrungen während der »Drei-Anti – und Fünf-Anti-Kampagnen« plötzlich in einem Sturm befand, der in einem Tag alles zerstörte, was er unter Mühen in all den Jahren in Nantschang aufgebaut hatte.

Wie ich schon berichtete, waren die Kommunisten der Bevölkerung unserer Stadt mit ihren »Einigkeits-, Beschränkungs- und Reformmaßnahmen« nahegetreten, die die »Privatbesitzreformkampagne« ermöglichten und in deren Zug die Kommunisten alles Privateigentum beschlagnahmen konnten. Als die Fabrik- und Ladenbesitzer von dieser Kampagne hörten, erinnerten sie sich an die »Drei-Anti« und »Fünf-Anti-Kampagnen« und sie waren alarmiert. Sie fürchteten, daß diesmal noch Schlimmeres bevorstand.

Jeder machte sich große Sorgen, was aus seinem Besitz unter allgemeiner Eigentümerschaft werden sollte. Mein Vater bildete hier keine Ausnahme. Er schränkte seine Arbeit ein und legte sein ganzes Geld in Gegenständen an, die leicht zu verbergen waren. Wertvolles brachte er aus dem Laden nach Hause, in der Hoffnung, daß es nicht in den Allgemeinbesitz übergehen würde. Aber auch hier traf das alte chinesische Sprichwort zu: »Wenn der Gerechtigkeit ein Fuß wächst, so wachsen dem Bösen Dutzende von Füßen.«

Das immer man unternahm, die Kommunisten schienen stets einen Schritt vorauszusein.

Die Parteimitglieder und Kader des Rats für öffentliche Sicherheit bildeten zahlreiche Arbeitsgruppen für die Privatbesitzreformkampagne. Schon bald befanden sie sich überall und brachten ganz Nantschang unter ihre Kontrolle. Sie unterstanden der direkten Aufsicht des Parteisekretärs und zogen durch sämtliche Geschäfte. Sie machten eine Bestandsaufnahme von allem, was sie finden konnten. Die Artikel wurden klassifiziert, in Listen eingetragen und numeriert.

Die meisten Geschäfte befanden sich in den Wohnhäusern der Besitzer und wurden von den Besitzern auch selbst geführt. Man konnte nur schwer feststellen, welche Artikel nur für den Privatgebrauch. und welche zu gewinnbringenden Zwecken verwendet wurden. Aber die Kommunisten sorgten dafür, daß dies nach ihrem Gutdünken festgelegt wurde. Ich kann mich noch gut erinnern, wie eine solche Gruppe in unser Haus kam. Um acht Uhr früh kamen zwei Partei- und ein Kaderangehöriger des Sicherheitsbüros mit einer dicken Akte, und sie blieben bis vier Uhr nach¬mittags. Zuerst überprüften sie Vaters Arztausrüstung und notierten sich die Zahl der Stethoskope, Plessimeter, Thermometer, Mundinstrumente, Spritzen, Nadeln, Scheren und Skalpelle. Sie inspizierten das ,Mobiliar einschließlich des Schreibtisches, der Stühle und Operationstische. Vater mußte ihnen den Inhalt jeder Flasche und jedes Fläschchen auf den Regalen angeben. Nicht einmal der Spucknapf wurde übersehen!

Dann waren die pharmazeutischen Mittel und die Gemischtwaren an der Reihe. Namen, Marken, Einzelangaben, Herkunft, Menge und Preise wurden sorgfältig notiert.

 

Keiner durfte weggehen

Keiner von uns, nicht einmal die Kinder, die zur Schule gehen sollten, durfte das Haus verlassen, solange die Männer Bestandsaufnahme machten. Vater saß mit zusammengezogenen Augenbrauen da. Es schien mir, als habe er einiges mehr zu sagen als nur die Namen all der kostbaren Dinge, für die er in diesem Jahrzehnt in Nantschang gearbeitet hatte. Aber er wußte, daß das seine Lage nur verschlimmern würde.

Als die Kommunisten die Praxis und den Laden sorgfältig durchsucht hatten, erklärten sie uns, daß nichts verkauft oder weggenommen werden durfte. Sie drohten uns mit schwerer Strafe bei Zuwiderhandlung. Dann gingen sie nach oben und notierten unsere persönliche Habe. Sogar die Sofas wurden als Teil der Praxisausstattung eingestuft. Die Uhr im Wohnzimmer hätte ihrer Meinung nach nicht aus dem Geschäft genommen werden dürfen.

Die ganze Praxis und der Laden gingen an diesem Tag in den öffentlichen Allgemeinbesitz über. Es handelte sich ab jetzt um Volksbesitz und wir durften nicht mehr darüber verfügen. Wir waren der Meinung, daß es unser gutes Recht sei, damit zu tun und zu lassen, wie es uns gefiel, aber diese grundsätzliche Freiheit wurde uns verweigert.

Aber die Kommunisten deckten noch immer nicht alle Karten auf. Sie waren dem Privatbesitz gegenüber so lange tolerant, so lange er einigermaßen unverdächtig war. Aus diesem Grund beharrten sie darauf, daß die Sofas und die Uhren nicht im Wohnbereich hätten sein dürfen.

 

Am Rand der Verzweiflung

Als die Reformgruppen alle privaten Einrichtungen in Nantschang erfaßt hatten, befand sich die Stadt im Chaos und in Verzweiflung. Ein chinesischer Ausdruck für eine Situation, in der alles verloren ist, lautet: »Die Henne ist weggeflogen und die Eier sind zerbrochen.« So war uns zumute. Die Henne und die Eier befanden sich in der Hand der Kommunisten.

Da alles in der Stadt registriert war, brauchten sich die Kommunisten keine Sorgen zu machen, daß etwas wegfliegen oder zerbrechen würde. Jetzt waren sie für die »öffentliche, private, allgemeine Aktion« bereit, was nichts anderes bedeutete als ein Monopol der kommunistischen Partei. Mochten sie es nennen, wie sie es wollten, sie bezweckten dadurch, allen Privatbesitz an sich zu bringen.

Unter dieser öffentlichen, privaten, allgemeinen Aktion wurden alle, die Geschäfte besaßen oder führten zu privaten »Mitgeschäftsführern« gemacht, aber sie hatten überhaupt keinen Einfluß auf finanzielle oder geschäftliche Angelegenheiten mehr. Es war nichts weiter als ein Titel ohne Funktion. Die öffentlichen Geschäftsführer der kommunistischen Partei hatten alles in ihren Händen.

Die Eigentümer mehrerer großen Geschäfte in Nantschang begingen Selbstmord. Aber für die Kommunisten bedeuteten weniger Mitgeschäftsführer weniger zu zahlende Gehälter. Geschäfte ohne private Repräsentanten gingen ganz einfach in den vollen Staatsbesitz über.

Aber damit waren die Kommunisten noch nicht am Ende ihrer Taten. Der nächste Schritt zielte darauf ab, die Besitzer aus ihren Häusern zu vertreiben, in denen sich auch die Geschäfte befanden. Sie begründeten mit der Erklärung, daß unter der öffentlichen Eigentümer¬schaft Frauen und Kinder kein Recht mehr hätten, einen Teil des Geschäfts zu bewohnen. So mußten auch wir zwangsläufig unser Haus verlassen.

Als der Sommer zu Ende ging, zogen wir in ein kleines, muffiges Lehmhaus am Rand der Stadt. Danach hatte ich oft Alpträume, was wohl als nächstes geschehen würde. Unser Haus in der Stadt, in dem ich aufgewachsen war, wurde sofort in ein »Kampfclubhaus« für die Kommunisten verwandelt. Onkel Tschens Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite diente den Kommunisten als Versammlungsraum.

 

1959 – 1961,  eine Zeit größter Schwierigkeiten

Die Zeit von 1959 bis 1961 war sehr schwer. Sogar die Welt war über die Nachrichten entsetzt, die durch den Bambusvorhang sickerten. Für diejenigen, die sie am eigenen Leib verspürten, waren die Leiden dieser Jahre unbeschreiblich.

Jeder nannte sie eine Zeit der Schwierigkeiten. Die Kommunisten mißbilligten diesen Ausdruck, aber sie wußten, daß er zutraf. Ein weiterer Ausdruck, der in dieser Zeit geprägt wurde, lautete Kua-tsai-tai (Kürbis-und Gemüsegeneration). Es gab keinen Reis, so betrachteten sich die Menschen schon als glücklich, wenn sie Kartoffeln, Bohnen, Kürbisse oder Blattgemüse hatten. Meistens mußten wir uns jedoch mit dem begnügen, was überhaupt eßbar war. Dazu gehörte auch Unkraut und Blätter von Bäumen.

1959 kam ich in die sechste Klasse und nach Beendigung der Fuhua-Grundschule kam ich im folgenden Jahr an die Erste Mittelschule von Nantschang.

Eines Morgens hielt der Parteisekretär eine lange Rede an der Schule, die für uns Kinder völlig nichtsagend war. Er beendete seine Worte, indem er schrie, wir alle müßten unseren Gürtel enger schnallen, denn das »Vaterland« wolle den Russen alles zurückzahlen, was es ihnen schulde.

Da begriffen wir, daß der Honeymoon (Flitterwochen) der chinesischen Kommunisten mit dem »großen Bruder« Rußland zu Ende war. Die Russen forderten nicht nur Rückzahlung, sondern stellten auch ihre technische und finanzielle Hilfe ein. Außerdem hatte das Land gerade anstatt des erhofften »Sprungs vorwärts« einen »großen Sprung rückwärts« hinter sich. Jetzt wußten wir, daß die Absicht der Chinesen, innerhalb von fünfzehn Jahren mit den Engländern gleichzuziehen, nichts als Illusionen waren. Zu allem Übel kamen noch große Mißernten hinzu und die Bevölkerung kämpfte gegen unbeschreibliche Umstände. Im gesamten Land waren die Menschen entweder mit Anti-Überschwemmungs- oder Anti-Dürre-Aktionen beschäftigt. Aber alles war umsonst. Der Boden verweigerte die nötigen Ernten. Keiner hatte genug zu essen.

Die Schüler unserer Schule wohnten auch gleichzeitig da und nahmen auch gemeinsam die Mahlzeiten ein. Heranwachsende Kinder haben einen gesegneten Appetit, aber die Reisschüssel wurde bald durch Haferschleim ersetzt, und der wurde auch immer dünner. Wir waren überglücklich, wenn wir in der großen Schüssel mit Reissuppe auch einmal ein Stückchen Kartoffel fanden. Fleisch gab es nie und nirgends war eine Spur von Öl zu entdecken.

Das Warten auf die Mahlzeiten fiel uns so schwer, daß Schüler das Klassenzimmer mit der Ausrede verließen, sie hätten Magenschmerzen. Andere stahlen sich hinaus, wenn der Lehrer der Klasse gerade den Rücken kehrte. Wieder andere waren von den Gerüchen aus der Küche so angezogen, daß sie zur letzten Stunde vor dem Essen überhaupt nicht mehr erschienen.

 

Strohkuchendiät

Die Mahlzeiten waren katastrophal. Wir mußten uns in langen Reihen anstellen, die Suppe in unsere Schüssel schöpfen und dann weitergehen. Wir waren böse auf diejenigen, die das Klassenzimmer schon vorzeitig verlassen hatten, um unter die ersten zu kommen, und es war schwer, uns unter Kontrolle zu halten. Die Aufsichtslehrer liefen hin und her. Sie schrieen wie Sklavenaufseher, nur daß ihnen die Peitsche fehlte. »Stellt euch in eine Reihe! Ruhe! Haltet den Mund!« Aber sie konnten sich oft nicht durchsetzen.

Der Gedanke, daß die Schüler an der Spitze sich das Beste aus dem Topf holten, bevor man selbst an die Reihe kam, war unerträglich. Manchmal weinten wir, weil unser Magen so knurrte, daß wir den Gedanken kaum noch unterdrücken konnten, nach vorn zu stürzen und alles an sich zu reißen, was noch zu haben war. Jeder Streit artete in ein Kampfgetümmel aus. Wenn wir Mädchen in der Nähe des Topfes standen, bekamen wir bestenfalls eine Ladung Reissuppe ins Gesicht. Dann mußten wir wütend und hungrig bis zur nächsten Mahlzeit warten. Wir konnten nur hoffen, daß wir dann mehr Glück hatten. In dem Topf nach einem Stückchen Kartoffel zu fischen erwies sich als fast so schwer, wie eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu suchen.

Trotzdem konnten wir uns noch glücklich preisen, denn bald schon sollten wir »Strohkuchen« vorgesetzt bekommen. Wegen der anhaltenden Dürre gab es nur noch Reisstroh. Dieses Stroh wurde zusammen mit Reiskleie, Reisbrei, Kartoffelpulver und Salz vermischt, zu Knödeln geformt, gekocht und dann uns als Hauptmahlzeit gegeben. Man konnte es kaum als Essen bezeichnen, aber etwas anderes hatten wir nicht. Das Schlucken gestaltete sich trotz sorgfältigen Kauens äußerst schwierig. Manchmal wurde dem Strohkuchen etwas Grünzeug beigefügt, wenn wir Glück hatten. Das Gemüse bestand aus »Kuhspinat«, wie wir es nannten, und war etwas, was man normalerweise nicht als Essen servieren würde.

Noch schlimmere Zeiten

Bevor diese schwere Zeit zu Ende ging, hatten wir so ziemlich alles gegessen, was man normalerweise wegwerfen würde. Die Kommunisten waren Meister im Erfinden von ungenießbaren Zusammenstellungen. Eine davon nannte sich „Pilzbällchen“. Sie sagten, dieses Zeug diene als Magenfüller, und so begannen sie eine nationale Kampagne. Sie waren wohl der Meinung, daß die Bevölkerung ihren Hunger vergessen würde, wenn man sie mit einem Produktionsprojekt für Nahrungsmittel beschäftigte. Nicht einmal hungrige Tiere fraßen diese Pilze, aber die Kommunisten drängten uns, alle Quellen zu erforschen und das Ungenießbare zum Genießbaren zu machen.

Diese Pilzbällchen sind dunkelbraun und wachsen im Sommer an schattigen Plätzen. Wir sollten nun eine Massenproduktion beginnen und diese Pilze an allen zur Verfügung stehenden Ecken unseres Schulbereichs anpflanzen. Jedes Stück Land mußte einen bestimmten Ertrag abwerfen. Wurde dieser nicht erreicht, so durfte man nicht so viele Pilze essen. Und das war das kleinere Übel, denn es war schon eine Strafe, diese Pilzbällchen essen zu müssen. Sie wurden zu einem ekelerregenden Durcheinander zerkleinert und als Pastete zubereitet. Nicht genug, daß es entsetzlich aussah, es schmeckte auch greulich. Da wir die Pilze selbst gezüchtet hatten, wußten wir, daß sie wochenlang mit natürlichem Dünger übergossen wurden. Vielleicht war es nur die psychologische Wirkung, aber der Geruch war abstoßend. Selbst wenn wir hungrig wie die Wölfe waren, brachten wir höchstens einen oder zwei Bissen Pastete hinunter. Der Magen wehrte sich gegen dieses gräßliche Zeug. Ein Junge erfand ein Liedchen, das sofort an der ganzen Schule die Runde machte:

»Pilzbällchen sind entsetzliche Pasteten. Man muß sie essen, weil man hungrig ist, aber man bringt sie nicht hinunter, weil sie stinken.«

Die Kinder waren von der anhaltenden Unterernährung dünn und blaß. Es gab kein einziges dickes Kind mehr in oder außerhalb der Schulen. Wer besonders waghalsig war, schlich sich nachts aus den Schlafsälen und schlich sich zum Bahnhof, um Nahrungsmittel, die für das Militär bestimmt waren, zu stehlen. Manchmal gelang es ihnen, einen Sack Getreide oder einen halben Sack Mehl an sich zu bringen. In solchen Augenblicken gerieten wir außer uns vor Freude, einmal einen Bissen gutes Essen zu Bekommen. Wer jedoch erwischt wurde, wurde so geschlagen, daß er nicht einmal mehr nach Hause kriechen konnte.

In dieser Hungerszeit befanden wir uns in einem Stadium, in dem wir das Essen zu einem normalen Wachstum dringend benötigt hätten. Ich blieb sehr zierlich und habe noch heute unter sehr angegriffener Gesundheit zu leiden. Und ich werde diese Zeit nie vergessen.

Es ereigneten sich entsetzliche Dinge, wenn die Menschen hungrig waren. Wir hörten, daß ein sechzehnjähriger Junge aus den Bergen bei Fukien und Kwangtung seine kleine Schwester zerstückelte, um sie aufzuessen. Ein Taiwanese, der von der Küste von Fukien nach Nantschang kam, berichtete uns davon. Der Junge war mit seiner sechs- bis siebenjährigen Schwester allein in dem Bauernhaus in den Bergen. Die Eltern befanden sich auf Nahrungssuche. Da verlor der Junge die Beherrschung und das kleine Mädchen bot sich ihm als Opfer. Die Kommunisten verhafteten den Jungen und verhörten ihn. Sie kamen aber zu dem Schluß, daß Kannibalismus, wenn auch bedauernswert, so doch unter diesen Umständen entschuldbar sei. Ich bin davon überzeugt, daß dies nicht der einzige Vorfall dieser Art war. In jenen Jahren der Kürbisse und des Gemüses besaßen wir weder Kürbisse noch Gemüse. Niemand weiß, wieviele sich durch das Fleisch anderer Menschen über Wasser hielten.

 

Fragen, die ich immer wieder stellte

Als ich in die Mittelschule kam, war ich alt genug, um den sich verstärkenden Druck der Kommunisten zu spüren. Manchmal hatte ich das Gefühl, daß uns Kindern entweder der Mund gestopft wurde oder daß man uns wie eine Viehherde von einem Ort zum anderen stieß. Keiner durfte leben, wie er wollte. Weder das geringste persönliche Interesse noch der kleinste Wunsch war erlaubt. Alles mußte in Übereinstimmung mit den Anordnungen der Führer geschehen, ob es sich nun um einen Schluck Wasser, ein paar Schritte oder um ein paar geschriebene Zeilen handelte. Wer nicht genügend rot oder begeistert war, durfte keine höhere Schule besuchen, auch wenn er seinen Lernstoff noch so gut beherrschte. Stammte man aus einer verdächtigen Familie, hatte man keine Zukunft, so sehr man sich auch bemühte.

Die Schulen, selbst die höheren Schulen, besaßen keine oder nur wenige Nachschlagwerke. Unsere Lehrer machten selbst zu unseren Büchern nur vage Aussagen. Manchmal waren ihre Antworten ziemlich unbefriedigend, aber wir hatten sonst niemand und es fehlte auch an Büchern, die wir zu Rat hätten ziehen können. Wir konnten nur unsere Phantasie walten, uns von unseren Gefühlen leiten lassen oder einfach drauflos raten, aber das befriedigte nicht, und die Schlüsse, die wir zogen, waren wohl mehr falsch als richtig. In den Geschichtsbüchern der Mittelschule stand zum Beispiel, daß Dr. Sun Jat-sen der Sache des Volkes genützt habe, als er die Mandschu-Dynastie gestürzt hatte. Aber das war 1911, und die Kommunisten begannen mit ihrer »Herrschaft« über das chinesische Festland erst 1949. Dazwischen war nichts. Aber wir spürten, daß die Antworten, nach denen wir suchten, mit heiklen Fragen verbunden waren, die wir nicht zu stellen wagten.

Die Kommunisten waren auch immer darauf bedacht, zu betonen, daß die Arbeiter das wahre Proletariat darstellten. Wir wußten, daß die Arbeiter schlecht bezahlt wurden, und fragten uns, weshalb dies der Fall war, wenn sie doch so hoch eingestuft wurden, und weshalb das sonst niemand zu interessieren schien.

 

Das Vorrecht, eine Bibliothek zu haben

Die Erste Mittelschule von Nantschang besaß eine Bibliothek, aber wir hatten davon keinen praktischen Nutzen. Es gab dort kaum Bücher, die uns interessiert hätten. Es gab zahlreiche politische Lehrbücher, aber von denen hatten wir genug. Es waren noch ein paar Bücher aus der Zeit der »Bourgeoisie« übrig, wie »Der Traum des roten Zimmers« oder »Alle Menschen sind Brüder«, oder auch Übersetzungen von Tolstoi oder Balzac aus dem älteren China. Wir durften sie zwar ausleihen, aber wir mußten kritische Berichte darüber schreiben und sie mit den Büchern wieder abliefern. Trotzdem wollten die Schüler sie lesen, auch wenn sie sechs bis sieben Monate Wartezeit in Kauf nehmen mußten.

Da die Schulbücherei die Wünsche der Schüler nicht zufriedenstellen konnte, begannen die Schüler Abschriften von anderen Quellen in Umlauf zu bringen. Das mußte jedoch heimlich geschehen, weil es gegen die Vorschriften verstieß, vor allem, wenn es sich dabei um verdächtige Bücher handelte. Ein Schüler namens Li wurde erwischt, als er Bruchstücke eines aufrührerischen Stücks eines polnischen, zeitgenössischen Dichters verbreitete. Dieser erklärte, daß das Volk der vielen Arbeit überdrüssig sei, daß die Äpfel aus Polen nicht einmal den eigenen Kindern zugute kämen, daß Kinder gezwungen würden, zu lügen, und daß sie nach Jahrzehnten vergeblicher Hoffnung immer noch darauf warteten, daß die Gerechtigkeit siege. Dieses Gedicht gefiel den Schülern so gut, daß es die ganze Schule flüsterte. Die Lehrer merkten jedoch, daß etwas im Gang war, und Li wurde als Übeltäter entlarvt. Er mußte drei Tage lang bereuen und eine Erklärung schreiben, was er unternehmen wolle, um das »Verbrechen vergifteten Denkens« wieder gut zumachen.

 

Die Falle des Massenberichts

Das Gedicht setzte den Endstrich unter unseren Ausflug in die Weltliteratur.  Wir wurden wieder in die Wüste zurückgestoßen, ohne eine Oase der Kultur. Ich las sehr gerne. Vielleicht war das der Anlaß, daß ich die Kommunisten zu hassen begann, und daß ich später sogar mein Leben für die Freiheit aufs Spiel setzte.

Ein andermal erlebten wir eine Welle pornographischer Literatur. Irgendwie war sie in unsere Schule eingedrungen, und mehrere Schüler zogen sie Marx, Lenin und Mao vor.

Eine weitere unliebsame Entwicklung war der »Massenbericht der Gedanken.« Man hätte dies besser als »Gedankenfalle« bezeichnet, denn man beabsichtigte damit, alles oberflächliche, unbestimmte oder wankelmütige Denken so festzunageln, daß man sicher sein konnte, daß jeder nur noch streng kommunistisch dachte. Es wurden »Gedankenversammlungen« organisiert. Auf diese Weise wurden die Schulen zu reinen Rezitationsstätten der Gedanken Maos mit dessen Gebot, daß »die Politik vor allem stehe.« Diese Versammlungen wurden zum Ausgangspunkt der Irrsinnstaten der Roten Garden, die die Kulturrevolution unterstützten.

Jede Klasse mußte mindestens eine »Gedankenversammlung« in der Woche abhalten. Für diesen »Massenbericht der Gedanken« mußte als erster ein Lehrer, der gleichzeitig Führer war oder die Voraussetzungen besaß, ein solcher zu werden, und der darüber hinaus noch Mitglied der Chinesischen Kommunistischen Jugendliga war über die neuesten politischen Anweisungen des Zentralkomitees der Partei berichten. Der Text einer Mao-Rede wurde noch einmal durchgearbeitet und gelernt, als wäre er die Bibel. Danach mußten wir Schüler unsere Ansichten äußern. Natürlich durfte keine Kritik geäußert werden. Wir waren schlau genug, den »Vorsitzenden« nur in Superlativen zu loben.

Aber Schüler sind keine Redner, und manche von uns hatten Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden. Es war nicht erlaubt, etwas zu wiederholen, was andere schon gesagt hatten. Einmal wollte ein Junge etwas wirklich Gutes vorbringen, und er sagte in allem Ernst: »Der Vorsitzende Mao würde zweifellos seinem Namen gerecht werden, selbst wenn er der Sohn von Marx wäre.« Er wollte Marx und Mao nur ein Kompliment machen, aber anstatt dessen hatte er die Kommunisten beleidigt. Er wurde nun kritisiert, weil er noch immer nicht in der Lage sei, sich selbst aus den Grenzen »überalterter, moralischer Vorstellungen« zu befreien. Die Kommunisten konnten offensichtlich die Vorstellung nicht ertragen, daß Mao sich vor Marx verbeugen sollte, wie es ein Sohn normalerweise vor seinem Vater tat. Sie waren so wütend, daß sie den Jungen als nicht geeignet für höhere Bildung bezeichneten.

Diese »Gedankenversammlungen« sollten unser Denken anregen und formen. Nach jeder Versammlung mußten die Schüler einen Bericht schreiben. Aber was konnte man über ein so beschränktes Thema schreiben? Diese wöchentliche Pflichtübung war schlimmer als erzwungene, körperliche Arbeit. Wir waren jedesmal den Tränen nahe, wenn wir hörten: »Morgen sind die Berichte fällig.«

Alle Berichte wurden von der Jugendliga-Abteilung der Schule genauestens durchgesehen. Nur Schüler galten als annehmbar, die das schrieben, was die Kommunisten von ihnen erwarteten. Man erhielt keine Auszeichnungen dafür, aber wer weniger tat, als erwartet wurde, oder wer es wagte, einschlägige Fragen zu stellen, konnte sicher sein, daß er in Schwierigkeiten geriet.

Eine weitere Art der Abmagerung

»Versetzungen nach unten« (auch Landaufenthalt genannt) war gleichbedeutend mit Zwangsarbeit und ein weiterer Ausdruck zur Vertuschung von Ausbeu¬tung in Form von Schülerarbeit.

Ein Semester an der Mittelschule oder am Gymnasium dauerte viereinhalb Monate. In dieser Zeit wurde jeder von uns für mindestens einen Monat zur »Versetzung nach unten« eingeteilt. Ausnahmen gab es nicht. Viele Schüler der Ersten Mittelschule von Nantschang wurden in das Kohlebergwerk von Pinghsiang geschickt, das etwa dreihundert Kilometer mit der Eisenbahn südwestlich von Nantschang an der Grenze zur Provinz Hünan liegt. Keines der Kinder besaß die Kraft, um die Arbeit eines Bergarbeiters zu verrichten. Sie kamen alle völlig abgemagert und ausgezehrt wieder zurück. Da ich sehr klein war, kam ich auf einen Bauernhof, worüber ich noch froh sein mußte.

Die Schüler, die im Bergwerk arbeiteten, berichteten daß man sie sehr streng behandelt hatte, fast ebenso streng wie ihre erwachsenen Arbeitskollegen. Die regulären Arbeiter mußten der Arbeitergewerkschaft beitreten und sich ohne Murren der Kontrolle dieser Gewerkschaft unterwerfen. Jede Kleinigkeit wurde sofort gemeldet. Jedes Anzeichen oder jeder Versuch, sich zu widersetzen wurde sofort bestraft. Die Arbeitsanforderungen stiegen ständig. Verstieß je¬mand gegen die Vorschriften, wurde er entlassen, erhielt keine Essensmarken mehr, werde von seinen Angehörigen getrennt oder gezwungen, sich durch Zwangsarbeit zu läutern, oder er wurde hingerichtet. Das Leben war kostbar, aber bedeutungslos. Man mußte schuften, damit man schuften durfte.

1963 kam es zu einem Unglück, von dem die Schüler betroffen waren, die man in das Bergwerk von Pinghsiang geschickt hatte. Wegen unzureichender Sicherheitsmaßnahmen kam es zu einer Gasexplosion. Einhundert Bergarbeiter, darunter sechs Schüler, wurden lebendig begraben. Als wir in der Schule davon hörten, waren wir betrübt. Die Eltern der Kinder weinten zu Hause hinter verschlossenen Türen. Eine öffentliche Zurschaustellung von Gefühlen, selbst bei derartigen Anlässen, war bei den Kommunisten nicht erwünscht. Die Tragödie war ihnen nicht wichtig. Die Schüler der folgenden Semester mußten in demselben Bergwerk unter unveränderten Bedingungen arbeiten.

Ich selbst nahm achtmal an solchen Aktionen teil. Die Art der Arbeit variierte nach der Jahreszeit. Ich half den Bauern beim Säen oder Ernten oder bei Maßnahmen zur Dürrebekämpfung. Wir brauchten zwar nicht wie die Schüler in den Bergwerken ständig um unser Leben zu fürchten, aber das Leben auf dem Land erwies sich als ebenso unerträglich. Mein einziger Trost war, daß ich nicht immer auf dem Land leben mußte und nicht ständig die Qualen eines bäuerlichen Lebens zu ertragen hatte.

Im Herbst 1961, als ich gerade vierzehn war, wurde ich das erste Mal aufs Land geschickt. Das Dorf trug den schönen Namen Feng-huang-kang, Phönixhügel, und alle zwei- bis dreihundert Familien hießen mit dem Nachnamen Wang. Von einem Hügel aus konnte man die malerischen Bauernhäuser und die Reisfelder überblicken. Es war Erntezeit, aber die Dürre hatte so lange gedauert, daß die Erde von tiefen Rissen durchzogen war, und die Reishalme fast nichts trugen. Hier und dort sah man ein paar Hülsen, an denen Insekten saßen. Eine Gruppe von ländlichen Kaderan¬gehörigen leitete die Kampagne gegen die Insekten. Ihre Methode war äußerst primitiv. Jeder Bauer entfernte die Insekten mit einer Bürste von den Halmen und zertrat sie dann mit den Füßen.

Eine Menge Insekten und wenig Wasser

Als die Kommunisten merkten, daß dieses Vorgehen zu zeitraubend war, befahlen sie, nachts Feuer anzuzünden, um die Insekten anzulocken. Die Schüler mußten tagsüber sieben bis acht Stunden Insekten abbürsten und zertreten und anschließend bis Mitternacht die Feuer schüren. Wir Stadtkinder waren nicht an so lange körperliche Arbeit gewöhnt. Oft saßen wir vor dem Feuer und dösten vor uns hin. So geschah es manchmal, daß der Wind sich drehte und die Reishalme in Brand steckte. Wenn wir dann aufwachten, stand der Reis in Flammen.

Die Angehörigen der ländlichen Kader waren sehr streng, wenn ihnen zu Ohren kam, daß der Reis wegen unserer Unachtsamkeit in Brand geraten war. Ein Junge aus unserer Klasse namens Tschen Hsiang-li unterstand einem Kadermitglied, das stets schlecht gelaunt war. Er schlug ihn bis der ganze Körper blutunterlaufen war und sagte, der Junge habe aus böser Absicht das Getreide des Volkes zerstört. Er werde den Vorfall den zuständigen Behörden melden.

Ein andermal wurden etwa achtzig Schüler unserer Schule in Gruppen zu vier eingeteilt. Die Kommunisten brachten zwanzig hölzerne Wassertretmühlen. Jede war an der Spitze mit zwei Paar Pedalen ausgerüstet. Diese Pedale trieben eine Kette mit waagrechten Holzbrettern an, die das Wasser durch einen Kanal pumpten. Das Wasser mußte zu den höhergelegenen Reisfeldern hinaufgetreten werden. Vier Kinder hatten ein Fördergerät zu bedienen und es den ganzen Tag und oft auch noch nachts in Gang zu halten. Zwei von uns befanden sich oben, hielten uns an hölzernen Querbalken und traten die Pedale, als ob wir Treppen steigen wollten. Die Tage waren lang und heiß. Wir bekamen Krämpfe, Blasen und Schwielen, und es flimmerte uns vor den Augen. Nach einem Monat im Einsatz gegen die Dürre bei wenig Essen und wenig Schlaf waren wir zu Skeletten abgemagert.

 

Schläge für gestohlene Bohnen

Es schien mir, als habe es in den ländlichen Gebieten mehr Widerstand gegeben als in den Städten. Die Bauern wurden beim geringsten Anlaß von den Kommunisten bestraft. Obwohl sie für Nahrungsmittel schuften mußten, waren sie immer unterernährt, auch wenn es eine gute Ernte gegeben hatte. Bei einem meiner Landaufenthalte wurde ich Zeuge, wie ein über sechzigjähriger Mann mit nacktem Oberkörper mit den Händen an einen über ihm hängenden Ast gebunden und ausgepeitscht wurde. Das war eine Demonstration zum Wochenende, um uns zu zeigen, was mit Dieben geschehen würde. Er wurde bestraft, weil er ein paar Sojabohnen gestohlen hatte.

Sie hatten Wang eines Abends dabei erwischt, wie er in seiner Küche Bohnen röstete. Als ein Funktionär ihn fragte, woher er die Bohnen hatte, konnte er keine befriedigende Antwort geben. Man nahm ihm die Bohnen weg und berief eine öffentliche Versammlung ein. Alle Dorfbewohner mußten daran teilnehmen. Nachdem die Kommunisten den alten Mann ausgepeitscht hatten, gossen sie Salzwasser über seine Wunden. Dann schütteten sie die Bohnen auf den Boden und Wang mußte sie einzeln auflesen. Die Kommunisten sagten, es genüge nicht, daß er sie zu zweien oder dreien auflese, weil er den alleinigen Besitz von Volksgut angestrebt hatte. So mußte er die Bohnen einzeln an das Volk zurückgeben.

Ich frage mich, ob die Dorfbewohner auch nur eine einzige von diesen Bohnen wiedergesehen haben. Ich glaube vielmehr, daß sie entweder einzeln oder zu mehreren mit Wein von den ländlichen Funktionären, die dem Volk dienten, verspeist wurden.

Die Zustände auf dem Land waren zweifellos auch nicht besser als in den Minen, eher schlimmer. Zum Schutz der Kinder wurde nichts unternommen. Selbst Kinder unter dreizehn Jahren mußten wie Erwachsene zwölf bis sechzehn Stunden am Tag arbeiten. Ein zwölfjähriger Junge arbeitete einen Tag und eine Nacht in einer Mühle und mußte anschließend eine Viehherde hüten. Er war so erschöpft, daß er völlig entkräftet zu Boden fiel und einschlief. Die Ortszeitung bezeichnete diesen »kleinen Verbrecher« als faul und verdorben. Als Strafe bekam er mehrere Mahlzeiten nacheinander nichts zu essen.

Um ein Haar getötet

Als 1963 das letzte Jahr an der Mittelschule heranrückte, fürchtete ich, daß ich die Universität vielleicht nicht besuchen dürfte, weil ich nicht Mitglied der Jugendliga war. Man hielt mich für zu wenig rot und nicht genug begeistert. So maßte ich beweisen, daß ich ein »positives Element« war.

Zu diesem Zeitpunkt fürchteten die chinesischen Kommunisten, daß die Truppen der Russen von Norden und die der Republik China von Taiwan zur Küste von Fukien vordringen könnten. Sie hielten schon das Gras und die Bäume für Feinde. Tag und Nacht wurden Vorbereitungen getroffen. Anstatt des Unterrichts mußten wir Luftschutzkeller graben.

Ich dachte, ich könnte ein positives »politisches Denken« beweisen, indem ich fleißig grub. Ich war stets die erste, die auf das Hügelgelände hinter unserer Schule zurannte. Diese Arbeit war eine Art Wettbewerb. Wir kämpften verzweifelt darum, die beste Klasse zu sein und auch persönlich als Modellschüler eingestuft zu werden. Mit Hacke und Schaufel bemühte ich mich, stets die fleißigste zu sein. Aber meine körperlichen Kräfte waren begrenzt. Ich war nicht einmal einen Meter fünfzig groß und wog keine vierzig Kilo. Ich war daß und hatte nicht viel Kraft in meinen dünnen Armen. Die Hacke drang. nicht weit genug in den Boden, sosehr ich mir auch Mühe gab. Ich biß meine Zähne zusammen und nahm die gelbe Erde in Angriff, die bald darauf zwei Menschenleben und ein Dutzend Verletzte forderte, darunter auch ich.

Der Gang führte etwa drei Meter senkrecht hinunter und schob sich dann waagrecht in den Hügel. Die Erde war zäh und hielt zunächst ganz gut zusammen. Aber dann regnete es ein paar Tage. Wir befanden uns im Luftschutzkeller und waren gerade dabei, lange Bänke aus den Wänden herauszugraben, als plötzlich die Erde über uns mit lautem Dröhnen zusammenbrach. Ein Schüler war so tief verschüttet, daß jede Hilfe zu spät kam. Ein weiterer starb an den Verletzungen. Ein weiteres Dutzend wurde verletzt. Mein linkes Bein war gebrochen und ich mußte über einen Monat im Bett liegen.

Zwei Schüler waren ums Leben gekommen, aber die Schulbehörde bekundete nicht einmal ihre Anteil¬nahme. Solche Ereignisse waren unvermeidlich und man mußte sie im Zug der Kriegsvorbereitungen einfach in Kauf nehmen.

Aus Angst vor einem Angriff führten die Kommunisten Militärausbildung als Pflichtfach in den Oberschulen ein. Wer in diesem Fach versagte, bekam keinen Schulabschluß und hatte somit auch keine Möglichkeit, die Universität zu besuchen. So machte ich es mir zur Gewohnheit, morgens früher aufzustehen, um an einer Sonderausbildung im »Achthundert-Meter-Kampflauf« teilzunehmen, mit dem Sturmgepäck auf dem Rücken. Eines Tages fühlte ich den Boden unter meinen Füßen wanken. Ich hatte noch nicht einmal die Hälfte der geforderten Strecke zurückgelegt. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden des Klassenzimmers. Meine Freunde erzählten mir, daß sie mich hierhergetragen und lange gewartet hätten, bis ich das Bewußtsein wiedererlangte. Das war von nun an öfter der Fall. Jetzt zeigten sich wohl die Folgen der langanhaltenden Unterernährung in der »Zeit der Schwierigkeiten.« Ohne Hoffnung, ein »positives Element« zu werden und auf Grund meines schlechten Gesundheitszustands wurde ich nun pessimistisch und passiv.

Es ist verboten, das Bewußtsein zu verlieren!

Als Mittelschüler mußte ich eine Zeitlang auf dem Land in großen Kasernen zubringen und die Kleider der Soldaten der »Volksbefreiungsarmee« waschen. Die Uniformen und die Unterwäsche waren schwer, schmutzig und voller Flicken. Da wußte ich, daß nicht einmal die Soldaten ein erträgliches Leben führten.

Eines Tages trug ich ein Bündel mit annähernd fünfzig Kleidungsstücken zum Dorfbrunnen und begann sie zu waschen. Ich nahm mir die etwas leichteren Kleidungsstücke vor. Ich konnte die baumwollgefütterten Hosen und Jacken kaum halten, wenn sie naß waren. Die Mittagssonne brannte heiß und stechend. Ich schwitzte und bekam kaum noch Atem. Die anderen Schüler arbeiteten auf den Feldern und niemand war in der Nähe, als ich zusammenbrach. Ich muß zwei Stunden in einer Pfütze gelegen haben, bevor ich wieder zu mir kam. Ich konnte nicht mehr Weiterwaschen, so ging ich nach Hause und berichtete, was geschehen war.

Anstatt mich medizinisch zu betreuen, wurde ich zurechtgewiesen und als »unvernünftig widerspenstig« bezeichnet. Sie sagten, meine Haltung sei ein Beweis meines »sturen Widerstands« gegen den Grundsatz einer »Versetzung nach unten«, mit anderen Worten, es war mir verboten, das Bewußtsein zu verlieren.

Als wir wieder zur Schule zurückkehrten, wurde eine Kritikversammlung speziell für mich einberufen. Der Parteisekretär drückte es sehr vornehm aus. Er sagte, die Kritik sei dazu da, um mir zu helfen. Man betonte ständig, daß ich einer bourgeoisen Klasse entstamme, daß ich für Härtefälle nicht geschaffen sei, daß die ideologische Bürde zu schwer auf mir laste. Sie wollten nicht zugeben, daß ich körperlich zu schwach war. Sie kamen zu dem Schluß, daß ich sofort etwas unternehmen müsse, um mich von meiner bourgeoisen Denkweise zu befreien.

Ich dachte bei mir, daß es besser gewesen wäre, wenn sie mir diese schweren, schmutzigen Uniformen nicht gegeben hätten, und ich fragte mich, warum es bei den Kommunisten ein Verbrechen war krank zu sein. Ich war wütend, aber äußerlich mußte ich ruhig, gehorsam und überaus reumütig erscheinen. Ich mußte meine ganzen Kräfte aufbieten, um nicht aus Protest aufzustehen und hinauszugehen.

Verletzung der Menschenrechte

Am unglücklichsten schienen diejenigen zu sein, die Nervenzusammenbrüche erlitten. Die Kommunisten betrachteten das nicht als Krankheit. Ein Lehrer unserer Schule, Herr Lin, litt an krankhafter Schlaflosigkeit. Er war dünn und daß. Er wurde zusehends schwächer und ruheloser, aber die Kommunisten hörten nicht auf sein Bitten, ihm etwas Ruhe zu gönnen, weil er einem Nervenzusammenbruch nahe war. Anstatt ihn behandeln oder einfach in Ruhe zu lassen, damit er sich erholen konnte, fütterten sie seinen ohnehin schon überforderten Verstand mit Ideologie, bis er den Verstand verlor.

Selbst in Liebesangelegenheiten war man nicht frei. Herr Su war ein junger Lehrer unserer Schule. Er hatte ein hohes kulturelles Niveau. 1957 hatte man ihn allerdings als rechtsextrem abgestempelt und seine Zukunft war dadurch zunichte gemacht. Man versetzte ihm einen Schlag nach dem anderen im Zug der »Anti-Rechtsextreme-Kampagne«, und er wurde später namentlich in den »fünf schwarzen Kategorien der Bevölkerung« aufgeführt. Er hatte es schwer, den Mut nicht zu verlieren.

Dann kam eine junge Frau aus einer Arbeiterfamilie an unsere Schule, um dort zu unterrichten. Sie verliebte sich in Herrn Su. Aber der Parteisekretär duldete nicht, daß man sie zusammen sah. Herr Su wurde angeklagt, »den Versuch unternommen zu haben, die Nachkommen des Proletariats zu verführen und unehrenhafte Zuneigung zu zeigen«. Aber damit nicht genug. Es wurde eine große Versammlung in der Schule einberufen. Als alle Lehrer und Schüler versammelt waren, mußte Herr Su vortreten. Er wurde aufgefordert, ehrlich zu bekennen, wie es ihm gelungen sei, sich die Lehrerin zu angeln. Er durfte nicht die kleinste Tatsache auslassen und zugeben, daß er völlig verfehlt gehandelt habe und versprechen, daß er nie wieder versuchen werde, dem Proletariat Schaden zuzufügen.

Der Sturm der Kulturrevolution

Die Große Proletarische Kulturrevolution begann 1966, als ich kurz vor dem Abschluß der Mittelschule stand. Es war ein furchterregender Sturm, wie ein Gewitter mit pechschwarzen Wolken, durchbrochen von Blitz und Donnerschlag. Die Schulen schlossen und die jungen Menschen, angefangen von den Erstklässlern bis zu den Studenten unterstützten die beispiellose Kampagne. Sie studierten und lernten die Worte Maos und lernten, wie man Opposition anfacht.

Angestachelt von den Arbeitsgruppen der Kulturrevolution wandten sich die Schüler zuerst gegen die »reaktionären Lehrer, die versuchten, bourgeoise Autorität auszuüben«. Es handelte sich hierbei um Lehrer von hohem, kulturellem Niveau, die sich der kommunistischen Partei jedoch nicht genügend unterwarfen. Die Kinder konnten auch Lehrer angreifen, die ihnen aus irgendeinem Grund mißfielen.

Die ersten Monate der Kulturrevolution bestanden hauptsächlich nur aus Wortangriffen. Überall erschienen Wandzeitungen und unzählige Kritikversammlungen wurden einberufen. Man gebrauchte viele böse Ausdrücke und neue, entsetzliche Ausdrücke wurden geprägt. Man ließ die Roten Garden wie wilde Jagdhunde los. Was nun folgte war unbeschreiblich und schrecklich.

An der Ersten Mittelschule von Nantschang suchten sich die Roten Garden einen Chinesischlehrer namens Tschiang als Ziel aus. Er war sehr gebildet, Ende vierzig und für seine aufrechte Gesinnung bekannt.

Die Roten Garden brachten einen Stapel Schüsseln aus der Schulküche, zerbrachen sie in Scherben und verstreuten sie vor dem Haupttor der Schule. Dann zogen sie Tschiang heraus, hängten ihm ein Seil als »Halskette« um mit einem zehn Kilogramm schweren Stein als Anhänger. Die Roten Garden rollten ihm die Hosenbeine hoch und befahlen ihm, auf die Scherben zu knien. Tschiang weigerte sich. Er hatte nichts getan und sah auch keinen Grund, weshalb er sich den jungen Rebellen unterwerfen sollte. Da schleiften, traten und schlugen sie ihn. Schließlich wurde er einem Dutzend Jugendlicher übergeben, die ihn demütigen sollten. Sie zwangen ihn schließlich mit einem Schlag auf die Knie. Wir sahen, wie das Blut von seinen Knien floß. Dann brachte jemand Pinsel und Tintentöpfe mit roter und schwarzer Tinte. Lachend malten sie groteske Figuren auf Tschiangs Gesicht und die ganze Zeit über schrien die Schüler häßliche Schimpfworte. Es war furchtbar, dabeistehen und zusehen zu müssen. Wir waren traurig und böse, aber wir konnten Tschiang nicht helfen. Wir sollten ihn anstarren und ihn mit den anderen verspotten. Hätten wir Mitleid mit ihm gezeigt, dann hätte man auch uns der Gruppe der »bösen Teufel« end »bösen Geister« zugeordnet und uns ebenso behandelt.

Weitere Lehrer als Opfer

Zwei weitere Lehrer, ein Physiklehrer namens Lai und ein Mathematiklehrer namens Yang begingen Selbstmord, nachdem sie von den Roten Garden angegriffen worden waren. Das einzige, was sie getan hatten und was die radikalen Schüler gegen sie aufbrachte, war, daß sie strenge Noten gaben. Schlechte Schüler, die nichts gelernt hatten und es bei den strengen Lehrern schwer hatten, nützten die Kulturrevolution aus, um sich zu rächen. Die beiden Lehrer wurden auf den Sportplatz gezerrt, wo sie Gesicht an Gesicht niederknien sollten. Sie wehrten sich, wurden aber zusammengeschlagen. Gesicht, Arme und Beine waren von Wunden bedeckt. Dann befahl man ihnen, sich gegenseitig zu schlagen. Aber auch dazu mußte man sie erst mit der Peitsche überreden. Als sie sich eine Weile geschlagen hatten, mußten sie sich mit den Fäusten traktieren, bis ihre Lippen aufgeplatzt und die Zähne ausgeschlagen waren.

Nach einer Pause, die ihnen die Roten Garden zugestanden hatten, erhielten sie gekochte »Weizenkuchen«, aber was man hineingetan hatte, drehte einem den Magen um. Die Lehrer konnten und wollten sie nicht essen, so wurden sie dazu gezwungen. Die Roten Garden hielten ihnen den Kopf, öffneten ihnen gewaltsam den Mund und stopften ihnen das Zeug hinein, das ich nicht mit Namen nennen will. Daraufhin übergaben sich die Lehrer und ein paar der Roten Garden bekamen ihren vollen Anteil ab. Daraufhin wurden sie so wütend, daß sie die Lehrer bewußtlos schlugen. Es war unbeschreiblich grausam, aber keiner wagte zu protestieren. Nachts krochen die beiden Lehrer zu einer Anhöhe und stürzten sich in die Tiefe, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten.

Eine Physiklehrerin war wegen ihrer Abneigung gegen Würmer bekannt. So viel ich weiß hatte sie nichts getan, aber die Roten Garden wollten sie auf die Probe stellen. Sie fesselten sie und setzten ihr ein paar haarige Raupen an den Hals. Ihre Reaktion war entsprechend. So beschlossen die Roten Garden, sie mit dem zu füttern, was sie am meisten verachtete. Sie begannen, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, aber die Lehrerin machte nicht mit. Bevor sie den Wurm noch geschluckt hatte, verlor sie den Verstand.

Ich muß hinzufügen, daß nicht alle Schüler den Roten Garden angehörten. Nur die Kinder der höheren Parteifunktionäre und andere, die sich für besonders progressiv hielten, führten das Pack an und befahlen, was zu tun war. Es waren auch nicht alle Jugendlichen venückt. Viele hatten so viel Verstand, daß sie wußte, daß sie verrückt spielen und Greueltaten verüben mußten, wenn sie nicht das Schicksal der bedauernswerten Lehrer und anderer Unschuldiger teilen wollten.

Ich kann nur ein paar Beispiele all dieser unglaublichen Vorfälle nennen, die sich in China abspielten. Sie waren so entsetzlich, daß es mir bei dem bloßen Gedanken daran übel wird. Ich habe versucht, sie zu vergessen, und ich wünsche, all das hätte sich nie zugetragen.

Entweihte Buddhas und verbrannte Bibeln

Die Kulturrevolution breitete sich von den Schulen auf die ganze Gesellschaft aus und stellte das ganze Land auf den Kopf. Die Kommunisten waren fest entschlossen, die »vier alten Dinge« auszurotten, die alte Denkweise, die alte Kultur, die alten Bräuche und die alten Gewohnheiten. Diese wurden durch die »vier neuen Dinge« der proletarischen, sozialistischen Denkweise, Kultur, Bräuche und Gewohnheiten ersetzt. Die Roten Garden wußten, wie man diese Umwandlung am besten durchführte. Rücksichtslos machten sie sich daran, die Kultur zu zerstören, die Tausende von Jahren die Wurzel des Lebens der Bevölkerung gewesen war. Die Kommunisten schafften sämtliche Festtage ab, die für Chinesen charakteristisch waren. Mit der Ahnenverehrung wurden auch die Gräber abgeschafft oder zerstört. Tempel wurden geplündert und Götzenbilder aller Formen dem Vandalentum ausgesetzt.

Schon von Beginn der Machtübernahme an durch die Kommunisten waren religiöse Aktivitäten verboten. Ausländische Missionare wurden als »Spione« oder »imperialistische Agenten« verfolgt. Die chinesischen Pfarrer wurden als Gegenrevolutionäre und als rechtsgerichtet abgestempelt. Die Kirchen und ähnliche Organisationen wurden geschlossen und ihr Eigentum wegen angeblicher politischer und geheimdienstlerischer Tätigkeit beschlagnahmt. Buddhisten, Taoisten, Mohammedaner und Christen wurden gleichermaßen verfolgt.

Aber die Kommunisten wußten, daß in Privathäusern noch immer Bibeln versteckt waren. So organisierte die Kulturrevolution eine Kampagne der Bibelsuche. Allein in Nantschang fanden die Roten Garden über achttausend Bibeln. Sie wurden beschlagnahmt, auf dem Marktplatz aufgestapelt und verbrannt.

Bei dieser Kampagne kam es zu keinem Blutvergießen, aber es kam zu einer kleinen Episode, die bei den Einwohnern von Nantschang als die »Geschichte der Bibelwächter« die Runde machte.

Ich muß hier klarstellen, daß ich kein Christ bin und auch nie war. Aus unserer Familie ist niemand getauft. Ich berichte hier nur von den »Bibelwächtern«.

Ein altes Ehepaar wohnte in einer engen Gasse in Nantschang. Es hielt heimlich an seiner letzten Bibel fest, auch noch als ihm fast der gesamte Besitz genommen worden war. Als überzeugte Christen mit beachtlicher Bildung nahmen sie ihre Bibel hervor, wenn sie allein waren. Sie lasen darin, beteten und fanden trotz allem Frieden.

Als sie hörten, wie gründlich die Roten Garden nach den Bibeln suchten, wußten der alte Mann und seine Frau, daß man auch ihre Bibel früher oder später finden und sie ihnen nehmen würde. So verbrannten sie sie selbst, lösten die Asche in Wasser auf und tranken das Ganze.

Irgendwie kam die Geschichte den Roten Garden zu Ohren. Ich hörte, daß die alten Leute eine schlimme Lektion erhielten, weil sie sich so »stur« gezeigt hatten. Aber ich weiß nicht, was aus ihnen wurde.

Plünderung aller Häuser

Die Ausrottung der »vier alten Dinge« war von unverhüllter Plünderung begleitet. Die Chinesen haben einen Ausdruck, der bezeichnet, daß man sich am Unglück anderer bereichert. Er lautet, ein Haus auszurauben, das in Flammen steht. Genau das taten die Kommunisten mit ihren Roten Garden als Werkzeug, unter dem Vorwand, nach verbotenen Dingen, wie Bildern von Tschiang Kai-schek, nationalistischen Fahnen oder nicht registriertem Gold zu suchen.

Uns hatte man aus der Stadt in ein schäbiges Haus in den Außenbezirken vertrieben. Trotzdem kamen die Roten Garden auch zu uns. Da meine Eltern aus Taiwan stammten, sagten die Roten Garden, wir hätten vielleicht ein Bild oder eine Fahne versteckt, die unsere Verbindung zu der Nationalistischen Partei bewiesen. Sie durchsuchten das Dach, die Wände, Kisten, Schachteln, ja, sie gruben sogar dеп Fußboden um. Sie konnten nichts von dem finden, was sie gesucht hatten, aber als sie gingen, fehlte ein Paar Armreifen meiner Mutter.

Bei einer Familie in der Stadt wurde ein altes Schulbuch gefunden, das einmal weggeräumt und dann vergessen worden war. In diesem Buch befanden sich Bilder von Tschiang Kai-schek und der Fahne der Republik China. Alle Familienmitglieder wurden sofort als Kriminelle abgestempelt. Man zerrte sie aus dem Haus und sie mußten auf der Straße knien. Sie wurden beschuldigt, »Gedanken zu horten, die die neue Ära bekämpften« und mit Kot überschüttet. Man verfolgte sie mit Haß und behandelte sie als böse Geister und verdorbene Teufel, die die Roten Garden niederschlagen und auf denen sie herumtrampeln sollten.

Einmal erfuhren die Kommunisten von Informanten, daß ein Ehepaar Gold versteckt hatte. Als die Frau verhaftet wurde, sagte mai, ihr Mann habe behauptet, daß sie eine Unze Gold als Teil ihrer Mitgift versteckt halte. Die Kommunisten hatten das frei erfunden, aber die Frau ging in die Falle. Sie wurde wütend und sagte, sie besitze nicht mehr als eine dreiviertel Unze, aber ihr Mann habe vier goldene Ringe unter einem Krug in der Küche versteckt. Er müsse angeklagt werden. So verloren sie ihr ganzes Gold.

Ausreden der Plünderer

Intellektuelle wurden am schlimmsten verfolgt. Bei ihnen dauerten die Haussuchungen oft tagelang. Alles, was auch nur den geringsten Wert hatte, wurde entweder mit oder ohne Wissen des Eigentümers mitgenommen. Die kommunistischen Zeitungen gaben zwar zu, daß die Kampagne zur Zerstörung der vier alten Dinge die Moral der Kampagnenhelfer beeinträchtige, aber die Zeitungen sprachen nur von »Stehlen im Vorübergehen», was so viel heißen sollte, daß nicht vorsätzlich gestohlen wurde, sondern daß die Gegenstände so günstig herumlagen, daß man sie ganz einfach nicht übersehen konnte.

Es konnte nicht ausbleiben, daß diese jungen Rebellen allmählich untereinander Streit bekamen. Der Machtkampf, den Mao Tse-tungs Frau Tschiang Tsching für ihren Mann führte, war wie das Gezänk von Räubern um die Beute. Tschiang Tsching prägte den Wahlspruch: »Greift mit Worten an und verteidigt euch mit Waffen!« Damit wollte sie die Roten Garden ermuntern, ihre Gegner mit Gewalt anzugreifen. Junge Menschen reagierten darauf wie entfesselte wilde Tiere. Sie richteten überall Zerstörung an. Viele von ihnen durchzogen das ganze Land in Gruppen, um revolutionäre Gedanken untereinander auszutauschen.

Wo immer die Roten Garden hinkamen, veränderten sie Straßennamen. Sie kratzten die alten Bezeichnungen ab und schrieben in greller Handschrift Namen ihrer Wahl hin. Überall erschienen Namen wie »Anti-Revisionismus-Straße« und »Revolutions-Straße«. Auch die Namen von Krankenhäusern, Geschäften und anderen Einrichtungen wurden geändert, wenn sie auch nur im entferntesten an die alte Zeit erinnerten. Als ob sie nicht schon genug Unheil angerichtet hätten, marschierten die Roten Garden schließlich zu den Kasernen, um die Waffen der »Volksbefreiungsarmee« an sich zu bringen. Sie handelten in Übereinstimmung mit der Aussage Mao Tse-tungs, daß politische Macht aus Gewehrläufen kommt.

Fast jeden Tag hörten wir von Zusammenstößen zwischen Roten Garden und Soldaten. Der Aufruf: »Greift mit Worten an und verteidigt euch mit Waffen!« hatte sich zum offenen, bewaffneten Kampf ausgeweitet. Zahlreiche Schüler und andere Kinder, die sich nicht mehr schnell genug in Sicherheit bringen konnten, wurden getötet.

Im Winter 1967 veranlassten ein Dutzend Roter Garden etwa eine gleiche Anzahl Schüler, die keine Roten Garden waren, sich mit ihnen zusammenzutun. Gemeinsam schlichen sie sich in eine Kaserne in Nantschang, von wo sie mit fünf oder sechs Gewehren, Munition und einer Anzahl Handgranaten wieder zurückkehrten. Als die Soldaten das entdeckten, verfolgten sie die Jugendlichen, die sich in einem Haus in der Befreiungsstraße (es war Nr. 20, ich kann mich noch gut daran erinnern) versteckten und vom dritten Stock auf die anrückenden Soldaten schossen. Diese kamen jedoch näher und erwiderten das Feuer.

Die meisten Leute der Umgebung brachten sich in Sicherheit, aber ein Teil der Hausbesetzer saß in der Falle. Schließlich rückten die Soldaten mit Granatwerfern an und beschossen das Haus. Sie richteten großen Sachschaden an und sechs Rote Garden kamen ums Leben. Zwei Schüler, Hsu und Huang, wurden in diesem Gefecht getötet. Ich hatte sie beide gekannt. Außerdem kam ein dreijähriges Kind ums Leben, das sich in dem Haus befand.

Wir durften nirgends hingehen. Die chinesischen Familien, die vor der kommunistischen Machtübernahme von Taiwan auf das Festland gezogen waren und ihre Kinder, die in China zur Welt kamen, wurden von den Roten sehr schlecht behandelt. Viele bezeichnete man kategorisch als »reaktionär« und »Verschwörer der Kräfte von außen«. Mit anderen Worten, sie erklärten uns für »ch’ih-le p’a-wai«, d. h. wir arbeiteten für die Interessen einer gegnerischen Gruppe zum Nachteil der Kommunisten. Sie behaupteten weiterhin, daß wir mit den taiwanesischen Behörden zusammenarbeiteten und mit den amerikanischen Imperialisten gemeinsame Sache machten. Aber keiner von uns hätte es gewagt, hinter dem dichten Bambusvorhang derartige Kontakte nach außen zu knüpfen. Wir hätten auch gar nicht die Möglichkeit dazu gehabt. Die Anschuldigung, mit den Amerikanern gemeinsame Sache zu machen, diente nur dazu, uns gefügig zu machen. Wir Taiwanesen galten von Anfang an als verdächtig. Wir wurden aufs schärfste bewacht. Nichts, was wir sagten oder taten, entging den Kommunisten. Kaum einmal erhielten wir eine Reisegenehmigung. Wir konnten nur von einem Ort zum anderen reisen, wenn wir die Kommunisten überzeugt hatten, daß wir nichts Böses im Schild führten. Unsere Post wurde zensiert. Man nahm sogar chemische Mittel zu Hilfe, um zu sehen, ob wir eventuell unsichtbare Tinte benutzt hätten.

Wir waren in vieler Hinsicht sehr eingeengt. Wir durften die Wohnung oder die Arbeit nicht ohne Erlaubnis wechseln. Auch war uns verboten, mit Fremden zu sprechen und ohne Erlaubnis in eine andere Stadt zu reisen. Wer gegen diese Regel verstieß, mußte mit dem Schlimmsten rechnen.

Korrespondenz mit Verwandten oder Freunden auf Taiwan konnte den Tod bedeuten. Einmal hatte irgendein Verwandter unsere Adresse erfahren und uns vom Ausland einen Brief geschickt. Wir erhielten den Brief nie. Aber Vater wurde von den Kommunisten verhaftet und eingesperrt. Sie bestanden darauf, er solle ein Geständnis ablegen. Vater wußte überhaupt nicht, was er gestehen sollte. Später sagten ihm die Kommunisten, daß er von einer bestimmten Person einen Brief erhalten habe. Vater konnte sich nicht einmal an den Namen erinnern. Er sagte dies und fügte hinzu, er habe nie versucht, irgend jemand im Ausland einen Brief zu schreiben.

Als Vater die Antworten, die die Kommunisten hören wollten, nicht geben konnte, hingen sie ihn an den Händen auf und schlugen ihn. Er wurde Tag und Nacht ununterbrochen verhört, mit glühenden Eisen gebrannt und mit dem Kopf in kaltes Wasser getaucht. Vater sagte ihnen, bei dem Briefschreiber handle es sich vielleicht um einen entfernten Verwandten, daß er weder früher einen solchen Brief erhalten noch an irgend jemand irgendwelche Geheimnisse weitergegeben hätte. Aber die Kommunisten gaben sich nicht damit zufrieden. Acht Monate lang hielten sie Vater in Gewahrsam und quälten ihn weiter.

Wir durften ihn nicht besuchen. Die Leute mieden uns aus Furcht, in die Sache hineingezogen zu werden. Mutter weinte ständig. Vater war ein wandelndes Skelett, als sie ihn schließlich freiließen. Er hatte ein langes Geständnis geschrieben, aber sein Haß gegenüber den Kommunisten war jetzt abgrundtief.

Das Schicksal der schwarzen Gruppe

Jeder, der aus Taiwan stammte, kam allmählich in die schwarze Gruppe. Wir wurden immer strenger kontrolliert und die Strafen verschärft. Ein gewisser Tscheng aus Jünlin in Zentraltaiwan wurde dabei erwischt, als er sagte, er glaube nicht, daß die Bevölkerung Taiwans Bananenschalen essen müsse. Die Kommunisten hatten der Bevölkerung gesagt, die Nahrungsmittel auf Taiwan seien so knapp, daß sich die Inselbewohner glücklich priesen, wenn sie Bananen¬schalen bekommen könnten. Tscheng glaubte das nicht. Er konnte eine derartige Lüge über Taiwan, wo er geboren war, nicht hinnehmen.

Die Kommunisten legten diesen Widerspruch als großes Verbrechen aus und schleiften Tscheng zur »Kritik und Bestrafung« aus dem Haus. Sie malten sein Gesicht schwarz an, setzten ihm eine Narrenkappe aus Zeitungspapier auf, gaben ihm eine alte Waschschüssel in die Hand und banden ihm ein Seil um die Hüfte. Er wurde durch die Stadt gezogen und mußte auf die Schüssel schlagen und rufen, er sei des Todes schuldig, da er ein Verräter und Untergrundagent sei. Danach sahen wir Tscheng nicht wieder. Niemand wagte zu fragen, wo er geblieben war und was man mit ihm gemacht hatte.

Lin war ein einfacher Geschäftsmann. Er besaß Textilwarengeschäft, das nicht weit von unserem Geschäft entfernt lag, als wir noch in der Stadt wohnten. Man erwischte ihn beim »Ausführen einer anti-revolutionären Tat«. Die Kommunisten behaup¬teten, er verkaufe Informationen nach Taiwan.

Lin war Durchschnittsgeschäftsmann. Er besaß überhaupt keine Möglichkeiten, Nachrichten über innere Angelegenheiten der Kommunisten zu bekommen, geschweige denn, sie weiterzugeben. Ich bezweifle sogar, ob er die Bedeutung der Anklage überhaupt begriff.

Lin wußte, daß er als gebürtiger Taiwanese sorgfältiger sein mußte. Aber er hatte unter dem Dach ein altes Radio verborgen. Als die Kommunisten beschlossen, eine weitere Haussuchung bei ihm durchzuführen, fanden sie das staubbedeckte Radio. Sie behaupteten jedoch, daß der Knopf und der Anzeiger nicht staubig gewesen seien. Die Kommunisten beschuldigten ihn, »die Stimme der amerikanischen Imperialisten« und Sendungen aus Taiwan gehört zu haben.

Lin beteuerte, das Radio sei schon lange nicht mehr benützt worden, wie man am Staub erkennen könne, aber sie ließen das nicht gelten. Die Kommunisten beschlossen, ihn einzusperren. Dann schlugen sie ihn, um zu sehen, wie lange er sich stur stellte. Sie gaben ihm nichts zu essen und er kam in Einzelhaft. Lin hielt ein halbes Jahr durch, ohne etwas zuzugeben, was er nicht getan hatte. Als die Kommunisten sahen, daß sie Lin das gewünschte Geständnis nicht abfordern konnten, entließen sie ihn. Er mußte jedoch jeden vieren Tag beim Amt für öffentliche Sicherheit vorsprechen und alles berichten, was er in der Zwischenzeit gesagt oder getan hatte.

Das Leben wurde ihm so unerträglich, daß er sich eines Nachts das Leben nahm. Aber damit war das Unglück noch nicht zu Ende. Da mein Vater Lin gekannt hatte, belästigten ihn die Kommunisten nun jeden Tag mit Fragen. Sie behaupteten, Lin müsse vor seinem Tod etwas gesagt haben, irgendetwas, wie er seine Nachrichten an den Mann gebracht hatte.

Das war zu viel für Vater. Seine Gesundheit war ohnehin schon angegriffen, und diese zusätzliche Quälerei machte ihn vollends krank. Er litt auch noch an den inneren Verletzungen, die ihm von seinem Gefängnisaufenthalt geblieben waren, als man ihn wegen des Briefes eingesperrt hatte, dessen Absender ihm nicht einmal bekannt war. Er wurde bettlägerig und starb bald darauf.

Ich selbst habe mehrmals erwogen, Selbstmord zu begehen. All diese Tragödien so kurz nacheinander, wurden mir zuviel. Aber dann fragte ich mich, was aus Mutter würde, wenn auch ich nicht mehr da wäre. Ich tröstete mich nur mit dem Gedanken, daß auf die Dunkelheit die Dämmerung folgen mußte.

Junge Menschen werden ausgeschaltet

Um die Tätigkeit der Roten Garden zu verschleiern und den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Jugendlichen und den Soldaten ein Ende zusetzen, regten die Kommunisten großangelegte »Versetzungen nach unten« an. Das löste sowohl das Problem der Jugendarbeitslosigkeit als auch das Bestreben der Jugendlichen nach weiterer Ausbildung. Die Kommunisten konnten die Jugendlichen mit Schulbildung von den armen Bauern der niedrigsten Klasse »umerziehen« lassen und gleichzeitig diejenigen ausbeuten, die in den Städten nicht mehr nützlich waren.

Ich befand mich in einer Gruppe von über zweihundert Jugendlichen, die von den Kommunisten in die Berge von Tschiauling geschickt wurden, wo die Provinzen Kiangsi, Fukien und Kwangtung zusammentreffen.

In den drei Jahren, die ich dort verbrachte, bekam ich nie eine ordentliche Mahlzeit. Es gab nie genug Öl, und es war ein Wunder, wenn man einmal etwas braten konnte. Man wischte die Pfanne mit ein klein wenig Fett aus, bevor man das geschnittene Gemüse hineingab.

Unsere Arbeit begann normalerweise von Sonnen¬aufgang und dauerte bis Sonnenuntergang. Wir nannten das die Dunkelheit mit den zwei Köpfen, »liang-t’ou-heh«. Das Leben in der Kommune war nicht nur stumpfsinnig, es war eine Qual.

Wir wohnten in einer Scheune über dem Vieh und dem Ackergerät. Lange vor Sonnenaufgang wurden wir durch einen Gong geweckt, stolperten vom Heuboden zum Fluß hinunter, um uns zu waschen, aßen, was immer es gerade zum Frühstück gab und gingen dann zur Arbeit. Manchmal mußten wir eine Stunde gehen, bevor wir unseren Arbeitsplatz erreichten. Mittag- und Abendessen gab es im Freien.

In der Tschiauling-Kommune gab es keine Elektrizität, dafür aber um so mehr Moskitos. Nachts mußten wir unsere Öllampen unter das Moskitonetz nehmen, wenn wir lesen wollten. Wir waren jung. Man hatte uns aus dem Familien- und Schulleben gerissen. Das Verlangen nach Büchern und Wissen wurde immer stärker, je mehr man uns dies verweigerte. Einmal fing ein Moskitonetz Feuer, unter dem mehrere von uns saßen. Danach durften wir nachts nicht mehr lesen, ja, man verbot uns sogar, nachts miteinander zu plaudern. Wir kamen uns halb blind und halb taub vor.

Bergtragödien

Die Eintönigkeit des Berglebens machte uns alle ein wenig seltsam. Ein Milizführer Anfang vierzig vernarrte sich in ein attraktives neunzehnjähriges Mädchen aus gutbürgerlichem Hause. Sie versuchte, ihn zu ignorieren, aber er ließ sich nicht abweisen. Schon vor der Dämmerung erschien er entweder mit Lohn oder Strafe. Allmählich ging sie ihm in die Falle und bald darauf wurde sie schwanger. Jetzt war es umgekehrt, denn sie mußte ihm nachlaufen. Der einzige Ausweg bot sich in einer Heirat, aber da sagte er, er habe in der Stadt eine Frau. Daraufhin schrieb sie nach Hause und bat um Hilfe. Ihre Eltern gingen vor Gericht. Das Urteil war nicht nur unerwartet, sondern auch völlig absurd. Das Gericht sagte, das Mädchen habe versucht, sich eine Versetzung nach oben zu erködern. Der Milizführer war über allen Verdacht erhaben, und sie war die Schuldige. Sie wußte keinen anderen Ausweg mehr, als sich von einem Felsen in die Tiefe zu stürzen und sich das Leben zu nehmen.

In der Tschangtschou-Kommune in derselben Gegend starb ein junges unverheiratetes Mädchen bei der Geburt ihres Kindes, während ihr Freund hilflos zusehen mußte. Die beiden wußten, daß sie ein Kind erwarteten, aber sie wußten auch, daß sie nicht heiraten durften. Die zukünftige Mutter hatte sich eng geschnürt, um ihren Zustand zu verbergen. Als die Stunde der Geburt kam, war es mitten in der Nacht, und nur der Freund war zur Stelle. Aber er wußte nicht, was zu tun war.

Meine Flucht in die Freiheit

In der Tschiauling-Kommune maßte ich zunächst wie die anderen auf den Feldern arbeiten. Es war nicht einfach, den ganzen Tag in der heißen Sonne im Reisfeld zu knien, die Hände tief im Schlamm vergraben, und das hartnäckige Unkraut herauszuziehen. Abends konnte ich mich kaum noch erheben. Ich hatte Schmerzen, als habe man mich auf die Folterbank gespannt. Zweimal verlor ich auf den Feldern das Bewußtsein, aber man sagte mir, ich versuchte nur, mich vor der Arbeit zu drücken. Ich maßte bitten und flehen, bis ich sie überzeugt hatte, daß ich für die Feldarbeit nicht kräftig genug war.

Schließlich wurde ich zur Wasch- und Küchenarbeit eingeteilt, aber ich war auch zu schwach, um die Kleider sauber zu bekommen und der Reis wurde oft klebrig oder brannte an. Das Gemüse schmeckte nicht, weil wir kein Öl hatten. Ich wurde ständig vor den „arbeitenden Massen« beschuldigt, irgendetwas verpfuscht zu haben.
Nachts konnte ich oft nicht einschlafen. Manchmal wenn ich von meinem Bett aus dem Mond sah, dachte ich daran, daß derselbe Mond auch über Taiwan schien, und ich fragte mich, weshalb ich dieses Joch nicht abwerfen und weglaufen konnte. Die Welt draußen konnte doch nicht so schlecht sein.

Zwei meiner Klassenkameradinnen vom Gymnasium waren ebenfalls in Tschiauling. Irgendwie hatten sie ein kleines Radio organisiert. Wir drei schlichen uns oft in dem Kuhstall, wenn die anderen schon schliefen und hörten die Stimme des freien China, die von Taiwan ausgestrahlt wurde, aus einer Entfernung von knapp fünfhundert Kilometern östlich von uns. Je öfter wir die Sendung hörten, desto entschlossener wurden wir, zu fliehen.
Im Oktober 1972 hörten wir im Radio, wie der Doppel-Zehn-Nationalfeiertag der Republik China (der 10.10.) auf Taiwan gefeiert wurde und was die Insel in wirtschaftlicher, kultureller und erziehungswissenschaftlicher Hinsicht erreicht hatte.

Die Kommunisten hatten uns viel Schlechtes über Taiwan erzählt, aber wir glaubten ihnen schon lange nicht mehr. Wir hatten das Elend auf dem chinesischen Festland am eigenen Leib erfahren und wir wußten, daß es draußen nur besser sein konnte. Die Rundfunksendungen bestätigten uns darin, und da wußten wir, daß wir nicht mehr länger warten konnten.
Ein paar Tage später, Mitte Oktober, verließen meine Freundinnen und ich die Kommune, in der wir drei Jahre gelebt hatten. Wir besaßen einen Kompaß und eine Taschenlampe. Tagsüber versteckten wir uns und nachts gingen wir. Die Entfernung von Tschiauling nach Hongkong beträgt etwa dreihundertsechzig Kilometer Luftlinie. Zu Fuß ist es natürlich mehr. In den Wochen, in denen wir zur Grenze unterwegs waren, lebten wir in ständiger Furcht, entdeckt und wieder zurückgeschickt zu werden.

Nie werden wir die Nacht vergessen, in der wir über die Grenze krochen und nach Kaulun (Kowloon) kamen. Plötzlich sahen wir Millionen von Lichtern unterhalb der Hügel und auf der anderen Seite des Wassers. Hongkong! Mir rollten die Tränen über die Wangen und es wurde mir ganz schwach. Meine Beine waren ganz gefühllos. Meine Freundinnen stützten und schüttelten mich. »Tscheng Jen-yuan, reiß dich zusammen. Wir sind frei! Wir brauchen uns nicht mehr zu fürchten!«


Ergänzende Literatur zum Thema Kommunismus auf dieser Seite:

1. Karl Marx und Satan – Richard Wurmbrand
2. Der Weltkommunismus – Dr. Kurt E. Koch
3. Der Bolschewismus und die Gemeinde Jesu – Hans Lohmann
4. Chinas roter Himmel – Lelie T. Lyall
5. Im Osten – Corneli Martens 

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