Bibeltreu u. geistbewegt

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Markus Sigloch

 

Bibeltreu und geistbewegt – Wie nüchtern muss der Glaube sein?

 

In der Reformationszeit trat ein Phänomen auf, das schon zur Zeit des Apostel Paulus in Korinth aufgetreten war, das sog. Schwärmertum. Philipp Melanchthon, die rechte Hand Martin Luthers, stand damals ziemlich hilflos diesem Phänomen gegenüber. Als die Schwärmer nach Wittenberg einströmten, um dort ihren reformerischen Einfluss geltend zu machen, schrieb der verzweifelte Melanchthon seinem geistigen Vater Luther auf die Wartburg, ob diese Schwärmer denn rechtgläubige Leute seien. Luther schrieb zurück: „Frag sie, ob sie Anfechtungen haben“. Damit war seinem Schüler Melanchthon das Kriterium gegeben.

Anfechtungen umgeben den christlichen Glauben wie das Wasser den Fisch. Ohne Anfechtungen ist der Glaube nicht echt. An die Stelle eines angefochtenen Glaubens will allzu leicht geistlicher Hochmut treten, wie es bei den Schwärmern der Fall war. Menschen, die keine Anfechtungen kennen, sind vom Teufel umgarnt. Angefochtene Menschen dagegen, wie Hiob oder Apostel Paulus, sind frei von Schwärmerei und damit Zielscheibe des Bösen. Der Böse bringt Not über sie; er schlägt sie mit Fäusten (vgl. Hiob 1 und 2.Kor.12,7). Darum ist man intuitiv geneigt, ein Christentum ohne Anfechtungen einem angefochtenen Christentum vorzuziehen.

Es muss jedem Menschen klar sein, der mit Ernst Christ sein will, dass die Anfechtung zum christlichen Glauben dazu gehört. Anfechtungen sorgen dafür, dass der Glaube nüchtern bleibt. Dazu gibt es drei biblische Hinweise.

Erster Hinweis: Jesus selbst war in seiner Erdenzeit ein angefochtener Mensch. Bei aller Glaubensgewissheit, die Jesus ausstrahlte, blieben auch bei ihm Anfechtungen nicht aus. Dreimal schärfte er seinen Jüngern ein, dass der Menschensohn viel leiden müsse, um ins Himmelreich eingehen zu können. Jesus erlitt im Garten Gethsemane die schwersten Anfechtungen, die man sich denken kann. Doch Anfechtungen auf der einen Seite und Glaubensgewissheit auf der anderen Seite – wie ist das zu erklären?

Die Dogmatiker der Alten Kirche sprachen hier von den zwei Naturen Christi, von der menschlichen und der göttlichen Natur. Beide Naturen können sich einander mitteilen. Das geschieht durch das Wort. Ihrem Wesen nach können sich beide Naturen aber nicht vermischen. Das Wort ist sozusagen die einzige Brücke, die den Graben zwischen menschlicher und göttlicher Natur zu überwinden vermag.

Was nun die Glaubensgewissheit Jesu und seine Anfechtungen betrifft, kann daran die Bedeutung der Zweinaturenlehre verdeutlicht werden. Der Gottessohn wusste von der Auferstehung und war ihrer auch gewiss. Seine menschliche Natur aber blieb höchst verletzlich und angefochten. Anders ist es nicht zu erklären, weshalb Jesus in Gethsemane so furchtbare Anfechtungen hatte, obwohl er doch Gott war und wusste, dass er schon bald nach seinem Kreuzestod auferstehen würde. Allein das Wort, das Beten, vermochte diese Anfechtungen zu überwinden, wie er auch seinen Jüngern riet: „Betet, dass ihr nicht in Anfechtungen fallt!“ (Lk.22,40). Hier sieht man, dass allein das Wort Gottes die Macht hat, die Anfechtungen zu überwinden.

Zweiter Hinweis: Auch ein Christenmensch, dem sich der Heilige Geist mitgeteilt hat, erfährt Anfechtungen. Gläubige Christen wissen z.B. von der Auferstehung ihres Leibes. Und doch leiden sie sehr, wenn Schmerzen und Krankheit an sie herantreten. Obwohl ihr Glaube doch weiß, dass Christus all ihre Not und Krankheit überwunden hat (vgl. Jes.53,4), obwohl ihr Glaube weiß, dass selbst der Tod sie von Christus nicht trennen kann (Röm.8,38-39), leiden gläubige Christen ihrer menschlichen Natur nach wie die Ungläubigen, wenn nicht sogar mehr. Denn in der Nachfolge Jesu leben Christen auch weiterhin in der Existenz des vergänglichen Leibes, der bis zu seiner Erlösung seufzen muss (Röm.8,22). Zugleich leben sie aber auch in der Existenz der Kinder Gottes, oder wie es Paulus schrieb: „So sind wir eine neue Kreatur“ (2.Kor.5,17).

Den Schwärmern muss man entgegenhalten, dass sie diese Spannung zwischen vergänglicher und unvergänglicher Natur zugunsten der unvergänglichen vorzeitig auflösen. Sie kennen keine Anfechtungen mehr, weil sie im Irrglauben leben, die alte Existenz endgültig überwunden zu haben. Sie verführen damit Menschen zum Hochmut. Der Hochmut jedoch gehört nach altkirchlicher Lehre zu den sieben Todsünden und ist alles andere als harmlos.

Dritter Hinweis: Die Bibel selbst ist – wenn man so will – göttlicher und menschlicher Art. Zum einen ist sie göttliches Wort von Anfang an, von der Schöpfung bis zur Offenbarung. Keine einzige Passage der Bibel ist davon ausgeschlossen. Zum andern aber ist die Bibel auch von Anfang an menschliches Wort, von der Schöpfungsgeschichte bis zur Johannesoffenbarung. Keine einzige Passage der Bibel wurde nicht von Menschen aufgeschrieben, selbst die 10 Gebote, die Gottes Hand auf die steinerne Tafel geschrieben hatte (vgl. 2.Mose 24,12), wurden nach ihrer Zerstörung von Mose wieder aufgeschrieben (vgl. 2.Mose 34). Damit muss man sich wohl oder übel der Mühe unterziehen, die göttliche und menschliche Dimension der Bibel miteinander ins Gespräch zu bringen. Ohne Gebet kann das nicht geschehen, weil sonst der Menschengeist sich allzu leicht über das göttliche Wort und seine Auslegung erhebt und damit zum Richtgeist wird. Menschengeist und Geist Gottes aber stehen nicht einmal gleichberechtigt gegenüber, sondern der Menschengeist hat sich Gottes Geist unterzuordnen. Hier macht sich die liberale Theologie schuldig, indem sie die Vernunft als Richterin zwischen Göttlichem und Menschlichem einsetzt und damit dem Menschlichen den Vorrang einräumt. Auf der anderen Seite gibt es eine Theologie, die sich überhaupt nicht mehr Rechenschaft darüber gibt, wie die Bibel entstanden ist und wer sie geschrieben hat, und sich so der Rechenschaft gegenüber der Vernunft entzieht.

Die Frage, wie nüchtern und wie geistbewegt der Glaube sein muss, kann damit beantwortet werden. Er muss so nüchtern sein, dass die Heilige Schrift weiterhin als Maßstab und Richtschnur des Glaubens gilt. Darin hat auch die Vernunft ihre gottgewollte Aufgabe, solange sie sich dem Geiste Gottes unterordnet. Selbst die Bibel versteht das Gebet als vernünftige Rede mit Gott (vgl. 1.Petr.4,7) und räumt damit der Vernunft eine Aufgabe ein.

Andererseits aber darf das Wirken des Geistes weder durch menschlichen Richtgeist, noch durch die überhebliche Vernunft gedämpft werden (vgl. 1.Thess.5,19). Eine allzu nüchterne, der menschlichen Vernunft unterworfene Glaubenshaltung, ist nicht biblisch. Die Apostel ließen sich vom Geist bewegen, auch als andere darüber spotteten (vgl. Apg.2,13). Das rechte Maß zu finden, ist deshalb Aufgabe jedes einzelnen Christen. Einen Hinweis gibt Apostel Paulus: „Lasst es alles geschehen zur Erbauung“ (1.Kor.14,26). Gemeint ist die Erbauung der Gemeinde. Und die Gemeinde ist der Leib Christi (1.Kor.12,27)

 Pfarrer Markus Sigloch, 71563 Affalterbach

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