50 Jahre Bibelschule Wiedenest

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Die Geschichte der „Bibelschule Wiedenest“

50 Jahre Missionshaus Bibelschule Wiedenest (1905 – 1955)  von Erich Sauer

 

1. Die Gründung der Bibelschule in Berlin (1905)

„Siehe, ich sage euch: Hebet eure Augen auf und sehet in das Feld; denn es ist schon weiß zur Ernte“ (Joh. 4,35).

„Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige“ (Luk. 10,2).

Mit diesen Worten des Neuen Testaments ging vor nunmehr 50 Jahren eine Schrift hinaus, die von der Gründung einer Bibelschule in Berlin berichtete (April 1905).

Rückschauend auf die Anfangszeiten unseres Bibelschulwerkes, erscheint es uns fast, als sei damals eine andere Welt gewesen. Die Völker Europas lebten, trotz einiger Kriegsfeuer in der Ferne, in jahrelangem Friedenszustand miteinander. Frei reiste man von Land zu Land, ein Zustand, wie ihn die heutige Generation sich kaum vorstellen kann.

Vor allem aber war es eine Zeit besonderen Geisteswehens. Gerade in den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende waren große Glaubensmänner der Gemeinde Gottes geschenkt worden. Die Freudenbotschaft von dem gegenwärtigen, völligen Heil in Christo, von einem siegreichen Leben, von der Heiligung durch den Glauben war mit gottgegebener Geisteskraft dem Volk Gottes neu vor die Augen gestellt worden. Völlige Hingabe an den Herrn, Befreiung nicht nur von der Schuld, sondern auch von der Macht der Sünde: das waren Wahrheiten, die Tausenden wie helle Lichtstrahlen ins Herz fielen. „Jesus errettet mich jetzt!“ Das war der Mittelpunkt der Botschaft. Entschiedenere Hingabe, höhere Ziele, tägliche Heiligung, freudigere Energien und lebendigere Frische, und das alles in Christo, dem Heiland von heute und jetzt!

Auch die Wahrheit von der neutestamentlichen Gemeinde war an vielen Orten neu auf den Leuchter gestellt worden, und in froher Erwartung richteten viele Kinder Gottes ihre Blicke auf die Wiederkunft des Herrn und die Vollendung Seines Reiches.

Von dieser Bewegung des Geistes wurden auch weite Gebiete des Ostens ergriffen. Sowohl in Süd-Rußland unter der Landbevölkerung wie auch in Nord-Rußland kam es zu einem Siegeszug des Evangeliums. An vielen Orten entstanden kleinere und größere Gemeinden neubekehrter, lebendiger Christen.

Großer Eifer beseelte diese jungen Gemeinden. Seelen für Christus zu gewinnen, war ihr glühendstes Anliegen.

Bald aber setzten von seiten der zaristischen Regierung Verfolgungen ein. Doch unerschüttert blieb ihr Glaube und ihr Zeugenmut. Aber ein Bedürfnis war noch nicht recht erfüllt. Es fehlte den Gemeinden an Brüdern, die tiefer in die Schrift eingeführt waren. Sie waren alle noch jung im Glauben, noch dazu von Feinden umstellt. Bibelkurse waren nicht durchführbar. Biblische Literatur war nicht gestattet. Brüderkonferenzen und erst recht Bibelschulen waren verboten. Wie sollte da den jungen, eifrigen Gemeinden weitergeholfen werden?

Dies lag besonders einem der zahlreichen Gottesmänner, die der Herr damals Seiner Gemeinde gegeben hatte, Dr. Friedrich Wilhelm Baedecker, brennend auf der Seele. Jahre hindurch hatte er weite Missionsreisen durch die Gebiete des Ostens gemacht. Er brachte dies Anliegen, das ihn besonders bewegte, in die deutsche Heimat zurück.

Dies führte schließlich zur Gründung unserer Bibelschule in Berlin. Da es nicht möglich war, planmäßige Einführungskurse in die Heilige Schrift im zaristischen Rußland selbst zu veranstalten, erwogen einige Brüder, denen diese geistliche Not besonders am Herzen lag, begabte und geistlich gesinnte Brüder nach Berlin einzuladen und ihnen dort eine Gelegenheit zu geben, zwei oder drei Jahre hindurch sich planmäßigem Bibelstudium zu widmen. Als dann gerade mitten in diese Beratungen hinein drei Brüder aus dem Osten nach Berlin-Steglitz kamen und um Rat und Hilfe baten und als bald danach noch drei weitere hinzukamen und noch mehr Anfragen und Bitten einliefen, hielten die Brüder den Zeitpunkt für gekommen, im Aufblick zum Herrn eine Bibel- und Missionsschule zu eröffnen.

Zu den Gründern der Bibelschule gehörten, außer dem soeben genannten Dr. Friedrich Wilhelm Baedecker (übrigens ein Vetter des Herausgebers der bekannten Baedecker-Reisebücher), General von Viebahn, der in weiten, christlichen Kreisen Deutschlands hochgeschätzte Evangelist, ebenfalls Missionsinspektor Mascher, Inspektor Simoleit von Neu-Ruppin (bei Berlin), ferner die beiden, mit der Allianz-Konferenz von Bad Blankenburg (Thür.) eng verbundenen Brüder Frhr. v. Thümmler und v. Thiele-Winkler, der Bruder von Mutter Eva, der Gründerin und Leiterin des bekannten „Friedenshorts“.

Eng verbunden mit der Arbeit war von vornherein Bernhard Kühn, der Herausgeber des Evangelischen Allianzblattes und Dichter zahlreicher, vielgesungener Glaubenslieder, z. B. „Nahe bei Jesu, o Leben so schön“, „Durch alle Länder schreitet siegreich der Geist des Herrn“.

Die Sitzung der Brüder, in der die Gründung beschlossen wurde, fand am 11. April 1905 in Berlin statt, und zwar in der Wohnung von Frl. Toni von Blücher, einer Großnichte des aus den Freiheitskriegen bekannten Feldmarschalls von Blücher.

Fast alle diese Brüder sind nun schon beim Herrn. Nur einer weilt noch unter uns. Es ist der hochbetagte und in seinem langen Leben reich gesegnete Missionsinspektor Simoleit, der noch heute in Neu-Ruppin bei Berlin wohnt. Zu ihm gehen unsere Gedanken in Liebe und Dankbarkeit in diesen Tagen in besonderer Weise.

Bernhard Kühn lenkte die Aufmerksamkeit der Brüder auf einen gläubigen Pfarrer Christoph Koehler in Schildesche bei Bielefeld und seinen jungen Mitarbeiter Johannes Warns. Diese hatten gerade damals, zwei Monate vorher (am 5. Februar), ohne von der Planung der Bibelschule zu wissen, ihren Dienst innerhalb der Landeskirche niedergelegt, um nach bestem Wissen und Gewissen, in völliger Unterordnung allein unter die Schrift, den Weg neutestamentlichen Gemeindelebens praktisch zu verwirklichen, in gleichzeitiger Betätigung herzlicher Bruderschaft mit allen Kindern Gottes in Kirche und Freikirche. So wurden sie beide zu Lehrern der Bibelschule berufen.

Für beide Brüder kam dieser Ruf als unmittelbare Antwort auf ihre Gebete um klare Führung auf dem neu beschrittenen Wege. Christoph Koehler hatte diesen Schritt zugleich in völliger Übereinstimmung mit seiner Frau getan. Gerade auch im Hinblick auf die Versorgung seiner Familie mit fünf Kindern war diese Entscheidung ein wirklicher Glaubensschritt gewesen.

Am 5. September 1905 eröffneten die Brüder Koehler und Warns den ersten Bibelschulkursus in Steglitz mit 18 Schülern. Die Eröffnungsfeier selbst fand im Saal der von Toni von Blücher gegründeten Christlichen Gemeinschaft, Hohenstaufenstraße 65, im Beisein von General von Viebahn und Bernhard Kühn, statt. Bald darauf wurde die Bibelschule in das Haus Hohenstaufenstraße 65 selbst verlegt.

Toni von Blücher

Toni von Blücher war, wie so viele andere, eine Frucht der Erweckungsbewegung der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. In jenen Tagen waren führende Männer des geistlichen Lebens in Berlin zu dem Entschluß gekommen, den damals weit bekannten, englischen Evangelisten Pearsall Smith zu besonderen Evangelisationsversammlungen nach Berlin einzuladen. Da sich unter anderem namentlich der Oberhofprediger Dr. W. Baur für sein Kommen einsetzte, gab Kaiser Wilhelm I. die Erlaubnis, die alte Garnisonkirche für diese Glaubensversammlungen zu benutzen. Dr. Baedecker übersetzte.

Diese neue Art der Verkündigung nach Inhalt und Form zog viele an. Dr. Baedecker setzte nach der Abreise von Pearsall Smith die Versammlungen noch allein fort. Zu einer solchen, von ihm gehaltenen Versammlung kam dann auch Toni von Blücher. Sie war, obwohl von ihren Großeltern in christlichem Sinne erzogen, doch noch nicht zu einem vollen Heilserlebnis hindurchgedrungen. Ja, oft war sie im Ringen um volle Klarheit von furchtbaren Zweifeln gequält. Nun sprach Dr. Baedecker am 14. April in der Garnisonkirche über das Thema „Was der Heilige Geist tut, um das Opfer Christi klar und kräftig zu machen“.

Das war für sie eine Botschaft der Gnade und Wahrheit, die der Geist Gottes ihr tief in die Seele einprägen konnte. Nach der Heimkehr rang sie auf ihren Knien. Als neue Kreatur in Christo stand sie auf und begann nun ein Leben freudigen Dienstes für ihren Erlöser. Sie veranstaltete Tee-Versammlungen für Fernstehende. Sie verteilte Traktate. Sie sammelte Kinder zu einer Sonntagsschule. Meist ganz arme Kinder. Am ersten Sonntag waren es nur fünf, dann neun, bald dreißig, ja, nach einigen Jahren und nach Überwindung mancher Rückschläge, war die Anzahl der Kinder auf 400 angewachsen. Sie richtete Mütter-Versammlungen ein. Frauen bekehrten sich. Elternabende wurden veranstaltet und jeweilig ein Evangelist dazu eingeladen. Männer bekehrten sich. So wuchs eine Arbeit heran, aus der in den folgenden Jahren eine Gemeinde entstand, die im Jahre 1894 in der jetzigen Berliner Hohenstaufenstraße 65 ihren Gemeindesaal erhielt. In den Räumen dieser Gemeinde fand dann 1905 die Eröffnungsfeier der Bibelschule statt.
Frl. von Blücher war sehr dankbar, daß dann bald die Brüder Koehler und Warns in besonderer Weise den Dienst in der Gemeinde übernahmen, und viele Jahre hindurch ist es ein harmonisches Zusammenleben und ein gegenseitiges Befruchten zwischen Gemeinde Hohenstaufenstraße und Bibelschule gewesen. Auch heute noch, nach der Verlegung des Werkes nach Wiedenest, verbindet uns besondere Freundschaft und Liebe mit dieser unserer ersten Heimatgemeinde.

Sehr lebendige Anteilnahme an der Entstehung und Ausgestaltung der jungen Arbeit betätigte General von Viebahn.

General von Viebahn

Georg v. Viebahn war nicht nur einer der Hauptbegründer des Bibelschulwerkes, sondern, wie das neben mir liegende, handschriftliche Protokoll jener Tage zeigt, auch einer der regelmäßigsten Mitarbeiter an den Beratungen und Bibelschulsitzungen der nun folgenden Jahre.

Georg v. Viebahn wirkte an der Entscheidung mit, daß die Bibelschule, die zunächst ihre Arbeit in Steglitz begonnen hatte, auf ein Angebot von Toni v. Blücher hin, in die Räume der Hohenstaufenstraße übersiedelte, und daß dann die Brüder Koehler und Warns in der dortigen, von Toni v. Blücher gegründeten Gemeinde durch Wortverkündigung und Seelsorge besonders mitarbeiten sollten. Er wirkte an der Entscheidung mit, daß „die Bibelschule nicht nur Evangelisten und Diener am Wort ausbilden soll, sondern auch solchen Brüdern Handreichung tun, die in ihren Beruf zurückkehren wollen, um so dem Herrn zu dienen.“

In einer Sitzung machte v. Viebahn den Vorschlag, daß regelmäßige Mitteilungen über die Bibelschularbeit im Evangelischen Allianzblatt erscheinen sollten, ein Vorschlag, der von dem Schriftleiter des Blattes, Bernhard Kühn, von Br. v. Thiele-Winkler und allen anderen anwesenden Brüdern angenommen wurde. Er wirkte an Fragen der Lehrerberufungen mit sowie an den Entscheidungen über die Aufnahmen neuer Brüder wie auch über die Gestaltung des Unterrichts und Stundenplans.

Freundschaftliche Bande blieben zwischen ihm und der Familie des ersten Bibelschulleiters Christoph Koehler bis an sein Lebensende bestehen. Und wie er im Saal der Gemeinde Hohenstaufenstraße bei der Eröffnungsfeier des Bibelschulwerkes mit anwesend gewesen Zwar und am Wort mitgedient hatte, so hat er im gleichen Saal – viele Jahre hindurch — regelmäßig im Frühling Bibelwochen gehalten, die sog. „Maiversammlungen“, die von vielen Kindern Gottes der verschiedenen gläubigen Kreise unter dem offensichtlichen Segen des Herrn besucht wurden. Jedesmal war er dann zugleich während dieser Woche Gast im Bibelschulhaus.

 

14 Jahre Bibelschularbeit in Berlin

Eine wirkliche Bibelschulfamilie war es, die nun in den Räumen der Hohenstaufenstraße zusammenlebte. Christoph Koehler und seine Frau nahmen die Brüder, die meist aus dem Osten kamen, geradezu ganz in ihren Familienkreis auf. Gleich vom ersten Tag an sagten die jungen Brüder „Vater“ und „Mutter“ zu ihnen, und sie haben wirklich Vaterliebe und Mutterfürsorge bei ihnen genießen dürfen. Mit manchem Humor wurden die anfänglichen Sprachschwierigkeiten im Familienkreis überwunden.

„Mutter“ Koehler war ihrem Mann eine treue, verständnisvolle Gehilfin. Sehr viel Gelegenheit gab es zur Ausübung der Gastfreundschaft. Es war ein dauerndes Kommen und Gehen von Gästen aus vieler Herren Länder. Schon die zentrale Lage der Reichshauptstadt begünstigte dies in weitgehendem Maße.

Da galt es, immer wieder auf den Herrn zu vertrauen, daß ER, bei der großen Familie, den zahlreichen Brüdern und den vielen Besuchern, täglich neu alle Mittel zur Bestreitung des großen Haushalts darreichen würde. Waren doch keinerlei Einnahmen gesichert! War doch die ganze Arbeit ein freistehendes Missionswerk! Galt es doch, immer wieder im Glauben nach oben zu schauen und alles von Dem zu erwarten, der gesagt hat: „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen“ (Hebr. 13,5).

Dies ist dann auch die Erfahrung im Verlauf aller folgenden Jahre und Jahrzehnte geblieben bis auf den heutigen Tag. Rückblickend auf die langen 50 Jahre mit ihren zwei Weltkriegen, zweimal schweren Nachkriegszeiten und oft schwierigen Ernährungsverhältnissen, können wir nur die Gnade Gottes preisen, der, als der Vater im Himmel, das tägliche Wunder gewirkt hat, stets von neuem den Tisch zu decken. Oft, ja meistens waren es 50, in der Wiedenester Zeit nicht selten 60 und mehr Personen. Dabei konnten von den Schülern die meisten nur wenig und viele überhaupt gar nichts zu ihren Unterhaltskosten beitragen. So haben wir auch in dieser äußeren Hinsicht wirklich allen Grund, mit Freuden zu bekennen: „Eben-Ezer! Bis hierher hat der Herr geholfen.“

In den darauf folgenden Jahren bis 1914 nahm die Zahl der Schüler ständig zu. An den meisten Missionslehrgängen nahmen bis zu 30 und mehr Schüler teil.

Naturgemäß wurde die Bibelschularbeit durch den Ausbruch und die lange Dauer des ersten Weltkrieges stark gehemmt. Dennoch konnte der Unterricht, wenn auch nur in kleinem Rahmen, auch in diesen Jahren fortgesetzt werden. Sogar eine Anzahl ausländischer Brüder, die sich bei Kriegsbeginn in der Bibelschule befanden, erhielten die Genehmigung, auch weiterhin dort zu bleiben. Nur mußten sie sich regelmäßig polizeilich melden. Die Zahl war natürlich nur gering.

Als die Lebensmittelknappheit immer mehr anstieg, ging Br. Koehler mit den jungen Brüdern aufs Land, wo sie sich durch gemeinsame Garten- und Feldarbeit den Lebensunterhalt erleichtern wollten. Familie Koehler besaß in Thüringen ein kleines Landhaus in der Nähe des Kyffhäusers. Dort lebten sie nun alle gemeinsam längere Zeit hindurch in großer Einfachheit. Auch Br. Koehler setzte sich, trotz seines fortgeschrittenen Alters, tatkräftig für die Durchführung der äußeren Arbeiten mit ein. Körperlich aber hat es, wie es scheint, ihm doch zuviel Kräfte gekostet. Körperliche Arbeit war er ja eigentlich nicht gewohnt gewesen. Dazu kam die schmale Kost. Auch lehnte er es stets ab, irgend etwas Zusätzliches für sich selbst in Anspruch zu nehmen, was seine Schüler nicht ebenfalls mit ihm teilten.

Dies alles hat seine Gesundheit stark beeinträchtigt. Darum, als die Bibelschule dann bald nach dem Kriege ins Rheinland verlegt wurde, besaß er nicht mehr die erforderliche Kraft zu regelmäßiger Mitarbeit. So blieb er in Berlin, setzte den Dienst in Wortverkündigung und Seelsorge in der Gemeinde Hohenstaufenstraße fort, und Br. Warns übernahm die Leitung des Werkes. Br. Koehler selbst wollte, wie er hoffte, von Zeit zu Zeit durch Abhaltung von Bibelkursen noch mithelfen.

Aber des Herrn Weg mit ihm war ein anderer. Als er im Herbst 1922 zu einem solchen Kursusdienst nach Wiedenest kam, erkrankte er schwer, und schon nach vier Wochen wurde er vom Herrn heimgeholt. Alle, die ihn gekannt haben, werden sein Andenken nie vergessen. Am 1. November wurde seine irdische Hülle auf dem stillen Wiedenester Friedhof unter der Teilnahme vieler Freunde von fern und nah beigesetzt.

Christoph Koehler

Christoph Koehler war als Kind gläubiger Eltern schon vor seiner Geburt dem Dienst des Herrn geweiht worden. Am 14. Nov. 1860 erblickte er das Licht der Welt. Sein Vater stand im Dienst der Inneren Mission. Er war Waisenhausvater in Buchenschachen bei Saarbrücken. Dort verlebte Christoph Koehler, als Ältester einer großen Kinderschar, eine frohe und gesegnete Jugend. Schon früh kam er zum lebendigen Glauben und, nachdem er seine Schulzeit beendet hatte, kam für ihn nur ein Studium in Frage, nämlich das der Theologie.

Sein erstes Pfarramt führte ihn kurz nach seiner Eheschließung nach Herford als Gefängnispfarrer, wo er vielen den Weg zum Herrn weisen durfte. Von dort wurde er 1895 nach Schildesche bei Bielefeld an eine große Landgemeinde berufen. Seine erwecklichen Predigten, die unermüdliche Arbeit in Hausbesuchen, in Bibelstunden, in Jünglings-, Jungfrauen- und Blaukreuzvereinen bereiteten den Boden für eine gesegnete Erweckung, die im Herbst 1903 stattfand und bei der einige hundert Seelen zum Glauben kamen, Darunter ganze Familien!

Doch waren auch diese Jahre für ihn sehr bewegt durch viele innere Kämpfe. Schon damals stand es ihm fest, daß die Heilige Schrift die alleinige Richtschnur sei nicht nur für Glaubens- und Heiligungsleben, sondern in gleicher Weise auch für das Gemeindeleben der Gläubigen. So reifte in ihm zuletzt der Entschluß, auf jeden Dienst innerhalb der Kirche zu verzichten und, nach seiner Erkenntnis, seine Arbeit für den Herrn frei fortzusetzen. Seine Amtsniederlegung bedeutete zugleich Verzicht auf Gehalt und Pension. Doch er wollte den Weg kompromißloser Überzeugungstreue gehen, in zuversichtlichem Glauben, daß der Herr helfen werde. „Der Herr ist“, so schrieb er bald danach, „unter großen Kämpfen so sichtlich mit uns gewesen, daß es sträflicher Unglaube wäre, jetzt irgendwie zaghaft zu sein. Er ist allmächtig und reich, und es ist unser herrlichstes Vorrecht, Ihm bedingungslos zu vertrauen, Ihm zu dienen und Ihm zu folgen, wohin es auch geht.“

In diese Lage hinein kam der Ruf an die neugegründete Bibelschule. Es fiel Christoph Koehler umso leichter, ihn als Weg Gottes zu erkennen und anzunehmen, als auch er bereits als Pfarrer den Gedanken gehegt hatte, selbst eine Bibelschule ins Leben zu rufen.

Von 1905 bis 1919 hat er dann dem Bibelschul- und Missionswerk vorgestanden. In einen weiten Raum wurde er durch diese Arbeit gestellt. Oft diente er auf Konferenzen im deutschen Vaterland und in anderen Ländern. Weite Missionsreisen führten ihn nach Ost- und Südosteuropa, nach Finnland, Schweden, England, Holland und in die Schweiz.

Mit dem in jener Erweckung entstandenen Geschwisterkreis in Schildesche ist er zeitlebens verbunden geblieben.

Das, was alle, die Vater Koehler gekannt haben, am meisten beeindruckte, war seine große Bescheidenheit und Demut. Da war kein Amtsbewußtsein, kein Gefühl der Überlegenheit durch Wissen oder Erfahrung. In seiner Selbstlosigkeit, Besonnenheit und Kompromißlosigkeit wird er uns allen ein Vorbild bleiben. Vielen ist er ein treuer Berater und Seelsorger gewesen. Das haben seine Schüler immer wieder dankbar bezeugt. Unbedingte Wahrhaftigkeit und Lauterkeit war ein hervortretender Charakterzug seines Wesens. In dem allen war er sich dessen bewußt, daß alles, was Wert hat, nur Wirkung der Gnade sein kann. Gerade auch in seinen letzten Lebenstagen hat er immer wieder die unverdiente Gnade Gottes gerühmt. So dürfen wir, rückblickend auf dies Leben, dankbar das Wort des Apostels anwenden: „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten.“ (2. Tim. 4,7.)

Johannes Warns

Johannes Warns wurde am 21. Januar 1874 als Sohn eines Pfarrers in Ostfriesland geboren. Schon früh verlor er seine Mutter und, da sie aus dem Pfarrhaus von Wiedenest stammte, kam er als neunjähriger Knabe für einige Monate zu seinen Großeltern nach Wiedenest. Seitdem liebte er Wiedenest wie seine Heimat. Selbstverständlich war es für ihn und seine Angehörigen, daß er, nach Beendigung des Gymnasiums, Theologie studierte. Während seiner Studienzeit in Berlin kam dann der große Wendepunkt seines Lebens. Durch eine schlichte Waschfrau, wurde er in eine Versammlung der Heilsarmee eingeladen, und dort erlebte er an der Bußbank die Errettung seiner Seele. Wie oft hat er uns von dieser Stunde erzählt! Wie oft hat er bezeugt, daß gerade von dieser Stunde an für den jungen Studenten der Theologie auch die Stellung zur Bibel eine total andere geworden war! Als Kandidat der Theologie kam er zum erstenmal mit Familie Koehler in Verbindung. Diese Verbindung ist dann für sein Leben geblieben. Er heiratete später die älteste Tochter Christoph Koehlers, Annemarie, und ist sein Mitarbeitet und Weggenosse geblieben.

Zuerst half Johannes Warns in frischer, lebendiger Weise in vielen Versammlungen in Bauernstuben und Scheunen, wie sie gerade damals während der besonderen Erweckungszeit in Schildesche bei Bielefeld stattfanden. Mit Christoph Koehler zusammen sah er sich dann auch bald vor die Entscheidung gestellt, ob ihr fernerer Dienst im bisherigen Rahmen verbleiben sollte. Als dann Pfarrer Koehler sein Amt niederlegte, war auch der Entschluß seines jungen Mitarbeiters gefaßt, in gleicher, freier Weise dem Herrn zu dienen. Dabei aber behielt er stets einen offenen Blick für die ganze Gemeinde Jesu und wußte sich – ebenso wie Vater Koehler – in herzlichster Weise verbunden mit allen Kindern Gottes in Kirche, Freikirche und Brüderkreisen.

Bald darauf ließ sich Johannes Warns durch den China-Missionar Josef Bender auf das Bekenntnis seines Glaubens hin taufen. Als dann 1905 die Bibelschule gegründet wurde, folgte er seinem väterlichen Freund Christoph Koehler als Mitarbeiter. Schon als Student war in ihm das Missionsinteresse wach geworden. Durch die Bekanntschaft mit dem Mohammedanermissionar Pastor Faber knüpfte er persönliche Verbindung an mit dem bekehrten Türken Johannes Avetaranian, einem leiblichen Nachkommen Mohammeds. Doch ging sein Hauptinteresse von vornherein auf den Balkan. Schon 1901 – vier Jahre vor der Gründung der Bibelschule – unternahm er seine erste Missionsreise nach Südosteuropa.

Mit der Verlegung der Bibelschule von Berlin nach Wiedenest (1919) übernahm er die Leitung des Werkes. Hier in Wiedenest waren seine Vorfahren mütterlicherseits im vorigen Jahrhundert drei Generationen hindurch Pfarrer gewesen. Besonders war es um 1860 sein Großvater gewesen, ein klar bekehrter Mann und kraftvoller Gotteszeuge, durch dessen Verkündigung hier viele zum lebendigen Glauben gekommen waren, so daß von dem kleinen Wiedenest aus das Evangelium in die weitere Umgebung hell hinausstrahlte.

In den letzten 17 Jahren seines Lebens, in denen er in Wiedenest dem Werk vorstand, hat der Herr ihn gebraucht, die Bibelschularbeit neu aufzubauen und zu erweitern. Nicht nur Bibelschule ist „Wiedenest“ in all den Jahren gewesen, sondern auch Sammelpunkt für Kinder Gottes, die ein Herz für die Mission und für die Einheit der Gemeinde Gottes haben. Gerade auch das war ein so besonderes Herzensanliegen unseres Bruders.

Auf 27 Missionsreisen – von Anbeginn seiner Missionsarbeit gerechnet – war er bemüht, die Heilsbotschaft hinauszutragen, Missionsarbeiter zu beraten und zu ermutigen und das Band der Gemeinschaft unter den Kindern Gottes zu stärken.

Rückblickend auf dies fruchtbare Leben möchten auch wir alle Ehre der Gnade Gottes geben. So war es ja auch sein eigenes, oft ausgesprochenes, persönliches Bekenntnis: „Es ist alles nur Gnade“. Niedergelegt hat er dies sein Lebenszeugnis in dem Lied, das wir so oft gesungen haben, ohne zu seinen Lebzeiten zu wissen, wer der Verfasser war:

„Ich bin nicht wert all Deiner Treue, Du treuer Gott, mein höchstes Gut. Du offenbarst sie stets aufs neue und hältst mich fest in Deiner Hut. Ja, was ich habe, was ich bin, das weist auf Deine Treue hin. Du bist es wert, daß ich Dich preise, Du großer Gott, in Ewigkeit. Noch bin ich auf der Pilgerreise; doch ist die Heimat nicht mehr weit. Dort lobt und preist Dich immerdar der Deinen auserwählte Schar.“

 

3. Übersiedelung nach Wiedenest

Der erste Weltkrieg war beendet. Mit dem Herbst 1919 begann ein völlig neuer Abschnitt in der Geschichte unseres Werkes. Soviel Vorzüge, namentlich im Hinblick auf geistige und geistliche Anregungen, das Leben in einer Großstadt für eine Bibelschule auch bot, so zeigte es sich doch, daß die Versorgung einer so großen Schar mit so vielen jungen Männern in einem Stadthaushalt mit besonderen Schwierigkeiten verbunden war. Dazu kam, daß, infolge der Auswirkungen des Krieges, die äußere Lage der Lebenshaltung ja auch ganz allgemein recht schwierig war. So machten die Brüder diese Erwägungen zu einem ernsten Gebetsgegenstand. Sie wollten auch hier die Führung Gottes erleben.

Manche Vorschläge wurden gemacht. Häuser in mehreren Teilen Deutschlands wurden zum Kauf angeboten. Aber der Herr schenkte keine Gewißheit, und so kam es zunächst noch nicht zu einer Entscheidung.

Nun wohnten auch im Rheinland Freunde des Bibelschulwerkes, die eine Verlegung der Bibelschule in ihre Gegend von Herzen wünschten. Auch sie legten ihr Anliegen dem Herrn dar. Besonders war es unser Bruder und Freund Major August Frhr. von Wedekind, der von Berlin nach Derschlag im Oberbergischen gezogen war und nun von dort Ausschau hielt nach einem geeigneten Grundstück mit Haus. Die Brüder Koehler und Warns waren schon oft in dieser Gegend gewesen und hatten hier in Gemeinden und auf Konferenzen gedient.

Da lasen eines Tages Br. von Wedekind wie auch einer seiner Freunde, Br. Ernst Reuber aus Hunsheim bei Derschlag, eine Zeitungsanzeige, daß in dem nahe gelegenen Wiedenest ein Haus zum Kauf angeboten sei. Beide Brüder fühlten sich innerlich gedrungen, das Anwesen in Wiedenest zu besichtigen. Unterwegs begegnete ihnen ein Bekannter Ernst Reubers, der mit ihm in geschäftlichen Beziehungen stand und – völlig unerwarteter Weise – auf offener Straße seine Brieftasche zog, um eine Geldsumme zurückzuzahlen, die er ihm schuldete. Es handelte sich um einen Betrag von 5000 Mark. Br. Reuber war äußerst erstaunt, daß diese Rückzahlung gerade jetzt und noch dazu auf offener Straße vollzogen wurde. Als sie aber nach Wiedenest kamen, erkannten sie bald, daß hier Gottes Führung in besonderer Weise eingegriffen hatte.

Das Haus, um das es sich handelte, stellte sich als eine Gastwirtschaft heraus. Als sie dort eintraten, saß bereits ein Mann, der die Verhandlungen über den Kauf schon begonnen hatte. Die beiden Brüder ließen sich in der Veranda etwas zu essen bringen und benutzten die Stille, um noch einmal den Herrn um Seine Führung zu bitten. Sie sähen, daß dies Gebäude gerade das Rechte für die Bibelschule sein würde. Als der Besitzer dann zu ihnen hereinkam und die Verhandlungen begonnen hatten, war er sofort willig, ihnen den Kauf einzuräumen, wenn sie in der Lage sein würden, ihm eine sofortige, größere Anzahlung zu machen. Und was war der Betrag, den er nannte? Genau 5000 Mark! Dies geschah alles am 19. März 1919. Wie wunderbar, daß Ernst Reuber ihm nun genau diesen gleichen Betrag auszahlen konnte, so daß damit der Kauf grundsätzlich abgeschlossen war.

Br. von Wedekind sandte sofort ein Telegramm nach Berlin an Johannes Warns: „Offene Türen in Wiedenest benutzt. Erwarte dich sofort. Wedekind „Beim Schreiben dieser Zeilen liegt das Originalblatt dieses Telegramms hier neben mir auf dem Schreibtisch. Es ist uns ein überaus wertvolles Dokument wunderbarer Gottesführung.

Was gab das für eine Überraschung in Berlin! Wie sah man ganz deutlich den Weg Gottes! Wie wäre wohl alles verlaufen, wenn unsere beiden Brüder nur einen oder vielleicht auch nur einen halben Tag später zur Besichtigung dieses Hauses gekommen wären? Ob wohl das jetzige Bibelschulhaus dann damals wieder eine Gastwirtschaft geworden wäre? Wer kann es wissen? Unmöglich ist es nicht.

Und wie anders hätte ja auch von den Brüdern Koehler und Warns selbst die Entscheidung getroffen werden können? In alten Aufzeichnungen schreibt Johannes Warns: „Beinahe wäre der Lindenhof in Kelbra am Kyffhäuser in Thüringen gekauft worden. Die Verhandlungen mit dem Besitzer schienen zum Ziele zu führen, und Vater Koehler und ich fuhren zur persönlichen Besichtigung dorthin. Bei herrlichem Winterwetter und sonnenbeleuchtetem Schnee trafen wir in Kelbra ein. Wir hatten auch im allgemeinen einen guten Eindruck und hielten den Preis für angemessen. So gingen wir ins Städtchen zum Notar. Wir hatten schon die Hand auf der Türklinke, als mir plötzlich starke, innere Bedenken kamen, so daß ich meinen Schwiegervater fragte: „Hast du wirklich die innere Gewißheit und Freudigkeit, daß wir das Haus kaufen sollen?“ – „Nein“, antwortete Vater Koehler, „die habe ich auch nicht.“ – „So wollen wir noch einmal ernstlich überlegen und den Herrn um Klarheit bitten.“ In unserer Gebetsgemeinschaft dann zuhause wurden wir in der Überzeugung bestärkt, daß wir fast einen übereilten Schritt getan hätten.“

Wie kann uns dies alles zugleich eine wichtige und praktische Ermahnung sein, daß wir in allen Entscheidungen, in großen wie in kleinen, ganz in Verbindung mit dem Herrn sein, nichts ohne volle Glaubensgewißheit unternehmen und wirklich völlig, in Gebetsabhängigkeit, unter der Leitung des Heiligen Geistes stehen möchten!

Ja, während des ersten Weltkrieges war einmal sogar ein noch ganz anderer Gedanke wach geworden. Johannes Warns hatte auf einer seiner Missionsreisen in Ungarn einen Freund in dem kleinen Dörfchen Sofava besucht. In diesem Dorf aber lag, in einem herrlichen Park versteckt, das alte Schloß der Grafen Lazar. Die Besitzerin, eine Gräfin Irma von Lazar, war eine gläubige Christin. Br. Warns hatte herzliche Gemeinschaft mit ihr und den dortigen Gläubigen im Wort Gottes und im Brechen des Brotes, nachdem er die Gräfin vorher, ihrem Wunsch entsprechend, auf das Bekenntnis ihres Glaubens hin getauft hatte.

Diese Gräfin machte ihm nun während seines Besuches den Vorschlag, die Bibelschule doch nach Sofava zu verlegen. Da sie keine Kinder habe, war sie bereit, ihr ganzes Besitztum dem Werk des Herrn zu vermachen: zwei Schlösser, das Gut und eine Mühle, etwa 300 Morgen Land und Wald. Es war ihr völlig ernst mit diesem geradezu verlockenden Angebot. Aber die Brüder Köhler und Warns wollten erst das Ende des Krieges abwarten, um dann klarer den Weg Gottes sehen zu können. Und dann haben sie es eben so wunderbar erfahren, wie der Herr weiter so eindeutig geleitet hat, indem Er das Bibelschulwerk nach Wiedenest führte.

In den nächsten Tagen, bald nach dem Kauf, kam Johannes Warns nach Wiedenest. Da wurde gerade jetzt noch ein anderes, fast genau gegenüberliegendes Haus – ebenfalls eine Gastwirtschaft – zum Kauf angeboten. Infolge der opferfreudigen Mithilfe von Freunden des Werkes konnte auch dieses Haus erworben werden, und so ist in Wiedenest das Wunder geschehen, daß im Verlauf von nur ganz wenigen Wochen zwei Gastwirtschaften in eine Bibelschule und ein Missionshaus umgewandelt wurden.

Bei der grundbuchlichen Eintragung des Kaufvertrages in unserer Kreisstadt Gummersbach äußerte der Beamte: „Schade, man konnte früher dort so schön Kaffee trinken.“ Johannes Warns antwortete: „Bitte, Sie sind auch bei uns auf unserer Veranda herzlich eingeladen.“ Zehn Jahre hindurch ist die Veranda Versammlungs- wie auch Unterrichtsraum gewesen. Noch oft sind auch später Fuhrleute, die von früher her gewohnt waren, hier in der Gastwirtschaft einzukehren und nun das inzwischen über der Haustür befestigte Schild „Bibelschule“ nicht bemerkt hatten, in das Bibelschul-Haupthaus hineingekommen, um dort eine Ruhepause zu machen, zu essen oder zu trinken. Das gab dann den Brüdern Gelegenheit zu einem Zeugnis an so manchen Fernstehenden. Und man konnte sie darauf hinweisen, daß jetzt in diesen Häusern eine andere Speise und ein anderer Trank dargeboten würde, eben die Speise des göttlichen Wortes und der Trank des Wassers des Lebens, wie sie Jesus, der Herr, allen denen schenkt, die als Hungernde und Dürstende zu Ihm kommen und sich von Ihm erneuern, erquicken und beleben lassen wollen.

So sind nun die Häuser die neue Heimat der Bibelschule geworden. Im Rückblick auf diesen Neuanfang gedenken wir jener Freunde in Dankbarkeit, die durch einen ganz besonders opferbereiten, großzügigen Einsatz den Kauf der Häuser ermöglicht haben. Zwei von ihnen sind bereits beim Herrn. Dem damaligen Wunsch entsprechend sollen die Namen der Spender nicht genannt werden. Sie haben dem ganzen Werk einen unvergeßlichen Liebesdienst erwiesen.

Am 5. Oktober fand die Eröffnungsfeier in Wiedenest statt. Der Gesangchor der Gemeinde Wülfringhausen sang vierstimmig das Lied: „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren!“ Herrliches Herbstwetter verschönte den sonnigen Tag. Fast 400 Gäste waren gekommen.

Da sie natürlich nicht alle in den zur Verfügung stehenden Räumen Platz haben konnten, saßen und lagerten viele im Bibelschulgarten. Vater Koehler gab zuerst einen Überblick über die Entstehung des Werkes und die ersten 14 Jahre in Berlin und ließ dann seine Ansprache ausklingen in die Worte: „Eben-Ezer! Bis hierher hat der Herr geholfen!“ Johannes Warns sprach die Hoffnung aus, daß in Zukunft noch viele solcher Zusammenkünfte hier stattfinden möchten. Vertreter von Nachbargemeinden sagten Grußworte und Segens wünsche. Tiefen Eindruck machten die Lieder des blinden, gläubigen Schweizer Sängers Guillod.

An die Eröffnungsfeier schloß sich sofort die erste Wiedenester Konferenz an. An ihr nahm auch ein Missionar aus Zentral-Afrika (Michael Zentler) teil, desgleichen der durch seine zahlreichen Bücher und Schriften auch in Deutschland jetzt weithin bekannte Zelt-Evangelist und Schriftsteller Georg Brinke. Br. Brinke war als junger Mann in Berlin Bibelschüler gewesen, war dann jahrelang Missionar in Südafrika, ist jetzt wohnhaft in der Schweiz.

Unmittelbar im Anschluß an die Konferenz wurde mit dem regelmäßigen Unterricht in der Veranda begonnen. Mit der Verlegung der Bibelschule nach Wiedenest hatte Johannes Warns die Leitung übernommen. Ihm zur Seite standen die Brüder Oberst Peterssen, Major v. Wedekind, Heinrich Koehler und (seit 1920) Erich Sauer.

Sehr bald folgten Pläne für zwei Neubauten für die Brüder Peterssen und v. Wedekind. Diese Häuser gingen aber später in den Besitz der Bibelschule über. Es war damals eine notvolle Zeit. Das Bauen war mit großen Schwierigkeiten verbunden. Materialmangel, dürftiger Ersatz, Streiks, ständig wachsende Inflationspreise – alles dies waren wenig ermutigende Begleiterscheinungen des Neuanfangs. Aber der Herr gab auch zu diesen Bauten seinen Segen. In den ersten Jahren (bis 1927) wohnte Br. v. Wedekind in dem einen dieser Häuser, bis er, eines schweren Asthma-Leidens wegen, nach Bad Homburg v. d. H. (Taunus) übersiedeln mußte. Er hat in den Jahren seiner Mitarbeit in Wiedenest einen wertvollen Dienst getan. Auch in den Gemeinden hin und her war seine Verkündigung weithin hoch geschätzt. Im Jahre 1948 rief ihn der Herr zu Sich heim. In vielen, oft besonders schweren Lebensführungen hat er sich immer wieder in restlosem Vertrauen, in Hingabe und Treue an den Herrn bewährt. Die Gnade Gottes in seinem Leben ist groß gewesen. Viele sind durch ihn reich gesegnet worden.

Oberst Peterssen konnte nicht, wie zuerst geplant war, selber nach Wiedenest ziehen. Wegen eines schweren rheumatischen Leidens seiner Gattin zog er es vor, im benachbarten Bergneustadt wohnen zu bleiben, kam aber, trotz seines hohen Alters, täglich zu Fuß nach Wiedenest, um beim Unterricht mitzuhelfen. Viele unserer alten Freunde werden sich des lieben, aufrichtigen, demütigen Bruders gern entsinnen. Wir waren schon vorher in Berlin mit ihm bekannt geworden, und als wir nach Wiedenest kamen, war es sein Wunsch gewesen, mit uns zu kommen.

Wunderbar war es, wie der Herr ihn zu Seinem Eigentum gemacht hat.

Ferdinand Peterssen war Berufsoffizier. Eines Tages las er in der Zeitung eine Notiz, daß „General“ Booth von der Heilsarmee in Berlin im Zirkus Busch sprechen würde. Diesen seltsamen Mann, von dem er schon manchmal gehört hatte, wollte Oberst Peterssen gern einmal hören. So saß er denn eines Abends im Zirkus Busch unter den Hörern. Er ahnte nicht, daß er an diesem Abend Großes, ja für sein ganzes Leben Entscheidendes erfahren sollte.

Als General Booth seine Predigt begann und in Beweisung des Geistes und der Kraft das Evangelium bezeugte, daß Jesus Christus in die Welt gekommen sei, Sünder selig zu machen, sprach ihn die Botschaft sehr an. Er wurde tief durchdrungen von der Macht des Wortes Gottes. Als aber schließlich der General seine Zuhörer aufforderte, dem Mann von Golgatha Herz und Leben auszuliefern, da konnte er einfach nicht mehr mit! Ja, als er sogar noch zu hören bekam, wie der General aufforderte, „jetzt in diesem Augenblick an die Bußbank zu kommen, wenn du überzeugt bist von dem Anspruch Jesu an dich – es waren 24 Stühle im Mittelpunkt des Zirkus – und dort um Gnade und Vergebung zu bitten“, da war es für den preußischen Oberst zu viel! Er stand auf und ging durch den langen Gang des Zirkus dem Ausgang zu.

Schon stand er draußen an der Tür. Da öffnete sich, gleichsam wie von unsichtbarer Hand, noch einmal der Vorhang, und Gott sprach zu ihm: „Übergib dich dem Herrn und tue es jetzt!“ Und da machte er die große Kehrtwendung. Er ging zurück, schritt durch den langen Gang des Zirkus dem Zentrum zu, kniete am ersten Stuhl nieder und übergab sein Leben bedingungslos dem Herrn, nahm Seine Erlösung an und wurde von nun an ein fröhlicher Christ, dem man den tiefen Frieden seiner Seele vom Angesicht ablesen konnte. Später hat er auch die große Freude erlebt, daß seine Gattin ebenfalls den Weg des Glaubens beschritt. Im Jahre 1929 ging Br. Peterssen nach langer Krankheit heim. Er, wie auch seine Gattin, die ihm nach einigen Jahren folgte, fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Wiedenest.

 

4. Weiterentwicklung der Arbeit in Wiedenest

Es waren schwere Jahre, die ersten Jahre in Wiedenest! Es war ja die Nachkriegszeit des ersten Weltkrieges. Die Lebensmittel waren knapp bemessen. Die Geldentwertung machte die Haushaltführung äußerst schwierig. Aber immer wieder haben wir die Hilfe des Herrn handgreiflich erleben dürfen. Unsere erste Hausmutter, Schwester Antoinette Lehmann, hat in aufopfernder Arbeit mit sehr bescheidenen Mitteln den Bibelschulhaushalt neu aufgebaut. Sie war eine ältere Schwester von Johannes Warns. Acht Jahre hat sie in mütterlicher Treue unter vielen äußeren Schwierigkeiten dem Bibelschulwerk einen überaus wertvollen Dienst getan. Die beiden Brüder Hugo Hefendehl und Wilhelm Gauer, die gleich zu Anfang der Wiedenester Zeit zu uns kamen, haben in unermüdlichem Fleiß und vorbildlicher Selbstlosigkeit unsere Gärten und Felder bearbeitet. Auch die Bibelschüler arbeiteten draußen fleißig mit, und der Herr gab seinen Segen.

Für die Bibelschul- und Missionsarbeit öffneten sich neue Missionsgebiete. Insbesondere waren es jetzt die Länder Südosteuropas, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, die Tschechoslowakei. Auch in diesen Ländern hatten die jungen Gemeinden an nicht wenigen Orten Verkennung, ja manchmal geradezu Verfolgung von seiten der griechisch-orthodoxen Kirche zu erdulden. Aber der Herr segnete das Zeugnis ihrer Treue.

In Wiedenest sind wir oft zu sieben oder acht Nationalitäten beieinander gewesen. Nicht selten haben wir bei gemeinsamen „Brüderabenden“ ein und dasselbe christliche Lied nach der gleichen Melodie, aber in sechs, ja manchmal sogar acht bis neun verschiedenen Sprachen gleichzeitig gesungen! Das war dann ein „heiliges Babylon“, wie wir wohl scherzhaft sagten, aber ein „Babel“, das in Wahrheit ein Vorgeschmack vom „himmlischen Jerusalem“ war! Werden doch in der ewigen Gottesstadt einst alle vereint sein „aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Völkern und Nationen“ (Off. 5,9).

Naturgemäß waren auch auf unseren Missionskonferenzen oft zahlreiche Länder vertreten. Einmal waren es sogar Brüder von siebzehn Nationen bzw. Missionsgebieten, in denen unsere Brüder oder befreundete Missionare arbeiteten.

So konnte Johannes Warns schon im Jahre 1928 schreiben: „Einige hundert Brüder haben bis heute (seit Beginn der Arbeit 1905) am Unterricht teilgenommen, viele aus Rußland und Deutschland, nicht wenige aus den Ländern Südosteuropas, einzelne aus anderen europäischen Ländern. Sie stehen heute in der Arbeit in Rußland, Sibirien, in Polen, in der Tschechoslowakei, in Ungarn, Rumänien, in Bulgarien, in der Schweiz und in Deutschland, einzelne auch in Norwegen, Dänemark, Frankreich, England, Kanada, den Vereinigten Staaten Nordamerikas, in Südamerika; Syrien (Damaskus), Palästina (Jerusalem), Persien, auf Java und in Afrika. Einige von ihnen arbeiten in der Mohammedaner-Mission, andere unter dem Volk Israel, andere unter den Heiden. Manche widmen ihre ganze Zeit dem Werk des Herrn, andere neben ihrem irdischen Beruf.“

Der Unterricht in der Bibelschule wurde in deutscher Sprache gegeben. Durch das Erlernen des Deutschen war den Brüdern zugleich der Schlüssel zu wertvollen Schätzen des deutschen, christlichen Schrifttums an die Hand gegeben.

Daß bei der Erlernung der deutschen Sprache unseren ausländischen Brüdern zuweilen auch „drollige“ Fehler unterliefen, ist uns noch heute eine belustigende Erinnerung. So rief einmal ein rumänischer Bruder, der die Häkselmaschine in der Scheune bedienen sollte und darum die dazugehörigen Gewichte brauchte, laut über den Bibelschulhof: „Wo sind die Schwierigkeiten? Wo sind die Schwierigkeiten? – Nun, Schwierigkeiten braucht man im Leben wohl sonst nicht erst zu suchen! Es ist wirklich nicht zu schwierig, Schwierigkeiten zu finden. Oft haben wir an diese lustige Geschichte gedacht. An sich war der Fehler ja nur allzu begreiflich; denn „Gewichte“ sind ja auch „schwer“, wenn natürlich auch nicht „schwierig“!

Ein anderes Mal besuchten wir mit den Brüdern einen Jugendtag in der mit uns befreundeten Gemeinde Wuppertal-Barmen Freiheitstraße. Unsere Brüder legten Zeugnis ab. Da war es dann wieder ein rumänischer Bruder, dem ein interessanter, kleiner Sprachfehler unterlief. Er wollte bezeugen, wie doch sein Leben so ganz anders geworden war, seitdem er es Christus als seinem Heiland und Herrn übergeben hatte. „Da bekam ich eine ganz neue – ,Temperatur‘!“, rief er mit Begeisterung aus. Alles lachte. Er meinte natürlich: ,Temperament‘! Ich konnte aber doch sofort, im Anschluß an sein Zeugnis, diesem Wort eine besondere Wendung geben. Ich sagte: „Auch das ist eine Wahrheit, daß wir durch den Glauben an Jesus Christus eine neue Temperatur‘ bekommen! Denn früher waren wir lau; jetzt sind wir warm. Früher waren wir kalt; jetzt dürfen wir heiß und glühend sein in lebendiger Liebe zu Jesus, unserem Herrn, und in feurigem Einsatz für Sein Evangelium.“

Einige Brüder bewiesen eine ganz besondere Sprachbegabung. So erinnern wir uns an einen Slowaken, der, als er zu uns kam, über nicht viel mehr als 40 bis 50 deutsche Worte verfügte. Mit unermüdlichem Fleiß ergab er sich dem Studium der so schwierigen deutschen Sprache. Das Ergebnis war überraschend. Schon nach sechs Wochen konnte er zum erstenmal in der Gebetsstunde ein zwar schlichtes und kurzes, aber doch inhaltvolles, klares Gebet sprechen, und nach weiteren sechs Wochen war er in der Lage, in der Versammlung sogar ein Zeugnis von seiner Bekehrung auf deutsch öffentlich abzulegen.

Ein besonderes Ereignis war im November 1932 der Brand eines Teiles des Bibelschul-Haupthauses. Während die Mehrzahl der Brüder am Mittagstisch saßen, erblickte einer, der etwas später von der Feldarbeit zurückkam, eine Rauchsäule, die aus dem Heuboden des landwirtschaftlichen Gebäudes emporstieg. Schnell griff das Feuer um sich. Dumpf tönte der Klang der Brandglocke. Dank der schnellen und bereitwilligen Hilfe der Wiedenester und Bergneustädter Feuerwehr konnte das Hauptgebäude gerettet werden. Gerade wenige Wochen vorher war eine neue Motorspritze angeschafft worden. Gerade während des Brandes drehte sich der Wind, der vorher die Flammen ins Haupthaus hineingetrieben hatte und wehte nun in umgekehrter Richtung. Wie leicht hätte alles zerstört sein können! Aber gerade auch in diesen beiden Umständen sahen wir ein gnädiges Helfen des Herrn.

Im ganzen brannten neun Wohnräume ab. Die Kühe im Stall konnten rechtzeitig auf die Weide getrieben werden. In wenigen Stunden war vieles vernichtet, was in monatelanger Arbeit mühsam aufgebaut worden war. Aus übriggebliebenen Balken und Brettern des abgebrannten Hausteiles erbaute später ein Bibelschüler, Br. Karl Kramer, der im Baufach ausgebildet war, ein schönes, festes Hühnerhaus, das in den letzten Jahren in ein stilvolles Gartenhäuschen umgewandelt worden ist und nun im Bibelschulgarten unseren Gästen und Freunden einen schönen Aufenthaltsraum und eine stille Stätte für innere Sammlung und Gebetsgemeinschaften darbietet.

Bis zum Herbst 1928 hatte Schwester Antoinette Lehmann als Bibelschulhausmutter in großer Treue und Hingabe gearbeitet. Dann hat sie wegen schwerer Erkrankung ihren Dienst aufgeben müssen und war bald darauf heimgegangen. Nun war es wieder eine Führung des Herrn, daß Er einen früheren Bibelschüler aus den Anfängen der Berliner Zeit, Rudolf Bohn, zu uns sandte, der mit seiner Frau den Hauselterndienst übernahm. Geschw. Bohn hatten jahrelang im Missionsdienst unter den mohammedanischen Kirgisen in Turkestan (Zentral-Asien) gestanden. Dann waren sie, nach Beendigung des ersten Weltkrieges, nach Jahren der Gefangenschaft und mancher Not in die deutsche Heimat zurückgekehrt. Sechs Jahre hindurch haben wir hier eine schöne, harmonische Zusammenarbeit gehabt. Doch Br. Bohns Gesundheit war schon vorher sehr geschwächt. So mußte er bereits im Jahre 1933 die Arbeit niederlegen und zog nach Niederbierenbach. Nach fünf Jahren nahm ihn der Herr dann zu Sich.

Auch Bruder Johann Legiehn, der mit seiner Frau nun viele Jahre den Bibelschulhaushalt leitete, war zuerst als Bibelschüler nach Wiedenest gekommen, Dann hatte er den Hausvaterdienst übernommen und war auch Jahre hindurch Missionslehrer. 16 Jahre hindurch hat uns eine ganz besonders gesegnete Arbeitsgemeinschaft verbunden. 1948 ging er mit seiner Familie nach Süd-Amerika, um dort unter den Auslandsdeutschen mit dem Evangelium zu dienen und am Aufbau des dortigen Gemeindelebens mitzuwirken. Unsere Geschwister hinterließen hier eine Lücke, die wir noch heute empfinden. Das Band der Liebe ist unverändert geblieben, trotz aller Entfernung über Land und Meer! Johann Legiehn tut jetzt einen gesegneten Lehrdienst an zwei Bibelschulen. 1954 gab er unter dem Titel: „Unser Glaube“ eine „Kurzgefaßte Biblische Glaubenslehre“ heraus. Sie erschien in Ponta Grossa, Parana, Südbrasilien. Sie fand nicht nur in Südamerika, sondern auch in Nordamerika und Kanada unter den Deutschsprechenden freundliche Aufnahme und hat jetzt auch ihren Weg nach Deutschland gefunden. Mit diesem Buch will unser Bruder besonders solchen einen Dienst tun, die es benutzen möchten zum persönlichen Bibelstudium, zu Jugendarbeit und zum praktischen Dienst der Wortverkündigung.

Vom Anfang in Wiedenest an hatten wir alljährlich eine Glaubens- und Missionskonferenz. Auch hier schenkte der Herr ein erkennbares Zunehmen. Die erste Konferenz fand im Raum unserer Veranda statt. Schon diese Raumbeschränkung zeigt, daß die Anfänge zunächst zahlenmäßig recht klein waren. In späteren Jahren wurde verschiedentlich dicht neben unserem kleinen Dörspe-Flüßchen ein Zelt aufgeschlagen, und freudige Lieder, von vielen gesungen, klangen durchs Tal über die Berge hinaus. Besondere Freude machten allen Konferenzbesuchern immer die so lebendigen Gesänge der Chöre der uns benachbarten Gemeinde Derschlag. Oft wurden die gemeinsamen Lieder durch Br. Heinz Koehler mit laut hinausschallender Trompete begleitet, Nie werden wir vergessen, wie so oft das jubelnd triumphierende Lied erklang:

„Wir überwinden durch Den, der uns liebet. Wir überwinden durchs Blut unseres Herrn!“

Zweimal fand unsere Konferenz in der Scheune statt. Das war äußerlich zwar ein ganz schlichter Rahmen. Aber auch in diesem schlichten Raum erlebten wir etwas von der Kraft des Evangeliums und der Gemeinschaft der Kinder Gottes, wie sie – in einst noch unvergleichlich höherem Maße – schon bei den ersten, schlichten Gemeinden der urchristlichen Zeit vorhanden gewesen war.

1930 wurde unser schöner, großer Saal gebaut. An seiner Herstellung waren die Opfer vieler Kinder Gottes mitbeteiligt. Auch kamen Brüder aus befreundeten Gemeinden aus dem Westerwald – Maurer von Beruf – und setzten freudig ihre Kraft und Zeit mit ein, um durch ihrer Hände Werk mitzuhelfen am Aufbau dieses Hauses, das ja dem Herrn und Seinem Dienst geweiht sein sollte. Die Einweihung des Saales fand bei der Feier des 25. Bestehens des Bibelschul-Missionswerkes statt (1930).

Zu allen Zeiten haben diese Konferenzen den Charakter brüderlicher Aussprache getragen. Zugleich waren sie ein Ausdruck der Gemeinschaft der Kinder Gottes aus den verschiedenen, gläubigen Kreisen. Ein besonderes Kennzeichen war stets ihr Missionscharakter. Jede Abendversammlung, ob in der Veranda, ob im Zelt, ob in der Scheune oder ob später im Saal, stand nicht nur unter dem Zeichen der Wortverkündigung, sondern gerade auch der Mission und Evangelisation. Brüder berichteten von ihrer Arbeit in den mit uns verbundenen Missionsgebieten Ost- und Südosteuropas. Andere berichteten über das Werk des Herrn in Holland und der Schweiz. Nicht selten wurden auch Missionsberichte gegeben von Missionaren aus Afrika, China und Indien. Eine Freude war es uns, wenn vom Evangeliumszeugnis unter dem alttestamentlichen Bundesvolk Israel erzählt wurde. Gelegentlich wurden Missionsberichte gegeben über Österreich, Italien und Spanien. Und welche Freude erfüllte unser Herz, wenn, wiederholt, nach einem gesegneten, kraftvollen Evangeliumszeugnis, Seelen sich für Christus entschieden und Frieden fanden.

Wie überall, so brachten auch uns die vielen Jahre im Wechsel des Erlebens Regen und Sonnenschein, Freud und Leid. So manchmal sind wir auf den stillen Friedhof gegangen, wo mehrere unserer treuen Mitarbeiter und Freunde, auch einer unserer Bibelschüler, und ebenso einige unserer Kinder ihre letzte, irdische Ruhestätte fanden.

Besonders schwer traf uns der Verlust unseres teuren Bruders Johannes Warns. Am 27. Januar 1937 rief ihn der Herr ganz plötzlich und unerwartet beim. Mit ihm ist einer der Führer des Volkes Gottes aus der kämpfenden in die triumphierende Gemeinde hinübergegangen.

 

[ 1 ] Erich Sauer schrieb im Jahr 1955 diese kurze Geschichte der Bibelschule Wiedenest zu ihrem 50-jährigen Jubiläum. –

Erich Sauer (1898-1959) war ab 1920 theologischer Mitarbeiter und von 1937 – 1959 Studienleiter der Bibelschule Wiedenest.

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