Plan der Anonymen (D.Reed)

Douglas Reed

Der große Plan der Anonymen

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Wien 1938 . . . . . . . . . . . .

ERSTES BUCH – Rauch 1933 ‑ 1939
I. Mit einem verurteilten Mann zu Tisch

II. Ein Priester mit feinen Händen

III. Die einsamen Könige

IV. Der Strandräuber
V. Zwischen zwei Dieben

VI. Die längste Nacht

VII. Ein geräuschvoller Vorbote

VIII. Der Tanz der Marionetten . . . . . .

ZWEITES BUCH – Feuer 1940 ‑ 1945
I. Ein warmer Septemberabend

II. Der heimliche Krieg
III. Gespaltene Gesellschaft

IV. Ein Dieb oder zwei

V. Im unbekannten England . . . .

DRITTES BUCH – Qualm 1945 ‑ 1950
I. Und auch in Zukunft nicht

II. Das zweite Interregnum?

VIERTES BUCH – Die blitzenden fünfziger Jahre 1950 – . . .
I. Die blitzenden fünfziger Jahre

II. Die Gestalt der fünfziger Jahre

III. Der uralte Fels (England)

– Die von Herrn Reed erlebten und geschilderten Vorgänge des vergangenen Jahrhunderts lehren uns, auch die heutigen vielfach unsichtbaren Hintergründe und Vorgehensweisen der politischen Entwicklungen besser zu deuten. Beachtenswert ist auch, dass die sog. “Transformation“ des Christlichen Abendlandes hin zu einem Neuen (nichtchristlichen) Europa bzw hin zu einer sog. Neuen Welt Ordnung als ein Block zu sehen ist. Vom Ersten Weltkrieg bis heute. Die letzten 60 Jahre haben diese von Herrn Reed geschilderten Absichten voll bestätigt.
Der vorliegende Text ist leicht gekürzt. Die Berichte zur speziellen Lage in England (bis 1947) wurden dabei ganz weggelassen. Die Hervorhebungen im Text wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Oktober 2012 –

Der Umschlagstext:
Der Verfasser, ein Engländer, war von 1928 bis 1935 einer der Korrespondenten der Londoner «Times» in Berlin. Als Zeuge des Reichstagbrandes erregte er durch seine kritische Berichterstattung größtes Aufsehen. 1935 bis 1938 war er Hauptkorrespondent dieses Blattes im Balkan. Seine Eindrücke über die «qualmigen dreißiger Jahre», denen bald das «Feuer» der Vierziger nachfolgen sollte, legte er in seinem vielgelesenen Buch «Insanity Fair» (Jahrmarkt des Wahnsinns) nieder, das von Himmler im Dritten Reich sofort verboten wurde. «Der grosse Plan der Anonymen» ist die Fortsetzung jenes Buches, nicht minder scharf und geistreich geschrieben. In seinem prophetischen Ausblick auf die Zukunft und seiner mutigen Analyse jener Mächte, die hinter dem düstern Geschehen unserer Tage stehen, wird es ein unentbehrlicher Wegweiser für jeden, der wissen will, was eigentlich hinter den Kulissen geschieht.

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE (1952)

Ich habe ganz besonderen Grund, beim Schreiben dieses Vorworts für die deutsche Ausgabe eines Buches, das 1948 in England erschienen ist – unter dem Titel: From Smoke to Smother – ein prickelndes Vergnügen zu empfinden. Dieses Buch ist das siebente in der Serie meiner politischen Bücher. Das erste: «Jahrmarkt des Wahnsinns» wurde gleich beim Erscheinen von Himmler verboten. (Es enthielt allerlei Informationen über die Machtergreifung des Jahres 1933, welche die deutschen Leser damals nicht erfahren durften.) Nach dem Zweiten Weltkrieg fand dieses Buch seinen Weg nach Deutschland und ich erhielt Briefe von deutschen Korrespondenten, in denen sie mich aufforderten, eine deutsche Übersetzung zu veranlassen. Zu dieser Zeit traf ein Komitee der Besatzungsmacht die Auswahl der in Deutschland zu erscheinenden Bücher und diese Körperschaft entschied sich gegen die Veröffentlichung meines Buches «Jahrmarkt des Wahnsinns». So war ich denn in Deutschland verboten, zuerst durch die Deutschen, dann durch meine eigenen Landsleute und derart erhielt ich eine literarische Auszeichnung, die, wie mir scheint, selbst in unseren Zeiten einzigartig ist. Und jetzt geht über mein Gesicht ein breites Lachen, wenn trotz allem in diesen Tagen eines meiner Bücher in deutscher Sprache erscheint, auch wenn es in der Schweiz (Thomas-Verlag Zürich) verlegt wird.
Dieser amüsante Vorfall bildet den Bestandteil einer längeren Geschichte, die ich kurz erzählen muß, damit der deutschsprachige Leser etwas über den Autor dieses Buches erfahren kann. Es mag sein, daß der Leser, ob er nun in der Schweiz, in Deutschland oder wo anders lebt, in den letzten zehn Jahren von der sogenannten westlichen Welt wenigstens in beschränktem Umfang abgeschnitten war und nicht genau weiß, was sich dort alles, zugetragen hat. Meine kleine Geschichte kann ihm vielleicht helfen, die Vorgänge besser zu verstehen.
In den kritischen Jahren 1928‑1935 war ich einer der Korrespondenten der «Times» in Berlin. Von 1935‑38 war ich der Hauptkorrespondent dieser Zeitung für Zentraleuropa, hatte mein Büro in Wien und bereiste ganz Mitteleuropa und den Balkan. Während dieser Jahre bekam ich den Journalismus mehr und mehr satt; das heißt nicht das Leben eines Journalisten, das mir Freude machte, sondern die Verbote, die auf einer vollständigen und wahren Berichterstattung lagen.
Dieses ständige Durchkreuzen meiner Aussagen wurde mir schließlich unerträglich. So schrieb und veröffentlichte ich «Jahrmarkt des Wahnsinns» und gab meine Stelle wenige Monate später auf, als das Abkommen von München meine sämtlichen Befürchtungen bestätigt hatte und mir die Weiterführung meines bisherigen Berufs ganz unlohnend erscheinen ließ. Ich erkannte, daß ein Journalist seinen Beruf nur dann richtig ausüben kann, wenn er eine eigene Zeitung herausgibt (dazu fehlten mir die Mittel) oder wenn er Bücher schreibt. Von da an war ich ein Journalist, der frisch heraus berichtet, was er erfahren hat, und in seinen Büchern offen seine Ansichten über diese Tatsachen bekannt gibt. Ich bin eine Art von Ein‑Mann‑Zeitung, die jeweils alle zwei Jahre in einer Ausgabe von mehreren hundert Seiten zwischen zwei Buchdeckeln erscheint. . . .
«Jahrmarkt des Wahnsinns» war ein großer Erfolg, in allen englischsprechenden und skandinavischen Ländern und anderswo. Was auf der Hand liegt, hat am meisten Erfolg und meine bündigen Voraussagen über Hitlers Absicht, in Österreich einzumarschieren, die Tschechoslowakei anzugreifen und dann mit Stalin einen Pakt abzuschließen, wurden wie Offenbarungen eines Propheten lebhaft beklatscht, als diese leicht vorauszusehenden Ereignisse eintrafen!
Unterdessen lernte ich Neues hinzu, und ehe «Jahrmarkt des Wahnsinns» erschienen war, ahnte ich, daß sich hinter dem kommenden Sturm weit mehr verbarg als nur der Ehrgeiz und die kriegerischen Absichten eines Hitler. Noch ehe der Krieg ausbrach, begann ich klar zu sehen, daß im Hintergrund andere große Mächte mit ehrgeizigen Motiven an der Arbeit waren. Man mußte die Ziele schon klar im Auge behalten, sollten nicht diese Mächte allein die Nutznießer des zweiten Chaos aller europäischen Völker werden. Ich begann diesen Charakterzug in einem zweiten Buch «Schande im Überfluß» zu diskutieren und augenblicklich verstummte der Beifall, der «Jahrmarkt des Wahnsinns» begrüßt hatte. An dessen Stelle traten Vorwürfe und Tadel. Ein Vertrag für die amerikanische Ausgabe dieses Buches wurde ohne große Entschuldigungen gebrochen . . . .
Und so ist es weiter gegangen, in den letzten zwölf Jahren, während ich in aller Ruhe fortfuhr, meine freigewählte Berufung auszuüben, zu schreiben, was ich weiß, und zu sagen, was ich glaube, und in Buchform zu veröffentlichen, was ich in einer Zeitung drucken würde, falls ich deren Herausgeber wäre. An jenem Tage des Jahres 1938, als Hitler in Österreich einmarschierte, telefonierte mein Kollege in Berlin mir dringend nach Wien, ich solle noch vor dem Einmarsch der Gestapo verschwinden. Er hatte aus bester Quelle einen Tip erhalten. In späteren Jahren ergrimmten die Kommunisten und Zionisten ebenso sehr über mich wie einst die Nazis (und ich denke, daß dieses Schicksal einem jeden bestimmt ist, der fortfährt, in diesen Zeiten ein unabhängiger Schriftsteller zu sein). Sie setzten alle möglichen Gerüchte über mich in Umlauf, von denen ich, mit einer Ausnahme, alle widerlegen kann. Bei dem einen Punkt aber ‑ ich sei verrückt ‑ habe ich den Eindruck, daß es sich um eine große Übertreibung handelt.
Die Zeit verging. Meine Überzeugung wuchs, daß hinter all diesen Ereignissen viel mehr steckte, als nur die kriegerischen Gelüste Hitlers. Vom Augenblick an, als er die Sowjetunion angriff, erkannte ich immer deutlicher, daß der ganze Verlauf des «Hitler‑Krieges» von unsichtbaren, geschickten Händen geleitet wurde, damit der Endsieg zwei Mächten zufalle: dem Sowjetkommunismus und dem zionistischen Nationalismus.
Die breiten Massen der Völker vermochten das nicht zu erkennen, so wenig, wie sie 1938 die Dinge durchschauten, die für mich auf der Hand lagen: daß Hitler sich im gegebenen Moment mit Stalin verbünden werde. Jetzt erkennen sie es, denn es sind sechs Jahre verflossen, seit ein amerikanischer Präsident den Befehl erließ «Die Russen dürfen Berlin erobern». Und fast ebensoviele Jahre sind verflossen, seitdem er befahl, das entlegene Palästina solle aufgeteilt, und die einheimischen Araber aus der einen Hälfte des Landes zugunsten der zionistischen Einwanderer aus Osteuropa vertrieben werden.
Und trotzdem gewahrt die breite Öffentlichkeit noch immer nicht, was meine Meinung ist: daß die persönlichen Taten eines Hitler für dieses Gesamtbild ebenso bestimmend waren wie die eines Roosevelt. Heute weiß jeder, daß während der duldsamen (oder verschlafenen) zwanziger und dreißiger Jahre die Regierungen und Amtsstellen des Westens mit kommunistischen und zionistischen Agenten verseucht wurden, die bei Kriegsausbruch nach einem seit langem vorbereiteten Plan ans Werk gingen. Falls der Kriegsausgang selbst diese Behauptung noch nicht belegt, so wurde sie doch durch die zahlreichen Enthüllungen in Amerika und England hinreichend bewiesen.
Aber sogar heute finde ich kaum einen Menschen, den seine Phantasie befähigt, eine geradezu einleuchtende Möglichkeit zu erkennen: daß Hitler selbst ein bewußter und nicht nur ein unbewußter Agent dieser Zielsetzung gewesen ist. Meiner Meinung nach war dies das Geheimnis, das Speer kannte, und das mag auch der Grund sein, weshalb der Mann, der Hitler zu ermorden versuchte, von denen, die behaupten, die «Zerstörung der Hitlerei» sei ihr eigentliches Kriegsziel gewesen, für 20 Jahre eingesperrt wurde. Ich glaube, daß Rauschning das gleiche Geheimnis entdeckte oder wenigstens vermutete, und daß viele, die nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet wurden, auf der gleichen Fährte gewesen sind. Das würde auch erklären, weshalb Hitler, Göbbels und Bormann (ausgerechnet diese drei!) niemals auf die Anklagebank in Nürnberg kamen.
Diese Theorien und der Glaube an ihre Richtigkeit wurden in mir wesentlich durch die massiven und unaufhörlichen Versuche, mich und meine Schriften zu unterdrücken, bestärkt. Ich halte weder meine Bücher, noch mich selbst für sehr bedeutend. Offenbar aber findet irgend eine andere Seite, daß meine Bücher doch schädlich genug sind, um eine große und dauernde Anstrengung bezahlt zu machen, sie vom Buchmarkt zu verdrängen. Über diese Tatsache besitze ich ungezählte Beweise.
Es sind erstaunliche Dinge, die sich im Zeitraum weniger Jahre zugetragen haben, und sie werden einmal ein weit unterhaltsameres Buch füllen, als ich jemals zuvor geschrieben habe. Nur eine äußerst mächtige Organisation, mit Stützpunkten in allen Ländern, konnte es fertig bringen, gegen einen einzelnen, recht unbekannten Schriftsteller einzig und allein aus dem Grunde, weil er sich in aller Öffentlichkeit mit zwei aktuellen politischen Bewegungen auseinandersetzt, eine weltumfassende Kampagne einzuleiten. Ich staune über diese offensichtlich organisierte Feindschaft. . . .
In diesem Buche habe ich geschrieben, was ich glaube. Aus seinem Inhalt wird der Leser demnach erfahren, welche Art von Aussagen diese mächtige (aber noch nicht allmächtige) Zensur, die in der heutigen Welt besteht, gerne unterdrücken möchte. Sie hatte nichts einzuwenden, als ich 1938 ein Buch schrieb, in welchem ich feststellte, der Krieg stehe vor der Tür. Ganz im Gegenteil! Sie ließ diesem Buch alle Unterstützung angedeihen, denn damals benötigte sie den Krieg zur Verwirklichung ihrer Pläne. Und so glaube ich, daß ich auch heute, im Jahre 1952, keiner organisierten Feindschaft begegnen würde, wollte ich einen zweiten «Jahrmarkt des Wahnsinns» in dem Sinne schreiben, daß «Rußland» der neue «tollwütige Hund in Europa» ist und einen neuen Krieg starten will. Ich glaube ebenfalls, daß weitere Kriege für das künftige Gelingen der ehrgeizigen Pläne, die ich im Auge habe, noch immer sehr erwünscht sind. Leider glaube ich nicht, daß «Rußland» der «tollwütige Hund» ist, trotzdem der Kommunismus (ein fremdes Regime, das Rußland beim Abschluß eines Krieges aufgezwungen wurde) es vielleicht sein mag. Meiner Ansicht nach befinden sich die Russen heute ebenso hilflos in den Klauen des Kommunismus wie die meisten Juden in denen des Zionismus, und wie einst die Deutschen 1939 in denen des Nationalsozialismus.
Die geheime Zensur will es verbieten, daß irgend jemand sagt, auch ein neuer Krieg würde wiederum, wie die beiden letzten Kriege, von übernationalen Kräften ausgenützt und ihren eigenen Zielen dienstbar gemacht. Diese Ziele würden nochmals dahin gehen, das kommunistische Reich und den zionistischen Staat weiter auszudehnen; oder beide in einen Weltstaat zusammenzuschweißen, in welchem die Kräfte, die den sowjetischen Kommunismus und den zionistischen Nationalismus geschaffen haben, die oberste Gewalt ausüben und in welchem die Völker des christlichen Westens sich ungefähr in der Lage des heutigen Polens befinden würden.
Wenn einmal ein neuer Krieg ausbricht, dann wird man das, meiner Meinung nach, nicht mehr sagen dürfen. Bis ein neuer Krieg ausbricht, kann es noch gesagt werden. Im gegenwärtigen Zeitpunkt liegt das Hauptprohlem aller Völker des christlichen Westens lediglich darin, zu überleben, sind sie doch alle gleichermaßen in den Plänen dieser bedrohlichen Mächte, die zum größten Teil jede nationale Regierung verdrängt haben, gefangen.
So viel über mich, meine Bücher und deren seltsame Geschichte. Jetzt, wo ich mich anschicke, ein Vorwort für eines mei. ner Bücher, das in deutscher Sprache erscheint, zu schreiben, kehren die Bilder dieses Europa, das ich einst so gut kannte und so sehr liebte, wieder frisch in mein Gedächtnis zurück. Es war immer mein Wunsch, meine Tage im Stammkontinent der Kultur des weißen Mannes zu beenden. Die Vorahnung, daß mir die Entwicklung die Erfüllung dieses Lieblingswunsches verwehren könnte, machte die Zeit zwischen 1933‑39 zu traurigen Jahren.
Ich fühlte mich überall in Europa zu Hause. Jesus hatte «Viele Jünger und einen, den er liebte». Wie die Menschen, die viele Länder kennen und eines, das sie lieben. Ich bin im wahrsten Sinne von A bis Z Engländer, aber ich kannte viele Länder. Ich fühlte mich in Frankreich oder Deutschland, Belgien oder der Schweiz, in Polen, Ungarn oder Jugoslawien, in Italien, Griechenland oder Rumänien stets als Gast, niemals als Fremder. Jedes dieser Länder besaß für mich besondere Reize; ein Menschenleben ist viel zu kurz, um sie alle kennen zu lernen. Was mich in jedem Land am meisten anzog, war das, was bei einer Überbetonung am raschesten anwidert: die nationale Eigenart. Wie herrlich sind die individuellen Eigenarten der großen und der kleinen Staaten, bis irgend ein Demagoge erscheint und sie verfälscht. Wie töricht ist doch das Geschwätz von der Aufhebung der Eigenstaatlichkeit! Die Nationalität ist ebenso unzerstörbar wie die Materie, und ich finde, daß unsere gegenwärtige Zeit jener Voraussage in der «Johannes-Offenbarung» gleicht, wonach «die Verführung der Völker» ein Ende nehmen wird, wenn dereinst «die alte Schlange, der Satan» nach der Endschlacht der Könige dieser Erde an «der Stätte, in hebräischer Sprache Armageddon genannt», in Fesseln geschlagen sein wird.
Wirklich unglücklich fühlte ich mich nur in einem Lande: in Rußland. Und zwar aus dem Grunde, weil es nicht Rußland war, sondern ein kommunistisches Gefängnis, dessen nationale Eigenart wenigstens zur Zeit völlig zugrundegerichtet ist. Ich habe nur noch einen Wunsch, auf dessen Erfüllung ich noch hoffe: lange genug zu leben, um Rußland russisch, Deutschland deutsch und ganz Europa wieder wahrhaft frei zu sehen.
Ich erinnere mich, wie ich Deutschland 1939 mit tiefem Bedauern verließ, und wie mich die Verwandtschaft der nationalsozialistischen und kommunistischen Parolen und Methoden seit 1933 mit einer bangen Vorahnung erfüllten; ich gewann den Eindruck, daß die deutsche Eigenart in falsche Formen gepreßt werde. Und ich wußte, daß dies auch mein eigenes Leben zutiefst berührte sowie das Leben aller Zeitgenossen, und heute, fast zwanzig Jahre später, sehe ich, wie richtig meine Vorahnung war.
Ich fuhr am Abend des 27. Februar 1933 eben in jenem Augenblick am Reichstag vorbei, als die Flammen aufloderten. Wahrscheinlich war das für die meisten ein ganz gewöhnlicher Brand. Mir aber fraß die Erkenntnis tief ins Mark, daß es sich hier um weit mehr handelte. Im Namen dieses Brandes begann der lange Opfergang des christlichen Westens, aber nicht nur in Deutschland! Der rote Schein der Flammen und deren lange Schatten zucken noch heute in jeder deutschen Familie in West- und Ostdeutschland. Aber sie reichen noch viel weiter: in jede englische und sogar in jede amerikanische Familie.
Der Reichstagbrand war die eigentliche Atombombe, welche die christliche Kultur, Europa und die westliche Welt einer dunklen Zukunft überlieferte. Falls wirklich der Untergang besiegelt wird und sich die Staaten, in denen einst das Zeichen des Kreuzes ein wunderbares Licht der Erkenntnis schuf, in Reiche der dunklen Sklaverei wandeln, dann hat dieser Vernichtungsprozeß in der Nacht des 27. Februar 1933 begonnen. In jener Nacht überspülte wie eine schwarze Springflut die Finsternis Asiens in einem gewaltigen Sprung ganz Deutschland. Das Heim eines Menschen war nicht mehr unantastbar, auch nicht sein Vermögen oder seine Person. Von jenseits des Urals drangen die Methoden der Satrapen hinüber in das Land der Dichter und Denker. Falls es noch Richter in Berlin gab, waren sie nur Überlebende aus der Vergangenheit; die wirkliche Gewalt war an Volksrichter, Volksgerichte und einen obersten Magistraten übergegangen.
Ich habe mich damals schon gewundert, als ich auf Befehl Görings den brennenden Reichstag verlassen mußte, und ich wundere mich beim Zurückdenken noch heute, wie manche Deutsche sich täuschen ließen und glaubten, daß es sich hier um etwas Neues oder gar um etwas Gutes für Deutschland handle. Es war einfach barbarisch, in seinen erkennbaren Grundzügen kommunistisch und derart ansteckend, daß es sich heute noch viel weiter nach Westen ausgedehnt hat und das restliche Europa, sogar England und Amerika bedroht. Seither haben England und Amerika ständig im Zeichen des «Notstandes» und der «außerordentlichen Vollmachten» gelebt, und ihre Beherrscher erlaubten sich immer tiefere Eingriffe in die menschlichen Freiheitsrechte, während sie vorgaben, eben diese Gesinnung zuerst im «Faschismus» und dann im «Kommunismus» zu bekämpfen.
Wer hat den Reichstag angezündet? Wir fragen uns noch immer und finden noch immer keine Antwort. Ich vermute, daß ich über dieses Ereignis mehr weiß als die meisten, denn ein Zufall führte mich damals an Ort und Stelle. Ich verfolgte aufmerksam die Untersuchung und versäumte keinen Augenblick des Prozesses. Zudem war ich ein freier Mann, der sich seine eigene Meinung ohne Vorurteil bilden konnte. Ich weiß, daß es nicht «die Kommunisten» gewesen sind, das heißt weder die deutschen und bulgarischen Kommunisten, die unter Anklage standen, noch irgend eine andere kommunistische Gruppe. Falls aber «die Nazis» die Brandstifter waren, dann dienten sie dem kommunistischen Endziel, wie Hitler, der zuerst Polen mit den Kommunisten teilte, um als nächsten Schritt seinen Zweifrontenkrieg zu führen. All diese Schritte zielten dahin, den großen Plan zu fördern, den Westen in ein Sklavengebiet zu verwandeln. Waren die Männer, die damals in Deutschland an der Macht waren, wirklich so weitblickend? Diese Meister der Planung, sie sind 1945 nicht weit vom abgebrannten Reichstag in anderen Flammen spurlos verschwunden. Ihre Leichen wurden nicht gefunden. Das Rätsel der verschwundenen Brandstifter des Reichstags führt meiner Ansicht nach zum andern Rätsel der verschwundenen Führer aus der Reichskanzlei.
Aber der begonnene Prozeß geht weiter und hat ganz Europa zu einem Fegfeuer gewandelt. Während all dieser Jahre setzte ich in aller Stille die Arbeit an meinen Büchern fort. Die einzigen Vorschriften, von denen ich mich leiten ließ, waren die alten Regeln, die einst für jeden anständigen Journalismus galten, aber jetzt in den großen Massenzeitungen mehr und mehr in Verruf fallen: nämlich nichts Blasphemisches, Aufrührerisches, Obszönes oder Verleumderisches zu sagen. Ich habe Europa seither nicht mehr gesehen, außer von der Normandie 1944 (und, das war der traurigste aller Besuche, denn ich sah den großen Schachzug voraus, nach welchem «die rote Armee Berlin erobern durfte», und fühlte, daß die deutsche Niederlage oder der alliierte Sieg derart in eine Niederlage der christlichen Welt verwandelt werden sollte) und nachher nur noch in ganz kurzen Ausblicken. Ich verbrachte meine Zeit damit, eine sozialistische Regierung zu beobachten, wie sie auf meiner Heimatinsel mancherlei Maßnahmen im Namen der Demokratie einführte, die kommunistischer oder faschistischer Herkunft waren, und nachher in Afrika, Kanada und den großen Vereinigten Staaten zu reisen, um zu schauen, was dort vor sich ging.
Das Bild dieses weiten Bereichs der Außenwelt deckt sich so ziemlich mit dem, was ich 1947 über die britische Insel geschrieben habe. Es scheint, als hätten die Politiker ‑ Sozialisten und Konservative in England, Demokraten und Republikaner in Amerika oder ähnliche Parteigebilde anderswo ‑ überall vor dem Lockruf der «außerordentlichen Vollmachten» kapituliert. Sie lernten dauernden Notstand schätzen, offenbar wegen der herrlichen Machtfülle über die Völker, die sie in dessen Namen fordern, und ihre einzige Leistung ist die Abänderung der Bezeichnungen Faschismus und Kommunismus in «Notstand». So werfen die längst erloschenen Flammen des Reichstages, wie schon gesagt, noch immer ihren Widerschein nicht nur auf Deutschland, sondern auf alle übrigen Länder der christlichen Welt. Ich habe in den letzten Jahren in meinem eigenen Lande und in Nordamerika gefühlt, daß ich von den politischen Schatten Papens, Brünings, Otto Brauns und Severings begleitet war. Notstand! Notverordnung! Kontrolle, Kontrolle und nochmals Kontrolle! Weil ich gesehen habe, wohin dieser Weg führt, ist er mir widerwärtig.
Ich glaube nicht, daß man den Faschismus oder den Kommunismus mit den gleichen Methoden bekämpfen kann. Wir müssen entgegengesetzte Methoden wählen. Amerika ist jedoch nie ganz aus dem Notstand herausgekommen, den Präsident Roosevelt ungefähr zur Zeit des Reichstagsbrandes proklamierte, und sein Nachfolger besteht täglich darauf, daß er weiter beibehalten werde. In England, wo ein gewisser Attlee, ein sozialistischer Politiker, in Hitlers ersten Jahren offen das Wort gegen Regierungen ergriff, die im Namen des «Notrechtes» immer größere Macht über ihr Volk gewannen, hat ein Premier‑Minister, namens Attlee im Namen des heutigen Notstandes «außerordentliche Vollmachten» zu einer dauernden Einrichtung gemacht! So geht der verderbliche Kreislauf weiter. Dieser Teufelstanz, der am 27. Februar 1933 begann, zieht immer größere Kreise über die Welt des weißen Mannes.
Ich kann mir nicht recht vorstellen, wie derart betrogene Politiker, falls sie nicht selbst Betrüger sind, die Welt von dieser immer straffer werdenden Umklammerung befreien sollen. Noch sind die heute führenden Politiker der westlichen Welt meistens Männer, die in den Illusionen des Liberalismus oder des Sozialismus groß geworden sind. Die Ereignisse um die Wende unserer Jahrhundertmitte haben gezeigt, daß Liberalismus und Sozialismus nur zwei Spiralen einer dreifach geringelten Schlange waren und sind. Die dritte Spirale, die den Kopf mit dem Giftzahn trägt, ist der Kommunismus. Aber alle gehören zum gleichen Körper. Diese Illusionen wurden im letzten Jahrhundert geboren. Nur solche Männer, die mit ihnen groß geworden, konnten sich in einem Zustand völliger Verblendung zu einem so teuflischen Abkommen verleiten lassen wie ein amerikanischer Präsident, der dem «Vorschlag», «die Rote Armee dürfe Berlin erobern», Folge leistete.
Mit diesem Entscheid schwand die letzte Hoffnung, daß Europa durch den Zweiten Weltkrieg wieder den Weg zur Gesundheit findet. Ein asiatisches Komplott, schon zu zwei Dritteln gelungen, wurde durch die Blindheit eines Mannes, oder einer Gruppe von Männern des christlichen Westens, die sich von den asiatischen Verschwörern täuschen ließen, zu einem vollkommenen Erfolg. Ich glaube, daß jedes Kind in Europa die Folgen dieses meisterhaften Schachzuges hätte sehen müssen. Für mich, der ich Europa kannte, lagen sie jedenfalls auf der Hand. Jetzt bleibt nur noch der Ausgang des Endkampfes, in welcher Form er sich auch abspielen mag, und die letzte Antwort auf das Rätsel dieses erschreckenden Jahrhunderts offen: Wird Europa überleben oder wird es untergehen? . . .
Vier Jahre sind verflossen, seit dieses Buch geschrieben wurde (1948-52). Ich möchte denen, die es jetzt in deutscher Sprache lesen, in aller Kürze erzählen, was seither in der Welt geschah. Alles vollzog sich auf der gleichen Ebene des Bösen, das noch schlimmer wurde; die Wendung zum Guten ist noch nicht eingetreten. Der einzige Trost, den ich für jeden besitze, dessen Los es ist, in unsern Zeiten zu leben (die den folgenden Generationen ganz unbedeutend erscheinen werden), liegt in den Worten des heiligen Matthäus: «Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören; sehet zu, daß ihr euch nicht verwirren lasset; denn alles dieses muß geschehen, aber es ist noch nicht das Ende … Wer aber ausharret bis ans Ende, der wird selig werden.»
Unsere Zeit wurde 1945 von drei Männern geformt, wovon zwei, Stalin und Winston Churchill, genau wußten, was sie wollten, trotzdem sie das genaue Gegenteil wollten. Hätte sich Churchill durchsetzen können, wäre es der Roten Armee nicht erlaubt worden, Berlin zu erobern (was einer Zweiteilung Europas gleichkam), und Europa hätte die Chance eines lange währenden Friedens gehabt. Die ausschlaggebende Stimme lag bei Roosevelt, der bewiesenermaßen von der Geschichte und der Umwelt sehr wenig verstanden hat. Er war das getreue Abbild des Politikers, der auf dem verfälschten Liberalismus dieses Jahrhunderts aufbaut, und dessen einziger erkennbarer Charakterzug in der grimmigen Bereitschaft liegt, jedwelche Tyrannei zu unterstützen, sofern nur der Tyrann erklärt, er übe seine Tyrannei im Namen des werktätigen Volkes aus. Er war von gleichartigen Beratern umgeben, und seine Verwaltung war mit Fremden verseucht, die man einzig darum aufgenommen hat, weil sie sich als «Anti‑Nazis» proklamierten. Selbstverständlich war diese Behauptung keine Garantie dafür, daß sie den wahren Interessen Amerikas dienen wollten. Tatsächlich mißbrauchten etliche ihre Macht, um die Interessen der Sowjetunion zu fördern. Nur wenn man diese Umstände klar vor Augen hält, kann man den Befehl des Präsidenten, «die Rote Armee dürfe Berlin erobern», verstehen. (Der Befehl wurde in Wirklichkeit von Roosevelts Nachfolger ausgegeben, war aber eine Frucht der Roosevelt‑Ära.) Es kam hinzu, daß Roosevelt in jenem kritischen Augenblick ein todkranker Mann war (in seinen letzten Tagen schien er sich übrigens der Folgen seiner Handlungen bewußt zu werden).
Der Zweite Weltkrieg, der auf diese Art in der Stunde des Sieges verloren wurde, machte Amerika zur materiell stärksten Macht der Welt, das heißt in Bezug auf die Kapazität seiner industriellen Produktion, was gleichbedeutend ist mit der Macht, einen Krieg zu führen. Aber leider genügt die materielle Stärke weder um die Welt zu befreien, noch um Kriegstreiber in Schach zu halten. Ebenso wichtig sind moralische Kraft, Weisheit und eine klare Politik. Ganz offensichtlich hatten all diese Kraftquellen durch die Folgen der vierzehnjährigen Roosevelt‑Politik in Amerika sehr gelitten.
Es war vorauszusehen, daß die vier Jahre, die seit dem Schreiben dieses Buches verflossen sind, Amerika ein unsanftes Erwachen bringen würden. Endlich dämmerte es, daß der militärische Sieg die proklamierten Ziele nicht verwirklicht hatte, daß ein neuer und noch stärkerer Angreifer auf die Beine gestellt und mit Waffen und Geld ausgerüstet worden war, und daß der Weltfrieden (von der «Freiheit» ganz zu schweigen) in weite Ferne gerückt war. Der Durchschnittsamerikaner (so stellte ich bei meinen Reisen in USA 1949 und 1951 fest) war eben so tief erschüttert, verwirrt und durcheinander wie mein eigenes Volk.
Unter dem Druck dieses steigenden Unbehagens begann sich die amerikanische Politik zu ändern, wenigstens in den Darlegungen des Präsidenten, die für das Volk bestimmt waren. Nach und nach verflogen die Illusionen über den Sowjetstaat und die offizielle Tonart wechselte von Versöhnlichkeit zu Vorwürfen und Ermahnungen. Dem amerikanischen Volke wurde jetzt neue «Bedrohung» vor Augen gestellt: der aggressive Kommunismus (und sofort begann das Gerede von «Notstand» und von «Notvollmachten»). Dann folgten die Enthüllungen. Präsident Roosevelts erster Berater an der schicksalsschweren Konferenz von Yalta entpuppte sich als kommunistischer Agent und das war nur eine der vielen Enthüllungen, die seit 1948 bis auf den heutigen Tag andauern. Aber alle diese Enthüllungen stammten von Einzelpersönlichkeiten, Untersuchungsbeamten oder von der Oppositionspartei. Keine einzige kam auf Initiative der Regierung zustande. Ebensowenig begann die Regierung von sich aus zu säubern. . . .
Ich zweifle sehr, ob irgend jemand, der Amerika in diesen Jahren nicht persönlich erlebt hat, sich ein klares Bild von der dadurch entstandenen Situation machen kann. Das Volk des mächtigsten Staates dieser Erde wurde eindeutig auf einen Krieg mit dem neuen Angreifer vorbereitet. Trotzdem war selbst der stärkste Druck der öffentlichen Meinung nicht in der Lage, die Regierung zu einer Erklärung über die kommunistische Infiltration in die amerikanischen Lebensadern, wie zu wirksamen Gegenmaßnahmen zu veranlassen. Die offiziellen Dementis und Beschwichtigungsversuche dauerten selbst dann noch an, als das Volk immer mehr über den Kommunismus ergrimmte und sich die Beweise des kommunistischen Einflusses auf die amerikanische Politik der Kriegsjahre häuften.
So sind im gegenwärtigen Augenblick, wo Amerika scheinbar an der Spitze einer weltumspannenden Allianz zur Bekämpfung einer neuen kommunistischen Expansion steht, die Zweifel über den wahren Kurs der amerikanischen Staatspolitik für den Fall eines neuen Krieges noch berechtigter als zur Zeit der Jaltakonferenz. Persönlichkeiten, die in den höchsten staatlichen Ämtern stehen, sind wiederholt auf eine Art und Weise beschuldigt worden, die in früheren Zeiten sofort ihren Rücktritt zur Folge gehabt hätte. Aber sie bleiben im Amt und gelten weiterhin als untadelige Ehrenmänner.
Die breiten amerikanischen Schichten, die man auffordert, sich auf die Atombombe vorzubereiten, wissen infolgedessen nicht mehr ein und aus. Sie begreifen nicht, warum ihre Regierung den Kommunismus so heftig anprangert und sich gleichzeitig hartnäckig weigert, ihr Haus zu säubern. Das Folgende ist nur ein Beispiel dafür, was heute die Amerikaner in ihren Zeitungen lesen können. Im Jahre 1944 wurde ein amerikanischer Major, der mit Fallschirm hinter den italienischen Linien abgesprungen war, um mit italienischen Partisanen Verbindung aufzunehmen, von zwei seiner eigenen Männer ermordet (Amerikaner italienischer Herkunft), offenbar weil er gezögert hatte, den italienischen Kommunisten, denen er mißtraute, das mitgebrachte Geld auszuhändigen. Diese Aussage wurde 1951 vom amerikanischen Verteidigungsminister gemacht, erst jetzt nach sieben Jahren, weil der Bruder des Ermordeten in jahrelanger Arbeit den Tatsachen auf die Spur gekommen war, die nun in einer Zeitschrift veröffentlicht werden sollten. Die offizielle Erklärung fügte bei, daß die beiden Männer (die in aller Ruhe in der Nähe von New York lebten) weder nach dem zivilen, noch nach dem militärischen Strafgesetz angeklagt werden könnten, und daß die einzige Möglichkeit, sie vor Gericht zu bringen, ein Auslieferungsbegehren Italiens (das feindliche Land, in das sie mit Fallschirmen niedergelassen wurden) wäre! Wenn ich mich einige Jahre zurückversetze, dann würde eine solche Affäre in jedem mir bekannten Land ganz bestimmt einen wilden Entrüstungssturm heraufbeschworen haben. Im heutigen Amerika aber nahm das Volk, das vollkommen durcheinander war, diese Nachricht mit vollkommener Gleichgültigkeit auf.
Amerika wird mit aller Offenheit auf einen Krieg vorbereitet, ebenso auf die Tatsache, daß es ein Krieg «gegen den Kommunismus» sein wird. Im Hinblick auf dieses Ziel werden die üblichen «Opfer» gefordert: höhere Steuern, obligatorische Dienstpflicht, Luftschutzübungen, «Verbote» und so weiter. Zeitungen und Rundfunk sind voll von vorbereitenden Warnungen.
Wird sich aber ein solcher Krieg, einmal begonnen, folgerichtig gegen den Kommunismus und dessen Aggressionen richten? Das ist nur dann wahrscheinlich, wenn die geheimen Einflüsse, welche Roosevelt im Zweiten Weltkrieg leiteten und ihn im letzten Augenblick zum verhängnisvollen Schritt von Yalta verführt haben, aus ihren Schlüsselstellungen im amerikanischen Leben entfernt werden. Mit einer solchen Maßnahme aber hat man bis jetzt nicht Ernst gemacht, so daß bis zu ihrem Eintritt die düstere Wahrscheinlichkeit besteht, daß jeder neue Krieg wiederum ganz anderen Zwecken und Zielen dienen wird, als die große Masse bei Beginn geglaubt hat. Die eigentlichen Ziele, die im letzten Krieg verfolgt wurden, waren die Expansion des Sowjetreiches und die Gründung eines zionistischen Staates in Arabien. Nächstes Mal sollen diese beiden Ziele vermutlich noch weiter gefördert werden. Sollte sich aber der Weltstaat als das eigentliche Ziel hinter dem Rauchschleier militärischer Operationen «gegen den Kommunismus» erweisen, dann werden in ihm diese beiden Mächte die erste Geige spielen.
Diese Situation wird sich erst ändern, wenn mit der Vertreibung der kommunistischen Agenten aus dem amerikanischen Verwaltungsapparat einmal Ernst gemacht und die kommunistische Partei verboten wird. In England ist die Situation ganz ähnlich . . .
Dieses Geheimnis lastet auf allen jüngsten Regierungen der westlichen Welt, während sie sich offensichtlich auf die Kraftprobe mit dem von ihnen selbst geschaffenen Frankenstein vorbereiten. Jeder geschulte politische Beobachter weiß, daß die kommunistische Verseuchung in Washington und London noch immer sehr stark ist. Die dortigen Regierungen bestreiten dies und weigern sich, wirksame Maßnahmen dagegen zu ergreifen.
Unter solchen Umständen kommt mir der Wandel der amerikanischen Politik in den Jahren, seit ich dieses Buch geschrieben, eher trügerisch als echt vor und die Völker Westeuropas, der britischen Inseln und Amerikas haben allen Grund, sich noch heute vor den Einflüssen zu fürchten, welche den militärischen Sieg des Zweiten Weltkrieges zur politischen Niederlage, im Fiasko von Jalta, verwandelt haben.
Aus dem gleichen Grunde scheint es, daß die verschiedenen Maßnahmen, welche die amerikanische Regierung besonders gegen die «kommunistische Aggression» ergriffen hat, eher als Beruhigungstropfen für die besorgten Amerikaner, denn als wirklich ernsthafte Schritte gedacht sind. Eine neue amerikanische Präsidentenwahl steht bevor. Das ist ein ganz entscheidender Faktor. Die demokratische Partei des Präsidenten Roosevelt und Truman (und von Yalta und Potsdam) ist nun seit neunzehn Jahren an der Regierung. Sie wünscht auch weiter an der Regierung zu bleiben. . . .

Spanien ist ein typischer Fall. Während Jahren weigerte sich die Regierung in Washington, immer noch unter dem Einfluß der Roosevelt‑Ära, irgendwelche Beziehungen mit Spanien zu unterhalten. 1947 bemerkte das amerikanische Staatsdepartement (Außenamt) recht hochmütig, «daß Spanien damit rechnen muß, so lange das Franco‑Regime an der Macht ist, von der organisierten Gemeinschaft der Nationen ausgeschlossen zu bleiben». «Die Gemeinschaft der Nationen» war damals gleichbedeutend mit der «Vereinigte Nationen» benannten Körperschaft, in welcher der Sowjetstaat und die Schattenregierungen jener Staaten, welche dieser in Ost‑Europa annektieren durfte, volle Mitgliedschaft besaßen! Bis zum Jahre 1949 protestierte der amerikanische Staatssekretär für das Auswärtige, daß es unmöglich sei, Spanien in diesen demokratischen Klub aufzunehmen (um mit solch vorbildlichen Demokraten, wie die UdSSR, Sowjet‑Polen und anderen mehr, zusammenzusitzen).
Dann kam der koreanische Krieg, der durch die Erklärung des amerikanischen Präsidenten eingeleitet wurde, es handle sich darum, «der kommunistischen Aggression Einhalt zu gebieten». Dieser eine Punkt steht in Bezug auf Spanien eindeutig fest. Spanien ist ein antikommunistisches Land. Trotzdem legte der amerikanische Präsident sein Veto gegen eine amerikanische Anleihe an Spanien ein, sowie gegen jede Aufmunterung dieses Landes zur Teilnahme an dem großen antikommunistischen Kreuzzug. Gleichzeitig bewilligte er Kredite an Jugoslawien. Dieser eine Punkt in Bezug auf Titos Jugoslawien steht eindeutig fest: es ist ein kommunistischer Staat, ganz gleichgültig, ob der Haß zwischen Stalin und Tito echt ist oder nicht.
So begann der koreanische Krieg in größter Verwirrung, die für unsere Zeit das bezeichnendste Merkmal ist. Aber breite Kreise der amerikanischen Öffentlichkeit begannen sich über diesen Widersinn Gedanken zu machen, so daß sich der amerikanische Präsident im Hochsommer 1951 endlich bewegen ließ, mit Spanien über Anleihen, Stützpunkte und dergleichen Verhandlungen einzuleiten. Ich glaube, daß dies aus dem Grunde geschehen ist, um die öffentliche Meinung der Amerikaner zu beruhigen und den Boden für die Wahlkampagne 1952 zu ebnen. Die große Untersuchung aber über den kommunistischen Einfluß in den amerikanischen Amtsstellen und bei den höchsten politischen Posten läßt noch immer auf sich warten. In diesem Punkt haben der Präsident und seine Sprecher um keinen Zoll nachgegeben.
Der koreanische Krieg selbst offenbarte von Anfang an eine ähnliche Begriffsverwirrung. Der amerikanische Präsident wurde gewarnt, daß nach dem Wegzug der amerikanischen Truppen aus Südkorea eine kommunistische Invasion erfolgen werde. Er befahl den Wegzug der amerikanischen Truppen und als die erwartete Invasion prompt erfolgte, befahl er ihnen wieder zurückzukehren. Dann ließ er das ganze Unternehmen zu einer Maßnahme der Vereinigten Nationen (in welchen die kommunistischen Scheinregierungen noch sämtliche Sitze behalten haben) gegen die kommunistische Aggression umstempeln.
Jetzt endlich war die Gelegenheit gekommen, um die Echtheit der Bekehrung zu beweisen. Hatten die gegenwärtigen Beherrscher Amerikas endlich den Sinn des früheren Geschehens begriffen? Waren sie jetzt aufrichtig entschlossen, den expansiven Kommunismus aufzuhalten, dem sie selbst zur Berliner Frontlinie und zur chinesischen Küste verholfen hatten?
Der koreanische Krieg unterschied sich in seinem ersten Jahr (während ich schreibe, werden Waffenstillstands-verhandlungen geführt) völlig von allen übrigen Kriegen der Geschichte. Wiederholt erklärten der amerikanische Präsident, daß es nicht ein amerikanischer Krieg sei, sondern ein Krieg der Vereinigten Nationen (die durch Anerkennung der Mitgliedschaft der Scheinregierungen der Satellitenstaaten selbst den kommunistischen Eroberungen in Ost‑Europa den Schein der Legalität gegeben haben). Hier war das erste große Beispiel für die «Übergabe der Souveränität» an eine geschlossene Organisation, die behauptet, die Welt zu verkörpern.
Gleich bei Kriegsbeginn äußerten sich offizielle Sprecher der drei Regierungen, die in dieser Sache am meisten beteiligt waren (Amerika, Großbritannien und Kanada), in aller Öffentlichkeit, daß der kommunistische Angreifer, den man bestrafen wollte, mit Gebietsabtretungen und öffentlicher Anerkennung belohnt werden muß! Den Soldaten schien das nicht ungewöhnlich, und die Bewohner in der Heimat blieben ebenfalls vollkommen gleichgültig. Diese neue Haltung mag vielleicht gut sein, aber ich kann mich nicht erinnern, in der Geschichte jemals auf etwas Ähnliches gestoßen zu sein. Bei Beginn des koreanischen Ausflugs erklärten amerikanische, britische und kanadische Minister öffentlich, daß das kommunistische China (welches sich bald an der Aggression beteiligen sollte) die Insel Formosa erhalten und Seite an Seite mit andern kommunistischen Schattenregierungen in den Vereinigten Nationen sitzen soll!
Das heißt, daß gleich bei Beginn des koreanischen Krieges öffentlich die Absicht verkündet wurde, den chinesischen antikommunistischen Führer Tschiang‑Kai‑Schek (der gegen Faschismus schon länger als irgend jemand in der Welt gekämpft hat) im Stiche zu lassen, genau wie man vorher General Mihailowitsch, die legalen Regierungen Polens und der baltischen Staaten, Otto Strasser und die antinazistischen und antikommunistischen deutschen Führer im Stiche gelassen hatte. Kann es ein deutlicheres Anzeichen geben, daß die Einflüsse, welche Präsident Roosevelt irreführten, noch heute in den Hauptstädten des Westens sehr stark sind?
Tschiang‑Kai‑Schek hielt diese letzte Insel, Formosa, mit recht bedeutenden antikommunistischen chinesischen Armeen besetzt. Inseln sind schwer zu erobern. Hier kam mitten aus den Stützpunkten des antikommunistischen Feldzuges ganz offen der Vorschlag, daß man den chinesischen Kommunisten die Mühe der Eroberung Formosas und Tschiang‑Kai‑Scheks eigentlich ersparen könne, indem man ihn zugunsten seiner Feinde aus den Vereinigten Nationen ausstoße und dafür die Kommunisten als Mitglieder einführe.
Doch nicht genug! Die amerikanische siebente Flotte wurde nach Formosa befohlen mit dem Auftrag, den antikommunistischen Führer dort in Schach zu halten und ihn daran zu hindern, seine kommunistischen Gegner auf dem chinesischen Festland anzugreifen. Ich wiederhole: Einen solchen Krieg hat es noch nie in der Geschichte gegeben, besonders was die stillschweigende Hinnahme solcher erstaunlichen Dinge von seiten des Publikums anbetrifft. Früher gab es einmal etwas, was sich öffentliche Meinung nannte. Ich weiß das, weil ich diesem Phänomen zu Lebzeiten begegnet bin. Auch sie scheint ein weiteres Opfer unserer Zeiten geworden zu sein.
Die Entlassung des amerikanischen Oberbefehlshabers konnte fast mit Sicherheit von Anfang an vorausgesagt werden, denn er gehörte zum Typus der Generale, die an einen militärischen Sieg und einen anschließenden politischen Sieg glauben. Seine Ausschaltung gehörte zu den oft ausgesprochenen kommunistischen Zielen der letzten sechs Jahre. So endet der koreanische Krieg mit einem sehr großen kommunistischen Erfolg. . . .
. . . Sollte das Endergebnis des koreanischen Zwischenaktes eine weitere Ausdehnung der kommunistischen Herrschaft und die Aufnahme des Angreifers in den New Yorker‑Klub sein, dann muß man schließen, daß das Unternehmen in Korea von Anfang an ein Schwindel war.
Welche Glanzleistung für die Organisation, die zum Zweck der Befriedung der Welt Souveränitätsrechte über alle Völker beansprucht: Teilung in Europa, in Palästina und in Korea! Lassen sich drei Beschlüsse denken, die geeigneter sind, Krieg und Elend hervorzurufen? Kann irgend jemand nach einem solchen Anfang glauben, daß die Mächte, welche diese Organisation beherrschen, wirklich den Frieden in der Welt herbeiwünschen?
Vor fünfunddreißig Jahren, 1917, äußerten alle klugen und bedächtigen Menschen, Juden und Heiden gleicherweise, die ernstesten Warnungen gegenüber dem schattenhaften Plan, einen zionistischen Staat in Arabien zu gründen. Es war alles umsonst und während der letzten drei Jahrzehnte fielen die Politiker des Westens wie besessen übereinander her, um diesen ehrgeizigen Traum zu verwirklichen.
Jetzt können wir das Resultat deutlich sehen. Der mittlere Osten wurde wenn möglich zu einem noch gefährlicheren Explosionsherd als Europa. Die Araber haben sich in ihrem Haß gegen Amerika und England geeinigt, die den Vorwand eines zweiten Weltkrieges benutzten, um sich in die Angelegenheiten ihrer harmlosen Länder einzumischen und mit britischen und amerikanischen Waffen und Geldern die Gründung einer zionistischen Kolonie von Osteuropäern zu erzwingen. Sie fragen sich, ob das wohl die Meinung der großen amerikanischen Republik ist, wenn sie mit lauter Stimme gegen den «Kolonialismus» und «Imperialismus» wettert. Haben sie von England wirklich nichts Besseres verdient? Niemals werden sie sich mit dieser phantastischen Tat befreunden oder gar sich mit ihr einverstanden erklären können.
Falls der Sowjetstaat den Mittleren Osten für seine nächsten Expansionsgelüste wählen sollte und im Anfangsstadium den Arabern eine Freundschaftserklärung abgibt, dann sind die Folgen unabsehbar. Manchmal habe ich den Eindruck, als ob jeder wichtige Entschluß der westlichen Politiker in den letzten dreißig Jahren, aus Blindheit oder Unvermögen, dahin gezielt hätte, um die Jahrhundertmitte eine für die westliche Welt unlösbare Situation herbeizuführen. Sogar Churchill, der, falls er dazu in der Lage gewesen wäre, die Zweiteilung Europas verhindert hätte, fügte sich in seiner Nah‑Ost‑Politik dem zionistischen Nationalismus, diesem Licht der Strandräuber.
Das Ende von all dem ist noch nicht abzusehen. Noch müssen wir auf dem falschen Wege vorwärtssehreiten, bis die Völker endlich merken, wie sie betrogen worden sind, und sich aus ihrer Mitte neue Männer suchen, die zu den alten Grundsätzen des nationalen Interesses, der Loyalität und der Wahrheit zurückkehren. Noch sind die Tage «des großen Betruges an den Völkern» nicht gezählt.
Ich habe dieses Vorwort zur deutschen Ausgabe mit dem Bild Europas vor Augen geschrieben. Noch immer hoffe ich, meine Tage dort beschließen zu dürfen! In Zürich, wo dieses Buch verlegt wird, habe ich nach dem Einmarsch in Österreich glückliche Tage verlebt. Österreich, welch herrliches Land! Und wie sehr sehne ich mich danach, eines Tages wieder in seinen Seen zu schwimmen, seine Berge zu besteigen, durch die Straßen von Linz, Graz und Innsbruck zu schlendern und meine Nächte in freundlichen Gasthäusern am Wege zu verbringen! Das Südtirol, Bratislawa, Prag, Brünn, Pilsen: Sie alle will ich wiedersehen und ich hoffe, daß die Zeiten es mir noch erlauben werden.
Und Deutschland! Als ich Deutschland zum letzten Male sah, im Jahre 1939, da verreiste ich mit Gefühlen des tiefsten Bedauerns und der trübsten Vorahnungen. Ich fürchtete und haßte den Nationalsozialismus, der mir eine üble Sache zu sein schien, aber die Deutschen bewunderte ich und Deutschland war ein herrliches Land. Ich empfand die Bombardierung von Dresden, Hamburg und Köln als körperlichen Schmerz, genau wie die Zerstörung meines eigenen Coventry und Canterbury, denn diese Kulturstätten gehörten zum ewigen Deutschland, dem ich große Bewunderung und tiefen Dank schuldete. Wie glücklich wäre ich, dürfte ich wieder durch die dunklen Wälder Thüringens streifen und in meinen geliebten Mecklenburgerseen schwimmen, dürfte ich wieder eine Rheinfahrt genießen oder Kaffee an der Binnenalster trinken, dürfte ich nochmals durch das alte Städtchen Rothenburg wandern oder eine Segelfahrt bei Swinemünde genießen.
Unsere Tage haben es mit uns, die wir alle Länder Europas liebten, nicht gut gemeint. Aber, wie dem auch sei: Morgen ist auch ein Tag!

Wien 1938
Beim Erscheinen dieses Buches werden genau zehn Jahre seit der Veröffentlichung von «Der Jahrmarkt des Wahnsinns» vergangen sein. Hier ist die Fortsetzung. Die Ereignisse, die sich inzwischen abgespielt haben, mögen jetzt mit den Vorhersagen und Warnungen verglichen werden, die im «Jahrmarkt» zu lesen waren. Ist das geschehen, dann mag man die Aussichten für die nächsten zehn Jahre, 1948‑1958, abschätzen. Hat die vergiftete Atmosphäre des 20. Jahrhunderts sich nun gereinigt? Meiner Ansicht nach ist die Antwort einfach: nein! Der große Ausscheidungskampf zwischen Freiheit und Sklaverei geht weiter. Aus dem Rauch der dreißiger Jahre sind wir eben erst durch die Feuerprobe der vierziger in den erstickenden Qualm geraten, mit dem die fünfziger Jahre auf uns warten. Die militärischen Siege des Zweiten Weltkrieges haben sich in Wahrheit gegen den hohen Einsatz gerichtet, um dessentwillen dieser Krieg begonnen worden war: die Freiheit. Der Zweite Weltkrieg hat uns große Generäle beschert, aber keine Staatsmänner, sondern nur Politiker, und die Handlungsweise dieser Politiker wurde noch stärker als während des Ersten Weltkrieges und der Jahre, die auf ihn folgten, durch überall wirksame geheime Kreise irregeleitet, die gegenüber der Freiheit und der nationalen Eigenständigkeit feindlich eingestellt waren.
Wenn ich auf den Mann zurückblicke, der vor zehn Jahren in Wien «Jahrmarkt des Wahnsinns» schrieb, bemerke ich gewisse Veränderungen bei mir selbst. Damals geisterte noch die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und sein unermeßliches Blutbad in mir, und die quälende Vorahnung von einem neuen Gemetzel veranlaßte mich jene Warnung zu schreiben: Haß und Abscheu vor den Tyranneien, die ich in Europa sich erheben sah, waren, glaube ich, sekundäre Empfindungen gegenüber dieser alles überwältigenden Besorgnis. Menschenleben können vernichtet werden ‑ das Leben selber kann nicht vernichtet werden, denn es erneuert sich ewig. Ruinen sind relativ unwichtig, denn Menschenhände können immer wieder aufs neue errichten, was Menschenhände zerstört haben. Jetzt scheint mir die Vernichtung der geistigen Werte das Wichtigste zu sein, was aufgehalten werden muß.
Was ich unter geistigen Werten vor allem verstehe, sind Religion, Patriotismus, Freiheit, Menschenwürde und Ehre. Der Prozeß der Vernichtung dieser Werte begann in den dreißiger Jahren und wurde durch den Zweiten Weltkrieg beschleunigt und erweitert. Sollte er noch weiter andauern, dann scheint mir das sogar eine noch furchtbarere Zukunftsaussicht zu sein als ein «Dritter Weltkrieg», von dem ich weit und breit reden höre. Die furchtbarste aller Zukunftsaussichten aber ist, daß solch ein dritter Krieg, wie schon der zweite, im Namen der Freiheit angefangen werden könnte, um dann während seines Verlaufs ganz heimlich in einen Krieg zur endgültigen Ausrottung der Freiheit verwandelt zu werden. Ganz offensichtlich ist der Ablauf dieser Kriege des 20. Jahrhunderts unter die Kontrolle außenstehender Mächte geraten, so daß solche Verwandlungen möglich sind. Wir haben dieses Kunststück jetzt schon zum zweiten Male erlebt.
Wenige Tage bevor «Der Jahrmarkt des Wahnsinns» erschien, wurden die darin ausgesprochenen Warnungen jählings durch den Einmarsch der Deutschen in Österreich gerechtfertigt, ‑ ein Ereignis, an das zu glauben die öffentliche Meinung in den dreißiger Jahren sich solange weigerte, bis es eingetroffen war. Meine Glaubwürdigkeit wurde durch dieses Ereignis vermehrt, weil ich es als ganz klar und selbstverständlich vorausgesehen hatte. Und dann begann der Zweite Weltkrieg . . .
Heute, zehn Jahre später, da ich diese Fortsetzung schreibe, ist mir immer noch jene lärmende, angsterfüllte Nacht in Wien in Erinnerung. Ich hatte damals auch einen Abschiedsbesuch bei einem biederen Altpapierhändler zu machen, der mich von den Stapeln gilbender alter Zeitungen befreite, die meine Wohnung verbarrikadierten. Er bewohnte drei große Kellerräume unter einem alten Hause in der Nähe des Stephansdomes. Unterirdische Gänge führten aus ihnen in die Katakomben der Altstadt. Dort unten in der Dunkelheit lebte er, zwischen Bergen von Säcken und Papier.
Dort unten war der Lärm des tobenden Pöbels über unseren Köpfen gedämpft: eine weit entfernte, unheilverkündende Kakophonie, das Leitmotiv des von Wahnsinn erfüllten 20. Jahrhunderts. Dieser Altpapierhändler war ein zivilisierter Mann, und deshalb war ich zu ihm gegangen, um ihm auf Wiedersehen zu sagen. Er nickte zu dem gedämpften Lärm, der von oben her zu hören war. «Hören Sie nur», meinte er, «heute Nazis, morgen Kommunisten ‑ und allezeit Idioten».
Hätte es mehr von seiner Art gegeben, dann wären die Marats und Lenins und Hitlers auf keinen grünen Zweig gekommen. Ich schüttelte ihm die Hand und machte mich auf den Heimweg durch die Kärntnerstraße. Diese halbe Meile Wegs zwischen dem Stephansdom und dem Ring schien mir die Hauptstraße des zivilisierten Europas zu sein, das damals von der Zerstörung bedroht war (und heute beinahe völlig vernichtet ist). Nicht einmal Rom oder London haben in den zweitausend Jahren unserer Geschichte eine solch schier endlose Folge von Einfällen, Belagerungen, Schlachten, Eroberungen, Niederlagen, Tyrannei, Befreiung, Wiederaufbau und christlicher Entwicklung, in der unsere, allen gemeinsame Geschichte liegt, erlebt, wie die Kärntnerstraße in Wien.
In jener Nacht beherrschten Stimme, Antlitz und Lärm des Pöbels die Hauptstraße ‑ Europa ‑, die ebenso geradewegs nach London wie nach Wiener Neustadt führt. Wie leicht der Pöbel den Leichenfledderern ihre Arbeit gemacht hat! Das Gesicht dieses Pöbels widert mich an. In jedem der davonrasenden Gadarene-Schweine gewahre ich denselben Ausdruck wilder Begeisterung für das seinen Augen dargebotene Hinterteil des vordersten Tieres. Warum woandershin sehen, und soll man nicht immer dem Schwein an der Spitze folgen? In diesen zehn Jahren habe ich das Gesicht des Pöbels näher gesehen, als mir lieb ist.
Heute vor zehn Jahren! Kinder, die in jener Nacht geboren worden sind, sind immer noch Kinder; Jungens, die damals zehn Jahre alt waren, sind immer noch junge Leute; junge Männer von zwanzig Jahren sind immer noch junge Männer: ist das möglich? Es ist fesselnd, zurückzublättern, und 1948 die zehn Jahre, wie sie gewesen sind, mit den zehn Jahren zu vergleichen, die jene Nacht so drohend voraussehen ließ. Nachdem wir diesen Vergleich angestellt und soviel Erfahrung gesammelt haben, um unser Urteil zu fällen, ist es noch fesselnder, eine Betrachtung über die zehn Jahre anzustellen, die jetzt vor uns allen liegen. Dem Verfasser des «Jahrmarkt des Wahnsinns» erscheinen sie verhängnisvoller als die zehn Jahre, die damals in jener Nacht des Jahres 1938 noch vor uns lagen.

ERSTES BUCH

Rauch 1933 ‑ 1939

Mit einem verurteilten Mann zu Tisch
Es war erst gestern, und doch war es am andern Ende der Zeit. Es war vor zehn Jahren. Ich wußte nicht, warum mein Gastgeber mit mir essen wollte. Ein oder zwei Jahre später sollte sein Name überall berühmt oder berüchtigt sein, aber damals war er offensichtlich nur ein Anwalt, politisch nicht aktiv und der Öffentlichkeit unbekannt. Ich hatte nie von ihm gehört. Irgend ein gemeinsamer Bekannter hatte unsere Begegnung vermittelt. «Ein interessanter Mann», hatte er zu mir gesagt, «ein Freund des Bundeskanzlers, in dessen Batterie er während des Krieges gedient hat. Er ist kein Nazi, aber er ist der Ansicht, Österreich müßte mit Deutschland irgendwie zu einer Übereinkunft gelangen. Sie sollten ihn mal treffen!»
Ich betrachtete ihn über das Glas hinweg. Höflich, gefällig, humorvoll. Das war das angenehme österreichische Erbe. Groß, gut gewachsen und gut aussehend bis auf den prüfenden Blick seiner Augen, welche durch die dicklinsigen Brillengläser vergrößert erschienen. Sein steifes Bein, nahm ich an, rührte von einer Kriegsverletzung her. Was wollte er von einem englischen Zeitungskorrespondenten? Wollte er mich ausholen, oder wollte er mir Informationen geben? War er wirklich nur ein besorgter Patriot, oder war er vielleicht ein politischer Intrigant? Er lüftete die Maske nicht. Vielleicht sah er selber die Zukunft nicht klar und die Rolle, die er darin spielen sollte, voraus. Aber er wußte, was ich nicht erraten konnte: daß er ein Verschwörer zwischen Pulverfässern war, nur konnte er ‑ ebenso wenig wie ich ‑ voraussehen, daß sein Leben in der Schlinge enden würde.
Hinter ihm stiegen die Weinberge von Wien, Zeugen vergangener glücklicher Zeiten, wie eine Mauer an. Er sprach mit lächelnder Geschwätzigkeit über Hitler und die Nazis: «Wenn alle so wären wie Sie und ich, Herr Reed», bedeutete er mir, «kämen die Dinge bald in Ordnung. Die Deutschen? Ach, das sind schwerfällige Leute, man kennt ja ihre aufreizende Art, net wahr?» Aber sie waren nun einmal ein Faktor geworden, mit dem man rechnen mußte, und Österreich konnte nicht den David spielen, wenn selbst Frankreich und England sich hüteten, wider den Goliath aufzutreten. Deutschland hatte das Recht und die Macht, einen gesicherten Platz in Europa für sich zu verlangen, und gutnachbarliche Beziehungen mit den Völkern, die es umgaben. Die Großmächte konnten nun mal von den kleinen Staaten nicht erwarten, daß sie die Rolle von Wachtposten gegen das Reich übernahmen. Aber es könne nicht die Rede davon sein, daß Deutschland Österreich und die Tschechoslowakei schlucke. Die mußten unabhängig bleiben.
So sprach die angenehme, verständige Stimme, die dann nur wenige Wochen später «Einverstanden!» sagen sollte, als die Deutschen ihn aufforderten, die Macht zu übernehmen und die Deutschen zum Einmarsch in Österreich einzuladen. Jäh sich demaskierend sollte da dieser heute unbekannte Mann auf dem Balkon des historischen Bundeskanzler‑Palais erscheinen und lächelnd auf den heulenden Pöbel hinunterblicken, während der Bundeskanzler, sein Freund, ins Gefängnis geworfen wurde. Nicht viel später, und der Zweite Weltkrieg kam, und wie einer von Napoleons Marschällen sollte er Herrscher über ein kleines Reich, die Niederlande, werden. Und nicht lange danach: Nürnberg und der Galgen …
Dieser Mann scheint mir, wenn ich nun Rückschau halte, ungeheuer interessant zu sein. In seiner Person und seiner Karriere kann man den Verlauf der Krankheit, welche ganz Europa jetzt wie eine Seuche verheert und den ganzen christlichen Kontinent einem Ende entgegenzuführen vermag ganz deutlich verfolgen. Er war ein Mann aus dem Geschlecht der Verräter, und als ich ihm begegnete, schien das ausgestorben zu sein. Der zivilisierte Mensch hatte sich daran gewöhnt, Verrat als ein Verbrechen zu betrachten, das noch schlimmer als der Mord und ebenso selten ist. Vor zehn Jahren war es tatsächlich nicht nur etwas Abscheuliches, sondern etwas beinahe Unvorstellbares. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich in meiner Ungläubigkeit förmlich einen Schock empfand, als ich ihn da oben auf dem Balkon des Bundeskanzler‑Palais postiert sah. Jetzt weiß ich, daß viele von den Menschen, die ich in jenen Tagen traf, Verräter waren, und daß viele von ihnen diesen Mann nur verurteilten, weil sein Verrat einer anderen fremden Sache diente als der ihrigen. «Kommunismus» oder «Faschismus» worin besteht der Unterschied, für einen Patrioten?
Eine alles verfälschende Ehrlosigkeit ist das Kennzeichen unseres Jahrhunderts und besonders der letzten zehn Jahre. Die öffentliche bedenkenlose Anerkennung des kommunistischen Verräters gleich nach der Aburteilung des nazistischen in Ländern, die im Zweiten Weltkrieg mitkämpften, ist ihr abstoßendster Zug. Sie ist die schlimmste aller Veränderungen, welche der Krieg und die vergangenen zehn Jahre gebracht haben. Der Verrat als Berufung kann jetzt als die Krankheit des 20. Jahrhunderts betrachtet werden.
Ich fuhr meinen neuen Bekannten in jener Nacht in meinem unvergeßlichen «Little Rocket» nach Hause. Er wohnte in einem angenehmen Vorort, einer Gegend wie etwa Wimbledon, in der solide, dauerhafte Villen und gutgepflegte Gärten von den guten Zeiten zeugten. Ich sah ihm nach, wie er mühsam die Stufen zu seiner Haustür hinaufstieg. Sie öffnete sich. Dahinter lag ein wohnliches Inneres, und seine Gestalt hob sich als Schattenriß gegen das warme Licht ab, während er dem Schafott entgegenhinkte.
Als die Tür sich schloß, fehlte nicht viel, daß ich ihn beneidete. Was ich nur andeutungsweise von seinem Hause gesehen hatte, ließ mich durch freundliche Stimmen auf ein glückliches Familienleben schließen. Meine eigene Zukunft lag dunkel vor mir. Ich war dabei, ein Buch zu schreiben, das mir, meiner Vermutung nach, meine Stellung kostete. Ich wußte, daß ein neuer Krieg mich bald aus Europa vertreiben würde, das ich doch so sehr liebte.
«Seyß‑Inquart» … rätselte ich, als ich davonfuhr, «ein seltsamer Name. Ich möchte doch wissen, warum er mit mir sprechen wollte?»

Ein Priester mit feinen Händen
Ereignisse und Menschen, deren Umrisse in den rauchigen dreißiger Jahren ganz klar waren, nehmen sich jetzt, zehn Jahre später, doch ganz anders aus. Dieser angenehme Bursche zum Beispiel, dem du keinerlei Treulosigkeit zutrautest, hat sich als ein Verräter erwiesen; und jener unangenehme Mensch da, dem du nicht trauen wolltest, ist es nicht gewesen. Die tagtäglichen Urteile sterblicher Menschen waren oberflächlich; himalaja‑hoch über ihnen ragt die Wahrheit des alten Wortes: «Die Rache ist mein». Shakespeare hat gesagt: «Es gibt nichts, was gut oder was böse ist, sondern das Denken macht es so», und darin liegt die größte Gefahr unserer Tage, da den Menschen das Denken durch die Maschinerie der Massen‑Irreführung abgenommen wird.
Man nehme nur einmal diesen Priester, den ich vor zehn Jahren in einer auf vielen Felsbuckeln erbauten alten Stadt, steil über der Donau, traf. Rechteckig mitten zwischen ihre sich windenden Straßen und alten Häuser gepflanzt, stand da das typische Hotel der zwanziger Jahre, und in dessen großem Speisesaal saß er, um sich herum ehrfurchtsvoll lauseliende Zuhörer, denn er war der große Mann am Platze. Er hatte einen Kugelschädel, Bürstenhaar, einen Stiernacken und einen stattlichen Wanst. Ganz instinktiv erwachte ein Antagonismus gegenüber politisierenden Priestern in mir.
«Das Denken macht es so»; wie unrecht hatte ich doch! Der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, der für gewöhnlich lesen kann und wenig Unterscheidungsvermögen besitzt, hat aus überlebten Fehden eine Menge schriftlich niedergelegter Vorurteile geerbt, die er auf seine eigene Zeit anwendet. Bei wievielen Menschen sind doch die Gedanken vorgeformt durch andere Menschen, längst gestorbene, die andere verflucht haben, welche auch schon längst vermodert sind! In allem, was ich gelesen hatte, war ich oft auf den «hitzköpfigen Priester» gestoßen, den «nichtswürdigen Priester», den «klobigen Priester», den «falschäugigen Priester».
Vor mehr als zweihundert Jahren schrieb ein gewisser Jean Messelier in seinem Testament: «Das wird mein letzter und innigster aller meiner Wünsche sein: Ich möchte den letzten der Könige mit den Eingeweiden des letzten der Priester erdrosselt sehen». Voltaire griff diese Worte des Unverstands auf und veröffentlichte sie, vermutlich zum Spott; denn Voltaire war intelligent genug, um vorauszusehen, daß der gemeine Mann schlimmer als Priester und Könige sein würde. Ein Messelier von heute mag so innig wie jener den Wunsch haben, den letzten der Kommunisten mit den Eingeweiden des letzten Faschisten erdrosselt zu sehen; und solche Worte, die heute nach fünfzig Jahren ungereimt klingen mögen, können sehr wohl auch dann noch unreife Gemüter begeistern, wenn ihre Wahrheit schon dahin ist. Aber wer gegen die sichtbaren Feinde der Gerechtigkeit und Freiheit kämpft, vergißt, daß seine Worte noch leben, wenn neue Feinde sich erhoben haben, und daß diese seine flammenden Worte direkt gegen das wenden, was er selber liebt. Sie identifizieren die Tyrannei mit verschiedenen Klassen und Berufen, während sie in Wirklichkeit eine Krankheit der Macht ist und jede folgende Gruppe befällt, die an die Macht gelangt ‑ gerade wie die Wellen, die sich am Ufer brechen, obwohl in sich getrennt, in ihrer Gesamtheit ein Einziges und Ewiges sind.
Solche Vorurteile, veraltet, aber unkritisch aufgenommen, mochten meine unbestimmte Abneigung verursacht haben; sie und die Nähe der barbarischen Deutschen, die mich verfolgten. Sie waren gerade jenseits der Brücke, wenige hundert Meter entfernt. Würde dieser politisierende Priester gemeinsame Sache mit ihnen machen, fragte ich mich. Er besaß feine Hände, und das rief eine andere Erinnerung in mir wach: «der kunstliebende, feinhändige Priester … »
Ich sehe heute klarer als damals im Rauch. Dieser Mann, um dessen Hals sich ebenfalls die Schlinge schließen sollte, war verschieden von Seyß‑Inquart, ja das genaue Gegenteil. Er hat niemals eine falsche Ergebenheit vorgetäuscht. Er bekannte sich als Christ und slowakischer Patriot, und er starb dafür.
Die Slowakei! Der Brite ist insulär (obschon ich selten etwas so Insuläres gesehen habe wie jeden beliebigen Franzosen), und ich weiß nicht, wie er sich zwischen den fernen Slawen, Slowaken, Slowenen und Slawonen zurechtfinden soll. Und doch besitzen sie alle ihre Eigenart, ihre eigene, ganz besondere Sprache, ihre Geschichte und Lebensweise und ihren Hunger, frei in ihren Ländern zu leben. Tausend Jahre können diese Sehnsucht auch in den geringsten Völkerschaften nicht ersticken. Die Slowaken sind ein Bauernvolk; kein Volk, das seit Jahrhunderten unterjocht wird, vermag eine herrschende Klasse aus sich selbst zu bilden. Da sie keine Ritterschaft besitzen, müssen sie sich nach Führern unter der einzigen gebildeten Schicht umsehen, der Priesterschaft, die sich für gewöhnlich aus Bauernsöhnen rekrutiert.

Daher das Auftauchen dieses Vaters Tiso als Führer der Slowaken, als der zweite Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts sich näherte. Ich hatte ihn im Verdacht, daß er persönliche Beziehungen mit Hitler unterhielt, und ich täuschte mich nicht. Er mag in jener Nacht die Vertragsurkunde in der Tasche gehabt haben. In den dreißiger Jahren hielt ich es für eine wahnwitzige Sache, dergleichen zu tun; in den vierziger Jahren wurde er dafür gehängt, aber wenn ich heute zurückschaue, ist seine Hinrichtung für mich unendlich viel böser. Tatsächlich, seine Gestalt nimmt für mich die Umrisse eines christlichen Märtyrers an.
Wäre es uns gegeben, das Ende derer vorauszusehen, mit denen wir zusammen an einem Tische essen, dann gäbe es eine ganze Menge grausiger Feste. Die reptilienhafte Ehrlosigkeit unseres Jahrhunderts hat ihre schleimige Spur in dem Gerichtsverfahren gegen diesen Mann und in seiner Hinrichtung hinterlassen. Sein Verbrechen bestand darin, daß er einen Vertrag mit Hitler unterzeichnet hatte! Käme es darauf an, wäre beinahe jeder europäische Politiker schuldig zu sprechen. (Das sah ich vor zehn Jahren noch nicht voraus.) Der Präsident der Tschechoslowakei selbst unterwarf sich Hitler, unter dem Druck der Ministerpräsidenten von Großbritannien, Frankreich und Italien, die von allen ihren politischen Parteien unterstützt wurden. Diese Handlungsweise (das Abkommen von München) machte den Weg frei für den Zweiten Weltkrieg, der dann wirklich durch einen Bündnisvertrag zwischen Hitler und dem Sowjetdiktator eröffnet wurde.
Aber den Priester‑Präsidenten der winzigen Slowakei, der unter der Übermacht dieser furchtbaren Kräfte einen Vertrag mit Hitler abschloß, den hängte man! Das Todesurteil war vom Präsidenten der Tschechoslowakei selbst unterzeichnet. Wie doch die Umrisse der Menschen sich verändert haben, wenn ich nun aus den vierziger Jahren auf die dreißiger zurückschaue! Ich habe diesen Präsidenten Benesch für den hervorragendsten Kämpfer für Freiheit und Recht gehalten. Ein Arbeitsmensch, kunstfertig, bürgerlich ‑ ich sah in ihm den gemeinen Mann schlechthin, der zuletzt triumphierte, einen Streiter für die Befreiung von der Fremdherrschaft, schon vor 1914, der endlich den Lohn für seinen und seines Volkes langen Kampf geerntet hatte.
Ich habe in meinen Aufzeichnungen nachgesehen, was er mir in den dreißiger Jahren über Deutschland gesagt hat. Da heißt es im Januar 1937: «Wenn ich sicher wäre, daß England und Frankreich ihre Bündnisverpflichtungen nicht halten, würde ich sofort eine Verständigung mit Deutschland suchen» … Und im Dezember 1937: «Wenn Sie der Ansicht sind, wir seien ohne Nutzen, indem wir diese außerordentlich wichtige geographische Position in Zentraleuropa behaupten, von welcher der ganze Frieden in Europa abhängt, dann bedeutet das, daß es schlußendlich in unserem Interesse liegt, mit Deutschland zu einer Verständigung zu gelangen und bei allen Eroberungen Deutschlands mit dabei zu sein.»
So Präsident Benesch, dessen Land dann in der Folge wirklich «gezwungen war, mit Deutschland zu gehen». Zehn Jahre später bestätigte er das Todesurteil über Präsident Tiso, der sich in genau demselben Dilemma befunden hatte. Heute ist sein Land gezwungen, mit Rußland zu gehen, und die Hinrichtung Tisos erweist sich als ein Akt sowjetischer Politik. Vor dreißig Jahren mühte man sich, der Welt, in der «das Denken es so macht», beizubringen, die österreichischen Herrscher seien Tyrannen. Unter ihrer Herrschaft aber stand es Männern wie Masaryk und Benesch frei, für die Freiheit zu kämpfen. Dreißig Jahre später war alles, was die tschechischen Patrioten auf dem Altar der Dankbarkeit opfern konnten: die Hinrichtung eines slowakischen Patrioten.
Der beleibte Vater Tiso nimmt sich jetzt für mich ganz anders aus. Das Bild der Menschen wird häufig von seinem Hintergrund bestimmt, und Vater Tisos Bild ersteht auf dem Hintergrund eines unmenschlichen Martyriums für seinen Glauben und seine Vaterlandsliebe. Es wird verdunkelt von dem Firnis finsterster Heuchelei in der Beschuldigung: daß er ‑ wie sein Henker auch ‑ mit Hitler zusammengearbeitet habe. Seine letzte Botschaft, vom Schafott herab, an die Slowaken, war leuchtende Wahrheit in der einsinkenden Nacht: «Seid allezeit einig im Dienste an Gott und dem Vaterland, dies ist nach Gottes ausdrücklichem Gebot das Gesetz der Natur, dem ich mein ganzes Leben lang gedient habe. Ich betrachte mich als einen Märtyrer in der Verteidigung des Christentums gegen den Bolschewismus und ermahne euch, allzeit im Glauben und in der Ergebenheit an die Kirche Christi zu bleiben.»
In jener Nacht, als ich ihn verließ, schenkte ich ihm wenig Gedanken mehr, denn die Slowakei und er selber schienen mir nur winzige Steine in dem großen Spiel zu sein. Auf den Straßen trampelten Nazi‑Sturmabteilungen einher, die sich jetzt kaum noch Mühe gaben, ihre Ergebenheit zu verbergen. Der Krieg stand nahe bevor. . . .

III. Die einsamen Könige
Zwei Männer aus den rauchigen dreißiger Jahren, die ich im «Jahrmarkt des Wahnsinns» geschildert habe, stehen für mich auch jetzt, dreizehn Jahre später, völlig unverändert da: König Boris von Bulgarien und König Georg von Griechenland. Ihre Haltung und ihr Ende in den vierziger Jahren waren, wie ich es vorausgesehen hatte. Die Flammen haben sie verzehrt, aber ihre Motive und ihre Treue blieben bis zuletzt unanfechtbar.
Könige stehen meiner Erfahrung nach streng abgesondert von allen anderen Männern der Politik. Sie sind Professionelle in einer berufsmäßigen Berufung. Der Staatsmann von Beruf, der Edelmann, der Geistliche oder der Gelehrte, der sein Leben dem Dienst an den öffentlichen Angelegenheiten weihte, ist ausgestorben. Sein Nachfolger, der Politiker des 20. Jahrhunderts, von dem ich eine Unzahl kennen gelernt habe, erscheint mir als ein Amateur. Seinem Herkommen nach ist er stets etwas anderes: ein Jurist, der Sohn eines Bauern, ein Journalist, ein Gewerkschaftssekretär, ein Professor, ein Künstler; er sieht in der Politik den Weg zu materiellem Gewinn, oder er tritt in die Politik ein, um sein Land vorwärtszubringen oder es zu ruinieren. In diesem Jahrhundert der großen Maskerade werden seine wahren Beweggründe zumeist erst im Augenblick der Demaskierung deutlich, wenn ein Verräter zum Vorschein kommt. Er ist bisweilen der Agent oder der Strohmann halbverborgener Gruppen. Sein Name ist so kurzlebig wie der Schnee; wo sind die Politiker vom vergangenen Jahr? Seine Nachkommenschaft taucht abermals in der Masse unter.
Wenn ich einem König gegenübertrat, empfand ich den Respekt, den ich gegenüber einem Chirurgen im Operationssaal empfinde, oder den ich fühlen würde, wenn ich im Maschinenraum eines Schiffes mit Kiplings altem McAndrew zusammen wäre, der hier «allein mit Gott und diesen meinen Maschinen» lebte. Solche Menschen sind technische Spezialisten; sie stehen tatsächlich abseits von allen Parteien. Sie sind wirklich, was sie scheinen. Frostige Einsamkeit umgab sie wie den Frontsoldaten im Kriege.
Balkan‑Könige sind Könige der vordersten Front. Vor hundert Jahren, als die Türken nach fünf Jahrhunderten nach Kleinasien zurückwichen, schien Europa endlich für die Christenheit und die kleinen Völker gesichert zu sein. Alle Völker des Balkans wählten sich Könige, und die meisten wählten germanische. Deutschland schuf irgendwie Männer, die sich auf das Königtum verstanden, und auch diese Insel ist gut genug gefahren, als sie eine gleiche Wahl traf. Aber nach den Türken fielen Österreich, Deutschland und heute das kommunistische Weltreich über die Balkan‑Königreiche her. Das Rußland der Zaren war ihr Freund; der kommunistische Herrscher aber wandelte sie abermals zu den finsteren Schlachthäusern, die sie unter den Sultanen gewesen waren. Hundert Jahre früher hatten die Christen unterirdische Kirchen bauen müssen, um ihren Glauben am Leben zu halten; solch eine Kirche stand König Boris‘ Palast in Sofia gegenüber. Die Worte «Widerstand» und «Untergrund» wurden hier geboren; es waren christliche und patriotische, nicht antichristliche und verräterische Worte. Auch dieser Kampf war ein Kampf von ganz Europa. Der Bewohner der britischen Insel wird das nie einsehen, aber der Balkan ist seine Front. Bulgarien und Griechenland sind unerbittlich seine Sache.
König Boris war das völlig klar. Das Frösteln, das ihn umgab, war fühlbar, und ich fragte mich, warum ein Mensch, der sich doch so leicht in Sicherheit und Bequemlichkeit hätte zurückziehen können, auf diesem belagerten Vorposten aushalten wollte. Ich meinte damals ‑ und jetzt ist es mir zu völliger Gewißheit geworden ‑, daß es die Hingabe des Spezialisten an seinen Beruf war, was ihn und seine Bruder‑Könige auf dem Posten ausharren ließ. Es muß das gewesen sein, denn die beiden Gestalten hinter seinem Stuhl waren ‑ obschon sie nur schattenhaft hervortraten ‑ doch ganz klar sichtbar für mich. Im «Jahrmarkt des Wahnsinns» schrieb ich: «Er hat zwanzig Jahre damit verbracht, gegen die beiden Feinde eines jeden Balkan‑Monarchen zu kämpfen: Abdankung und Meuchelmord … Der Gedanke an den Meuchelmord begleitet ihn, wo er geht und steht … Er sieht ihm ins Gesicht.»
Er sprach viel vom Meuchelmord, von dessen Methoden und von seinen Gegenmaßnahmen. Er sprach darüber, wie ein Spezialist in aller Ruhe Berufsprobleme erörtert. Er war ein Familienvater mit kleinen Kindern. Seine Bulgaren liebten ihn, von ihnen hatte er nichts zu befürchten. Wessen Hand würde es also sein, die eines Russen, eines Deutschen, ‑ wessen? Ich versuchte, ihn auszuforschen, und fand in ihm den ersten Mann in so hoher Stellung, der von anderen Mächten als diesen sprach, von geheimen, übernationalen Kräften. Er wies auf den Mord an seinem Nachbarn, König Alexander von Jugoslawien, hin. Ein mazedonischer Mörder, kroatische Helfershelfer, eine Mörderschule in Ungarn, italienisches Geld und Mitwisserschaft, ein Mord in Marseille und die verantwortungslose Lässigkeit französischer Polizeibeamter, englischer und französischer Druck im Völkerbund, die Nachforschungen einzustellen …

Er lächelte. «Wer also war der Schuldige?» fragte er mich. «Übrigens, ich habe Alexander gewarnt. Nein, Mister Reed, es gibt Mächte in der Welt, die keinen Frieden und keine Ordnung auf dem Balkan wollen, wo die Zukunft von Europa entschieden wird. Aber Sie können kein Land mit ihnen behaften. Es sind internationale Gruppen, übernationale, besser gesagt. . .»
Ich wünschte, ich könnte diese Dinge jetzt mit ihm diskutieren, im Lichte all dessen, was in den vierziger Jahren geschehen ist. Durch ein erstaunliches Zusammentreffen erzählte er mir, auf welche Art und Weise er selber getötet werden würde. Er sprach von einem Anschlag auf sein Leben, dem er durch eine vorherige Warnung entgangen war; das Ganze hatte sich in Varna abgespielt. Sein Englisch war mangelhaft. «Sie wollten mich mit einem Flugzeug befördern», erzählte er und machte mit den Händen eine Bewegung nach oben. Ich begriff nicht, was er meinte. «In einem Flugzeug?» fragte ich. «Ja, sie wollten mich in die Luft jagen», erklärte er und wiederholte die Geste. «Oh, ich verstehe«, sagte ich.
In den vierziger Jahren nun wurde er tatsächlich mit dem Flugzeug befördert, ‑ mit einer Sauerstoff‑Maske, so hieß es, die für seine Erstickung eingerichtet war. Sein Bruder Kyrill hat darüber bei seinem eigenen Prozeß berichtet. Kyrill wurde erschossen oder gehängt, aus welchem vorgegebenen Grunde, habe ich vergessen. Die Hand, die ihn tötete, war die des kommunistischen Herrschers. Und doch glaube ich, daß Boris – könnte er sprechen ‑ lächelnd bestreiten würde, sein eigener Tod habe seinen Grund dort. «Es gibt übernationale Mächte», glaube ich, würde er sagen, «die keinen Frieden und keine Ordnung hier auf dem Balkan wollen, wo über die Zukunft von Europa entschieden wird.»

Ich mußte an seine Worte denken, als Peter von Jugoslawien, nachdem er vor dem Rachen des deutschen Eindringlings durch Akklamation zum König gewählt worden war, von Großbritannien und den Vereinigten Staaten entthront und ein kommunistischer Diktator an seine Stelle gesetzt wurde. Als das geschah, erkannte ich zum erstenmal, daß der zweite Krieg des 20. Jahrhunderts verloren war, bevor er gewonnen wurde. Und wieder, glaube ich, würde Boris, wenn man dieses Ereignis mit ihm besprochen hätte, auf das finstere Bündnis von Kräften in vielen Ländern zur Zeit, da König Alexander ermordet wurde, hingewiesen und wiederholt haben: «Es gibt übernationale Mächte, die keinen Frieden und keine Ordnung hier auf dem Balkan wollen … »
Er starb auf seinem Posten, genau so, wie er erwartet hatte, und er glaubte zu wissen, wer seine Feinde waren. Er liebte seine Kinder, Blumen, das Studium des Insektenlebens und seine Arbeit. Er wollte sein Königreich behalten und den Frieden bewahren, und seine Motive und seine Interessen fielen mit denen seiner Bulgaren zusammen. Deshalb werden sie auch in Zukunft wieder einen König wählen und seinen Sohn Simeon zurückrufen, wann immer man es ihnen nur erlaubt.
Georg von Griechenland, als Mensch eine ganz andere Persönlichkeit, war ebenfalls wachsam und von allem zurückgezogen und lebte in der gleichen frostigen Einsamkeit. Ich habe noch nie einen derartigen öffentlichen Freudentaumel gesehen, wie bei seiner ersten Restauration. «Ach ja, aber was bedeutet das alles schon! » sagte er hinterher zu mir, und hielt seine Fensterläden sogar tagsüber verschlossen. Ich weiß nicht, ob er die Ansichten Boris‘ über übernationale Mächte, die gegen ihn arbeiteten, teilte, aber bestimmt kannte er die Gefahren, die ihn umgaben, und ich bezweifle, daß er fürchtete, einem griechischen Mörder zum Opfer zu fallen. Ein Balkan‑König braucht selten sein eigenes Volk zu fürchten.
Seine letzten Lebensjahre aber bekräftigten Boris‘ Theorie, denn eine ungeheure Kampagne internationaler Feindschaft wurde gegen diesen Mann entfesselt, der der Sache der «Alliierten» so gut gedient hatte. Die Feindschaft von Seiten jener, die angeblich seine Verbündeten waren, weist hin auf das Bestehen von Mächten und Motiven hinter und über denen, welche man den Massen öffentlich bekanntgab. Sie stammte sowohl aus Großbritannien und Amerika, wie aus dem kommunistischen Rußland.
Könige, die zwei Restaurationen erleben, dürften in der Geschichte selten sein. Die beiden Restaurationen dieses Königs, davon die eine im Schatten des heraufziehenden Krieges und die andere, als der Krieg offenkundig gewonnen war, beweisen die wahren Wünsche eines Balkan‑Volkes. Sein Leben war ein Panorama im Kleinen von der ganzen Tragödie des Balkans. In seiner Jugend hörte er französische und britische Granaten im Hof des Palastes einschlagen, sah griechische Soldaten beim Sturmangriff gegen französische und britische Landungstruppen, sah, wie seine Mutter leidenschaftliche Klagen an ihren Bruder, den deutschen Kaiser, telegraphierte und wie sein Vater versuchte, einen deutschen Einmarsch in Griechenland zu verhindern. In seinen Mannesjahren befehligte er eine siegreiche griechische Armee gegen die Italiener und wurde von den Deutschen aus Griechenland vertrieben. Als er starb, wurde Griechenland von den Horden des kommunistischen Weltreiches belagert.
Obschon dreimal auf dem Thron, hatte er ihn doch nur während knapp eines Jahrzehntes inne. Er war in England zur Schule gegangen und hatte lange Zeit seines Lebens hier verbracht. Seiner Haltung und Art nach war er Engländer, und Griechenland war ein weit entferntes Königreich, dessen Thron er von Zeit zu Zeit bestieg. «Tatsächlich», sagte er zu mir, «überall hält man mich für einen englischen Agenten.» Weitere Jahre in England lagen vor ihm, in denen er dann als «Faschist» verschrien werden sollte. Ich war der Ansicht, er habe sich im Jahre 1936 geirrt, als er die Verfassung außer Kraft setzte und die Parteien aufhob, aber in dem Licht ‑ oder der Finsternis ‑ der vierziger Jahre möchte ich es nicht übernehmen, die Kritik zu wiederholen, die ich im «Jahrmarkt des Wahnsinns» vorgebracht habe. «Es bleibt so wenig Zeit», sagte er immer wieder. Wozu, sagte er nicht, aber wir wußten es beide. Der Krieg stand nahe bevor.
Er muß Wunder verrichtet haben in der kurzen Zeit, die ihm zu Gebote stand, denn bei seiner ersten Restauration fand er eine untaugliche Armee vor, und dennoch gehört der Sieg über Italien mit der einen Armee, die er geführt hat, zu den Wundern der Geschichte. Ich kann nicht annehmen, daß ihn ‑ ebensowenig wie Boris ‑ noch irgend etwas hätte überraschen können, oder daß er ‑ mehr als Talleyrand ‑ geglaubt hätte, es gäbe so etwas wie Dankbarkeit. Er war Herrscher von Beruf. Aber er muß leicht perplex gewesen sein, als er nach jenem phantastischen Sieg nach England kam und dessen Premierminister verkünden hörte, die Griechen müßten erst befragt werden, bevor er wieder den Thron besteigen könnte. Um diese Zeit legte sich der Schatten jener übernationalen Mächte über den Krieg, und die geheimen Beweggründe wurden deutlich.
Jedoch die Griechen riefen ihn zurück, und die Szenen des Jahres 1935 wiederholten sich noch einmal, zehn Jahre später. Und noch einmal hatte er «so wenig Zeit». Eines Tages fand man ihn tot in seinem Palast, nachdem er (wie man sich erzählt) um ein Glas Wasser gebeten hatte. Ich glaube nicht, daß er eines natürlichen Todes gestorben ist. Die wohlorganisierte Kampagne gegen ihn, von Seiten der Zeitungen und Politiker in der ganzen Welt, ist allzu bedenklich. Die Ähnlichkeit mit dem Fall Alexanders von Jugoslawien ist in dieser Hinsicht schlagend. Doch für den Augenblick hatte er sein Königreich gerettet, sein Bruder folgte ihm nach, und der hat einen Sohn; ein weiterer Vorposten der vordersten Front wird gehalten.
Mir schien er ein ganz besonders einsamer Mensch zu sein, selbst für einen Balkan‑König. Und auch er verharrte bis ans Ende auf seinem Posten.

IV. Der Strandräuber

Vor zehn Jahren hatte ich eine andere Meinung über die Rolle eines bestimmten Mannes bei den Ereignissen unseres Jahrhunderts als die allgemein vorherrschende, und heute, dreizehn Jahre später, fühle ich mich in der Beurteilung dieses Mannes noch sicherer. Ich war damals der Ansicht, Hitler habe die Absicht, Deutschland zu zerstören. Das war die einzig plausible Erklärung für das, was er tat. Die Anklage auf das neue Verbrechen der «Genozide» (Ausrottung ganzer Völker) wurde, bei dem großen Gerichtsverfahren von Nürnberg in den vierziger Jahren gegen seine Spießgesellen erhoben und gründete sich in der Hauptsache auf die Verfolgung der Juden. Ich glaube aber, daß die Nation, die er zerstören wollte, die deutsche war.
Diesen Schlüssel zu dem Rätsel unserer Zeiten fanden einige wenige von denen, die ihm nahestanden, und diese Männer prallten vor Entsetzen zurück, als sie mit ihm Blaubarts verbotene Kammer öffneten. Der erste von ihnen war Hermann Rauschning, der noch vor Ausbruch des Krieges ins Ausland floh und versuchte, die Menschheit durch zwei Bücher aufzuklären: «Die Revolution des Nihilismus» und «Ich sprach mit Hitler» (1939). In seinen Berichten über Hitlers Äußerungen fand ich zum ersten Male meinen Verdacht bestätigt.
«Wir sind verpflichtet zur Entvölkerung, als einem Teil unserer Sendung, das deutsche Volk zu erhalten. Wir werden gezwungen sein, eine Technik der Entvölkerung zu entwickeln. Wenn Sie mich fragen, was ich unter Entvölkerung verstehe, so meine ich damit die Versetzung ganzer rassischer Einheiten. Und das ist auch, was ich durchzuführen gedenke ‑ das ist in großen Zügen meine Aufgabe. Wenn ich die Blüte des deutschen Volkes in die Hölle des Krieges schicken kann, ohne auch nur das geringste Mitleid mit dem Vergießen deutschen Blutes zu empfinden, dann habe ich bestimmt auch das Recht, Millionen einer minderwertigen Rasse zu versetzen, die sich wie Ungeziefer vermehrt.»
«Die Blüte des deutschen Volkes in die Hölle des Krieges schicken, ohne auch nur das geringste Mitleid mit dem Vergießen deutschen Blutes zu empfinden»: Seine Gedanken bewegten sich von Blut durch Blut zu Blut. Entvölkerung ist ein Gedanke, der, glaube ich, erstmals als politisches Programm während der Französischen Revolution aufkam. In Nesta Websters Buch «Die Französische Revolution» wird er als vorsätzliches Motiv hinter diesem Ereignis dargestellt.
Rauschnings Entdeckung wurde in der Folge von vielen anderen Deutschen gemacht, die versuchten, Hitler umzubringen. Wenn die Hand des Bösen auf Erden Macht hat, so mag man sie darin erkennen, wie die vielen Anschläge dieser Männer gegen das Leben Hitlers mißlangen, und in dem fürchterlichen Ende, das diese Männer auf sich nehmen mußten, angefangen mit der langsamen Strangulierung des Admirals Canaris bis zu der öffentlichen Schaustellung des Leichnams Generalfeldmarschall von Witzlebens an einem Fleischhaken. Aber wenn andererseits sich vergängliche Kräfte mit der Revolution des Nihilismus verbündet haben, so kann man auf ihre Macht aus der Tatsache schließen, daß der Deutsche, der auf dieses Geheimnis in Hitlers Werk das meiste Licht hätte werfen können, und der den Versuch machte, ihn zu töten, in Nürnberg zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde!
Dieser Mann, Albert Speer, der Minister für die Rüstungsindustrie, gehörte zu Hitlers engstem Mitarbeiterstab und machte zum Schluß Rauschnings fürchterliche Entdeckung: daß Hitlers Ziel die Zerstörung Deutschlands und eine allgemeine Zerstörung war. Als er die Befehle Hitlers und Göbbels (diese beiden und Martin Bormann waren bezeichnenderweise die einzigen führenden Persönlichkeiten, die nicht in die Hände der Briten oder Amerikaner fielen) an das deutsche Volk hörte, sein eigenes Land zu zerstören und zu verwüsten, versuchte er, die Erzstrandräuber in ihrem Bunker zu vergasen. Die letzten Radiobotschaften aus diesem Bunker waren Freudenschreie nihilistischen Triumphes:
«Der Bombenterror verschont weder die Häuser der Reichen noch der Armen … die letzten Schranken der Klassen sind gefallen … unter den Trümmern unserer vernichteten Städte sind die letzten der sogenannten Errungenschaften unseres bürgerlichen Jahrhunderts endgültig begraben … die Revolution hat kein Ende; eine Revolution kann nur mißlingen, wenn die, die sie machen, aufhören, Revolutionäre zu sein … Zusammen mit den Monumenten der Kultur werden auch die letzten Hindernisse für die endgültige Durchführung unserer revolutionären Aufgabe beseitigt. Jetzt, wo alles zerstört ist, sind wir gezwungen, Europa neu aufzubauen. Die Bomben haben, anstatt alle Europäer zu töten, nur die Mauern des Gefängnisses zerbrochen, das sie gefangen hielt … Bei seinem Versuch, Europas Zukunft zu zerstören, ist dem Feinde nur gelungen, seine eigene Vergangenheit zu vernichten, und damit ist alles Alte und Verbrauchte beseitigt.»
Nihilismus, Anarchismus, Kommunismus, Faschismus ‑ die Freude des Affen oder des Kindes am Zerstören von Freund oder Feind, gleichgültig, wen auch immer. Das war der Zweck und Sinn des Ganzen.
Die lange Zeitspanne zwischen der französischen und der russischen Revolution machte die Öffentlichkeit für den wahren Sinn blind; der geschickte Trick, die Revolution Hitlers der Welt als etwas völlig Andersgeartetes, ja als das genaue Gegenteil darzustellen, brachte es fertig, den Massen die Erkenntnis für die Kontinuität dieses revolutionären Prozesses zu verbergen.

Das Wort «Strandräuber» steht im Wörterbuch und bezeichnet einen Mann, der durch falsche Lichtsignale Schiffe strandwärts lockt und zum Scheitern bringt. Der Massen‑Strandräuber in der Politik arbeitet nach denselben Methoden, aber er erstrebt mehr als nur den materiellen Gewinn: die Macht. Ich denke mit Befriedigung daran, daß ich drei von diesen Strandräubern unseres entscheidenden Jahrhunderts leibhaftig gesehen habe (Lenin, als er schon tot war, Hitler und Mussolini bei lebendigem Leibe), und daß ich unter den Völkern lebte, die jene ins Verderben stürzten. Mussolini mag unbewußt ein Agent der Zerstörung gewesen sein, ein Mann, den die Krankheit der Macht selber korrumpierte, nachdem er sie gewonnen hatte. Lenin und Hitler aber waren, glaube ich, ganz bewußte Zerstörer und Entvölkerer. Der Verstand der Massen jedoch scheint nur fähig zu sein, den Massenmörder im Privatleben zu erfassen, zum Beispiel solch beachtenswerte Pariser Herren wie Landru und Dr. Petiot, die sich wie kleine Maden auf einem riesigen Felde des Menschengemetzels während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges betätigten. Die großen Massenmörder des öffentlichen Lebens, von Robespierre und Marat bis zu Lenin, Trotzki, Hitler und Göbbels, bleiben außerhalb ihres Begriffsvermögens.
Hitler habe ich an die hundert Male gesehen und beobachtet. Es war etwas Schattenhaftes über ihm, und von den Millionen, über die er herrschte, war er so verschieden, als gehöre er einer anderen Spezies an. Ich möchte meinen, daß seine Abgeschiedenheit mit dem Geheimnis zusammenhing, das er mit sich trug, dem Geheimnis, das nur einem Deutschen von einer ganzen Million aufging, der dann aber auch gleich zurückschreckte oder versuchte, das Ungeheuer zu töten. Er spielte eine Rolle, und der Mob begriff das nie. Er sah in ihm die heroische Verwirklichung seiner selbst und war ihm verfallen.
Ich empfand das Bedürfnis zu lachen, wenn ich mit ihm sprach, oder besser: wenn ich seinen heruntergeraspelten Rodomontaden zuhörte, während der unruhige, ihn glühend verehrende Heß neben uns saß. Im Hydepark, glaubte ich, wäre die Luftblase seines Wortschwalls sehr bald durch irgend einen bissigen Cockney‑Zwischenruf zerplatzt. Heute aber bin ich, was eine englische Volksmenge betrifft, nicht mehr ganz so sicher, und was ihn betrifft, weiß ich, daß ich mich geirrt habe. Er paßte seine Art und Weise geschickt seiner Hörerschaft an. «Der erzürnte Deutsche kommt, mit Pauken und Trompeten.» Macaulay hatte recht. Der Deutsche kann durch einen solchen Appell aufgebracht werden, und Hitler war ein Meister dieser Kunst. Ja, mehr noch: seine Wutanfälle, die so offensichtlich erkünstelt waren wie bei einem kleinen Schauspieler, der Lear verschandelt, steigerten sich zu echten und tödlichen Paroxysmen, als es in seiner Macht stand, Blut zu vergießen.
Der große Kenner der Französischen Revolution Lord Acton (lebte er jetzt noch, dann würde er, glaube ich, den nie abgerissenen Faden von damals her durch den Sowjetkommunismus und den deutschen Nationalsozialismus zu dem nihilistischen Weltstaat, der uns heute bedroht, aufgreifen) hat zweierlei gesagt, was mir Hitler und die Entwicklung in unserer Zeit zu erklären scheint: Erstens das berühmte Urteil: «Jedwede Macht trägt in sich die Tendenz zu korrumpieren, und die absolute Macht korrumpiert absolut.» ‑ Das hat sich in unserem Jahrhundert immer wieder als wahr erwiesen und bedeutet, daß auch ein Mann, der nicht bewußt als Strandräuber von Nationen anfängt, doch dazu wird, wenn er nach einer Machtfülle strebt, die sich der öffentlichen und parlamentarischen Kontrolle entzieht.
Zweitens: «Das Abstoßende in der Französischen Revolution sind nicht die Tumulte, sondern die Absicht, die ihnen zugrunde liegt. Hinter all dem Feuer und Rauch erkennen wir den Beweis einer berechnenden Organisation. Die Drahtzieher bleiben geflissentlich verborgen, aber über ihre Anwesenheit von Anfang an kann nicht der geringste Zweifel bestehen.» Auch das, so scheint mir, was er über die große Umwälzung des 18. Jahrhunderts geschrieben hat, erwies sich als wahr, weitaus mehr durch all das, was sich im 20. Jahrhundert ereignet hat, als zu der Zeit, da es gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde. Es bedeutet, daß Männer, die an die Macht gelangen, «einen Plan» und «Drahtzieher» finden, die schon auf sie warten, und deren Werkzeuge sie werden. Sie dürfen sich nur so hoch erheben, weil ihre Nützlichkeit in dem «Plan» vorgesehen ist. Manche von ihnen jedoch sind von Anfang an in den Plan eingeweiht, und zu denen möchte ich auch Hitler rechnen, neben denen, die er vorgab zu hassen, wie Marx, Lenin, Trotzki und Stalin.
In dieser Hinsicht kommt Lord Actons Lesart der Dinge der König Boris‘ und meiner eigenen heute nahe. Wenn ich so zurückschaue auf die rauchigen dreißiger und jetzt um mich herum in die qualmigen vierziger Jahre, dann ist das Abstoßende daran nicht der Rauch, sondern der Plan. Dieser geht dahin, Freiheit und Recht und die Wurzel, aus denen beides entspringt: das Christentum, in allen Ländern zu zerstören. Betrachtet man ihn im Licht eines solchen Planes, dann war Hitlers Krieg ein Triumph. Als er abgetreten war, breitete sich der «Plan» über ein weitaus größeres Gebiet aus, als er selber jemals zu erobern vermocht hatte, und jetzt fallen seine Schatten auch schon über diese meine Insel.
In den vierziger Jahren kann über diese Wirkung seines Werkes gar kein Zweifel mehr bestehen. Die einzige Frage, die noch unbeantwortet bleibt, ist, ob er ein bewußter oder ein unbewußter Agent war! Wollte er ganz bewußt die Zerstörung des christlichen Europas, die seit seinem Abtreten von der Szene beinahe abgeschlossen worden ist?
Ich glaube: ja, das wollte er, und ich glaube das wegen des Geheimnisses, das sein früheres Leben, sein Erscheinen auf der Bühne und sein Verschwinden von der Bühne umgibt. All das scheint mir einen Plan und die Anwesenheit von Managern zu verraten.

Die entscheidenden Jugendjahre Hitlers spielten sich vor 1914 in Wien ab. Man weiß so gut wie nichts über sie. Berlin, Münehen und Wien sind erobert und jedes erdenkliche Archiv ist durchstöbert worden. Aber von seinem Polizei‑Dossier in Wien hat man nicht das geringste gehört. Meiner Ansicht nach hätte man darin sehen müssen, was für eine Art Mensch er war und mit wem er umging in jenen Jahren, da die große eurasische Einwanderung im europäischen Westen begann; als die russischen Nihilisten und Anarchisten sich in den Hauptstraßen von Wien, Berlin, Paris und London versammelten und «Peter der Maler» und seine finstere Bande in den Flammen von Sidney‑Street verschwanden.
Im Jahre 1919 wiederum war er ein deutscher Soldat, der während der Herrschaft der Räteregierung in München immer noch bei der Truppe stand. Er nahm am Kampf gegen die Bolschewisten nicht teil, und doch wurde er nach ihrem Sturz plötzlich der Führer einer antibolschewistischen «Nationalsozialistischen Partei»! Ein so plötzliches Auftauchen in der Politik kennt man in unserem Jahrhundert sonst nur bei Kommunisten, die lange und im Geheimen in den Schulen ausgebildet worden sind, aus denen die Nihilisten und Anarchisten der Jahre 1900‑1914 hervorgingen. Seinem Alter, seiner Herkunft und der Plötzlichkeit seines Auftauchens nach ähnelt Hitler sehr dem geheimnisvollen, pseudonymen und vorher völlig unbekannten «Tito», der während des Zweiten Weltkrieges aus Rußland nach Jugoslawien herunter kam und sehr bald durch britisches und amerikanisches Gold, Waffen und Nachschub instandgesetzt wurde, dort eine kommunistische Diktatur zu errichten. Die heutigen Beherrscher Rumäniens, Bulgariens, Polens, Ungarns und der baltischen Staaten tauchten zum größten Teil auf ganz ähnliche Weise aus der Obskurität kommunistischer Trainingsschulen in Rußland auf. Der Sowjetgriff auf die östliche Hälfte Europas, der im Jahre 1947 zum Gegenstand einer lauten amerikanischen und einer leisen englischen Klage wurde, war in Tat und Wahrheit durch die internationalen Konferenzen der Kriegszeit vorbereitet und erhielt die Unterstützung amerikanischer und britischer Vertrauensleute; falls diese im Stillen erhofften, die Sowjets würden sich zurückziehen, dann waren sie unverantwortlich schlecht beraten.
Die Art und Weise, wie Tito auftauchte, und die Unterstützung, die ihm von übernationalen Lagern zuteil wurde, erinnert ihrerseits nun wieder an die Ankunft Lenins und Trotzkis während des Ersten Weltkrieges in Rußland mit deutscher und amerikanischer Unterstützung. Wenn hinter allem dem kein «Plan» und keine Drahtzieher stecken, dann ist der Arm der Koinzidenz in unserem Jahrhundert unendlich.
Hitler erschien alsdann in der deutschen Politik wie der «Knüppel aus dem Sack», wie der Dämonenfürst in der Pantomime. Vor dreizehn Jahren, als ich diese Theorien darüber zu entwickeln begann, wem er eigentlich in Wirklichkeit botmäßig und welches seine wahren Motive waren (man kann sich nur solange in Theorien über eine Verschwörung ergehen, bis Guy Fawkes unter den Pulverfässern entdeckt worden ist, und in unseren Tagen würde jeder Vorschlag zur Durchsuchung des Kellergewölbes als «faschistisch», als «Hexenverfolgung» oder anti‑irgendetwas abgewiesen), war ich gespannt darauf, was für ein Ende es mit ihm nehmen würde. Wenn es Drahtzieher und einen Plan für ihn gab, meinte ich, müßte er abtreten, wie er gekommen war.
Zehn Jahre später verschwand er von der sichtbaren Bühne. Ein britischer Offizier aus dem Intelligence‑Service in Berlin, H. R. Trevor‑Roper, wurde mit der Untersuchung betraut und hatte alle zugänglichen Beweise zur Verfügung. Er veröffentlichte in der Folge ein Buch, «Hitlers letzte Tage». Der Titel klingt beweiskräftig, aber die Tatsachen scheinen mir nicht endgültig zu sein oder mehr als das Ende von einem Paar schwarzer Hosen zu beweisen. Einige Punkte sind mir aufgefallen:
In der Woche, bevor Hitler Selbstmord beging, am 30. April 1945, lebten zweiundreißig Personen in seinem Bunker oder in anderen in der Nähe. Nur elf von diesen fielen in die Hände der Briten oder Amerikaner, und unter ihnen befand sich kein einziger von den zehn oder elf Männern, die behaupten, in dem Gang vor Hitlers Räumen gewartet zu haben, während er und Eva Braun Selbstmord verübten. Der einzige von den Amerikanern verhörte Mann, der behauptet, Hitler tot auf einem Sofa liegend gesehen zu haben, ist Artur Axmann, der Führer der Hitler‑Jugend. Er versichert auch, später die Leiche Martin Bormanns, nächst Hitler der höchste Mann der Nazi‑Partei, gesehen zu haben.
Bormann figurierte in Nürnberg als in absentia Angeklagter und wurde folglich als noch am Leben betrachet. Hitler, «dieser abscheuliche Mann», aber figurierte gar nicht als Angeklagter!
Die einzigen anderen Zeugen in britischer oder amerikanischer Hand, die behaupteten, indirekt Kenntnis von Hitlers Ende zu haben, waren unbedeutende Leute, Polizisten oder Wachmannschaften. Einer von den Polizisten «sah, wie der Leichnam herausgetragen wurde, von einer Decke verhüllt, welche den blutigen und zertrümmerten Kopf verbarg, und erkannte ihn sofort an den wohlbekannten schwarzen Hosen». Ein anderer kam «zufällig hinzu, als die beiden Leichen verbrannt wurden; sie waren mit Leichtigkeit zu erkennen, obwohl Hitlers Schädel zertrümmert war».
Es bestünde Gewißheit, wenn britische oder amerikanische Truppen als erste den Schauplatz betreten hätten. Auf Grund irgend eines Befehls von hoher Stelle aber, für den die Ursache niemals bekanntgegeben worden ist, scheinen die amerikanischen Truppen angehalten worden zu sein, zu gewährleisten, daß russische Truppen den Schauplatz als erste betraten. Und damit beginnt die Ungewißheit.
Hitler setzte zwei Testamente auf. In dem einen verkündete er die Absicht, Selbstmord zu verüben, und sprach den Wunsch aus, man möge seine und Eva Brauns Leiche auf dem Schauplatz verbrennen. Dies ‑ wenn es echt war ‑ war eine öffentliche Botschaft an das deutsche Volk und die Welt. Und doch wurden «sorgsame Vorsichtsmaßregeln» ergriffen, um die Einäscherung geheim zu halten, und nur durch einen Zufall wurden «zwei unbefugte Personen» Zeuge davon. Die eine, ein Polizist, «wurde von Hitlers SS‑Adjutant Guensche angeschrien, sich schnellstens zu verziehen». Der rangälteste der Polizeioffiziere, Oberst Rattenhuber wiederum «versammelte später seine Leute und nahm ihnen das Versprechen ab, alles, was sich an diesem Tage ereignet hatte, als ein heiliges Geheimnis zu bewahren. Jeder, der davon etwas erzählte, würde erschossen werden».
Warum? Dieser Rattenhuber würde ein wertvoller Zeuge sein, aber seine Aussage ist nicht zu erlangen. Der Befehlshaber der sowjetischen Streitkräfte gab bekannt, daß Rattenhuber sich zusammen mit dem Mann, von dem man annimmt, er habe Hitlers Leiche aus dem Bunker heraufgetragen, sein Kammerdiener Heinz Linge, in russischer Gefangenschaft befände. Ein britisches und amerikanisches Ersuchen, diese beiden Männer identifizieren zu dürfen, wurde jedoch abgelehnt. Hitlers Leiche wurde niemals gefunden.
Noch etwas Sonderbares geschah an diesem «letzten Tage». Wenn Hitler tot ist, wurde er kurz vor Mitternacht am 30. April 1945 begraben. Um diese Zeit gerade aber arbeiteten Göbbels, Bormann, General Burgdorf, Artur Axmann und ein anderer «das Projekt eines Vertrages mit den Russen aus»!
«Ein anderer» war General Hans Krebs, «der vor dem Kriege lange Zeit in Rußland, in Moskau, im Dienst gestanden hatte.» Dieser General Krebs nun, der alles über den Hitler‑Stalin‑Pakt wußte, mit dem der Zweite Weltkrieg begann, befand sich am 30. April um Mitternacht auf dem Wege von dem Bunker mit einem Schreiben von Göbbels (der schon seinen eigenen bevorstehenden Selbstmord angekündigt hatte), an Marschall Schukow, den Befehlshaber der sowjetischen Streitkräfte, um ihn über Hitlers Tod zu informieren und ihn aufzufordern, einen Waffenstillstand einzugehen! Zwölf Stunden später kehrte er zurück und sagte, die Antwort wäre «nicht befriedigend». Jedenfalls sind wir so unterrichtet.
General Krebs hat man nie wiedergesehen, Bormann ist vermißt, Burgdorf ist verschwunden, Göbbels, hieß es (seitens der russischen Befehlsstellen), habe nicht nur Selbstmord begangen, sondern auch seinen Leichnam hinterlassen, obschon darüber meines Wissens keine einzige Photographie veröffentlicht worden ist.
Wahrhaftig, wenn Hitler nicht gestorben wäre, hätte man seinen Tod erfinden müssen, denn solche Unterhandlungen an seinem «letzten Tage» mit den heranrückenden Verbündeten von 1939 hätten sonst viele Erklärungen verlangt.
Sind sie nun tot ‑ er und seine Gefährten der letzten Tage? Wenn er selber tot ist, so ist das eine irrelevante Tatsache. Als «Teufel mit dem kleinen Bärtehen» besang ihn ein Topfdeckel-Troubadour in New York während des Krieges. Vielleicht; aber seine Satanie richtete sich mehr gegen das christliche Europa als gegen die Juden. Mit seinem Verschwinden war die Revolution des Nihilismus nicht beseitigt, sondern machte ihre größten Fortschritte.
Ich glaube, das fehlende Wiener Dossier würde das fehlende Glied in der Kette unserer Kenntnisse über seine Verbindungen in jungen Jahren beibringen, und dieses würde uns vielleicht nach Rußland führen. Meine Theorie geht dahin, daß Hitler zwischen 1908 und 1914 seine politische Ausbildung in den russischen Schulen der Anarchisten und Nihilisten erhalten hat, und daß die es sind, die jetzt die scheinbar gegnerischen Zusammenstöße von «Kommunismus» und «Faschismus» in Szene gesetzt haben, um hinter der Maske vorgeblich gegenseitigen Hasses nur um so wirkungsvoller zu arbeiten und ihr Ziel, die Zerstörung unseres Kontinents, zu erreichen. Ich meine, daß diese Kräfte durch alle Ereignisse der vierziger Jahre eindeutig als international organisiert entlarvt worden sind, als Kräfte, die sowohl im «kapitalistischen Westen» als auch im «kommunistischen Osten» ihre Freunde haben.
Ich meine, daß er ihr Agent gewesen ist und in den östlichen Armeen, denen man das Vorrecht zugestand, Berlin zu erobern, ebenso viel Freunde wie Feinde besaß. Feldmarschall von Paulus, der die große deutsche Armee von Stalingrad kommandierte, stand weit vorn auf der Sowjetliste der «Kriegsverbrecher» und doch wurde er nicht zum Prozeß nach Nürnberg geschickt. Im Gegenteil. Heute ist er der begünstigste Protegierte der Sowjetmacht, und im September 1947 verkündete die Sowjetregierung seine Rückkehr nach Deutschland. Die Umstände seiner Kapitulation und die Rolle, die Hitler dabei spielte, verdienen es, eines Tages neu, im Lichte dieser Ereignisse, studiert zu werden. Ich glaube, er ging aus jenen geheimen, nationslosen, konspirativen Reihen hervor, und mit seinen erwählten Eingeweihten mag er von ihnen weggezaubert worden sein. Wenn es einen «Plan» gibt, so hat er ihn gefördert; und wenn es Drahtzieher gibt, dann mögen diese ihn als ihren Mann fordern.

V. Zwischen zwei Dieben

Es gibt einen Mann in den dreißiger Jahren, der mir, wie mir zehn Jahre später aufgegangen ist, für meine verlorene Zeit, für meinen falsch aufgewandten Glauben und für die Irreführung meiner Leser Schadenersatz schuldet. Georgij Dimitrow brachte mich abgehetzten Journalisten dazu, mein erstes Buch «Der Reichstagsbrand» zu schreiben, und ich mußte die Nacht zum Tage machen, um damit fertig zu werden. Tägliche Berichte in den Zeitungen, dachte ich, würden den Menschen daheim nie und nimmer den Schrecken dessen, was über Europa heraufzog, klarmachen; dann vielleicht also ein Buch? Und hier war das Thema: die Unschuld von der Missetat verfolgt, ein aufrechter Mann, der sich gegen Gesindel verteidigt, das ewige Volk gegen die ewige Tyrannei.
Mich schaudert es, wenn ich jetzt daran zurückdenke. Unser Jahrhundert ist eine einzige große Maskerade, und wie soll man ein wahrheitsgetreues «Wer ist Was» zustandebringen, wenn alle Menschen eine Maske tragen? Wie jäh änderten sich seine Züge, als er die Maske ablegte! Ihm ging es nur darum, die Macht zu erlangen, um dann anderen anzutun, was er anprangerte, als man es ihm selber antat. Er wollte Europa gar nicht von den Gauleitern säubern, sondern sie nur in Kommissare umtaufen.
Das Schicksal meinte es gut mit mir, als es mich am Reichstag vorüberkommen ließ, als der Brand eben begann. Jemand, der diese Flammen und was darauf folgte, mit angesehen hat, besitzt auch den Schlüssel zu dem Rätsel unseres Jahrhunderts. Ein gewisser Major Breen, der in jener schicksalhaften Nacht Dienst in der Britischen Botschaft tat, schrieb fünfzehn Jahre später an die «Times»: «Das Gaunerstück mit dem Reichstagsbrand war die Atombombe, die unseren Kontinent in Stücke zersprengte», und das entspricht genau der Wahrheit. Diese Flammen umzüngeln heute das Leben und die Freiheit eines jeden Menschen auf der britischen Insel, ob Mann oder Frau oder Kind.
Die Kette der Ereignisse liegt klar vor uns. Der Brand wurde den «Bolschewisten» in die Schuhe geschoben, und unter diesem Vorwand wurde das parlamentarische Regime beseitigt, und die Geschicke in Deutschland wurden durch «Notverordnungen» geleitet. Auf diese Weise wurde der Bereich zerstörter Parlamente und der Terrorherrschaft in einem Zug von Sowjetasien bis zu dem größten Land Europas ausgedehnt. Später begann der Krieg nach Übereinkunft und in einem Bündnis mit eben diesen «Bolschewisten». Dadurch wurde das Regime der wilden Gewalt über alle Länder, die zwischen beiden lagen, ausgedehnt, so daß der asiatische Despotismus nun bis an den Rhein reichte. Als das Bündnis zerbrach, schrumpfte dieser Bereich jedoch nicht zusammen, und ebenso wenig wurde er kleiner, als der Sieg errungen worden war. Als das Ergebnis des siegreichen Krieges gegen Deutschland wurden die Notverordnungen in England verlängert (was soviel bedeutet wie: daß das Parlament auf halbzerstörten Grundlagen weiter besteht). Daher rührt dieses Zwielicht der Unsicherheit auf der britischen Insel unmittelbar vom Reichstagsbrand her.
Das scheint mir die fortdauernde Wahrheit in Lord Actons Feststellung eines «Planes hinter dem Aufruhr» und einer «berechnenden Organisation» unsichtbarer Leiter zu bestätigen. Wer hat den Reichstag angezündet, den Erzherzog in Sarajewo erschossen, Alexander in Marseille ermordet oder Boris getötet? Das werden wir nicht erfahren, aber deutlich erkennen wir, daß alle diese und andere Fragmente in das Bild der überall tätigen Zerstörung nationaler Eigenständigkeit, parlamentarischer Regierungsweise, der Gerechtigkeit und Freiheit und der Menschenrechte (die durch die Propheten der Französischen Revolution so edel ausgelegt worden sind) hineinpassen.
Ich, der den lallenden, sabbernden van der Lubbe gesehen habe ‑ ich kenne den nichtswürdigen, feilen Diener in diesen Umtrieben. Aber Dimitrow war ganz anders. Er war ein führender und eingeweihter Verschwörer, soviel steht jetzt fest. Ich bewunderte damals seinen Mut und bin heute der Meinung, was es mit Dimitrows Mut wohl auf sich hatte. Ob auch bei den Gerichtsverhandlungen um den Reichstagsbrand die Hand der Drahtzieher im Spiele gewesen ist? Damals nahm mich nur wunder, daß die Nazi ihm überhaupt erlaubten, vor der Öffentlichkeit dermaßen aufzutreten, wo sie doch ihre eigenen Untertanen ganz geheim vor «Volksgerichten» aburteilten oder sie beseitigten. Dabei wird mir wieder eine Episode gegenwärtig, die vielleicht mehr zu bedeuten hat, als ich damals dachte.
Bevor die Gerichtsverhandlungen begannen, hatte mir eine Bekannte in Berlin beiläufig gesagt, ich würde in meinem Hotel in Leipzig Besuch von einem ihrer Freunde bekommen, den sie nur «Heinrich» nannte. (Ich war damals mit dem kommunistischen System, nur Decknamen zu verwenden, noch nicht vertraut.) Und richtig, dieser Mann kam. Er war ein jüdischer Kommunist aus Rußland, dem es in dieser von der Gestapo beherrschten Stadt immer noch recht gut zu gehen schien. Er bat mich, ihm nach den Verhandlungen eines jeden Tages eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse im Gerichtssaal zu geben. Während mehreren Tagen erwartete er mich, in der Halle sitzend, um diesen Bericht entgegenzunehmen. Da ich den Verlauf der Verhandlungen ohnehin weiterberichtete, sah ich nichts darin, ihm zu erzählen, was vorgegangen war. Was mich jetzt im Lichte all dessen, was seit damals geschehen ist, interessiert, ist seine Aussage vor Prozeßbeginn: «Dimitrow wird in diesem Prozeß sehr groß auftreten!» ‑ Wie konnte er wissen, daß man es Dimitrow erlauben würde, «sehr groß aufzutreten»?
Dimitrow war um jene Zeit ein bloßer Name für mich, und der Kommunismus eine unbeantwortete Frage. Ich wußte, daß er zu der herrschenden Clique der Kommunistischen Internationale gehörte, wußte aber im Jahre 1933 noch nicht, was das bedeutete; jetzt weiß ich das. Damals wußte ich nur, daß kommunistische und nationalsozialistische Methoden gleich waren, aber ich glaubte, der Kommunismus würde in Rußland bleiben. Mein Haupteinwand gegen den Nationalsozialismus war die feste Gewißheit, daß er nicht im Sinn hatte, sich auf Deutschland zu beschränken. Der Kommunismus konnte nur durch einen Krieg Boden gewinnen, und die Verhältnisse in Rußland waren nach fünfzehn Jahren kommunistischen Regimes dort so furchtbar, daß ich die Auffassung hatte, der Kommunismus müßte einen Krieg scheuen. Ich sah voraus, daß ein für den Krieg gerüsteter Hitler ein Bündnis mit Stalin suchen würde. Doch ich sah nicht voraus, mit welcher Bereitwilligkeit der andere von den beiden Mördern darauf eingehen würde. Hätte ich soweit vorausgesehen, dann hätte ich mir auch nicht eingebildet, Dimitrow wäre das unschuldige Opfer Hitlers. (Seine Entlassung aus der Haft und seine Auslieferung an die Sowjetunion zu einer Zeit, da Unschuld in Deutschland überhaupt nichts bedeutete, hätten mir Stalins Komplizenschaft im Jahre 1939 klarmachen sollen.)
In den dreißiger Jahren glaubte ich seine Sache herzzerreißend verloren. Genau zehn Jahre zuvor hatte er einen erfolglosen Aufstand in Bulgarien angezettelt; genau zehn Jahre zuvor hatte Hitler eine erfolglose Revolution in Bayern angezettelt. Welch eine Wendung hatten diese zehn Jahre gebracht! Der eine von den beiden Männern ein Häftling ohne alle Freunde vor dem deutschen Reichsgerichtshof, der andere durch eigene Proklamation der oberste Magistrat in Deutschland!
Noch einmal zehn Jahre, und Dimitrow benahm sich in Bulgarien genau so, wie Hitler sich in Deutschland benommen hatte. «Der Kommunismus ist nicht grausam und brutal! » hörte ich ihn von der Anklagebank her schreien. Noch einmal zehn Jahre, und er selber gründete in Bulgarien genau dieselben «Volksgerichte», die Hitler nach dem Reichstagsbrand eingesetzt hatte! Ich wohnte den Sitzungen des ersten deutschen Volksgerichtshofes bei und heute noch graut mir davor, wenn ich einen englischen Gerichtshof betrete und Richter sehe, die sich nicht vergewaltigen lassen und immer weiter Recht sprechen. Etwas Göttliches liegt über diesen Gerichten und alles nur erdenklich Teuflische über jenen anderen, wo «Die Partei» unter der ironischen Bezeichnung «Volksgerichtshof» das Todesurteil über das Volk ausspricht.
Hunderte von Köpfen rollten auf den Befehl der Volksgerichte Dimitrows.

Voller Hohn wies er damals die Beschuldigung zurück, der Reichstagsbrand sei das Ergebnis «einer kommunistischen Verschwörung zur Machtergreifung». Er schrie heraus, dies wäre ein Akt «politischer Provokation», er schmähte seine Ankläger mit dem Verbot der kommunistischen Partei und dem Ausschluß ihrer Abgeordneten aus dem Reichstag ‑ in den dreißiger Jahren. Aber in den vierziger Jahren hielt er (wie Hitler) «Wahlen» ab und ließ hinterher den Führer der Opposition Petkoff verhaften, zum Tode verurteilen, («Ein Hund soll wie ein Hund krepieren!» schrie er) und ließ die dreiundzwanzig Abgeordneten der Opposition aus dem Parlament ausschließen. Warum? «Sie haben konspiriert», so erklärte er dem britischen Gesandten todernst, «Um mit Waffengewalt an die Macht zu kommen.»
Eins aber erriet ich schon, als ich in den dreißiger Jahren über ihn schrieb: «Wer einen weiten Blick in die Geschichte tut, erwäge die Tatsache, daß unter all den Parteien, die der Nationalsozialismus zerstört hat, die kommunistische Partei als Organisation die einzige ist, die in Deutschland überlebt hat. Konservative, Sozialisten, Katholiken, Demokraten, Liberale ‑ alle sind weggefegt. Die kommunistische Partei aber, die zu vernichten die vordringlichste Aufgabe des Nationalsozialismus gewesen ist ‑ die hat überdauert, das Gerippe einer Streitmacht, das unterirdisch arbeitet, deren Mitglieder immer noch in organisierter Verbindung miteinander zu stehen scheinen, deren Aktivität allen Hindernissen zum Trotz fortgesetzt wird, die auf ihre Stunde wartet, die darauf wartet, bis der Nationalsozialismus in der Kraftanstrengung eines neuen Krieges zusammenbricht … »
Wie kühn er einem erschien, damals in den dreißiger Jahren ‑ und was für ein Schwindler er war! Wo, in jener rauchigen Zeit der Maskerade, war ein Mann, der wirklich für das kämpfte, wofür zu kämpfen er vorgab, der aufrichtig wünschte, seine Mitmenschen zu befreien und sie nicht selber zu versklaven? Ich sehe wenige von solchen Männern im Rauch der dreißiger Jahre und noch weniger jetzt. Wenn ich jetzt einen «Faschisten» und einen «Kommunisten» die Spaziergänger im Hyde Park anrufen höre, denke ich von dem ersten: «Du bist Dimitrow!» und von dem zweiten: «Du bist Hitler!» und von den zweien zusammen: «Räuber seid ihr alle beide! Beide arbeitet ihr für das gleiche Ziel, und hinter euch stehen die gleichen Drahtzieher!»

VI. Die längste Nacht

Es war in den dreißiger Jahren aufregend, nach Rußland zu fahren in dem Zug eines Mister Eden, von dessen Reise zum Einsiedler‑Krebs im Kreml die guten Leute daheim sich etwas für den Frieden und die Verständigung unter den Menschen versprachen. Die Unterschriften im Gästebuch haben sich seither vervielfacht: Davies, abermals Eden, Roosevelt, Churchill, Truman, Bevin, Marschall ‑ und wo sind Verständigung und Frieden geblieben?
Aufregend war es, nach Moskau zu kommen, dieser Traum-Metropole des «großen sowjetischen Experimentes» (für einige), diesem Albtraum einer Hauptstadt der roten Zerstörung (für andere). Die Vorstellung, die ich mir aus der Ferne gemacht hatte, war die richtige. Zerstörung war das Wirkliche. Und heute, zehn Jahre später, hat sich nichts geändert.
Ich kann das mit einer Kleinigkeit belegen, die alles beweist. In meinem Moskauer Hotelzimmer in den dreißiger Jahren klingelte das Telephon, und die Stimme einer Frau sagte ‑ «Wollen Sie nicht, daß ich zu Ihnen hinaufkomme und Sie besuche?» Im März 1947, als ein anderer englischer Journalist (Mr. Herbert Ashley vom «Daily Telegraph») einen anderen Außenminister (Mr. Bevin) nach Moskau begleitete, klingelte ebenfalls das Telephon auf seinem Nachttisch, und die Stimme einer Frau sprach dieselben Worte. Ich weiß nicht, ob es sich dabei um dieselbe Frau handelte, aber in diesen Jahren war die sowjetische Geheimpolizei nicht darauf verfallen, den Wortlaut der Frage zu ändern, geschweige denn die Methode. Diese Begebenheit ist der Schlüssel zu allem anderen; das Bild, das Herbert Ashley im übrigen gab, war genau, in jeder Kleinigkeit dasselbe, das ich mitgebracht hatte.
Ich kann aus den dreißiger Jahren noch eine Kleinigkeit zu dieser Geschichte hinzufügen. Ich wußte, daß das hübsche russische Mädchen das Hotel ohne ihren Ausweis von der Geheimpolizei gar nicht betreten durfte, und lehnte daher ihr Gesuch ab. (Sie kommt auch in Victor Kravchenkos «Ich wählte die Freiheit» vor.) Später jedoch tat sich die Tür auf, und ein Mädchen kam herein. Aber das war eine andere, die kaum ein Wort Englisch, Französisch oder Deutsch verstand. Vielleicht hatte sie, um etwas zu essen oder ein Kleidungsstück zu ergattern oder um ihrem Geliebten zur Freiheit zu verhelfen, der Geheimpolizei weisgemacht, daß sie Englisch verstünde ‑ ich weiß es nicht. Sie war jedenfalls alles andere als eine femme fatale, sie war eine armselige Hure und nahm sich sogar in dieser Rolle kläglich aus. Ich war gerade im Begriff wegzugehen, um meinen Zug zu erreichen, und erinnere mich, daß ein amerikanischer Korrespondent hereinschaute, um mir auf Wiedersehen zu sagen, und sich schleunigst zurückzog, zweifellos weil er meinte, ich sei ein freiwilliger Gefangener. Ich schenkte ihr ein paar Überbleibsel, die einzupacken sich nicht gelohnt hatte: ein Stück Schokolade, einen Seifenrest, zwei Taschentücher und ein paar zerfledderte Rubelscheine. Sie brach in Tränen aus und stammelte: «Sie … gut!», während ich, ihr bedeutend, daß für mich Eile geboten sei, davonlief, um meinen Zug zu erreichen.
Ach, Mütterchen Rußland, Mutter der Schmerzen! Die Leiden der Deutschen und ihrer Opfer sind nur ein Tropfen gegenüber dem Becher, den das russische Volk in diesen drei Jahrzehnten zu leeren hatte. «Das wird so lange wie eine Nacht in Rußland währen, wenn die Nächte dort am längsten sind!» sagt Angelo in «Maß für Maß», als er ungeduldig eine gar zu weitschweifige Debatte verläßt. Dieser Vergleich hat heute eine Bedeutung, die Shakespeare damals nicht voraussehen konnte. Ein moderner Angelo, der die endlose Nacht miterlebt hat, die auf den roten Sonnenuntergang im Oktober 1917 folgte, könnte diese Worte anwenden, wenn er englische oder amerikanische Politiker, Geistliche oder Wissenschaftler des Jahres 1947 «das große sowjetische Experiment» lobpreisen hört. Der humane Mensch scheint im zwanzigsten Jahrhundert beinahe ausgestorben zu sein.
Das Gesicht Moskaus war, wie ich erwartet hatte ‑ nicht weil ich mit einer feindseligen Einstellung gekommen war, sondern weil ich in Deutschland das Abbild des terroristischen Staates gesehen hatte, von dem die Sowjetunion das Originalbild selber war ‑, der Nazistaat, das Faksimile in anderen Farben. Für mich waren die Hauptquartiere der Geheimpolizei, ob sie nun in Moskau oder in Berlin standen, und die Konzentrationslager, ob es nun russische oder deutsche waren, nicht nur Ziegelsteinmauern und Stacheldrahtzäune. Ich hatte die Schreie gehört, die Wunden gesehen, mit den weinenden Frauen gesprochen, kannte die alles durchdringende und alles entwürdigende Angst.
So kam es auch, daß ich, als ich das zivilisierte Polen hinter mir ließ und Rußland betrat, das Gefühl hatte, aus der Zone des Lebens in die des Todes gekommen zu sein, und im «Jahrmarkt des Wahnsinns» schrieb: «Einmal hinübergekommen, überfällt dich dieses Gefühl der Niedergeschlagenheit, das der aufmerksame Reisende in einem Staat erlebt, der auf Terror und Geheimpolizei begründet ist. Dasselbe Gefühl hast du in Deutschland, Italien oder jeder anderen Diktatur, wenn du dort lebst. Es rührt von dem Bewußtsein her, daß du deinen Mund nicht auftun darfst, daß du keine richtige Freiheit hast und riskierst, verhaftet und ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis geworfen zu werden, wenn du nicht deine Gedanken für dich selbst behältst … Ich sah das allgemeingültige Zeichen des Terroristenstaates, ob er nun Rußland oder Deutschland oder sonstwie heißt: Stacheldrahtpalisaden, Ecktürme mit Maschinengewehren und Wachtposten. Und drinnen: namenlose Menschen, für die Welt verloren, ohne gerichtliches Verfahren von der Geheimpolizei dahinein verschleppt. Das Konzentrationslager, die politischen Gefangenen. In Deutschland enthielten solche Lager Zehntausende, in diesem Lande Hunderttausende (heute sollte es anstatt «Hunderttausende» «Millionen» heißen). Ich fühlte, daß ich Rußland hätte lieben können, aber ich konnte schon sehen, daß man dir niemals erlauben würde, Rußland zu lieben. Ich sah, daß ein Ausländer Jahre verbringen könnte, ohne jemals Zutritt zu dem Leben des Volkes zu erlangen. Die Menschen würden viel zu viel Angst haben, um ihn kennen zu wollen. . . . »
W. H. Chamberlins «Rußlands eisernes Zeitalter» bestätigte diese Wahrheit in den dreißiger Jahren, und Victor Kravchenko entwirft dasselbe Bild, nur noch dunkler, in den vierziger Jahren. Dies ist das einzige, was sich in Europa nicht geändert hat, das heißt, es hat sich zum Schlimmeren gewandelt, indem es sich nach außen verbreitete, den halben Kontinent unterjochte und heute England bedroht.
«Das große Experiment der Sowjets». Es gibt in der Geschichte von dreißig Jahren der Sowjetherrschaft nicht eine einzige Sache, die neu wäre. Alles darin hat das Gepräge der Reaktion gegen die erbarmungslose Roheit der Zeiten lange vor der Zarenherrschaft. Wenn es darin etwas für die moderne Zeit Neues gibt, dann ist das nur die Abschaffung eines jeglichen Rechts auf Besitz. Ursprünglich zu dem Zweck durchgeführt, den Großgrundbesitz zu vernichten, ist sie der in der Geschichte bisher unbarmherzigste Schlag gegen den Menschen schlechthin und hat in einem so riesigen Lande mit bäuerlicher Bevölkerung jedweden Bauern zu einem landlosen Sklaven gemacht.
Vor zehn Jahren verfiel ich noch in den Fehler, den ich bei anderen rügte, als ich im «Jahrmarkt des Wahnsinns» dogmatische Behauptungen über etwas schrieb, was ich weder gesehen noch gründlich untersucht hatte: den Beginn der endlosen sowjetischen Nacht. «Die bolschewistische Revolution nahm ihren Anfang in der Agonie Rußlands … Es war ein Aufstand gegen eine unerträgliche Tyrannei. Es war die konvulsivische Erhebung eines ganzen über alle Geduld gemarterten und ausgebeuteten Volkes, eine verzweifelte Anstrengung, eine unendlich lange Tyrannei abzuschütteln und eine Wendung zum Besseren herbeizuführen.»
Nein. In den vierziger Jahren haben wir schon zuviel gesehen, als daß wir noch länger glauben könnten, die Macht über die Masse ginge von einer Gruppe an eine andere durch Aufstände des Volkes über. Wäre dem so, dann hätte das russische Volk sich schon längst erhoben. Der folgende Satz war richtig: «Im vorliegenden Falle ist die Macht von einer Clique an eine andere Clique übergegangen, und niemand kann heute noch sagen, was sich letzten Endes aus der bolschewistischen Revolution für Rußland ergeben wird.»
In den vierziger Jahren jedoch wissen wir, was andere Völker als die Russen von ihr zu erwarten haben. In keinem einzigen Lande sonst ist der Kommunismus durch eine Entscheidung der Mehrheit an die Macht gelangt. Das wird ihm auch niemals gelingen. Und dennoch herrscht der Kommunismus heute über viele andere Länder ‑ gestützt auf die Anwesenheit der Roten Armee. In den dreißiger Jahren, als ich in Moskau war, definierte der gute Litwinow als «den Angreifer» freundlicherweise ein Land, das zuerst die Grenze seines Nachbarn durch Truppen überschreiten oder sie durch Flugzeuge überfliegen ließ. Stalin erzählte Eden, daß «zwei expansionistische Länder, Deutschland und Japan, den Weltfrieden bedrohten» (aber er fügte nicht hinzu, daß er Deutschland dabei Gesellschaft leisten werde, diesen Frieden zu brechen).
In jenen Tagen hatte es den Anschein, als wünschten die Herrscher über Rußland Frieden und als könnten die versklavten Russen glücklich werden.
Dem war nicht so. Der Bereich der Zerstörung ist nur größer geworden, und über die künftigen Pläne kann gar kein Zweifel bestehen. Das Fragezeichen, das in den dreißiger Jahren über dem Kreml hing, ist jetzt in den Vierzigern beantwortet worden, und wir sind wieder genau so weit wie vor zehn Jahren. Europa kann ebenso wenig in zwei Teile zerschnitten bleiben, wie ein Mensch mit gebrochenem Rückgrat durchs Leben gehen kann. Es muß entweder geheilt werden oder es muß sterben. Daß der Kommunismus die Forderung eines Napoleon oder Hitler nach Weltherrschaft vielleicht wiederholt, lag in den dreißiger Jahren auf der Hand. Dagegen war nicht klar, daß Großbritannien und Amerika ihm dabei helfen würden.
Unglückliches Rußland, unglückliches Moskau! Wie widersinnig flatterten doch damals die in Moskau genähten Unionjacks, als ein britischer Außenminister in den dreißiger Jahren zum ersten Male dort eintraf. Wie stumpf und stumm harrten in weiter Entfernung die zurückgehaltenen Menschenmengen hinter den wachsamen Truppen der Geheimpolizei. Sie hatten nichts zu verlieren als ihre Ketten (hatte man ihnen einst gesagt). Jetzt trugen sie grausamere Ketten denn je zuvor. Ihnen war nichts als das Elend des Denkens geblieben.
Wie gut tat es, durch den Eisernen Vorhang zurück in das zivilisierte Polen zu fahren. Armes Polen!

VIII. Der Tanz der Marionetten

Es war eine Teufels‑Carmagnole, die in den dreißiger Jahren begann, als der Pöbel sich um die Banner des Antichrists scharte. Hakenkreuz, Sichel und Hammer ‑ es war kein Zufall, sondern ein Teil aus dem «Plan», daß beide in Gestalt eines zerbrochenen oder verzerrten Kreuzes erschienen, und das enthüllte ihre niedrige Herkunft.
Einmal war das Kreuz in allen Flaggen Europas enthalten, in denen Frankreichs, Preußens, Rußlands, Österreichs und aller anderen. Jetzt ist es nur noch in der Flagge Englands, der skandinavischen Länder, der Schweiz und Griechenlands geblieben. Über der Finsternis, die Europa in den vierziger Jahren überzogen hat, weht das antichristliche Symbol der Zerstörer. Das ist der beste Maßstab, in der einfachsten Form, für die Ergebnisse von zwei Kriegen und drei Jahrzehnten. Sie haben es beinahe fertig gebracht, das Werk von neunzehn Jahrhunderten zuschanden zu machen. Das Verschwinden der Kreuze ist nicht ohne Sinn. Unter ihnen hatte sich auch noch der eitelste Kriegsherr vor den Grenzen gebeugt, die menschlichen Ansprüchen gesetzt sind. Die neuen Herren aber erkennen keine höhere Obrigkeit an als ihre eigene; so gleichen sie in ihrer Hoffart den Pavianen.
Wie armselig waren die Massen, die ich sah und die auf dem Roten Platz «Stalin! Stalin! » schrien oder «Hitler! Hitler! » in der Wilhelmstraße oder «Duce! Duce! Duce!» in Rom ‑ sie schreien jetzt auch «Tito! Tito! Tito!» Seitdem die ersten Pöbelmassen «Gib uns Barabbas!» schrien, haben sie sich immer selbst von etwas Schlechtem zu etwas noch Schlimmerem gebrüllt.
Vor vierzig Jahren war die Politik eine recht sichere Beschäftigung, und die Aussicht auf ein ehrenwertes, friedvolles Ende war im Durchschnitt groß. Jetzt dagegen ist sie ein gefahrvolles Geschäft. Stalin hat fast alle alten Bolschewistenführer ermordet; Hitler liquidierte Hunderte von seinen Gefährten; der tote Mussolini wurde mit den Füßen nach oben von seinem eigenen Pöbel aufgehängt. Alles das aber wird eine neue Generation von Strandräubern nicht abschrecken. Das Rauschgift Macht ist zu verlockend, die unsichtbaren Drahtzieher sind zu mächtig.
Sie mögen zu Tausenden sterben, diese Emporkömmlinge, die der Fluch unseres Jahrhunderts sind, und der Pöbel zu Millionen. Die Bedauernswerten sind die anderen, jene, die den Versuch machen, an den christlichen Werten festzuhalten und den Pöbel vorüberrasen zu lassen, die aber in den Mahlstrom mit hineingerissen und von ihm weggefegt werden. Was können sie ausrichten gegen die Geheimpolizei, Brotkarten, Zwangsarbeit, den Angeber und die allmächtige Partei? Diese Opfer der Teufelsmaschine sind es, auf die vor allem mein Blick fällt, wenn ich auf die dreißiger Jahre zurückschaue. Die Überlebenden sehen heute ein Europa, das zwischen Hammer und Amboß liegt. Es kann nicht so bleiben, wie es ist, weder zivilisiert noch wild, weder ganz versklavt noch ganz frei. In der Finsternis der vierziger Jahre warten diese Millionen ‑ jetzt schon beinahe hoffnungslos auf die endgültige Entscheidung.
Wo sind meine Freunde aus den rauchigen dreißiger Jahren geblieben? Die meisten von ihnen sind verschwunden. Wo ist Nadja, die kleine Tänzerin, die mit mir im Little Rocket fuhr, mit mir in Budapest Crawlschwimmen lernte, mir zwischen den Binsen eines mecklenburgischen Sees ein Steak am Spieße briet, die ihre schlanke Linie den Pasteten in Brüssel opferte und ihren Wunsch, sie wieder zu gewinnen, den Cremeschnitten von Wien? Einmal hatte ich Nachricht von ihr, einen Brief von ihrer Hand, der eben noch aus Antwerpen herauskam, bevor die Deutschen dort einmarschierten. Ich sehe noch immer die letzten Worte: «Es geht mir schlecht. Deine Nadja.» ‑ Liebe, gute Nadja, ich fürchte, es ist dir noch schlechter ergangen, aber dein Lachen und die fröhlichen Augenblicke in einer sich verfinsternden Zeit bleiben ewig.
Seltsame Gesichter und Gestalten tauchen in jener bunt zusammengewürfelten, verworrenen, von Menschen überfüllten Straße auf, als die mir das wahnwitzige Europa der ausklingenden dreißiger Jahre erscheint. Da ist Charly Chaplin, der die Deutschen während des Ersten Weltkrieges im Film «Schultert die Gewehre!» verhöhnte und sie dann wiederum im zweiten Kriege mit dem «Diktator» verspottete? Da steht er vor dem Hotel Adlon in Berlin, umringt von jubelnden Deutschen und lacht übers ganze Gesicht. Die Zeit? Für ihn, zwischen zwei Filmen; für den Pöbel, zwischen zwei Kriegen; mit anderen Worten, die dreißiger Jahre. Wie sehr ähnelt er Hitler, der bald von derselben Stelle aus demselben Pöbel zugrinsen sollte! Nicht nur in der äußeren Erscheinung. In den kläglichen Herzen dieser beiden Clowns steckt das gleiche Selbstmißtrauen, dieselbe Abneigung gegen die sterbliche Menschheit. Der eine mit politischem Ehrgeiz zeigt es in seinen Filmen, der andere mit dem Ehrgeiz, ein Maler zu sein, zeigt es in seiner Politik.
In der Neunzehnhundertdreißiger Straße gab es neue Geräusche. In jeder Wohnung begannen kleine Kästen zu sprechen, und die Millionen, die ihnen lauschten, errieten kaum, wieviel Gift durch sie ihren Köpfen eingeträufelt wurde. Die Filme begannen zu sprechen. Ich sehe noch heute den «Blauen Engel» und Emil Jannings und Marlene Dietrich zusammen auf dem Kurfürstendamm. In den vierziger Jahren war Marlene immer noch Marlene, vielleicht ein wenig verfeinert, aber immer noch «von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt», immer noch ein wenig guttural, wenn sie amerikanische Soldaten mit ihrem Singen zum Sieg über Deutschland anfeuerte. (Vielleicht dachten die deutschen Soldaten an sie, wenn sie bekümmert die Weise von «Lili Marlen» vor sich hinsangen.) Wäre Jannings in Hollywood geblieben, dann hätte vielleicht auch er ‑ wer kann das wissen! nach Deutschland abkommandierte amerikanische Soldaten unterhalten, aber er blieb nicht, und als die Amerikaner einmarschierten, wurde er verhaftet, «geröstet» und der «Kollaboration» beschuldigt. Hatte er etwa nicht in deutschen Filmen mitgespielt? Warum war er nicht als ehrenwerter Mann in Kalifornien geblieben?
Unberechenbares Spiel des Schicksals, bei manchen grausam, bei anderen freundlich. Da sitzt die liebliche Lilian Harvey und lächelt mich durch ihr Film‑make‑up an. Sie tanzte durch die rauchigen dreißiger Jahre und durch den «Kongreß», der da «tanzte». Sie sah wie eine Engländerin aus, sprach englisch; ich glaube, ihrer Herkunft nach war sie Engländerin. Sie war der Liebling von allen, wenn sie in ihrem langen Tourenwagen mit dem melodischen Hornsignal über den Reichskanzlerplatz fuhr, und schöpfte vermutlich keinen Verdacht, als er in «Adolf‑Hitler Platz» umgetauft wurde, daß das den Ruin bedeutete. Aber ich vermute, das hat es für sie bedeutet, denn damals war sie eine reiche Frau ‑ und wurde dann doch von dem großen Wirbelwind beiseite geschleudert und tauchte in den vierziger Jahren mit einemmal gebrechlich und kränklich in einem Pariser Music‑Hall auf. Sie war froh, «wieder bei der Arbeit zu sein», sagte sie, und die Zeitungen machten «eine story» aus ihr ‑ für einen Tag.
Wunderlich genug verhätschelten die dreißiger Jahre die Publikums‑Idole, um die herum der Pöbel sich scharte. Da geht Bunny Austin, um für England auf dem Tennisplatz des Rot‑Weiß Clubs im Grunewald zu spielen ‑ und nachher zu einem wunderlichen, unvorhersehbaren Stelldichein mit der «Moralischen Aufrüstung» irgendwo in Amerika. Die Massen liebten es, sich in solchen Helden selbst zu vergessen und zu bewundern. Sie strömten zusammen, um zwei andere Helden des Tages zu bejubeln, den Amerikaner Tilden und den Deutschen von Cramm. (In den vierziger Jahren traten diese beiden männlichen Figuren aus dem Sonnenschein der öffentlichen Bewunderung in eine vorwurfsvolle Vergessenheit zurück.) Da geht durch die Tauentzienstraße, damals noch unbekannt, der aufsteigende junge Schriftsteller Christopher Isherwood (die vierziger Jahre werden auch ihn in Amerika finden), und neben ihm schreiten die Gestalten aus seinen Büchern: der parfümierte, perückentragende Mister Norris, die sich selbst verschwendende englische Courtisane Sally.
Und dort, in der Ringstraße, ist der König von England! Seine Geschichte lieferte damals den einen noch fehlenden Stein zur griechischen Mustertragödie Europas in den dreißiger Jahren. Wie verhängnisvoll, dachte ich: Wenn der Sturm ausbricht, wird das britische Volk auf seinem Thron einen Mann benötigen, der derart vollkommen die Ergebenheit der ganzen, großen, über die Welt verstreuten Völkerfamilie auf sich vereinigt. Es hielt damals schwer, irgendwo Gottes Hand zu erblicken. In den vierziger Jahren jedoch konnte das britische Volk wieder gewahren, daß es eine Gottheit gibt, die unser aller Geschicke lenkt. Der neue König, der mit keinem einzigen der riesigen Vorteile seines Bruders angefangen hatte, stärkte einzig und allein durch sein stilles, schlichtes Beispiel das Gefühl der Einheit in der weithin verstreuten britischen Völkerfamilie.
Die Günstlinge der öffentlichen Meinung wurden aufgegriffen, herumgezerrt, weggeworfen; sie genossen nicht das ruhige, stete Ansehen früherer Favoriten. Da, durch die Rue de la Paix, geht ein junger Bursche, Lindbergh. Er hatte nur wenig Ahnung von den Stürmen, denen er entgegenging, als er den atlantischen Stürmen entgegenflog. Der Pöbel, um den der Rauch dichter und dichter wurde, klammerte sich an dieses Traumbild seiner selbst: Ein goldener Jüngling, mit vom Winde verwühltem Haar, der alle Zufälle besiegte und sicher jenes Paris erreichte, wohin alle guten Amerikaner reisen, wenn sie fliegen. Die Anbetung der Massen umbrandete ihn.
Der Held wurde der Gefangene des Pöbels; nie mehr sollte er seine eigene Seele besitzen dürfen; wenn er diesen Sturm meistern wollte, mußte er dem Pöbel folgen. Er flog hierhin und dorthin und überall. Alles, was er sagte, war wichtig ‑ wenn es das war, was der Pöbel sich wünschte. Dieses plötzliche Herumreisen öffnete ihm den Sinn für die Angelegenheiten dieser Welt, und er bildete sich seine eigenen Meinungen. Das war genug, oder besser, das war zuviel. Er war «ein Faschist»! Daß ein Deutscher seinen kleinen Sohn ermordete, brachte ihm nicht die Gunst des Pöbels ein, als er rief: «Bleibt aus dem Krieg gegen Deutschland!»
Menschen, die sich Ansichten über Europa bilden, ohne es gründlich zu kennen, irren sich meistens, und auch er irrte sich, als er meinte, «Faschismus» und «Kommunismus», allein miteinander gelassen, würden sich gegenseitig vernichten. Das war nicht «im Plan» enthalten. Jetzt, in den vierziger Jahren, mag er auf dem halben Wege zur Wahrheit sein, wenn er seinen Landsleuten sagt: «Geht nach Europa und gebietet dem Kommunismus Halt.» Die ganze Wahrheit dieser dreißig Jahre jedoch ist, daß ein Präsident Roosevelt für Amerika gefährlicher ist als Faschismus, Kommunismus oder irgend eine neue Waffe.
Hier folgt noch ein seltsames Bild aus den rauchigen dreißiger Jahren: Ramsay MacDonald, der mit seinem sozialistischen Parteigenossen Sir Oswald Mosley zur Seite die Deutschen im Reichstag vor einem Angriff gegen Polen warnt. Das geschah noch vor Hitlers Machtergreifung! In der Rückschau bin ich stolz über diese Begebenheit. Hat er den Sozialismus «verraten»? Wir wissen heute weit mehr über das kommunistische Reich und wünschen uns noch solch einen «Verräter», viel lieber als die versteckte kommunistische Vorherrschaft in der britischen Labour‑Partei, die in den vierziger Jahren solche Verheerungen in England angerichtet hat. Das ist ein weit schlimmerer «Verrat» an England als alles, was dieser Sozialist jemals getan hat. In den vierziger Jahren schneiden diejenigen, die am lautesten gegen den «renegaten Parteiführer» hetzten, bei einem Vergleich mit ihm schlecht ab.
Und der wohlhabende Baronet an seiner Seite? Seine Gestalt war damals schon scharf umrissen. Der reiche Mann unter unseren Sozialisten gehört genau so zur Tagesordnung wie der amerikanische Millionär unter den Kommunisten. Der Rauch der dreißiger Jahre muß ihm den Blick getrübt haben, daß er es fertig brachte, die Worte «britisch» und «faschistisch» miteinander zu verbinden. Man kann sich ebensowenig eine britische Ogpu, eine britische Gestapo, einen britischen Nazi oder einen britischen Kommunisten denken, falls England weiterbestehen soll, wie einen Pastor mit dem Bocksgehörn des Teufels.
Viele andere Menschen sind mir begegnet, die in meinen Augen damals, in den rauchigen dreißiger Jahren, noch keine endgültige Gestalt besaßen, aber die sie heute gewinnen. Ich wußte nur in den seltensten Fällen und kümmerte mich auch nicht darum, welche Politik sie trieben; sie bekundeten den gleichen Abscheu wie ich gegen «die Nazis«, und ich nahm es damals als selbstverständlich an, daß sie logischerweise den Kommunismus genau so verabscheuten. Ich haßte ja nicht ihre Namen; ich haßte, was beide taten.
Ich habe mich, wie ich jetzt sehe, in dieser Annahme häufig geirrt. Ich saß mit einem Mister John Strachey in einem Wiener Kaffee und schimpfte mit ihm über «die Nazis». Er war für mich nicht mehr als ein Name. Ich wußte nicht, daß er (damals) ein führender Kommunist war und daß er von der Invergordon‑Meuterei in den dreißiger Jahren geschrieben hatte, «sie offenbare den wahren Geist des britischen Seemanns», oder «von einer Union von Sowjetrepubliken, die bis an den Rhein reicht», oder «daß sich das Schwergewichts‑Zentrum des Weltkommunismus von Moskau westwärts nach Berlin verlagere». Hätte ich damals dergleichen von ihm gelesen, dann hätte ich ihm klargemacht, daß solche Zukunftsaussichten genau so schlimm wären wie die von einem Nazi-Weltreich, das bis an den Ural reichte, mit dem Schwergewichts-Zentrum des Welt‑Nationalsozialismus ostwärts von Berlin nach Moskau verlagert, und daß es ein Unsinn wäre, das eine zu befürworten und das andere zu verlästern. Ich konnte in jener Nacht in Wien nicht erraten, daß diese schattenhafte Bekanntschaft während des folgenden Jahrzehntes Versorgungsminister in Großbritannien werden und mit Hilfe der Landesverteidigungs‑Verordnung eines überstandenen Krieges Brotkarten auf dieser Insel einführen würde. Wäre ich solch ein Hellseher gewesen, dann hätte ich den Einwand erhoben, daß despotische Macht über das tägliche Brot eines Volkes ‑ unter welchem Namen auch immer das unverkennbare Merkmal der Diktatur ist, und hätte ihn gefragt, was er denn eigentlich am Nationalsozialismus auszusetzen hätte.
Dann gab es da noch einen gewissen Mr. Richard Crossmann, der in den dreißiger Jahren in Deutschland herumreiste und ganz ähnlich über «die Nazis» schimpfte. Er schien ein leicht lispelnder junger Professor zu sein, angenehm im Umgang, aber ein wenig nebulos. Als der Krieg ausbrach, war ich erstaunt, Nacht für Nacht seine Stimme zu hören, wenn er den deutschen Arbeiter aufforderte, sich Hitlers zu entledigen. Er und die «Professoretten», die ähnliche feurige Botschaften im Radio erließen, waren nicht Arbeiter und Arbeiterinnen. Ich zerbrach mir den Kopf darüber. Warum dieses künstliche Hervorheben der «arbeitenden Klassen»? Als der Krieg vorbei war, beeilte diese Stimme sich, so laut «Verständnis» für die Sowjetmacht zu fordern, wie andere es für den wohlmeinenden Hitler getan hatten, und wieder einmal begriff ich diesen Respekt vor dem Teufel in Rot, gepaart mit dem Haß gegen den Teufel in Braun, nicht, ebenso wenig wie sein Plädoyer für «Notverordnungen» in England bei seinem gleichzeitigen Abscheu gegen die Diktatur in Deutschland.
Wahrhaftig, die Menschen in den dreißiger Jahren waren selten das, wofür ich sie hielt, und in den Vierzigern nahmen sie häufig Umrisse an, die weit verschieden von allem waren, was ich mir bei unsern Gesprächen vorgestellt hatte. In Genf zum Beispiel gab es eine eher blasse, undeutliche Figur, einen gewissen Konrad Zilliacus. Ich machte mir manchmal Gedanken über seinen ungewöhnlichen Namen und seine Herkunft. Der Völkerbund brauchte sprachkundige Männer, nahm ich an, und folglich war er dort. Und wäre mein Leben davon abgehangen, ich hätte nicht erraten können, daß er zehn Jahre später mit einer Mehrheit von 19 000 Stimmen in seinem Wahlkreis ins Unterhaus gewählt würde, oder daß dieser Feind alles Faschistischen einmal als Apologet alles Kommunistischen berühmt werden sollte. Ich habe das niemals begriffen und werde es auch in Zukunft nie begreifen.
Ich kenne einige Männer in den dreißiger Jahren, deren Überzeugungen klar waren. Sie haßten beide Teufel und starben für gewöhnlich. Hier sind zwei von ihnen: Grada Kosomaritsch, ein Serbe, und Sima Franzen, ein Kroate, beides jugoslawische Journalisten. Kosomaritsch, der während des Ersten Weltkrieges nach England entfloh und in Oxford studierte, war lange Zeit Korrespondent der «Times» in Belgrad. Der balkanische Mensch hat häufig einen weiteren Blick als der Westeuropäer; vielleicht haben ihm die fünf Jahrhunderte der Türkenherrschaft seinen Blick geschärft. Kosomaritsch bekämpfte in seiner Jugend die Deutschen in seiner serbischen Heimat und haßte die Nazis, ihre Erben. Aber er sah klar, daß der Faschismus nur ein Deckmantel für den Kommunismus war. Ich erkannte das damals nicht, und wir hatten viele Dispute miteinander. Weil er den Kommunismus haßte, wurde Kosomaritsch als «Faschist» diffamiert; als die Nazis in Belgrad einmarschierten, töteten sie ihn. (Er war überzeugt, daß der Mord an König Alexander in Marseille ein Werk der Kommunisten war; jetzt, da die Pläne eines kommunistischen Weltreiches bis zur Adria und darüber hinaus zu Tage getreten und die damals unbekannten Männer, die für diese Zwecke in Rußland geschult wurden, aufgetaucht sind, ist das Weitsichtige seiner Betrachtungsweise ganz evident.)
Sein Kollege Franzen war mit mir zusammen im Jahre 1938 in der Tschechoslowakei und half mir bei meinen Versuchen, die Flüchtlinge ‑ meistens Juden ‑ vor den heranmarschierenden Deutschen zu retten. Nachher wurde er als «Kommunist» verschrieen, obschon er die unteilbare Einheit von Faschismus und Kommunismus erkannt hatte und beide haßte. Als die Sowjets in Belgrad einmarschierten, wurde er erschossen.
Die dreißiger Jahre waren die goldene Zeit für den Scharlatan und den Banditen. Die Vierziger, die sich als noch geeigneter für Betrug und Gewalttätigkeit erweisen sollten, standen noch bevor (und die Fünfziger, die wohl eine noch reichere Ernte erbringen mögen, sind noch ungeboren). Massen von menschlichen Wesen zeigten, daß bei ihnen die Zivilisation Europas nicht einmal bis unter die Haut gedrungen war; sie war nur eine waffeldünne Schicht über den tierischen Instinkten, und die Diktatur wußte, wie sie diese Schicht beseitigen konnte. Der Pöbel schritt blindlings zur Reaktion in ihrer widerwärtigsten Form, wenn sie die Züge von Marx, Lenin oder Hitler trug und die Maske des «gemeinen Mannes» oder der «arbeitenden Klassen» anlegte. Die großen Geister der Zivilisation, angefangen vom Nazarener bis zu Shakespeare, von da Vinci bis zu Goethe, hatten in zweitausend Jahren der Geschichte auf die geistige Verfassung des Pöbels kaum eingewirkt. Immer noch war die Menschheit eine Kröte, mit der Krone der Humanität auf der Stirn; aber die Kröte hatte sich noch nicht in einen schönen Prinzen verwandelt.
Ein Pandemonium von Menschen und Maschinen war der «Jahrmarkt des Wahnsinns» in den rauchigen dreißiger Jahren. Ich sehe noch das erste Raketenauto auf der Avus bei Berlin, verfolgt von den Blicken deutscher Generalstabsoffiziere mit dem verbotenen roten Streifen auf den Hosen. Meine nüchternen, englischen Kollegen lächelten über mein lebhaftes Interesse an diesem Spielzeug. Ich verfolgte begierig jede leiseste Andeutung von Neuigkeiten auf dem Gebiet des Raketenantriebs. Da gab es einen Mann, der den Ehrgeiz hatte, eine befrachtete Rakete herzustellen, die ihre Last innerhalb eines vorgeschriebenen Gebietes abwarf. Es war die Rede von einer experimentellen «Post‑Rakete» nach Amerika, und als ich darüber einen Bericht schrieb, machte mir ein Freund (der im späteren Krieg ein höherer Offizier des Intelligence‑Service der RAF war) Vorwürfe, daß ich die Spalten der Times für einen solchen «Unsinn» verschwendete.
In den vierziger Jahren aber dachte ich wieder an das Raketenauto mit seinem feurigen Schweif zurück, als ich aus dem Fenster eines Landhauses in Sussex lehnte und die ersten Raketengeschoße, mit ihrem feurigen Schweif, über die Dünen hinweg Richtung London fliegen sah. Ein Zeitungskorrespondent im Ausland kann, wenn man es ihm erlaubt, seinem Lande gute Dienste tun.
Die Neunzehnhundertdreißiger‑Jahre scheinen mir die zehn schlimmsten und schicksalsschwangersten Jahre in den zwanzig Jahrhunderten unserer emporsteigenden Zivilisation gewesen zu sein. Was immer es mit den zeitweiligen Rückschlägen auf sich haben mochte ‑ die Hauptzielrichtung war stets klar gewesen, sie bewegte sich aufwärts. In jenen zehn Jahren aber wurden ungeheure Rückzugsgefechte ausgekämpft, und sehr wenigen Menschen ist auch jetzt noch aufgegangen, wieviel in jenem Jahrzehnt verloren gegangen ist. Als die dreißiger Jahre begannen, waren die christlichen Prinzipien von Freiheit und Recht mehr oder weniger noch überall in Europa in Geltung, ausgenommen in dem kleinen Zipfel des asiatischen Rußlands, den die Landkarte Europa zuzählt. Als sie zu Ende gingen, waren ungesetzliche Einkerkerung, Tortur und Tod, Massen‑Deportation und Massen‑Entvölkerung die Regierungsmethoden in drei Vierteln des Kontinents. Die Herrscher des eingekerkerten Rußlands und des eingekerkerten Deutschlands reichten einander die Hand, um dieses Pestreich zu erweitern, bis es beinahe ganz Europa verseucht hatte.
Die Dreißiger! Wie doch die Herde, vom 19. Jahrhundert auf die schöne Weide eines freien Lebens entlassen, dahinstürmte, um die abschüssigen Ufer von Gadarea wiederzufinden! Wie schwächlich waren die großen Männer. Viele von ihnen schrieen ‑ «Der Wolf ist los!» ‑ nur weil sie selber eine wölfische Rolle spielen wollten. Selten war der Mann (und ist es heute noch), der standhaft auf den Grundsätzen des Neuen Testamentes, der britischen Rechtspflege, der amerikanischen Verfassung beharrte, unbekümmert welche Seite in dem Wirrwarr des Tages die Oberhand zu gewinnen schien.
Als der Rauch der dreißiger Jahre sich in die Flammen der Vierziger wandelte und der Tanz der Marionetten immer schneller und besessener wurde, gab der Weise des Jahrhunderts dem Ganzen seinen letzten Segen. Als die beiden antichristlichen Führer sich die Hand reichten, um Europa zu zerstören, rief Bernard Shaw, wenige Augenblicke bevor sie vereint über Polen herfielen: «Hitler hat sich unter den starken Daumen Stalins begeben, und dessen Friedenswille ist überwältigend.» Das war der passende Abschluß für die wahnsinnigen dreißiger Jahre.

ZWEITES BUCH

Feuer 1940 ‑ 1945

Ein warmer Septemberabend
Die finstere Wolke, die über unserem Jahrhundert lagert, verflog plötzlich für mich (traurige Illusion!) an einem Herbstabend des Jahres 1940, als ich auf der Straße von Bedford nach London kam. Die ersten neun Monate der vierziger Jahre waren von unerträglicher Ungewißheit. An jenem Abend füllte sich der schweigende, unheilschwangere Himmel mit einemmal mit dahingleitenden Lichtstreifen wie Sonnenlicht auf Libellenflügeln, mit weißen Lichtkegeln und dem Lärm des Kampfes. Flugzeuge stürzten ab, eins von ihnen so nahe, daß ich schwarze Kreuze sah. Die Schlacht war endlich im Gange, und mit einemmal wußte ich, daß wir sie gewinnen würden. Die vierziger Jahre, das ganze zwanzigste Jahrhundert lichtete sich.
Einige Tage stehen mir leuchtend in der Erinnerung wie Miniaturen in einer alten Handschrift. Ich begann einen von ihnen in Bedford und dachte da an John Bunyans lange Gefängnishaft bei der Brücke. In Gefängnissen schrieb er «Die Pilgerreise», (durch den «Jahrmarkt der Eitelkeit») und «Fülle der Gnade». In dem Gefängnis der Seele, das die dreißiger Jahre für mich waren, schrieb ich Bücher, die ich «Der Jahrmarkt des Wahnsinns» und «Schande im Überfluß» nannte. Ich betrachtete seinen Kerker und versuchte, alle die englischen Schriftsteller zu zählen, deren Los es von seiner Zeit bis zur Gegenwart gewesen war, Verfolgung zu leiden. Ich empfand einen krankhaften Haß gegen meine eigene Zeit. Dann fielen mir seine Worte ein: «Eine Burg, genannt die Zweifelsburg, deren Herr der Riese Verzweiflung war» … Ich entbot ihm meinen Gruß, schüttelte meine finstere Laune ab und stieg wieder in meinen Wagen. Gott segne dich, alter John, dachte ich, als ich londonwärts fuhr. Ich bedachte meine eigenen Segnungen. Ich war nicht im Gefängnis, obschon es Leute gab, die mich gerne da gesehen hätten. Meine Begleiterin war das entzückendste Wesen, das ich je gekannt habe. Mein Wagen war einzigartig in seiner schlanken Anmut und Kraft. Ich hatte ihn mir nach Dünkirchen gekauft und mir dabei gedacht: Wenigstens werde ich dieses schöne Wesen ein paar Meilen steuern, bevor die Nacht hereinbricht. Er war lang und niedrig und von einem Blau, das mit dem Schal um die Haare meiner Begleiterin, ihren Augen und dem Himmel über uns harmonierte. Sie hatte nie in ihrem Leben Bunyan gelesen, und doch war sie in ihren eigenen Worten sein Echo, als sie den Mann tadelte, «der mit einer Mistforke in den Händen immer nur zu Boden blickt». Es hielt damals schwer, das nicht zu tun.
So hatte ich Bedford kaum hinter mir gelassen, als ich mich als der Glücklichste unter den Lebenden fühlte. Wahrhaftig, ich gelangte auf eine köstliche Ebene, Wohlbefinden genannt, und erging mich darin mit Zufriedenheit ‑ aber diese Ebene war sehr schmal. Plötzlich standen wir vor einer Szenerie, die sich meiner Erinnerung scharf eingeprägt hat.
Neben der Landstraße lag ein großer Flugplatz mit einer Menge Maschinen darauf und großen Gebäuden, die sich schwarz gegen den grünen Rasen abhoben. Es war Alarm gegeben worden, und in Gruppen zu dritt oder zu viert standen Soldaten über das sonnige Feld verstreut und blickten in angespannter Wachsamkeit zum Himmel und gen Süden. Weshalb Alarm gegeben worden war, weiß ich nicht, vielleicht erwartete man einen Bomberangriff oder eine Fallschirmjäger‑Landung. In dieser Frühzeit der Flugplatzverteidigung waren Unteroffiziere und Sergeanten die einzigen, glaube ich, die Munition für ihre Gewehre besaßen. Noch nie hatte ich ein so ansteckendes Empfinden von Gefahr verspürt und auch noch niemals soviele Männer in erstarrter Stellung dastehen sehen. Kein Glied regte sich und kein Kopf wandte sich um, als unser blauer Wagen vorbeisauste, und bald fuhren wir abermals zwischen leeren, friedlichen Feldern dahin. Aber das wenige, das wir gesehen hatten, sagte mir, was vor uns lag: der Kampf über London.
London! Diese Stadt ist allen Menschen alles oder sie trägt für jeden je nach seiner Stimmung ein anderes Gesicht. Ein großes Krebsgeschwür, wie Cobbeut dachte, als er aus der Stadt ritt und zurückschaute ‑ aber er sah dabei nicht London, sondern eher das Böse, das sich in dem kommenden Jahrhundert zusammenbraute. «Die Hölle ist eine ganz ähnliche Stadt wie London», lautete Shelleys Verdammungsurteil. «Ein Mann, der London satt hat, hat das Leben satt», predigte Johnson. «London ist ein modernes Babylon», stellte Disraeli verbindlich fest, weil sein östliches Denken in falschen orientalischen Bildern schwelgte. «London ist das Rom von Heute», entschied Ralph Waldo Emerson.
Rom ‑ das kommt der Sache näher, aber doch nicht genau, denn es gibt nichts wie London. Paulus war der Gefangene Roms; aber die St. Pauls‑Kathedrale krönt die Londoner City, und noch stolzer, seitdem die Flammen ihre Kuppel verschonten. Mir bietet auch Rom keinen schöneren Anblick als den, den ein Mensch genießt, der heute von Waterloo‑Bridge über die Themse auf St. Paul blickt. Die Vorsehung ist der meisterlichste Städteplaner und bedient sich geschickt der Heimsuchungen und Häßlichkeiten, um solch ein Stadtbild zu schaffen. Jahrhunderte lang plackten Menschen sich damit ab, London zu erbauen, und doch bedurfte es einer Seuche, zweier großer Feuersbrünste, einer Riesen‑Hand‑voll Bomben und zahlloser anderer von Menschenhand oder von Naturkräften gewirkter Unglücke, um diese vollkommene Symphonie der Umrisse und lichten Zwischenräume, der Kuppeln und Spitzen, der Dächer und Flußwasser, des Himmels, der Bäume, der Brücken und Barken zustandezubringen. Mögen Turner und Canaletto einem jungen Maler, der jetzt seine Palette mischt, ihr Auge vererben, um die Schönheit dieses Augenblicks in Londons Geschichte einzufangen.
Ein gebürtiger Londoner, der in solch einer Nacht nach London kam, tut gut daran, sich die Worte eines anderen gebürtigen Londoners zu borgen, der vor vierhundert Jahren schrieb: «Zu guter Letzt sie alle doch zum fröhlichen London kamen, zum fröhlichen London, meiner zärtlichsten Beschützerin, die mir dieses Lebens erste heimatliche Gaben bot.» Wenn Fröhlichkeit ein stiller Mut auch unter tödlichen Bedrohungen ist, dann war London an jenem Abend so fröhlich wie zu den Zeiten, da Edmund Spenser schrieb.
Ich kenne einige von den jungen Männern, die in jener Nacht über London mit dem Drachen kämpften. Es ist ein Jammer, daß solch leuchtende Augenblicke wie die im September 1940 nicht auf die unverrückbare Mauer der Zeiten festgeheftet werden können, sondern mit dem dahinfliegenden Leben davongetragen werden. Aber ihre Farben stehen mir doch immer leuchtend vor Augen, und nicht weil ich die Sonne auf dem Goldenen Vließ oder auf spanischen Schiffsleibern blinken oder Nelsons Signal flattern sehe, oder Neys prachtvolle Kavallerie‑Attacken oder Spitfires über London, sondern aus einem ganz anderen Grunde. In jedem dieser Augenblicke sehe ich, wie sich die Augen und Herzen von Männern in weiter Ferne England zuwenden. Jedesmal, wenn wir solch einen Kampf gewinnen, wird die Hoffnung in ihnen wiedergeboren.
Ich kenne diese Männer, für die das Wort England bedeutet, daß es da irgendwo in der Ferne ein kleines Land gibt, dem es gelungen ist, seine Freiheiten von Jahrhundert zu Jahrhundert zu gewinnen, zu erweitern und zu vertiefen. Ihre Hoffnung stirbt nur, wenn wir kapitulieren. Pitt erfaßte diese Wurzel der Wahrheit, als er nach Trafalgar sagte: «England hat sich durch seine Anstrengungen gerettet und wird Europa durch sein Beispiel retten.» Ich kenne einen Mann, der in einer Stadt auf dem Balkan, in Novi Sad, war, kurz bevor die Deutschen dort einmarschierten. Er sah dort Bauern, die keine Ahnung davon hatten, daß ein Engländer unter ihnen weilte, auf England und dann auf Churchill trinken. Diese Menschen wurden später grausam in ihren Hoffnungen getäuscht und konnten uns dafür anklagen, und doch, wette ich, richten sich ihre Blicke auch heute, wie immer, auf England. Sie wissen, daß Staatsmänner Fehler begehen, aber daß wir bis jetzt noch niemals den Fehler der Kapitulation begangen haben; daß, wenn wir überleben, auch die Hoffnung überlebt, und sei es auch nur für die Enkel ihrer Enkel.
Alles das sah ich hinter der Schlacht über London. Wir kennen heute die Worte, die Churchill gebrauchte, als er zum ersten Male seine Tory‑, Sozialisten‑ und Liberalen‑Minister um sich versammelte. Zu unserem Gewinn hat ein sozialistischer Gegner sie nach seinem Sturz enthüllt. «Wir müssen weiterkämpfen, und wenn die lange Geschichte unserer Insel einmal enden muß, dann ‑ sage ich ‑ darf sie nur zu Ende sein, wenn jeder von uns in seinem eigenen Blut am Boden liegt.» Ein sozialistischer Geistlicher hat uns die Worte überliefert, die Churchill nach seiner Radio‑Botschaft über den «Kampf auf den Klippen» an das englische Volk privatim äußerte: «Wir werden sie mit Bierflaschen auf den Kopf schlagen, das einzige, was uns noch übrig geblieben ist! » Dieser seltene und nicht zu porträtierende Mann sollte sieben Jahre nach jenem Sommer seine Geschichte des Zweiten Weltkrieges in klassischem Englisch schreiben und unter einem nom de pinceau Bilder malen, würdig, die Wände der Royal Academy zu schmücken. Erstaunliches Leben, das wie gemalte Scheiben mit den Jahren an Farbigkeit gewinnt.
An jenem Abend verfolgte er, die Zigarre im Mund, den Ablauf der Schlacht, die sich über seinem Haupte abspielte. Es war keine entscheidende Schlacht, denn solche gibt es nicht, aber es war eine von den größten, die sich je abgespielt haben. Es war nicht wie Waterloo eine, die Europa ein Jahrhundert eines gesicherten, voraussehbaren Fortschritts beschied. Ich glaube, die Fehler, die er später beging, waren mit ein Grund dafür, aber wir müssen noch seine Darstellung des Ganzen abwarten. Nicht einmal die düsteren Folgen können die Farben jenes leuchtenden Augenblicks verdunkeln, dessen heroischer Genius er war. Die vierziger Jahre nahmen einen guten Anfang mit ihm, und wenn alles gut ist, was gut anfängt, und wir die in der Folge begangenen Fehler noch gut zu machen vermögen, dann könnte dieser Augenblick das Gesicht unserer Welt für das nächste Jahrhundert bestimmen.
Doch wie auch immer es sich mit der Zukunft verhalten mag ‑ ein Mensch, der in diesem Augenblick nach London kam, konnte nie und nimmer wünschen, an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit zu leben. Es gibt viele große Städte, aber nur wenige Weltstädte. London war damals die größte und welthafteste. Es lag völlig allein unter dem weitoffenen Himmel, ohne zu bangen und, glaube ich, nicht sonderlich erregt. Seine Millionen gingen ruhig ihren Beschäftigungen nach. Disraeli nannte London fälschlich: «Ein Volk ‑ aber nicht eine Stadt»; in jener Nacht jedoch war es das einzig wahrhafte Volk in der Welt: ein Volk freier Menschen allüberall.
Unter all dem Getöse lag eine erfrischende geistige Ruhe und ein aufrechter Stolz. Zum ersten Male seit vielen Jahren wurde mir das Herz weit, als wir bei Regent’s Park anhielten und zuschauten. «Der Stolz von London ist in unsere Hände gelegt worden», lauteten die angemessenen Worte eines anderen Londoners, Noel Cowards, für diesen Augenblick.
Als der Himmel dunkelte und der Kampf abebbte, fuhren wir glücklich erregt weiter über den Portland Place. «Ich glaube, die sind daran, ihnen die Zähne auszubrechen», sagte ich. «Natürlich», sagte sie. Vor meinem Hotel öffnete ein unerschütterlicher Portier den Wagen. «Guten Abend, Sir», sagte er nur, wie an jedem anderen Abend. Er ist heute noch dort, in derselben Uniform mit den Auszeichnungen des ersten Krieges, obschon ihm jetzt ein Auge fehlt, das später eine Bombe von ihm auf diesem Posten forderte. Sieben Jahre später mag er sich gefragt haben: «Ging dieser Kampf um die Freiheit?» und darauf geantwortet haben: «Mein Auge ging dabei drauf … »
An jenem Abend jedoch war es noch weit, bis die dunklen Wolken wieder heraufzogen. Das zwanzigste Jahrhundert schien sich endlich aufgehellt zu haben. «Ja, wirklich ein guter Abend», sagte ich und half meiner Begleiterin hinaus. Wir waren dabei, die Schlacht zu gewinnen; sie war entzückend; es war September; ein wolkenloser Abend; es war warm.

II. Der heimliche Krieg

Vor knapp sechs Jahren marschierten die Millionen, sie hatten keine Ahnung, wohin, und die Massen brachen auf zur Flucht, sie wußten nicht, wovor und welchem Schicksal entgegen. Dann war der Krieg mit den Waffen zu Ende. Die Feindseligkeiten aber nahmen ihren Fortgang. Der Zweite Weltkrieg, das Pendant des Ersten, ging weiter; genau gesagt: der eine große Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts datierte weiter, und sein Ausgang ist immer noch ungewiß. Immer noch hängt von seinem Ausgang die Zerstörung oder der Fortbestand Europas ab. Die Schwätzer, die davon anfingen, daß «ein zweiter Weltkrieg» oder gar «ein dritter Weltkrieg» das Ende bedeuten würde, hätten ebensogut sagen können, das Haus, in dem sie lebten, wäre «das Ende».
Vermutlich war dies der größte Betrug, den man je an der Menschheit verübt hat. Die Beendigung des Krieges mit den Waffen führte für Europa nur einen Zustand des getarnten Krieges herbei, der schon seit 1936 gedauert hatte, als Hitler das Rheinland besetzte, bis zum Jahre 1939, als er zur offenen Auseinandersetzung mit den Waffen geworden war. Aus dem Rauch gingen wir nur durch das Feuer ‑ in den Qualm. Die Besetzung der Länder fremder Völker mit Waffengewalt und die Einsetzung von Marionettenregierungen in ihnen wurde entgolten; die Zahl der Versklavten wurde nur noch größer und ihre Lage nur noch hoffnungsloser als früher. Die großen Befreiernationen ‑ Großbritannien und die Vereinigten Staaten (oder die Männer, die während des Krieges über sie herrschten) benutzten ihre Macht, um das zustande zu bringen. Bevor der Kriegszustand im Jahre 1939 zum bewaffneten Konflikt wurde, hatte Deutschland Österreich und die Tschechoslowakei, und Italien Albanien annektiert. Und als der bewaffnete Konflikt 1945 wieder zum getarnten Kriege wurde, hatte das kommunistische Rußland de facto Polen, Litauen, Lettland, Estland, Bulgarien, Jugoslawien, Albanien, Ungarn, Rumänien, einen Teil von Finnland und der Tschechoslowakei annektiert und beherrschte durch seine Armeen die übrige Tschechoslowakei und die Hälfte von Deutschland.
Als der «Ende‑Feuer!»‑Befehl gegeben wurde, war das Ziel: die Zerstörung Europas und des Christentums, mit britischer und amerikanischer Hilfe beträchtlich näher gerückt, und das Schicksal des übrigen Europas beruhte auf dem weiteren Verlauf der Feindseligkeiten. Der heimliche Krieg, der politische Krieg, war dem sichtbaren Krieg entgegengelaufen wie eine Lokomotive auf einem anderen Geleise.
Dieser Richtungswechsel der wahren Ziele des Krieges erfolgte, nachdem das kommunistische Rußland und die Vereinigten Staaten durch den deutsch‑japanischen Angriff im Jahre 1941 in den Krieg eingetreten waren. Mir ging das im Jahre 1942 auf, und von diesem Augenblicke an verfolgte ich den Weg unserer Armeen in dem großen Waffengang mit einem Gefühl von Mitleid und Sinnlosigkeit. Aber das war falsch, denn sie errangen doch jenes Unbezahlbare, daß wir überlebten, was uns auch jetzt noch immer die Gelegenheit gibt, den Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts zu gewinnen. Verlieren wir ihn, dann liegt die Schuld bei uns, den Überlebenden!
Zwischen 1938 und 1943 schrieb ich jährlich ein Buch. Bis zu «Alle unsere Morgen» (verlegt 1942) fürchtete ich nur eins: daß der Sieg von 1940 dadurch zunichte gemacht würde, daß man Deutschland gestattete, einen dritten Krieg anzuzetteln. In «Falls wir es bedauern sollten» (geschrieben im Frühjahr 1943) hatte ich die großen Schachzüge hinter dem Krieg der Waffen entdeckt: ein Riese wurde da mit Waffen unterstützt und mit territorialen Abtretungen ermutigt, doch diesmal war es ein anderer: das kommunistische Rußland. Damals schrieb ich: «Unsere Ehre steht und fällt mit Polen. Wir können unmöglich in seine Teilung einwilligen. Wir können nicht Europa ausliefern, weder an Deutschland noch an Rußland, ohne uns damit selber auszuliefern. Kämpfen wir denn diesen Krieg nur für ein zweites München? »
Nach 1943 schrieb ich kein neues Buch mehr. Es wäre nutzlos gewesen, ja vielleicht unmöglich, die riesige Maschinerie der Kriegspropaganda herauszufordern. Die niederschmetternde und einschüchternde Macht der Massenpropaganda auf die Gemüter der Masse ist bedenklich; die Macht des Denkens scheint zuweilen beinahe ausgestorben bei den Menschen. Aber trotz allem war den wenigen Wissenden und Erfahrenen klar, daß die Schachzüge von 1942 und der folgenden Jahre Europa nach dem errungenen «Siege» in einem Zustand des getarnten Krieges, der Feindseligkeiten ohne Austragung mit den Waffen, belassen würden, der auch jetzt, da ich dieses schreibe, andauert. . . .
Die großen Schachzüge hinter dem Krieg mit den Waffen waren vor allem zwei: das britisch‑amerikanische Übereinkommen, dem kommunistischen Rußland die Hälfte von Polen abzutreten (also genau das, was Hitler getan hatte), und die britisch-amerikanische Aufrichtung einer kommunistischen Diktatur in Jugoslawien. Das bedeutete, daß damals ‑1942/43 ‑ jener «Eiserne Vorhang» vorbereitet wurde, der sich heute quer durch Mitteleuropa zieht und über den man sich in Amerika so stürmisch und in diesem Lande weniger laut beklagt.
Ein Blick auf die Karte zeigt, was das bedeutet. Das bedeutete, daß das ganze Gebiet hinter dieser Linie lediglich aus der Hand Nazideutschlands in die Hand des kommunistischen Rußlands wandern würde. Wie groß dieses Gebiet werden sollte, hing einzig und allein davon ab, wie weit man den kommunistischen Armeen gestatten würde, in Europa vorzudringen. Zu erwarten, daß sie auf einer papierenen Linie quer durch halb Polen halt machen würden, hieß ganz einfach die Öffentlichkeit betrügen. Sie würden nur stehen bleiben, wo ihnen die britischen und amerikanischen Armeen entgegentraten. Die britischen und amerikanischen Streitkräfte aber machten durch ganz offensichtlich im voraus getroffene Vereinbarungen auf einer Linie Halt, die von der Adria über Berlin bis zur Ostsee verlief und Europa ganz sauber in zwei Teile zerschnitt.
Die Geschichte dieser beiden Meister‑Schachzüge ist aufschlußreich. Sie begannen mit der schrittweisen Verleugnung der polnischen Exilregierung in London, die eine so tapfere Armee zur Teilnahme an der Schlacht um England aufgestellt hatte. Mit welchem Recht Großbritannien und die Vereinigten Staaten diese rechtmäßige Regierung einer verbündeten Nation stürzten, wird die Geschichte sich vergeblich fragen. Im März 1943 aber erklärte die «Times» unter der amüsanten Überschrift «Die Sicherheit Europas»: «Rußland hat einzig und allein ein Interesse daran, sich zu versichern, daß seine äußere Verteidigungslinie in sicheren Händen liegt. Diesem Interesse wird am besten damit gedient, wenn die Gebiete zwischen seinen Grenzen und denen Deutschlands von Regierungen beherrscht werden, welche ihm gegenüber freundschaftlich eingestellt sind.»
Der nächste unmißverständliche Schachzug erfolgte in Jugoslawien. Die Serben hatten sich, um ihren König geschart, gegen Hitler erhoben. Der König stand auf unserer Seite; die Reste seiner Armee, unter seinem Oberbefehlshaber, kämpften in den Bergen. Plötzlich führte die Propaganda‑Maschinerie das Wort «Partisanen» in den amtlich‑kontrollierten Nachrichten ein. Wer waren diese Neukömmlinge? Nun, die Kommunisten mobilisierten ihren «unzerstörbaren Kern», erklärte Winston Churchill. Dann mit einemmal tauchte «Marschall» Tito auf ‑ ein Mann, bei dem weder der Rang noch der Name echt ist. Man beachte die Hand hinter den Kulissen! Dieser Mann, der wie Hitler von irgendwoher, wie der «Knüppel aus dem Sack» auftauchte, stand ungefähr in dessen Jahren und war irgendwo in derselben alten österreichischungarischen Monarchie geboren worden, für die Welt ein Unbekannter ‑ nicht aber für Moskau, wo er jahrelang geschult worden war.
Waren seine Beglaubigungsschreiben wohl dermaßen gut, daß man ihn mit solchem Respekt behandeln mußte? Will man ihm ebenfalls gutschreiben, wie es die Dummköpfe bei Hitler getan haben, daß er, einzig und allein von seiner Persönlichkeit getragen, so kometenhaft an die Macht gelangte? Moskau hatte ihn geschult, aber London und Washington verhalfen ihm auf den Thron. Dem rechtmäßigen verbündeten König (den man in London und Washington sogar entthronte) und seinem Oberbefehlshaber verweigerten Großbritannien und die Vereinigten Staaten jegliche Waffen‑ und Geld‑Hilfe. Alles ging an «Tito». Aus von Fallschirmen getragenen Kanistern regnete es britische Gold‑Sovereigns auf ihn hinab. Was bewog wohl einen Präsidenten Roosevelt, der «Nieder mit der Diktatur!» schrie, selbst eine zu gründen, oder einen Winston Churchill, der über das Chaos als Folge des Krieges klagte, es selbst ausbreiten zu helfen?
Der Eiserne Vorhang wurde gezogen, der getarnte Krieg der Jahre nach 1945 begann. All dies ereignete sich unter der Herrschaft der «Drei Großen» in den Jahren 1942‑1945. Der Erste Weltkrieg hatte dafür keine Parallele, und das Sich‑Fügen der Öffentlichkeit wäre undenkbar gewesen, bevor es sich ereignet hatte. So scheint die tödliche Gefahr des Krieges im 20. Jahrhundert darin zu liegen, daß sich freie Völker ganz mechanisch mit dem neuen Dogma abfinden: Wenn ein offener Kampf beginnt, müssen die amtierenden Politiker uneingesehränkte, diktatorische Macht besitzen. Es ist aber im Kriege noch gefährlicher als im Frieden, wenn ein einziger Mensch sich das göttliche Recht anmaßt, über weit entlegene Völker und Länder nach eigenem Ermessen zu verfügen.
Die Höhepunkte dieser Zeit waren die Konferenzen von Moskau, Teheran und Yalta (auf der letzten war der Präsident der Vereinigten Staaten ganz offensichtlich ein sterbender Mann). Wo alles im geheimen getan wird, bleiben der Öffentlichkeit nur Vermutungen. Wir können deshalb nur betrachten, was diese drei Männer, die in Kontinenten und Millionen sprachen, getan haben.
Stalin ist schon seit langem der unangefochtene Beherrscher des versklavten Rußland, nur ein Gefangener seiner eigenen Befürchtungen, die ihn davon abhalten, jemals den Bereich seiner eigenen Armeen zu verlassen oder seinen Russen mehr als nur seinen Kopf auf dem Roten Platz zu zeigen.
Die vorsichtigen und weitschauenden Schöpfer der Verfassung der Vereinigten Staaten sahen nicht so weit voraus wie ein wiederholt neugewählter Präsident mit einer autokratischen Macht bis weit über die westliche Hemisphäre.
Winston Churchill war während des Krieges mit allen Machtmitteln ausgestattet. Nach meinem Urteil ist er der einzige von den dreien, dessen Herz wirklich für eine freie Gesellschaftsstruktur und freie Menschen schlug. Und doch geriet er weitab von diesen Idealen, als er in seinem Eifer, «den Krieg zu gewinnen», jene Notstandsmaßnahmen ergriff, welche die Natter am Busen der Freiheit sind. Er sagte einmal im Parlament etwas, was darauf schließen läßt, er habe sich ‑ so allmächtig er in England zu sein schien ‑ als Gefangener zwischen zwei größeren Mächten gefühlt, und wer kann wissen, welche Mächte sich hinter jenen verbargen? Hat er unter dem Druck, der ihm überwältigend schien, einer Verstümmelung Europas zugestimmt, die er selber dann später heftig anprangern sollte?
Über allem dem liegt ein Geheimnis, es sei denn, seine Memoiren lüften einmal, wenn sie erscheinen, den Schleier. Das Ergebnis aber liegt offen zu Tage, und wenn hinter irgend einem der anderen Männer Mächte standen, welche die Zerstörung Europas wünschen, dann waren sie ihrem Ziel beträchtlich näher gekommen. Bestimmt hat Stalin vorausgesehen, daß es ein zweigeteiltes Europa geben würde, eine kommunistische Hälfte, die an britischer und amerikanischer Materialhilfe und Gold erstickte, und die Fortsetzung der Feindseligkeiten. Ist es möglich, daß Präsident Roosevelt und Winston Churchill das nicht vorausgesehen haben? Mir scheint, dieser Präsident sei das Opfer scharfsinnigerer Geister und ein Werkzeug zu Zwecken gewesen, die er gar nicht verstand. (Präsident Roosevelts Politik gipfelte in einem Projekt für die Nachkriegszeit, das die Teilung Deutschlands und die Zerstörung des deutschen Volkes vorsah ‑ dem Morgenthau‑Plan. Dieses phantastische Projekt, das in der Geschichte der zivilisierten Menschheit einzig dasteht, nahm in dem Abkommen von Potsdam Gestalt an, das nach Präsident Roosevelts Tod von Präsident Truman unterzeichnet wurde).
Wollte man ihn politisch klassifizieren, so gehört er zu jener Schule des Liberalismus, die ungezählte Millionen in Trauer gestürzt hat. Winston Churchill aber, der Zoll um Zoll für sein Vaterland kämpfte, fühlte sich zu schwach, um einem übermächtigen Druck standzuhalten ‑ vielleicht war er auch schlecht beraten.
Bisweilen schien er auch zu sehen, was da gebraut wurde. Nach den Meister‑Schachzügen in Polen und Jugoslawien stand noch ein Zug offen, mit dem der Krieg immer noch zu «gewinnen» war. Das war eine frühe Invasion, welche die britisch‑amerikanischen Armeen in die auf Befreiung hoffenden Länder führte, ehe die bolschewistischen Armeen sie besetzten. Es gab einen Augenblick, da ich hoffte, daß er das sähe, denn er sagte den Amerikanern (im Mai 1943, in Washington): «Wir haben viele schwere Gefahren überwunden, aber es gibt eine schwere Gefahr, die uns bis ans Ende begleiten wird. Diese Gefahr ist eine unnötige Verlängerung des Krieges.» Ich hatte den Eindruck, daß er mit diesen Worten irgendjemanden in Washington ermahnte.
Wenn es einen Weg gab, den Krieg abzukürzen und zu gewinnen, dann nur eine zeitige Invasion; und wenn es mit Sicherheit einen gab, um ihn zu verlängern und das Andauern der Feindseligkeiten in Europa zu gewährleisten, dann ein Aufschieben der Invasion. Die Invasion wurde aufgeschoben.
Die Invasion wurde aufgeschoben, oder besser: sie wurde sinnlos auf Afrika und Italien abgelenkt. Auf Europa angesetzt, während riesige deutsche Armeen in Rußland festgehalten waren, hätte sie den wahren und nicht den falschen Sieg gebracht, den Winston Churchill später betrauerte.
Wer bekehrte wen, wer gab wessen Druck nach? Die Schachzüge in Polen und Jugoslawien und der einjährige Aufschub der Invasion zimmerten die Bühne für das Melodrama der fünfziger Jahre: ein zweigeteiltes Europa, oder Ost gegen West, Kommunismus gegen Kapitalismus, Asien gegen Amerika ‑ oder welchen irreführenden Namen man auch immer für die Massen wählen mag.
War das ganze wiederum eine einzige Kette von Irrtümern? Diese Erklärung will einem schwer in den Kopf. Was aber klar ist, das ist der unleugbare Anteil der übernationalen Kräfte während dieses ganzen Krieges des 20. Jahrhunderts, um jene Popanze zur Macht zu bringen, die niederzuringen die Völker dann später berufen wurden, nur um sie hinterher merken zu lassen, daß während sie das besorgt hatten ‑ andere an ihre Stelle gesetzt worden waren. Immer und überall erscheint die Finanzmacht als der Gegner von Frieden und Freiheit der Völker, und während ein Tyrann niedergerungen wird, hat sie ihre Hilfe schon einem anderen geschenkt. Britisches und amerikanisches Kapital finanzierte die deutsche Wiederaufrüstung, und Hitler wurde mit Gebietsabtretungen ermutigt, diesen Krieg zu beginnen. Als er dann Rußland angriff, wurde die ganze Unterstützung auf den neuen, kommenden Angreifer übertragen. Betrachtet man die Zukunft, dann ist es zwecklos zu übersehen, welchen Anteil britisches und amerikanisches Geld gespielt hat, um das kommunistische Weltreich bis ins Herz Europas vordringen zu lassen.
Der Umfang der britischen und amerikanischen Hilfe, die das kommunistische Rußland erhielt, war ungeheuerlich, und das waren keine papierenen Anleihen oder buchhalterische Transaktionen, sondern Materiallieferungen und Gold. Sie wurden ohne jede öffentliche Kontrolle gespendet und konnten nur gerechtfertigt werden, wenn sie einen «gemeinsamen Sieg» zustande brachten. Aber wie man voraussehen konnte, geschah das nicht.
Es ist bemerkenswert, wie gut die Handlungsweise Hitlers in diesen Rahmen paßt. Wenn er nicht fähig war, die Invasion in England zu bewerkstelligen, dann hatte es sich überhaupt nicht gelohnt, diesen Krieg anzufangen, es sei denn, er habe Deutschland zerstören wollen. Dasselbe geschah nochmals vor Moskau (Victor Kravchenko, damals Hauptmann der Roten Armee, beschreibt in seinem Buch «Ich wählte die Freiheit» die Verwirrung und Panik in Moskau zwischen dem 13. und 18. Oktober und sagte: «Die Deutschen hätten Moskau während dieser Tage ohne Kampf einnehmen können … Warum sie sich zurückzogen, ist ein Geheimnis, das nur die Deutschen selber vor der Geschichte aufdecken können.»).
Ich glaube, daß Hitler selbst den Befehl zum Rückzug gegeben hat, und weise abermals auf das Geheimnis seiner Herkunft und seiner Beweggründe hin. Und dann haben wir noch die unerklärlichen Ereignisse von Pearl Harbour, das trotz vielen Warnungen einem japanischen Angriff wehrlos ausgesetzt blieb. (Der amerikanische Schriftsteller George Morgenstern schrieb ein Buch, «Pearl Harbour, The Story of the Secret War», das von den meisten Kritikern entweder übergangen oder lächerlich gemacht worden ist, aber das großes Interesse bei der Öffentlichkeit und steigenden Absatz gefunden hat. Das «American Journal of International Law» schreibt sehr ernst über dieses Buch: «Entweder geht Morgenstern einer falschen Fährte nach, oder dieser Krieg war von amtlichen Personen Amerikas geplant, die ihre Landsleute betrogen haben. Solange der Gegenbeweis nicht geliefert wird, bleibt die Beschuldigung aufrecht … Der Autor, der sich des sensationellen Charakters seiner Behauptungen bewußt war, hat sich durch Auszüge aus Originalakten gesichert. Es bleibt nun den Verteidigern der amtlichen Lesart über Pearl Harbour überlassen, diese zu entkräften».)
Es gibt noch einen andern Schachzug, der den Krieg entweder abwenden oder, wenn schon begonnen, abkürzen konnte. Das war die Beseitigung Hitlers. Es erscheint jetzt überzeugend belegt, daß jeder derartige deutsche Versuch von Moskau (wo man den deutschen Kommunisten verbot, sich an solchen Unternehmen zu beteiligen), aber auch von London und Washington durchkreuzt wurde. Wenn es verborgene Hände gab, die den Verlauf und die Ergebnisse dieses Krieges verkehren oder ihn verlängern wollten, dann muß dies ihr Triumph gewesen sein.
Diese Geschichte zieht sich durch wenigstens sechs Jahre hin, von 1938 bis 1944. Im Jahre 1938 erkannten führende deutsche Generäle und Politiker, an ihrer Spitze der Chef des Generalstabes, Beck, und der Oberbürgermeister von Leipzig, Karl Goerdeler, daß Hitler im Begriffe war, einen europäischen Krieg zu beginnen. General Beck besprach sich mit dem ganzen deutschen Generalstab und machte ihm klar, daß Deutschland nicht imstande sei, einen europäischen Krieg zu gewinnen, und daß ein Weltkrieg Deutschland zugrunde richten werde. Beck und Goerdeler informierten die britische Regierung über Hitlers Pläne und empfahlen eine eindeutige britische Erklärung, daß jede gegen die Tschechoslowakei gerichtete Aktion den Krieg bedeutete. Beck forderte auch die kommandierenden Generäle der deutschen Armee auf, sich im Kriegsfalle gegen Hitler zu erheben.
London gab keine Antwort. Statt dessen machte Chamberlain drei Flüge zu Hitler, und Großbritannien und Frankreich forderten die Tschechoslowakei auf, vor Deutschland zu kapitulieren.
Mit der Zurückweisung dieses Angebots und dem Pakt von München wurde der Krieg zur Gewißheit, falls Hitler und Stalin sich die Hände reichten, wie sie es im September 1939 dann auch wirklich taten. Von da an machte die Propaganda‑Maschinerie den Massen während sechs Jahren (beziehungsweise vier, was Rußland betrifft) weis, daß der für den Krieg verantwortliche Mann einzig und allein Hitler sei und daß dessen Sturz ihn beenden werde. Und doch wurde dabei jeder Versuch seitens derer, die ihn allein umbringen konnten, der Deutschen nämlich, zurückgewiesen und verheimlicht.
Im Jahre 1940 traf ein englischer Besucher, J. Lonsdale Bryans, in Rom den künftigen Schwiegersohn Ullrich von Hassels und hörte von ihm, daß Hitlers Gegner in Deutschland immer noch gewillt waren, loszuschlagen, falls sie auf die Hilfe Großbritanniens rechnen konnten. Lonsdale‑Bryans informierte das Foreign Office, erhielt die Möglichkeit zurückzukehren und hatte im Februar 1940 eine Begegnung mit von Hassel in der Schweiz, wo Hassel ihm ein Memorandum mit dem Entwurf einer Verfassung für ein reformiertes Deutschland mit demokratischer Staatsordnung übergab, die nach Hitlers Beseitigung eingeführt werden sollte. Als Lonsdale‑Bryans damit nach London kam, konnte er jedoch für seine zweite Begegnung mit von Hassel nur einen Brief erwirken, in dem «die britische Regierung ihre Anerkennung für das beträchtliche Risiko» aussprach, das dieser dem Verhängnis geweihte Deutsche damit eingegangen war, seine Vorschläge schriftlich zu fassen und zu unterzeichnen. Von Hassel gab weitere Proben für seine gute Gesinnung, indem er Lonsdale Bryans warnte, daß Deutschland die Niederlande angreifen und Italien in den Krieg eintreten werde. (Ich glaube, daß Lonsdale Bryans, von dem ich diese authentischen Angaben habe, ein Buch über diese Verhandlungen geschrieben hat, und hoffe, daß es auch erscheint.)
Ach! wenn nur Hitler tot wäre! jammerten die Politiker, die Leitartikler und die Schlagerdichter im Chor. Aber Hitler hatte mehr Freunde als diejenigen, die ihn zu beseitigen trachteten. Um 1941 herum gehörten zu ihnen Männer aus allen sozialen, politischen und religiösen Lagern in Deutschland. (Erbeutete deutsche Dokumente lassen erkennen, daß mehr als 4980 Deutsche nach dem letzten Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 hingerichtet worden sind). Im Jahre 1942 übergab Pastor Dietrich Bonhoeffer dem Bischof von Chichester in Schweden ein Memorandum an die britische Regierung. «Sagen Sie uns nur, daß Sie mit einem von Hitler befreiten Deutschland verständig umgehen wollen», heißt es da flehentlich, «und wir werden handeln». Der Bischof informierte die britische Regierung, auch die amerikanische wurde auf dem laufenden gehalten. «Aber zur bitteren Enttäuschung der Verschwörer» wurde nichts unternommen.
Statt dessen kam es zu einer Begegnung von zweien der Kriegsführer in Casablanea, im Januar 1943, und zur Forderung (die vermutlich den abwesenden Dritten besänftigen sollte, der schon eine deutsche Armee schulte) nach «bedingungsloser Kapitulation». W. A. Dulles sagt darüber: «Bisweilen schien es, als ob diejenigen, welche für die Politik in Amerika und England verantwortlich waren, die militärischen Aufgaben so schwierig wie nur möglich gestalteten, indem sie alle Deutschen zum Widerstand bis zum bittern Ende einigten.»
Ja, es hat den Anschein, als ob der Krieg mit allen Mitteln verlängert wurde, damit der Zustand andauernder Feindseligkeiten daraus hervorginge. Aber wer «war für die Politik in Amerika und in England verantwortlich»?
Die amerikanischen und britischen Führer im Kriege schienen allmächtig zu sein, aber waren sie es wirklich? Meiner Ansicht nach waren Winston Churchills Macht Grenzen gesetzt durch die Notwendigkeit (wie er sie sah), den Krösus, den mächtigen, unerschöpften Verbündeten günstig zu stimmen. Präsident Roosevelt war also der stärkere ‑ aber war seine Macht absolut? Wenn sie es war, dann war das gefährlich, denn das Buch seines Sohnes zeigt uns einen Mann, der von Europa nichts verstand und dessen Gedankengang sehr jugendlich‑unreif und befangen war.
Seine Macht scheint von seinen «Ratgebern» eingeschränkt gewesen zu sein. Während seiner langen Präsidentschaft ließ er jenes geheimnisvolle und gefährliche Amt wieder aufleben, das zum ersten Male in den Jahren 1914‑1918 neben Woodrow Wilson sichtbar geworden war: den «Ratgeber des Präsidenten».
Ein solches Amt ist in der amerikanische Verfassung gar nicht vorgesehen, und diese «Ratgeber» scheinen mir große Machtvollkommenheiten entwickelt zu haben, ohne mit der geringsten Verantwortung belastet worden zu sein. Präsident Roosevelt war umgeben von Männern ‑ häufig von osteuropäischer Herkunft ‑, denen er kraft seiner außerordentlichen Vollmachten ungeheure Macht über die Menschheit weitab der Vereinigten Staaten übertrug. Als er starb, wurden solche, niemals durch eine Wahl bestätigte Männer als die Häupter der verschiedensten Körperschaften sichtbar, welche sich zum Ziel gesetzt haben, das Wohl und Wehe von Millionen in Europa im Namen der «Vereinigten Nationen» diktatorisch zu entscheiden. Wenn es einen geheimen Plan der großen Drahtzieher gab, dann wurde er damals sichtbar. Durch die Zeiten der Kriegsverwirrung und durch die Potentaten des Notstandes war die Macht in der Welt von den gewählten Regierungen in den verschiedenen Ländern an die – alle in Amerika beheimateten ‑ Departemente einer Welt‑Regierung übergegangen. Und die Welt‑Beherrscher, scheint mir, traten damals aus dem Dunkeln hervor.
Der Plan lief augenscheinlich darauf hinaus, durch «Not‑Vollmachten» eine Weltdiktatur auf den Ruinen der verschwundenen Diktaturen zu errichten. Ihm war kein voller Erfolg beschieden, aber er hat beträchtliche Fortschritte gemacht. Er kann nur völlig verwirklicht werden, wenn der Krieg des 20. Jahrhunderts weiter andauert, und das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum dessen Fortsetzung vorbereitet wurde.
Nehmen wir einmal ‑ um der Diskussion willen ‑ an, es gäbe keinen geheimen Krieg, es hätte keine ‑ obschon ich das behaupte ‑ Schachzüge gegeben, die man einem unverständigen Präsidenten der Vereinigten Staaten und einem hart bedrängten britischen Premierminister aufgezwungen hat, um die Kriegsziele zu verkehren und die Fortsetzung der Feindseligkeiten bei Kriegsende zu erreichen. In diesem Falle blieb bei Beendigung der Kampfhandlungen ein Schachzug offen, durch den der gutgläubige Krieg noch immer hätte gewonnen und sein ursprüngliches Ziel hätte erreicht werden können. Dieser Schachzug war, die britischen und amerikanischen Streitkräfte solange unvermindert in Europa zu belassen, bis daß das kommunistische Weltreich einen Friedensvertrag unterzeichnet und dessen Verpflichtungen damit eingelöst haben würde, sich bis wenigstens zur Mitte von Polen zurückzuziehen und der britischen und amerikanischen Öffentlichkeit alles das bekanntzugeben.
Das Gegenteil jedoch trat ein, und dies war der erste Schachzug in dem heimlichen Kriege hinter der Fassade des Friedens. Die britischen und amerikanischen Streitkräfte wurden übereilt zurückgezogen (die Aufmerksamkeit der Massen wurde derweilen mit den Nürnberger Gerichtsverhandlungen beschäftigt), bis nur noch kleine Garnisonen übrig blieben, die gar nicht mehr imstande waren, den Dieb mit seiner Beute zu behelligen.
Gleich danach aber wiederholte sich die Situation der dreißiger Jahre im Faksimile, als Hitler gleichzeitig getadelt und ermutigt wurde. Ein lautes Jammern über die Unvernunft und den schlechten Willen der Sowjets begann. Am 1. Juli 1947 erklärte General Marshall mit vorwurfsvollen Blicken nach dem sowjetischen Delegierten: «Die Vereinigten Staaten haben die größte Militärmacht, welche die Welt je gesehen, demobilisiert.» Es seien nur kleine Garnisonen als Besatzungsmacht zurückgeblieben, und «an diesen Abzug seien keinerlei Bedingungen geknüpft worden».
«Keine Bedingungen» im Jahre 1945! Warum dann aber die Klagen im Jahre 1947? Das Geheimnis liegt nicht in dem Verhalten der Sowjets, das alle erfahrenen Kenner hätten voraussagen können, sondern einmal in diesen bedingungslosen Geldgeschenken und zum anderen in diesem bedingungslosen Abzug der Truppen, der ganz eindeutig zu einer neuen Kriegslage führen mußte. Die Herren Politiker aber können doch nach diesen dreißig Jahren nicht so einfältig sein! Von wessen Hand stammen diese Schachzüge? Wenn Amerika wirklich das kommunistische Weltreich dazu bewegen wollte, den Frieden zu wahren, dann wäre das in China leichter gewesen als in Europa. Aber das ganze Jahr 1946 diente nur dazu, daß man Marschall Chiang‑Kai‑Schek Unterstützung versagte, der damals versuchte, die sowjetische Aggression abzuwehren, und daß man die amerikanischen Streitkräfte bedingungslos aus China zurückzog!
Sollten das alles nur Irrtümer gewesen sein, dann ist das eine phantastische Geschichte. Die Wahrheit könnten wir nur aus den Dokumenten aus der Zeit der Herrschaft der «großen Drei» erfahren; aus allen jenen Abkommen, Protokollen, Memoranden und Noten, die jetzt im Weißen Haus (Präsident Roosevelts Nachfolger im Amt hat sich geweigert, einem «Untersuchungsaussehuß» des Senats Einsicht in die Akten der Rooseveltschen Diktatur zu gewähren) und in Whitehall verborgen sind und welche die Transaktionen von Teheran, Yalta, Potsdam, Kairo und Moskau enthalten. Wir werden diese Dinge nie erfahren, aber meiner Ansicht nach kann man jetzt das wahre Gesicht dieses Krieges des 20. Jahrhunderts, der immer noch andauert, schon klar genug erkennen.

III. Gespaltene Gesellschaft

Während der Zweite Weltkrieg ‑ das heißt: die zweite Rate des Krieges des 20. Jahrhunderts ‑ andauerte, wurden auf dem großen Schachbrett jene meisterlichen Züge gezogen, die die Fortdauer der Feindseligkeiten nach Kriegsende sicherstellten: Die kommunistische Herrschaft faßte, dank den gewaltigen Zuschüssen von Gold aus England und Amerika, in halb Europa Fuß. Ein anderer Meisterzug bestimmte, welche Gestalt die fortdauernden Feindseligkeiten annehmen sollten.
Eine neue und furchbare Waffe wurde zur Hauptsache auf dieser Insel entwickelt. Ihr Urheberrecht und das Monopol für ihre Herstellung ging, ohne daß die britische Öffentlichkeit auch nur ein Wort darüber zu hören bekam, an Amerika über. Das ist meiner Ansicht nach eine in der Geschichte einzigartige Transaktion. Bisher haben alle Völker die Überlegenheit der Waffen, die sie ihrem nationalen Genius zu verdanken hatten, eifersüchtig gewahrt. Solche Dinge können nur im geheimen geschehen, wenn die Parlamente de facto durch «Notvollmachten» ihrer Tätigkeit enthoben worden sind. In diesem Falle kam die Transaktion erst viele Jahre später an den Tag und wurde dann der Öffentlichkeit als etwas ganz Normales hingestellt. So schrieb die «Times» am 24. September 1947 von «dieser einzigartigen Waffe, welche, soweit bekannt ist, nur die Vereinigten Staaten besitzen» . . .
Wie dem auch sein mag ‑ das Geheimnis der Atomkernspaltung wurde absichtlich abgetreten, und seine Erstgeburt war «die Atombombe». Zwei Exemplare von ihr beendeten den Zweiten Weltkrieg. Der Grund, weshalb sie auf japanische Städte abgeworfen wurden, wird niemals öffentlich bekannt werden. Zwei gute und wahrscheinlich sogar die besten Autoritäten bestritten jede militärische Notwendigkeit. Der britische Oberkommandierende, Lord Mountbatten, sagte in einer Rundfunkansprache, daß der Krieg im Pazifik nicht durch sie gewonnen wurde, da der Sieg schon sicher war, ehe sie zur Anwendung kamen. Der Stabschef des amerikanischen Oberkommandierenden, General MacArthur, sagte dasselbe.
Die Entscheidung wurde alsdann, wie es im Tagesjargon hieß, «an höchster Stelle» unter den Großen getroffen, von denen einer ‑ durch den Tod seines Vorgängers und die Nachfolge im Amt ein gewisser Herr Truman war, während ein anderer im Begriff stand, durch einen gewissen Herrn Attlee ersetzt zu werden. Die eigentliche Entscheidung jedoch trafen vermutlich «die Ratgeber».
Die formell wichtigste Zustimmung war die von Truman. Die Phantasie schreckt zurück vor dem Gedanken an den einstigen Tuchhändler von Kansas City, der plötzlich mitten im Strudel aufgefordert wird, auf der punktierten Linie zu unterschreiben.
Die Wirkung der Bomben wirkte auf die Gemüter der Masse einfach betäubend, weil man sie unter Bedingungen abgeworfen hatte, die für ihren Einsatz die allergünstigsten waren: gegen eine dichtgedrängte Zivilbevölkerung in leicht gebauten Häusern, gegen Menschen, die wehrlos gegen das Unbekannte waren. Die Überlebenden mögen festhalten, daß sie zu jenen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» gehören, für die in der Folge die Führer des deutschen Volkes angeklagt wurden (außer Hitler). In England gab es nur einen einzigen denkwürdigen Mann, der es ablehnte, seine Kirche mit den öffentlichen Danksagungen in solch einem Augenblick zu verquicken. Dieser Geistliche der St. Albans‑Kathedrale war weiser als der gewöhnliche Sterbliche, der nicht erkannte, daß die Atombombe für seine eigene Einschüchterung ‑ und nicht die der Japaner ‑ abgeworfen wurde.
Der Abwurf dieser beiden Bomben war keine militärische Maßnahme, sondern eine politische, für künftige Bezugnahme berechnet. Kaum waren sie explodiert (und der Krieg zu Ende), als unter den Wortführern des Weltstaates allüberall eine heftige Einschüchterungskampagne einsetzte, die immer noch andauert. Die Redensarten und Argumente waren überall die gleichen und wurden von Politikern und Zeitungen aller Parteien benutzt. Zum Beispiel Professor Einstein: «Es gibt kein Geheimnis und keine Verteidigung»; Harold Laski: «Da wir einen Atomkrieg doch nicht überleben werden, können wir aufhören, unser Geld auf die Herstellung von Atomwaffen zu vergeuden», und schließlich ein gewisser John Langdon‑Davies, der sich auf ein geheimnisvolles «Notkomitee der Atomwissenschaftler in den Vereinigten Staaten» beruft: Es gibt keine militärische Verteidigung gegen die Atombombe, und es ist auch keine zu erwarten … Vorbereitungen gegen den Atomkrieg sind nutzlos und werden, wenn sie doch durchgeführt werden, die Struktur unserer sozialen Ordnung zerstören.»
«Da seht ihr’s», hieß es, «die Waffe, auf die es keine Antwort mehr gibt, ist erfunden; es gibt keine Verteidigung gegen sie; die Menschheit muß sich einem Weltparlament unterwerfen ‑ oder zugrunde gehen.» – England also «muß» sich einer Waffe ergeben, die es selber verschenkt hat!
Wären die beiden Bomben nicht abgeworfen worden, und wäre das Monopol für ihre Herstellung nicht im geheimen einem einzigen Lande überlassen worden, dann hätte man diese beiden Argumente nicht benutzen können. Aus diesem Grunde hat man sie wohl abgeworfen. Diejenigen, die jetzt die bedingungslose Kapitulation der gesamten Menschheit, als Folge der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands oder Japans, fordern, haben die Atomwaffe im Stadium unbewaffneter Feindseligkeiten, das dem offenen Waffengang des Krieges folgte, für eine politische Erpressung ausgenutzt.
Die Argumente sind sichtlich falsch, aber bei der super‑nationalen Politik handelt es sich nicht um Wahrheit, sondern um Massen‑Psychologie. «Giftgas», das nie angewandt wurde, hieß das Schreckgespenst, mit dem die Welt‑Staatsmänner die Menschheit vor dem Zweiten Weltkrieg ins Bockshorn jagten; jetzt hat das Ding nur einen anderen Namen bekommen. Offenbar blieb «der Menschheit» ohnehin keine andere Wahl. Die ersten, auf welche diese Bomben abgeworfen wurden, hatten keine Wahl, genau so wenig wie ihre Nachfolger. Die Unterwerfung unter einen Weltstaat aber wird nicht mehr Frieden oder Sicherheit bringen, als sie die Kapitulation vor der Ogpu oder der Gestapo den Russen und den Deutschen gebracht hat. Die «soziale Sicherheit», die man auf diese Art und Weise erreicht, gleicht der eines Bergen-Belsen, und der Weltstaat wird seinen Willen durch eine Weltgestapo durchsetzen. Im 20. Jahrhundert, das den Anfang einer solchen Entwicklung erlebt hat, erscheint jenes «Parlament der Menschheit» und jene «Föderation der Welt», von denen die Dichter des 19. Jahrhunderts schwärmten, als die blutigste aller Tyranneien.
Die Gestalt dieses Planes wurde mir in den Jahren 1942/43 klar, als alle jene anderen unerklärlichen Dinge geschahen. Damals startete die große Kampagne für die «Abschaffung der nationalen Souveränität», eine Parole, die papageienhaft von allen jenen Leuten aufgegriffen wurde, die seinerzeit die Friedensliebe in Hitler und die Freiheit in Rußland verkörpert sahen. Die Welt-Staatsmänner traten ans Licht. Sie lagen den Völkern in den Ohren, ihre «Freiheit» (was gleichbedeutend mit der «nationalen Souveränität» ist) gegen den Faschismus zu verteidigen ‑ und sie hinterher irgend einer anonymen, super‑nationalen Gesellschaft auszuliefern. Solche Leute saßen überall in den Regierungen, Ministerien und Parteien, und ich glaube, daß es ihnen in vielen Ländern gelungen ist, entscheidenden Einfluß auf wichtige politische Beschlüsse auszuüben. Ich habe, auf ihre Existenz und ihre Pläne in meinem letzten Buch «Falls wir es bereuen sollten» hingewiesen.
Ihr Trumpf ist die internationale Polizeitruppe und ihr Ass, das mit einem heftigen Schlag auf dem Tisch ausgespielt wurde, die Atombombe. «Jetzt müßt ihr euch alle unterordnen», hieß es, «alle, wo ihr auch seid!»
Die Weltstaatsmänner kamen auf diese Weise, durch «Not-Vollmachten» und die Notstands‑Potentaten der beiden Kriege, dem Gipfel ihres Strebens sehr nahe. Nur wenn freie und durch Wahlen bestellte Parlamente in den verschiedenen Ländern beseitigt sind, die öffentliche Meinungsbildung durch die Kriegspropaganda erstickt und die öffentliche Kritik ausgeschaltet worden sind, können solche Ziele verfolgt werden. Lloyd George und Präsident Wilson waren die ersten Männer, die man für diesen Zweck ausnutzte, aber Präsident Roosevelt war weit gefährlicher. Er starb, bevor der Zweite Weltkrieg endete, aber er hatte bereits das Gerüst des Weltstaates errichtet und an die Spitze seiner zahlreichen Departemente Männer gesetzt, die in der Umgebung der schattenhaften «Ratgeber» Präsident Wilsons aufgewachsen und geschult worden waren. Die Organisation der «Vereinigten Nationen» bietet ein fesselndes Studium. Sie zählt Dutzende von Komitees und Ausschüssen, die alle in Nordamerika tagen und der Welt nur durch ihre Abkürzungen: UNRRA, COBSRA, UNESCO und unzählige andere bekannt sind. In der Theorie bergen sich hinter diesen Abkürzungen die künftigen Welt‑Kommissare, die mit einer unwiderstehlichen Macht im Rücken der gesamten Menschheit Vorschriften über das Essen, die Erziehung, das Wohnen und andere Dinge erlassen würden.
Ein solches Regime kann, wie jede andere Diktatur, nur mit Gewalt aufrechterhalten werden. Die Zustimmung der Welt zu solch einer Gewaltanwendung wurde in nützlicher Frist gefordert. Die Welt‑Staatsmänner beanspruchten das Recht für sich, ihren Erlassen genauso Nachachtung zu verschaffen, wie Hitler die Tschechoslowakei und Stalin Polen zur Unterwerfung gezwungen hatte. Die Ereignisse vom Juni 1946, die von den davon betroffenen Massen noch immer nicht erfaßt werden, scheinen mir die bemerkenswertesten unserer zwanzig Jahrhunderte zu sein:
Bei einer Tagung der «Vereinigten Nationen» in New York machte der Delegierte der Vereinigten Staaten für Atom‑Angelegenheiten, Bernard Baruch, einer von Präsident Roosevelts Ratgebern, den Antrag, eine Körperschaft zu ernennen, die den Namen «Atomic Development Authority» führen sollte. Mit anderen Worten: man wollte eine neue Reihenfolge von Abkürzungsbuchstaben aufstellen, die – ADA. Die Ziele dieser Kommission sollten sein:
1. Ein Weltmonopol für die Atombombe;
2. eine sich über die ganze Welt erstreckende Aufsichtsgewalt, um die Herstellung von Atombomben seitens jeder anderen 
 Macht zu verhindern;
3. die Befugnis, die «Zähne» (lies: Atombomben) gebrauchen zu dürfen zur sofortigen und nachhaltigen Bestrafung aller, 
 welche die zwischen den Völkern abgeschlossenen Übereinkommen verletzen.»
Dies war der herrlich verwegene, offene Plan für eine Weltdiktatur, welche diesen Planeten durch Atomterror beherrschen sollte. Wenn niemand anderes als diese maskierte Dame ADA über Atombomben verfügen durfte (und nur in diesem Falle), würde die Atombombe in der Tat eine unwiderstehliche Macht werden. Wenn man allen anderen verbot, sich dagegen zu verteidigen, würde es gegen sie wirklich «keine Verteidigungsmöglichkeit» geben. Der Sinn der Drohung: «Die Menschheit muß wählen!» wurde deutlich.
Der zukünftige Forscher mag an Hand der Spalten britischer Zeitungen feststellen, daß dieser ungeheuerliche Vorschlag der britischen Öffentlichkeit als ein Akt der Selbstlosigkeit zur Zerstörung aller Atombomben hingestellt wurde, so daß also niemand mehr über sie verfügte. Tatsächlich bezweckte er das genaue Gegenteil. Wir näherten uns dem Welt‑Terroristen‑Staat.
Der «Sicherheitsrat» (der künftige Forscher möge beachten, daß im 20. Jahrhundert das Wort «Sicherheit» immer «Gefahr» bedeutet) der Vereinigten Nationen hat fünf Mitglieder: Amerika, Großbritannien, China, Frankreich und die Sowjetunion. Hätten fünf Männer Ja gesagt, dann hätte «die Menschheit» angesichts der Atom‑Drohung «die nationale Souveränität preisgegeben». Der Vorschlag kam von Seiten der Vereinigten Staaten; der Vertreter Großbritanniens «gab seiner uneingesehränkten Zustimmung» Ausdruck; Frankreich und China waren außerstande, sich aufzulehnen. Es blieb die Sowjetunion.
Nun aber enthielt dieser Antrag, die Welt durch ein Monopol für die Atombombe in Sklaverei zu halten, noch eine weitere Klausel. Diese sah vor, daß auch die fünf Sicherheits‑Räte, nach dem sie ADA inthronisiert hatten, künftig nicht mehr das Recht haben sollten, irgendwelche Bedenken gegen eine Atom‑Aktion, welche ADA in Vorschlag brachte, zu erheben. Sehe einer also ADA, Königin des Erdballs, und ihre Kammerzofe, die monopolisierte Atombombe! Hier war die erste unverhüllte Forderung auf uneingesehränkte Macht über die Menschheit.
An diesem Punkt erlitt der große Plan jedoch für diesmal einen Rückschlag. Die «Organisation der Vereinigten Nationen» war von Anfang an ein großer Schwindel, weil jeder der fünf im Sicherheitsrat vertretenen Staaten (und nur diese) das Recht besaß, sein Veto gegen eine Strafmaßnahme einzulegen, die sich gegen ihn selber richten sollte, sofern er als «Angreifer» bezeichnet werden sollte. Das bedeutete nicht mehr und nicht weniger, als daß jede dieser Großmächte einen kleineren Staat, nach dem Beispiel Hitlers oder Stalins, angreifen durfte und zugleich jede Maßnahme gegen sich selber verhindern konnte. Dieses «Vetorecht» war in die «Satzungen der Vereinigten Nationen» auf Betreiben der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion aufgenommen worden.
Nun forderte Amerika im Interesse von Königin ADA, daß auf dieses Recht verzichtet werde, und die Sowjetunion erhob Einwände. Aus diesem Grunde war der kommunistische Daily Worker die einzige Londoner Zeitung, welche den Antrag ganz korrekt als einen Vorschlag bezeichnete, «unbegrenzte Macht in die Hände einer neuen, internationalen Organisation zu legen».
Auf diese Weise und aus eigenen Motiven, auf deren Hilfe wir in Zukunft nicht bauen können, widersetzte sich die Sowjetunion einem tödlichen Anschlag gegen England. Der Antrag lief darauf hinaus, daß ein Irgendetwas, ADA genannt (und wer wußte schon, welche Männer dahinterstanden), die souveräne Macht besitzen sollte, Atombomben gegen «jeden anzuwenden, welcher die Atomkontrolle verletzt». Die Methode ist so alt wie das politische Streben und war schon Shakespeare bekannt, der schrieb: «Schrei Verwüstung!und laß die Kriegsmeute los!» ‑ «Schrei Vertragsbruch! und laß die Atombombe starten!»
Auf diese Weise war dem großen Plan vorübergehend Einhalt geboten, aber auch heute, fünfzehn Monate später (1952), da ich dieses schreibe, wird er nachdrücklich betrieben und wird auch die wahre Absicht hinter allem Tumult sein, falls und wenn die Kampfhandlungen wieder aufgenommen werden. Die Absicht ist, die Menschen durch die Angst vor einem Kriege solange zu zermürben, bis sie sich einer Diktatur beugen.
Sie merken nicht, bevor sie es erfahren haben, daß eine Diktatur verderblicher ist als jeder Krieg, und daß eine Weltdiktatur die verderblichste von allen sein würde. Konzentrationslager, Sklavenarbeitslager und Hunger als Werkzeuge der Diktatur gegen die Bevölkerung haben in Rußland und in Deutschland mehr Menschen ums Leben gebracht als beide Weltkriege und alle Waffen zusammen.
Die Menschen sind rasch bereit, vor eingebildeten Gefahren zu zittern, und langsam im Erkennen der wahren Gefahren. In Amerika brach im Jahre 1938 eine Massen‑Panik aus, als der Rundfunk eine Landung von Marsbewohnern meldete (obschon es sich nur um ein Hörspiel handelte), und im Jahre 1947 zeigten sich ganz ähnliche Herdeninstinkte bei Himmelserscheinungen, die «fliegende Teller» genannt wurden. Es wäre leicht festzustellen, was sie in Wirklichkeit zu fürchten haben, wenn sie staatlich gelenkte Hungersnöte gegen die Bevölkerung im kommunistischen Rußland studieren wollten. W. H. Chamberlins «Das Eiserne Zeitalter in Rußland» beschrieb diese grauenhaften Dinge in den dreißiger Jahren. Und Victor Kravchenko, ein hoher Sowjetbeamter, der den Absprung wagte, berichtet darüber in «Ich wählte die Freiheit» folgendes:
«Die Regierung hortete ungeheure Reserven, während die Bauern Hungers starben. Warum das geschah, konnte nur Stalins Politbüro erzählen ‑ und das schwieg … Der grausame Prozeß der Kollektivierung, die von Menschenhand verhängte Hungersnot der Jahre 1931‑33, die gargantualischen Grausamkeiten in den Jahren der «Säuberungen» ‑ alles das ließ tiefe Wunden zurück. Es gab kaum eine Familie, die nicht Opfer bei der Offensive des Regimes gegen die Massen der Bevölkerung zu beklagen hatte. Stalin und seine Genossen waren nicht von unserer Loyalität gegenüber Rußland beunruhigt; sie waren mit vollem Recht beunruhigt durch unsere Loyalität ihnen selbst gegenüber. In ihren nächtlichen Alpträumen sahen sie vielleicht zwanzig Millionen Sklaven zwischen Gefängnismauern und Stacheldrahtverhauen durchbrechen und sich zu einem gigantischen Aufruhr des Hasses und der Rache einigen … »
David Dallin, früher Mitglied des Moskauer Sowjets, schätzt in seinem Buche «Das wahre Gesicht der Sowjetunion» die Zahl der Arbeiter in Konzentrationslagern (oder der «Personen, welche zu Zwangsarbeit verurteilt sind») auf nicht weniger und wahrscheinlich sogar höher als die Gesamtzahl der in Freiheit befindlichen Industriearbeiter, die sich in den Jahren 1938/39 auf ungefähr acht Millionen belief. (Das «Haus‑Dokument Nr. 754» des Senats der USA, eine autoritative Veröffentlichung, die sich auf amtliche Erhebungen stützt, gibt die Zahl der in Konzentrationslagern befindlichen Arbeiter mit 14 Millionen für das Jahr 1945 an, darunter zahlreiche Frauen.) – «Die Hungersnöte in den Jahren 1921/22 und 1932/33», sagt Dallin, «hatten eher politische Gründe, als daß sie auf Naturkatastrophen beruhten.» Hinsichtlich der zweiten Hungersnot fügt er hinzu: «Nur weil der Staat auf der Ablieferung seines eigenen Anteils» (an der Weizenernte) «bestanden hatte, kam es in vielen landwirtschaftlich ergiebigen Gebieten zu einer furchtbaren Hungersnot mit Millionen von Toten.» Er gibt an, daß die Bevölkerung Rußlands im Jahre 1914 170 Millionen, und im Jahre 1939 (innerhalb der Grenzen Rußlands) wie 1946 schätzungsweise ebensoviel Einwohner zählte, während es bei Beibehaltung der Bevölkerungszunahme nach 1914 rund 290 Millionen hätten sein müssen, Für diesen Ausfall von 95 Millionen Russen macht er in erster Linie die beiden «von Menschen organisierten» Hungersnöte und die Todesfälle in den Zwangsarbeitslagern verantwortlich.
Ich habe diese Feststellungen hier nicht gemacht um den Kommunismus in Rußland anzuklagen, sondern um die tödliche Gefahr der Diktatur zu zeigen und die relative Bedeutungslosigkeit irgendwelcher Atom‑ oder anderer Waffen bei der Zerstörung menschlichen Lebens zu illustrieren. Tausend Atombomben, auf die ungeheure Leere Rußlands abgeworfen, würden nach meinem Dafürhalten nicht so viele Menschen töten, wie durch die Terror- und Hunger‑Herrschaft umgekommen sind. Die Atombombe wird in unserer Zeit dazu benutzt, den Plan einer Welt‑Diktatur zu fördern. Der Weg zur Welt‑Diktatur führt über die «Preisgabe der nationalen Souveränität».
Nach zwanzig Jahrhunderten der Geschichte besteht der Plan, die Menschheit nicht durch die christliche Frohbotschaft, sondern durch die Spaltung von Atomkernen oder deren Androhung zu bekehren. Und das ist des Teufels.

IV. Ein Dieb oder zwei . . .

Shakespeare berichtet getreulich beinahe alles, was sich drei Jahrhunderte nach seiner Lebenszeit ereignen sollte, und unter vielem anderem sagte er auch: «Der Gerichtshof, der des Gefangenen Leben durchgeht, mag unter den zwölf Geschworenen einen Dieb oder deren zwei haben, die schuldiger sind als der, über den sie zu Gericht sitzen.» Hätte er in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts gelebt und etwas derartiges über den Nürnberger Gerichtshof geschrieben, dann hätte man ihn zweifellos einen Faschisten genannt. Aber er wurde ihnen ja auch posthum zugezählt; sein «Kaufmann von Venedig» kam bei gewissen Aufführungen in New York und in der amerikanischen Okkupationszone Deutschlands in den Bann.
In früheren Büchern, die ich noch vor dem heimlichen Wechsel in den Kriegszielen schrieb, trat ich mit Nachdruck für die Bestrafung der «Kriegsverbrechen» ein. Bei Rückblick auf die zwanziger und dreißiger Jahre in Deutschland hatte ich den Eindruck, daß ihre Nichtbestrafung nach dem Ersten Weltkrieg mit einer der Hauptgründe für Deutschlands rasches Wiederauftreten als kriegführende Macht war. Ich dachte dabei an Verbrechen gegen die Regeln der Kriegführung, die in weitem Ausmaß, wenn auch nicht allgemein, zur Gewohnheit geworden waren, wie die Erschießung von Zivilisten und Kriegsgefangenen und das Versenken unbewaffneter Handelsschiffe. So etwas wie den Nürnberger Gerichtshof sah ich damals natürlich nicht voraus, obschon ich mich damals schon in «Falls wir es bereuen sollten!» vor einer Verhöhnung der gerechten Sache fürchtete.
In unserem Jahrhundert wiederholt sich die Erscheinung, daß leitende Politiker (ich glaube, das Wort Staatsmänner ware nicht angemessen) der angeblichen Notwendigkeit des Augenblicks ihre Grundsätze opfern. Auf diese Weise zeugt das Schlechte beständig das Schlimmere. Diejenigen, die wenigstens dem Namen nach die Verantwortung für den Nürnberger‑Prozeß auf sich nahmen, schufen damit einen Präzedenzfall von übler Vorbedeutung für die Zukunft. Mir scheint, daß er das internationale Recht außer Kraft gesetzt und die Herrschaft eines blindwütigen Siegers legalisiert hat, seinen gefangenen Feind in den Tod zu schicken.
Von den vier Hauptanklagen standen «Kriegsverbrechen» und «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» an letzter Stelle. Die ersten beiden waren für jedes Gesetzbuch des internationalen Rechts neu. Sie lauteten: «Verschwörung und gemeinsame Planung» und «Verbrechen gegen den Frieden». Darin enthalten waren «Planung und Durchführung von Angriffskriegen».
Wenn es einen «gemeinsamen Plan» gab, dann trat er mit dem Bündnis zwischen Stalin und Hitler im Jahre 1939 ans Licht, und einer der Richter, die Sowjetunion, war ein Komplize bei diesem Plan und bei dem ersten «Angriffskrieg». Dieser Richter hatte damals dem Verbrecher‑Bruder zu einem «mit Blut besiegelten» Vertrag gratuliert und die Beute mit ihm geteilt. Und einer der Männer auf der Anklagebank, Ribbentrop, war Träger der höchsten Ehrung, die sein Richter‑Kumpan zu vergeben hatte, des Lenin‑Ordens, welcher ihm anläßlich der Unterzeichnung des Angreifer‑Bündnisses verliehen worden war.
Das ist für mich ein ekelhafter Widerspruch, der sich durch keine Rhetorik und keine Sophistik rechtfertigen läßt, und er macht das große Gerichtsverfahren zu einer Farce, auf jeden Fall soweit es diese beiden betrifft. Es kleidete den Angreifer in die Robe des Richters. Große Advokaten können beredt jeden Fall führen, und einer der britischen Ankläger (Sir David Maxwell-Fyfe) hat in seiner Einführung zu R. W. Coopers «Der Nürnberger Prozeß» als einen Grund für den Prozeß festgestellt: «Nach Jahren des Kampfes muß man immer mit einer gewissen Müdigkeit des Geistes wie des Körpers rechnen. Eine Art, wie sich diese geistige Ermattung kundgibt, ist die Flucht vor unangenehmen Tatsachen. Es wäre meiner Ansicht nach eine der größten Tragödien der Weltgeschichte, wenn die Taten der Nazis auf diese Art und Weise im Gedächtnis der Menschheit gelöscht würden.»
Die «unangenehmste aller Tatsachen» jedoch war die Anwesenheit des Komplizen hinter dem Richtertisch, und das beunruhigte nicht die Müden und Schlaffen, sondern die Wachsamen. Von zwei Dieben wurde der eine beehrt, über den anderen zu Gericht zu sitzen. Falls dies das Verfahren für die Zukunft sein soll, dann kann der Nürnberger Prozeß selbst als «eine der tiefsten Tragödien in der Weltgeschichte» angesehen werden.
Wem gehörte nun eigentlich die Rache in Nürnberg? Etwas anderes geschah dort, worüber die Welt völlig in Unkenntnis gelassen wurde. Der Meineidige unter den Eidgeschworenen war deutlich sichtbar, wenn man auch nur das geringste Gedächtnis für geschehene Verbrechen besaß. Das andere aber blieb verborgen.
Ich hatte es in meinem Buche «Falls wir es bereuen sollten!» vorausgesehen. Am 17. Dezember 1942 machte Anthony Eden vor dem Unterhaus im Namen der Vereinigten Nationen eine Erklärung über das Judenproblem. Soweit mir bekannt ist, geschah es damals erst zum zweiten Male, daß ein britischer Politiker das Wort «Erklärung» gebrauchte. Die erste «Erklärung» war das Versprechen, «die Gründung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu unterstützen», die Lord Balfour am 2. November 1917 während des Ersten Weltkrieges abgegeben hatte.
Edens Erklärung beschäftigte sich im besonderen und ausschließlich mit den Juden, und er sagte: «Diejenigen, die für diese Verbrechen verantwortlich sind, werden ihrer Strafe nicht entrinnen.» Mir schienen das damals die bedeutungsvollsten Worte des ganzen Krieges zu sein, denn sie bekundeten, daß Strafe nur für die Vergehen gegen eine Gruppe von den vielen, die Hitler verfolgt hatte, zu erwarten war. Damals schrieb ich: «Kein Sterbenswörtchen verlautet über alle die Verbrechen, die gegen Tschechen, Serben, Polen, Franzosen, Holländer, Norweger, Griechen, Belgier und andere begangen worden sind … Wir teilen den Deutschen formell aus unserem Unterhaus mit, daß alles, was sie von uns zu erleiden haben werden, einzig und allein um der Juden willen geschehen wird. Die Folgerung daraus ist, daß sie Tschechen, Polen, Serben und alle anderen ungestraft unterdrücken, deportieren und morden können. Wir haben unseren Namen für die Androhung einer jüdischen Rache hergegeben.»
Mir scheint, daß diese Drohung durch die Art der Urteile und durch das Erhängen der Verurteilten wahrgemacht worden ist. Aber was für mich das bedeutungsvollste Ereignis in Nürnberg, wo die ganze Weltpresse versammelt war, zu sein schien ‑ das fand keine Erwähnung in der Massen‑Weltpresse. Die Tage der Verurteilung und der Hinrichtung waren jüdische Feiertage! Rosch Hoschanni, das jüdische Neujahr und der Tag der Buße, fiel auf den 26. September 1946; Yom Kippur, der Tag der Sühne, auf den 5. Oktober; Hoschanna Rabba (da der jüdische Gott nach einer Pause, während der er seinen Urteilsspruch über jedes einzelne menschliche Wesen erwogen hat und Sünder immer noch begnadigen konnte, sein endgültiges Urteil bekannt gibt) auf den 16. Oktober.
Die Urteile in Nürnberg wurden am 30. September und 1. Oktober verkündet (zwischen dem jüdischen Neujahr und dem Tag der Sühne). Die Hinrichtungen wurden gleich, nach Mitternacht, in den Morgenstunden des 16. Oktobers, am Tage Hoschanna Rabha, vollzogen. Für das Judentum in der ganzen Welt lag eine unmißverständliche Bedeutung in der Wahl dieser Tage. Den Nicht‑Juden in der ganzen Welt bedeuteten sie nicht mehr als andere Tage.
Der Prozeß und die Hinrichtungen fanden in der amerikanischen Zone statt. Mir will scheinen, daß diese symbolischen Daten mit Absicht gewählt worden sind, und daß diejenigen, die sie auswählten, Stellungen bekleideten, die ihnen erlaubten, die amerikanischen Behörden ihren Wünschen willfährig zu machen.
Die britischen Zeitungen vermieden es, zu diesen Dingen irgendwelche Kommentare zu bringen; ich weiß aus eigener Erfahrung, daß das immer so ist. Eine Zeitung jedoch, der «Manchester Guardian», druckte den Brief eines Lesers ab, der sich über den Nürnberger Prozeß folgendermassen aussprach: «Die vier Nationen … haben jetzt durch ihre Führer das Christentum ganz offen verleugnet … Es ging darum, die Wahl zu treffen zwischen dem «Auge um Auge, Zahn um Zahn» und «Schlagt Agag in Stücke!» und «Die Rache ist mein!» Großbritannien, Amerika, Frankreich und Rußland haben die Wahl zugunsten blutrünstiger vorchristlicher Riten getroffen.»
Dies scheint mir die genaue Wahrheit zu sein. Die Wahl dieser Tage kann schwerlich zufällig erfolgt sein, und auf diese Weise erhielten die Hinrichtungen den Charakter einer Stammesrache nach dem Gesetz des Alten Testamentes. Die politischen Vertreter Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, deren Namen mit diesen Geschehnissen verknüpft sind, haben entweder bewußt oder unbewußt der Auffassung zugestimmt, daß das europäische Christentum bei allen diesen Dingen von zweitrangiger oder gar keiner Bedeutung war. Wenn man diese Todesurteile nicht im Namen aller Opfer vollstreckte, sondern nur im Namen der einen Gruppe, dann wurden alle anderen Opfer ganz offensichtlich außerhalb des angewandten Rechtes gestellt, und das war weder gerecht noch christlich. Sie wurden nach ihrem Tode ebenso effektiv durch diese Symbolik entrechtet wie durch Hitlers Erlasse zu Lebzeiten.
In der Folge machte sich dann in der Gegend von Nürnberg derselbe geheime Einfluß bemerkbar. Viele nazistische Organisationen wurden in Nürnberg en bloc für verbrecherisch erklärt, und das bedeutete, daß Tausende von Deutschen in Haft gesetzt und monatelang oder gar jahrelang ohne Untersuchung und Urteil nicht wegen besonderen Verbrechen gefangen gehalten wurden, sondern einzig und allein weil sie Organisationen angehört hatten, in die sie unter Zwang eingetreten waren.
Ein Abgeordneter des britischen Unterhauses, Nigel Birch, stellte bei einem Besuch im August 1947 fest, daß sich allein in einem Konzentrationslager annähernd viertausend solcher Männer befanden. Er berichtete, daß die erste Frage, die man ihnen vorlegte, wenn sie endlich vor ein Gericht kamen, immer dieselbe war: «Haben Sie etwas von den Judenverfolgungen gewußt?» Die Strafe, welche diese Menschen für gewöhnlich trifft, ist die Streichung von den Wahllisten und der Zwang, sich bei der Polizei registrieren zu lassen, die Beschlagnahme ihres Eigentums und das Verbot, andere als die niedrigsten Arbeiten anzunehmen. Wieder einmal wurde die Unterstützung amerikanischer und britischer Politiker für ein mit den vorgegebenen Kriegszwecken völlig unvereinbares Ziel deutlich. Der lange Schatten von Nürnberg und von den Mächten, die hinter dem Prozeß standen, reicht bis weit in die Zukunft. Wer so mächtig ist, derartige Dinge zustande zu bringen, wie es ihm gerade paßt, wird seine Anstrengungen natürlich nicht auf Deutschland beschränken.

Zweites Buch, ab Kap. V: «Im unbekannten England» bis Drittes Buch, «Qualm 1945 – 1950» wurde weggelassen, da diese Seiten (137 bis 278) vorwiegend die Situation in England betreffen. H. Koch, 2012)

VIERTES BUCH
Die blitzenden fünfziger Jahre: 1950 ‑

Trotzdem die Kampfhandlungen vor zwei Jahren eingestellt wurden, sagten die Leute in England noch im Jahre 1947, wenn sie an normale Zeiten dachten: «Vor dem Krieg … » Sie bemerkten also ganz unbewußt, daß sie nicht im Frieden lebten. Wenn sie vom «letzten Krieg» sprachen, dann meinten sie den Ersten Weltkrieg. Auch hier wußten sie ganz instinktiv, daß der Zweite noch nicht beendet war.
Das ist der wahre Sachverhalt. Während der Krieg noch im Gange war, wurde dessen Fortsetzung beschlossen; daran waren hauptsächlich die Abkommen über Polen und Jugoslawien schuld. Europa kann ebensowenig zweigeteilt leben wie eine Schlange mit einem halbverschlungenen Kaninchen im Rachen: Entweder muß sie dieses ganz verschlingen oder ganz ausspucken. Entweder muß das antichristliche Reich die restliche Hälfte der europäischen Christenheit verschlingen oder diese gänzlich freigeben. Trotzdem alles möglich ist, glaube ich nicht, daß es die bereits eroberte Hälfte freigeben wird. Das einfachste Mittel, dies ohne Kampf zu erreichen, wurde aus der Hand gegeben, als sich die großen westlichen Armeen bei Kriegsende Hals über Kopf aus Europa und China zurückzogen.
Während so der zweite Akt der blitzenden fünfziger Jahre noch gespielt wurde, rüstete man schon die Bühne für den dritten. Wie wird dieser überschrieben sein? Vielleicht nennt ihn die eine Seite «Demokratie gegen Diktatur», und die andere «Kommunismus gegen Kapitalismus». Die Lehre aus den ersten beiden Akten aber zeigt, daß man solche Bezeichnungen nur zur Täuschung der Massen führt und daß sich hinter solchen Tarnungen andere Absichten bergen.
Die Diktatoren werden im Falle eines Sieges überall die Diktatur einführen und diese Weltkommunismus nennen; die «Demokraten» werden im Falle eines Sieges ebenfalls überall die Diktatur einführen und diese Weltregierung nennen. «Die Menschheit» wird also «vor eine Wahl gestellt», wo es in Wahrheit gar keine Wahl gibt.
Das einzige, wofür es sich, wie früher, auch in den fünfziger Jahren lohnen würde zu kämpfen, wäre für das Wohl der Nation und für nationale Freiheit innerhalb der nationalen Grenzen. Es ist die leicht erkennbare Absicht des dritten Aktes der griechischen Tragödie, beide noch völlig zu zerstören. Da die führenden Köpfe auf beiden Seiten eigentlich vom gleichen Gedanken besessen sind, wären sie in Wirklichkeit Verbündete. Der Verlauf der ersten beiden Akte hat es mir klar gemacht, daß sich in allen Staaten mächtige Menschen befinden, die dieses Ziel verfolgen, und vielleicht hat auch Hitler zu ihnen gehört.
Die einzigen drei Naziführer, die in Berlin verblieben und dort verschwunden sind, Hitler, Goebbels und Bormann, waren ausgesprochene und erleuchtete Nihilisten. Die andern, mit Ausnahme Speers, der die Wahrheit in den letzten Monaten des Regimes erkannte, waren meiner Meinung nach unklare Köpfe und mußten sich für Zwecke hergeben, die sie gar nicht kannten (wie manche britische, sozialistische Minister heute). 1941 sandte Bormann allen Gauleitern einen sehr aufschlußreichen Befehl: «Kein einziger Mensch werde etwas vom Christentum wissen, wenn es ihm nicht in seiner Jugend von Pastoren eingedrillt worden wäre. Der sogenannte allmächtige Gott gibt seine Existenz auf keinerlei Weise im voraus den jungen Menschen zu erkennen. Trotz seiner Allmacht überläßt er dies erstaunlicherweise den Bemühungen der Pastoren. Wenn eure Jugend also in Zukunft nichts mehr vom Christentum erfährt, dessen Lehren ohnehin tief unter den unsern stehen, dann wird Christus automatisch verschwinden.» Das ist die reinste nihilistische und kommunistische Lehre, die sich in den Dokumenten der bolschewistischen und der französischen Revolution immer wieder findet.

Geplantes oder ungeplantes Chaos?
Trugen die Ereignisse dieses Jahrhunderts, die jetzt ihrem Höhepunkt zustreben, im Leben der Völker wirklich nur den unberechenbaren und unbestimmbaren Charakter von Erdbeben und Vulkanausbrüchen in der Natur? Eine solche Antwort muß mit bestem Gewissen verneint werden. Wir leben in einem Zeitalter, in dem alle Regierungen große Pläne verkünden (als ob es nicht die einzige Aufgabe einer Regierung wäre, zu planen), aber quer durch alle diese Pläne zieht sich der von Menschenhand geschmiedete Super‑Plan. Hinter all dem Aufruhr besteht eine Absicht. Die Anwesenheit von Lord Aetons unsichtbaren Regisseuren kann nicht länger bezweifelt werden. Erschreckend ist nur der andauernde, immer deutlichere Erfolg ihrer Absichten. Die Umrisse der gestrigen Ereignisse sind jetzt deutlich geworden und werfen ihre Schatten in die Zukunft voraus.
Ein Rückblick auf die Zerstörungen dieser beiden Kriege, auf unzählige Umwälzungen und auf die letzten dreiunddreißig Jahre zeigt deutlich, daß nur zwei große Zielsetzungen, die vor diesen Ereignissen bereits festgelegt waren, aus ihnen Nutzen gezogen haben. Mitten im «Aufruhr» des Aufstiegs und des Zerfalls von Staaten, des Zusammenbruchs großer Nationen und der Zerstörung der Freiheit in diesen drei wilden Jahrzehnten sind einzig und allein diese beiden Mächte gediehen und immer stärker geworden, so daß sie heute die ganze Szene beherrschen. Gleichgültig, wie immer die Schlagworte des Augenblicks lauten mochten, gleichgültig, welche andern Mächte vermeintlich gegeneinander prallten, nur diese beiden Machtfaktoren sind gediehen und erstarkt.
Diese beiden Zielsetzungen heißen Kommunismus und politischer Zionismus. Beide ehrgeizigen Bestrebungen sind in ihrer Kühnheit neu für die Weltgeschichte. Die erste forderte ganz offen die Weltherrschaft für ihre revolutionären Lehren und veröffentlichte die Methoden zur Erreichung dieses Ziels. Die zweite forderte Landabtretungen in einem Teil der Erde und überall sonst außergewöhnliche Begünstigungen (das heißt in Tat und Wahrheit: die Macht).
Beide stammten vom gleichen Ort: Rußland. Beide kamen im gleichen Augenblick sichtbar zur Macht, nämlich im Oktober und November 1917, als die Kommunisten in Rußland ans Ruder kamen und die Forderung der politischen Zionisten durch eine britische Regierung unterschriftlich anerkannt wurde. Beide traten demnach mitten im «Tumult» auf. Beide arbeiteten Hand in Hand und unterstützten sich während der nächsten dreißig Jahre gegenseitig (ob sie sich im dritten Akt trennen und sich gegenseitig, wenigstens scheinbar, bekämpfen werden, das zu enthüllen bleibt den blitzenden fünfziger Jahren überlassen). Beide erhielten die Unterstützung britischer und amerikanischer Politiker, Waffen und Geld, um ihre Ziele, besonders im «Tumult» der beiden Weltkriege zu fördern. Beide gingen aus dem ersten Krieg mächtig, aus dem zweiten noch viel mächtiger hervor. Beide erhielten auf ihrem Weg Unterstützung durch das Auftauchen des «antisemitischen Faschismus» in Deutschland, ohne den sie schwerlich weiter gekommen wären.
Ein Rückblick auf den Gesamtlauf der letzten dreißig Jahre zeigt, daß die Existenz des «Nationalsozialismus» für ihr gemeinsames Vorwärtskommen unentbehrlich war. Unter diesem Aspekt wird das Geheimnis von Hitlers Herkunft, seinen wahren Absichten, seinem plötzlichen Auftreten und Verschwinden wahrhaft bedeutsam. Heute erfindet man aus durchsichtigen politischen Gründen in England «das Wiederaufleben des Faschismus».
Ich glaube, daß die Tatsache ihres gemeinsamen Geburtsortes viel zu wenig bekannt ist. Der Anarchismus – Nihilismus ‑ Bolschewismus (um die sukzessiven Namen zu nennen) wurde in Rußland in den achtziger und neunziger Jahren geboren oder wiedergeboren ‑ denn man kann die ganze Lehre bis zu den Geheimgesellschaften, ein Jahrhundert vor der französischen Revolution, zurückverfolgen. In Rußland waren die Juden an dieser Bewegung wesentlich beteiligt. Nach den gescheiterten Revolutionen von 1890 und 1905 wanderten viele nach England und Amerika aus, und diese emigrierten Juden kehrten wieder zurück und beherrschten die ersten bolschewistischen Regierungen. (Den Nachweis habe ich in meinen früheren Büchern erbracht.)
Die Entwicklung in den letzten fünfzehn Jahren war ganz eigenartig. Die Juden sind fast völlig von den vordersten Rängen der Sowjetregierung in Rußland verschwunden, bekleideten aber führende Posten in den kommunistischen Parteien aller andern Staaten. Oft handelt es sich um die Kinder der Emigranten von 1890, 1905 oder aus späteren Jahren. Diese Tatsache wurde durch die Enthüllungen des Kanadischen Berichtes, eines Prozesses in Süd‑Afrika und durch namhafte Informationen aus Amerika, Australien und andern Staaten bestätigt.
Es ist sehr interessant, die parallele Entwicklung des politischen Zionismus zu studieren. Dessen Wachstum inmitten der Judenheit gleicht sehr stark demjenigen des Nationalsozialismus in Deutschland. Der politische Zionismus ist nicht älter als sechzig Jahre. Zu Beginn fürchtete ihn die Mehrheit der Juden; jetzt hält er ihre Mehrheit in einem manchmal mystischen, meist aber terroristischen Bann.
1882 veröffentlichte ein gewisser Leo Pinsker (in Berlin) sein Buch: «Auto‑Emanzipation. Eine Warnung eines russischen Juden an seine Rasse» (Ich nehme an, daß «Auto‑Emanzipation» Selbstbefreiung heißt). Als erster erhob er den Ruf, daß sich die Juden «in einem Staat zusammenschließen müssen».
«Während allen Jahrhunderten haben die Rabbis die Juden daran erinnert, daß für sie die Gründung eines politischen Staates dem Selbstmord gleichkommen würde», sagte 1946 in Montreal ein gewisser Dr. Rabinowitsch (er nannte sich «britischer Staatsangehöriger, Bürger von Kanada, durch und durch Jude»). Aber seitdem Pinsker seinen Ruf angestimmt hat, sind schon viele Rabbis der Versuchung erlegen. «Kleine Ursachen, große Wirkungen.» Ich bezweifle, ob es sich Pinsker damals träumen ließ, daß die nichtjüdischen Politiker schon innert fünfzig Jahren bereitwilligst auf das Pochen an der Türe antworten und dem Gesuch entsprechen, ja daß seine Vorschläge noch beträchtlich ausgeweitet würden.
Seine geschriebene Warnung ist traurig, ja schauerlich. Die Juden waren überall frei geworden oder standen im Begriff, die Freiheit zu erlangen. Pinsker aber beklagte sich, daß es sich hier nicht um die selbstverständliche Anerkennung eines natürlichen Menschenrechtes handle, sondern daß es nur das Ergebnis einer intellektuellen Erkenntnis sei. Dann begibt er sich in einen undurchdringlichen Dschungel der Dialektik, wohin ihm nur einer folgen kann, der etwas von der unglücklichen und unstillbaren Sehnsucht weiß, die in jeder jüdischen Seele lebt. Wer in einem Juden nur ein anderes, gleichwertiges Wesen auf zwei Beinen sah, den liebte er noch weniger als diejenigen, die in ihm ein anderes und antipathisches jüdisches Wesen deutlich unterschieden. Er haßte «unsere Beschützer» mehr als «unsere Feinde». «Wir benötigen (sagte er) eine Heimat, wenn nicht sogar einen eigenen Staat … Nicht das Heilige Land soll das Ziel unserer gegenwärtigen Bemühungen sein, sondern ein eigenes Land.» (Kurz darauf lehnten die Zionisten Uganda ab.) Er empfahl den Erwerb eines Territoriums, auf dem sich einige Millionen Juden niederlassen können, «zum Beispiel ein kleines Gebiet in Nordamerika oder eine autonome Provinz in der asiatischen Türkei», die vom Sultan und andern Mächten «als neutral» anerkannt würde.
Aber sogar Pinsker’s Plan enthielt schon jenen ansteckenden Keim, welcher das gesamte Projekt im zwanzigsten Jahrhundert infizieren sollte. Er wollte, daß die Juden eine Nation mit einem eigenen Land werden; aber er wollte nicht, daß diese Nation das Land selbst bewohne. Er wollte nur, daß sich «der Überschuß» von Juden dorthin begebe. Die andern sollten bleiben, wo sie waren. Für die Juden forderte er nationale Rechte, die er andern aber nicht geben wollte. Er behauptete, die Juden seien nicht Staatsangehörige der Länder, in denen sie lebten, mit einem eigenen Glauben, sondern Glieder einer andern Nation. Trotzdem aber seien sie berechtigt, die Staatsbürgerschaft der respektiven Gaststaaten voll und ganz zu genießen. Diese Forderung war in der Geschichte etwas Einmaliges und bisher nur von bewaffneten Siegern an versklavte Völker gestellt worden.
«Die relativ kleine Zahl von Juden im Okzident, die nur einen unbewaffneten Prozentsatz der Bevölkerung darstellen und aus diesem Grunde vielleicht besser gestellt und bis zu einem gewissen Ausmaße sogar assimiliert sind, soll in Zukunft dort bleiben, wo sie sich jetzt befindet.» Damals lebten sehr viele Juden in den russischen, österreichisch‑ungarischen und deutschen Gebieten. Er ließ sie unberücksichtigt, ohne den Wunsch zu bekunden, daß eine jüdische Mehrheit aus einem dieser Staaten jemals nach Amerika oder nach England verschickt werden sollte.
Seine Vorschläge wurden begeistert aufgenommen. «Die Freunde Zions» hielten ihr erstes Treffen 1884 in Kattowitz ab. 1895 hatte Herzl den ersten Zionistenkongreß in Basel einberufen. Im zwanzigsten Jahrhundert war eine weltumfassende, zionistische Organisation im Wachstum, welche in den beiden Weltkriegen die amerikanischen und britischen Politiker unter Druck setzte, um mit Waffengewalt Palästina für den politischen Zionismus zu erobern.

Die mächtige Partnerschaft
Die gemeinsame Wurzel und Geburtsstätte dieser beiden gewaltigen Bewegungen habe ich bereits nachgewiesen. Sie entsprangen aus den weiten, von Juden bewohnten russischen Gebieten in den achtziger und neunziger Jahren. Es ist durchaus erklärlich, weshalb sie anfänglich Hand in Hand marschierten: Manche Juden haben in der russischen Revolution vielleicht den Weg zu einer größeren Freiheit in Rußland selbst gesehen, andere wieder haben in der jüdischen Staatlichkeit und in einem jüdischen Nationalbewußtsein die Hoffnung für eine größere Freiheit außerhalb der russischen Grenzen erblickt. Wie immer dem sei, sie sind nach 1917 nicht verschiedene Wege gegangen, sondern haben sich gegenseitig weiterhin unterstützt. Die Juden trugen wesentlich zur Verbreitung des Kommunismus außerhalb Rußlands bei. Das Sowjet‑Imperium verbot zwar die zionistische Doktrin in Rußland selbst, aber sie förderte diesen Plan in Palästina, genau so wie ihn die Amerikaner und Engländer unterstützt hatten.
Diese Sachlage wurde der Öffentlichkeit erst unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg klar, obwohl man sie schon früher hätte erkennen können. In früheren Kriegen wurde die Regierungsgewalt im besiegten Feindesland immer durch die Besetzungsarmee und einige vom Sieger abgeordnete Staatsbeamte ausgeübt. Aber nach dem zweiten Krieg geschah etwas Neues. In den amerikanischen und britischen Besatzungszonen erhielt noch eine dritte Partei große Gewalt, die man nur durch ihre Initialen kannte: UNRRA. Fünfundneunzig Prozent der gewaltigen Gelder dieser Organisation flossen aus den Vereinigten Staaten, England und Kanada. Ohne die Steuerzahler zu fragen, leistete die britische Regierung einen Beitrag von £ 155 000 000 aus Steuergeldern, und der Totalbetrag der «als freie Spende» ohne Gegenverpflichtung «verteilten» Gelder belief sich auf £ 920 000 000. Ein wesentlicher Teil dieser Spenden, in Geld und Waren, ging nach der Sowjetunion und den von den Sowjets besetzten Staaten, wo die gespendeten Waren entweder an das Volk verkauft (wobei die Gewinne in die Staatskasse flossen) oder für die privilegierten Beamtenklassen reserviert wurden.
Der neugierige Geschichtsforscher wird sich also mit Recht die Frage stellen, wer hier eigentlich wem auf die Beine geholfen hat. Wenn Sowjetrußland und die Satellitenstaaten später zu den Bösewichtern der fünfziger Jahre wurden, so haben sie damals doch eine sehr wesentliche Unterstützung erhalten ‑ ebenso der politische Zionismus. Im Januar 1946 wurde diese Tätigkeit, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, taghell erleuchtet. Ein angesehener britischer Offizier, Generalleutnant Sir Frederick Morgan, der in die Dienste von UNRRA gestellt worden war, mußte sich mit dem dornenvollen Problem der «Displaced Persons», dieser armen, heimatlosen Opfer der Kriegszerstörung befassen. Was er entdeckte, veranlaßte ihn, seiner Entrüstung vor aller Öffentlichkeit Luft zu machen.
General Morgan stellte fest, es bestehe «eine Geheim‑Organisation», um eine Massen‑Auswanderung der Juden aus Europa ins Werk zu setzen. Er soll ferner gesagt haben, es bestehe «ein ausgearbeiteter Plan für einen zweiten Exodus». Hier war die Enthüllung, daß in aller Heimlichkeit große politische Projekte, unterstützt von amerikanischen und englischen Geldern, ausgeheckt wurden.
So gab es eine plötzliche zuckende Bewegung wie bei einem versteckten Riesen. General Morgan hatte Blaubarts verbotene Kammer geöffnet. Ein gewisser Herr Lehmann, damals Generaldirektor der UNRRA, forderte von der andern Seite des Atlantiks die sofortige Abberufung des Generals. Aber General Morgan erhielt die Erlaubnis zu bleiben, nachdem er erklärt hatte, er sei frei von allen «antisemitischen Absichten». Aber im August machte er eine zweite, ähnliche Enthüllung und wurde sofort durch den neuen Ceneraldirektor der transatlantischen UNRRA, einen gewissen Herrn La Guardia, von seinem Posten «enthoben», der an seiner Stelle einen gewissen Herrn Myer Cohen ernannte. (Beide Generaldirektoren waren eingeschworene Zionisten.)
Die britische Regierung leistete einer solchen Behandlung eines hohen britischen Offiziers keinen Widerstand; er wurde im Dezember «auf sein eigenes Gesuch» seines Amtes enthoben. Zu jener Zeit aber hatten sich einige britische Parlamentarier, die zum «Schätzungs‑Ausschuß des Unterhauses» gehörten, nach Oesterreich begeben, um zu schauen, wie dort die Gelder des britischen Steuerzahlers verwendet wurden. In ihrem Bericht (H. M. Stationery Office, No. 190, 5. November 1946) hieß es, «daß eine gewaltige Zahl von Juden, nahezu ein zweiter Exodus, aus Osteuropa in die amerikanischen Zonen von Deutschland und Österreich ausgewandert sind, mehrheitlich in der Absicht, schließlich nach Palästina zu gelangen. Es ist ganz offensichtlich, daß es sich um eine wohldurchorganisierte Bewegung handelt, die über enorme Gelder und mächtige Gönner verfügt. Aber es ist dem Komitee nicht gelungen, irgendeine beweiskräftige Unterlage für die wahre Urheberschaft dieser Organisation zu finden.» Das war nun eine genaue Bestätigung von General Morgans Aussagen, die nochmals durch den Bericht des Kriegs‑Untersuchungs‑Komitees erhärtet wurde, welches der amerikanische Senat nach Europa entsandt hatte. Dieser besagte, daß die massive Auswanderung von Juden aus Osteuropa nach der amerikanischen Zone in Deutschland «einen Teil eines sorgfältig organisierten und von besonderen Gruppen in der USA finanzierten Planes bilde».
Damit lagen die Tatsachen offen vor allen Augen. Diese große Wanderung vollzog sich zur Hauptsache aus der von den Sowjets kontrollierten europäischen Hälfte, die niemand ohne sowjetische Erlaubnis verlassen kann. Ihre Angehörigen waren keine «Displaced Persons». Die meisten stammten aus mehrheitlich jüdischen Gemeinden in Rußland, dem russisch besetzten Polen, Rumänien und Ungarn. Sie wurden vom kommunistischen Imperium geschickt, und ihr Durchmarsch wurde durch britische und amerikanische Gelder erleichtert. Man half ihnen, nach Palästina zu gelangen, um die dortige Lage noch zu verschärfen. Der Kommunismus und ebenso die amerikanische Finanzwelt unterstützte den politischen Zionismus aus selbstsüchtigen Gründen.
In diesen Bruchstücken zeigte sich auf einmal die Wahrheit, die aber durch den Klagechor aller Londoner Zeitungen sogleich wieder verdunkelt wurde. Diese beklagten sich darüber, daß die hartherzigen Palästinabehörden sich weigerten, die verfolgten Besucher an der Küste landen zu lassen! Noch heute, während ich schreibe, viele Monate nach den Enthüllungen General Morgans und nach der Bestätigung durch das Komitee des USA‑Senates, werden die «Höllenschiffe» allen britischen Zeitungslesern als Schiffe dargestellt, deren Fracht aus Menschen besteht, die von Hitler aus der Heimat vertrieben wurden und heute nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Am 12. August 1947 fragte Major Beamish, ein Parlamentarier im Unterhaus, ob die britische Regierung sich bei der polnischen Regierung über die Gründe des Exodus aus Polen erkundigt habe. Er wies darauf hin, daß drei der mächtigsten Minister in Polen Juden waren. Er erhielt keine Antwort. Die britischen Flottenbehörden hatten in einem der «Höllenschiffe» Dokumente gefunden, aus denen hervorging, daß dem amerikanischen Kapitän insgesamt £ 45 540 (das heißt £ 10 pro Kopf) ausbezahlt werden sollten, wenn er seine «Flüchtlinge» in Palästina gelandet hatte. Diese Dokumente wurden von der britischen Regierung nicht veröffentlicht. In Tat und Wahrheit wird heute das Bühnenbild für den dritten Akt des Dramas unseres Jahrhunderts aufgestellt, und diese Bühnenarbeiter leben in vielen Staaten, die nach außen gegen diese Vorbereitungen protestieren.

Die unsichtbare Zensur
Der Fall General Morgan ist für den, der unsere Zeit verstehen will, von größter Bedeutung. Alle geschulten Beobachter wußten von der Unterstützung, welche die extremen Zionisten durch die Kommunisten erhielten. Hier aber lag der erste unanfechtbare Beweis für diese Tatsache und für ihre Bedrohung des Weltfriedens. Das Für oder Wider dieser Frage wurde nie zur Diskussion gestellt. General Morgan wurde des «Antisemitismus» lediglich deswegen beschuldigt, weil er einen großen übernationalen Handel, der sich hinter den Kulissen abgespielt hatte, und in dem die Menschen lediglich die Geschobenen waren, durch seine Aussagen bloßgestellt hatte. Daß er die Wahrheit sagte, war unbedeutend; er hatte den verbotenen Vorhang gelüftet und mußte abtreten. Man kann nur hoffen, daß es nicht bei der verwerflichen Abberufung durch die britische Regierung geblieben ist, sondern daß sich diese die Kenntnisse Morgans zu Nutze gemacht hat. Sonst wäre der Ausblick in die fünfziger Jahre freilich recht düster. Denn das würde heißen, daß unsere Regenten sich einer fremden Oberaufsicht, die im nächsten Jahrzehnt nach der offenen Beherrschung strebt, heute schon fügen.
Als in Palästina einige besonders grausame Mordtaten begangen wurden (die britische Regierung und die Presse bekundeten ihr Beileid mit den Opfern mit einer Redewendung, die eigens für diesen Zweck bestimmt war: «Durch diese Ausschreitungen ist der Sache des Zionismus unermeßlicher Schaden zugefügt worden»), schrieb ein britischer Soldat in Palästina einen Brief an die «Times». Er bekundete darin «das allgemeine Gefühl der Enttäuschung und der Verwunderung über die Haltung der Regierung Seiner Majestät gegenüber den Morden an britischen Soldaten … Was soll die Armee mit der Sympathie der Regierung anfangen? Die bereits begangenen Morde werden dadurch nicht gesühnt, und weitere Mordtaten werden dadurch ebenfalls nicht verhindert. Besitzt unsere Nation heute etwa nicht mehr den Mut, um den Gesetzen dort, wo wir für sie verantwortlich sind, Nachachtung zu verschaffen?»
In diese üble Lage waren wir nahezu geraten. Wenn wir diese geheime Knechtschaft auf uns nehmen, dann ist unser Los als Nation besiegelt.
Während meiner jetzt fast fünfundzwanzigjährigen Journalistenlaufbahn hat sich diese Finsternis verbreitet, bis nahezu jedes Licht gelöscht worden ist. Als ich mit meinem Beruf begann, waren das Parlament und alle Zeitungen noch für die Diskussion jeder wichtigen öffentlichen Frage zu haben. Damals gab es Presse- und Meinungsfreiheit, die nur für Aufforderungen zum Aufruhr, Verleumdungen und Obszönitäten keinen Raum hatte; in zwei Jahrzehnten ist sie fast völlig verschwunden. Die Art, wie General Morgan behandelt wurde, ist heute allgemein üblich geworden. Mit List hat man es fertig gebracht, jede Diskussion über den politischen Zionismus, über den jüdischen Einfluß im Kommunismus oder über eine Verwandtschaft oder ein Bünduis zwischen beiden Bewegungen glattweg zu verunmöglichen. Dies geschah lediglich dadurch, indem man jeden Hinweis auf diese Fragen zum «Anti‑Semitismus» abstempelte. Während ich schreibe, ist eine gut organisierte Zeitungskampagne ausgelöst worden, wonach solche Fragen als «staatsgefährlich» gelten sollen.
Dabei ist es doch klar, daß sich Kommunismus und Judenheit wiederholt geholfen haben. Die ersten Ausnahmegesetze zugunsten eines Volksteils, des jüdischen, werden im kommunistischen Rußland eingeführt. Die Absicht war, die öffentliche Diskussion über den überragenden Anteil der Juden an den Ereignissen von 1917 zum Schweigen zu bringen. Da man in Rußland ohnehin kein Thema frei diskutieren kann, hat diese Maßnahme an sich nicht viel Bedeutung. Wichtig ist, daß diese Gesetze in den letzten dreißig Jahren wirklich und in abgewandelter Form in vielen Ländern außerhalb Rußlands eingeführt worden sind, und daß der Kommunismus und das Judentum mit vereinten Kräften an deren Ausdehnung arbeiten. Jetzt gelten sie für alle von den Sowjets beherrschten Gebiete in Europa. In der Praxis gelten sie auch in der amerikanischen Zone Deutschlands und sie haben sich auch schon, wenn auch noch nicht im Gesetze verankert, in der englischen und amerikanischen Presse eingeschlichen.
Es ist aber nicht ihre Absicht, die Juden zu schützen, sondern zu verhindern, daß das wirkliche Geschehen aufgezeigt wird. Ein Beweis hierfür ist der Fall von General Morgan. «Dieses Volk hat seine Freiheiten nie preisgegeben, es sei denn, daß es getäuscht worden ist», schrieb Edmund Burke. Die Täuschung, daß man die Juden in England schützen müsse, wird jetzt künstlich mit der Absicht geschaffen, das Chaos weiter auszudehnen, welches Europa in den letzten dreißig Jahren aufgezwungen worden ist. Unter der täuschenden Bezeichnung «Anti‑Semitismus» wird jetzt der Angriff gegen die letzten Freiheiten in England eröffnet.
Während drei Jahrzehnten ist dieses Vorgehen außerordentlich erfolgreich gewesen. Wenn ein Volk seine Freiheit verloren hat, bringt man diese Etikette in das nächste Land, das nun an der Reihe ist. In den Antiquariaten der Charing Cross Road kann der Besucher Dutzende von Büchern finden, die zwischen 1890 und 1917 gedruckt worden sind und Rußland als den satanischen Feind der Juden schildern. Auf den gleichen verstaubten Gestellen befinden sich ebenfalls Bücher, die zwischen 1933 und 1945 geschrieben und in London verlegt wurden, in welchen Deutschland die Rolle Rußlands übernommen hat. Heute wird der Name nochmals gewechselt; statt Rußland und Deutschland steht jetzt in den Büchern, die in New York geschrieben und verlegt werden, der Name England. Der Engländer, der sich auf dieser Insel umsieht, kann ja selbst beurteilen, ob das wirklich stimmt, und daraus schließen, wie wahr die früheren Behauptungen gewesen sind. Sollten in England wirklich «Gesetze gegen den Antisemitismus» erlassen werden, dann würde meiner Ansicht nach der Name des Landes bald wieder wechseln. Als nächstes würde es Amerika heißen.
Bei all diesen Vorgängen hatte die Masse der Juden ebensowenig Mitspracherecht wie die russischen, deutschen oder englischen Massen bei der Entscheidung ihres Geschickes. Als Leo Pinsker 1882 zum ersten Mal den Vorschlag einer «jüdischen Heimstätte» machte, waren die Massen der russischen Juden dagegen. Damals war die Emanzipation beinahe Wirklichkeit geworden. Als der geheimnisvolle Hitler in Deutschland zur Macht kam, hatten die Juden dort längst ihre Gleichberechtigung erhalten und liebten Deutschland als ihre Heimat. Im England des zwanzigsten Jahrhunderts hatte die einheimische Bevölkerung längst das Bewußtsein verloren, daß sich die Juden in irgend einer Beziehung von der restlichen Bevölkerung unterscheiden ‑ bis die Zionisten und Kommunisten ihren Ruf des «Anti‑Semitismus» anstimmten. Weil es keinen Antisemitismus bei uns gab, mußte zum Gelingen des Plans diese Vogelscheuche künstlich aufgestellt werden.
Diese Vorgänge haben sich überall wiederholt: Die Massen der Judenheit sind unter die Gewalt des politischen Zionismus geraten. Die Zahl der Juden, die in dieser Bewegung mit Recht eine tödliche Gefahr für Juden und Nicht‑Juden erblicken, wird immer kleiner und befindet sich auf dem Rückzug. In England und Amerika, wie früher in Deutschland und in Rußland, waren es einige Juden, die als erste die Gefahr erkannten und vor ihr warnten. Ein amerikanischer Jude, Henry H. Klein, schilderte in einer Druckschrift die Macht, welche die als Sanhedrin bekannte fanatische Gruppe über die Judenheit gewonnen hat. Diese Gruppe hat nach seiner Schilderung den Vorsatz, die christliche Welt zu zerstören, ein Vorsatz, der zum größten Teil bereits verwirklicht worden ist. (Er schrieb im Jahre 1945.) Seine Schilderung des Planes und seiner Beweggründe deckt sich mit den Erklärungen Disraelis vor genau hundert Jahren. Herr Klein wurde von den extremen Zionisten verfolgt und durch sie in Verruf gebracht. Wenn einer es wagt, sich ihren Plänen zu widersetzen, fragen sie nicht mehr darnach, ob er Jude oder Nicht‑Jude ist.
Die Macht, die jüdischen Massen wie Schafherden umherzutreiben und ihnen einen fanatischen Haß einzupflanzen, ist in die Hände der seltsamen, halb geheimen Organisation übergegangen, die Hand in Hand mit dem Sowjetimperium arbeitet und gegen die kein nichtjüdischer Politiker sich aufzulehnen wagt. Lord Salesbury hat einmal im Oberhaus gesagt: «Es ist klar, daß wir von einer kleinen, extremen Gruppe der Juden in Palästina als Feind der Juden behandelt werden. Sie haben gegen England den Krieg erklärt.»
Das Wort «klein» war angesichts der offenkundigen, gewaltigen Macht dieser Organisation, die sich ganz bestimmt nicht «in Palästina» befand, irreführend. Ihr Hauptquartier befindet sich in Amerika und in der von den Sowjets beherrschten europäischen Hälfte. In diesem Jahrhundert ist das Gros der Juden von Rußland nach Amerika übergesiedelt. «In der Generation zwischen 1880 und 1910 befanden sich nicht weniger als 30 Prozent aller Juden auf der Wanderung von einem Kontinent zum andern. . . . Und heute, 1940, sind die Vereinigten Staaten mit nahezu fünf Millionen Juden zum weitaus größten jüdischen Zentrum der Welt geworden (bestimmt das größte, das jemals in der jüdischen Geschichte vorhanden war).» Dieses Zitat stammt aus einem Artikel von Benjamin Gebiner in der Jubiläumsnummer des jüdischen «Workmens Circle Call» in Chicago. Seit 1940 erfolgte ein neuer starker Zufluß von Juden nach Amerika, gleichzeitig mit der jüdischen Abwanderung aus den russischen Gebieten nach Palästina.
Eines wissen die Nicht‑Juden nicht, weil ihre Zeitungen davon keine Mitteilungen geben: Den Terror, den die «unsichtbaren Drahtzieher» über diese wandernden Massen ausüben. Ich habe mit britischen Offizieren gesprochen, die sich an Bord der in den palästinensischen Küstengewässern aufgegriffenen «Höllenschiffe» befanden. Sie gaben ganz erstaunliche Berichte, von jüdischen Auswanderern, die keine Ahnung hatten, wer sie eigentlich auf die Reise geschickt hatte; denen man eingeschärft, nur einige erlaubte Worte zu sprechen und die sich aus Angst für ihr Leben weigerten zu sprechen; und die in diesem Zustand eines wirklich tödlichen Terrors von wirklich brutalen Führern mit Gewalt auf den Schiffen zurückgehalten wurden.
Die politischen Zionisten sind in den letzten dreißig Jahren in der Welt erstaunlich mächtig geworden. Im Ersten Weltkrieg gelang es ihnen durch einen bei den kriegführenden Völkern unbemerkten Druck ein Ziel zu erreichen, das mit den eigentlichen Kriegszielen überhaupt nichts zu tun hatte. Sie nötigten einer britischen Regierung das Versprechen für eine «Nationale Heimat» auf dem Boden eines andern Volkes ab, wo sie volle «politische Rechte» genießen sollten (welche den Einheimischen nicht zugestanden wurden) und trotzdem ihre politischen Rechte in andern Ländern behalten durften. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es ihnen, nachdem sich die britische Regierung endlich dieser Aufgabe entledigen wollte, einen amerikanischen Präsidenten und sogar die «Vereinigten Nationen» für ihre Forderungen, sowie die Sowjetregierung zur Inszenierung eines «zweiten Exodus Richtung Palästina» zu gewinnen.

Tumult und Absicht

Das Licht, das wir jetzt auf diese düsteren Ereignisse geworfen haben, beleuchtet auch die Umrisse des kommenden Jahrzehnts. Die Feindseligkeiten dauern fort. Nur die Kampfhandlungen haben aufgehört. Nicht eine, sondern zwei Kriegslagen sind für die Zukunft geschaffen worden, durch welche die Pläne des Welt‑Kommunismus und des politischen Zionismus, die schon oft parallel gelaufen sind, vermutlich weitergeführt werden.
Diese beiden Kriegslagen liegen in Europa und in Arabien. In Europa herrscht eine widernatürliche Zweiteilung, die ebenso wenig anhalten kann, als der Mond seinen Lauf plötzlich einstellt. Sie muß entweder durch einen Rückzug des Sowjetimperiums in die früheren Grenzen oder durch dessen Vormarsch zum Atlantik ein Ende nehmen. Letzteres würde Europa, samt dieser Insel, zu einem zweiten Sowjetkontinent umwandeln.
In Arabien herrscht der ehrgeizige Plan des politischen Zionismus, der nur mit britischer und amerikanischer Waffenhilfe, vermutlich als Streitkräfte der «Vereinigten Nationen» getarnt, verwirklicht werden kann. Ich habe oft darauf hingewiesen, wie bedeutsam die Artikel der «Times», als Anzeichen kommender Ereignisse sind. Man denke hier nur an die großen Musterbeispiele der Empfehlungen dieses Blattes, Österreich und die Tschechoslowakei sollten sich den Forderungen Hitlers unterwerfen. Zuerst lehnte die britische Regierung ab, um sie dann später doch durchzuführen. Oder man denke an die ähnliche Empfehlung der «Times», Polen zugunsten Rußlands zu teilen. Auch diese Empfehlung wurde von der britischen Regierung zuerst verworfen und dann doch durchgeführt. Am 14. Mai 1947 schrieb die «Times»: «Die britische Überweisung des Streitfalles zwischen Arabern und Juden an die Vereinigten Nationen auferlegt dieser Organisation die Verpflichtung, einen Schiedsspruch zu fällen, dem mit der Moral und notfalls mit der physischen Autorität der zivilisierten Welt Nachachtung verschafft werden kann.»
Sollte sich diese Insel passiv damit abfinden, «ein Glied einer europäischen Union von Sowjetrepubliken» zu werden (wie es John Strachey 1937 prophezeite), dann könnte die zuerst erwähnte Kriegslage möglicherweise in einem kampflosen Sowjetsieg enden. Aber die zweite Kriegslage kann nicht kampflos ausgetragen werden, ganz gleichgültig, ob «die physische Autorität der Welt» eingeschaltet wird oder nicht. Die Araber sind ein primitives Volk und werden kämpfen. Die daraus entstehende Explosion wird sich ausbreiten und zur größten Katastrophe dieses Jahrhunderts werden.
Das ist also die Höllenmaschine, die während zwei Weltkriegen und im Laufe von drei Jahrzehnten vorbereitet wurde, um im Laufe der kommenden Jahre zu explodieren. Jetzt könnte dem Ausbruch neuer Feindseligkeiten lediglich durch Staatsmänner ein Ende gesetzt werden, die es wagen, sich offen über die halbverborgenen Mächte, die hinter allen diesen Dingen stecken, auszusprechen und ihnen Widerstand zu leisten. Solange die Politiker in Amerika und in England solche Dinge wie den «Kanadischen Bericht», die Methoden des Zionismus und die sowjetisch‑zionistische Zusammenarbeit in der Vorbereitung des Krieges in Arabien verheimlichen, werden die Feindseligkeiten andauern und der Zeitpunkt näher rücken, wo dieser Konflikt mit Waffengewalt ausgetragen wird.
Es steht nicht fest, daß beide Kriegslagen gleichzeitig akut werden. Die kommunistische Technik hat sich in der Praxis im zweiten Krieg deutlich gezeigt. Sie besteht darin, bei Kriegsausbruch alle Kriege zu «imperialistischen Kriegen» zu machen und die kommunistischen Parteien zu veranlassen, die Kriegsanstrengungen hinter der Front zu sabotieren oder diese im Falle des Mitkämpfens in Bürgerkriege umzuwandeln. Mit andern Worten, die Kommunisten sollen sich weniger für den militärischen Sieg einsetzen, sondern dafür, die «Sowjetmacht» in jedem Lande zu erobern.
Das kann sich leicht wiederholen, wenn sich die Kriegslage in Arabien zuerst in einen bewaffneten Krieg wandelt. Der Umstand, daß die Sowjetmacht bei dessen Vorbereitung mitgeholfen und den amerikanischen Vorschlag auf die Teilung Palästinas zugunsten der von Rußland abgesandten und von Amerika finanzierten Auswanderer unterstützt hat, wird die Kommunisten nicht daran hindern, mit dem Ruf, es handle sich hier um einen «imperialistisehen Krieg», die Massen des Nahen Ostens, Indiens und des Fernen Ostens aufzupeitschen. Wie sollen sich diese Massen daran erinnern, falls sie es je gewußt haben, daß die Kriegslage von den Sowjets heraufbeschwört worden ist ‑ indem diese die unwissenden Juden in Schiffs‑ und Bahntransporten in jene Gegend verfrachtet haben, oder daß ein englischer General seines Postens enthoben wurde, als er vor diesen Vorgängen warnte?
Falls aber in diesem Kriege britische, amerikanische oder andere Truppen eingesetzt werden, dann dienen sie nur als fremde Hilfstruppen der zionistischen Imperialisten, die der Sowjet‑Imperialismus von Anfang an unterstützt hat. Mit ihrer Hilfe würde dann das zionistische Reich errichtet, das bestimmt etwas ganz anderes als eine «Nationale Heimstätte» für den «Überschuß» in einem kleinen Teile Palästinas wäre. Dieses Unternehmen würde nah und fern die größten Umwälzungen verursachen. Mit ihm hätte der letzte Angriff gegen die persönliche Freiheit und die nationale Unabhängigkeit eingesetzt ‑ denn es würde selbst mit den sophistischsten Argumenten nicht möglich sein, zu verheimlichen, daß die Briten und Amerikaner (sogar wenn sie sich «Vereinigte Nationen» nennen) völlig mutwillig ein kleines und völlig ruhiges Völklein angegriffen haben. Eine solche Schlacht könnte niemals als Kampf um das Recht getarnt werden, und ihre Folgen könnten für alle nur Ruin und Sklaverei sein. Damit wäre dann der große Plan für das zwanzigste Jahrhundert so gut wie durchgeführt.

Zurück in die vorchristlichen Zeiten?

Ein solches Unternehmen würde in einfachen Worten bedeuten, daß die Menschen der christlichen Zivilisation an die Geburtsstätte ihres Glaubens und ihrer Kultur mit der Absicht zurückkehren würden, die ganze Geschichte dieser 1947 Jahre ungeschehen zu machen. In dieser Handlung liegt eine ungeheure symbolische Kraft: Europa, zu zwei Dritteln schon vollkommen zerstört, braucht nur noch diesen letzten Schlag.
Wer konnte das vor dreißig Jahren voraus sehen, als ein britischer Politiker im Schutze der ihm übertragenen «Notvollmachten» frisch fröhlich einen Brief diktierte, in dem er sich mit der Gründung einer «Nationalen Heimstätte» in Palästina einverstanden erklärte? Die Geschichte dieser dreißig Jahre ist ebenso erstaunlich wie jene der dreiunddreißig Jahre, die im Jahre 29 mit der Verurteilung des Nazareners endeten. Wird sie in drei weiteren Jahren, im Jahre 1950, einen ähnlichen Ausgang finden: Daß ein fremder Herrscher dort gegen seinen Willen in allen Belangen dem Gebrüll des Pöbels nachgibt? Der Rückzug der britischen und amerikanischen Politiker vor den geheimnisvollen politischen Zionisten in den letzten dreißig Jahren erinnert sehr stark an die Laufbahn des Pontius Pilatus.
Die phantastische Geschichte der Ereignisse seit diesem Tage im Jahre 1917 bis 1947 sollte allgemein bekannt sein. Sie ist es aber leider nicht. Die besten Schilderungen finden wir in den folgenden Büchern: «Frances Newton. Fünfzig Jahre in Palästina.» (Cold. harbour Press 1948) und «J. M. N. Jeffries: Palästina. Die Mlirklichkeit.» Herr Bevin, der dreißig Jahre später das Vermächtnis der harmlos aussehenden Schlangeneier von Lord Balfour in Form einer ausgewachsenen Schlange übernehmen mußte, spielte einst auf «den zweitausend Jahre alten Streit zwischen Juden und Arabern» an. Das war eine dieser irreführenden Feststellungen von höchster Stelle, die jeden Funken von Hoffnung in den Zuhörern ersterben lassen. Denn man muß aus solchen Bemerkungen schließen, daß die Männer, die sich mit diesen gefährlichen Fragen befassen, von ihrer Tragweite keine Ahnung haben. Bis zur Erklärung des Jahres 1917 lebten die Juden und Araber in Palästina völlig freundschaftlich miteinander. Etwas später kam Bevin der Wahrheit schon näher, als er das zionistische Unternehmen als Krieg zwischen der Judenheit und den Nicht‑Juden bezeichnete. Tatsächlich scheint es mir ein Krieg zu sein, der von den politischen Zionisten gleichermaßen gegen die große Masse der Juden wie der Nicht‑Juden geführt wird.
Zuerst kam also das ursprüngliche Versprechen, mit welchem die den Arabern gegebenen Versprechen gebrochen wurden. Die Folgen: Die Jahre einer künstlich organisierten zionistischen Einwanderung in Palästina, wachsende arabische Proteste, arabische Aufstände in den Jahren 1920, 1921, 1929 und 1933 und von 1936 bis 1939 der erste zionistische Krieg (geführt von britischen Truppen gegen die Araber).
Der lange und kostspielige Krieg war nicht erfolgreich und nahm erst ein Ende, als sich die britische Regierung damit einverstanden erklärte, die jährliche zionistische Einwanderungsquote auf 12 000 zu reduzieren.
Damit hatte der arabische Widerstand dem zionistischen Plan Einhalt geboten. Ohne die gleichzeitige Erhebung Hitlers und des «Anti‑Semitismus» in Deutschland und den Zweiten Weltkrieg hätte die bösartige Invasion eines friedlichen Landes nicht durchgeführt werden können, und der «Plan» des zwanzigsten Jahrhunderts wäre damit vereitelt worden.
Der Zufall ist in unserem Jahrhundert offensichtlich von einem heimtückischen Dämon getragen. Hitler tauchte auf, der zweite Krieg begann, nahm seinen Verlauf und kam zu seinem merkwürdigen Abschluß. Was geschah nachher? Es wurde eine Organisation der «Vereinigten Nationen» gegründet, um neue «Angriffe» in Zukunft zu verunmöglichen und die Verbreitung der «Demokratie» überall zu gewährleisten.
Es ist seit ihrem Gründungstage den «Vereinigten Nationen» nicht gelungen, den Frieden zu sichern, Angriffe zu verhindern oder die demokratischen Freiheiten überall zu gewährleisten. Es ist ihnen ebenfalls nicht gelungen, auch nur in einer wichtigen Frage Einstimmigkeit zu erzielen, außer mit einer Ausnahme: Sie entschieden mit einer überwältigenden Mehrheit, daß die zionistische Invasion in Palästina fortgesetzt werden solle. Im Lichte dieser unumstößlichen Tatsache gewinnen die jetzt laufenden Pläne zur Gründung einer «Streitmacht der Vereinigten Nationen» und zur Erlangung des Monopols für die Kontrolle der Atombomben durch ein souveränes Komitee, ADA, eine neue Bedeutung.
Es begann mit der Entsendung einer Untersuchungskommission nach Palästina. Die edlen Grundsätze der «Charta der Vereinigten Nationen» (genau wie die früheren der Atlantik Charta) wurden überhaupt nicht beachtet. Die durch Mehrheitsbeschluß festgelegten Leitsätze erwähnten nirgends die Worte «Unabhängigkeit, Demokratie und Selbstbestimmungsrecht» für die eingeborenen Bewohner von Palästina. Letztere ließ man überhaupt vollkommen aus dem Spiel, da das Untersuchungskomitee einen Vorschlag zur Berücksichtigung der Interessen der Eingeborenen aufs schärfste zurückgewiesen hatte. Aber die Angelegenheit der «jüdischen Flüchtlinge» aus Europa (jene nämlich, die während des Aufenthalts des Untersuchungsausschusses in Palästina aus den Sowjetgebieten geschickt wurden) figurierte auf der Tagesordnung, trotzdem die Araber mit deren Verschickung offensichtlich nichts zu tun hatten.
Diese Beschlüsse wurden im Herzen «des größten jüdischen Zentrums der Welt» gefaßt, wo man sich um die spärlichen arabischen Stimmen ebensowenig kümmerte wie in London. Die ersten Missionare der «Vereinigten Nationen» zogen nach Palästina und empfahlen am 31. August 1947, daß jener Teil Palästinas, in dem die importierten Zionisten während der letzten dreißig Jahre die Überhand über die ansässigen Araber gewonnen hatten, zu einem unabhängigen jüdischen Staat umgewandelt werden solle. Ferner wurde empfohlen, daß während zwei Jahren 150 000 neue Einwanderer und nachher jährlich 60 000 aufgenommen werden sollten.
So war also die erste Handlung der «Vereinigten Nationen» nach dem Zweiten Weltkrieg eine Kriegserklärung! Wenn das nicht den «Plan» des zwanzigsten Jahrhunderts enthüllt, dann weiß ich wirklich nicht, was es noch braucht, bis man klar sieht. Das war eine Kriegserklärung gegen ein harmloses Volk; die Vertreter der britischen Regierung in Palästina hatten während dreißig Jahren davor gewarnt. Die Vertreter der sechs benachbarten arabischen Staaten, Libanon, Syrien, Irak, Aegypten, Saudi Arabien und Jemen hatten dem Untersuchungsausschuß einmütig mitgeteilt, daß ein solcher Beschluß von der arabischen Welt als feindseliger Akt betrachtet würde.
Jetzt war die Zeit gekommen, wie die «Times» vor drei Monaten angedeutet hatte, daß die «zivilisierte Welt» ihrer Autorität physische Nachachtung verschaffen mußte. Aber die Vereinigten Nationen verfügten noch nicht über Befreiungsarmeen oder freiheitsbringende Atombomber. Wer also sollte die Locktaube sein?
Dieses Land! Die «Vereinigten Nationen» erklärten den Krieg im Namen Englands. «Das Vereinigte Königreich soll diese Maßnahmen durchführen.» Das also war das Ergebnis (nebst der Zweiteilung Europas) des Zweiten Weltkrieges.
Die sozialistische Regierung von 1945 hatte ihre Absicht, sich aus Indien und Ägypten zurückzuziehen, bereits angekündigt. Nur die Zeit kann beweisen, ob diese großen Rückzüge moralisch gerechtfertigt waren; sollten sie nur aus Verehrung für die Lehren Fabians vor vierzig Jahren geschehen sein, dann muß man sie als gewöhnliche Kapitulationen bezeichnen. Die gleichzeitige Einleitung einer Invasion eines Moslemstaates und zwar wegen einer fremden Superregierung war bestimmt gerade gut genug, um diese Rückzüge in schlechteres Licht zu rücken ‑ nämlich als heilloser Unsinn von allem Anfang an. . . .
Die Führer der «Haltet links!»‑Gruppe, Herr Crossman und andere, die den Wegzug der Engländer aus Palästina gefordert hatten, schrieben jetzt der «Times», daß ein Rückzug ein Zeichen von materieller und moralischer Schwäche wäre. Wir müßten bleiben und die Teilung mit Gewalt durchsetzen und derart unsere Freundschaft sowohl mit den Arabern wie mit den Juden festigen.
Die Gestalt des Plans ist klar. Britische Truppen wenn möglich, oder dann amerikanische sollten den neuen Krieg starten. Diesmal ging es ganz offensichtlich weder um ein Ideal noch um britische oder amerikanische Interessen. Die zionistische Macht sollte vergrößert und das zionistische Reich begründet werden; die britischen oder amerikanischen Soldaten würden ihm zu Diensten sein. Ich glaube, es ist das eigentliche und höchste Ziel, daß amerikanische Armeen in Arabien kämpfen. Sollte der Esel, «öffentliche Meinung» genannt, eine Rübe benötigen, dann könnte man ihm leicht «lebenswichtige Öl‑Interessen» vor die Nase halten.
Dieses Wort «Erklärung» hat in unsern Zeiten und in unsern Angelegenheiten einen üblen Geschmack erhalten. Die Balfour-Erklärung, die dem kriegsbefangenen Publikum des Jahres 1917 recht harmlos zu sein schien, hat sich in der Folge als eine Kriegserklärung gegen die Araber in Palästina entpuppt und führte in den zwanziger und dreißiger Jahren zu kostspieligen Feldzügen. Sie führte auch in einer direkten Linie zu der «Erklärung» der Vereinigten Nationen von 1947, die sich in der Folge wiederum als neue Kriegserklärung gegen die Araber erweisen wird. Wird der Versuch gemacht, sie mit Gewalt durchzuführen, dann können die mit Sicherheit daraus entspringenden Feindseligkeiten ein unberechenbares Ausmaß annehmen und sich zuletzt als Beginn eines dritten großen Krieges des zwanzigsten Jahrhunderts erweisen, dessen Ursprünge dann in der «Erklärung» von 1917 liegen werden. Diese «Erklärung» würde in diesem Fall zur Kriegserklärung des dritten Weltkrieges dieses Jahrhunderts. . . .
In unsern Tagen ist die wahre Bedeutung der großen Verschiebung der jüdischen Massen aus Rußland nach Amerika klar geworden. Seit Leo Pinsker 1882 zum erstenmal den Ruf nach einer «Nationalen Heimstätte» erhob, sind die Vereinigten Staaten an Stelle Rußlands zum größten jüdischen Zentrum der Welt geworden, und die Hauptmacht der eingewanderten Juden hat sich in New York niedergelassen. Diese Juden, die sich mehr und mehr unter dem terroristischen Druck der fanatischen Zionisten befinden, lassen sich leicht für die Führung der innen‑ und außenpolitischen Geschäfte des reichsten Landes der ganzen Welt benutzen, genau so wie zweitausend Kommunisten in einer britischen Gewerkschaft von achtzigtausend Mitgliedern genügen, um die Politik dieser Gewerkschaft zu bestimmen. Ein getreues Bild dieser Sachlage war in einem kürzlich erschienenen Bericht des «Daily Expreß» vom 15. Oktober 1947 zu finden:
«Präsident Truman ist von seiner republikanischen Opposition gewarnt worden, daß er Schwierigkeiten haben wird, falls er amerikanische Truppen nach Palästina schickt … Falls er aber dieses Truppenkontingent nicht bewilligt, könnten ihm Schwierigkeiten von einer andern Seite erstehen. Man darf nicht vergessen – und ein Präsident oder ein Kandidat erinnern sich auch immer daran ‑, daß von sieben Neuyorkern zwei Juden sind. So sind die Juden bei einer Neuyorker Stadtwahl ein ausschlaggebender Faktor, und ohne einen Sieg in Neuyork Stadt kann der Staat Neuyork nicht gewonnen werden. Seit 1916 ist kein Kandidat mehr auf den Präsidentenstuhl gerückt, der nicht einen Sieg im Staate Neuyork buchen konnte. Wie soll man sich da wundern, daß der bedrängte Präsident das Verbleiben der britischen Truppen in Palästina wenigstens so lange wünscht, bis er einen Ausweg ‑ falls es einen solchen gibt ‑ aus seiner verzwickten Lage gefunden hat?»
Hier wird wiederum ein politischer Schachzug ganz deutlich aufgezeigt. Die Abwanderung der jüdischen Massen zwischen 1880 und 1940 von Rußland nach Amerika und dort vorzugsweise nach New York war durchaus kein natürlicher Vorgang (genau so wenig wie die Massenabwanderungen nach Palästina von 1945 bis 1948), sondern ein Teil des großen Plans. Auf diese Art können die Entschlüsse der Großmächte besser kontrolliert werden. . . .
Ein Geheimnis bleibt, wieso sich die nicht‑jüdischen Politiker unseres Jahrhunderts nicht gegen eine solche Vergewaltigung auflehnen und warum ihnen die amerikanischen Präsidenten lieber nachgeben als auf die Gefahr hinzuweisen und dadurch vielleicht nicht gewählt zu werden. Offenbar befinden sich heute die Präsidenten im gleichen Dilemma wie Baldwin in den dreißiger Jahren, der meinte, falls er England gesagt hätte, daß Deutschland aufrüste und wir deshalb auch aufrüsten müssen, würde er bei den Wahlen durchgefallen sein. Jetzt sind zwei Dinge klar geworden: Erstens, daß es besser gewesen wäre, die Wahrheit gesagt und damit die Wahl verloren zu haben, zweitens, daß die Wahl wahrscheinlich trotzdem erfolgreich verlaufen wäre, wenn er die Wahrheit gesagt hätte. Die amerikanischen Präsidenten sehen das heute genau so wenig ein wie damals Baldwin.
So wird Amerika in den vierziger Jahren in das gleiche gefährliche und üble Unternehmen hineingezogen, das England in den letzten dreißig Jahren so sehr geschadet hat. Zur Zeit, da ich schreibe, besitzen die Vereinigten Staaten einen Außenminister, der den großen britischen oder amerikanischen Staatsmännern vor einem Jahrhundert gleicht: General Marshall, eine schlichte, starke und senkrechte Erscheinung. Aber auch er wird von diesen halbverborgenen Mächten in eine Politik und in Unternehmen hineingezogen oder gezwungen, die unvereinbar sind wie Tag und Nacht. Als er am 14. Oktober 1947 in Boston über die sowjetische Besetzung halb Europas sprach, schilderte er zu Recht die unmittelbare Gefahr als «das vollkommene Verschwinden aller charakteristischen Merkmale unserer westlichen Kultur, auf welcher unsere Politik und unser Lebensstil beruht». Die Grundfrage lautet: «Ob den Menschen die Freiheit gelassen wird, ihr Leben selbst zu regeln, oder ob ihr Leben von kleinen Gruppen bestimmt werden soll, die diese willkürliche Macht an sich gerissen haben.» Mit dem äußersten Ernst sprach er folgende prophetische Worte: «Es wäre Wahnsinn zu meinen, wir könnten hier abseits stehen.»
Zwei Tage vorher aber hatte sein Vertreter an der Versammlung der Vereinigten Nationen in Lake Success die Teilung Palästinas, die Gründung eines jüdischen Staates und den Einlaß neuer Zuwanderer unter dem Schutz einer von den «Vereinigten Nationen» rekrutierten Söldnerarmee gefordert!
Das wird niemals dem Frieden dienen, sondern nur den ehrgeizigen Plänen einer «kleinen Gruppe von Menschen»: den mächtigen politischen Zionisten in New York. So war es auch weiter nicht verwunderlich, daß der Sowjetvertreter zum erstenmal mit diesem amerikanischen Vorschlag herzlich einverstanden war. Selbstverständlich kann man nicht erwarten, daß die Sowjetmacht jemals auf ihre unrechtmäßigen Gewinne in Europa verzichtet, wenn diejenigen, die sich darüber beschweren, im Begriffe sind, ähnliche Unternehmen in Arabien zu unterstützen.
Trotzdem waren diese Ereignisse auch von Gutem. In den letzten zwei Jahren ist der Vorgang sichtbar geworden, wie die amerikanischen und britischen Regierungen dazu gebracht wurden, die phantastischen Pläne des Zionismus zu unterstützen, und langsam beginnt es überall in den Köpfen des Publikums zu dämmern. Die Menschheit fängt endlich an, das wahre Gesicht des Unternehmens in Palästina zu erkennen.

Die Geld‑Macht

Der rasche und gemeinsame Anstieg des Weltkommunismus und des politischen Zionismus läßt sich heute leicht feststellen. Wer sich vor den Tatsachen nicht fürchtet, kennt heute ebenfalls die schlauen Methoden, durch welche der Kommunismus Macht und Einfluß in nichtkommunistischen Regierungen, Parteien und Organisationen außerhalb des Parlaments gewinnt. Bis vor kurzem aber war es schwer zu wissen, wie es den politischen Zionisten gelungen ist, eine solch erstaunliche Macht über die politischen Führer in Amerika und England zu erlangen. Es ist etwas durchaus Neues in der Geschichte, daß eine britische Regierung einer Gruppe von Menschen ein Territorium verspricht, das jemand anderem gehört, mit der bloßen Begründung, einer ihrer Führer habe einen wichtigen Beitrag in der Wissenschaft der Sprengstoffe geleistet (das war die Erklärung Lloyd George’s für die ursprüngliche Balfour‑Erklärung). Ebenso erstaunlich war es dreißig Jahre später, daß ein amerikanischer Präsident nach einem kurzen Besuch einiger zionistischer Sprecher eine öffentliche Forderung auf die sofortige Zulassung von 100 000 Fremden in Palästina stellte.
Es ist unmöglich, daß während drei Jahrzehnten die sich nachfolgenden Generationen von politischen Führern samt und sonders aus chronisch schwachen, unheilbar irregeführten oder dauernd schlechtberatenen und falschinformierten Männern bestanden haben. Bevin war der erste, der im Laufe dieser dreißig Jahre ein offenes Wort in dieser Angelegenheit äußerte (das Ergebnis ist die heftige Kampagne, welche die politischen Zionisten gegen ihn entfesselt haben). Alle andern benahmen sich so, als spürten sie jedesmal, wenn sie sich mit diesem Stoff befaßten, die Pistole in ihrem Rücken. Natürlich fällt auch die unaufhörliche Zeitungspropaganda, die bei vielen Menschen einen ähnlichen Geisteszustand hervorruft wie der Genuß von Drogen und Rauschmitteln, bei diesem Verhalten schwer ins Gewicht; auch ist die menschliche Natur vielfach selbstquälerischen und irregeführten Instinkten unterworfen. Wie aber läßt sich die Unterwürfigkeit der Presse in diesen Fragen erklären?
Ich glaube, die eigentliche Erklärung liegt in der Macht des Geldes, obwohl ich nicht alle Myriaden von Möglichkeiten dieser Macht überblicke. In den letzten fünfzig Jahren ungefähr erlebten wir neben der Erhebung des Weltkommunismus und des politischen Zionismus und der Verpflanzung der größten jüdischen Kolonie aus Rußland nach Amerika noch ein anderes Phänomen, das in der Weltgeschichte einmalig dasteht: die Verlagerung des größten Teils des Goldes der Welt in jenes Land, das heute Sitz der zionistischen Macht geworden ist ‑ nach Amerika.
Gold ist Geld. In den letzten dreißig Jahren sind drei Fünftel der Goldwährungsvorräte, die aus den Goldbergwerken verschiedener Ländern stammten, nach Übersee verfrachtet und im Fort Knox in Kentucky gehortet worden. Der Betrag des dort gelagerten Goldes beläuft sich ungefähr auf 6 000 000 000 Dollars. Inbegriffen sind meines Wissens fünfhundert Millionen britische Gold-Sovereigns, die im gegenwärtigen Kurs genügen würden, den Gesamtertrag der britischen Einkommenssteuer während acht Jahren zu decken.
Wer weiß eigentlich, warum und wieso all dieses Gold in Kentucky zusammengetragen worden ist? Auch ich kann diesen Vorgang nicht erklären, dessen Ergebnisse freilich klar auf der Hand liegen. Er begann wie so vieles andere 1914, wo wir unsere Gold-Sovereigns zum letzten Male sahen. Bis zu dieser Zeit brauchte sich niemand über den Wert seines Geldes Sorge zu machen, denn es war so gut wie keinen Schwankungen unterworfen. Ein Mann mit fünfundzwanzig Sovereigns konnte mit ihnen in aller Ruhe einen großen Teil Europas bereisen und wußte genau, was er überall für sie kaufen konnte. Damals gab es noch keine Schwankungen in der Kaufkraft, sondern nur kleine, unbedeutende Änderungen, ein Bankkonto von hundert Pfund bedeutete eben hundert Pfund, die man wieder in Gold zurückwechseln konnte.
Erst seitdem das Papier auftauchte, sind all die Währungskrankheiten aufgetreten mit ihrem Gefolge von steigenden und sinkenden Preisen gleich den Fieberkurven eines Patienten, mit überall auftauchenden Verboten und Einschränkungen. Ein Mann mit einem goldenen Bankkonto lief keine Gefahr, durch einen Federstrich enteignet zu werden; einem Mann aber mit einem Papierkonto kann das jederzeit blühen. «Inflation» und «Deflation» sind nicht goldene, sondern papierene Krankheiten. Die großen Katastrophen einer plötzlichen, allgemeinen Verarmung, die zu den Merkmalen der letzten dreißig Jahren gehören, wären undenkbar, wenn die Menschen in ihren Geldbeuteln und Strümpfen Gold aufbewahren dürften. Hätten wir Gold, könnte man im England des Pfund‑Sterlings nicht eine «Dollar Knappheit» als Vorwand gebrauchen, um unsere bürgerlichen Freiheiten abzuschaffen.
Die Aufhebung unseres nationalen Sovereign war gleichbedeutend mit einer monetarischen Versklavung; wer sich mit bloßen Sätzen nicht begnügt, soll selber sehen, wohin «die Abschaffung der nationalen Souveränität führt».
Als ich das letztemal von Gold‑Sovereigns hörte (dem britischen Inselbewohner ist es gesetzlich verboten, solche zu besitzen), befanden sie sich in Kanistern, die mit Fallschirmen für den geheimnisvollen «Tito» niedergelassen wurden; kein Kanzler des Schatzamtes hat dem britischen Volke jemals mitgeteilt, daß sie zu diesem Zwecke unser Land verlassen werden. In diesem Lande darf eine Braut (auf Befehl des Schatzamtes) keinen goldenen Ehering mehr kaufen, es sei denn antiquarisch.
Wie aber wird der Geldmarkt ausgenutzt? Mir scheint, ein teuflischer Plan geht durch das zwanzigste Jahrhundert und der Teufel sitzt auf dem goldenen Throne von Fort Knox. Welche Menschen gebrauchen diese Geldmacht? Das Gold befindet sich in Amerika, aber auch Amerika hat sich in diesen dreißig Jahren, seit dem Auftauchen der beiden übernationalen Riesen und dem Beginn der Goldwanderung, geändert. Die große Einwanderung aus Rußland hat, wenn auch nicht das Herz Amerikas, so doch das der Welt zugewandte Gesicht genau wie das unsrige geändert. Eine nähere Betrachtung unseres Parlamentes, unserer Parteien, von Presse, Literatur, Film und Theater zeigt, daß wir diesen großen Zustrom fremden Blutes nicht assimiliert haben; vielmehr hat sich da und dort unsere eigene Haltung recht sichtbar verändert. Die charakteristischen englischen Merkmale (oder, wie General Marshall sagte, «die charakteristischen Merkmale der westlichen Zivilisation») verschwinden mehr und mehr aus unserem öffentlichen Leben.
Das gleiche ist während der letzten dreißig Jahre in Amerika geschehen. Das Amerika von Ben Hecht, Walter Winchell, «den Beratern des Präsidenten» und der Hollywooder Zaren ist nicht mehr das Amerika eines Mark Twain, Walt Whitman, Emerson, James und der Begründer der amerikanischen Verfassung. Wie immer auch das Herz beschaffen sein mag, das Gesicht und die Stimme gleichen immer mehr und mehr denjenigen des Weltkommunismus und des politischen Zionismus, besonders seit dem zweiten Krieg, wo sich die Portale der verschiedenen Staats‑Departemente (wie in England) für die Agenten dieser übernationalen Unternehmungen weit öffneten.
Die Geldmacht liegt in Amerika, was nicht besagt, daß auch ihre Aktionen amerikanisch sein müssen, genau so wenig wie die Balfour‑Erklärung britisch war. Wenn auf diesem Haufen Gold die Macht liegt, die Angelegenheiten und Bewegungen von Millionen Menschen in weitester Entfernung zu kontrollieren, dann ist auch klar zu sehen, welcher Gebrauch davon gemacht worden ist. Diese Macht wurde benutzt, um den Weltkommunismus und den politischen Zionismus zu stärken. Es ist bekannt, welch ein gewaltiges Kapital während des Zweiten Weltkrieges der «Sowjetmacht» zur Verfügung gestellt wurde. Wenn eines Tages amerikanische und britische Soldaten aufgerufen werden, die Sowjetmacht aus Europa zu verdrängen, dann werden sie gegen amerikanische und britische Waffen und Gold kämpfen müssen und sich fragen, was wohl die Geldmacht nächstesmal hinter ihrem Rücken anzetteln wird. Ich habe auch bereits den Einsatz dieser Geldmacht zur Abwanderung der jüdischen Massen aus Europa geschildert; trotzdem wird diese Abwanderung von den «Vereinigten Nationen» als Vorwand für die Kriegserklärung an die Araber benutzt!
Wie kann diese Geldmacht sonst noch verwendet werden? Sie scheint sich eindeutig gegen dieses Land gewandt zu haben, seit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und die zionistische Kriegserklärung (diese Bezeichnung ist wörtlich zu verstehen, denn eine Kriegserklärung liegt vor) gegen dieses Land erfolgte. Im Jahre 1945 bildete Attlee eine Regierung, die ihre Stimmen hauptsächlich deswegen erhielt, weil sie eine Regierung von Planern mit einem Plan darstellte. Sie behauptete, daß durch diesen Umstand der Insel die voraussehbaren und unnötigen Lasten nicht‑planender Regierungen erspart würden; es sei ihr besonderes Merkmal, gegen solche Ereignisse Vorsichtsmaßnahmen zu planen. . . .
Die britischen Freiheiten müssen infolgedessen aufgehoben werden; ich kenne kein besseres Beispiel in der Geschichte für ein solches Non Sequitur.
Damit stellt sich die Frage, ob die Geldmächte das Ansteigen der Preise heraufbeschworen haben, da die Regierung von Planern ein solches nicht vorausgesehen hatte? Wenn nationale Freiheiten aufgehoben werden, weil sich eine auswärtige Anleihe vorzeitig erschöpft, dann muß die Macht an der Quelle dieser Anleihe eine Weltmacht genannt werden. Die Geldmacht ist eine Welt‑Ober-Regierung, deren Beweggründe genau geprüft werden sollten. Seit nämlich das Gold nach Kentucky abgewandert ist, sind solche Anleihen zu bloßen Buchhaltungs‑Transaktionen geworden, die gefälscht werden können, sobald sie auf wechselnden Werten, wie dem Steigen und Fallen der Preise, basieren. Hätten wir nicht den nationalen Sovereign fallen gelassen, so hätte das nie eintreten können. Falls wir Gold besitzen würden oder geborgt hätten, könnte eine solche Anleihe nicht wie Schnee in der Sonne zerrinnen. Aber es ist bald Zeit, daß wir begreifen, was vor sich geht, wenn es wirklich die Meinung ist, daß nach dem Dahinschwinden der Papier‑Dollars das substantielle Pfund Sterling aus unseren bürgerlichen Freiheiten herausgeschnitten werden soll. In diesem Falle wird die Welt heute schon von den Wächtern des Fort Knox regiert, wer immer diese auch sein mögen.
Mir scheint Herr Bevin damals, als er die Wahrheit offen heraussagte, der Wurzel unserer Übel sehr nahe gekommen: «Ich weiß, daß diese Amerikaner entsetzt sein werden, aber das ist eben meine Rolle. Es ist meine persönliche Überzeugung, daß sich die Vereinigten Staaten durch ihr Versäumnis, das im Fort Knox gelagerte Gold wieder zu verteilen, selbst geschadet haben und in ihrem eigenen Lande hohe Steuern verursachten. Es wäre sicher vorteilhaft, irgendwo in der Welt eine neue Goldmine zu entdecken, aber hier liegt Gold, das schon gewonnen worden ist, und mit ihm geschieht gar nichts.»
Nahe an der Wurzel des Übels, aber noch nicht nahe genug. Natürlich ist die Häufung solcher Goldmengen auf einem Fleck während dieser dreißig schicksalsschwangeren Jahre schon an und für sich ein übles Ding, aber ich kann diese Tatsache mit dem besten Willen doch nur als ein weiteres zufälliges Glied in der Geschichte der menschlichen Irrungen betrachten. Es war bestimmt nicht richtig zu sagen, «daß mit dem Gold gar nichts geschieht», wo es doch die Grundlage für die papierene Anleihe bildete, deren Versickern als Erklärung für die mächtigen Schläge gegen unsere Freiheit in England diente. Es geschah sogar sehr viel mit diesem Gold.
Die Geldmacht verbreitet von ihrem goldenen Throne wie der große Pan Schrecken und Verderben. Ihre Rolle im Plan des zwanzigsten Jahrhunderts tritt heute immer deutlicher ans Licht.

Die Dokumente des Falles

Wenn ich die Macht dieses vergrabenen Goldes und den Umriß des Geschehens der letzten dreißig Jahre betrachte, komme ich mehr und mehr zum Schluß, daß es in der Welt große, organisierte Mächte gibt, die, über viele Staaten ausgedehnt, gemeinsam daran arbeiten, durch das Chaos die Herrschaft über die Menschheit zu erlangen. An erster und wichtigster Stelle streben sie nach der Zerstörung des Christentums, der Nationalität und der Freiheit in Europa. Dies war auch der «Plan», den Lord Acton hinter den ersten Tumulten der französischen Revolution erkannte, und er ist mit den nachfolgenden Tumulten und den steigenden Erfolgen immer sichtbarer geworden. Dieser Prozeß scheint mir weder natürlich noch unumgänglich, sondern von Menschenhand geschaffen und bestimmten Regeln revolutionärer Aktion folgend. Ich bin der Ansicht, daß hinter ihm eine sehr ausgedehnte Organisation steht, und daß die großen Erfolge, die bisher erreicht wurden, in der Hauptsache auf den Umstand zurückzuführen sind, daß es bisher gelungen ist, deren Bestehen strikte geheim zu halten.
Gibt es irgendwelche Beweise? Ich halte schon den Ablauf der Ereignisse für einen Beweis. Der Verlauf des Zweiten Weltkrieges hat meiner Ansicht nach gezeigt, daß man Mittel und Wege gefunden hat, um solche Kriege zum Nutzen anderer Parteien und Ziele auszuwerten, so daß der eine Zweck vor allem gefördert wird: Verbreitung des Chaos und Zerstörung der christlichen Nation und Freiheit in Europa. Es lohnt sich, in dieser Hinsicht einmal näher zu prüfen, wieso beide Kriege ganz andere und sogar gegenteilige Resultate zeigten als diejenigen, die den Massen vorgespiegelt worden waren.
Es gibt meiner Ansicht nach auch substantielle Beweise für eine organisierte Verschwörung von Menschen, die sich mit den Generationen ändern und in den verschiedensten Staaten zusammenarbeiten, denen es aber meistens gelingt, anonym und maskiert zu bleiben. Das plötzliche Auftauchen bei den Höhepunkten der Krise von bisher unbekannten Gestalten, wie Hitler und «Tito»; die kommunistische Taktik, unter Decknamen und durch offenkundig nicht‑kommunistische Körperschaften, Parteien und Zeitungen zu wirken; die Verwendung der Worte «Faschismus» und «Anti‑Semitismus» als Rauchwand bei der Verfolgung neuer Ziele: all das sind Beispiele für die Wissenschaft der geheimen Verschwirrung in der Praxis.
Es bestehen auch zahlreiche Dokumente, und die besondere Energie, mit welcher man sie zu unterdrücken sucht, ist für mich sowohl ein Beweis für ihre Wichtigkeit wie für die organisierte Verschwörung. Eines davon ist bekannt als «Die Protokolle der Weisen von Zion». In den von den Kommunisten beherrschten Ländern ist diese Schrift unter Todesstrafe verboten. In vielen andern Staaten wird sie heftig bekämpft, nicht durch eine Widerlegung ihrer Thesen, sondern durch den platten Vorwurf, es handle sich um ein «antisemitisches Machwerk».
Meiner Ansicht nach verdient diese Schrift eine gründliche und nüchterne Betrachtung. Sie wurde 1897 in Rußland veröffentlicht, durch einen englischen Zeitungskorrespondenten, Victor Marsden, der lange in Rußland lebte und nach der bolschewistischen Revolution nach England zurückkehrte, ins Englische übertragen und hier ungefähr im Jahre 1918 gedruckt.
Ich nehme an, daß ich die Methoden zur Verhinderung einer Veröffentlichung oder Diskussion über gewisse Angelegenheiten genau so gut kenne wie jeder heute lebende Autor. Ich kenne aber nichts, was der grimmigen Hartnäckigkeit gleichkommt, die Verbreitung dieses Buches zu verhindern und seinen Inhalt zu diffamieren. Man muß es vielleicht selbst erfahren haben, damit man es glauben kann. Meine eigenen Erinnerungen an solche Vorgänge liegen schon für eine spätere Veröffentlichung bereit.
Ein Einwand gegen diese Schrift kommt daher, daß auf Gesuch der Israelitischen Gemeinde in Bern dieses Buch von einem schweizerischen Gericht «als Fälschung» bezeichnet wurde. Die Urteile ausländischer Gerichte sind für den britischen Inselbewohner nicht unbedingt maßgebend; jedenfalls wurde dieses Urteil später durch eine höhere Instanz aufgehoben. Ein anderes ablehnendes Argument wird darin gesehen, daß vor Jahren ein Korrespondent der «Times» Artikel zur Widerlegung der Echtheit der Protokolle geschrieben hat. Auch ich war mehrere Jahre Korrespondent der «Times» und bin, ungeachtet ihrer Urheberschaft, von der Echtheit der Protokolle als Dokument einer revolutionären und geheimen Verschwörergesellschaft vollkommen überzeugt.
Die Behauptung, es handle sich um eine Fälschung, bezieht sich auf das im Titel enthaltene Wort «Zion». Mir scheint, die Menschen, die sich über das wilde Chaos unserer Tage wundern, sollten die Protokolle lesen und auf dieser Suche nach Wahrheit, um wirklich ganz unparteiisch zu sein, sowohl in ihren Köpfen wie im Titel und im Text selbst dieses Wort einfach streichen. Sie sollten sogar noch weiter gehen und dieses Buch als nicht‑jüdisch, ja sogar als anti‑jüdisch betrachten. Sie sollen annehmen, dieses Buch sei von machiavellistischen Verschwörern geschrieben worden, die im Gebrauch oder Mißbrauch der Juden und ihrer Klagen ein wirksames Mittel für die Verbreitung von Unruhe und Chaos in Europa entdeckt haben. Denn das ist es schließlich, was in unsern Tagen geschieht. Es liegt auf der Hand, daß die angeblichen Feinde, Kommunismus und Faschismus, sich nur zum Schein so verhalten, als ob zwischen ihnen ein Unterschied wäre, trotzdem beide für die Nicht‑Juden gefährlicher sind als für die Juden und daß die jüdischen Massen verschoben und wie Pfandstücke mißbraucht werden, und zwar durch eine Macht, die sie selbst nicht kennen.
Wenn wir uns den Protokollen als einem anti‑jüdischen Dokumente nähern und alle diese Einschränkungen machen, dann bleibt immer noch ein genauer Abdruck der Ereignisse der letzten dreißig Jahre, der vor dieser Jahrhundertwende hergestellt wurde. Wir können das Buch betrachten, wie wir wollen, das Ergebnis bleibt immer dasselbe. Die Methoden, durch welche unsere Welt in den gegenwärtigen, jammervollen Zustand versetzt worden ist, sind hier niedergelegt, lange bevor wir sie gewahrten, lange sogar bevor wir glaubten, daß sie jemals zur Anwendung kommen könnten. Hier liegt der Schlüssel für die Korruption, die Einschüchterung oder die Verführung der Parteien und Einzelmenschen, der Zeitungen und Journalisten, der Parlamente und Politiker, deren Praxis wir in den verflossenen drei Jahrzehnten erlebt haben.
Das Buch ist der Abdruck einer Welt‑Versehwörung, die sich vor fünfzig Jahren in russischen Kellern verbarg und heute sehr erfolgreich auf dem Thron der Mächtigen sitzt. Das Dokument wurde 1897 veröffentlicht! Es ist gar nicht nötig zu glauben, daß es ein Protokoll eines zionistischen Kongresses jener Zeit ist. Viel besser ist es, diese Version abzulehnen und anzunehmen, daß es sich um ein «Plagiat», das heißt um die Wiedergabe eines früheren Dokumentes handelt. Damit finden wir den Schlüssel. Die Protokolle sind zwar nicht zionistisch, aber sie sind dennoch authentische Dokumente einer Verschwörung.
Diese Wahrheit liegt auf der Hand. Jetzt aber handelt es sich darum, zu fragen, wer die Verfasser des früheren Dokuments oder der Dokumente gewesen sind, von denen die Protokolle eine Kopie darstellen, und wiederum, welche noch weiter zurückliegenden Quellen die Verfasser studiert haben? Es ist sichtlich falsch, daß eine so wegweisende Arbeit einfach mit der ärgerlichen Bemerkung, es handle sich um eine Fälschung, beiseitegelegt wird. Wichtig ist, daß die Autoren, wann immer sie gelebt haben und wer immer sie waren, die Methoden kannten, durch welche die krampfhaften Zuckungen dieses Jahrhunderts und die fast völlige Zerstörung Europas um die Jahrhundertmitte herbeigeführt werden konnten.
Ich glaube, daß der große Widerstand, der gegen jede öffentliche Besprechung der Protokolle geleistet wird, die Stärke der Mächte beweist, die nicht wünschen, daß der Schlüssel gefunden wird. Die Protokolle sind nicht an sich interessant. Sie bilden nur ein Dokument aus einer langen Serie von nahezu zwei Jahrhunderten. Aber sie liefern den Schlüssel. Die in ihnen festgelegte politische Linie kann seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts bis heute deutlich verfolgt werden. Seit dieser Zeit mindestens besteht eine Geheimorganisation, welche die Zerstörung des Christentums und der Nationalitäten in Europa wünscht.
Die Geschichte geht zurück auf die geheimen Gesellschaften, welche die französische Revolution gefördert haben. Damals konnte man dieses Phänomen erstmals feststellen. Der «Plan hinter dem Tumult», den Lord Acton bei seinen Studien über die Revolution von 1790 so eindeutig festgestellt hat, wurde von den 1848er Revolutionären weiter gesponnen, dann von den russischen 1880 und 1890, und zieht sich seit 1917 durch das ganze Chaos unserer letzten dreißig Jahre.
Dies wird in dem unschätzbaren wissenschaftlichen Vergleich von Mrs. Nesta Webster (World Revolution, Constable, 1921) zwischen den Protokollen und einigen andern Dokumenten aufgezeigt: denjenigen der Geheimgesellschaften und Sekten hinter der französischen Revolution von 1790, der erfolglosen Revolutionen von 1848, 1890 und 1905 und der kommunistischen Revolution von 1917. Dieser Vergleich zeigt, daß im Protokoll Ideen bekundet werden, die sich im Laufe der Zeiten immer gleich geblieben sind, während die «Drahtzieher» oft in den Personen änderten und die geheimen Hauptquartiere seit 1775 bis heute wiederholt ihren Sitz gewechselt haben. Die Protokolle sind nicht mehr und nicht weniger wichtig als alles andere. Aber sie waren die erste vollständige Enthüllung des für ein Jahrhundert bestimmten Planes, und das scheint auch der Grund zu sein, warum unaufhörlich versucht wird, die Leute vom Studium dieser Schrift abzubringen.
Diese Dokumente sind die Schriften einer schwarzen Religion, deren Grundsätze lauten: Zerstörung, Entvölkerung, Deportation, Tod. Der Leser möge festhalten, daß diese Strafen von Herrn Churchill für den Fall einer Kapitulation der britischen Insel vor «totalitärem Zwang und Reglementierung» vorausgesagt worden sind, und daß sie auch die Lehre der drei erleuchteten Naziführer, Hitler, Goebbels und Bormann, die in Berlin verschwunden sind, darstellt. Es ist die Doktrin der Vernichtung (oder des «Nihilismus»).
Wir können sie zuerst bei der mächtigen Geheimgesellschaft der Illuminaten finden, welche durch einen Deutschen, einen gewissen Adam Weishaupt, im Jahre 1776 gegründet wurde. Anders als bei Wahrheit und Gerechtigkeit kann es keine absolute Geheimhaltung geben. Bei der Unterdrückung dieser Bewegung durch die bayrische Regierung 1786 wurden ihre Papiere aufgefunden und veröffentlicht.
Ihre Lehren und Methoden entsprechen genau dem, was wir heute sehen. Die Mitglieder wurden nur Stufe um Stufe aufgenommen; sie erhielten Decknamen; man unterrichtete sie in der Kunst, falsche religiöse und politische Bekenntnisse abzulegen, um unter einer solchen Maske Zutritt zu allen Vereinigungen zu erhalten, durch welche man an die Macht gelangen konnte. Diese Methoden, damals neuartig, gehören heute zu den Selbstverständlichkeiten. Bei der Aufnahmezeremonie wurde dem Novizen eine Degenspitze auf das Herz gehalten und folgende Worte dabei gesprochen: «Solltest du ein Verräter oder ein Meineidiger sein, so wisse, daß alle unsere Brüder gen dich zu den Waffen gerufen werden. Du hast keine Hoffnung auf Flucht oder eine sichere Zufluchtsstätte. Wo immer du bist, werden dich Scham, Reue und der Zorn unserer Brüder verfolgen und dich bis in deine tiefsten Eingeweide peinigen.» Diese terroristische Methode wird heute von den Kommunisten und den politischen Zionisten angewandt; sie ist durch die verschiedenen Morde an Verdächtigen und Verrätern und durch die in äußerster Furcht abgelegten Geständnisse auf den «Höllenschiffen» und in den zionistischen Lagern bekannt geworden.
Eine graphische Darstellung, die sich in den Dokumenten der Illuminaten findet, beweist, daß Weishaupt die Meister‑Methode der geheimen Verschwörung, welche heute in der kommunistischen Organisation verwendet wird, entweder selber erfunden oder von früheren Lehrern entliehen hat. Es ist das Zellen‑ oder das Honigwaben‑System, in welchem jedes Mitglied nur seinen direkten Vorgesetzten und einige Untergebene (die zu diesem Zwecke Decknamen gebrauchen) kennt, so daß mit der Vernichtung einiger Zellen nicht das ganze System gefährdet wird.
Es war das Ziel dieser Illuminaten, durch diese geheimen Methoden die Macht für folgende Zwecke zu erlangen: Vernichtung der Monarchie und aller rechtmäßigen Regierungen; Abschaffung des Privatbesitzes; Abschaffung des Erbrechtes; Vernichtung des Patriotismus; Vernichtung der Familie (durch die Abschaffung der Ehe und gemeinsame Erziehung aller Kinder); Vernichtung jeglicher Religion (das sind auch die Ziele des heutigen Weltkommunismus).
«Prinzen und Nationen», schrieb Weishaupt, «sollten vom Antlitz dieser Erde verschwinden; ja, die Zeiten werden kommen, wo die Menschen keine anderen Gesetze als das Buch der Natur besitzen; diese Umwälzung wird das Werk der geheimen Gesellschaften sein, und sie bildet eines unserer großen Geheimnisse.»
Die damalige bayrische Regierung veröffentlichte diese Dokumente und verschickte sie an jede Regierung in Europa. Sie wurden genau so wenig beachtet wie der Kanadische Bericht im Jahre 1946. Die andern Regierungen sahen auch keinen Anlaß, sich mit diesen Schriften näher zu befassen, denn damals hatte der prophezeite Prozeß sich noch nirgends verwirklicht. Aber 1946 war eine solche Unaufmerksamkeit unentschuldbar, falls sie nicht absichtlich geschah. Denn als der Kanadische Bericht erschien, war Weishaupts Plan schon lange verwirklicht und seine Gestalt hob sich berghoch von der Umwelt ab.
Die Unterdrückung der Illuminaten in Bayern war ungefähr gleichbedeutend mit dem oberflächlichen Ausreißen eines wuchernden Unkrautes, dessen Wurzeln sich schon weit verzweigt hatten und überall neue Schosse trieben. Die Gesellschaft besaß zahlreiche Mitglieder unter den Verschwörern in Frankreich und prominente Köpfe bei den Revolutionsführern von 1790. Damals ereignete sich zum erstenmal das heute üblich gewordene Spiel: die beabsichtigte Hervorrufung von «Zwischenfällen», um diese in der Folge auszunützen. Wer sich mit dem Reichstagsbrand und den modernen «antisemitischen» oder «faschistischen» Bewegungen befaßt, sollte ebenfalls die «Große Furcht» des 22. Juli 1789 studieren, wo durch die Ankündigung, daß sich «Räuber» im Anmarsch befinden, daß alle guten Bürger zu den Waffen greifen müssen, und daß «der König befiehlt, alle Schlösser außer dem seinen sollen niedergebrannt werden» (berittene Boten trugen Plakate mit diesen Worten!) ‑ in ganz Frankreich zur gleichen Stunde eine mächtige Panik ausgelöst wurde.
Damals tauchte zum erstenmal die rote Fahne auf; eine, die echt sein soll, wird jetzt in Moskau aufbewahrt und das Lied zu ihren Ehren ist bei den sozialistischen Ministern und Politikern im England des Jahres 1947 recht beliebt. Einer von Weishaupts revolutionären Führern war ein preußischer Baron Anarcharis Clootz. Er verbreitete als erster die Lehre von der Kapitulation vor einem einmarschierenden Feind, welche die französischen Kommunisten 1940 verwirklichten und die heute die Kommunisten in England predigen. («Sobald die französische Armee in Sichtweite der österreichischen und preußischen Soldaten gelangt, sollten diese, anstatt den Feind anzugreifen, ihre Waffen zu Boden werfen und sich ihnen in liebenswürdigen Tanzschritten nähern.»)
1793 tauchte ein weiteres Hauptmerkmal des Planes auf: Entvölkerung. Mrs. Webster zitierte in ihren beiden Büchern zweiundzwanzig französische Revolutionäre und einen englischen, um zu zeigen, daß die systematische Verminderung der französischen Bevölkerung von 25 000 000 auf 14 000 000 geplant war. Wer sich mit der Geschichte des heutigen England befaßt, kann feststellen, daß auch hier der gleiche Vorschlag gemacht wird («Diese Insel kann ihre gegenwärtige Bevölkerung nicht ernähren … », «Zehn Millionen sollten auswandern … » und so weiter). Das Argument ging dahin, daß die «Luxus‑Gewerbe» zerstört werden sollten und da für «lebenswichtige Arbeiten» zu viel Arbeitskräfte seien, könne einer großen Arbeitslosigkeit (die auch tatsächlich im Herbst 1947 in England einsetzte) nur durch Entvölkerung geholfen werden.
Der Illuminismus war eine deutsche, nicht eine jüdische Erfindung. Im Jahre 1793 bemerkte das «Journal de Vienne» ironisch. «Es sind nicht die Franzosen, welche das große Projekt, das Antlitz der Erde zu ändern, ausgearbeitet haben; diese Ehre gebührt den Deutschen.» Quintin Crawfurd schrieb an Lord Auckland: «Die gegenwärtige Krise ist in ihrer Art sicher außergewöhnlich und mag vielleicht zu den folgenschwersten gehören, welche die Blätter der Geschichte je verzeichnet haben. Sie mag vielleicht die Zukunft der Religion und der Regierungen der meisten europäischen Staaten bestimmen, besser gesagt, sie mag vielleicht darüber entscheiden, ob es weiterhin Religion und Regierungen geben soll, oder ob Europa abermals in einen Zustand der Barbarei versinken wird.»
Das ist eine genaue Schilderung des Zustandes, zu dem halb Europa verurteilt worden ist, und von welchem die andere Hälfte ‑ diese Insel inbegriffen ‑ im Jahre 1948 bedroht wird.
Vielleicht hat Napoleon Europa einen schlechten Dienst geleistet, als er den Marsch der Weltrevolution für ein halbes Jahrhundert ablenkte, in welcher Zeitspanne sie in Vergessenheit geriet. Der Illuminismus tauchte in den Untergrund und verharrte dort bis zu seinem Sturz. Dann tauchte er in Deutschland unter dem Namen «Der deutsche Bund» und als «Haute Vente Romaine» wieder in Italien auf, wo er von 1814 bis 1848 sein Hauptquartier hatte. Jetzt machten sich zum erstenmal starke jüdische Einflüsse in dieser Bewegung geltend. Bisher war sie vorwiegend deutsch gewesen.
Der nächste große Ansturm auf die Macht erfolgte um 1848, als in ganz Europa Revolutionen ausbrachen. In diesem Zeitpunkt war die Bewegung unter jüdische Führung gekommen. Die revolutionären Unruhen von 1848 sind in einer bestimmten Hinsicht sowohl interessanter als die französische Revolution von 1789 oder die russische von 1917, weil sie nämlich die alleraufschlußreichsten Dokumente für diesen Fall geliefert haben. Schon vier Jahre früher, im Jahre 1844, wußte Disraeli genau, was geschehen würde! Er legte seinem jüdischen Helden in «Coningsby» folgende Worte in den Mund: «Die mächtige Revolution, die sich zur Stunde in Deutschland vorbereitet … und von der bis jetzt noch so wenig in England bekannt ist, reift ausschließlich unter der Lenkung von Juden heran, die heute fast ein Monopol auf alle Lehrstühle in Deutschland besitzen … Siehst du also, mein lieber Coningsby, daß die Welt von recht verschiedenen Personen regiert wird, als diejenigen glauben, die nicht hinter die Kulissen sehen.»
Aber die 1848er Revolution war ein Mißerfolg. Vielleicht lebte in den Massen die Erinnerung an die französische Revolution noch zu frisch, als daß sie ihre eben erworbenen Freiheiten gefährden wollten; vielleicht waren auch die Menschen vor einem Jahrhundert intelligenter oder besser erzogen. Damals standen Ordnung, Freiheit, Fortschritt und Nationalität noch überall unerschütterlich fest; die Verschwörung mußte sich nach Rußland zurückziehen, um dort Weishaupts Lehren fortzuführen und die nächsten Versuche, die erfolglosen Revolutionen von 1830 und 1905 und die erfolgreiche von 1917 vorzubereiten.
Die zitierte Textstelle aber beweist, daß Disraeli mit der Art und den Zielen der Verschwörung vertraut gewesen ist, ob er nun für diese Sympathien hegte oder sich ihr widersetzt hat. In den zitierten Worten schwingt der überlegene Unterton des aufgeklärten Kosmopoliten über den ignoranten, insulären Nicht‑Juden mit, der nicht weiß, was vor sich geht. Acht Jahre später, nach dem Versuch der Revolution von 1848, schrieb Disraeli außerordentlich aufschlußreiche Worte. Wenn der schon zitierte Passus ein blitzartiges Aufleuchten der Wahrheit bedeutet, dann dauert der nachfolgende doppelt so lang und ist doppelt so hell. Er beleuchtet die ganze dunkle Landschaft unserer Zeiten und durch seine Lichtstrahlen sind die lauernden Verschwörer, deren Existenz immer geleugnet wird, ganz deutlich zu sehen:
«Der Einfluß der Juden kann im letzthin erfolgten Ausbruch des zerstörerischen Prinzips in Europa aufgezeigt werden. Da findet eine Erhebung statt, die sich gegen die Tradition und die Aristokratie, gegen die Religion und das Privateigentum richtet. Zerstörung der semitischen Grundsätze, Ausrottung der jüdischen Religion in der mosaischen oder in der christlichen Form, die natürliche Gleichheit der Menschen und die Aufhebung des Besitzes: diese Grundsätze werden von den geheimen Gesellschaften proklamiert, die provisorische Regierungen bilden, an deren Spitze überall Männer der jüdischen Rasse stehen. Das Volk Gottes arbeitet mit den Atheisten zusammen; Männer, die im Zusammenraffen von Geld äußerstes Geschick gezeigt haben, verbünden sich mit den Kommunisten; die besondere und auserwählte Rasse reicht ihre Hand allen verworfenen und niederen Schichten in Europa! Und dies alles nur, weil sie wünschen, das undankbare Christentum zu zerstören, das ihnen sogar den Namen schuldet, und dessen Tyrannei sie nicht länger dulden wollen.» (Das Leben von Lord George Bentinek, 1852.)

Dieses Dokument ist für mich das wichtigste in der ganzen Reihe. Ist es unter solchen Umständen nicht absurd, die Echtheit anderer Dokumente, wie zum Beispiel der Protokolle, bestreiten zu wollen, wo sie doch die Tatsache einer Verschwörung enthüllen, welche diese einzigartige Autorität bereits bezeugt hat. Disraeli war ein Jude, ein britischer Premierminister und Erbe eines Kopfes, der schon ganz instinktiv für solche geheime Sachen ein feines Gehör hatte. «Das zerstörerische Prinzip», «Zerstörung von Religion und Privatbesitz», «Geheimgesellschaften mit Männern jüdischer Rasse an deren Spitze», «alles nur, weil sie wünschen, das undankbare Christentum zu zerstören»: das ist das Bild von Weishaupts Religion der Zerstörung und seiner Geheimorganisation, die unter jüdische Führung geraten ist.
Wie kam Disraeli dazu, diese Dinge so offen darzulegen? Ich glaube, die Antwort ist klar und bildet das Maß für den Fortschritt der Verschwörung. Zu seiner Zeit wurden leicht feststellbare Tatsachen veröffentlicht. In unserer dagegen würden die öffentlichen Schriften solche Tatsachen, daß «geheime Gesellschaften provisorische Regierungen bilden» und «Männer jüdischer Rasse überall an ihrer Spitze stehen», peinlichst verschwiegen. Jede Anspielung würde entweder unterdrückt oder als «Antisemitismus» angegriffen. In Disraelis Zeiten blieb nicht anderes übrig, als die Tatsachen einzugestehen und ihren wahren Sinn vielleicht durch eine falsche Deutung zu verstellen. Auch das hat Disraeli getan. Nachdem er den Eindruck erweckt hatte, als würde er die jüdische Beteiligung an diesem zerstörerischen Prozeß bedauern, bot er dafür doch schlußendlich selber eine Entschuldigung, indem er sagte, daß die «Tyrannei» des «undankbaren Christentums» für geduldige Menschen eben doch untragbar gewesen sei. Das war eine gewundene dialektische Redensart. Die Juden haben weit mehr über die Verfolgung der heidnischen Ägypter, Assyrier und Perser zu klagen gehabt.
Disraeli sprach im Jahre 1852 von «geheimen Gesellschaften, welche provisorische Regierungen bilden», und sagte, «man finde überall an ihrer Spitze Menschen der jüdischen Rasse». Die provisorischen Regierungen von 1848 hatten keinen Bestand. Aber die «geheimen Gesellschaften», die ein Jahrhundert später «provisorische Regierungen» bildeten, nachdem sich die Verschwörung von den Rückschlägen des Jahres 1848 erholt hatte, paßten glänzend zu seiner Schilderung. Die ersten bolschewistischen Regierungen von 1917 und später in Moskau wie die kurzlebigen von Bayern und Ungarn im Jahre 1918/19 waren von Juden präsidiert, die aus «geheimen Gesellschaften» aufgetaucht waren. Das gleiche geschah in Polen, Rumänien und Ungarn im Jahre 1945 oder später. Und 1945 gab ein anderer führender Jude, Henry H. Klein, das gleiche Bild einer gewaltigen Geheimorganisation mit weltweiten Zielen in seinem Artikel «The Sanhedrin produced World Destruction» (Der Sanhedrin hat eine weltumfassende Zerstörung verursacht). Auch er sieht die Verschwörung so, daß sie gleichzeitig gegen Juden und Nicht‑Juden gerichtet ist.
Die veröffentlichten Dokumente von Weishaupts Illuminaten, Disraelis Enthüllungen, die Protokolle, die «Thesen und Statuten» der kommunistischen Internationale, zahlreiche Schriften des Nationalsozialismus und der Kanadische Bericht passen in das Bild einer Verschwörung, die jetzt während zwei Jahrhunderten immer mächtiger geworden ist. Wer sie sorgfältig durchliest, kann nicht länger bezweifeln, daß das von Disraeli geschilderte Komplott wirklich besteht.
Nach dem Zusammenbruch der 1848er Revolutionen war der nächste Erbe von Weishaupts Illuminismus und seiner Organisation Karl Marx, dessen «Kommunistisches Manifest» (1847) nur Weishaupts Lehren wiederholte: Aufhebung des Erbrechts, der Ehe und der Familie, des Patriotismus, jeglicher Religion und Gemeinschaftserziehung der Kinder durch den Staat. Das «Kommunistische Manifest» ist als Bibel eines neuen politischen Glaubens, des «Marxismus», geschildert worden. In Wirklichkeit ist es nur ein Consommé der Lehren der früheren Geheimgesellschaften, angefangen mit Weishaupt (genau so wie die Protokolle nur eine spätere Version darstellen).
Im Jahre 1864 gründete ein russischer Edelmann, Michael Bakunin, eine Geheimgesellschaft genau nach den Richtlinien Weishaupts, deren erstes Ziel die Vernichtung der Religion war und deren weitere Ziele den schon geschilderten Zwecken entsprachen. Jetzt lautete der neue Name «Anarchismus» (oder Chaos). Der große Plan war damals schon hundert Jahre alt. Eine Geheimgesellschaft hatte ihn der nächsten Geheimgesellschaft weiter vermittelt. In Bakunins und Netchaieffs «Revolutionärer Katechismus» findet sich die Stelle: «Es darf keine Schranke zwischen dem Revolutionär und dem Werk der Zerstörung geben … Tag und Nacht darf er nur einen Gedanken, nur ein Ziel kennen … unerbittliche Zerstörung … Wenn er in dieser Welt weiterlebt, dann nur aus dem Grunde, um sie desto sicherer zu vernichten … »
So schildert Bakunin seinen Partner Netchaieff: «Im Namen der gemeinsamen Sache muß er sich deiner ganzen Persönlichkeit bemächtigen, ohne daß du es merkst. Damit ihm dies gelingt, wird er dich bespitzeln, um deine Geheimnisse zu erforschen, und zu diesem Zweck wird er in deiner Abwesenheit, falls er allein in deinem Zimmer zurück bleibt, deine Schubladen öffnen, deine gesamte Korrespondenz lesen und, falls er einen Brief findet, der ihm interessant erscheint, das heißt, der für dich oder irgend einen deiner Freunde nach irgendwelchem Gesichtspunkt kompromittierend ist, dann wird er ihn stehlen und ihn als Dokument, das sich gegen dich oder gegen deine Freunde richtet, sorgfältig aufbewahren … Als wir ihn darüber in einer Generalversammlung zur Rede stellten, wagte er uns zu sagen: Natürlich, das ist unser System. Wir betrachten jeden als unsern Feind, der noch nicht völlig auf unserer Seite steht, und wir fühlen uns verpflichtet, ihn zu täuschen und zu kompromittieren… Alle persönlichen Bindungen, jede Freundschaft wird von ihnen als etwas Schlechtes angesehen, das zerstört werden muß, weil all dies eine Kraft bildet, die außerhalb der Geheimorganisation liegt und deshalb deren Kräfte schwächt. Sagt nicht, daß ich übertreibe; ich habe alle diese Theorien gründlich durchdacht und unter Beweis gestellt.»
Das ist eine Photographie von Weishaupt’s wissenschaftlicher Methode, durch Wissen, Verheimlichung, Täuschung, Erpressung, Diebstahl, Meineid und Terror an die Macht zu kommen. Man kann sie auch deutlich im Kanadischen Bericht von 1946 feststellen.
Die bolschewistische Revolution von 1917 befolgte in jedem Punkt Weishaupts Lehren: Abschaffung der Monarchie, des Patriotismus (jeder russische Patriotismus wurde, außer in den Jahren 1941-45, verboten, dafür der sowjetische Patriotismus eingeführt), Abschaffung des Privatbesitzes, des Erbrechtes, der Religion und der Ehe. In Wirklichkeit erweist es sich als unmöglich, Religion und Ehe abzuschaffen. Gegen die Ehe wurde Anschlag auf Anschlag verübt, die Religion aber so weit als möglich in die Katakomben vertrieben. Darüber gibt es keinen Zweifel, daß der Wunsch, die Ehe abzuschaffen, besteht: «Die offizielle und freie Gemeinschaft der Frauen» wird im «Kommunistischen Manifest» von Karl Marx deutlich aufgezeigt.
Die Folge der Ereignisse von der französischen Revolution bis zur Gründung des kommunistischen Machtbereiches über halb Europa und das zwar noch verborgene Anwachsen der kommunistischen Macht in England liegt für mich auf der Hand. Es ist das große Verdienst von Nesta Webster, jene Dokumente veröffentlicht zu haben, aus denen sich die ganze Kette des Erbes und Vermächtnisses der geheimen Gesellschaften und der Beweis, daß die Protokolle nur ein Glied einer sehr zahlreichen Literatur bilden, lückenlos ablesen läßt.
Ihre Vergleiche sind sehr überzeugend. Die gleichen Sätze tauchen immer und immer wieder auf, angefangen bei Weishaupt 1776, sodann im Manifest von Karl Marx, in den Protokollen des Jahres 1897 und in Enthüllungen des Kanadischen Berichtes von 1946.
«Wenn du andere beobachten willst, dann bediene dich der Kunst der Täuschung, der Verheimlichung und der Tarnung», sagt Weishaupt.
«Unsere Losung ist: Macht und Hinterlist! … Daher dürfen wir nicht zurückschrecken vor Bestechung, Betrug, Verrat, sobald diese zur Erreichung unserer Pläne dienen», heißt es in den Protokollen.
«… Die kommunistischen Parteien müssen einen neuen Typus von Zeitschriften für eine ausgiebige Verbreitung unter den Arbeitern schaffen: Zuerst legale Publikationen, durch welche die Kommunisten, ohne sich als solche zu bezeichnen und ohne ihre Beziehungen zu der Partei zu erwähnen, es erlernen, jede kleinste von den Gesetzen zugelassene Möglichkeit zu benutzen, wie es die Bolschewiken nach 1905 in der zaristischen Zeit getan haben … » («Thesen und Statuten», 1920.)
Die von mir oben wiedergegebenen Zeilen zeigen die Methoden, durch welche die Presse verseucht wird und wodurch solche Etiketten wie «liberal» oder «konservativ» vollkommen sinnlos werden. In dieser Sache kenne ich mich besonders gut aus und kann bezeugen, mit welch großem Erfolg diese Methode angewandt worden ist. Auch sie stammt in direkter Linie von den Lehren Weishaupts ab: «. . . Wenn ein Schriftsteller irgend etwas publiziert, was beachtet wird und an sich richtig ist, aber nicht mit unseren Ideen übereinstimmt, müssen wir ihn entweder für uns gewinnen oder aber ihn fertig machen.»
Diese Lehren werden in den Protokollen wiederholt: «Mit der Presse werden wir folgendermaßen umgehen … Wir werden sie mit straffen Zügeln lenken… Dieses Ziel wird von uns teilweise schon jetzt dadurch erreicht, daß die Neuigkeiten aus aller Welt in einigen wenigen Nachrichtenämtern zusammenströmen, dort bearbeitet und erst dann den einzelnen Schriftleitungen, Behörden usw. übermittelt werden. Diese Nachrichtenämter werden allmählich ganz in unsere Hände übergehen und nur das veröffentlichen dürfen, was wir ihnen vorschreiben werden … Sollten trotzdem einige Schriftsteller gegen uns schreiben wollen, so werden sie keinen Verleger für ihre Arbeit finden.»
Ich habe bereits auf das Geheimnis hingewiesen, welches die neugegründete Pressekommission dieses Landes umgibt, und auf die offenkundige Gefahr, daß eine solche verborgene Kontrolle der Nachrichten dadurch gefördert wird. . . .
Nesta Webster zieht Vergleiche zwischen den Dokumenten von Weishaupt’s Illuminaten, der Haute Vente Romaine (1822‑48), Bakunins sozialdemokratischer Allianz (1846‑69), den Protokollen (1905) und den Manifesten des Bolschewismus (1917 und später). Es hat also während nahezu zwei Jahrhunderten geheime Gesellschaften gegeben, die immer mächtiger wurden; das sind recht verschiedene Personen, «als diejenigen glauben, die nicht hinter die Kulissen sehen» (Disraeli). Es sind die «unsichtbaren Drahtzieher» hinter «dem Plan» (Lord Acton). Man soll die Dokumente dieser Religion der Zerstörung ruhig studieren und dann wird man erkennen, wie nahe sie ihrem Ziel, der Zerstörung der Christenheit, der Nationalität und der Freiheit, in diesem zwanzigsten Jahrhundert schon gekommen sind.
Der Kanadische Bericht von 1946 erschien ein Vierteljahrhundert nach der wissenschaftlichen Untersuchung Nesta Webster und deren Veröffentlichung. Er bestätigt ihre Schlußfolgerungen. Wichtig ist vor allem, daß er eine Photographie von Menschen ist, die in den Jahren 1925‑45 genau das tun, was Weishaupt 1771 lehrte, indem sie daran arbeiten, mit seinen Mitteln die Völker zu korrumpieren. Dieser Kanadische Bericht stellt das abschließende Dokument in der ganzen Serie dar; aus dem negativen ist ein positiver Druck geworden. . . .
Wer nicht nur die Protokolle, sondern die ganze Kette der Dokumente, in denen sie nur ein Glied bilden, aufmerksam liest, erhält den Eindruck eines allumfassenden Wissens; allumfassend vor allem in der Beherrschung der Schwächen und Gemeinheiten der menschlichen Natur und im Gebrauch, den schlechte, aber intelligente, nach Macht und Zerstörung lechzende Köpfe davon machen können. Diese Wissenschaft zeigt sich immer wieder von Weishaupt’s Illuminaten bis zum Kanadischen Bericht.
Die Antwort auf Wissenschaft ist Wissenschaft. Wenn dieser Plan soweit gediehen ist, dann nur, weil die Menschen von ihm keine Kenntnis haben. Früher war die Gleichgültigkeit erklärlich; das ganze mußte den Menschen von 1786 zu phantastisch vorkommen; nach 1793 sorgte Napoleon dafür, daß es in Vergessenheit geriet. Heute aber ist Gleichgültigkeit sündhaft und das Bestreben, eine Diskussion der bestehenden Literatur oder die Enthüllung neuer Dokumente zu verhindern, läßt mich auf die bestehende Stärke der geheimen Gesellschaften schließen.
Immerhin ist das Mißtrauen des Publikums wacher geworden. Im Oktober 1947 fand eine friedliche Versammlung in Brighton anläßlich der jährlichen Zusammenkunft der konservativen Parteikonferenz statt. Die «Agenda» war von den Veranstaltern ausgearbeitet worden, und zwar in der üblichen Weise, daß ja keine Diskussion über die Bedrohung der britischen Freiheiten und der Nachkriegssituation im Auslande entstehen konnte. Derek Walter Smith, ein Parlamentarier, schrieb im «Daily Telegraph»: «Ein intelligenter Ausländer hätte nach einem Blick auf die Traktandenliste sofort ausgerufen: Wieso finden sich die Resolutionen über die Außenpolitik und den Kommunismus nirgends auf der Liste? Hat denn eure Partei keine eigene Meinung vom großen Kampf zwischen Freiheit und Sklaverei, der alle Köpfe erfüllt und alle Herzen verdüstert und unsern Geist stählt?‘ Und wirklich erfüllten diese Gedanken alle im Saal Anwesenden, aber die Leiter der Sitzung wollten eine Diskussion über diese Themen vermeiden.»
Trotzdem ereignete sich etwas Sonderbares. Ein unbekannter Delegierter im Parkett, ein gewisser Herr Andrew Fountain aus Norfolk, forderte die konservative Partei auf, «den umstürzlerischen Bewegungen nachzuspüren». Er sagte, «es sei üblich geworden, die Treue gegenüber dem König, die Ehre, den Patriotismus und die gewöhnliche Anständigkeit überall in den Schmutz zu treten». (Ich weiß nicht, ob er sich davon Rechenschaft gab, aber er zitierte Weishaupt’s Lehre.) «Auf den Bühnen, in den Schulen, in den Fabriken und sogar auf den Kanzeln werden die Lehren des Pazifismus, des Internationalismus und Sozialismus mit immer dreisterer Unverschämtheit verkündet, und man spricht vom großen britischen Reichsverband, als ob wir uns ein wenig darüber schämen sollten.»
Die Regisseure auf der Bühne zeigten bei diesen Worten das gleiche Unbehagen, die gleiche Verlegenheit und machten dieselben Vorwürfe wie vor zehn Jahren, wenn irgendein Dahergelaufener seine Zweifel am Friedenswillen Hitlers bekundete oder auf die Sinnlosigkeit hinwies, ihn mit neuen Territorien abzuspeisen, oder betonte, es sei unklug, die Verteidigung dieser Insel zu vernachlässigen. Ein «intelligenter Ausländer» müßte ein solches Argument an einer konservativen Konferenz als selbstverständlich, wenn nicht sogar als Plattheit angesehen haben, aber die Veranstalter nahmen es als eine erschreckende, unwillkommene und gefährliche Einmischung auf (und schon erscholl ringsum der alles verdeckende Ruf: Anti‑Semitismus!). Aber die Mehrheit der Delegierten protestierte laut und beharrte auf einer Diskussion dieser Angelegenheit, die tatsächlich von allen die wichtigste war. Die Veranstalter mußten nachgeben; und eine große Mehrheit beauftragte sie, «die Beweise für eine aufrührerische und undemokratische Tätigkeit in diesem Lande öffentlich bekannt zu geben».
Solche Forderungen geraten zwischen den Jahreskonferenzen leicht in Vergessenheit und ich kann mir vorstellen, daß man alles unternehmen wird, um eine Aufklärung der Öffentlichkeit zu vermeiden. Aber es mag sein, daß sie auch diesmal unterliegen. Man kann die Wünsche des Volkes nicht über ein gewisses Maß ignorieren oder aufschieben, und in den Massen der konservativen Wähler erwacht langsam das Gefühl einer unmittelbaren Gefahr. Es ist daher möglich, daß die Kenntnis der Öffentlichkeit vom großen Plan oder von der großen Verschwörung weitere Kreise zieht, und das ist meiner Ansicht nach die einzige Möglichkeit, wie dessen Enderfolg vereitelt werden kann. Denn er ist schon sehr weit gediehen.
Wenn das zutreffen sollte, dann hat ein wenig bekannter Herr Fountain von Norfolk im letzten Augenblick jenen Adam Weishaupt und seine heutigen Nachfolger entlarvt, der am 1. Mai 1776 in München den großen Plan ins Werk gesetzt hat.

II. Die Gestalt der fünfziger Jahre

Für mich ist folgende Sache erwiesen:

1. Die schwarze Religion samt ihrer Organisation besteht wirklich. Ihre Literatur ist zugänglich und alles, was sie während zwei Jahrhunderten gelehrt hat, kann mit dem Ablauf der Ereignisse verglichen werden. Ihre Urheber sind in allen Staaten sehr mächtig geworden und während den beiden Weltkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts sind einzig und allein ihre Ziele gefördert worden. Hitler und Göbbels predigten und verwirklichten die Zerstörung, Deportation, Entvölkerung und Tod genau wie Weishaupt, Bakunin, Marx, Lenin und Trotzky. Die verschiedenen Namen, die sie trugen, waren nur die von Weishaupt empfohlenen Pseudonyme, um am besten zum Ziele zu kommen. (Es war übrigens Weishaupt, der als erster den Satz erfunden oder verwendet hat: «Der Zweck heiligt die Mittel.»)

2. Die Geheimgesellschaft besteht in ungezählten Abarten und Gestalten in allen Ländern. Durch den Erfolg und durch das Näherrücken an die Macht ist sie halb sichtbar geworden. Jetzt tauchen über dem Nebel ihre verschieden gestalteten Gipfel auf. Aber der Nebel verhüllt noch immer die breiten, geheimen Grundlagen und er kann nur dadurch zerstreut werden, daß die breiteste Öffentlichkeit in diese geheimen Vorgänge eingeweiht wird. Diese Möglichkeit ist leider mit dem Anwachsen der Verschwörung wesentlich kleiner geworden und der phänomenale Erfolg der Geheimhaltung war wohl der größte Erfolg der Verschwörer. Hier hat sich Weishaupts üble «Wissenschaft» in der Praxis als äußerst stark erwiesen. Die Korruption der sogenannten freien Presse durch diese heimtückischen Methoden hat sich in den äußerlich noch freien Staaten als nicht weniger wirksam gezeigt als die völlige Unterdrückung in jenen Ländern, die sichtlich versklavt worden sind. Die Ausmerzung von unabhängigen Zeitungen und Schriftstellern durch Ankauf, «Schmiergelder», Verhöhnung oder durch die Irreführung der Öffentlichkeit ist schon sehr weit fortgeschritten. Die Generallinie der Lehren Weishaupts, die Verächtlichmachung der Monarchie, der Religion, jeder legitimen Regierung, jedes Landes, der Nationalität, der Ehre, des Patriotismus und allgemeiner Anständigkeit findet sich implicite oder explicite in einer Unzahl heutiger Schriften, Schauspiele, Rundfunksendungen und Filme.

3. Jetzt, in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, zeigt sich eine Situation, die für die Vollendung der Revolution der Zerstörung mit ihren Früchten ‑ Entvölkerung, Deportation und Tod -, einen außerordentlich günstigen Nährhoden bildet. Sowohl in Europa wie in Arabien sind zwei Vulkane künstlich geschaffen worden, die jederzeit zum Ausbruch gebracht werden können. Die Ereignisse, die zu dieser Situation geführt haben, bewiesen zur Genüge, daß es geheime Männer gibt, die eine Macht über die Politiker ausüben. Jetzt erstreckt sich diese Macht über die Völker oder mindestens über jene, die behaupten, in deren Namen zu sprechen. Der mit einem großen Stimmenmehr gefällte Beschluß der «Vereinigten Nationen», die bewaffnete Invasion in Arabien wieder aufzunehmen, steht in der Geschichte einzigartig da. Meiner Meinung nach besteht kein Zweifel, daß bei Beginn des einen Ausbruchs oder beider Ausbrüche hinter dem Rauch und den Flammen wiederum andere von der offiziellen Ankündigung völlig verschiedene Ziele verfolgt werden.
Welches also ist dann die Gestalt der fünfziger Jahre? Ich glaube, daß sich in ihnen eine von beiden Möglichkeiten entscheiden wird: entweder die Bloßstellung und Vereitelung des Plans, was mit der Wiederherstellung von freien Nationalitäten, Religion und Freiheit gleichbedeutend wäre, oder dessen Endsieg, was bedeuten würde (wie Quintin Crawfurd 1798 schrieb, als der Plan in Frankreich seine ersten Erfolge davontrug), daß ganz Europa wieder «in einen Zustand der Barbarei» versinkt.
Die sichtbaren Agenten dieser Verschwörung sind im Osten die Weltkommunisten und im Westen die «Welt‑Staatsmänner» (mit ihren beiden Gehilfen: der Atombombe und dem vergrabenen Gold). Werden sie eines Tages im Interesse des Planes scheinbar gegeneinander losschlagen, wie es der «Nationalsozialismus» und der «Kommunismus» getan haben? Durch die gesamte Propaganda für einen «Welt‑Staat», eine «Welt‑Regierung», die jetzt ständig auf uns einhämmert, zieht sich wie ein roter Faden die Lehre von Weishaupt. Hinter dieser lächelnden Maske birgt sich die gefährlichste aller Diktaturen.
War es wohl dieses falsche Ziel, welches durch den zweiten Weltkrieg erreicht werden sollte? Falls jemals eine Empfehlung zur Aufrechterhaltung der nationalen Unabhängigkeit, der Religion und Freiheit aus diesem Quartier erfolgen sollte, wenn uns die Welt‑Staatsmänner aufrufen, die «kommunistische Agression» zu bekämpfen, dann stehen wir vor einer Wiederholung des Täuschungsmanövers des Zweiten Weltkrieges. Wir dürfen den Welt-Staatsmännern kein Vertrauen schenken. Wenn überhaupt, dann finden sich Weishaupt’s Schüler am ehesten in ihren Reihen. Denken wir an die Brotrationierung, an den Versuch, Königin ADA als den Grund aller Übel dieser Erde darzustellen; denken wir vor allem an die Kriegserklärung gegen die Araber! Das läßt sich alles doch unmöglich mit den Liebeserklärungen für Humanität, für Freiheit, für «Demokratie» in Einklang bringen!
Nehmen wir zuerst einmal diese Frage. Weshalb überhaupt dieser ganze Wirrwarr wegen Palästina? Die Juden dieser Welt werden ohnehin nicht dorthin abwandern. Welches also ist der besondere Anreiz dieses kleinen Landfleckens auf der Erdoberfläche? Gibt es dort etwas, was die Geld‑Macht interessieren könnte? Ja: verschiedene Dinge.
Geographisch gesehen bildet Palästina, allgemein ausgedrückt, die Mitte der Welt. Sein natürlicher, aber noch unentwickelter Reichtum ist unschätzbar. Der Wert der chemischen Ablagerungen des Toten Meeres kann nach einem offiziellen britischen Bericht höher eingeschätzt werden als das gesamte Gold, das in Fort Knox gehortet wird. (Mineral‑Produktion aus dem Wasser des Toten Meeres, veröffentlicht von den Kron‑Agenten der Kolonien im Jahre 1925.)
Das ausschließliche Recht, diese Mineralien zu gewinnen und die Aufhebung bestehender Konzessionen zu fordern, wurde ohne Wissen des Parlaments 1921 durch die britische Regierung an zionistische Finanzleute übertragen. Die britische Regierung hatte dazu kein Recht und im Jahre 1925 erklärte der Internationale Gerichtshof im Haag (darunter ein britisches Mitglied, das früher Lordkanzler gewesen ist) diese Aktion in sehr scharfen Worten als ungesetzlich.
Dessen ungeachtet handelte die zionistische Gruppe als Besitzerin, leitete ihre Arbeiten ein und wurde 1930 in dieser Funktion nochmals anerkannt. Der offizielle Bericht der palästinensischen zionistischen Organisation im Jahre 1929 sagte:
«Wir Zionisten werden uns immer daran erinnern, daß Großbritannien jenen Männern den Vorzug gibt, denen unsere jüdischen Interessen am Herzen liegen … Es können Jahre vergehen, bis die Arbeiten am Toten Meer in vollem Schwunge sind. Hätten wir diese Konzession verloren, dann wäre vielleicht unsere ganze Zukunft in Palästina gefährdet gewesen.»
Dieser Umstand läßt darauf schließen, daß Palästina Anreize bietet, die in seiner Erwähnung als «Heimstätte» für ein «heimatloses Volk» nicht genannt sind, und daß die Gründe, weshalb «die moralische und, wenn nötig auch die physische Autorität der zivilisierten Welt» (Times) eingesetzt werden soll, nicht nur humanitärer Art sind. Er wirft ebenfalls ein neues Licht auf den «zweiten Exodus», die unerfindliche «Geheim‑Organisation», die dahinter steckt, auf die Finanzquellen und die Rolle der unglücklichen Menschenfracht der «Höllenschiffe». Diese Leute wußten von den Reichtümern des Toten Meeres ebensowenig wie die britischen Truppen, die Palästina im ersten Kriege eroberten oder die zwischen den beiden Weltkriegen gegen die Araber eingesetzt wurden.
Die volle Ausbeutung kann offensichtlich nicht beginnen, bis Palästina unter dem Vorwand einer Zufluchtsstätte für die Opfer Hitlers den politischen Zionisten übergeben worden ist. Der Reichtum dieser Gegenden beschränkt sich nicht auf die Sedimente des Toten Meeres. Außerhalb der Grenzen Palästinas, aber sehr nahe, liegen unendliche Ölquellen. Wenn der Krieg einmal eingeleitet ist, dehnt er sich immer weiter aus.
Deshalb scheint mir die endgültige Gestalt für die kommenden fünfziger Jahre folgende zu sein: Hinter den ursprünglich den Völkern vorgegaukelten Zielen und Absichten wird der Versuch unternommen werden, irgend einen neuen Staat in Arabien zu gründen, der zusammen mit New York als dem Sitz der Welt‑Finanzkontrolle zum geographischen Zentrum der Welt‑Kontrolle überhaupt werden soll. Diese Knechtschaft bedroht alle Völker. Zwischen Fort Knox und dem Toten Meer besteht eine deutliche Verbindung. Wenn britische oder amerikanische Soldaten in Arabien eingesetzt werden, dann werden sie feststellen müssen, daß sie diesen Zwecken dienen. Die Welt‑Staatsmänner werden diesen Endstreich sicher versuchen.
Falls etwas in dem übersteigerten dritten Akt noch unklar ist, dann die Rolle, welche die beiden Hauptgestalten der ersten beiden Akte spielen müssen. Deutschland ist in vier Teile zerstückelt, aber die Deutschen sind noch immer dort, und zwar sehr zahlreich. Sie werden von der Absicht besessen sein, ihr eigenes Land wieder zurückzugewinnen; einigen wird man nach dieser Richtung, andern nach einer andern Richtung Hoffnung machen. Auch in dieser Angelegenheit scheinen die vorbereitenden Maßnahmen einer Meisterhand bereits sichtbar zu werden.
Die einzige bis jetzt organisierte deutsche Wehrmacht ist diejenige der großen Armee, welche durch Hitlers sonderbares Verhalten in Stalingrad zur Kapitulation gezwungen worden ist. Die Sowjetmacht ließ den Befehlshabern und den Angehörigen dieser Armee eine anständige Behandlung zuteil werden, trotzdem sie nach dem Blut ihrer Komplizen in Nürnberg lechzte. Ja, sie verhätschelte diese sogar und reorganisierte sie; Feldmarschall von Paulus wurde zu einem deutschen Joyce, der regelmäßig durch den Moskauer Rundfunk sprach. Er und seine Generale harrten in einem großen Lager außerhalb der Hauptstadt auf einen neuen Tag. Ich weiß nicht, ob sie mit britischen und amerikanischen Waffen und Maschinen ausgerüstet worden sind, aber ich halte das für möglich.
Wenn dies Buch erscheint, kann diese Armee (oder die von ihr abgeleitete Organisation der «Ost‑Polizei») zu einem wichtigen Faktor in der Gestaltung der kommenden Ereignisse geworden sein. Meiner Meinung nach ist es wahrscheinlich, daß sie früher oder später einmal nach Deutschland gesandt wird, um dort unter Sowjetkontrolle zur wahren Beherrscherin eines sowjetisierten West‑Deutschland zu werden. Die unter ihrer Fuchtel stehende Regierung wird die Sirenengesänge des deutschen Patriotismus anstimmen und den Ost‑Deutschen die glückliche Aussicht auf ein Vereinigtes Deutschland (das «Vierte Reich») vorspiegeln, falls sie sich zum Kommunismus bekennen. Als John Strachey den Kommunismus vor dem Zweiten Weltkrieg befürwortete, sah er die Möglichkeit voraus, daß «sich das Schwergewicht des Kommunismus vielleicht von Moskau westwärts nach Berlin verlagern wird». Heute sind wir dieser Möglichkeit schon näher und wären damit wieder bei der Situation zwischen 1914 und 1939 angelangt.
Falls die Engländer und Amerikaner eine solche Entwicklung verunmöglichen wollen, ist mir ihr Verhalten in ihren respektiven Besetzungszonen unverständlich. Bis jetzt waren alle ihre Handlungen darauf gerichtet, den Deutschen den Glauben an die Aufrichtigkeit des «Westens» zu nehmen, ihre Hoffnung auf die Zukunft zu zerstören und sie aus Verbitterung zu Schülern der Religion der Zerstörung zu machen. . . .

EPILOG

Zehnmal April

Nun gut. Die zehn nacheinanderfolgenden Aprils haben mich aus dem Keller des Lumpenhändlers in Wien auf ein Krankenbett in Natal gebracht. Ich stand gesund auf meinen Füßen, als ich zusah, wie Hitler in Österreich einbrach, und mich fragte, ob wohl «Jahrmarkt des Wahnsinns» jemals erscheinen werde. Jetzt, nachdem wir vom Rauch zum Qualm zurückgekehrt sind und ich mich mit meinem Rückgrat beschäftigen muß, frage ich mich genau wie vor zehn Jahren, ob es dem Drucker gelingen wird, dieses Buch herauszubringen, ehe es durch den Ablauf der Ereignisse bereits überholt ist. Für mich bleibt natürlich auch mit dem Wechsel der äußern Ereignisse das Grundthema das gleiche. Werde ich wohl im Jahre 1958 noch immer den unbelehrbar Blinden in die Augen springende Selbstverständlichkeiten aufzählen müssen?
Unsere Rückenwirbel gelten uns zu sehr als Selbstverständlichkeiten. Unaufgefordert erfüllen sie uns jeden Wunsch. Sie verbeugen sich vor den Damen, krümmen sich, um deren Taschentücher aufzuheben, beugen sich über den Rudern, erstarren in ungemütlichen Winkeln und werden dafür in romantischen um so biegsamer und leisten uns jeden Tag neue Dienste. Wenn aber diese treuen Stützen einmal zusammenbrechen, nachdem sie in unserm Dienst alt geworden sind, dann bemerken wir erst, wie gänzlich wir von ihnen abhängen, wie hilflos wir ohne sie sind. Es ist ein demütigender Augenblick für einen Mann, wenn er feststellen muß, daß sein ergebener Diener, die Wirbelsäule, ihm im kurzen Zeitraum einer Sekunde gekündet hat. Das ist der Augenblick für ihn, zur Besinnung zu kommen; denn hier erhält er die beste Lektion seiner eigenen Bedeutungslosigkeit, seiner Gebrechlichkeit und seiner sterblichen Schwachheit.
Während ich in diesem Zustand die Fahnenabzüge meiner Gedanken lese, die ich letztes Jahr zu Papier gebracht habe, scheint mir der Zeitpunkt gekommen, falls nötig, meine übereilten oder leidenschaftlichen Urteile zu revidieren. Falls sie einem brüchigen Gehirn entsprungen waren, sollte mir jetzt mein brüchiger Rücken auf die Spur helfen. Als gewissenhafter Journalist freue ich mich festzustellen, daß ich keine Änderungen machen will; daß mir die Umrisse des «Jahrmarkt des Wahnsinns» in der horizontalen Lage genau gleich wie in der vertikalen vorkommen und daß die Ereignisse, die ich voraussagte, als ich 1947 in Chelsea dieses Buch vorbereitet habe, jetzt, während ich die Fahnenabzüge an einem unerwarteten Ruheplatz in Südafrika im Jahre 1948 korrigiere, langsam eintreten.
Falls es beim Schreiben des Buches vielleicht noch unklar war, so ist es jetzt unwiderlegbar klar geworden, daß die Angelegenheit unseres Planeten in den Händen von Disraelis «Leuten hinter den Kulissen» liegen, die für ihre Zwecke einen Aufstand nach dem andern auslösen und jetzt die Bühne für die größte Erschütterung rüsten, die ihren wichtigsten Zielen dienen soll. Diese Tatsache wurde (wie ich es in meinem Buche vorausgesehen habe) im Benehmen des anonymen Komitees einiger auserwählter Beamter sichtbar, das seinen Sitz in einer New Yorker‑Vorstadt hat und von allen, wovor uns Gott behüten möge, als «Vereinigte Nationen» bezeichnet wird.
Diese Körperschaft wurde gegründet, um die Wunden zu heilen, den Schaden wieder gutzumachen und das Unrecht des Krieges des 20. Jahrhunderts zu tilgen. Es hat nicht einmal versucht, etwas derartiges zu tun. Nach drei Jahren liegt Deutschland, das größte Land Europas, noch immer in Trümmern; bis heute sind keine Anzeichen dafür vorhanden, daß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Der neue Angreifer, die asiatische Sowjetunion, streckt sich über halb Europa wie eine Riesenkröte. Würden sich die «Vereinigten Nationen» wirklich einsetzen, dann würden diese Dinge wahrscheinlich nicht bestehen.
Aber ganz im Gegenteil, es will scheinen, als wäre der Apparat dieses entlegenen Beamten‑Komitees vollkommen in der Gewalt solcher Mächte, deren Ziele nichts mit der Gesundung Europas oder der Welt zu tun haben. Bis jetzt haben sich die «Vereinigten Nationen» lediglich damit befaßt, einen neuen Krieg zu erklären, nicht Wunden zu heilen. Die gesamten Energien dieser fernen Komitee‑Männer, angefangen mit dem Delegierten des großen Liberia und des ruhmvollen Haiti bis zu denen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, wurden dafür eingesetzt, im Interesse der zionistischen Juden einen Angriff auf die Araber in Palästina vorzubereiten.
Ich habe in diesem Buch schon gezeigt, wie dieser Apparat überwacht wird. In Amerika findet alle zwei Jahre entweder eine parlamentarische oder eine Präsidenten‑Wahl statt. Die Stadt New York bildet den Schlüssel zum Erfolg in der Wahl und in New York sind die Juden der ausschlaggebende Faktor. Amerikanische Präsidenten und amerikanische Parteiführer stehen auf diese Art unter unablässigem Druck. Amerika hat die stärkste Stimme in den «Vereinigten Nationen», die sich passenderweise in Amerika befinden.
Durch solche Methoden haben die beiden Weltkriege nicht etwa Frieden und Freiheit in Europa gebracht, sondern die «Teilung von Palästina» und eine unmittelbare neue Kriegsdrohung in Arabien.
Wir nähern uns ganz deutlich dem größten Umsturz aller Zeiten, und dieser wird in New York fabriziert. Wer sich mit biblischen Prophezeiungen abgibt (ich persönlich beschränke mich auf politische Voraussagen), kann sich damit unterhalten, diejenigen über die Schlacht in den Ebenen von Armageddon in Palästina zu lesen, welche als entscheidender Endkampf bezeichnet wird. In einer der dort eingesetzten gewaltigen Armeen (die glauben, für ihre eigenen Ziele zu kämpfen, in Wirklichkeit aber durch die Macht des Teufels geleitet werden) sehen sie vielleicht die amerikanischen Soldaten, über deren Häuptern heute die Drohung einer solchen Expedition schwebt.
Ein entscheidender Augenblick steht deutlich bevor. Durch die Willfährigkeit der nicht‑jüdischen Politiker unserer Generation überschatten heute die palästinensischen Angelegenheiten die ganze Zukunft. In den Jahren, die dem Zweiten Weltkrieg folgten, gab es nur etwas Gutes: der plötzliche Rückzug der britischen Regierung von jeder weiteren Komplizenschaft an der abscheulichen Tat, die in Palästina ins Werk gesetzt wird. Sollte sich auch die amerikanische Regierung im letzten Augenblick vor diesem Abgrund zurückziehen, dann könnte man noch heute mit einer sichern Zukunft rechnen.
Diese zehn Jahre, in denen eine teuflische Macht auf dieser Erde beträchtlich an Einfluß gewonnen hat, waren für mich persönlich die glücklichsten meines Lebens; vielleicht eine unberechenbare Ironie eines Einzelschicksals. Während die Hoffnung schwand, daß der Zweite Weltkrieg die verpestete Luft dieses Jahrhunderts von Blut und Lügen wegfegen würde, wuchs mein persönliches Wohlbefinden. Ich persönlich hege also gegen diese Jahre durchaus keine schlechten Gefühle, da sie viel wohlwollender mit mir umgingen, als ich erwartet hatte. Darum gehören die Dinge, die ich als Fortsetzung von «Jahrmarkt des Wahnsinns» geschrieben habe, nicht in den Bereich eines Menschen, der durch Schicksalsschläge mißtrauisch und nörglerisch geworden ist. Sie sind wirklich nur die aus reicher Erfahrung geschriebenen Kommentare eines gewissenhaften Reporters zu diesen außergewöhnlichen Jahren.
Ich möchte noch ein Wort beifügen. Ich gehöre nicht zu den Alleswissern. Ich habe mich bemüht, bei der Darlegung der bewußt üblen Absichten, die ich hinter dem Chaos unserer Zeiten sehe, manche Tatsachen zu erwähnen, die schon ringsum bekannt sind. Ich habe mich auf sie gestützt und meine eigene Meinung dargeboten. Ich behaupte aber nicht, daß ich alles weiß oder daß ich unbedingt recht habe. Es gibt in diesen Fragen keine absolute Wahrheit; siehe, die tausend Farben, in denen der farblose Diamant aufleuchtet. Ich habe, so gut ich dies konnte, in das Geheimnis unserer Zeiten hineingeleuchtet und wenn ich meine Lösung biete, dann berufe ich mich auf folgende Worte, die von einem amerikanischen Schriftsteller, Henry Beston, stammen:
«Zu den vielen Dingen, für die ich unendlich dankbar bin, gehört die Tatsache, daß so vieles im Leben jedes menschliche Begreifen übersteigt. Die Phantasielosen und Gelangweilten können ruhig behaupten, daß sie eine Erklärung für alles besitzen, und ihre hölzernen, mit Formeln geladenen Gewehre auf jedes Wunder und jedes Geheimnis richten. Es ist ihnen, Gott sei Dank, bis jetzt nicht gelungen, mit ihren Holzgewehren auch nur den kleinsten Stern am Firmament zu verrücken. Gut, daß dem so ist, denn der menschliche Geist läuft Gefahr, vor lauter Erklärungen, die keine sind, zu sterben. Eine Welt ohne Wunder und eine Denkweise ohne Wunder wird zu einer phantasielosen Welt, und ohne Phantasie ist der Mensch eine arme und verkrüppelte Kreatur. Die Quellen der Religion, der Dichtung und der menschlichen Künste liegen alle in dieser Aufwallung von Wunder und Staunen. Laßt uns Gott danken, daß dies alles für immer aus unserer Reichweite entrückt, vor unserer Erde behütet, von unseren Griffen unberührt bleiben wird.»
In der Meinung, daß ein öffentliches Wissen die beste Verteidigung gegen ein geheim vermitteltes Wissen darstellt, habe ich in diesem Buch einfach einige Nachrichten und einige persönliche Ansichten zum Besten gegeben.
Douglas Reed, Südafrika, 1948

www.horst-koch.de
info@horst-koch.de

Ergänzende Literatur zu diesen Fragen auf meiner Webseite:

1. Charakterwäsche – Die Re-education der Deutschen nach 1945 – von Caspar von Schrenck-Notzing
2. Amerikas Verantwortung für das Verbrechen am deutschen Volk – Rev. Ludwig A. Fritsch
3. Schreckliche Ernte – Der Nachkriegs-Krieg der Alliierten gegen das deutsche Volk – Ralph Franklin Keeling
4. Stalins Vernichtungskrieg 1941-45 – Joachim Hoffmann

 




Kulturrevolution (China)

Leslie T. Lyall

DER ROTE HIMMEL

– China und die Christen nach der Kulturrevolution –

– Gekürzt und die Hervorhebungen von Horst Koch, Herborn – (Obwohl inzwischen ein halbes Jahrhundert vergangen ist, lehrt uns der „Marsch durch die Instanzen“ dennoch, wie auch heute noch „Revolution geschieht“, vor unseren Augen, 2018)

DAS NEUE CHINA
Das Scheitern des »großen Sprungs«
‑ Die Kulturrevolution
– Die »Roten Garden«
‑Der Mensch nach Maos Vorstellung
‑ Liberalisierung
– Die Verehrung Maos
‑ Die verstörte Kirche
– Die Geschichte der Gesellschaft
‑ Die Situation im veränderten China

Hat die Gemeinde in China überlebt?

Der Rote Himmel
Bringt der Kommunismus den »Himmel auf Erden«, die neue Welt? Die »Mao‑Bibel«, der Katechismus der 800 Millionen, kennt nur ein Thema: Weltrevolution. Und das Feuer dieser Revolution brennt in allen Erdteilen. Es ergreift die Jugend Europas und begeistert sie: »Wir bauen die neue Welt!«
Der religiöse Charakter der roten Revolution ist unverkennbar. Sie kann direkt als Fälschung des Christentums bezeichnet werden. Das Evangelium von Jesus Christus ist die revolutionärste Botschaft, die Menschen und Verhältnisse ändert. Hier liegt das große Versagen der Christen. Sie sind kaum diejenigen, die eine Welt auf den Kopf stellen. Aber von den Kommunisten kann man das behaupten.
Es ist notwendig, daß sich das zerfallende, etablierte Christentum, das dem des Neuen Testaments kaum entspricht, mit der Herausforderung des Kommunismus auseinandersetzt. Die chinesische Revolution ist eine kritische Frage an unser eigenes Christsein: Wo ist bei uns noch etwas zu spüren von der Dynamik des Glaubens? Wo sind die Bauleute einer neuen Welt? – Nur da, wo Jesus Christus das Fundament, der Grundstein ist.
Der totalitären Macht des Kommunismus ist keine Ideologie entgegenzusetzen. Die Lösung heißt auch nicht Antikommunismus. Es gibt nur eins, was dieser Macht gewachsen ist: die totale Nachfolge Jesu.
Die Christen sind heute gefordert wie noch nie. Dabei geht es nicht in erster Linie um eine Revolution der Verhältnisse, sondern um eine Revolution der Herzen. Es geht um den neuen Menschen, den Christus schafft. Und von diesen neuen Menschen soll etwas ausgehen in eine in Unordnung geratene Welt (Matth. 5,13‑16).

1. KAPITEL

DAS NEUE CHINA

1965 war ein Schicksalsjahr für Mao Tse‑tung.
Sieben Jahre waren vergangen, seit der »große Sprung vorwärts« mit viel Propaganda auf dem Parteikongreß im Mai 1958 angekündigt wurde. Dem waren sofort die ersten Versuchskommunen gefolgt. Sie sollten das Sprungbrett für den großen Sprung des wirtschaftlichen Fortschritts werden. Für diesen Versuch nahm das Volk alle Kräfte zusammen.
Aber der eingeschlagene Weg war nicht leicht. Der Aufstand von 1959 in Tibet, der mit dem Tod von fünfundsechzigtausend Tibetanern rücksichtslos unterdrückt wurde, wirft finstere Schatten darauf. Ein Jahr später wandten die Sowjetunion und die osteuropäisdien Länder China den Rücken und machten seine Versuche mit den Kommunen lächerlich. Rußland zog alle Berater und Experten zurück und ließ China sein eigenes »Sampan« (chinesisches Wohnboot) rudern. Das Auftauchen Chruschtschows als Führer Rußlands markierte den Wendepunkt der chinesisch‑sowjetischen Beziehungen, die sich seitdem immer mehr verschlechterten.


Das Scheitern des „großen Sprungs«
1960 sahen sich die chinesischen Führer der unleugbaren Wirklichkeit gegenübergestellt, daß sie versagt hatten. Ihre Landwirtschaftspolitik war völlig gescheltert. Schreckliche Berichte über Hungersnöte in einigen Gebieten und der bedrohliche Mangel an Lebensmitteln zerschlugen ihren früheren Optimismus. Rot orientierte Beamte, die von doppelten Getreideerträgen berichtet hatten, gaben den Betrug zu.
Im Januar 1961 erzählte Ministerpräsident Tschu En‑Lai dem amerikanischen Journalisten Edgar Snow, der lange ein Freund des Vorsitzenden Mao war, daß die Getreideproduktion, weit entfernt von den gesteckten Zielen, unter die vorausgehender Jahre abgesunken sei.
Es war ein sehr, sehr harter Winter für China. Überschwemmungen, Dürre und Insektenplagen hoben den Mißerfolg noch mehr hervor. Die eigentliche Schuld an der schrecklichen Situation trug jedoch das totale Versagen der Regierung und ihrer Wirtschaftspolitik. Freunde und Verwandte der hungernden Bevölkerung auf dem Festland halfen in großem Ausmaß. Annähernd zwölf Millionen Lebensmittelpakete wurden 1961 und fast ebenso viele im folgenden Jahr von Hongkong aus verschickt.
Die Flut der Flüchtlinge nach Hongkong schwoll an. In Schanghai äußerte sich die Unzufriedenheit der Bevölkerung in Form von Plakaten, die die Regierung öffentlich für die wiederholten Mißernten verantwortlich machten. Um den Mangel an Lebensmitteln zu beheben, sah sich die Regierung schließlich gezwungen, große Mengen kanadischen und australischen Weizens mit ausländischer Währung, die kaum entbehrt werden konnte, zu kaufen.

Revisionismus
Die Katastrophe war vor allem ein Schlag für das persönliche Ansehen des Vorsitzenden Mao. »Er war ein Gott, der versagt hatte.« Die Mao‑Mystik war zerbrochen. Denn der «große Sprung vorwärts« war sein ureigenster Gedanke gewesen. Nun zwang ihn die öffentliche Meinung, Abwandlungen in dem streng geordneten Kommunensystem gutzuheißen und persönliche Besitztümer und Unternehmen bis zu einem gewissen Grad wiederherzustellen. Der „Ökonomismus« war gegen Mao, sobald er nach «Revisionismus« roch.
Verteidigungsminister Marschall Peng Teh‑huai der sich 1959 auf der Luschan‑Konferenz der Kommunistischen Partei gegen Mao, die Kommunen und ganz besonders gegen den »großen Sprung vorwärts« gewandt hatte und deswegen entlassen worden war, konnte jetzt sagen: »Ich habe es euch vorhergesagt!« Es wird angenommen, daß Peng damals die stillschweigende Unterstützung Liu Schao‑tschis hatte, der trotzdem Ende 1958 Nachfolger Maos als Vorsitzender der Republik, wenn auch nicht der Partei, wurde. Trotz Lius hoher Stellung blieb es aber Marschall Lin Piao, der dem Parteivorsitzenden geistig am nächsten stand.
Mao hatte den Ruf des Unfehlbaren verscherzt, und Teile der Öffentlichkeit, die ihm feindlich gesinnt waren, fuhren fort, an «revisionstischen« Ansichten festzuhalten. Der verärgerte Vorsitzende legte ganz besonders nach 1962 zunehmende Ungeduld mit diesen Intellektuellen an den Tag. Um die junge Generation vor deren Einfluß zu schützen, gründete er die Sozialistische Erziehungsbewegung und verstärkte den Druck eine Anzahl gutbekannter Schriftsteller und Geschichtschreiber in der Partei. Darunter befand sich auch Wu Han, Dramatiker und stellvertretender Bürgermeister von Peking, der die gegenwärtige Situation auf eine Art auslegte, die den Vorsitzenden in ungünstigem Licht erscheinen ließ.

Erneuerung durch Arbeit
1957 trat ein Gesetz in Kraft, das den Landaufenthalt der Intellektuellen forderte. 1960 wurden Millionen Studenten auf die ländlichen Kommunen geschickt, um bei der Überwindung der Krise in der landwirtschaftlichen Produktion zu helfen. 1963 strömten wieder Zehntausende von Beamten, Intellektuellen und Studenten in die ländlichen Gebiete, um eine persönliche Erneuerung ihrer Einstellung und Zielsetzung zu erfahren, während sie landwirtschaftliche Arbeit leisteten. 1965 waren es vierzig Millionen Jugendliche und Intellektuelle, die gegen ihren Willen in der Landwirtschaft beschäftigt wurden. Die meisten von ihnen fanden die rauhen Lebensbedingungen fast unerträglich, während sich die Bauern ihrerseits über deren Anwesenheit ärgerten und sich über die Großtuerei der jugendichen Geistesarbeiter aus der Stadt lustig machten

Verrat der Revolution
Trotz der immer neuen «Berichtigungsaktionen« hielt jedoch der Einfluß der Mao‑Gegner im Zentralkomitee der Partei an. Wiederholt mißlang es Mao, die Gesamtkontrolle über den Parteiapparat, die er so sehr anstrebte, zu gewinnen. Noch nie dagewesene, einschneidende Maßnahmen waren nötig, um die Zukunft der chinesischen Revolution zu sichern.
Darüber hinaus regte die alternde Parteiführung in der nationalen Presse eine Debatte über die notwendige Absicherung an, „daß revolutionäre Nachfolge die Revolution nicht verrät«. Deutlich zeichnete sich eine Krise ab, hauptsächlich wegen der Erhaltung von Maos Auslegung des Marxismus‑Leninismus in der Zukunft. . . .

Die Kulturrevolution
Als sich im Herbst die Bäume um sein Haus rot und golden färbten, berief Mao eine Geheimsitzung des Zentralkomitees der Partei ein, wobei er die normale Parteimaschine übersprang. In aller Eile stellte er Sonderausschüsse als Rahmen für den Beginn eines neuen, turbulenten Kapitels in der Geschichte Chinas auf, ein Kapitel voll großer Gefahren für China selbst und für die ganze Welt.
Nachdem alles andere fehlgeschlagen war, stand der Vorsitzende nun kurz vor seinem letzten Glücksspiel, der «Großen Proletarischen Kulturrevolution«. Er befürclitete, die chinesische Gesellschaft könne auf einen «Revisionismus« sowjetischer Art zuschlittern. Mao, der bei der Annäherung an das Stadium des vollkommenen Kommunismus nie wirklich auf Stalins Theorie des verstärkten Klassenkampfes verzichtet hatte, bereitete neue Klassenkämpfe und Säuberungsaktionen im Stile Stalins vor. (Praktisch jeder Militär‑ oder Staatsbeamte, der in der Volksrepublik China in den letzten elf Jahren prominent wurde, verschwand entweder aus dem öffentlichen Dienst oder war nun heftiger Kritik ausgesetzt.)
Am 10. November ließ Mao von Schanghai aus den «Aufruf zur Großen Proletarischen Kulturrevolution« ergehen, die die Menschen bis an das Innerste ihrer Seele berühren sollte«. Zur gleichen Zeit griff er Wu Han und seine «Schwarze Bande« von Schriftstellern in Peking und damit auch direkt Peng Chen, den Bürgermeister und den Parteiausschuß in Peking an. Danach verschwand Mao aus unerklärlichen Gründen für sechs Monate aus der Öffentlichkeit.
Die Mao‑Anhänger stürzten sich nun in Wortgefechte gegen die «konservativen« Beamten der alten Linie, die sich gegen jegliche Straffung und Radikallsierung der Innenpolitik stellten. Aber ihr Bemühen war umsonst. Mao war sich der Oppositionsstärke, der er gegenüberstand, voll bewußt. Er hatte daher die begeisterte, revolutionäre Jugend als Vorspann eingeplant, um die Welle des intellektuellen Revisionismus einzudämmen, die Intellektuellen von allen bürgerlichen Tendenzen zu säubern und die Gegenrevolution innerhalb der Partei zu besiegen.
Nach seiner Rückkehr nach Peking führte Mao am 16. Mai den Vorsitz bei der Zusammenkunft des Zentralkomitees und gab am 29. Mai seine Zustimmung zur Organisation der ersten Roten‑Garde‑Gruppe, die mit der Tsinghua‑Universität verbunden war. Bald folgten weitere. Am 1. Juni befestigten sieben Studenten und Funktionäre das erste «große Persönlichkeitsplakat« an den Mauern der Universität von Peking, das den Präsidenten Lu Pang und den Parteiausschuß der Universität heftig kritisierte. Zwei Tage später gewannen die Mao‑Anhänger die Kontrolle über die nationale Volkszeitung wieder zurück, säuberten das Parteikomitee von Peking von 165 Prominenten, alles ältere Mitglieder, und enthoben Peng Chen und Wu Han aller Partei‑ und Regierungsposten. Das war der erste Schritt zur Säuberung des gesamten Parteiapparats, die sich zuletzt auf die ganze Nation und auf alle Ebenen erstreckte.
Den Studenten der Universität von Peking wurde die Ehre erteilt, «die erste Gewehrsalve in der «Großen Proletarischen Kulturrevolution« abzufeuern. Die protestierenden Studenten waren fest zur Reformierung der Ausbildungsmethoden entschlossen. Sie kritisierten den Präsidenten der Universität, bis sie sich seiner Entlassung versichert hatten. Danach leiteten sie eine großangelegte Säuberungsaktion unter der Universitätsverwaltung und den Intellektuellen ein. Der neue Erziehungs- und Studienplan räumte Maos Schriften den Hauptplatz ein. Es wurden fünfunddreißig Millionen Ausgaben seiner ausgewählten Werke gedruckt, um sie an die Massen zu verteilen.
„Wir brauchen keinen Verstand. Unsere Köpfe sind bewaffnet mit den Gedanken Mao Tse‑tungs!« war ein Schlachtruf, der den antiintellektuellen Charakter der neuen, gesteigerten Aktivität kennzeichnete. Die Prawda brachte dazu folgenden Kommentar: «Die Rote Garde« hat die Lektion begriffen, daß der Hauptfeind Mao Tse‑tungs derjenige ist, der zu denken versucht! «
Am 16. Juni wurden alle Universitäten und Schulen angewiesen, für sechs Monate zu schließen, damit die Studenten an der Kulturrevolution teilnehmen konnten. ‑ Fast zwei Jahre gingen vorbei, bevor sie wieder in ihre Klassenzimmer zurückkehrten.
Am 16. Juli begab sich Mao (angeblich) mit seinem plumpen Körper in das dahineilende Wasser des Jangtse‑Flusses bei Hankow, um den großen Start der Revolution noch zu unterstreichen und um sein berühmtgewordenes Bad zu nehmen. Die Presse präsentierte einer skeptischen Welt Fotos, auf denen Maos Kopf zwischen denen seiner glühenden Bewunderer und Mitschwimmer immer wieder aus den schlammigen Fluten auftauchte. So war Mao trotz anhaltender Gerüchte kein kranker Mann, sondern ein Führer voller Lebenskraft und bereit, die tiefgreifendste Gleichschaltungskampagne, die China jemals erlebt hatte, zu dirigieren.

Kampf mit Plakaten
Ein Hauptpunkt der Revolution war von Anfang an die öffentliche Debatte in Form von großen Plakaten, die Angriffe und Gegenangriffe enthielten und die neuesten Parolen ausgaben. Riesige Mengen roten Papiers und Fluten von Tinte wurden verbraucht, um die «Revisionisten« mit beißenden Worten öffentlich anzuprangern. Das war eine Art der Kriegsführung, bei der die chinesischen Pinsel mächtiger als Waffen waren. Tag für Tag mündeten die scharfen Angriffe im Radikalismus, während ein Plakat das andere beantwortete. Die öffentliche Waschung des verschmutzten nationalen Gewandes schien für die neue Revolution notwendig, eine Revolution, die den radikalsten Umbruch der chinesischen Erziehung und Kultur, den es je gegeben hatte, hervorbrachte.
Das ganze Unternehmen war in der Tat eine umfassende ideologische Säuberungsaktion, vor der nichts und niemand sicher war. Im November wurde sogar Liu Schao‑tschi der Vorsitzende der Republik, der schon im August seiner Amtsgewalt enthoben worden war, ein Opfer der öffentlichen Angriffe. Diese «führende Parteipersönlichkeit, die den kapitalistischen Weg einschlug«, verschrie man als den »Chruschtschow der Chinesen« und klagte ihn an, den geliebten Führer und Vorsitzenden Mao unaufhörlich angegriffen zu haben. Er wurde außerdem beschuldigt, eine Reihe von schwerwiegenden Verbrechen gegen die Partei und das Volk begangen zu haben und der Anstifter der Juli/August‑Aufstände in Südchina gewesen zu sein. Auch der Generalsekretär der Partei, Marschall Teng Hsiao‑ping, wurde angeklagt. In Wirklichkeit bestanden die Verbrechen des Vorsitzenden Liu Schao‑tschi und des Marschall Peng aus wiederholten Versuchen, Mao von den überspanntesten seiner Vorhaben abzubringen.

Die »Roten Garden«
Während der drückend heißen Tage im August 1966 versetzten neun turbulente Zusammenkünfte der neu gegründeten «Roten Garden« sogar das mittlerweile schon längst gegen Massenzusammenkünfte abgestumpfte Peking in Erstaunen. Vierzehn Millionen Jugendliche marschierten am Tien‑An‑Men (Tor des himmlischen Friedens) der alten Verbotenen Stadt vorbei, in der einst die Kaiser lebten und regierten.
Jetzt stand Mao dort mit Marschall Lin Piao, seinem Gefolgsmann und offensichtlichen Thronfolger, um dem Vorbeimarsch zuzusehen. Die jungen Menschen verehrten Mao als ihren Helden. ja, für sie war er eine himmlische Gottheit, die weit über jeder Kritik stand. überall waren Standbilder von ihm aufgestellt. Sein Bild blickte milde von jedem nur erdenklichen Ort auf achthundert Millionen Menschen herab. Postkarten und Kalender ohne Maos Bild waren eine Seltenheit. In Schao‑schan, Maos Geburtsort in der Nähe von Tschangscha, zeigte ihn ein Bild in weißen Gewändern und Sandalen, umgeben von einem rosigen Schein. «Der Vorsitzende Mao ist die Rote Sonne‘ in unseren Herzen« lautete der Titel eines Dokumentarfilms, der zur 17. Wiederkehr des Gründungstags der Volksrepublik China gedreht wurde.
Maos Vergötterung war praktisch vollständig. Ehrerbietig verneigten sich alle vor seinen Bildern. «Wir lieben unsere große Partei und unseren großen Vorsitzenden Mao!« verkündeten die allgegenwärtigen Plakate. Der »Hung weiping«, der Armbinden mit Maos Unterschrift und Mao‑Knöpfe an den blauen Uniformen trug, war das neue Instrument des Vorsitzenden, uni die Revolution unter das Volk zu tragen, seine auserwählten Nachfolger, die nun Kampferfahrung in der Revolution sammeln sollten. Sie waren dazu bestimmt, den Parteiapparat zu ersetzen, zu dem Mao kein Vertrauen mehr hatte.

Das »Rote Buch«
Das »Rote Buch« mit Auszügen aus den Gedanken Mao Tse-tungs wird wie ein heiliges Buch behandelt. Man trägt es bei sich, liest es als erstes am Morgen und als letztes am Abend, entweder allein oder in Gruppen. Die Parolen werden dabei auswendig gelernt und auf jede Tätigkeit während des Tages angewandt.
«Erarbeitet euch die Werke Mao Tse‑tungs!« lautete der nationale Aufruf für das Jahr 1964, als es den Anschein hatte, Maos Einfluß sei im Schwinden. Seine Schriften, so wird behauptet, vereinigen in sich die «ursprüngliche Wahrheit des Marxismus-Leninismus und ihre richtige Anwendung in der chinesischen Revolution«. «Es leben die Gedanken Mao Tse‑tungs!« Sie sind der Prüfstein der Orthodoxie und werden, so wird geglaubt, den Propheten selbst überleben. Jeder Kader muß sie veröffentlichen. Reisende sahen sie an allen erdenklichen Stellen angebracht, sogar an Kinderwagen und am Geschirr der Lasttiere. Sie ersetzten den Reiz vergangener, abergläubischer Zeiten.
Eine Stewardeß, die Maos «Gedanken« vertraut, sieht keine Notwendigkeit, Sicherheitsgurte beim Starten und Landen zu benützen. Sportler führen gute Leistungen auf die «Gedanken« zurück. Sogar die militärische Taktik muß nach ihnen ausgerichtet sein. Und der stellvertretende Vorsitzende Lin Piao kommt gleich hinter Mao, weil er der «engste Waffenkamerad, bester Schüler unseres großen Führers, des Vorsitzenden Mao, ist. Er ist derjenige, der das Große Rote Banner der Gedanken Maos hochhält, Mao Tse‑tungs Gedanken am besten versteht und sie am besten anwendet!«

Der Bildersturm
Die Kulturrevolution richtete sich gegen »vier alte Dinge«: alte Bräuche, alte Gewohnheiten, alte Kultur und alte Denkweise. Am meisten setzten sich die Jugendlichen der »Roten Garden« mit fanatischem Eifer ein, um das neue Ziel zu verwirklichen. Sie waren vom Unterricht und vom Studium befreit und aufgehetzt worden, «Revolution zu machen«.
Jetzt herrschte der Pöbel. In Peking wurde Menschen, die westliche Kleidung trugen, befohlen, einfache Kleider anzuziehen. Mädchen, die ihr Haar im «Honkong‑Stil« trugen, wurden angeprangert und Taxis als «Wohlstandsluxus« erklärt, Privathäuser gestürmt und alle überflüssigen oder gar mondänen Möbel auf die Straße geworfen. Gewalttätigkeiten waren in der Tagesordnung und die überlieferte Ehrfurcht vor dem Alter abgeschaft. Altere Menschen mußten öffentliche Demütigungen hinnehmen. Sie wurden oftmals völlig nackt durch die Straßen getrieben. Menschen, die zur öffentlichen Schändung ausgewählt waren, ließ man mit einem Schandhut auf dem Kopf durch die Straßen marschieren.
Das war nur eine Art der Schändung. Soweit es ihnen erlaubt war, zerstörten die «Roten Garden« jedes Kunstwerk griechischer, römischer und chinesischer «Wohlstandskultur«. Museen waren für die Öffentlichkeit geschlossen. Nur die Volksbefreiungsarmee konnte die jungen Rowdies davon abhalten, die «Verbotene Stadt« und die Ming‑Grabmäler in der Nähe Pekings völlig zu zerstören, die unbezahlbare, herrliche Wahrzeichen des vergangenen Glanzes Chinas darstellen. Kirchen wurden geschlossen und die Kirchenführer mißhandelt und gedemütigt, Bibeln und religiöse Bücher beschlagnahmt und zerstört.
Bald dehnten sich die Aktionen, Beleidigungen und die Zerstörungswut der «Roten Garden« über ganz China aus. Einhundert Millionen Jugendliche stürzten sich in eine ideologische Raserei, wie eine tosende, dahinellende Welle, die über Tausende von Meilen hinwegfegt« (Rote Fahne, 24. April 1967) eine «Art Schreckgespenst eines Kinderkreuzzuges« gegen Religion, gegen Chinas kulturelles Erbe und ganz besonders gegen alle Verdächtigen einer gegen Mao gerichteten Strömung.
Grausamkeiten nahmen zu, als diese überheblichen Jugendlichen sich überall hinbegaben. Ausgerüstet mit Freifahrtscheinen und vom Reisefieber besessen, zerstörten sie sämtliche Verbindungswege und das normale Leben der Nation. Hunderttausende jener, die man zur Arbeit aufs Land geschickt hatte, nützten die Gelegenheit, um mit Freikarten in ihr bequemes Zuhause zu kommen. Zeitungen mußten zeitweise ihr Erscheinen einstellen.
Nach der öffentlichen Anprangerung des Vorsitzenden Liu Schao‑tschi im November breiteten sich die Massenaktionen gegen die Parteiführung im Dezember auf Fabriken und ländliche Kommunen aus. Sogar der Kultusminister, ein stellvertretender Präsident, wurde durch die Straßen geschleift und andere führende Persönlichkeiten der Partei eingesperrt. Die Geschichte bietet keine Parallele einer solchen offiziell unterstützten Gesetzlosigkeit und einer derart massiven Machtdemonstration der Studenten.

Der Mensch nach Maos Vorstellung
Was sollte mit der Kulturrevolution erreicht werden? In der Volkszeitung vom 8. Juni 1967 hieß es: Wir kritisieren die alte Welt … das alte Ausbeutungssystem … die Gelehrten und die Behörden der Wohlstandsgesellschaft … Als Folge der Kritik, die jetzt ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht, taucht eine neue Ära am Horizont auf, in der die siebenhundert Millionen Chinas zu einem Volk der Weisheit werden!«
Schon Karl Marx hatte von der Entstehung einer neuen Gesellschaft und einer neuen, besseren Menschheit geträumt, in der sich selbst die menschliche Natur wandelt. Das große Ziel der Kulturrevolution war daher die Umgestaltung des Menschen und der Gesellschaft durch die Schaffung eines neuartigen Menschen, das Entstehen eines kommunistischen Menschen der Zukunft«. Die alten, tiefverwurzelten, feudalen Merkmale der Nation sollten durch Eigenschaften und Ideale ersetzt werden, die sich besser zur Führung eines sozialistischen Staates auf dem Weg zum Kommunismus eigneten. Mao strebte danach, einen Geist der Nüchternheit, Selbstaufopferung und der Revolutionsbegeisterung nach dem Beispiel von Jenan wiederherzustellen in einer Gesellschaft, die sich wieder der Eigensucht und persönlichen Vorteilen zuwandte.
Sein großes Ziel bestand daher in einer neuen Volkskultur, einer neuen Ethik und einem neuen persönlichen Glauben, der auf Mao gegründet ist, kurzum in einer neuen Pseudoreligion. So war es wichtig, das System der höheren Erziehung gründlich zu überprüfen, damit das ideologische Training zukünftig zu ihrem Mittelpunkt werde.
Jetzt haben sich drei Ziele der Kulturrevolution herauskristallisiert: Sie stellte im Grunde genommen den ideologischen Kampf gegen die Wirtschaftspolitik der Revisionisten dar. Zweitens war sie der Kampf um die Führung und die Bestimmung des weiteren Verlaufs der Revolution und drittens eine Jugendbewegung mit dem puritanischen Wunsch, die menschliche Natur zu erneuern, indem man sie von allem falschen Denken, allen Wünschen und Bräuchen säubert. Aber wo lag der Fehler?

Parteigeist
Das Erstaunlichste an der chinesischen Lage nach der Kulturrevolution war das verwirrende Zunehmen des Parteigeistes. Kein Tag verging in den Anfangsmonaten des Jahres 1968 ohne verschiedene Zeitungsdiskussionen über die große politische Erscheinung des Massenparteigeistes. Ohne Zweifel war der Vorsitzende Mao selbst zutiefst erstaunt über die tiefen Risse, die die Kulturrevolution auf dem Gebilde des politischen Lebens in China hinterlassen hatte.
Mao‑Anhänger hatten 1966 die ersten «Roten Garden« gegründet. Es waren meist unzufriedene studentische Aktivisten, die es darauf angelegt hatten, an der Säuberung des Parteiapparates von maofeindlichen Funktionären teilzunehmen. Im Lauf des Jahres bildeten sich immer mehr Gruppen, bis sie nahezu alle Studenten der Hochschulen und Universitäten umfaßten.
Aber trotz des gemeinsamen Zieles kam es innerhalb der Gruppen zu Rivalitäten, die von Zeit zu Zeit in Gewalttätigkeiten ausarteten. Enttäuscht darüber, daß es ihnen mißlungen war, die ältesten Parteivertreter abzusetzen, erteilten die Mao‑Anhänger in Peking den Massen die Vollmacht, ihre direkten Vorgesetzten zu stürzen und selbst die «Macht zu ergreifen«. Das hatte eine Balgerei um die Macht innerhalb der rivalisierenden Gruppen zur Folge. Dadurch alarmiert, bildeten die bedrohten Beamten zur Selbstverteidigung neue Erwachsenenorganisatioen gegen die Terrorherrschaft der «Roten Garde«. Die Verstreitender Parteien schuf nur noch größere Verwirrung. Diese Revolutionsgruppen waren streitsüchtig, undiszipliniert und ehrgeizig. Sie nannten sich Frühlingsdonner, Wächter der Lehre, Rotes Banner, Revolutionsrebellen, Rote Eisenkämpfer, Große Rebellenarmee, Ostwind, Proletarische Revolutionäre u. ä.

Als sich die Kulturrevolution Anfang 1967 auf die Bauernhöfe und Fabriken ausdehnte, übernahmen die Revolutionsrebellen mit Gewalt die Macht in der Partei und der Stadtverwaltung während der sogenannten «Januar‑Revolution«. Arbeiter, die die Vorteile des «Ökonomisnius« genossen hatten, fürchteten um ihr Leben, wenn dieser von der Lehre Maos abgelöst würde. So formierten auch sie sich zu Gruppen, um den eigenmächtigen «Roten Garden« Widerstand leisten zu können. Die Arbeitsdisziplin brach zusammen, und große Streiks und Sabotage der Inustrie waren das Ergebnis.
In Schanghai waren der Hafen und die Eisenbahn stillgelegt. Die Dinge gerieten außer Kontrolle. Es wurde öffentlich vor der Gefahr der Gesetzlosigkeit gewarnt. In verschiedenen Gebieten brachen Kämpfe aus. In Nanking starben über fünfzig Menschen bei Zusammenstößen, und Hunderte wurden verletzt. Der normale Regierungsapparat konnte mit den zahllosen streitenden «Massenorganisationen« nicht mehr zusammenarbeiten. Kurz nach Beginn der Belagerung der Sowjetischen Botschaft am 26. Januar (war nicht Rußland die giftige Quelle des Revisionismus?) entschied sich der Vorsitzende Mao widerstrebend, die Volksbefreiungsarmee zu verpflichten. Dann gab er seine acht Punkte umfassende Vorschrift heraus.
Diese Entscheidung, die der Kulturrevolution den Anstrich einer spontanen Massenbewegung nahm, war nicht sehr populär. Vom Januar 1967 an spielte die Volksbefreiungsarmee jedoch eine zunehmend wichtige Rolle. Die «Massenorganisationen« begannen, sich jetzt nach Verbündeten unter den anderen Gruppen umzusehen.
Nach dem Zusammenschluß der kleineren Parteien blieben zwei riesige, opponierende Parteiorganisationen übrig, die nach innen immer noch geteilt waren. Die «radikale« Koalition umfaßte die «Roten Garden« und all diejenigen, die durch eine Veränderung des derzeitigen Zustandes an die Macht kommen wollten, während sich die «konservative« Koalition hauptsächlich aus Gruppen zusammensetzte, die eine Rückkehr zum Zustand vor der Kulturrevolution befürworteten. Beide Seiten bekannten sich zu Mao. Als jedoch im August 1967 ausgedehnte Kämpfe zwischen den beiden schwerbewaffneten Koalitionen ausbrachen, sah es nach einem regelrechten Bürgerkrieg aus. Die Armee verhielt sich zurückhaltend. Sie griff nur von Zeit zu Zeit ein, um übermäßige Gewalttaten der Kulturrevolutionäre zu verhindern.
Die Regierung sah sich zunehmend einem Chaos gegenüber. Die etwas vorsichtigeren Führer in Peking überredeten daher den «Steuermann« Mao, sein Schiff in ruhigere Gewässer zu lenken. Befehle ergingen, die Parteikämpfe zu unterlassen, und den «Roten Garden« wurde befohlen , in ihre Lehr‑ und Klassenzimmer zurückzukehren, um Maos Werke und die Kulturrevolution zu studieren. Aber es dauerte bis zum Frühjahr 1968, bevor die meisten Grundschüler und die Hälfte der Mittelschüler wieder an ihren Lernpulten saßen.
Vielleicht hatte Mao das Gefühl, die meisten Ziele des Feldzuges erreicht zu haben. Vor allem war der jüngeren Generation eine Gelegenheit geboten worden, eine Art der Revolution selbst mitzuerleben. Es gelang ihm jedoch nicht, alle auszuschalten, die mit seiner Politik nicht einverstanden waren.

«Drei‑Wege‑Allianzen«
Die Roten Garden« setzten sich größtenteils aus jugendlichen und unerfahrenen Mitgliedern zusammen, aber die Entfesselung ihrer Kräfte als Masse war explosiv und letzten Endes äußerst gefährlich. Ihre Gewalttätigkeiten und der anschwellende, sich gegenseitig vernichtende Kampf hatten die Wirtschaft zerrüttet und schienen eine zweite Katastrophe innerhalb des «großen Sprung vorwärts« heraufzubeschwören. Die Frühjahrsaussaat war behindert und die Ernte erneut gefährdet.
Da nahmen angesehene Persönlichkeiten in der Hauptstadt allen Mut zusammen und fingen an, den Extremismus der «Roten Garde« zu verdammen und das Land vor den Gefahren der Gesetzlosigkeit zu warnen. Diese Versuche zur Einschränkung der Ausschreitungen wurden von neuen Gruppen unternommen, die sich auf «Drei‑Wege‑Allianzen« aufbauten. Ihr gehörten die Revolutionsmassen (Rote Garde usw.), die Revolutionskader (die alten legalen Parteivertreter) und die Armee an. Sogar die Volkszeitung tadelte übereifrige Mao‑Anhänger ihrer «linksorientierten Irrtümer« wegen.
Um die Ordnung wiederherzustellen und die Ausschreitungen der Revolutionäre zu zügeln, sah sich Mao gezwungen, sich wieder der Volksbefreiungsarmee, der einzigen zusammenhaltenden Kraft, die im Lande noch übrig war, zuzuwenden. Die neue, aktive Rolle der Armee war unpopulär und löste viele Spannungen und große Kritik aus. Die lange Belagerung der Sowjetischen Botschaft wurde aufgehoben. Tschu En‑lai, der Mann zwischen der extremen Linken und der extremen Rechten, trat mächtiger denn je als Hauptfigur in dem Versuch auf, zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln und die Wirtschaft wieder funktionsfähig zu machen.

Die Ernüchterung
Es war jedoch leichter gewesen, die Flammen zu entzünden, als sie wieder zu ersticken. Der «antiimperialistische« Kampf dehnte sich im Mai bis nach Hongkong aus, begleitet von Gewalttätigkeiten und Provokationen. Im August 1967 wurde die Britische Gesandtschaft in Peking niedergebrannt. In ganz China gingen die bewaffneten Zusammenstöße weiter.
Das zwang Mao im September zu einer Reise durch das ganze Land, um das Ende der Parteikämpfe zu sichern. Die Studenten kümmerten sich nicht um die früheren Anweisungen, und die meisten Universitäten und Schulen blieben geschlossen. Es war eine zu große Demütigung für sie, ihre wiedereingestellten Lehrer und Lektoren, die sie als Revisionisten verschrien hatten, zu akzeptieren.
Der tote Punkt war da. Entmutigt durch ihre Unfähigkeit, die revolutionären Ziele durchzuführen, enttäuscht über den Erfolg gemäßigter Gruppen in Peking und verärgert, weil sie allmählich zur Seite gedrängt wurden, verspürten die «Roten Garden« keine Lust, in ihre Unterrichtsräume zurückzukehren. Parteigeist und der Zusammenbruch der Ordnung durch das Gesetz hatten in Verbrechen, Sittenlosigkeit und Wuchergeschäfte ausgeartet. Der Schwarzhandel blühte, wie es seit 1949 nicht mehr der Fall gewesen war. Es wird gesagt, Ministerpräsident Tschu En‑Iai habe sich beklagt, daß sich viele Studenten vom Kampf abwendeten, sich dem «Nichtstun und dem Pokerspiel widmeten und ein liederliches Leben führten«. Das sind die Gammler und «Hippies« Chinas: teilnahmslos, ernüchtert und mit zerstörter Hoffnung, jemals ein höheres Amt zu erreichen. Die große Disziplin und die öffentliche Sittenstrenge früherer Jahre befanden sich im Schwinden.

Ausländische Gäste
Inmitten des Tumults gelang es den Drei‑Wege‑Allianzen« des Vorsitzenden Mao im Verlauf des Jahres 1967, in neun Provinzen neue Revolutionsausschüsse zu bilden. Das war immerhin ein gewisser Sieg für den ziemlich ernüchterten Führer. Dank des Einflusses gemäßigter Gruppen, die ihre Macht vereinigten, hatte es den Anschein, als erhebe sich China wieder aus dem Chaos und den Wirren der Kulturrevolution.
Einen Eindruck über das Leben in China vermitteln die Erfahrungen einer Gruppe von 57 Australiern und Neuseeländern, die Kanton, Schanghai, Peking, Hankow, Wuchang und Tschangscha bereisten. Ihr Reiseführer war aktiver Christ. Für diese Menschen war die Reise das anstrengendste, ergreifendste und belastendste Erlebnis ihres Lebens. In Kanton, ihrem ersten Aufenthaltsort, machten sie eine nerventötende Erfahrung mit, als sie stundenlang die Gedanken Maos hören mußten. Bei ihren Besuchen in Schulen, Fabriken und Kommunen mußten sie die berühmtesten «Auszüge« immer wieder über sich ergehen lassen. Ihre «Roten Bücher« hatten schon Eselsohren, bevor sie noch ihre Reise fortsetzten.
Zu dieser Zeit herrschte ein solches Durcheinander, daß die Behörden über die Anwesenheit von Touristen nicht gerade erfreut waren. Das Ergebnis des antirevisionistischen Kampfes war noch immer nicht abzusehen. Nach den äußeren Anzeichen und den Truppenbewegungen auf den Straßen zu schließen, war die Lage vermutlich an ihrem schlimmsten Punkt angekommen, als sie sich in Wuhan aufhielten. Dort war gerade ein Revolutionskomitee errichtet worden. Es war daher sehr schwer, im voraus zu bestimmen, welche Städte ohne Zwischenfälle besucht werden konnten. Es fehlte auch die übliche Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit des fünfzehn Mann zählenden Teams, das vom chinesischen Reisedienst gestellt worden war.

Einige der Gesellschaft hatten schon 1967 an einer Reise teilgenommen, doch die damalige Begeisterung war erloschen. Die «Roten Garden« fielen in der Öffentlichkeit nicht mehr auf, und die einst so stolz getragene Armbinde war im Gegensatz zu früher eine Seltenheit. Doch die australischen und neuseeländischen Besucher, die sich bei den «Roten Garden« an den Universitäten von Futan und Tungschi in Schanghai aufhielten, stellten fest, daß die Gruppe der Futan‑Universität immer noch sehr kriegerisch eingestellt war.
In Schanghai nahm die Reise beinahe ein vorzeitiges Ende, als einer der Australier eine harmlose Karikatur nachzeichnete, in der ein Hund dauernd in die Luft sprang, und auf der zu lesen war: Lang lebe der Vorsitzende Mao!« Die «Rote Garde«, die das sah, untersuchte den Vorfall eingehend, und bevor die Reise weitergehen konnte, fand eine hitzige Sitzung mit Kritik und Selbstkritik statt. Zu einem späteren Zeitpunkt der Reise wurde in Tschangscha in einem Papierkorb eine Bildpostkarte von Mao und ein Mao‑Knopf mit einem eingebrannten Loch gefunden. Garden und Hotelangestellte versammelten sich sofort in dem Zimmer, und ein zorniger Streit erhob sich. ‑
Trotz ihrer Bestürzung über den Personenkult um Mao und die großen Einschränkungen der persönlichen Freiheit, zeigten sich die Studenten sehr vom Experiment der Massenpolitik, der „massiven Einübung der politischen Erziehung« beeindruckt. Aber der Gruppe wurde keine Gelegenheit gegeben, auch nur mit einem einzigen Christen oder mit irgend jemand von der Stelle für Religiöse Angelegenheiten zusammenzutreffen.

Revolutionskomitees
In den ersten vier Monaten des Jahres 1968 bildeten vierzehn andere Provinzen Revolutionskomitees. Doch fehlte diesen in Wirklichkeit jegliche Übereinstimmung untereinander, und auch die früher gegründeten Revolutionskomitees arbeiteten nicht reibungslos. Ende März wurde der Führungsstab der Armee «gesäubert«, als sich der Parteigeist auf die Armee ausdehnte. Im Frühjahr loderte das schwelende Feuer von neuem auf, und Gewalttätigkeiten, die weit über die des Jahres 1967 hinausgingen, brachen im ganzen Land aus.
Die verblichenen Plakate wurden abgerissen und von anderen mit alten und neuen Angriffszielen der Beschimpfung und Kritik abgelöst. Sie brachten neue «Teufel«, «Scheusale«, «Ungeheuer«, «Gespenster« und «Geister« ans Tageslicht und betonten wiederum die Loyalität zu Mao, seinen Gedanken und seiner politischen Linie. Die Extremisten hatten wieder die Kontrolle erlangt, und das Chaos wurde als eine Tugend gepriesen, ohne die die verborgenen Mao‑Gegner nicht entlarvt werden konnten.
Von Mao wurde indessen berichtet, er habe bei einer fünfstündigen Zusammenkunft in seiner Residenz in Peking geweint, als er über die großen Schwierigkeiten der Nation berichtete. Dabei drohte er der extremen «Roten Garde« der Universität von Peking an, daß alle höheren Schulen unter Militärkontrolle gestellt würden, falls sie sich nicht besserten.
Diese Gegenüberstellung hilft das Problem zu beleuchten, das Mao sich selbst und der Nation mit der Mobilmachung der studentischen Kräfte geschaffen hatte, die «Revolution machen« sollten. Alarmiert von den Folgen seiner eigenen Maßnahmen, versuchte er, die Studenten ihrer Macht zu berauben und sie in ihre Schulräume zurückzuzwingen. Dabei mußte er feststellen, daß sich viele von ihnen gegen ihn und seine Politik stellten. Deshalb appellierte Mao schließlich wieder an die Arbeiter. Während Hunderttausende von Intellektuellen der «Roten Garde« auf das Land geschickt wurden, sandte man «Arbeiter- und Bauernpropagandatrupps« an die Universitäten, um die jugendlichen Revolutionäre in ihre Schranken zu verweisen und «die Unordnung der Kulturrevolution zu beseitigen« mit Hilfe der «Kampf‑Kritik‑Umwandlungskampagne«. «Die große Armee der Arbeiterklasse« (so Yao Wen‑yan in seiner Grabschrift für die Kulturrevolution mit dem Titel: «Die Arbeiterklasse muß die Führung in allen Dingen innehaben«) marschiert in alle Ausbildungsstätten, muß sie besetzen und für immer anführen.« Chinas Jugendliche, von denen sich dreihundert Millionen im Studentenalter befinden, sind im Endeffekt die Opfer der Tumulte der letzten drei Jahre.
Szechwan mit seiner siebzig Millionen umfassenden Bevölkerung und seinen reichen Bodenschätzen war, was die Tradition betrifft, die widerspenstigste aller Provinzen. Ihr einflußreicher Gouverneur, der von Anfang an gegen den Extremismus der Kulturrevolution gewesen war, wurde im Mai 1968 abgesetzt und war bei den Massenzusammenkünften oft ein Opfer der Anprangerung, wo er «bleich und zitternd« vorbeimarschieren mußte. Der blutige Kampf zwischen den gegnerischen Gruppen nahm kein Ende, und auch der Einfluß des Gouverneurs konnte ihn nicht verhindern. Alle größeren Städte waren in Mitleidenschaft gezogen. Am 31. Mai wurde schließlich ein Provinzrevolutionskomitee aufgestellt und als großer Sieg gepriesen. Nur fünf der neunundzwanzig Provinzen blieben ohne Revolutionskomitees. Dies waren Fukien (Ostchina), Kwangsi (Südchina), Jünnan (Südwestchina), Tibet und die Nord‑West‑Provinz und Zentrum der Atomindustrie Sinkiang, alles strategisch wichtige Grenzbezirke.
Im Mai brachen im ganzen Land ernsthafte Gewalttätigkeiten der Parteien aus mit den grausamsten Zügen in Kwangsi. Wuchow wurde von einem Großbrand zerstört, und das Blutvergießen nahm erschreckende Ausmaße an. Grausiger Beweis für die ganze Welt waren Tausende von gefesselten und verstümmelten Körpern, die den Perlfluß hinuntertrieben und von denen einige in Hongkong herausgefischt wurden.
Die allgemeine Unterbrechung der Zugverbindungen wirkte sich in Linchow am schlimmsten aus. Dort stapelten sich die Lieferungen nach Vietnam. Überall traten große Verzögerungen beim Transport von Kohle und anderen wichtigen Gütern für die Industrie auf. Die chinesische Wirtschaft wies zunehmende Zeichen der Überbelastung auf als Folge der Zerrüttung des normalen Lebens, zu der noch die schlimmsten Überschwemmungen des Jahrhunderts im Süden Chinas kamen.
Unfähig, das Problem der Gründung von Revolutionskomitees mit Hilfe der örtlichen Massen zu lösen, trafen Vertreter aus Fukien, Kwangsi, Jünnan, Tibet und Sinkiang im August in Peking zusammen, um über eine Regelung der Angelegenheit zu verhandeln. Am 13. August akzeptierte Jünnan ein Revolutionskomitee. Zwei Tage später versammelte man Männer, Frauen und Kinder, um mit einem Marsch durch die Straßen der Hauptstadt einen weiteren großen Sieg des Führers Mao zu feiern. Trotz heftiger Gegenwehr der heimatlichen Bevölkerung folgte Fukien am 19. August diesem Beispiel. Am 26. rief Kwangsi sein eigenes Revolutionskomitee ins Leben, und am 6, September wurden Revolutionskomitees in den beiden letzten Provinzen Tibet und Sinkiang gebildet. Peking feierte wieder, und der Rundfunk rühmte das Ereignis als «endgültigen Sieg der Kulturrevolution«. Der «Sieg« kam noch rechtzeitig zu Chinas Nationalfeiertag am 1. Oktober und verbesserte die Aussichten auf das Zustandekommen eines neunten Parteikongresses vor Ende des Jahres 1968.
Trotzdem ging der Parteikampf unvermindert weiter. Diesmal wurde jedoch nicht mehr um Politik, sondern um Macht gekämpft. Politische Angriffe von außen und Streitigkeiten von innen hinderten die Revolutionskomitees, sich Ansehen und Autorität zu verschaffen. Der Vorsitzende Mao sah sich gezwungen, seinen Wunschtraum von Massenaktivisten zu verschieben und sich mit der starken Unterstützung der Volksbefreiungsarmee der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung zu widmen.
Mit Hilfe der Kulturrevolution mag es ihm zwar gelungen sein, die Hauptelemente innerhalb der Parteihierarchie, die er für seine Ziele für äußerst gefährlich hielt, auszusondern und zu vernichten. Aber die grundlegenden Unterschiede zwischen der Gedankenschulung der «Roten« und der «Experten« bleiben bestehen. Soll politischen Theorien oder praktischer Politik und technischer Leistungsfähigkeit der Vorrang gegeben werden? Diese Debatte wird noch lange Zeit anhalten und gewiß Anlaß für neue Streitigkeiten und endlose Säuberungsaktionen geben. In der Zwischenzeit fehlt jede Erklärung für das Geheimnis um Liu Schao‑tschi, den «Chruschtschow Chinas«, das verleumdete, aber unabgesetzte Staatsoberhaupt.

Liberalisierung
Nach fünfzigjähriger kommunistischer Tyrannisierung brodelt es in der ganzen kommunistischen Welt vor Unzufriedenheit. Chruschtschow führte den Kampf gegen den Stalinismus und vermittelte Rußland das Gefühl einer gewissen Milderung der unmenschlichen Gesetze und Vorschriften. Jugoslawien war schon mit gutem Beispiel vorausgegangen. Das Fieber erwies sich als ansteckend. Im Januar 1968 entstieg die Tschechoslowakei den Jahren der Dunkelheit. Presse, Rundfunk, Fernsehen und die Kirchen nutzten plötzlich ihre Freiheit. Die jüngere Generation Rumäniens erklärte sich solidarisch mit dieser erregenden Entwicklung. Polen, Bulgarien, Ungarn und Ostdeutschland zeigten ebenfalls Anzeichen für die «Infektion«. Aller Hoffnung richtete sich auf einen «Sozialismus der Humanität«.
Aber Rußlands alte Dogmatiker waren aufmerksam geworden. Ihre Art, den Kommunismus auszulegen, führt die UdSSR einen weiten Weg zum Stalinismus zurück. Kann man «Revisionisten« und «liberalisierende Politik« dulden, ohne die endgültige Zerstörung des Kommunismus selbst zu riskieren? Aus Furcht vor den Kräften der Veränderung und mit Hilfe des «Konterrevolutionsgespenstes« setzte sich Rußland mit der verräterischen Invasion und Besetzung der Tschechoslowakei über die Charta der Vereinten Nationen und die Weltmeinung hinweg.
Die Maske ist gefallen und das wahre Gesicht des Kommunismus offenbar geworden. Wo aber werden die Kommunisten bei ihrem Vormarsch zur Weltherrschaft als nächstes zuschlagen? In Europa oder im Vorderen Orient?
Doch die Gezeiten wechseln. Achtundsechzig russische Schriftsteller und Intellektuelle verdammten heimlich den Verrat ihres eigenen Landes. Für die junge Weltgeneration heißt es: «Demokratischer Sozialismus ‑ ja! Tyrannischer Kommunismus nein!« Die Männer im Kreml sind Männer, die sich fürchten.
Der sechsundsiebzigjährige Vorsitzende Mao verliert ganz offensichtlich an Einfluß nach seinen beiden spektakulären Mißerfolgen und seinem Pyrrhussieg in der Kulturrevolution. Im April beschuldigte ihn die russische Presse mit harten Worten, er zerstöre die kommunistische Bewegung in China. Als Rußland die Tschechoslowakei besetzte, antwortete China darauf mit der Verurteilung der Invasion, obwohl es gleichzeitig auch die neue tschechische Führung angriff. Diese Ereignisse werden zweifellos Maos Entschlossenheit stärken, jeglicher Liberalisierung in seinem eigenen Land entgegenzutreten, Die Frage, ob die «Revolution« sich langsam einem Wendepunkt nähert, steht sicherlich noch weit offen. Es hat nicht den Anschein, daß sein Nachfolger Lin Piao von der Statur Maos ist, der seine Position nach seinem Tod einnehmen kann. Während nun die Mao‑Ära ihrem Ende zugeht, steht China vor einer neuen Übergangsperiode. Die Führer der chinesischen Kommunisten sind in großen Nöten.
Der Psalmist beschreibt sehr anschaulich (Psalm 2) die letzte Erhebung des Menschen gegen Gott: Die Herrscher beraten miteinander gegen den Herrn, um sich seiner göttlichen Herrschaft zu entledigen. Aber der alleinige Herrscher der Welt blickt von seinem Thron auf die lächerliche und doch so tragische Haltung des rebellierenden Menschen herab und vereitelt seine Pläne. Denn Gott hat dem auferstandenen Herrn das Gericht über die Völker und die Königsherrschaft über die Welt gegeben.
China, das in sich selbst geteilte Reich, kann auf die Dauer nicht bestehen bleiben. Seines militanten Atheismus wegen birgt der Kommunismus den Samen seines eigenen Verfalls in sich und ist zur endgültigen Vernichtung verdammt. Denn Gott herrscht, und selig sind alle, die ihr Vertrauen auf ihn setzen«!

2. Kapitel

EINE KIRCHE GEHT IN DEN SCHATTEN
1967 blieben in ganz China die Weihnachtsglocken stumm. Es war kein Platz für das Christuskind in irgendeiner kommunistischen Herberge. Kirchengebäude, aus denen einst Choräle und «Der Messias« schallten, waren mit Brettern vernagelt oder dienten den «Roten Garden« als Schulen und Hallen. Scharlachrote Plakate schmückten die Wände. Das war das Werk von Jugendlichen, die nie einen christlichen Missionar aus Übersee zu Gesicht bekommen hatten und glaubten, Christus sei nur irgendein berühmter Jude. Die «Jesus‑Religion« wie die «Buddha-Religion«, «Tao‑Religion«, «Konfuzius‑Religion« und «Hui-Religion« (Islam) waren eines der vier alten Dinge«, die verschwinden mußten. So hatte es der Vorsitzende Mao Tse‑tung angeordnet. Daraufhin wurden die Kirchen geschlossen, religiöse Symbole entfernt und die Häuser der Christen systematisch nach Bibeln und christlicher Literatur durchwühlt, einige sogar mehrere Male. Was man dabei fand, wurde verbrannt.
«Wenn die Grundfesten zerstört werden«, fragte David, «was kann der Gerechte dann tun?« David gibt dazu selbst die Antwort: «Der Herr ist in seinem heiligen Tempel, der Thron des Herrn ist im Himmel!«

Die Verehrung Maos
Der Thron des Vorsitzenden Mao steht in Peking. Seine Worte ersetzen die Heilige Schrift. Lin Piao, Maos Nachfolger, drückt sich in seinem Vorwort zum «Roten Buch« so aus: «Wenn die Massen einmal Mao Tse‑tungs Gedanken begriffen haben, werden sie zu einer unerschöpflichen Kraftquelle und zu einer geistigen Atombombe von unbegrenzter Macht.«
Die Militärmusik schmettert die Botschaft der gegenwärtigen Nationalhymne «Der Osten erglüht« mehrmals am Tage aus jedem Radio:
«Vom Osten her erstrahlt die Sonne,
in China erscheint Mao Tse‑tung.
Er wirkt für die Wohlfahrt des Volkes.
Er ist des Volkes großer Erlöser.
Die Kommunistische Partei ist gleich der Sonne.
Wo immer ihr Schein, da ist Licht.
Wohin die Kommunistische Partei auch geht,
da wird befreites Volk.«
Die Städte waren mit roten Plakaten überschwemmt, die frisch geschriebene Schlachtrufe zur Erstickung der traditionellen Fröhlichkeit am Mond‑Neujahrsfest enthielten. China wurde das ganze Jahr über zu einem roten Meer. Tag für Tag übertönten der unermüdliche Rhythmus der Trommeln, das Singen und die lauten Rufe: «Lang lebe der Vorsitzende Mao!« den Verkehrslärm, als Gruppen von «Roten Garden« und Jugendlichen mit dem Bild ihres Heldengottes und ihren Bannern durch die Straßen marschierten.
Michael Browne, ein christlichen Journalist, der sich dort aufhielt, beschreibt das tiefe Feuer in den Herzen der Jugendlichen für «unsern großen Führer, Lehrer, Oberkommandierenden und Steuermann« mit folgenden Worten: «Es war eine Atmosphäre, als ob alte Zeiten neu erstanden wären. ‑ Musik, Leidenschaft, Bekehrungszeugnisse, Hingabe und Opfer. Mit dem Herrn Jesus Christus als Ziel der Verehrung würde China eine Massenbewegung der Umkehr erleben!«  . . .

Die verstörte Kirche
Schon über zwanzig Jahre sind seit der Machtergreifung des Kommunismus vergangen. Die ersten zehn Jahre waren für die Kirche ein Schock. Zunächst unvorbereitet, furchtsam, umworben und verwirrt von einem noch nie dagewesenen gönnerhaften Benehmen der Regierung, sah sich die christliche Kirche nun völlig durcheinandergebracht der ausgeklügelten Taktik der kommunistischen Regierung gegenübergestellt.
Einige führende Männer der Kirche benutzten das Wort der Bibel: «Seid untertan aller Obrigkeit, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott!«, um ihre Haltung zu rechtfertigen; denn , «die Obrigkeiten sind von Gott eingesetzt!« Andere rechtfertigten mit der Schrift ihre Haltung des passiven Widerstandes und bekannten sich mit den Worten: «Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen!« zur Einstellung der verfolgten ersten Gemeinde. Einige wählten aus Gewissensgründen das Gefängnis oder den Tod. Andere anerkannten reinen Gewissens die Zuständigkeit der Regierung und setzten den Dienst in ihren Kirchen mit Einschränkungen fort. Männer aller theologischen Richtungen fanden sich plötzlich auf beiden Seiten des Zaunes. Katholiken mußten für ihre Überzeugung zweifellos mehr leiden als ihre protestantischen Mitbürger.

Die gefesselte Kirche
Bei der Gründung der ersten Kommune 1958 war die christliche Kirche schon eine Kirche in Fesseln, obwohl ihre Führer nicht aufhörten, gegen die neu gefundene «Freiheit« zu protestieren. Befreit von aller missionarischen «Kontrolle« aus dem Ausland, befand sie sich nun um so fester in der Hand des Staates. Bekannten Christen immer noch ihre Liebe zur Kirche, so wurden sie aufgefordert, die Vaterlandsliebe an die erste Stelle zu setzen: «Liebe das Vaterland, so liebst du die Kirche!« lautete die Parole. Wo die Christen einst gejubelt hatten: «Übergebt euer Herz Christus!«, nötigte man sie jetzt, «ihr Herz der Partei zu ergeben«. Vorher bestanden sie auf der Wirklichkeit der sichtbaren Dinge. Nun war diese Welt alles, was zählte. Soziale Verbesserungen ersetzten die geistliche Erneuerung. Materialismus trat an die Stelle des Idealismus. Marxistischer Realismus verdrängte das Wissen, aus einer anderen Welt zu sein. Der gegenwärtige Himmel versprach mehr als der zukünftige.
Die machtvolle Propagandamaschine mit ihrer großen Überzeugungskraft faßte die Sache des Kommunismus in glaubwürdige Worte. Den Kindern erklärte man in der Schule alles in rosigen Bildern. Populäre Lieder gaben dem Kommunismus einen anziehenden Charakter. Theater, Kino und Ballett hoben die Helden der Revolution in den Himmel. Der Rundfunk trug den Imperialistenhaß, wobei ganz besonders die USA gemeint waren, in jedes Haus. 1959 schlossen sich die Fernsehsender in Peking, Schanghai, Kanton und Hankow der Kampagne an. Selbst Eisenbahnreisen brachten keine Befreiung von Marschmusik und endlosen Propagandareden, die unaufhörlich aus den Lautsprechern eines jeden Zuges tönten. Von Zeit zu Zeit gingen unendliche Propagandisten singend, tanzend und den Vorsitzenden Mao preisend durch die Wagen.

Die schwindende Kirche
Zwar überlebte die christliche Kirche, aber nur unter großen Einschränkungen. Die Zahl der Gemeinden in größeren Städten ging drastisch zurück, und es blieben nur wenige andere Städte die mehr als eine Gemeinde haben durften. Die übermäßigen Kirchengebäude wurden für andere Zwecke verwendet. Das mußte zwangsläufig zu einem gewissen Maß an Vereinigung unter den protestantischen Kirchen führen, was auch bezweckt werden sollte.
Soziale und politische Tätigkeiten, die auf Sonntage angesetzt wurden, machten den regelmäßigen Kirchenbesuche für die Mehrzahl der Christen und ganz besonders die Jugendlichen unter ihnen fast unmöglich. Volle achtzig Prozent der ordinierten Pfarrer waren überflüssig. Man schickte sie daher in Fabriken und auf Bauernhöfe zur Arbeit. Die öffentliche Brandmarkung, bestimmter Pfarrer als «Rechtsler« und «Reaktionäre« durch andere Pfarrer in der einzigen Kirchenzeitschrift «Tien Feng« führte bei vielen zum Selbstmord.
Sechs australische kirchliche Vertreter bereisten China im Juli 1959, dem ersten Jahr des «großen Sprung vorwärts«. Im Gegensatz zu der wahren Situation gaben sie einen begeisterten Bericht über das, was ihnen zu sehen erlaubt worden war und was sie von gutinstruierten Kirchensprechern zu hören bekommen hatten. Andere ausländische Besucher täuschte man auf ähnliche Weise. Offene Opposition gegen die «Patriotische Drei-Selbst‑Bewegung« gab es nicht mehr, und die verschiedenen Zweige der christlichen Kirche waren unter einen Hut gebracht.
Die protestantische Organisation, die vom Büro für Religiöse Angelegenheiten unterstützt wird, heißt «Drei‑Selbst‑Bewegung«. «Drei‑Selbst« bedeutet, daß sich diese Kirche selbst verwaltet, selbst gestaltet und selbst entfaltet. Damit hatte man das Ziel ausländischer Missionare für die chinesische Kirche neu verdreht. Dieses Schlagwort bedeutete nun den Bruch aller Finanz‑ und Verwaltungsverbindungen zur Missionsbewegung und den fremden «imperialistischen« Ländern.

Die politische Kirche
Y. T. Wu, der frühere CVJM‑Generalsekretär und Hauptfigur der neuen Bewegung, gab einen begeisterten Bericht über den Fortschritt der Kirche im ersten «großen Jahrzehnt« der kommunistischen Herrschaft nach der Entledigung der imperialistischen Fesseln. Auf dem zweiten Nationalen Volkskongreß 1960 sprach er über die Notwendigkeit der Selbstreform unter den Christen. Die christliche Presse folgte dem Beispiel der nationalen Presse, indem sie die Hölle des früheren Regimes mit dem Himmel der neuen Gesellschaft verglich. Und auch die heftige Verleumdung der Missionare als Agenten des Imperialismus ging weiter.
Fräulein Gerde Büge hatte Gelegenheit, Westchina noch einmal zu besuchen und mit ein paar alten Freunden zusammenzutreffen. Was sie vorfand, war eine erschreckende Minderheit der Christen. Sie war erstaunt, daß die Arbeit der Kirchen inmitten der großangelegten nationalen Bemühungen, dem Wirtschaftsstandard der Welt durch den «großen Sprung vorwärts« gleichzukommen, überhaupt überlebt hatte. Sie hörte von Pastoren, die in Gurkenfabriken, in der Milchwirtschaft, in Ziegeleien und in der Landwirtschaft beschäftigt waren. Einige von ihnen waren jedoch von der Bevölkerung zu ihren örtlichen Vertretern ernannt worden.
Eine frühere Missionarin, Frau Esther Nystrom, kehrte 1960 ebenfalls besuchsweise mit einer Kulturgruppe aus Schweden nach China zurück. Sie nahm in jeder Stadt an Gottesdiensten teil und besuchte die Theologischen Fakultäten von Peking und Nanking. Bischof K. H. Ting, ein Vizepräsident der «Drei-Selbst‑Bewegung«, war dort Rektor. Im neuen China begegnete sie keinen Bettlern, keiner Prostitution, keiner Trunksucht und keinem Verbrechertum. Frau Nystrom erfuhr auch, daß eine Kommission, die 1956 von der «Patriotischen Drei‑Selbst‑Bewegung« gegründet worden war, an einer neuen Bibelübersetzung arbeite.
Im Januar 1960 berief die «Drei‑Selbst‑Bewegung« die zweite nationale Konferenz nach Schanghai ein. Dreihundertneunzehn Delegierte aus allen Teilen Chinas nahmen daran teil und wählten ein neues Nationalkomitee von hundertfünfundvierzig Mitgliedern.
Der stellvertretende Vorsitzende, Dr. Wu Yi‑fang, berichtete, daß mit der Sprengung des «gegenrevolutionären Rings«, angeführt von Wang Ming‑tao und Watchman Nee, die meisten reaktionären Kräfte aus der Kirche vertrieben wurden. Obwohl jede Ausübung der Religion umgestaltet wurde, um die sozialistische Produktion nicht zu beeinträchtigen, bezeichnete Dr. Wu die Behauptung, daß die christliche Kirche als Ergebnis des «Großen Sprung vorwärts« einen schweren Schlag erlitten habe, als imperialistische Verleumdung. Die Christen und das andere chinesische Volk atmeten dieselbe Luft. Nicht die Kirche, sondern der Imperialismus habe einen tödlichen Schlag erhalten.
Der Ton der Konferenz ließ klar erkennen, daß sie sich nicht so sehr damit befaßte, wie die Kirche ihr Zeugnis in eine kommunistische Gesellschaft hineintragen sollte. Es lag ihr vielmehr daran, sich mit ihrer Funktion als politische Einrichtung zu beschäftigen. Im Blick auf die Universitäten meinte Dr. Wu, «sie hätten einige Änderungen vorgenommen, wobei die Betonung auf politische Angelegenheiten verlagert worden sei« Die folgenden regionalen Konferenzen hackten immer wieder auf dem altbekannten Thema des «Antiimperialismus« und den Gefahren, die der Kirche immer noch von seiten der imperialistischen Aggression drohten, herum.
Kurze Zeit danach wurde das Theologische Seminar von Peking geschlossen und die Studenten an das Nanking‑Seminar versetzt. Zurück blieb ein akademischer Untersuchungsausschuß.
Die Verunglimpfung von Missionaren dauerte auch 1961 noch an. Dabei lag die besondere Betonung auf der Art und Weise, wie de Missionare Sonntagsschulen mißbraucht hätten, um die Gedanken der Kinder mit dem Imperialismus zu vergiften. Christen wurden warnend darauf hingewiesen, daß der missionarische Imperialismus immer noch verbrecherische Sabotage gegen das neue China sei. Bei einer Sitzung des Unionsseminars von Nanking, auf der die theologische Ausbildung in China zur Debatte stand, betonte das Direktorium die Notwendigkeit, den imperialistischen Gebrauch der Religion genau zu untersuchen.

Die übrigbleibende Kirche
Die Kritik der Kirchenzeitung «Tien Feng« an gewissen Landgemeinden in Schantung und Tschekiang läßt vermuten, daß sie ein sehr lebendiges Zeugnis aufrecht erhielten. Folgender Brief von 1961 beschreibt das Gemeindeleben in einigen nördlichen Provinzen zu diesem Zeitpunkt:
«Es ist unmöglich, all meine Erlebnisse in einem kurzen Brief zusammenzufassen. Aber Gott wirkt immer noch auf wunderbare Weise im Leben vieler gläubiger Christen. Wir müssen Gott preisen und ihm für seine gnädige Fürsorge und Bewahrung danken. In früheren Zeiten baute die Gemeinde auf Sand, jetzt ist sie auf Fels, den alleinigen Fels, gegründet. Gott macht keine Fehler. Ich war dankbar, Brüder zu finden, die fest im Glauben stehen. Und es waren hauptsächlich junge Menschen.«
In Schanghai wurde die China‑Bibel‑Gesellschaft aus ihren Räumen vertrieben. Sie setzte ihre Arbeit trotzdem in der Moore‑Gedächtniskirche fort. Der Verkauf und die Verbreitung von Bibelstellen ging stark zurück. Alle fühlten den enormen Verbrauch von Zeit und Kraft bei der Bewältigung materieller Angelegenheiten, aber am meisten bekamen ihn die Christen zu spüren. In einer Gesellschaft, die sämtliche geistlichen Werte ablehnt und jede religiöse Tätigkeit mißbilligt, ist es ein brennendes Problem, das geistliche Leben zu erhalten.
Mädchen, die in der Landwirtschaft arbeiteten, hatten nur eine Möglichkeit zu beten. Sie mußten morgens um drei Uhr aufstehen. Um eine stille Zeit zu haben, ließen die jungen an der Universität ihr Frühstück ausfallen, oder sie lasen ihre Bibel nachts im Schein einer Straßenlaterne.
Sitzungsberichte des «Drei‑Selbst‑Bewegung«‑Ausschusses vom August 1962 lassen deutlich erkennen, daß die Kirche als Beweis für ihre Solidarität mit dem chinesischen Volk immer mehr in politische Aktivität verwickelt wurde. Kirchenabgeordnete, die man zu verschiedenen Konferenzen ins Ausland geschickt hatte, nutzten die Gelegenheit, um die chinesische Regierung zu rühmen. Andere jedoch, wie Markus Cheng und Francis Wei, mußten die übelsten Verleumdungen über sich ergehen lassen, sie die Regierung angriffen. Edgar Snows Buch Red China Today (1962) verweist oft auf die revolutionäre Feindseligkeit, der Religion allgemein und den historischen Kirchen und der Missionsbewegung gegenüber.
1962 erreichten die Welt immer weniger zuverlässige Nachrichten über die chinesische Kirche. Aber ein chinesischer Reporter, der am 3. Dezember 1962 einen Bericht in der «Hongkong Tiger Standard« veröffentlichte, der auf Aussagen von Flüchtlingen beruhte, schrieb von einem Rückgang des Gottesdienstbesuchs. Da der Gottesdienst so formell und voreingenommen ist, treffen sich Christen, laut Bericht, privat in kleinen Hauskreisen. Sie riskieren damit, wegen Verstoßes gegen ein Gesetz, das Privatversammlungen verbot, eingesperrt zu werden. 1958 waren alle Zusammenkünfte außer Sonntagmorgengottesdienste verboten worden; also auch Kindergottesdienst, Frauen- und Bibelstunden.
Aber es gelang nicht, das Licht christlichen Zeugnisses zu ersticken. Aus Tschangscha, Maos eigener Heimat, kam dieser Brief vom Juni 1962:
«Ich habe mich sehr über Deinen Brief gefreut. Wie gut ist es doch, wenn einer an den anderen denkt, auch wenn man über zehn Jahre nichts mehr voneinander gehört hat! Ich hoffe, daß Deine Arbeit gut geht und Deine Familie wohlauf ist. Wenn wir auch voneinander getrennt sind, vergessen wir doch unsere Gemeinschaft im Heiligen Geist nicht.
Meine Gemeindearbeit habe ich in den letzten zehn Jahren ununterbrochen fortgesetzt. Die Verhältnisse an anderen Orten sind geblieben, wie sie waren, und die Gottesdienste nehmen ihren normalen Verlauf. Ich bin jetzt siebenundsiebzig Jahre alt, kann aber noch alle möglichen Arbeiten tun … Ich kann Überfluß haben und niedrig sein. Überall und in allen Dingen habe ich gelernt satt und hungrig zu sein, beides, Überfluß und Mangel zu haben. Ich danke Gott von ganzem Herzen, daß ich zufrieden sein kann, gleichgültig, in welchem Zustand ich mich befinde. Wahrlich, das Mehl in der Tonne ging nie aus, noch mangelte dem Ölkrug etwas, und in Christus ist jeder Mangel voll gedeckt. Möge Gottes Gnade bei Euch allen sein!«

Die verurteilte Kirche
Ein Artikel in der «Tien Feng« vom März 1963 war überschrieben: «Haltet das Banner des Antiimperialismus und Patriotismus hoch und erfüllt unsere jetzigen Aufgaben!« Diesem Bericht zufolge hinkten die Christen in ihrem politischen Denken nach. Außerdem sei es die Aufgabe der Kirche, einen christlichen Antiimperialismus durch das Studium des Sozialismus zu entwickeln und energische Bemühungen in der Selbstreform und der historischen Forschung zu unternehmen.
Ein Jahr später begann die Presse, umfassende Angriffe gegen sämtliche Religionen zu veröffentlichen. Menschen in kirchlichen Diensten wurden angeklagt, ihre Opposition gegen die Regierung unter dem Mantel der Religion zu verbergen, eine Bedrohung für Frieden und Sicherheit darzustellen, kein Vertrauen zur Politik und den Plänen der Regierung zu haben, dem Einfluß des Imperialismus zu erliegen und eine Machtentfaltung der Religion zu beabsichtigen. «Die Religion ist unser Feind!« «Die Religion ist schuldig! « «Bildet eine geschlossene Front gegen die Religion!« (Rote Flagge.)
Fräulein Gerde Büge besuchte 1965 noch einmal China. Diesmal war ihre Reise auf Peking, Schanghai und Nanking begrenzt. Dort verbrachte sie einige Tage am Theologischen Seminar. Sie war sehr daran interessiert, die dokumentarischen «Beweise der missionarischen Beteiligung an der imperialistischen Aggression« zu sehen, die dort in der Bibliothek in Glaskisten ausgestellt waren. Die Zahl von achtzig anwesenden Studenten war viel zu klein, um den Mangel an Gemeindearbeitern in der Zukunft decken zu können. Man erzählte ihr, die Kirchengemeinden außerhalb der größeren Städte seien sehr klein. Ausländische Besucher wurden jedesmal in dieselbe Kirche geführt und trafen mit denselben christlichen Sprechern zusammen. Für gewöhnlich waren es Li Chu‑wen von der Gemeinschaftskirche in Schanghai, der Generalsekretär der Drei‑Selbst‑Bewegung, Bischof K. H. Ting, Präsident des Theologischen Unionsseminars von Nanking und Vizepräsident der Drei‑Selbst‑Bewegung, und Dr. Y. T. Wu, Vorsitzender der Drei‑Selbst‑Bewegung. Die Kommentare dieser Männer neigten dazu, die Tatsache zu verschleiern, daß die Kirche kaum geduldet war, auch wenn sie ihre Funktionen und Zeremonien noch ausübte. Ihr Tätigkeitsbereich war streng abgegrenzt und ihre Mitgliedschaft nahm nicht mehr zu.
Rev. Li Chu‑wen erzählte einem zu Besuch weilenden schwedischen Angehörigen einer Pfingstgemeinde. Wir sind überzeugt, daß uns die derzeitigen Gegebenheiten dem Kern des Evangeliums nähergebracht haben. Die evangelische Christenheit in China wird ihre innere Lebendigkeit bewahren und ihre Botschaft auf eine Art und Weise verkündigen, die den geistlichen Bedürfnissen des Menschen völlig genügt.
Dagegen boten sich einem indischen Christen, der an den Sportfestspielen teilnahm, die im September 1965 in Peking stattfanden, ganz andere Eindrücke. Nach einem Gottesdienst in einer schlechtbesuchten Kirche sagte er: «Die Kirche des kommunistischen China scheint keine Zukunft zu haben.«

Die verfolgte Kirche
1966 kam der große Schlag: Der Großangriff gegen die Religion hatte schließlich begonnen. Mit ungeheurer Energie fiel die Kulturrevolution über die alten Kulturen her. Alle Religionen mußten ohne Ausnahme die Schändung ihrer Gottesdienstorte, ihrer Tempel, Altäre, Moscheen, Heiligtümer und Kirchen über sich ergehen lassen.
In Lhasa tobte die Zerstörungswut, und auch der historische Tempel des Konfuzius in Schantung wurde erheblich beschädigt. Die Lage aller Christen war zum erstenmal seit 1949 wieder bedrohlich. Im August wurde die römisch‑katholische Südkathedrale in Peking beschlagnahmt und ihre religiösen Symbole durch rote Fahnen, Banner, Statuen oder Bilder von Mao und durch die unvermeidlichen roten Plakate ersetzt. Acht Nonnen des Heiligen‑Herz‑Klosters vertrieb man aus China. Eine von ihnen starb an den Folgen ihrer Behandlung. Alle Statuen von Christus und der Jungfrau Maria wurden zerschlagen. Römisch-katholische und protestantische Kirchen wurden geschlossen und Bibeln, Meßbücher und Gebetbücher auf den Straßen verbrannt.
Der Haß der Roten Garden« gegen die Bibel kam immer zum Vorschein. Sie verbrannten alle, die sie finden konnten, vor Kirchentoren oder in öffentlichen Parks.
Pastor Wongs Geschichte ist nur eine von vielen. Er versah den Dienst in einer glaubensstarken Gemeinde, als die Roten Garden« in seine Stadt kamen. Nachdem sie sich den Pastor und die Gemeinde als «Volksfeinde« ausgesucht hatten, tobten sie rücksichtslos durch das Kirchengebäude und verwandelten es in ein Schlachtfeld. Danach befahlen sie dem Pastor und seiner Frau, alle Bibeln und Gesangbücher auf die Straße zu tragen. Sie mußten niederknien und alles verbrennen. Dann trieb man sie aus ihrem Haus. Jeder, der versuchte, ihnen zu helfen, wurde als «feindlicher Hund« gebrandmarkt.
Herr und Frau Wong nahmen schließlich Stellungen als Arbeiter an, die ihnen kaum das Notwendigste zum Leben einbrachten. War Pastor Wong auch das Predigen verboten, so pries er doch mit seinem Leben unaufhörlich den Herrn Christus.
Gewalttätigkeiten gegen die Kirchen setzten sich auch im April fort. Kaum ein Pfarrer blieb verschont. Die Kirchen in Kanton, Swatow und Schanghai wurden bis Mitte Sommer gesäubert. Darauf folgten Nanking, Peking und andere Großstädte. Die «Drei‑Selbst‑Bewegung« wich den «Roten Garden« aus.
Säuberungsaktionen und fanatische Christenverfolgung gingen Hand in Hand. Viele von ihnen mußten in der Gosse niederknien, wo sie verhöhnt und angespuckt wurden. Anderen schnitt man so die Haare, daß nur noch ein Kreuz als «schmachvolle Kennzeichnung« übrigblieb. Wieder andere zwang man, durch die Stadt zu marschieren als «religiöse, schlechte Elemente«, und die Menge verspottete sie. Einem Pfarrer, der in einer Fabrik arbeitete, hängte man ein Plakat um, auf dem zu lesen war: «Ich bin ein Lügner und Verräter!« Er wurde gezwungen, diese Worte zum Vergnügen seiner Arbeitsgenossen immer wieder herzusagen. Eine Frau, die im Gemeindedienst stand, erhielt brutale Schläge ins Gesicht. Das Haus einer achtzigjährigen Frau wurde durchstöbert und ihre Bibel zerrissen. Uni sie zu verspotten, versuchte man sie zu der Aussage zu zwingen: Es gibt weder Gott noch Christus!« Darauf antwortete sie: «Wie könnte ich so etwas sagen, nachdem ich seit vierzig Jahren an ihn glaube!«
Viele Pastoren brachen zusammen und nahmen sich das Leben. Ein christliches Ehepaar aus Schanghai brandmarkte man als Kapitalisten, vermutlich ihrer früheren Universitätsausbildung wegen, und trieb sie dazu, Gift zu nehmen. In Peking nahmen sich zwei Arzte während der Terrorherrschaft das Leben.
Bischof K. H. Ting von Tschekiang, ein loyaler Regierungsanhänger, verschwand im September aus dem öffentlichen Leben. Bischof Michael Tschang aus Fukien und seine beiden Weihbischöfe steckte man in ein Schulungslager. Auch Dr. James Ting, der Methodistenführer, wurde nach öffentlichen Demütigungen dorthin gebracht.
So war 1966 das erste Jahr seit dem Einzug des Christentums China, in dem Weihnachten außer in der Britischen Botschaft in Peking und den Büros des britischen Geschäftsträgers in Shanghai nirgends gefeiert wurde. Beide Gebäude waren 1967 das Angriffsziel der «Roten Garden«. Dabei verletzte der Pöbel den Geschäftsträger in Schanghai (P. M. Hewitt) ernsthaft.
Herr und Frau Liu haben sechs Kinder. 1961 gelang es Frau Liu, China mit den Kindern zu verlassen, aber Herr Liu erhielt keine Ausreiseerlaubnis. Seine Frau hatte ihn schon mehrmals besucht. Als sie aber das letztemal kam, war ihm seine hübsche Wohnung von den «Roten Garden« weggenommen worden. Er bewohnte ein einziges Zimmer, in dem sie flüstern mußten, damit man sie nicht belauschen konnte. Es war ihm gelungen, seine Bibel im Feuerholz versteckt zu halten, aber sie hatten keine Möglichkeit, laut darin zu lesen oder miteinander zu beten. Um allein zu sein, ging das Ehepaar im Park spazieren. Dieser war aber so überfüllt mit Leuten, daß sie keinen ungestörten Platz zum Beten finden konnten ‑ bis es zu regnen anfing. Bald lag der Park verlassen da, und die Lius waren, wenn auch durchnäßt, allein. Im Regenguß hielten sich die beiden an den Händen und sangen ein altes Lied, das sie einmal auswendig gelernt hatten:
«Trotz aller Trübsal, die ich habe,
trotz aller Dornen, die meine Füße zerstechen,
bleibt der Gedanke überaus lieblich:
Du denkst ja, Herr, an mich.«

Die aufgelöste Kirche
An Ostern 1967 war die Liquidierung der organisierten Kirche in China vollzogen, wie folgende Auszüge andeuten:
Schreiben eines Christen aus Kanton vom November 1967:
«Nun gibt es in Kanton weder Gott noch Buddha. Im letzten Jahr nahm ich gelegentlich an einigen Gottesdiensten teil, aber was ich dort hörte, war alles andere als christliche Botschaft. Jetzt sind alle Kirchen in der Stadt geschlossen. Alle, die im Gemeindedienst standen, hat man eingesperrt, kahlgeschoren und durch die Stadt getrieben. An den Kirchen kleben große Schriftrollen, auf denen geschrieben steht: ,Hängt Gott!‘
Bibelworte kann man hier nicht hören. Es ist deshalb natürlich sehr schwer, vom Heiligen Geist geführt zu werden. Wie ich Euch beneide! Ihr könnt Eure Bibel oft lesen, zusammenkommen und das Wort hören.
Meine Lage ist wirklich entmutigend. Wenn man keine Arbeit hat, um für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, hat das Leben seine Bedeutung verloren. Die Umstände hier halten mich in ihrer Knechtschaft und machen es mir unmöglich, die Wirklichkeit des Herrn zu kosten. Betet, daß der Herr mir gnädig sei, und hofft, daß Ihr mir helfen könnt, auf dem Weg des Kreuzes weiterzugehen.«
Einige Zeit vorher schrieb eine Mutter von vier Kindern:
«Das Geld, das Ihr schicktet, kam pünktlich an. Ich danke Gott, der das Gebet erhörte, und Euch danke ich für Eure Liebe. Gott hat nicht versprochen, daß der Himmel immer unbewölkt sein werde. Es mag sein, daß die Schatten die Erde für einige Zeit bedecken, aber sie werden bald verschwinden. Dann ist der Himmel wieder klar, und die Sonne wärmt unsere Herzen wieder.
Was für einen wahrhaftigen und liebenden Gott wir haben! Wie kurz sind doch ein paar Monate im Vergleich zum Leben! Einmal mehr läßt er uns eine Glaubenslektion erfahren und von neuem die Schwierigkeiten des Lebens kosten. Obwohl man kein Großes Buch mehr lesen kann, ist es doch herrlich, daß der Heilige Geist in uns selbst ist.
Bruder (ihr Mann) kam letztes Jahr einmal zurück. Es war die Gelegenheit aus der Hand Gottes, so daß er seinen besagten Vater noch einmal sehen konnte. Gott sei Dank! Wir dachten, er käme nie mehr nach Hause. Wie konnten wir wissen, daß ihn Gottes allmächtige Hand noch einmal nach Hause bringen würde! Er war tot und doch lebendig, verloren und doch wiedergefunden. Ihm sei zweifacher Dank gesagt! Wir leben durch und durch von der Gnade Gottes. Vergeßt niemals, für uns zu beten. Schreibt aber nur, wenn es wirklich notwendig ist!«
Später schrieb sie:
«Gott ist treu und voll Liebe. Er kann die dunklen Wolken vertreiben, damit das Licht auf uns scheinen kann. Aber oft läßt er zum Wohl seiner Kinder ein paar Kanaaniter für uns übrig, damit wir das Kämpfen nicht verlernen. Das ist ein Geheimnis der geistlichen Welt ‑ und das Bild unseres Lebens. Wenn wir Mangel am Brot des Lebens haben, fühlen wir uns oft bekümmert und murren wie Habakuk: Warum? Mit dem Glauben als Schild verschwinden jedoch alle diese Sorgen. Um uns herum, sogar innerhalb der Familie, verspüren wir oft die Angriffe des Satans. Möge Gott sich über uns erbarmen! Bitte, vergeßt nicht, für uns zu beten. Möge die Gemeinschaft des Heiligen Geistes immer bei uns sein!«
Aber das Leiden hat auch oft eine reinigende und läuternde Wirkung. Ein chinesischer Pastor in Hongkong erhielt 1968 diesen Brief aus dem Norden Chinas:
«Da ich Experte im Ingenieurwesen bin, hatte ich einen gehobenen Posten und bezog ein hohes Gehalt. Dieses Leben gefiel mir ganz gut. Aber als Ergebnis der Kulturrevolution habe ich jetzt meinen gehobenen Posten, mein hohes Gehalt und alles andere verloren. Ich arbeite nun als ganz gewöhnlicher Arbeiter. Aber ich bin glücklich, daß ich die völlige Freude des Christus wiedergefunden habe. Und ich weiß, daß es anderen Freunden genauso erging.«

Die hoffnungsvolle Kirche
Wie sieht die Zukunft der Religion in China aus? Mitglieder einer japanischen Gesandtschaft nach Peking Mitte des Jahres 1967 mußten die Zitate Maos mindestens fünfmal am Tage lesen. Bei dieser Gruppe waren vier Christen. Sie bestätigten, daß alle Kirchen vorläufig geschlossen seien. Aber Frau Anna Louisa Strong, eine alte Autorin und langjährige Bekannte des Vorsitzenden Mao, die in Peking wohnt, äußerte ihnen gegenüber die Meinung, daß die Tore der religiösen Einrichtungen nach der Kulturrevolution wieder geöffnet würden.
Rev. Jan Thomson, der einmal in China gelebt hatte, verbrachte im August 1967 drei Wochen dort. Er hatte aber sehr wenig Bewegungsfreiheit. In jedem Zug und jedem Flugzeug traf er auf die Propaganda der «Roten Garde« und mußte am Studium der Zitate Maos teilnehmen. Die Kirchen, die er sah, waren alle geschlossen; einige waren verlassen, und andere wurden als Schulen benützt. Thomson schließt seinen Bericht mit den Worten: «Zusammenfassend möchte ich sagen. Man kann sich heute nicht in China aufhalten, ohne von diesen glücklichen, wogenden Massen der Millionen Chinesen beeindruckt zu sein. Sie glauben, meiner Meinung nach, wie kein anderes Volk auf dieser Welt, daß sie wissen, wohin sie gehen, und sie sind über diese Aussichten begeistert … Nach vorne getragen auf den Flügeln des Glaubens an Mao und in ihrem ewigen Morgenlicht, erzeugen sie ein Gefühl der Kraft und Hoffnung, das man nur bewundern kann.«
Thomson hatte aber keinen Kontakt mit denen in dieser Gesellschaft, die «in der Welt, aber nicht von der Welt« sind. Für die Christen sieht die Zukunft weniger rosig aus, obwohl auch sie «durch Hoffnung gerettet sind« ‑ eine Hoffnung auf bessere Zeiten, aber letztlich doch eine Hoffnung auf die Wiederkunft Christi. In der Zwischenzeit hängt das überleben des Christentums in China von der «zellenartigen« Kirche ab, in der Christen zu festgesetzten Zeiten in Gruppen von nicht mehr als zehn Personen, oft sogar noch weniger, zusammenkommen.
Man weiß von diesen Gruppen, daß sie sich vermehren und daß ihr Zeugnis wirksam ist. ‑«Erzählt uns vom Christentum«, bat eine Gruppe von Dorfbewohnern, «damit wir den Frieden bekommen, den ihr habt!« ‑«Sage uns, wie man eine solche Freude bekommen kann, wie du sie in so schwerer Trübsal besitzt!« forderte ein Lehrer von einem christlichen Mädchen an einer Pädagogischen Hochschule.
Jemand, der Verbindung zu Christen in China hat, schrieb: «Die Kirche ist stärker als vor zehn Jahren, wenn auch nicht nach außen hin und in sichtbaren Organisationen, sondern im Glauben und in seiner Ausübung . . .«
Wie können wir unseren christlichen Brüdern in China helfen. Ein offensichtlicher Weg sind Rundfunksendungen, die nach China ausgestrahlt werden. Auszüge aus Briefen im Anhang des Buches zeigen die Wirksamkeit dieser Verbindungsmittel.
Der Zerfall zentraler Behörden und die Nachlässigkeit seitens der Polizei machen es den Christen offenbar verhältnismäßig leicht, ausländische Sender zu hören‘ und miteinander Gemeinschaft zu haben. Die Heilige Schrift wird z. B. in Diktiergeschwindigkeit gelesen, um den Christen eine Möglichkeit zu geben, ihre verlorengegangenen Bibeln durch eine Anzahl handgeschriebener Schriftteile zu ersetzen. Andere Möglichkeiten stehen zur Zeit nicht offen. Es bleibt nur noch die Fürbitte, die große Macht, die die «Kirche im Schatten« trägt, bis die Sonne eines neuen Tages wieder scheinen wird.

3. KAPITEL

BITTERE LEKTIONEN

Die Verfassung Chinas enthält wie die der Sowjetunion eine Klausel, die dem Volk Glaubensfreiheit zusichert. Die chinesischen Kommunisten machten mit dieser Zusicherung Propaganda, als sie 1949 die Macht an sich rissen. Christen und Andersgläubigen wurde versichert, sie hätten für die Freiheit ihrer Religionsausübung nichts zu befürchten. Die Bestätigung dafür schien 1950 zu kommen, als eine Gruppe von Kirchenführern für drei Tage als Gäste der Regierung nach Peking eingeladen wurde ‑ eine Ehre, die niemals zuvor gewährt worden war, auch nicht unter dem christlichen Staatsoberhaupt des vorhergehenden Regimes.
Ministerpräsident Tschu En‑Lai erklärte, daß die Volksregierung keinen Streit mit der Kirche als solche habe. Die Kritik beziehe sich nur auf die Art und Weise, in der die Kirche von imperialistischen Missionaren ausgebeutet und die Christen von imperialistischen Denkweisen vergiftet worden seien. Wenn sich die Kirche ihrer konstitutionellen Freiheit erfreuen wolle, müsse sie zuerst einmal «das Haus säubern«, d. h., sich der Missionare und ihres schädlichen Einflusses entledigen und die Führung der Partei anerkennen. Das Manifest, das die Annahme dieser Forderungen enthielt, brachte die Kirche in ein Dilemma, aber sie hatte keine andere Wahl, als ihre missionarischen Mitarbeiter aufzufordern, zu gehen.
Als die Missionare China verließen, blieb die Kirche verwirrt und ihre Führung in sich gespalten zurück. Das Manifest verkörperte die offizielle Haltung und enthielt die Politik der neu gegründeten Patriotischen Drei‑Selbst‑Bewegung«. Seinem Wortlaut zufolge gehorchte die chinesische Kirche der Partei, unterstützte die Regierung bei allen sozialen und wirtschaftlichen Reformen als Gegengabe für die Freiheit, ihren eigenen Glauben und ihren Dienst auszuüben. Ein solcher Handel schien der einzige Ausweg zur Erhaltung der Kirche zu sein. Auch konnte man die Bibel zitieren, um diese Aktion zu verteidigen. Die große Mehrheit der Führer schlug daher die offizielle Richtung ein.
Aber es gab auch einige wie Watchman Nee und Wang Mingtao, die nicht bereit waren, den Köder zu schlucken.
Wang Ming‑tao, Pastor der größten Gemeinde in Peking und ein einflußreicher Mann im ganzen Land, unterzog das als «imperialistische Gift« bezeichnete Denken einer genauen Prüfung. Dabei fand er heraus, daß es einige wichtige und grundlegende Wahrheiten des christlichen Glaubens waren, und er äußerte dies auch in der Öffentlichkeit. Seine eigene Gemeinde hatte nie unter missionarischen Einfluß aus dem Ausland gestanden. Obwohl er auf anderen Gebieten nicht frei von jeder Kritik an ausländischen Missionaren war, ließ er die These, sie seien Agenten des Imperialismus gewesen, nicht gelten. Auf der anderen Seite waren die Führer der «Drei‑Selbst‑Bewegung« Männer, die er schon oft wegen ihrer liberalen Theologie angegriffen hatte, und mit deren neuen Aktionen er nicht einverstanden war.

Es war für ihn daher unmöglich, mit diesen Männern am gleichen Joch zu ziehen. Wang glaubte an die Autorität der Heiligen Schrift und daran, daß sich die Politik jener Männer mit der Zeit als verkehrt herausstellen würde. Deshalb weigerte er sich, sich auf Gedeih und Verderb mit der Drei‑Selbst‑Bewegung« zu verbinden, und nahm außerdem eine entschlossene Haltung gegen die Zusammenarbeit mit der Regierung ein, zu der sich die meisten Kirchenführer des Landes bekannt hatten.

Wer behielt recht? Wang Ming‑tao wurde 1955 ins Gefängnis gesperrt, um lebenslänglich für das Festhalten an seinen Grundsätzen zu büßen. Seine Gemeinde wurde aufgelöst. (Nach zwölfjährigem Aufenthalt in einem Pekinger Gefängnis, brachte man den 68jährigen Pastor 1968 in ein Arbeitslager nach Tatung, Nordschansi.) Viele, die Wangs Ansichten teilten, verschwanden wie er im Gefängnis. Die Kirche der Drei‑Selbst-Bewegung« funktionierte jedoch noch weitere zehn Jahre, wenn die Zahl ihrer Mitglieder auch sehr zurückging. Patriotismus wurde zu ihrem Hauptanliegen. Um ihn unter den Christen zu fördern, stellte die Regierung Gelder für die Schulung der Geistlichen zur Verfügung. Die Predigten waren in ihrem Ton immer politischer gehalten, während biblische Lehren über das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi nicht berührt wurden. Diese Atmosphäre führte bei vielen Christen zur Ernüchterung, und sie begannen, frohe wahre Gemeinschaft in nichtöffentlichen Hauszusammenkünften zu suchen.

Es blieb der Kulturrevolution überlassen, die Maske des Kommunismus abzureißen und ihn als erbitterten Gegner der Religion zu entlarven. Alle Kirchen, ungeachtet welcher Zugehörigkeit, wurden geschlossen. Auch die sklavisch ergebenen Anhänger der Regierung fanden sich zu ihrer Enttäuschung im Gefängnis oder in Arbeitslagern.
Diese tragische Geschichte von Männern, die leiden mußten wegen ihrer ablehnenden Haltung der Drei‑Selbst‑Bewegung« gegenüber, aber auch trotz ihres untergebenen Festhaltens an der Parteilinie und der Führung der Drei‑Selbst‑Bewegung«, fordert eine gründliche Durchleuchtung. Sie enthält wichtige Lektionen für die übrige Welt.
Was war die Drei‑Selbst‑Bewegung« wirklich? Eine echte, christliche Kirche oder eine Verzerrung wahren Christentums? Ein spontaner Ausdruck christlicher Überzeugung oder eine von den Kommunisten verpaßte Zwangsjacke? Waren ihre Führer freie Vertreter oder Strohmänner? Was brachte sie in den zehn erkauften Jahren nach der Gefangenschaft Watchman Nees und Wang Ming‑taos zustande?

Von Anfang an gingen die Meinungen ausländischer Beobachter darüber auseinander. Die vierteljährlich erscheinende Zeitung der Anglikaner »East‑West Review« (1960) vertrat die Meinung, die Entwicklungen in der chinesischen Kirche seien das Ergebnis echter christlicher Überzeugung und kein kommunistischer Zwang. Die führenden Persönlichkeiten der Kirche seien, laut dieser Zeitung, entschlossene Männer und keine Strohmänner. Ein früherer Chinamissionar legte dagegen den biblisch‑historischen Maßstab an: das gläubige Predigen des Wortes Gottes und die wahre Handhabung der Sakramente für die Wahrhaftigkeit einer Kirche. Da die Drei‑Selbst‑Bewegung einen wichtigen Teil des Christentums verwische, um den Forderungen des Staates nachzukommen, könne man sie nicht länger als Kirche betrachten.
Diese Meinungen vertreten zwei gegensätzliche Standpunkte. Man muß zugeben, daß es für Außenstehende schwierig ist, ein »gerechtes Urteil« abzugeben, wie es der Apostel Paulus von uns gefordert hätte. Aber im Interesse der Wahrheit müssen wir dies Verständnis für Mitchristen in einer außergewöhnlich schwierigen Lage mit der Beurteilung der Tatsachen, soweit sie uns bekannt sind, abwägen.

Die Drei‑Selbst‑Bewegung erhob große Ansprüche für sich selbst. Ein Artikel in der Kirchenzeitung »Tien Feng« vom 10. Oktober 1959 feiert den »zehnjährigen Kampf gegen den Imperialismus und für die Liebe zu unserem Land«. Er schildert die Kirche von 1947 als Werkzeug der Missionare für private und imperialistische Zwecke. Dann gibt er einen Überblick über die Leistungen der Kirche seit dieser Zeit. Die Ablehnung des Manifestes durch die Missionare und seine Begrüßung durch vierhunderttausend Christen. Die Bloßstellung der Religionsmanipulationen des Imperialismus durch die allgemeine Anklagepraxis im Jahre 1951. Der Versuch Wang Ming‑taos und Watchman Nees samt ihren gegenrevolutionären Organisationen, 1953 die Drei‑Selbst‑Bewegung zu zerstören, und wie ihr verrückter Widerstand 1955 gebrochen wurde. Die Entlarvung der »Rechtsler« durch die »Läuterungskampagne« von 1956/57 und der Beginn der Zusammenarbeit »halbkolonialer« Konfessionen.
Die »Sozialistische Erziehungsbewegung« habe sich als wirksam herausgestellt bei der Umformung der christlichen Denkweise und der Vorbereitung auf den großen Sprung vorwärts«. So war die Drei‑Selbst‑Bewegung innerhalb von zehn Jahren .unter der Führung der Partei« zur Reife gelangt und grundlegende Veränderungen in der Kirche vollzogen worden. Es war gelungen, den fremden Imperialismus einzudämmen, rechtsgerichtete Elemente auszuschließen, das Drei‑Selbst‑Programm« für die völlige Selbständigkeit zu erfüllen und die Solidarität mit dem ganzen chinesischen Volk bei seinem Marsch zum Sozialismus zu erreichen.

Christliche Paraden schlossen in vielen Städten als Teil der Feierlichkeiten das «Große Jahrzehnt« ab. Immer wieder hoben Sprecher der Kirche ihre «neugewonnene Freiheit« von der imperialistischen Herrschaft hervor. Sie wiederholten solche Phrasen wie »nackte imperialistische Aggression«, »imperialistische Anwendung der Missionsarbeit« und »Gift des imperialistischen Denkens«, wobei sie sich auf die Mission allgemein bezogen. Missionare bezeichneten sie als »bibellesende Wölfe«. Das Boxer‑Massaker an Christen und ausländischen Missionaren von 1900 rechtfertigten sie als »unvermeidlichen Kampf gegen die Imperialisten, die im größten Teil Chinas Mißbrauch trieben und verbrecherische Tätigkeiten ausgeübt hätten«.
1960 gab Y. T. Wu, der Generalsekretär der Bewegung, die anhaltende Notwendigkeit der Selbstreform unter den Christen zu und forderte die unaufhörliche Wachsamkeit gegen die anhaltenden Gefahren, die der Kirche von seiten der imperialistischen Aggression drohten. Zwei Jahre später beklagte sich die »Tien Feng« immer noch, daß die Christen in ihrem politischen Denken hinterherhinkten und dringend einen «christlichen Antiimperialismus« entwickeln müßten.

Inwieweit sprachen die Kirchenführer wirklich für sich selbst, oder bis zu welchem Grad waren sie Marionetten? Warum sie wirklich für sich selbst sprachen, so hatten sie nichts über die Pflicht der Kirche, das Evangelium von Christus in ihrem Land zu verkünden, wenig wirklich Christliches, aber eine Menge über missionarische Verbrechen und sehr viel über den Sozialismus vorzubringen. Ihr Reden und Schreiben ist der Beweis für einen bemerkenswerten Erfolg des Schulungsprogrammes. Aber sprachen sie wirklich ihre eigenen Gedanken aus?

Ein Überläufer zur freien Welt, Edward C. M. Chen, war zehn Jahre lang Beamter des «Büros für Religiöse Angelegenheiten« gewesen. Das ist eine Regierungsstelle, die für religiöse Einrichtungen zuständig ist und für jede Religion eigene Vertreter und Komitees ernennt. Genosse Chen, der einem Kader angehörte, war schon sehr früh wegen seiner politischen Verläßlichkeit mit der alleinigen Verantwortung für die Handhabung religiöser Angelegenheiten betraut worden. Seine zehnjährige «religiöse Frontarbeit« bot ihm genügend Möglichkeiten, sich ein einmaliges Verständnis der Beziehungen der chinesischen Kommunistischen Partei zur christlichen Kirche anzueignen.
In seinen schriftlichen Äußerungen besteht Chen darauf, die grundlegenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Christen und Kommunisten seien nicht politischer, sondern philosophischer und sozialer Art gewesen. Der Kampf gegen christliche Ziele würde daher nicht offen und formell ausgetragen, er trage vielmehr den Charakter einer »unsichtbaren Schlacht«. Die offizielle Politik suche nicht die völlige Ausrottung, sondern Einschränkungen, Reformen und die Ausnutzung mit dem Ziel der totalen Kontrolle. «Unter dieser Politik«, sagte Chen, »gingen die religiösen Organisationen einen schweren unnormalen Weg und schwanden langsam dahin.«

Mit diesem klaren Ziel vor Augen war die »Drei‑Selbst‑Bewegung« ins Leben gerufen worden. Nur diejenigen, die «politische Kenntnisse« besaßen, erhielten die Erlaubnis, 1950 in den «Vorbereitungsausschüssen« ihren Dienst zu tun. Widerstand von seiten der Katholiken und einiger protestantischer Bewegungen «gegen das Wort »Reform« führte zu dem Namenszusatz «patriotisch«.
Die «Patriotische Drei‑Selbst‑Bewegung« sollte mit der «Religiösen Unionsfront« zusammenarbeiten. Die offiziellen Richtlinien unterschieden zwischen Katholiken und Protestanten, und bei den Protestanten zwischen der »sozialen« Evangeliumsgruppe (aufgeklärt) und der »geistlichen« Gruppe (konservativ, eigensinnig und Gegner der Drei‑Selbst‑Bewegung.

Genosse Chen wußte zunächst nichts über Religion. Er erhielt den Auftrag, sich über religiöse Organisationen zu informieren. Dabei sollte er ihre Führer befragen, deren Arbeit und Tätigkeiten kontrollieren, Katholiken und Protestanten in die Drei-Selbst‑Bewegung bringen, religiöse Führer über die Regierungspolitik auf dem laufenden halten und dadurch ihr politisches Bewußtsein wecken, die Gläubigen soziale Tätigkeit verwickeln, versteckte Reaktionäre aufspüren, ausländische religiöse Gäste unterhalten und den Einfluß der Religion dämpfen. Im Hinblick auf die »Freiheit des religiösen Glaubens« erklärte man Genosse Chen, alle religiösen Tätigkeiten seien strikt auf öffentliche Gebäude zu beschränken, damit sie nicht mit den Ansichten anderer in Konflikt gerieten. Aus diesem Grund waren alle religiösen Tätigkeiten im Freien und in Privathäusern verboten.
Im Namen der Religionsfreiheit war allen, die einen religiösen Dienst ausübten, jegliche Art der Kirchenzucht oder des sozialen Einflusses auf ihre Anhänger untersagt, eine Einschränkung, die zu häufigen Zusammenstößen und Meinungsverschiedenheiten führte.
Chen beschreibt auch die Methoden, sich in die Kirchen einzuschmuggeln. Man benutzte entweder Spione oder legte Schriftabschnitte ganz offen vom marxistischen Standpunkt her aus. Es war das ausdrückliche Ziel der Regierung, soviele Prediger und Evangelisten wie möglich auf ihre Seite zu ziehen, indem man die Bibel im marxistischen Sinne auslegte. Zu diesem Zweck wurden riesige Summen flüssig gemacht und der Drei‑Selbst-Bewegung zur Verfügung gestellt. Damit sollten die Führer umgeschult und der Glaube dazu gebracht werden, der Politik zu dienen.
Dieses aufschlußreiche Dokument zeigt deutlich, daß sogar Helen Willis in ihrem packenden Buch «Through Encouragement of the Scriptures« (Durch die Ermunterung der Schrift) unrecht hatte, als sie schrieb: »Diese Bewegung war von positiv zur Regierung eingestellten, modernen Intellektuellen der Kirche geplant und wird von ihnen kontrolliert.« Die Kirche hat sie weder geplant noch kontrolliert! Sie war eine Schöpfung der kommunistischen Regierung und von Anfang bis Ende von ihr kontrolliert durch die Beamten des »Büros für Religiöse Angelegenheiten«.
Die »Patriotische Drei‑Selbst‑Bewegung« war ganz offensichtlich keine spontane Schöpfung der Kirchen selbst. Waren ihre Führer zu blind, um dies zu erkennen, völlig überrumpelt von der durchdachten Überredungskunst und den ausgeklügelten Methoden der Kommunisten, oder einfach eingeschüchtert? Strohmänner waren sie unverkennbar. Wurden sie es aber bewußt oder unbewußt, freiwillig oder unfreiwillig?
Wang Ming‑tao war es trotz seines großen Leidens wenigstens erspart geblieben, an der Demütigung der letzten Enttäuschung und dem Mißerfolg der fünfzehnjährigen Bemühungen, die Kirche durch zweifelhafte Kompromisse zu erhalten, beteiligt zu sein.
Dieses bittere Kapitel der Kirchengeschichte lehrt uns zwei Dinge: Erstens, daß es immer richtig ist, fest auf den biblischen Grundsätzen zu beharren, ungeachtet der persönlichen Kosten. Es ist für einen Christen niemals richtig, seine Taten von reiner Zweckmäßigkeit bestimmen zu lassen. Gott wurde sicher mehr verehrt durch Wangs tapfere Haltung und die Gefangenschaft Nees und vieler anderer als durch die Einwilligung in angeblich notwendige Schritte, mit dem Ziel, die Kirche überhaupt funktionsfähig erhalten zu wollen.
Zweitens, daß es falsch ist, den kommunistischen Erklärungen und der Propaganda über Religionsfreiheit Glauben zu schenken. Die kommunistische Auslegung der «Freiheit des religiösen Glaubens« ist folgende: Diejenigen, die einer Religion glauben, haben ihre Freiheit, und die, die sie ablehnen, besitzen ihre religiöse Freiheit ebenso. «Du hast die Freiheit, das zu glauben, was dir gefällt, und wir haben die Freiheit, deinen Glauben anzugreifen«, sagen sie.
Mit diesem Grundsatz wurden Sonderschulungskurse für Pastoren eingerichtet, die ihre christliche Überzeugung erschüttern sollten. Wenn die Freiheit des religiösen Glaubens aber nicht die Freiheit einschließt, diesen Glauben gegen Angriffe zu schütz,‑n und ihn öffentlich zu bekennen, so ist sie bedeutungslos. Aber es ist ein unumstößlicher kommunistischer Grundsatz, daß ‑religiöse Tätigkeiten in die Kirche zurückkehren müssen«. Mit anderen Worten: Die Öffentlichkeit muß, koste es, was es wolle, vor jeder Art christlichen Bekehrungseifers geschützt werden. Das war die unaufhörliche Politik der Kommunisten in China und auch während der letzten zwanzig Jahre in Europa.
Es ist der Welt schon lange, ganz besonders aber seit der Kulturrevolution, klargeworden, daß die Freiheit des religiösen Glaubens« in den orthodoxen kommunistischen Ländern nicht das ist, was wir im Westen darunter verstehen. In China war sie nur ein Stück Schaufensterdekoration, um andere asiatische Nationen zu beeindrucken. Aber es war zu keiner Zeit beabsichtigt, die Ausübung der vollen Religionsfreiheit zu gestatten. Wo in der ganzen kommunistischen Welt gab es jemals eine echte, intellektuelle oder religiöse Freiheit?
Aber vielleicht nähert sich die Nacht ihrem Ende. In Europa, vor allem in der Tschechoslowakei, verspürten die Menschen, auch die Christen, für kurze Zeit die Befreiung von der stalinistischen Tyrannei. Mit der Zeit wird es auch russischen Panzern nicht mehr gelingen, die anschwellende Flut gegen die Gewaltherrschaft aufzuhalten. In China konnte selbst das Ungestüm der Kulturrevolution diejenigen nicht ausrotten, die für eine menschlichere Art des Sozialismus eintreten. Revisionisten und Liberalisierende sind immer noch stark vertreten. Vielleicht ist nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch in anderen kommunistischen Ländern, einschließlich China, der Tag der größeren Freiheit näher, als wir denken.

4. KAPITEL

KLEINE ANALYSE DES KOMMUNISMUS

Es ist äußerst wichtig, daß jeder ganz klar und objektiv darüber informiert ist, was Kommunismus oder Marxismus überhaupt ist. Es ist viel leichter, sich gefühlsmäßig von Geschichten über kommunistische Greueltaten und über das Leiden unter dem Kommunismus beeinflussen zu lassen, als sich eine objektive Einschätzung dieses mächtigen Systems anzueignen. So wahr solche Geschichten auch sein mögen, helfen sie uns kaum, die kommunistische Philosophie zu verstehen und das Verhalten der Kommunisten zu begreifen. Auch erklären sensationelle Geschichten nicht, weshalb so viele Millionen Menschen heute ihre Hoffnung auf ein besseres Leben mit den Versprechungen des Kommunismus verbinden. Wir stellten daher ein kleines Lexikon des Kommunismus zusammen. Es soll das Interesse am Lesen der umfassenden Literatur anregen, die es über dieses Thema gibt.

Karl Marx (1818 ‑ 1883)
war deutscher Jude und entstammte einer langen Ahnenreihe von Rabbinern, von denen er auch seine Klugheit erbte. Sein Vater verließ mit seiner Familie die Synagoge, um einer lutherischen Kirche beizutreten. In seinen Jugendjahren schrieb Karl, ein sehr aufgeweckter Junge, eine Broschüre über die Gemeinschaft mit Gott. An der Universität in Bonn verbrachte er ein stürmisches Jahr, gab seinen Glauben an Gott auf und erntete die Mißbilligung seines Vaters, der ihn als Egoist bezeichnete.
An der Berliner Universität verarbeitete er die dialektische These Professor Georg Hegels für seine eigenen Zwecke, indem er «Idee« durch «Materie« ersetzte. Wenn einer These eine Antithese gegenübergestellt wird, so endet diese Auseinandersetzung mit der Entdeckung einer Synthese. Und das ist nach Marx auch das Gesetz des sozialen Fortschritts des Menschen.
Nachdem er seinen Dr. phil. erhalten hatte, zog Marx nach Köln und später nach Paris. Dort heiratete er seine Jugendfreundin. In Paris wurde er Friedrich Engels vorgestellt, der sein lebenslanger Freund und Mitarbeiter wurde. Er studierte Wirtschaftslehre und kam zu dem historischen Schluß, die Wirtschaft sei die einzige Macht hinter dem dialektischen Fortschritt der Gesellschaft. Dieses Gesetz, das er wirtschaftlichen Determinismus (Vorherbestimmung) oder wissenschaftlichen Sozialismus nannte, beinhaltete für ihn die Vorstellung eines unvermeidlichen Fortschritts zu einer endgültigen, vollkommenen menschlichen Gesellschaft. Als er aus Frankreich ausgewiesen wurde, zog er nach Brüssel. Dort wurde sein «Kommunistisches Manifest« veröffentlicht und 1848 die erste Kommunistische Partei gegründet. Marx verlegte seinen Wohnsitz nach London und verbrachte dort den Rest seines Lebens. In persönlicher Hinsicht war sein Leben tragisch, doch schrieb und veröffentlichte er in London sein Hauptwerk: «Das Kapital«.

Wladimir Lenin (1870 ‑ 1924),
ein Russe, war der Mann, der die marxistischen Theorien in die Praxis umsetzte und dem vierunddreißig Jahre nach dem Tode von Marx die erste erfolgreiche Revolution glückte, die Oktoberrevolution von 1917.
Lenin hatte seit 1900 im Exil gelebt. Er und Trotzki waren verschiedener Meinung über Parteidisziplin und die Anwendung von Gewalt in der Revolution. Sie trennten sich schließlich 1912. Als Rußland dann vor einer Niederlage im Krieg gegen Deutschland stand, kehrte Lenin nach Rußland zurück. Trotzki versuchte dort schon, seine Art der Revolution durchzusetzen. Lenin wurde erster Präsident der neuen Republik, mit Trotzki als Außenminister.
Von 1918 bis 1921 tobte der Bürgerkrieg in Rußland, in dem die Kommunisten ausländische Truppen, die den Zar unterstützten, abwehrten. 1922 gründete Lenin die UdSSR.
Sein Beitrag zur kommunistischen Lehre bildet seine Untersuchung des Imperialismus als letzte Stufe des Kapitalismus vor dem Sieg des Sozialismus und den revolutionären Aussichten, die sich aus dieser Situation ergeben. Er starb 1924 an den Folgen der Verletzungen, die ihm bei einem Mordanschlag zugefügt worden waren.

Joseph Stalin (1879‑1953)
wurde vor der Revolution im Jahre 1917 sechsmal des Landes verwiesen. Auch er war sehr selbstherrlich und führte das Werk Lenins fort. Er verwirklichte den ersten Fünfjahresplan, führte die erste Landwirtschaftsrevolution 1922‑33 durch und führte die Kollektivierung der Landwirtschaft ein. Vom Ausland aus dirigierte er die neugegründete Kommunistische Partei Chinas seit ihrer Gründung im Jahre 1921, hatte dabei aber wenig Erfolg.
Die gelungene Verteidigung Rußlands gegen das nazistische Deutschland und die Siege von Leningrad und Stalingrad verhalfen ihm zu großem Ansehen, das die territoriale Ausdehnung Rußlands in der Nachkriegszeit erleichterte. Außerdem sicherte es ihm einen Schutzring kommunistischer Satellitenstaaten, dazu Ostdeutschland und Berlin.
,Stalinismus« wurde der Name für brutale Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Zehntausende wurden ohne Verhandlung nach Sibirien geschickt oder durch die Befehle Stalins zum Tode verurteilt, dessen übertriebener Stolz den Personenkult um seine Person förderte. In China gilt er heute noch als Held.

Nikita Chruschtschow (geboren 1894)
war derjenige, der 1956 Stalin anprangerte, seine Verbrechen aufdeckte, an die Macht kam und die Entstalinisierungspolitik einführte. Dafür erntete er den Haß der Chinesen. Er griff die christliche Kirche in Rußland heftig an. 1964 wurde er aus seinem Amt gedrängt.

Mao Tse‑tung (geboren 1893)
stammt aus Hunan in China. 1911 war er von einem Hügel aus Zeuge der Nationalistischen Revolution in Tschangscha und verschrieb sein Leben der Revolution.
Nach fünfjähriger guter Ausbildung wurde er Bibliothekarsassistent an der Universität von Peking. Er begann, sich für den Marxismus zu interessieren. Während er in Hunan Studentenzeitschriften herausgab, wurde er überzeugter Marxist. Bald nach der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas, 1921, erhielt Mao die Vollmacht, die Bauern seiner Heimatprovinz zu organisieren. Er unterstützte den Nord‑Marsch zum Jangtse-Fluß im Jahre 1926/27 und war in Tschangscha dabei, als es zum Bruch zwischen den Kommunisten und Tschiangkaischek und den Nationalisten kam.
Er führte den Herbstaufstand in Hunan an, erntete aber nur Kritik für seinen Mißerfolg. 1931 war er in den blutigen, erbarmungslosen Machtkampf verwickelt. Dabei begann er auch, seine Partisanenkriegstheorien vorzubringen, die sich auf die Taktiken von Sun Tsu (500 v. Chr) gründeten. Während der Einkreisung der Kuomintang in Kiangsi büßte er einen Teil seiner Autorität wieder ein, war aber einer der Helden des «Langen Marsches« von Kiangsi in Südchina nach Jenan, Schensi, im Norden Chinas im Jahre 1934/35.

Im folgenden Jahr gewann er die Kontrolle über den kommunistischen Parteiapparat und gab Ende desselben Jahres seine Zustimmung zur Entführung Tschiangkaischeks. Daraus folgte eine antijapanische Koalition mit den Kuomintang, die im September 1937 zum Ausbruch des Chinesisch‑Japanischen Krieges führte.
In den Jahren 1938 ‑ 1940 gelangen Mao seine größten literarischen Leistungen. Zur selben Zeit hatten auch seine Partisanenkriegstheorien Erfolg gegen die japanische Armee. 1942‑44 erreichte es Mao, die marxistischen Theorien und Praktiken in einer der ersten Säuberungsaktionen Chinas durchzusetzen. Dadurch erlangte er die Unabhängigkeit der Chinesen von Moskau.
1945 wurden die Gedanken Maos beim siebten Kongreß der Kommunistischen Partei Chinas zur offiziellen Richtlinie der Partei in den Nachkriegsjahren erklärt. Der Mao‑Kult begann zu blühen. In der Zwischenzeit trafen Mao Tse‑tung und Stalin ein Abkommen über ihre Politik. Als sich die japanische Armee dann ergab, fühlten sich die kommunistischen Armeen stark genug, die Kapitulation anzunehmen. Die nationalistischen Streitkräfte befanden sich ja weit weg von diesem Schauplatz im Westen Chinas.
Mao traf nun mit Tschiangkaischek in Tschungking zusammen, um mit ihm die weitere Entwicklung zu besprechen. Diese Gespräche verliefen jedoch erfolglos und führten zum erneuten Ausbruch des Bürgerkrieges. In dessen Verlauf errangen die schwächeren, aber besser organisierten, idealistischen Streitkräfte der Kommunisten den Sieg über die zahlenmäßig überlegene Armee der anderen mit ihrer schwachen Kampfmoral und ihrer unzulänglichen Führung.
Nach der Besetzung ganz Chinas und dem Rückzug der nationalchinesischen Regierung nach Formosa hielten die Kommunisten im September 1949 die erste Zusammenkunft ihres «Politisch‑Konsultativen Volksrats« ab. Am 1. Oktober rief der Vorsitzende Mao Tse‑tung vom Tien‑An‑Tor« der Verbotenen Stadt in Peking die Gründung der Volksrepublik China aus. Im Dezember desselben Jahres traf Mao mit Stalin zusammen, um einen Freundschaftspakt abzuschließen.
Als Stalin 1953 starb, trat Mao dessen geistige Nachfolge an. Er kritisierte erbittert die «Entstalinisierungspolitik« Chruschtschows. Besonders heftig griff Mao die öffentlich erklärte Bereitschaft Rußlands an, die Revolution durch Gewalt zugunsten der friedlichen Koexistenz aufzugeben. Die Gewaltanwendung zur Erlangung des kommunistischen Zieles ist ein wichtiger marxistischer Lehrsatz, an dem China zäh festhält. Maos berühmter Ausspruch verdient es, in vollem Wortlaut wiedergegeben zu werden:
«Politische Macht kommt aus Gewehrläufen. Die zentrale Aufgabe und die höchste Form der Revolution ist die bewaffnete Machtergreifung, ist die Lösung des Problems durch den Krieg. Nur mit Waffengewalt kann die ganze Welt umgewandelt werden!«
Und so bewundert China auch weiterhin den in Mißkredit geratenen Stalin, dessen Ansehen Mao so stolz hochhielt. Das hatte Spannungen zwischen China und der UdSSR zur Folge, in denen Chruschtschow der Stein des Anstoßes war. 1958 kündigte Mao die Gründung der Kommunen und den großen Sprung vorwärts« an. Zwei Jahre später gab China das Scheitern des Planes zu. 1960 wurde China von der UdSSR und seinen osteuropäischen Satellitenstaaten öffentlich angegriffen. Der diplomatische Bruch zwischen China und Rußland hatte den Abzug aller russischen Berater und Techniker zur Folge. 1960 und 1961 waren für China harte Jahre des Hungers und der Versuche, Ersatz für den fatalen Verlust der technischen Hilfe der Sowjets zu finden. 1963 wurde der Abbruch der diplomatischen Beziehungen endgültig.
Um dem Schwinden seiner Autorität entgegenzuwirken, plante Mao 1965 die Große Sozialistische Kulturrevolution~. Ein Jahr später ließ er dann den revolutionären Kräften der Jugend Chinas, den Roten Garden«, freien Lauf. 1967 und 1968 waren Jahre des Aufruhrs, da sich China in zahlreiche rivalisierende Gruppen aufsplitterte, die nach Macht strebten und sich gegenseitig bekämpften. Obwohl sich alle zu Mao bekennen, gibt es auch eine starke Opposition.
Nachdem sich Mao von seinen extremistischen Freunden abgewandt und der Armee zugewandt hatte, gründete er Drei-Wege‑Allianzen, die ihrerseits Revolutionskomitees« aufstellten, um den alten Parteiapparat zu ersetzen.

Materialismus
bedeutet in der kommunistischen Sprache nicht die Liebe zu materiellen Dingen oder Weltlichkeit, sondern vielmehr die Philosophie, die erklärt, die materielle Welt, der wir angehören, ist die einzige Wirklichkeit« (Marx). Die Materie ist ewig, und der Verstand ist der höchste Ausdruck der Materie, nicht etwas von ihr Getrenntes. Das Universum kann nur durch wissenschaftliche Beobachtungen untersucht und verstanden werden. Deshalb schließt der Kommunismus die Wirklichkeit Gottes und des übernatürlichen aus und leugnet auch die Gottheit Christi. Er schließt jede Möglichkeit der Existenz einer Seele im Menschen, eines Weiterlebens nach dem Tode und eines zukünftigen Gerichts aus. Ebenso lehnt er das Bestehen irgendeines ewig geltenden moralischen Gesetzes ab. Der Atheismus ist daher die Grundlehre des Kommunismus, die seine eigenen umfassenden Ansichten über Universum, Mensch, Leben, Tod, Gesellschaft, Wirtschaft, Religion, Ethik und Kultur ersetzt.

Dialektischer Materialismus
ist die Grundlehre des Kommunismus. Sie sorgt als vorausgesetzte wissenschaftliche Erklärung der Geschichte für einen kommunistischen Ersatz des alleinigen Schöpfers und Herrschers der Menschheit. Der dialektische Materialismus setzt ein materielles Universum voraus, in dem für das übernatürliche kein Platz ist. Marx akzeptierte die ursprüngliche Annahme des deutschen Philosophen Georg Hegel (1770 ‑ 1831) an der Berliner Universität, der die natürliche Entwicklung der Idee als eine Art Debatte oder Argument betrachtete.
Ein allgemeiner Vorschlag oder eine Behauptung wird angefochten und gibt Anlaß zu einer Gegenbehauptung oder Antithese. Eine weitere Debatte vereinigt die Gegensätze in einer Synthese, die sofort zu einer neuen These wird. Dann wiederholt sich der ganze Prozeß von neuem. Marx macht diese Theorie zum Hauptpunkt der inneren Bedeutung der Geschichte. Sein eigener Beitrag war die Entdeckung, daß die Wirtschaft die Kraft ist, die dieses Gesetz der Bewegung in Gang bringt. Da der Grundfaktor der Existenz die Notwendigkeit ist, daß der Mensch, um zu leben, essen muß, dreht sich das ganze Leben um die Lebensmittelproduktion oder um die Herstellung solcher Güter, die gegen Nahrungsmittel ausgetauscht werden können.
Marx fuhr fort mit dem Beweis, daß die Geschichte immer eine Anzahl von Revolutionen hervorgerufen hat, die von Konflikten und Spannungen zweier Klassen herrührten, ‑ derjenigen, denen die Produktionsmittel gehören, und derjenigen, die dafür arbeiten müssen, sie aber nicht besitzen. Diese Tatsache ruft den historischen Fortschritt hervor« (de Koster). Graphisch dargestellt, verläuft der soziale Fortschritt in einer Vor‑ und Aufwärtsbewegung, aber nicht geradlinig, sondern in einem vorherbestimmten Zickzackkurs. Das ist der Rhythmus der Geschichte. Der Fortschritt endet in einer klassenlosen Gesellschaft, wenn der Staat verschwindet und der Mensch schließlich unter utopischen Bedingungen lebt.
Dieses Gesetz der Bewegung, von dem manchmal als wissenschaftlicher Sozialismus« gesprochen wird, soll so unantastbar sein wie die physikalischen oder astronomischen Gesetze. Wenn wir dieses Gesetz der Geschichte verstehen, können wir nicht nur die ganze Vergangenheit der Geschichte auslegen, sondern den zukünftigen Verlauf mit vollkommener Genauigkeit voraussagen.
Aber die Philosophie war für Marx nur ein reiner Wegweiser zur Tat. Indem der Mensch seine Taten mit diesem Gesetz in Einklang bringt, kann er das Entstehen einer vollkommenen, gerechten menschlichen Gesellschaft beschleunigen.

Die Geschichte der Gesellschaft
Der Marxist sieht sie als dialektischen Fortschritt von einer primitiven Stammesgesellschaft (kommunistisch) zu einer Sklavengesellschaft, von einer Sklavengesellschaft zum Feudalsystem (Lehnwesen), vom Feudalsystem zum Kapitalismus, vom Kapitalismus zum Sozialismus und schließlich vom Sozialismus zum Kommunismus. Dieser Verlauf war von wirtschaftlichen Faktoren bestimmt: von der Entwicklung der Produktionsmittel und dem Kampf um ihre Kontrolle.
Der Mensch erhob sich vom Affenstadium dadurch, daß er Werkzeuge herstellte. Der Fortschritt war dann bestimmt von der sich entwickelnden Erfahrung in der Anwendung der Werkzeuge bei der Produktion und im Kampf, diese Werkzeuge zu besitzen und zu kontrollieren. Die Arbeit des Menschen schuf daher unsere Welt. Diese Geschichtsphilosophie, die auf dem dialektischen Materialismus aufgebaut ist, nennt man historischen Materialismus. Die gegenwärtige Krise des Kapitalismus und das weltweite Wachstum des Sozialismus ermutigen die Kommunisten in ihrem Vertrauen zur Verläßlichkeit ihrer Prophezeiungen.

Klassenkampf
«Klassen« sind Bevölkerungsteile, die ihren Lebensunterhalt auf dieselbe Art verdienen. Zur Zeit von Karl Marx gab es grundsätzlich zwei Klassen: diejenigen, die Produktionswerkzeuge und Maschinen besaßen, die aber nicht an ihnen arbeiteten (die Kapitalisten), und diejenigen, die an ihnen arbeiteten, sie aber nicht besaßen (Arbeiter oder Proletarier). In der heutigen Zeit ist die Idee der zwei Klassen nicht so leicht zu rechtfertigen.
Das Entstehen von privatem Besitz führte zunächst zu Klassenkämpfen. Folglich bestand die Geschichte aus Klassenkämpfen, und der Höhepunkt der Klassenkämpfe, der Krieg, wird den gewaltsamen Sturz des kapitalistischen Systems zur Folge haben, damit die Arbeiterklasse herrschende Klasse werden kann und eine neue sozialistische Gesellschaft gründen wird: die Diktatur des Proletariats.
Beide, Marx und Lenin, bestanden darauf, daß eine Revolution immer mit Gewalt durchgeführt werden müsse. Den Höhepunkt bildet dann die klassenlose Gesellschaft und das Ende des dialektischen Fortschritts. Dann wird die wahre Geschichte erst beginnen. Die Spannung zwischen den Klassen erzeugt Dynamik, die einen weiteren Fortschritt auslöst. Dasselbe gilt auch für die Widersprüche innerhalb des Kommunismus, Auseinandersetzungen über Politik und die Konflikte zwischen Konservativen und Progressiven innerhalb eines Landes. Es ist wichtig, den Kampf« aufrechtzuerhalten, wenn der Fortschritt anhalten soll.

Sozialismus
Der Aufbau der Gesellschaft nach dem Fall des Kapitalismus als Folge der Revolution wird Sozialismus genannt. Er beinhaltet die totale Nationalisierung aller Produktionsmittel und eine geplante Produktion auf nationaler Basis. In diesem Stadium lautet der Grundsatz des Arbeitsentgelts: Von jedem nach seinen Kräften ‑ für jeden nach seiner Arbeit!«
Es ist klar, daß das Anspornungsmotiv im Sozialismus in den ersten Stadien noch vorherrscht. Aber wenn sich die Produktion steigert und für alle Überfluß da ist, so wird ein neuer Grundsatz eingeführt: «Von jedem nach seinem Können ‑ für jeden nach seinem Bedarf!« Das ist das Stadium des vollkommenen Kommunismus. Dann wird das Anspornungsmotiv nicht mehr benötigt.
Gegenwärtig befindet sich die Welt noch im sozialistischen Stadium, aber sie bewegt sich auf das Ziel des Kommunismus zu. China mit seinen Kommunen hat versucht, den Fortschritt zu beschleunigen, aber Mao hat sich vom Ökonomismus« abgewandt, weil dieser das Anspornungsmotiv in sich schließt, ein Schritt rückwärts in Richtung Kapitalismus ist «und dem kapitalistischen Weg folgt«.

«Das Kapital«
ist das Hauptwerk von Karl Marx und die Bibel des Kommunismus. Es wurde in drei Auflagen nach seinem Tode gedruckt: 1867, 1885 und 1894. In diesem Werk bestätigt Marx noch einmal den Inhalt des Manifests« (1848) und benutzt wirtschaftliche Argumente, um zu beweisen, daß der Kapitalismus unvermeidlich die Minderheit bereichert und die Mehrheit ausbeutet.
Die Hauptthese des Mehrwerts« macht geltend, daß der Wert jeder Ware in der menschlichen Arbeitszeit besteht, die zu ihrer Herstellung benötigt wird. Der Wert wird nur in der Arbeit gefunden.« Um einen Gewinn zu erzielen ‑ das ist der Grund, eine Fabrik zu besitzen ‑, bezahlt der Eigentümer (Kapitalist) den Arbeitern weniger, als ihre Arbeit wert ist. Der Überschuß aus dem Verkauf stellt dann seinen Profit dar. Da die Mechanisierung immer mehr um sich greift, werden weniger menschliche Arbeitskräfte eingestellt, und der Gewinn geht zurück. Um sich selbst zu entschädigen, muß der Eigentümer seine restlichen Arbeitskräfte noch mehr ausbeuten.
Die Umstände werden die Kapitalisten dazu zwingen, sich auf Zusammenschlüsse einzulassen, damit sich das Kapital in den Händen einiger weniger Monopolbesitzer konzentriert. So wird der Arbeiter durch die Wirkung des Arbeitsmarktes bis zum puren Existenzminimum ausgebeutet, während sich der Eigentümer auf Kosten der Arbeiter bereichert. Die zum Feind gemachten Arbeiter (oder Proletarier) beginnen einen zunehmenden Kampf gegen die Eigentümer (oder Bourgeoisie), bis der Zeitpunkt gekommen ist, an dem sie sich erheben und die Kapitalisten in einer gewaltsamen Revolution stürzen. Dann errichten sie die Diktatur des Proletariats, die wiederum den Weg zur endgültigen Beseitigung der Klassen und der Klassengesellschaft vorbereitet.
Marx macht in seinem Buch den Fehler, von isolierten Berichten aus zu verallgemeinern und objektive Wahrheiten durch subjektive Mythen zu ersetzen. Obwohl einige Theorien und Vorhersagen seines Buches nachweislich falsch sind, ist es trotzdem eines der einflußreichsten Bücher, die jemals geschrieben wurden.

Ethik
Da der Mensch nur ein soziales Produkt ist, betrachtet der Marxist die Kultur, Moral, Philosophie und Religion als das Produkt des wirtschaftlichen Stadiums, das die Gesellschaft zu irgendeinem Zeitpunkt erreicht hat«. Die Formen wirtschaftlicher Produktion bestimmen die soziale Existenz. Das ist ,wirtschaftlicher Determinismus« (Vorherbestimmung). Wir weisen daher jeden Versuch zurück uns ein moralisches Dogma irgendeiner Art als ewiges, endgültiges und für alle Zeiten unabänderliches Gesetz aufzubürden« (Manifest).
Der Mensch ist das Produkt wirtschaftlicher Kräfte. Was er glaubt, denkt und gern hat, seine religiösen Ideen, seine Philosophie und seine Ethik sind Ergebnisse der gegenwärtigen wirtschaftlichen Ara. Folglich sind alle moralischen Werte nur relativ. Sie entwickeln sich aus materiellen Bedingungen und befinden sich in einem Zustand anhaltender Wandlungen. Es gibt keine dauerhaften und unveränderlichen Grundsätze für das menschliche Verhalten. Und der Mensch trägt auch nicht die letzte Verantwortung für sein Verhalten. Das Klasseninteresse ist die Mutter der Ethik.~
Das Böse ist daher nicht im Menschen, sondern in einem fehlerhaften wirtschaftlichen System zu suchen. Darum braucht der Mensch als Individuum keine Erlösung. Religion, die ein Produkt der wirtschaftlichen Gegebenheiten ist, stellt ebenfalls eine Widerspiegelung des Klassenkampfes dar. In Revolutionszeiten besteht der einzige ethische Grundsatz in der Überlegung: Dient das, was ich tue, dem Klassenkampf? Fördert es die Sache des Kommunismus? Wenn ja, ist es richtig, wenn nein, so ist es ein Verbrechen gegen die Menschheit. Unser moralisches Verhalten ist den Interessen des Klassenkampfes völlig untergeordnet« (Lenin). Der Zweck heiligt immer die Mittel.
Das erklärt auch die Anwendung von Gewalt und Grausamkeit während des Kampfes um die Macht. Ist diese Macht gewonnen, so läßt ihr Gebrauch gewöhnlich wieder nach. Daraus erklärt sich auch die Rücksichtslosigkeit, mit der jedes Hindernis beseitigt wird, das sich dem Vordringen des Kommunismus in den Weg stellt. Gleichzeitig werden die Kommunisten aber aufgefordert, die Eigensucht einer Klassengesellschaft zu überwinden, ein beispielhaftes Leben zu führen, hart zu arbeiten und dem allgemeinen Wohl zu dienen.
Wenn Christen den Kommunismus ablehnen, sollten sie auch wissen, weshalb. Sie sollten sich zum Beispiel ganz darüber im klaren sein, daß das Christentum weder mit dem Kapitalismus noch mit irgendeiner Art von sozialer oder wirtschaftlicher Theorie verbunden ist. Christentum muß nicht unbedingt gegen soziale Experimente sein, die viel Lobenswertes an sich haben, was vor allem in unterentwickelten Ländern zum Ausdruck kommt. Chinas Leistungen auf diesem Gebiet sind bemerkenswert. Der Kommunismus war in wirtschaftlicher Hinsicht in Rußland und China zum Teil sehr erfolgreich, auch wenn einige westliche Wirtschaftsexperten mit diesen Wirtschaftstheorien nicht übereinstimmen mögen und schnell dabei sind, auf ihre Fehler hinzuweisen. Aber in diesen Punkten, in denen der Westen noch vor seiner eigenen Tür zu kehren hat, wird von Christen keine Verurteilung gefordert. Christen, die in Ländern mit kommunistischen Regierungen leben, müssen sich auf jeden Fall den bestehenden sozialen Anordnungen fügen und loyal unter dem vorherrschenden wirtschaftlichen System leben.
Auch in unseren westlichen Demokratien muß die Nation als Ganzes die Politik der regierenden Partei akzeptieren, auch wenn viele persönlich nicht mit dieser Politik einverstanden sind.
Der Christ wird nicht aufgefordert, Revolutionär im politischen Sinne zu werden, sondern das Salz der Gesellschaft zu sein, in der er lebt. Das Christentum kommt mit dem Kommunismus hauptsächlich wegen seiner nicht zu vereinbarenden Grund-Philosophie in Konflikt. Der Christ lehnt den Kommunismus als eine Lebensart auf ideologischer oder theologischer Basis ab. Er kann seinen Atheismus, Materialismus und auch die falschen Theorien, die er daraus ableitet, nicht akzeptieren.
Die kommunistische Leugnung des alleinigen Anspruches Jesu Christi auf den Menschen würde schon genügen, den Kommunismus aus diesem Grund abzulehnen. Außerdem sind die Rücksichtslosigkeit, der Haß, die unvermeidliche Tyrannei und die‘, Einschränkung der persönlichen Freiheit die Hauptbestandteile der orthodoxen kommunistischen Praxis ‑für einen Christen verabscheuungswürdig.
Um den Kommunismus bekämpfen zu können, muß ein Christ den Glauben und die Praktiken seines kommunistischen Nachbarn oder Mitarbeiters kennen und außerdem wissen, was er selbst glaubt.
Die vorhergehende Zusammenfassung des orthodoxen kommunistischen Glaubens mag als Einführung in dieses wichtige Studium dienen.

5. KAPITEL
CHRISTENTUM UND KOMMUNISMUS UNVEREINBAR?

Es gibt in der ganzen Welt naive Menschen, die die guten Seiten des Christentums und des Kommunismus sehen und die Frage stellen: Kann ein Christ zugleich Kommunist sein?«
Die Antwort dazu muß lauten: Unmöglich! Man könnte ebensogut fragen: Kann man zugleich schwarz und weiß sein?«
«Aber der Dekan von Canterbury war beides, nicht wahr?«
«Bei allem Respekt vor ihm, der Dekan war ein irregeführter Mann und ein allzu williges Werkzeug seiner chinesisch‑kommunistischen Bekanntschaften.«
Aber es gab auch andere, die behaupteten, der Kommunismus sei das wahre Christentum mit seinem Drang nach sozialer Gerechtigkeit und den Rechten des Menschen, mit seinem intensiven Streben nach einer vollkommenen sozialen Ordnung, dauerhaftem Frieden und einer Welt, in der wir das Leben voll auskosten können. Sie behaupten sogar, die kommunistischen Länder besäßen eine höhere Moral als die christlichen Länder. Sie beseitigten alle organisierten Laster, das Glücksspiel und die Scheidung: Dinge, die ein schlechtes Licht auf die meisten westlichen Länder werfen. Was sagen Sie dazu?«
Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß der Kommunismus in seinen Anfangsstadien tatsächlich auf eine sehr straffe öffentliche Moral eingestellt ist, und das, was Sie nannten, trifft in China noch zum großen Teil zu. Aber in anderen kommunistischen Ländern wird es damit allem Anschein nach nicht mehr so genau genommen. Ich weiß, daß sie unsere gesunkene, Bourgeoistische Moral‘ verachten. Aber es ist falsch, das Christentum mit bestimmten ethisdien Regeln oder einer bestimmten Art der sozialen Ordnung gleichzusetzen, obwohl es ganz eindeutig eine soziale und moralische Anwendung christlicher Wahrheiten gibt. Diese sind von höchster Wichtigkeit. Aber das Hauptanliegen des Christentums besteht nicht in sozialen Ordnungen oder sozialen Reformen.«
«Was ist dann das Hauptanliegen des Christentums?«
,Der lebendige Gott, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat, und die Beziehungen des Menschen zu Gott. Dem Kommunismus liegt natürlich daran, Gottes Existenz und folglich auch die geistliche Natur des Menschen zu leugnen. Statt dessen besitzt der Kommunismus eine Philosophie des Materialismus, die alles Übernatürliche wie Gott, Geist, Seele, das Leben nach dem Tode, Himmel und Hölle völlig ausschließt.«
«So kann man Christentum und Kommunismus nicht vereinbaren?«
«Genau das. Und die Kommunisten sind selbst die ersten, die darauf bestehen. Kommen wir doch einmal auf die Propheten des Kommunismus zu sprechen: Karl Marx erklärte, daß die materielle Welt, der wir angehören, die einzige Wirklichkeit ist‘. Auf das Argument, z. B. der Verstand sei von der Materie getrennt, antwortete Marx: Nein! Der Verstand ist nur das höchste Produkt der Materie, und er leugnet gleichzeitig die Möglichkeit eines allerhöchsten Verstandes‘, der die Welt geschaffen hat und regiert. Daraus folgt, daß es keinen Gott gibt.
Friedrich Engels, sein bester Freund und Mitarbeiter, drückt seine Meinung so aus: jede Religion ist eine unaussprechliche Anmaßung!‘
Douglas Hyde, ein ehemaliger Kommunist und zeitweise Nachrichtenredakteur des Daily Worker, sagte: Der Kommunismus behauptet nicht nur: Es gibt keinen Gott.‘ Und fährt mit den Worten fort: Der Mensch muß in der ganzen Welt dazu gebracht werden, seinen Glauben an Gott aufzugeben!‘
,Religion‘, so argumentierte Marx, ist Opium für das Volk, weil sie wie Opium das Gefühl für gegenwärtige Schmerzen und soziale Mißstände betäubt. Außerdem schafft sie eine nicht existierende Traumwelt eines kommenden Himmels. Deshalb ist sie ein eindeutiges Hindernis für soziale Veränderungen, da sie die Menschen dazu verführt, den derzeitigen Zustand stillschweigend hinzunehmen.«
«So glauben Sie, es sei nicht möglich, sowohl Christ als auch Kommunist zu sein?«
«Ja, denn das ist ganz offensichtlich. Beide Auffassungen wirken einander entgegen. Die eine schließt die andere aus. Dr. Fred Schwartz sagte: Kommunismus ohne Atheismus wäre wie ein bösartiges Geschwür ohne Bösartigkeit, was sich widerspricht.‘ Entweder ist die eine richtig oder die andere. Beide können es nicht sein. Der Christ kann in seiner Denkweise keinen Platz für den militanten Atheismus von Marx und Mao finden, und auch der Kommunismus hat im Materialismus keinen Platz für den Idealismus ‑ die höchste Stufe der Idee und auch nicht für die Vorstellung eines allerhöchsten Verstandes‘ und die Wirklichkeit Gottes als Schöpfer. Auch wenn man nur die Möglichkeit ins Auge faßt, ein praktizierender Kommunist zu werden und trotzdem überzeugter Christ zu sein, fordert dies entweder äußerste Selbsttäuschung oder eine grenzenlose Unkenntnis des Christentums oder des Kommunismus.«
Als die Roten Garden« ihre Plakate mit dem Schlachtruf «Hängt Gott!« in Schanghai verteilten, erklärten sie eindeutig, was die chinesischen Kommunisten, ebenso wie die Marxisten, immer glaubten: Alle Religion ist Aberglaube und muß im Interesse der Wahrheit ausgerottet werden.
Ihre frühere Toleranz den christlichen Kirchen Chinas gegenüber war nur eine ausgeklügelte Taktik, um ihre endgültige Zerstörung zu erreichen. Die Patriotische Drei‑Selbst‑Bewegung’« stellte nur einen Galgen dar, an dem nicht nur Gott, sondern auch die gesamte christliche Kirche Chinas aufgehängt werden sollte. Sie war ein kommunistisches Komplott zur Versklavung der Kirche, zur Untergrabung des christlichen Glaubens und zur Vorbeugung gegen ein wirksames Zeugnis von Christus innerhalb der chinesischen Gesellschaft.
Diese Wahrheit kam ans Licht, als die Kulturrevolution schließlich die Kirchentüren versperrte und die Führer der Drei-Selbst‑Bewegung« ins Gefängnis oder in Arbeitslager brachte. Auch wenn die Bewegung zeitweise wieder ins Leben gerufen würde, könnte niemand mehr im Zweifel über die eigentliche Absicht des Kommunismus sein. Die Worte Religion« und ,Aberglaube« verschwanden nie aus den Schlagzeilen der chinesischen Presse. Der energische Angriff gegen beide wurde von sehr befähigten Schreibern geführt.
Es gab aber auch andere Gründe für die vorübergehende Bildung der Drei‑Selbst‑Bewegung«. Sie sollte den Haß gegen die Missionare ausdrücken, indem sie alle Beziehungen zu ihnen abbrach. Außerdem diente sie dem Zweck, Patriotismus über jede andere Loyalität zu stellen, ganz gleich ob familiärer oder religiöser Art. Darüber hinaus sollte sie das übrige Asien in bezug auf religiöse Dinge in eine falsche Sicherheit wiegen.
Die asiatischen Länder leiden im allgemeinen unter schwachen, korrupten Regierungen. Deshalb kann die Bevölkerung auch nicht den Lebensstandard erreichen, der möglich wäre. Verspricht Chinas Beispiel des wirtschaftlichen Fortschritts nicht, daß der Kommunismus die Antwort auf dieses Problem ist? Die asiatischen Länder würden die wirtschaftlichen und sozialen Vorteile begrüßen, deren China sich zu erfreuen beginnt. Aber Hindus, Buddhisten und Moslems hegen alle denselben Argwohn gegenüber dem bekannten Atheismus des Kommunismus. Würden sie diese Pille als Preis für den Fortschritt schlucken müssen?
Das ist genau das Problem und das Haupthindernis für den chinesischen Kommunismus im Ausland. Auf der Afro‑Asiatischen Konferenz 1955 in Bandung versicherten die Delegierten noch einmal, eines der grundlegenden Prinzipien zur friedlichen Zusammenarbeit unter den Völkern sei der Glaube an einen Gott.
So begannen die kommunistischen Führer Chinas, Asien zu überzeugen, der Kommunismus sei allen Religionen gegenüber tolerant. Die Propaganda erzählte den Moslems überall, ihre Glaubensgenossen in China seien frei und die Moscheen unbelästigt. Im Mai 1961 wurde der Staatsbesuch einer buddhistischen Delegation nach China publik gemacht, die gekommen war, um eine heilige Reliquie nach Ceylon zu begleiten. Bei ihrer Rückkehr nach China sollte sie in einer neuen Pagode untergebracht werden.
Solche kommunistischen Täuschungsmanöver sollten Moslems und Buddhisten glauben machen, ihre Glaubensgenossen in China erfreuten sich völliger Freiheit. Auch die christlichen Kirchen in Peking, Schanghai und Nanking dienten dazu, Besuchern vorzuspiegeln, es gäbe die Glaubensfreiheit der Christen in China tatsächlich. Die diesbezügliche Propaganda verleitete 1960 viele chinesische Christen zur Rückkehr nach China, als sich in Indonesien für sie Schwierigkeiten ergaben. Sobald sie jedoch in China angekommen waren, bereuten sie ihre Entscheidung. Ein junge schrieb: Gerade bin ich angekommen, aber es gibt hier keinen Ort für einen Gottesdienst, der außerdem auch gar nicht möglich wäre. Mein geistliches Leben ist nun sehr schwach … betet, daß wir wieder an einen Ort zurückkehren können, an dem es eine Kirche gibt!«
Ministerpräsident Tschu En‑lai besucht auf seinen Auslandsreisen häufig Tempel und Moscheen, um den Eindruck zu erwecken, che Kommunisten respektierten die Religion und könnten schließlich gar nicht so antireligiös eingestellt sein. Sorgfältig ausgewählte, verläßliche christliche Führer wurden zu ähnlichen Missionen in europäische und asiatische Länder geschickt. Diese vorsätzliche Bagatellisierung der kommunistischen, atheistischen und antireligiösen Politik für den Auslandsgebrauch ist nur ein Teil des großen Verrats, eine Taktik im Kampf um die Weltherrschaft und die große Lüge, die vielfach wirklich geglaubt wird.
«Würden Sie sagen, daß die Ereignisse die schlimmsten Befürchtungen der chinesischen Christen bestätigten und die unumstößliche Haltung der Männer von der Art eines Wang Ming‑tao rechtfertigten?«
,Zweifellos! Sie verliehen auch den vielen Vorstößen ausländischer Einzelpersonen und Gruppen vieler konfessioneller, nationaler und politischer Schattierungen bestenfalls einen naiven und schlimmstenfalls einen lächerlichen Beigeschmack. So wie die Dinge liegen, konnte durch einen Dialog zwischen Mitgliedern einer von Kommunisten geschaffenen und kommunistisch dirigierten religiösen Organisation wie die Patriotische Drei-Selbst‑Bewegung und einzelnen oder Gruppen aus anderen Ländern, die völlig freie Kirchen und Organisationen repräsentierten, überhaupt nichts erreicht werden.
Es ist tragisch, daß die chinesischen und russischen Kommunisten Christen nicht als gute und loyale Bürger betrachten und sie bei der Ausübung ihrer Religion hindern. Für die Kommunisten sind sie Konterrevolutionäre, die man nicht in Frieden lassen darf. Orthodoxe Kommunisten betrachten alle Religionen, und ganz besonders die christliche Religion, als erbitterte Feinde und als Haupthindernis auf dem Weg zu ihrem Ziel. Man denke nur an die jüngsten Geschehnisse in Tibet, wo sich der kommunistische Religionshaß in der bisher scheußlichsten bekannten Form an einem ganzen Volk demonstriert. ‑ Ihre grundlegende Unvereinbarkeit ist trotz vieler Gemeinsamkeiten total.«
, «Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß ein Christ nicht Kommunist sein kann. Aber ein Christ verurteilt den Kommunismus doch bestimmt nicht Im ganzen?«
«Darauf möchte ich antworten, daß man sowohl den christlichen Glauben als auch den Kommunismus als Ganzes betrachten und dann ein Urteil darüber abgeben muß. Es geht nicht, nur bestimmte Teile des Glaubens anzunehmen und andere abzulehnen. Denn der christliche Glaube ist eine zusammenhängende Einheit, und als solche steht oder fällt er auch. Mit dem Kommunismus ist es nicht anders. Er hat sein eigenes Dogmensystem, und niemand besitzt die Freiheit, einige Punkte anzuerkennen und die anderen abzulehnen. Das war vielleicht der Fehler des Dekans von Canterbury. Er dachte, es sei möglich, die sozialen und wirtschaftlichen Theorien des Kommunismus anzuerkennen, den zugrundeliegenden Materialismus zu umgehen und sich einen Kommunisten zu nennen. Das war natürlich eine Täuschung.«
«Würden Sie dann die sozialen und wirtschaftlichen Theorien des Kommunismus überhaupt gelten lassen?«
«Meiner Meinung nach kommen wir hier auf einen wichtigen Punkt zu sprechen. Wir müssen uns darüber im klaren sein, was für einen Christen am Kommunismus abzulehnen ist und was an ihm ein Urteil über die nichtkommunistische Welt und eine Herausforderung an die Kirche darstellt.«
«So sehen Sie doch etwas Gutes am Kommunismus?« ‑ «Ja! Wirklich! Denn ich betrachte den Kommunismus als eine Fälschung des Christentums!«
«Das ist ja interessant. Und inwiefern?«
«Nun, als erstes haben Christentum und Kommunismus ein vergleichbares Ziel. Der Kommunismus wie das Christentum treten für die Armen und Geringen ein und sind der gleichen Meinung, ihr Glaube sei für alle da. Die Propheten des Alten Testaments sagten eine Zeit in der Weltgeschichte voraus, in der die Menschen keine Kriege mehr führen, ihre Schwerter in Pflugscharen‘ verwandeln, in der jedermann in seinem eigenen Weinberg‘ und unter seinem eigenen Feigenbaum‘ wohnt und in der ein König in Gerechtigkeit‘ regiert: eine Vision des zukünftigen Königreichs Christi. Später lehrte jesus Christus seine jünger zu beten: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!‘ Und die Apostel wußten um den auf Erden regierenden Christus.
Die Kommunisten versuchten seit der prophetischen Vision von Karl Marx, auf dieser Erde eine Welt mit einer gerechten Gesellschaft, frei von aller menschlichen gegenseitigen Ausbeutung zu gründen. Es sollte eine Welt sein, in der der Krieg verboten ist und der Mensch die Freiheit hat, sein Vermögen und seinen Verstand dafür einzusetzen, daß die Kräfte der Natur zum Wohl des Menschen nutzbar gemacht werden. Der Unterschied besteht darin, daß die Kommunisten ein Reich des Menschen und kein Reich Gottes erreichen wollen. Aber der Kommunismus ist ein Glaube, der dem lebensüberdrüssigen Menschen in einer Welt des Krieges, Hungers, der Feindschaft und der Furcht aussichtsreiche Versprechungen macht.«
«Das erklärt das große soziale Interesse aller Marxisten, ob sie nun sozialistisch oder kommunistisch sind.«
«Ja. Soweit die Kommunisten aufrichtig um soziale Gerechtigkeit, angemessene Verteilung des Wohlstandes und um die Verteidigung der Benachteiligten bemüht sind, müssen die Christen die deutliche Übereinstimmung fühlen, auch wenn sie die unehrenhaften, gewalttätigen Methoden ebenso deutlich ablehnen, die die orthodoxen Marxisten zur Veränderung der Gesellschaft für notwendig halten.«
«Was ist der andere Vergleichspunkt?«
«Ich glaube, daß die beiden Systeme auch in historischer Hinsicht vergleichbar sind. Die Propheten des Alten Testaments brachten das Zeitgeschehen mit der Absicht und dem Willen Gottes in Verbindung. Sie betrachteten Gott als aktiv in der Geschichte. Die Eschatologie des Neuen Testaments unterstreicht nur die Tatsache, daß der alleinherrschende Gott einen ewigen Plan hat, den er jetzt in der Zeit auf diesem Planeten durchführt. Dieser Plan wird mit der Rückkehr Christi und einem neuen Himmel und einer neuen Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt, enden. Und der dialektische Materialismus wird als eingebautes Gesetz betrachtet, das das Vorwärtsschreiten einer Gesellschaft auf einem dialektischen Pfad, der auf eine zukünftige diesseitige Welt zugeht, bestimmt.«
«Jetzt ist mir klar, wie diese beiden Begriffe parallel zueinander verlaufen.« – «Außerdem wenden die beiden Systeme vergleichbare Methoden an.«
«Das stimmt aber nicht. Nach allem, was ich über Gehirnwäsche, Folterung, Mord und Gewalttätigkeiten von den Kommunisten gehört habe, kann man diese Methoden überhaupt nicht mit denen des Christentums vergleichen!«
«Sind Sie da sicher? Denken Sie doch einmal an die Kreuzzüge mit ihrem Blutvergießen, die Inquisition und die grausamen Folterungen, an das Martyrium der Katholiken und Protestanten in Großbritannien während der Reformation und Gegenreformation. Außerdem gab es noch den Dreißigjährigen Krieg und andere Religionskriege, die die Seiten der Geschichte beflecken. Christen sollten vorsichtig sein, wenn sie mit dem Finger auf die Kommunisten zeigen. Das soll aber keine Entschuldigung für die erwiesenen kommunistischen Greueltaten sein. Ihre Begründung dafür lautete, daß vor dem Paradies auf Erden Trübsal kommen muß‘. Diesen Ausspruch entnahmen sie aber nicht dem christlichen Sprachgebrauch. Sie behaupten, bevor die vollkommene menschliche Gesellschaft entstehen kann, muß die alte Gesellschaft mit Gewalt und Trübsal zerstört werden. ‑ Aber das meinte ich nicht, als ich von Methoden sprach.
Zu Beginn des kommunistischen Regimes in China wandten die Kommunisten Methoden an, die sich fast mit denen decken, die Christen bei Evangelisationen unter einzelnen und bei großen Versammlungen anwenden. Sie hatten ihre eingegebenen Schriften in den Werken von Marx und Lenin. Diese verkündeten sie bei öffentlichen Zusammenkünften und in privaten Studiengruppen. Ihr Ziel war, ein Schuldgefühl über die Dinge der Vergangenheit zu erzeugen und Selbstkritik‘ zu erwecken. Daraus sollte eine Säuberung des Geistes von allen falschen Ideen, vgl. Gehirnwäsche, folgen, um den Weg für neue Ideen freizumachen.
Das Wort Buße, Umdenken, hat eine ähnliche Bedeutung. Daraus sollte wiederum eine Veränderung entstehen, die sowohl einzelne als auch Kirchen erfahren könnten. Daran sieht man, wie die Kommunisten den christlichen Ausdruck Wiedergeburt‘ entlehnten. Danach sollte der Bekehrte aktiver Propagandist (Zeugnis) für seinen neuen Glauben werden.
Ein katholischer Priester in China berichtete von den erstaunten Worten einer Nonne: Vater, sie benützen unser Unterweisungssystem zur Lehre des Kommunismus!‘ Beichte und Buße werden in der Tat eifrig von allen praktiziert.«
«Das ist ja erstaunlich! Gibt es noch andere Ähnlichkeiten?«
«Ja, vielleicht die bemerkenswerteste von allen: Die beiden Glaubensrichtungen erheben dieselben Ansprüche für sich. Ebenso wie das Christentum eine revolutionäre Religion darstellt, da es die Macht hat, Menschen radikal zu verändern und damit auch das häusliche Leben und die Gesellschaft als Ganzes; so behaupten auch die Kommunisten, sie könnten die menschliche Natur verändern. Was am Kommunismus dynamisch ist, weist deutliche christliche Nebentöne auf.
Während der Christ glaubt, daß die Änderung des Menschen die Änderung der Gesellschaft hervorruft, ist der Kommunist davon überzeugt, daß man den Menschen erst durch die Änderung der Gesellschaft ändert. Seiner Meinung nach liegt das Böse nicht im Menschen, sondern im System. Um seine Ansicht zu beweisen, führt er an, daß Dinge wie Prostitution, Diebstahl, Korruption u. ä. ausgerottet wurden, indem man sie wirtschaftlich überflüssig machte. Und er glaubt, daß eine neue Menschenrasse aus der Asche der verdorbenen, kapitalistischen Zivilisation entstehen wird.«
«Das ist ohne Zweifel eine außergewöhnliche Behauptung. Und ich verstehe jetzt auch, was Sie mit der Behauptung meinten, der
Kommunismus sei eine Fälschung des Christentums.«
«Ja, in meinen Augen ist der Kommunismus ein Meisterstück teuflischer Täuschung. Ein Mitarbeiter des Spectator‘ drückte es einmal so aus: Die gefährlichsten Widersacher des Christentums waren immer diejenigen, die Ähnlichkeiten oder Geistesverwandtschaft mit ihm hatten … Dasselbe trifft vielleicht auch auf die Kraft und die Herausforderung des Kommunismus zu.«
Ich bin deshalb völlig anderer Meinung als die, die behaupten, der Heilige Geist arbeite im Kommunismus. Ganz im Gegenteil kann man durch die ganze Geschichte der Bibel hindurch die Spur der Irreführung Satans bei den Menschen verfolgen, weniger durch das, was ausgesprochen böse ist, als durch das, was gut zu sein scheint. Die allererste Versuchung war nicht, eine unmoralische Handlung zu vollziehen, sondern das zu probieren, was gut anzusehen war, gut im Geschmack und vielleicht Weisheit spendend.
Wenn man so darüber nachdenkt, ist da vielleicht der Grund zu suchen, weshalb die unzulänglich regierten, hungernden Menschen in Lateinamerika, Afrika und Asien den Kommunismus so anziehend finden. Er bietet so viel Gutes. Die jungen bewundern seinen Realismus und sein Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Sein Erfolg beim Überwinden von politischer Korruption ist beeindruckend. Die völlige Hingabe seiner Anhänger, um das Ziel der Weltherrschaft zu erreichen, und ihre Selbstaufopferung finden keine Parallele. Auch seine praktischen wirtschaftlichen Erfolge sind beachtlich. Ist es daher verwunderlich, wenn sogar die Christen in Asien und Afrika sowie in Lateinamerika enttäuscht und verwirrt sind, wenn Missionare am Kommunismus Kritik üben?
Aber es bringt ohne Zweifel Unheil, wenn man von der verbotenen Frucht ißt. Die Gefahr liegt in der allgemeinen Unkenntnis der Folgen, die sich für den Christen praktisch aus dem Kommunismus ergeben. Für Länder wie Südafrika z. B., in denen die Furcht vor dem Kommunismus unter der weißen Bevölkerung nahezu hysterische Formen annimmt, ist es wichtig, das Ganze auf objektive und ausgeglichene Art zu betrachten. «
«Ja, das stimmt!«
«Ich möchte dem noch hinzufügen, daß die Leistungen Chinas auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet innerhalb der letzten zwanzig Jahre erstaunlich sind. Aus dem Nichts und zuletzt ohne russische Hilfe wurde China Atommacht. Es hatte auch genügend Mittel, um überall, sogar bis in die hügeligsten und verlassensten Gegenden im Südwesten und Nordwesten, ein Eisenbahnnetz aufzubauen, ein ausgedehntes Wasserversorgungsnetz zu konstruieren und eine moderne Industrie zu schaffen. Schon immer waren die Chinesen hervorragende Bauern. Die modernen, wissenschaftlichen Methoden ließen die Produktion sehr schnell ansteigen und sicherten allen einen annehmbaren Lebensstandard. Und das trotz der Rückschläge von 1950‑1960 und dem Terror der Kulturrevolution.
Nicht Indien, sondern viel eher China ist Gegenstand des Neides der anderen asiatischen und vielleicht auch der afrikanischen Länder. Es ist deshalb für Asiaten und Afrikaner äußerst notwendig, ihre Augen offen zu halten, damit sie nicht nur die materiellen Vorzüge, sondern auch die Nachteile sehen, die der Kommunismus mit sich bringt.
Etwas wäre noch zu erwähnen. Wir machen leicht aus der Demokratie in den USA und Europa einen Fetisch. Dasselbe gilt auch für das westliche «Ein Mann ‑ eine Stimme«‑System und die auf diese Weise gebildeten Regierungen, die als Allheilmittel für alle Mißstände und als Grundrecht für alle Völker betrachtet werden. Aber in Wirklichkeit ist die westliche Art der Demokratie für Afrika oder Asien vielleicht gänzlich ungeeignet. Dort ist die väterliche Herrschaft Tradition und eine autoritäre Regierung wie der Kommunismus für die Bevölkerung ganz annehmbar. Eine derartige Regierung wurde in Afrika gewöhnlich nach Erreichung der Unabhängigkeit eingeführt. Und sie herrscht auch in Asien vor.
Wir kritisieren den Kommunismus daher nicht deshalb, weil sich seine spezielle Art der Regierungsform von der unsrigen unterscheidet.«
,Sie sehen also den Kommunismus als eine sehr geschickte teuflische Täuschung. Aber ist er nicht gleichzeitig eine Herausforderung ungeheuren Ausmaßes an die christliche Kirche?«
«Ja, gewiß! Paul Lehmann sagte in der siebten jährlichen John Knox Lecture: Der Kommunismus ist eine christliche Irrlehre im fortgeschrittenen Stadium der Säkularisierung. Bestimmte Ziele, Werte und Gedanken, die den Kern des Christentums bilden, wurden von den Kommunisten übernommen und in Ziele, Werte und Gedanken umgewandelt, die den Kern des Strebens nach voller Humanisierung, allein aus menschlicher Kraft, bilden.‘
Und das ist die größte Herausforderung des Kommunismus!«

6. KAPITEL
KOMMUNISMUS KONTRA CHRISTUS
Auch ein Marxist ist ein Mensch, für den Christus starb. Er ist das Opfer dessen, «der die ganze Welt betrügt«. Wenn wir Christus kennen, haben wir deshalb die Pflicht, auch dem Marxisten Christus als Antwort auf das menschliche Dilemma zu bringen. Die Ablehnung des Systems, das er vertritt, sollte keinen Haß gegen den Mensdien aufkommen lassen auf Kosten der drängenden Liebe Christi zu allen Menschen.
Kommunisten, die sich von ihrer Lehre ab‑ und Gott zuwandten, sdirieben dies für gewöhnlich der Liebe Gottes zu, die sich im Leben seines Volkes äußerte. Sehr selten wurden sie durch Beweisgründe dazu gebracht. Trotzdem muß der Christ darauf vorbereitet sein, «jedem eine Antwort über die Hoffnung zu geben, die in ihm ist«. Das gilt vor allem den Marxisten gegenüber, deren Behauptungen so einleuchtend sind. Missionare, die in Ländern arbeiten, für die der Kommunismus eine Bedrohung darstellt, müssen beim Unterrichten der Bevölkerung in diesem Punkt völlig sicher sein. Diese Mensdien sind oft benachteiligt, nicht zuletzt durch eine schlechte Regierung. Daher fühlen sie sich von den Versprechungen des Kommunismus besonders angezogen.
Es wäre unsinnig, zu leugnen, daß wir uns in einem Zeitalter der Revolution befinden. Das 20. Jahrhundert wird sicherlich als das Jahrhundert der Revolution in die Geschichte eingehen. Offensichtlich ist mit der mensdilidien Gemeinschaft etwas von Grund auf nicht in Ordnung. Und die jungen Menschen sind mit dieser Lage nicht zufrieden. Studenten in der ganzen Welt lehnen sidi gegen die derzeitigen Zustände auf. Die mensdilichen Beziehungen können das Gleidigewicht zu den spektakulären Fortsdiritten in der Wissenschaft nicht halten. Familiäre, rassische und internationale Beziehungen sind tragischer und schwieriger als je zuvor. Die Christen teilen daher mit den Kommunisten die große Sorge um die Zukunft der Mensdiheit. Wir sehnen uns alle nach einer Lösung. Aber das ist auch das einzige, was wir gemeinsam haben.

Der Kommunismus kann das Leben nicbt gänzlich ausfüllen
Professor Arnold Toynbee sagt: Der Kommunismus ist die Verehrung der kollektiven Madit der Mensdien, die die Verehrung Gottes ersetzt.« Als Christen halten wir daher die kommunistische Lösung des Weltproblems hauptsächlich aus dem Grund für falsch, weil sie von den falsdien Voraussetzungen ausgeht und ein falsches Vertrauen in die geistigen Kräfte des Menschen setzt. Die Behauptung, der Mensch brauche als erstes Nahrung, und der Kampf, den unmittelbaren Hunger des Menschen zu stillen, sei der Sinn der Geschichte, geht daher von einer verkehrten Annahme aus.
Gerade diesen rohen Materialismus und die Verneinung jedes geistlidien Wertes lehnt der Christ ab. Nach fünfzig Jahren findet selbst die kommunistische Welt heraus, daß die Revolution nicht der einzige Schlüssel zur Zukunft ist. Professor j. L. Hromadka aus der Tschechoslowakei sagte in seiner Rede zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution: «Soziale Erneuerung genügt nicht, um das Leben gänzlich auszufüllen … Die soziale, wirtschaftliche oder politische Erneuerung allein garantiert nidit automatisdi die Geburt eines sozialistisdien Mensdien, sein Wachstum oder die Fülle des Lebens. Es ist interessant zu beobachten, daß sich intelligente, verantwortungsvolle Kommunisten heute zum großen Teil mit dieser Frage beschäftigten.«
Ilja Ehrenburg, der 1944 den Lenin‑Preis verliehen bekam, schrieb in seinen Memoiren «Menschen, Jahre, Leben«, Band II: «Der Mensch (das ist meine theologische überzeugung) kann nidit nur in soziale, wirtschaftliche, politische, wissenschaftliche oder technische Gruppen eingeteilt werden. Er ist ein gewisses Geheimnis, das alles übertrifft, was wir Menschen in unseren Händen haben und über das wir nach unserem eigenen Willen verfügen können.« Der Christ antwortet darauf, daß wir zuerst Gott voraussetzen müssen, wenn wir den Menschen verstehen wollen.
Der idealistische russische Philosoph Nikolaus Berdjajew schreibt in «Der Gott unsrer Zeit«: Wo kein Gott ist, ist auch kein Mensch!«
Die heutige Welt hungert nach Gott, nach einem Lebeii, das wirklich, persönlich und zufriedenstellend ist. Der Mensc‘,l ist eine göttliche Schöpfung, nach dem Bilde Gottes gemacht. Er besteht sowohl aus Körper als auch aus Seele. Hier passen Augustliis Worte: «Du hast mich für dich gemacht. Mein Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir!« In jedem Menschen befindet sich ein «gottförmiger« Hohlraum, den nur Gott ausfüllen kann. Der Mensch lebt nicht vorn Brot allein. Sein wirkliches Lebeii stammt von Gott und muß darum von Gott eriiährt werden. Während der Marxismus von einer rein rationalistisdien Hypothese abgeleitet wird, gründet sich das Christentum auf die Offenb‑.trung eines persönlichen Gottes.

Der einzelne ‑ nur ein Mittel zum Zweck
Der marxistische Irrtum, Gott zu verneinen, hat ein falsches Verständnis des Menschen zur Folge. Für den Marxisten ist er nur ein soziales Produkt, das in der Natur verwurzelt ist. Die Gesellschaft, nicht der Mensch, ist die wirkliche Einheit, in der der einzelne nur ein Element darstellt. Der Mensch wird zum Rädcl‑len der riesigen, seelenlosen Maschine. Der einzelne ist daher entbehrlich ‑ und nur Mittel zum Zweck. Das ist Ausbeutung in ihrer schlimmsten Form. Im Gegensatz dazu verleiht ihm die Vorstellung des Menschen als göttliche Schöpfung die Würde, die der Marxist leugnet.
Der Mensch verkörpert kein Produkt materieller Kräfte, sondern er stammt von Gott. Die Natur ist für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für die Natur. Dabei leugnet das Christentum nicht, daß der Mensch ein soziales Wesen ist. Denn das Neue Testament lehrt, daß der Mensch in der Gesellschaft, vor allem in der christlichen Gesellschaft, der Gemeinde, zui‑ri vollen Menschentum gelangt. Im Christentum wird das Materielle durch das Geistliche nicht ausgeschlossen, während der Kommunismus das Geistliche streicht und nur das Materielle übrigläßt.
Willlam Temple sagte einmal: «Das Christentum ist die niateriellste Religion«, weil Gottes Sohn Mensch wurde. Christus würdigte das Menschentuni, indem er selbst Mensch wurde und damit eine neue Rasse christusähnliclier Menschei schuf: die erlöste menschliche Gesellschaft. Was ist der Mensch~ Dies keiii,.zeichnet die wahren Grenzen der Welt.

Die Schuldfrage wird übergangen
Als Karl Marx die Religion seiner jüdischen Vorfahren und die später angenommene christliche Religion ablehnt,‑, suclite er ini dialektischen Materialismus ein Gegenstück zur göttlichen Herrsch.tft in der Geschichte. Er suchte eine pantheistische Vorstellung des Universums und eine mechanische Theorie der Sozialentwicklung. Doch kann sie nicht bewiesen werden. Er wählte nur solche Belege, die seinem Zweck zu dienen schienen. Seine Beispiele stammten aus \Xlest‑Europa, aber die altei‑i Zivillsationcii aus dem Mittleren Osten überging er. Kurzum, sell‑i Geschichtsstandpunkt war zu oberflächlich und zu gesucht. Seine Besdireibung der primitiven menschlichen Gesellschaft wird von Anthropologen nicht unterstützt. Das Dialektische wird nicht überall bestätigt, und es wird auch keine Antwort auf die Frage gegeben, warum der d‘ alektische Fortschritt aufhören soll, wenn das kommunistische Zukunftsideal einmal erreicht ist. Logischerweise müßte eine neue Verwerfung, eine neue Antithese folgen. «Wenn die Kommunisten Gott aus dem Himmel nehmen«, sagt Geoffrey Bull, «nehmen sie jeder moralischen Verpflichtung den Schöpfer gegenüber den Sinn.«
Professor Butterfield von der Universität Cambridge sagte, die eigentliche Auswirkung auf ihn beim Lesen der Geschichte sei die Erkenntnis, daß «alle Menschen Sünder sind«.
Die Sünde ist der große, menschliche Faktor, den man nidit ungestraft übergehen kann. Sie allein ist der Grund für soziale und persönliche Unordnung. Die Probleme der Welt sind nur eine Erweiterung unserer eigenen, persönlichen Probleme. Marx und Freud irrten in der Annahme der alten dilnesisdien Vorstellung, der Mensch sei von Natur aus eine Gottheit. Im Innersten des Menschen liegt eine tiefe Widernatürlichkeit. Der Mensch ist daher hilflos und allein und braucht Erlösung.
Der Marxist schiebt die Schuld am Bösen den Folgen einer ungerechten sozialen Ordnung und der Existenz von Privatbesitz zu und übergeht den wahren Ursprung des Bösen im sündigen iiienschlichen Herzen. Einem Arzt, der eine so tragische Fehldiagnose stellt, kann man nicht vertrauen. Nur Christus, der große Arzt, deckt die sdimerzhafte Wahrheit über uns selbst auf und bietet in der Wiedergeburt Heilung und die Schaffung eines neuen Menschen an. Eine Gesellschaft kann nur durch errettete Mensdien erlöst werden. Der Aussprudi: Der Kommunismus ist das Wunder unserer Generation, ein schneller Weg zum Paradies auf Erden!«, ist nur die neue Formulierung für den alten Unsinn.

Eine Prophetie, die nicht eingetroffen ist
Karl Marxs «Manifest« und sein darauf folgendes Hauptwerk «Das Kapital« mögen vielleicht die Armen der Arbeiterklasse seiner Zeit geblendet haben. Beide demonstrieren jedoch die Grenzen des hilflosen menschlidien Verstandes, der die einzige Autorität des Kommunismus ist.
Die Zeit hat die Unriditigkeit seiner «Mehrwerttheorie«, die er lin «Kapital« darlegt, bewiesen. Unter dem Kapitalismus erfreute sich der Arbeiter in Europa und Amerika eines stetig steigenden Lebensstandards, anstatt immer ärmer zu werden. Der Arbeitslohn sank nicht, wie vorausgesagt, auf die Ebene der reinen Existenzmöglichkeit ab. Auch ließ die Mechanisierung der Industrie den Gewinn der Kapitalisten nicht zurückgehen. Statt zwei sidi gegenüberstehender Klassen der Zeit von Karl Marx, lassen sich heute mindestens sechs Klassen mit unterschiedlichen Interessen erkennen, die sich nicht unbedingt widerspredien. Somit ist seine Theorie des Klassenkampfes als überholt erwiesen.
Am wichtigsten ist jedoch die Tatsache, daß Marxs Erklärungen über die Zusammenhänge von Religion, Philosophie und Ethik und der sich entwickelnden produktiven Kraft der Industrie falsch sind. Die Angriffe gegen das Christentum auf dieser Basis waren nidit richtig begründet. Denn das Christentum blühte zweitausend Jahre hindurch in jedem Zeitalter, in verschiedenen Kulturen und in vielen sozialen Umgebungen.
Obwohl die Religion von der herrschenden Klasse oft als Waffe gegen die Arbeiterklasse benützt wurde, so kann man das kaum vom Christentum behaupten. Ebensowenig gibt es heute viele Beweise dafür, das Christentum mit Redit als Rauschmittel zu bezeichnen. Viele Tatsadien beweisen das Gegenteil. Die Kirche in Afrika und Asien z. B. lag ebenso wie die Kirche Europas an der Spitze der sozialen Veränderungen.
So hat sich Marx als ein Prophet erwiesen, der weit von der Unfehlbarkeit entfernt und als Führer nicht verläßlich ist. Seine Argumente stellten sidi als falsdi heraus, seine Wirtschaftsanalysen waren ungenügend, und seine Gesdilchtsanalyse bietet keinen Beweis der geschichtlichen Notwendigkeit und keine solide Grundlage für den Anspruch, die Zukunft voraussagen zu können. So ist der Marxismus einseitil‑, unzulänglich und sdilleßlich unlogisch. «Marx enthüllte unwissentlich und ohne es zu beabsichtigen den letzten Zusammenbruch des rein humanistischen Denkens in seiner besten Form« (D. R. Davies).
Im Leben und Lehren Christi, vor allem aber in seinem Sterben und Auferstehen und in den erfüllten Prophezeiungen des Alten und Neuen Testaments erhalten wir verläßlichere Richtlinien für die Geschichte und deren letzte Vollendung im Reich Gottes. Nur Christus allein ist es wert, daß man ihm vertraut. Die Bibel hat die Prüfung im Verlauf von Jahrhunderten bestanden. Sie ist der Fels, der allen Stürmen widerstanden und alle Kritik überlebt hat.

Eine heile Welt nur für die überlebenden
Obwohl die berühmte marxistische Vision einer Welt ohne Krieg, Armut, Klasse oder Rasse ungeheuerlich ist, so muß man sie doch als unmenschlich bezeichnen. Denn all das können nur diejenigen genießen, die zu dieser Zeit zufällig am Leben sind. Sie allein erfreuen sich an den Frücliten der Arbeit, Sorge, Kämpfe, Opfer und Qualen derer, die für die marxistische Revolution kämpften. Was könnte gefühlloser und ungeheuerlicher sein als der Gedanke einer endgültigen Zukunft für eine begünstigte Minderheit der gesamten menschlichen Rasse?« (D. R. Davies.)
Wie anders ist doch die christliche Hoffnung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in der Gerechtigkeit herrscht ‑ ein himmlischer Staat, an dem sich eine große Menge, die niemand zählen kann« aus allen Generationen erfreuen kann, nämlich alle, die das freie Angebot der Erlösung von Christus angenommen haben! Der Tod ist kein Hindernis. Denn alle Gerechten und alle, die gelitten haben und gestorben sind, werden züm Leben erweckt. Die Erfüllung des erlösten Menschseins liegt nicht in der Weltzeit, sondern jenseits in der großen Auferste.bung der Toten. Doch in jeder Generation hatte der Christ das Vorredit, mit Gott zusammenzuarbeiten, indem er seinen Willeii tat. Und alle werden an dem endgültigen Triumph der Pläne Gottes teilhaben.
Mit diesen revolutionierenden Hoffnungen ist das Christentum nicht kraftlos dem Kommunismus ausgeliefert. Wir sollten in unserem Gespräch mit den Marxisten in einigen Dingen mit ihnen übereinstimmen ‑ ganz besonders in der Notwendigkeit der Gerechtigkeit, des Friedens und einer guten Regierung, um damit ein gutes erstes Verständnis aufzubauen. Jede negative oder feindliche Haltung ist hier nidit angebracht. Dann müssen wir das gemeinsame Problem klar definieren; denn ein gut vorgebrachtes Problem ist schon die halbe Lösung«. Und indem wir die Notwendigkeit grundlegender historischer Voraussetzungen zugeben, müssen wir schließlich auch die Notwendigkeit betonen, zwischen Tatsachen und deren Auslegungen zu unterscheiden.
Sind wir soweit gegangen, so müssen wir immer unsere Grundvoraussetzung verteidigen, d. h.‑ den Ursprung des Universums und des Menschen, die Tatsache des historischen Christus und die wichtige Unterscheidung zwischen falsch und richtig. Unseren Standpunkt können wir gut durch Fragen unterstreichen wie: «können Sie beweisen, daß Krieg und Gewalt jemals Frieden erzeugen werden?« «Woher wissen Sie, daß der dialektisdie Fortschritt absolut ist?« «Was läßt Sie glauben, der Mensch könne sein eigenes Schicksal kontrollieren?« «Können Sie beweisen, daß das Gute sich selbst verneint?«
Kurzum, «die von den Kommunisten aufgeworfenen Probleme sind letztlich religiös. Die praktischen Probleme sind moralischer und die theoretischen Probleme theologischer Art« («Ein christlicher Kommentar zum Kommunismus« von Edward Rogers). Das Christentum ist realistisch. Es steht vor dem Problem der ursprün«lichen Sünde, auf das die einzige Antwort das Alleinrecht Christi ist, Sünden zu vergeben und durch seine Macht die menschliche Natur zu ändern. Erfüllt von der Liebe Christi, müssen wir bereit sein, den Marxisten überall die Hilfe Gottes zu verkünden ‑ ob es nun an unseren eigenen Universitäten und in unseren Kreisen oder unter den glühenden Anhängern des Kommunismus in Europa, China oder Rußland selber ist.

7. KAPITEL
KOMMUNISTISCHER STAAT UND GEWISSEN KONFLIKT DER CHRISTEN UNTER MAO

Ein Jahr nachdem Mao die Gründung der Volksrepublik ausgerufen hatte, lud Ministerpräsident Tschu En‑Ial die Kirchenführer nach Peking ein, um die Bedingungen der Partei für das überleben der Kirche zu diktieren.
Er bestand darauf, daß sie sich von allen Spuren des Imperialismus befreien müsse. Damit meinte er hauptsächlich die Missionare und das Geld, das die Kirchen von «imperialistischen« Ländern erhielten. Ebenso wurde die Kirche aufgefordert, die Führung der Kommunistischen Partei anzuerkennen. Obwohl die kirchliche Abordnung nicht alle Kirchen vertrat, stimmte sie den Forderungen zu. Damit stellte sich die christliche Kirche unter staatliche Kontrolle. Diese Kontrolle übte das «Büro für Religiöse Angelegenheiten« aus, das die Angelegenheiten aller Religionen Chinas überprüfte. Um die Handhabung protestantischer Angelegenheiten zu erleichtern, gründete diese Stelle die ,Patriotische Drei‑Selbst‑Bewegung«. Schließlich blieb auch den widerstrebendsten christlichen Gruppen keine andere Wahl, als sich der Organisation anzuschließen.
Die christliche Presse begann nun, die Leistungen der Volksregierung lobend anzuerkennen. Marx, Lenin und Mao wurden mit den Propheten des Alten Testaments, und die neue Gesellschaft Chinas mit dem Reich Gottes verglichen. Die Tien Feng« wurde das offizielle Organ der kommunistischen Kirchenpolitik und all der Kampagnen gegen Christen, die sich weigerten, der Parteilinie zu folgen. Bis zur vorläufigen Auflösung der Kirche im Jahre 1966 durch die Kulturrevolution hörten die Sprecher und Schreiber nicht auf, ihre loyale Unterstützung der Regierung und ihre Freiheit unter der Volksregierung zu beteuern. Auch erklärten sie ununterbrochen den aufrichtigen Patriotismus der Bewegung und ganz besonders ihre Opposition gegen die amerikanischen Imperialisten. Und trotzdem schlossen die «Roten Garden« die Kirchen, beschimpften und mißhandelten zahlreiche Christen, verschleppten viele Kirchenführer und lösten die Drei‑Selbst‑Bewegung« auf.
Diese Erfahrungen fordern eine neue Überprüfung von Pflicht und Verantwortung. Nämlich der Verpflichtungen der Christen zur Loyalität, die entweder ihren Wunsch nach Befreiung wahrnehmen können oder weiterhin unter einer autoritären, antichristlichen, kommunistischen Regierung leben müssen. Ein paar Führern und Mitgliedern mag es gelingen, das Land vor oder nach einer kommunistischen Machtübernahme zu verlassen, aber die Mehrheit der Christen wird immer notgedrungenermaßen dableiben und die Suppe auslöffeln müssen.
Im Jahre 64 n. Chr., kurz vor Ausbruch der reichsumfassenden Christenverfolgungen unter Kaiser Nero, schrieb der Apostel Petrus seinen ersten Brief. Darin betonte er zuerst die großen Grundwahrheiten des Evangeliums. Dann unterstrich er, daß die letzte christliche Antwort auf Verfolgung, Verleumdung und Kritik ein unsträfliches Leben sei, ein Leben ohne Tadel in guter Bürgerschaft. «Und wer ist, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert?« (l. Petr. 3, 13.) «Habt ein gutes Gewissen (l. Petr. 3, 16). «Niemand unter euch leide als ein Übeltäter … « (1. Petr. 4, 15). Insbesondere gibt Petrus jedoch viermal und in vier verschiedenen Zusammenhängen den Befehl: «Seid untertan!« In der Gemeinde (l. Petr. 5, 5), in der Familie (l. Petr. 3, 1), in der Gesellschaft (l. Petr. 2, 18) und im Staat (l. Petr. 2, 13). Unterordnung ist christliche Tugend,
Wenn wir uns vor Augen halten, daß viele Christen tatsächlich Sklaven waren, so ist es sehr bemerkenswert, daß weder Petrus noch Paulus irgendwie aufforderten, sie sollten Befreiung durch politische Tätigkeit suchen (1. Petr. 2, 18‑25). Petrus rät den Sklaven sogar, auch schlechten, grausamen und ungerechten Herren untertan zu sein, und nennt als Beispiel das ungerechte Leiden Christi. Er unterstützt damit nicht die Sklaverei, aber er nennt die richtige Einstellung des Christen auch in einer ungerechten, ungleichen Gesellschaft beim Namen.
Im Zusammenhang mit dem Staat schreibt Petrus: Seid untertan jeder menschlichen Ordnung um des Herrn willen, sei es dem Kaiser (Nero) als dem obersten Herrn oder seinen Beamten … Denn es ist Gottes Wille, daß ihr mit guten Taten die Unwissenheit der törichten Menschen zum Schweigen bringt … fürchtet Gott! Ehrt den Kaiser« (l. Petrus. 2, 13 – 17).
Ein solcher Rat muß für die Christen hart gewesen sein, die wegen der bösartigen, falschen Anklagen Neros, sie hätten Rom angezündet, leiden mußten. Aber das Prinzip kommt klar zum Ausdruck. Die Christen sollen nicht gegen irgendeine Regierung rebellieren, nur weil sie diktatorisch, autoritär oder korrupt ist. Sie müssen die Regierungsvertreter nicht nur als diejenigen achten, die das Gesetz vertreten (Vers 14), sondern sich auch den Gesetzen und Erlassen dieser Regierung unterordnen, um so als „Knechte Gottes zu leben« (Vers 16).
Im Römerbrief wendet sich der Apostel Paulus nach elf Kapiteln der Abhandlung über Dinge des Evangeliums in Kapitel 12 der praktischen Anwendung dieser Wahrheiten zu. Er beschreibt das christliche Leben in der Gemeinde (Vers 3‑8), seine persönliche Haltung (Vers 9‑13), sein Verhalten in Verfolgung (Vers 14‑21), und in Kapitel 13 bringt er die schwierige Angelegenheit des Christen und des Staates zur Sprache.
Seine Aussagen sind denen des Petrus sehr ähnlich, nur noch beträchtlich erweitert. Während Petrus über die von Gott eingesetzte Funktion der Regierung spricht, betont Paulus den göttlichen Ursprung des Staates. Die Aussage lautet in beiden Fällen gleich: «Ordnet euch der Obrigkeit unter, die Gewalt über euch hat« (Vers 1) als die Vertretung des Gesetzes (Vers 3‑4). Dann folgen die Gründe.
1. Es gibt keine Obrigkeit, die nicht von Gott wäre (Vers 1).
2. Der Christ sündigt, wenn er sich dieser Obrigkeit widersetzt (Vers 2).
3. Unterordnung muß eine Sache des Gewissens und nicht der Furcht vor göttlicher Bestrafung sein. Der christliche Bürger ist ganz besonders dazu verpflichtet, seine Steuern, Abgaben und Zölle zu entrichten und die verantwortlichen Beamten zu respektieren und zu ehren. Damit wird der Christ erstens der Pflicht des bürgerlichen Gehorsams, zweitens dem Grund des bürgerlichen Gehorsams und drittens dem Geist des bürgerlichen Gehorsams gegenübergestellt.
Betrachtet man dies im Zusammenhang mit dem Römischen Reich ‑ der fremden Macht, die oft übermäßige Steuern verlangte und ungerechte Forderungen stellte ‑, so muß diese eingehende Anweisung bei der ersten Gemeinde viel Erforschung des Herzens hervorgerufen haben.
Aber sowohl die Anweisungen des Paulus als auch die des Petrus für die richtige Einstellung und das Verhalten der Christen im Staat beruhen auf der Antwort Jesu Christi, die er denen gab, die ihn des Verrats an der römischen Regierung bezichtigen wollten (Lukas 20, 20). Seine Antwort war so unerwartet, daß die Schriftgelehrten nur staunen konnten (Vers 25): «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!« Auch wenn alles unter der schweren Steuerlast des Kaisers Tiberius stöhnte.
Das umfaßt das allgemeine Prinzip, «daß die Regierung ihren Bürgern gegenüber rechtliche, aber keine letztlichen Ansprüche hat. Diese kann nur Gott stellen. Die Probleme, die diese Forderungen zum Konflikt werden lassen, sind von Land zu Land und von Zeit zu Zeit verschieden. So waren es z. B. die Konzentrationslager in Deutschland während der Hitlerzeit und ist es das Bürgerrechtsproblem in Nordamerika. Sie verändern sich sogar von Christ zu Christ. Der eine spürt diese Auseinandersetzung über einem Problem und der andere nicht. Jesus gibt keine genauen Anweisungen zur Lösung jeder Loyalitätsfrage. Aber der Christ muß alles tun, um die Probleme und ihre Umstände zu erkennen, seine Loyalität zu finden und Gott mit gutem Gewissen zu dienen. Gerät er dabei mit dem Staat oder der öffentlichen Meinung in Konflikt, kann er schließlich seine Rechte, seinen Besitz oder sogar sein Leben verlieren. Wie Petrus auch tatsächlich sagt: «Aber selbst wenn ihr leidet um der Gerechtigkeit willen, werdet ihr gesegnet sein . . .«
Gott ist ein Gott der Ordnung und nicht der Unordnung, Er hat deshalb weltliche Regierung zum allgemeinen Wohl der Menschen eingesetzt. Sie ist in der Tat eine Obrigkeit von Gott (Römer 13, 1). Was könnte einleuchtender sein als die Überzeugung des Petrus, daß nach Gottes Willen die Gesellschaft den Eindruck göttlicher Ordnung auf ihrem Gesicht tragen soll!
Zur Zeit des Neuen Testaments waren die Regierungen nicht «christlich« in dem Sinne, wie wir es im Westen verstehen. Sie waren undemokratisch und heidnisch. Trotzdem rückten sie durch Gottes schicksalhaften Umgang mit den Menschen in die Stellung der Obrigkeiten vor (vgl. Psalm 75, 6. 7), aus der heraus sie Gehorsam und Loyalität fordern konnten. Vielleicht sind sie Diktatoren. Aber selbst dann ist eine solche Regelung besser als die Gesetzlosigkeit. Sollte allerdings eine Regierung Ansprüche stellen, die Gottes Forderungen widersprechen, so sind Christen von der Gehorsamspflicht entbunden. So wie ein Kind, das lasterhafte Eltern hat, ihnen nicht zu gehorchen braucht, auch wenn es dies normalerweise tun muß.
Trotz all ihrer Fehler und Unzulänglichkeiten sind wenige Regierungen von Grund auf schlecht. Man kann an den meisten etwas Gutes finden. Aber ob gut oder böse, die Schreiber des Neuen Testaments bestanden darauf, der bürgerliche Gehorsam sei eine christliche Pflicht, wenn er sich mit einem guten Gewissen vereinen ließe. Er wird den Christen als das eingeschärft, was dem Willen Gottes entspricht. Zu allen Zeiten wurden Christen beschuldigt, sie hätten sich gegen den Staat aufgelehnt. Eines der verbreitetsten Vorurteile gegen wahre Religion, das die Welt hegt, besagt, die Religion sei der Feind des Staates.
Es ist daher eine eindeutige christliche Pflicht, unter jedem Regime, sei es nun buddhistisch, hinduistisch, mohammedanisch, kommunistisch oder christlich, in allen zivilen Angelegenheiten gute, gehorsame Bürger zu sein. Mag ein Christ nun völlig mit der Politik und den Gesetzen seiner Regierung übereinstimmen oder auch nicht, so muß er doch der Obrigkeit in allem gehorchen, was seine religiöse Überzeugung nicht betrifft und was nicht im Widerspruch zu Gottes Willen steht.
Christen leben heute in der ganzen Welt unter schlechten, korrupten, unzulänglichen Regierungen oder auch unter zulänglichen aber autoritären und diktatorischen Regierungen. Und trotzdem: Es kann nicht mit der Beugung unter den Willen Gottes vereinbart werden, den ungesetzlichen gewaltsamen Sturz einer Regierung vorzubereiten oder an irgendeiner Art des bürgerlichen Ungehorsams teilzunehmen.
Die Taiping‑Rebellion, die von den Kommunisten als Bauernaufstand bezeichnet wurde, ging von Christen aus. Aber diese Rebellion war ein Zerrbild wahren Christentums und ist durch nichts zu rechtfertigen. Das Neue Testament schildert Christus oder die Gemeinde nie als Staatsfeinde, obwohl es das Paradoxe anerkennt, daß der Christ zwar in der Welt, aber nicht von der Welt ist. Er besitzt eine zweifache Bürgerschaft: in einem irdischen und in einem himmlischen Staat. Christus, Paulus und Petrus stimmen alle darin überein, daß sie sich der Obrigkeit unterordnen müssen und sie nicht außer acht lassen dürfen.
Der Herr selbst gibt vor Pilatus ein Beispiel des Untertanseins zur Nachahmung durch seine jünger. Das muß das Vorbild in China, Rußland, Osteuropa, Kuba oder auch in den Vereinigten Staaten sein, in denen die christlichen Neger schwerwiegenden Problemen gegenüberstehen.
Die einzige legale Tätigkeit, die im Neuen Testament vorgeschlagen wird, ist die, daß der Christ für die Obrigkeit betet, wenn er ein ruhiges, friedliches Leben in Gottesfurcht und Ehrbarkeit führen will. Es wäre schwierig, für diese Obrigkeit zu beten und gleichzeitig gegen sie zu rebellieren.
So weit, so gut. Wie steht es aber mit den religiösen Angelegenheiten? Ober dieses Thema erhoben sich in der ersten Gemeinde die größten Spannungen. Zu dieser Zeit war der Staat die höchste Macht. Somit mußte sich alles, auch die Religion, ihm unterordnen. Und doch weigerten sich die Christen ausnahmslos und in gemeinsamer Übereinstimmung, den Kaiser anzubeten. Sie weigerten sich ebenso, den örtlichen religiösen Behörden in Jerusalem zu gehorchen und das Predigen des Evangeliums aufzugeben (Apg. 5, 29). Aber es bestand hier doch ein Unterschied, denn hier lag kein Ungehorsam gegen bürgerliche Obrigkeiten vor.
Die Lage wurde durch die römischen Gesetze erschwert, die die Ausübung neuer Religionen und geheime Zusammenschlüsse verboten. «Diese Menschen bringen unsere Stadt in Aufruhr; sie sind Juden und verkündigen eine Weise, welche uns nicht ziemt anzunehmen noch zu tun, weil wir Römer sind« (Apg. 16, 20, 21). Die Geheimhaltung von Zusammenkünften wie z. B. das Abendmahl, führte zur offenen Verdächtigung der Christen. Außerdem hatte ihre religiöse Überzeugung und der Wunsch nach einem hohen moralischen Niveau zur Folge, daß sie sich aus sozialen, geschäftlichen und politischen Gruppen zurückzogen, die auf irgendeine Art mit heidnischen Bräuchen zu tun hatten. Die Absage an das Böse und die Weigerung bei der Heirat oder im Geschäftsleben am gleichen Joch mit den Ungläubigen zu ziehen, bereitete den ersten Christen oft eine not.
Eines war jedoch klar: Der Christ kann zwar »Cäsar« seinen Körper unterordnen, jedoch nicht sein Gewissen und seinen Glauben. Unter gewissen Umständen kann der Ungehorsam gegen den Befehl des Staates nicht nur ein Recht, sondern sogar eine Pflicht sein.
Die Schreiber des Neuen Testaments, besonders Petrus, lassen klar erkennen, daß das treue Festhalten an Christus den Christen unausweichlich Schwierigkeiten, Verfolgung und sogar den Tod bringen wird. Darum sagt Petrus: »Wappnet auch euch mit derselben Gesinnung wie Christus, der bereit war zu sterben« (l. Petr. 4, 1); d. h. sei darauf vorbereitet, für deinen Glauben, wenn nötig, auch zu sterben.
Audi während der zaristischen Zeiten übte der Staat in Rußland eine gewisse Kontrolle über die Kirche aus. Unter Lenin waren Kirche und Staat getrennt. Unter Stalin war die Kirche so lange geduldet, wie sie ihre Knie vor der Obrigkeit beugte. In den Jahren nach Stalins Tod war zuerst keine klare Religionspolitik zu erkennen. Aber sobald Chruschtschow 1959/60 seine Machtposition gefestigt hatte, begannen die örtlichen kommunistischen Behörden mit höheren Befugnissen, die sichtbare Struktur der Kirche durch Gewalt und unter Mißachtung des Gesetzes niederzureißen.
1961 (so Michael Bourdeaux in Church Times vom 22. März 1969) berief der Patriarch Alexeis innerhalb weniger als vierundzwanzig Stunden ein Bischofskonzil zu einer formellen Synode ein, die aufgefordert werden sollte, einer neuen Liste von Bestimmungen fast ohne jegliche formelle Diskussion zuzustimmen. Die Entscheidungen wurden der Kirche dann aufgehalst, ohne daß sie Zeit zum überlegen hatte. Man entzog ihr gewaltsam die Kontrolle über das Gemeindeleben und übergab sie einem Laienausschuß von vierundzwanzig Männern, die der Partei genehm waren. So trat eine von Grund auf atheistische Kontrolle an die Stelle der Selbstkontrolle der Kirche, und ihre Zerstörung schritt weiter. Mindestens 50 Prozent der zwanzigtausend orthodoxen Kirchen Rußlands wurden geschlossen.
In einer Diözese, in der des Erzbischofs Yermogen, wurden sie jedoch nicht geschlossen. Er weigerte sich, auch nur eine einzige Kirche zu schließen. Dafür verschwand er ein Jahr. 1965 führte er eine Delegation von acht Bischöfen an, die den Patriarchen aufsuchen wollte, wurde aber abgewiesen. Außerdem «überredete« der Ratsvorsitzende für Religiöse Angelegenheiten« den «Rat der Geistlichen der UdSSR«, Erzbischof Yermogen aus dem Amt zu entfernen. Ein Jahr später veröffentlichten zwei Priester einen Protestbrief und schickten jedem Bischof eine Abschrift. Sie erhielten zwar eine beachtliche Zustimmung, wurden jedoch beide aus dem Amt entlassen. Aber Erzbischof Yermogen hatte sich nicht einschüchtern lassen. Er verweigerte seine Distanzierung von der Haltung der beiden Priester und forderte weiterhin, der Patriarch solle sein Versprechen erfüllen und ihm eine Diözese geben, sobald eine frei werde. Im November 1967 appellierte Erzbischof Yermogen an den Patriarchen, auf dem legalen getrennten Status der Kirche zu bestehen und sich auf die Gesetze von 1929 zu berufen.
Der Patriarch ist neunzig Jahre alt, und die Frage seiner Nachfolge muß alle orthodoxen Christen Rußlands, das sind dreißig Millionen, beschäftigen. Der Staat wird zweifellos seinen eigenen Kandidaten aufstellen wollen, der sich der Regierung fügen würde. Aber eine sehr starke Gruppe unter Führung des Erzbischofs Yermogen fordert eine neue Zusammenkunft des Hauses der Bischöfe, um die Kirche wieder in Ordnung zu bringen.
Erzbischof Yermogen ist durch das Beispiel der russischen Baptisten ermutigt, die von der Regierung das Recht erhielten, alle drei Jahre einen Unionskongreß abhalten zu dürfen. So fordern Baptisten und Orthodoxe eine Rückkehr zur Herrschaft des Gesetzes. Die Stimme Erzbischof Yermogens ist eine Warnung an die ganze Kirche und besonders auch an die sowjetische Regierung.« Große Fragen der religiösen Freiheit stehen auf dem Spiel.
Aber was ist mit China? Bestimmte Tatsachen sind klar. Im Gegensatz zur ersten Gemeinde fehlte der chinesischen Kirche eine starke, geeinigte Führung. Als die kommunistische Regierung gebildet wurde, konnte sie nicht als eine Stimme auftreten um die «Kaiser‑ (oder Staats‑) Verehrung« zu verweigern. Sie war zu keiner Übereinstimmung über die Konsequenzen der Worte des Herrn gelangt: «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!«
Deshalb hatte es das «Büro für Religiöse Angelegenheiten« nicht schwer, den protestantischen Kirchen seinen Willen aufzuzwingen, obwohl es bei der katholischen Kirche auf größeren Widerstand stieß, weil sie eine entschlossenere Führung und gutformulierte Grundsätze hatte. Es war daher verhältnismäßig leicht, seine Politik, die protestantischen Kirchen unwirksam zu machen, durchzusetzen. Denn sie waren offenbar durch die ausgeklügelten Machenschaften der Patriotischen Drei‑Selbst‑Bewegung hilflos und bedeutungslos geworden.
Zu Beginn des Jahres 1968 führte die Liberalisierungspolitik Alexander Dubceks in der Tschechoslowakei zur Freude der Christen zu einer Freiheit von Kontrollen, die sie zwanzig Jahre hatten spüren müssen. Die Zukunft war voller Hoffnung. In Rumänien wünschten die Menschen eine ähnliche Liberalisierung, und die Regierung schien darauf einzugehen. Am 5. April 1968 prophezeite der Daily Telegraph« in der Tschechoslowakei, obwohl noch unter der Führung einer kommunistischen Partei, ein Erwachen geistiger Freiheit, das Nachlassen der Polizeikontrollen, eine freiere Presse und ein gewisses Recht, öffentlich zu protestieren.
Aber in Rußland wurde die sogenannte Liberalisierung« als Konterrevolution verleumdet, die eine Herausforderung an die orthodoxe marxistische Lehre, eine Bedrohung des Warschauer Pakts und eine Waffe gegen die UdSSR selbst darstellte. Und am 21. August besetzten die Staaten des Warschauer Pakts unter Anweisung Rußlands verräterisch die Tschechoslowakei. Kommunistische Parteien in der ganzen Welt verurteilten die Invasion und gaben ihrem Mitgefühl für die Menschen und die Kommunistische Partei in der Tschechoslowakei und deren Liberalisierungspläne Ausdruck. Das kommunistische China verurteilte zwar die Invasion, aber auch die ketzerische«, liberalisierende« und revisionistische« Politik Dubceks, die die Tschechoslowakei ‑ so behauptete China ‑ von den Russen gelernt habe.
Professor Hromadka, der tschechische Führer der Christen, protestierte bei der Sowjetischen Botschaft aufs heftigste gegen die Aktion Rußlands. Gleichzeitig appellierte er an alle Christen, in der neuen, veränderten Lage christliche Würde und Solidarität zu bewahren. Und doch sehen die Tschechen seit der Besetzung ihres Landes durch fremde Truppen der Zukunft mit bösen Ahnungen entgegen, wenn die Russen ihre Haltung nicht grundlegend ändern.
Die kommunistische Welt ist uneins. Die ausbrechende Revolte gegen die stalinistische Gewaltherrschaft ist mächtig. Sollte die Zeit kommen, in der sich in China eine liberale Politik durchsetzt und die Kirche ihre konstitutionelle Freiheit wiedererlangt, so möchte man innig hoffen und beten, daß das Beispiel der russischen und tschechischen Kirchen zur Kenntnis genommen wird, daß die chinesischen Christen ihre von der Regierung aufgezwungene Zwangsjacke ablehnen, in echter Freiheit ihre kirchlichen Angelegenheiten versehen und ihr religiöses Leben ohne Einmischung des Staates führen können.

8. KAPITEL
MISSIONARISCHE ARBEIT IN DEN AUGEN DES KOMMUNISMUS

1950 holten die chinesischen Kommunisten zu ihrem Schlag gegen christliche Missionen und Missionare aus. Achtzehn Jahre dauerte die Verleumdungskampagne, die das Ziel hatte, die missionarische Tätigkeit von Grund auf in Mißkredit zu bringen. Der Missionsbewegung wurden alle Arten von Verbrechen vorgeworfen, und das mit einer solchen Beharrlichkeit, daß manchmal sogar die chinesische Kirche von der Wahrheit überzeugt werden mußte. Tatsächlich brachten Y. T. Wu und andere führende Christen diese Verleumdungen in der nationalen Presse und in öffentlichen Verlautbarungen eindeutig zum Ausdruck.
Was werfen die Kommunisten den Christen, besonders den Missionaren, vor? Es ist nötig, uns mit dieser Kritik auseinanderzusetzen, sie genau zu untersuchen, um herauszufinden, wieweit sie zutrifft, anstatt diese Vorwürfe nur abzustreiten. Ehrlichkeit ist das mindeste, das von uns verlangt wird, und Selbstkritik ist kein kommunistisches Monopol.
Die Kritik kann unter sieben Punkten zusammengefaßt werden:
1. Das missionariscbe Unternehmen war von Anfang an ein Werkzeug der kolonialen Ausdehnung im Ausland und unzertrennlich mit der imperialistischen Politik und Aggression verbunden.
2. Missionare standen im Dienst imperialistischer Regierungen und sollten diese in ihrer Aggression unterstützen.
3. Missionare benutzten das Geld, um chinesische Christen zu bestechen und sie zu zwingen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Folglich war die Kirche ein Werkzeug des Imperialismus.
4. Missionare verbreiteten Lehren, die nichts anderes als imperialistisches Gift in den Gedanken derjenigen waren, die sie annahmen.
5. Missionare gebrauchten Schulen und Sonntagsschulen, um die Gedanken der Jugend mit dem Imperialismus zu verderben.
6. Missionare beherrschten und kontrollierten die Kirchen auf imperialistische Art.
7. Missionare benützten konfessionelle Unterschiede als Plan zur Spaltung und Herrschaft.
Wir sollten auf jeden dieser Punkte der Reihe nach verständnisvoll und ehrlich eingehen.

1. Das missionarische Unternehmen war vor Anfang an ein Werkzeug der kolonialen Ausdehnung im Ausland und unzertrennlich mit der imperialistischen Politik und Aggression verbunden.
Wenn man dies vom Standpunkt eines nichtchristlichen Afrikaners oder Asiaten betrachtet, so trifft es zu. Geschichtlich gesehen verlief die Verbreitung des Christentums in der ganzen Welt parallel zur imperialistischen und kolonialen Ausdehnung des Westens. Im Falle Afrikas erforschte der Missionar David Livingstone das riesige Innere des Landes, und es folgten koloniale Regierungen. China wurde als Folge der Opiumkriege eine Abmachung aufgezwungen, die ausländische Kaufleute berechtigte, in China zu wohnen und Handel zu treiben. Dadurch wurde der Weg für Missionare frei, um allen Menschen die Frohe Botschaft von Christus zu bringen.
Vom christlichen Standpunkt aus gesehen, war das Vordringen des Evangeliums nach China im ganzen gesehen etwas Gutes, auch wenn es den Kaufleuten auf dem Fuße folgte. Es ist jedoch leicht zu erkennen, daß dieses Zusammentreffen von Sun Yat-sen bis Mao Tse‑tung falsch ausgelegt wurde, als wären die christliche Mission und ihre Missionare ein Bestandteil des imperialistischen Expansionsprogrammes. Dieses zeitliche Zusammentreffen ist zwar unglücklich, aber es wurde von den Feinden des Christentums völlig falsch ausgelegt. Die Geschichte Chinas wurde neu geschrieben, um die Missionsbewegung darin in das möglichst schlechteste Licht zu stellen.

2. Missionare standen im Dienst imperialistischer Regierungen und sollten diese in ihrer Aggression unterstützen.
Die meisten chinesischen Christen konnten es kaum verstehen, daß die Missionare nicht direkt von ihren Regierungen angestellt und bezahlt wurden. Alle Versuche, sie vom Gegenteil zu überzeugen, schlugen fehl. Die Folge war, daß man glaubte, die Missionare seien alle in politische und kulturelle Tätigkeiten für den Imperialismus verwickelt.
Das ist jedoch völlig falsch. In Wirklichkeit waren Missionare in der ersten Zeit von ihren Regierungsvertretern überhaupt nicht gern gesehen, und das Britische Unterhaus protestierte sogar gegen ihre Anwesenheit in China. Keiner von ihnen erhielt jemals direkte oder indirekte Bezahlung von Regierungen, sondern sie wurden vom freiwilligen Opfer der Christen in aller Welt unterstützt. Die Anklage wurde manchmal aus Unwissenheit und manchmal aus Bosheit erhoben.
Einige der Tätigkeiten und Einstellungen, die damals vollkommen harmlos waren, können im Licht des heutigen Nationalismus als verdächtig, wenn nicht sogar als staatsgefährdend angesehen werden. Aber es ist ungerecht, heutige Kriterien auf Dinge anzuwenden, die fünfzig oder mehr Jahre zurückliegen.
Es ist als unwahr erwiesen, daß Missionare dem amerikanischen Geheimdienst angehörten, auch wenn einige ihrer Berufung untreu wurden und andere zum Kommunismus überwechselten.

3. Missionare benutzten das Geld, um chinesische Christen zu bestechen und sie zu zwingen, mit ihnen zusammen zu arbeiten. Folglich war die Kirche ein Werkzeug des Imperialismus.
Ohne Zweifel verwandten Missionare große Geldsummen auf die Schulung und Unterstützung der chinesischen Christen als Pfarrer, Evangelisten, Gemeindehelfer, Lehrer, Ärzte, Zeitschriftenhändler, Verwalter usw. Damit brachten sie diese Menschen unabsichtlich in die Lage, von den antichristlichen Nationalisten und Kommunisten nach dem ersten Weltkrieg als „laufende Hunde der Imperialisten“ angesehen zu werden.
Die Missionsgelder dienten zu nichts anderem; ihr alleiniger Zweck war, die Kirche aufzubauen und das Evangelium zu verbreiten. Aber es ist auch ganz natürlich, daß die Missionare durch die Kontrolle der Gelder auch die Kontrolle über andere Dinge erhielten. Sie haben hoffentlich ihre Lektion in der dornigen Angelegenheit der Verwaltung von Missionsgeldern gelernt. Geld von ausländischen Quellen, das nationalen Kirchen geschenkt wird, bedeutet fast immer einen Mühlstein um den Hals der Kirche und ein großes Hindernis auf dem Wege des Fortschritts.

4. Missionare verbreiteten Lehren, die nichts anderes als imperialistisches Gift in den Gedanken derjenigen waren, die sie annahmen.
Eine genaue Überprüfung der sog. „giftigen Lehren“ ergab, daß sie von einer Art waren, die nicht in die kommunistische Ideologie paßte. Z. B.: Alle Menschen sind Sünder; der Mensch kann sich nicht selbst erretten; der Zustand der Gesellschaft wird immer schlimmer; die Zeiten verfinstern sich; Christus kommt wieder, um seine Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens zu bringen.
Als man erkannte, daß diese Gedanken im Gegensatz zur kommunistischen Lehre standen, wurden sie schnell als „Gift“ abgestempelt. Aber christliche Gedanken, die zufällig nicht mit dem Marxismus‑Leninismus übereinstimmen, sind nur Gift für Kommunisten. Für andere sind sie das Wasser und Brot des Lebens.

5. Missionare gebrauchten Schulen und Sonntagsschulen, um die Gedanken der Jugend mit dem Imperialismus zu verderben.
Die Missionare gebrauchten zweifellos die Schulen, um für eine gute Erziel‑iung der Kinder aus christlichen und auch aus niditchristlidien Familien zu sorgen, wenn diese es wollten. Man lehrte sie die Wahrheiten des Christentums, und nach der Nationalistischen Revolution von 1911 wurde ein Lehrplan eingeführt, der sich an den des Westens anlehnte. Das geschah auf die allgemeine Forderung des chinesischenVolkes hin.
Die Missionare schämen sich des großen Beitrags zur modernen Erziehung Chinas nicht, deren Pioniere sie waren. Wenn zeitweise die Versuchung nahe lag, zu glauben, die Verbreitung der westlichen Kulturen und der westlichen Lebensart bildeten einen Teil der missionarischen Ziele, so handelten sie manchmal fälschlicherweise in dem Glauben, dies sei für das chinesische Volk am besten. Die Sonntagsschulen waren bestimmt kein „unehrenhaftes System zum Schaden der Kinder“, und ihr Lehrplan umfaßte keinen politischen Unterricht, obwohl natürlich vieles, was die Kinder hörten, nicht mit der kommunistischen Ideologie übereinstimmte.

6. Missionare beherrschten und kontrollierten die Kirchen auf imperialistische Art.
Hier würden nur wenige die Richtigkeit der Anklage abstreiten. Am Anfang brachten die Missionare größeres Wissen, Erfahrung und Charakterstärke mit sich nach China und übernahmen deshalb automatisch die Führung innerhalb der christlichen Gemeinschaft. Im allgemeinen nahmen die Chinesen die Lage als selbstverständlich hin. Aber man sieht jetzt deutlich, und gibt es auch ohne Umschweife zu, daß die Missionare viel zu lange an ihrem Recht festhielten und versäumten, geeignete Männer der chinesischen Kirche mit der Führung und der Verantwortung zu betrauen.

7. Missionare benützten konfessionelle Unterschiede als Plan zur Spaltung und Herrschaft.
Trotz früherer Versuche der London Missionary Society, Missionsgesellschaften ohne konfessionelle Vorurteile zu gründen, war vor hundert Jahren das Gewissen über „unsere Spaltungssünden“ nicht so empfindsam wie heute. Es schien ziemlich natürlich, ja sogar unvermeidlich, den Grundsatz der Konfessionen zusammen mit dem Evangelium ins Ausland zu tragen. Im Lichte der Geschichte ist es nun leicht, die Verwirrung zu sehen, die dieses Unternehmen anrichtete und noch anrichtet. Aber die Behauptung, Missionare hätten die Konfessionen ausgenützt, um ihre Kontrolle über die Kirche zu erhalten, ist offenkundig falsch.
Um noch einmal zusammenzufassen: Während es Tatsachen gibt, die es Menschen mit bösen Absichten und Feinden des Evangeliums ermöglichen, die Anklage zu rechtfertigen, die Missionare seien imperialistische Agenten gewesen und bildeten immer noch einen Teil eines imperialistischen Anschlags auf die chinesische Kirche, so hätte doch ein unparteiischer Richter alle Tatsachen erörtert und diese Anschuldigung für völlig unwahrhaftig erklärt, soweit es sich um China handelt. Daß die Missionare die Gedanken und kulturellen Bräuche des „imperialistischen“ Westens und besonders der viktorianischen Zeit mit sich brachten, war unvermeidbar. Aber in keiner Weise verbreiteten sie absichtlich den Imperialismus. Und in den letzten Jahrzehnten vollzog sich ein stetiger Umschwung der früheren Tendenzen.

9. KAPITEL
DIE ENTWICKLUNG CHINAS – UNSERE ZUKUNFT

China ist eine Nation und seine Bevölkerung eine Rasse, die man nicht übergehen kann. Es wird eine zunehmend bedeutende Rolle in der Welt spielen. Im Guten oder im Bösen werden die Ereignisse in China unsere Zukunft und besonders die unserer Kinder und Kindeskinder bestimmen. Die alte Kultur, die hervorragenden Fähigkeiten, die verschiedenen Geschicklichkeiten, die Industrie, die riesigen Bodenschätze, die Anpassungsfähigkeit und die rein zahlenmäßige Bedeutung des chinesischen Volkes machen es vielleicht zur größten Rasse der Erde. Seine überlieferte, tolerante Menschlichkeit könnte vielleicht einen Einfluß darstellen, der zur Harmonie und zum Wohl der Welt beitragen könnte. Anderseits sind der geschürte Haß, die sklavische Unterwerfung und die verantwortungslose kommunistische Führung eine ernste Bedrohung für die übrige Welt, ganz besonders, seit China Atommacht ist.

Verschiedene Meinungen
Chinakenner in Hongkong sind verschiedener Meinung über die Zukunft der Kirche Jesu Christi in China. Einige befürchten, sie werde ähnlich wie die Gemeinde in Nordafrika und Kleinasien im ersten Jahrhundert allmählich zerstört, wozu auch starke Gemeinden wie Ephesus, Smyrna und Philadelphia gehörten. Andere sehen die Zukunft der chinesischen Kirche etwas optimistischer und erwarten eine Zeit, in der eine beschränkte Rückkehr nach China für Chinesen und andere Asiaten möglich wird. Eine dritte Gruppe ist jedoch der Meinung, daß nur Chinesen, die die Revolution miterlebten, in der Lage sein werden, ihrem Volk zu dienen, und daß die Zeit für Angehörige des Westens, ja sogar für die im Westen geschulten und westlich orientierten Chinesen endgültig vorüber ist. Dann gilt es noch diejenigen, die glauben, daß wir uns auf jede Möglichkeit vorbereiten müssen, auch auf die Möglichkeit der Rückkehr westlicher Christen nach China.
China ist mit einem Viertel der Weltbevölkerung das größte nichtevangelisierte Gebiet der Welt. Aber jetzt sind die Tore nach China fest verschlossen, und die chinesische Kirche ist von anderen Kirchen völlig, getrennt. Gegenwärtig liegt die Aussicht, der chinesischen Kirche Hilfe zu bringen, nach menschlichem Ermessen in weiter Ferne. Wenn auch die Tumulte in China, die zeitweise in Bürgerkriege ausarteten, die Hoffnung des „Freien China“ oder Taiwans schürten, daß der Zusammenbruch und eine nationalistische Rückkehr auf das Festland in Sicht komme, so übersehen doch diese Wunschgedanken die Tatsache, daß der gegenwärtige Kampf kein Kampf zwischen Kommunisten und deren Gegnern ist, sondern ein ideologischer Kampf zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb der Kommunistischen Partei. Kampf ist ein Teil der kommunistischen Ideologie, und es ist Vorsicht geboten, wenn man die Ergebnisse des gegenwärtigen Durcheinanders voraussagen will. Und doch ist bei Gott kein Ding unmöglich!

Ist eine Liberalisierung möglich?
Man kann die zukünftige Entwicklung nur sehr vorsichtig abschätzen. Wenn die Ereignisse den traditionellen chinesischen Weg einschlagen, so wird zuletzt der gemäßigte, praktische Menschenverstand der Chinesen über die Dogmatik siegen. Mao Tse‑tungs Nachfolger wird mit großer Wahrscheinlichkeit die intellektuelle, gemäßigtere Gruppe des chinesischen Kommunismus vertreten. Diese wünscht eine beschleunigte Mechanisierung der Wirtschaft und der Streitkräfte, vielleicht sogar mit russischer Hilfe. Wäre es denkbar, daß ein derartiges neues Regime die konstitutionelle Freiheit der religiösen Einrichtungen Chinas wiederherstellt, wie wir es auch nach der Liberallsierung in der Tschechoslowakei sahen, oder wäre eine neue kommunistische Staatsform kaum liberaler als in Rußland, wo heute an eine Missionierung nicht zu denken ist? Vielleicht erhalten die Christen ihre Kirchengebäude zurück und können ihre Gemeinden neu sammeln, wie von mancher Seite vermutet wird. Möglicherweise ist es von Bedeutung, daß die „Drei‑Selbst‑Bewegung“ auf dem Papier noch besteht. Sie könnte wiederbelebt werden, klüger vielleicht und unter einer anderen Führung, befreit von aller Vorherrschaft der Regierung und mit einem evangeliumsgemäßeren Programm als vorher. Die Zukunft könnte damit ungeheure Möglichkeiten für die Kirche Christi mit sich bringen. Wenn sich das bewahrheitet, wird die Kirche der größten evangelistischen Herausforderung aller Zeiten gegenüberstehen.

Wer könnte zurückkehren?
Sollte sich diese Hoffnung erfüllen, so wird die chinesische Kirche jede Hilfe benötigen, die ihre Schwesterkirchen im Ausland aufbringen können. Sie wird zweifellos die Hunderte von chinesischen Christen aus Hongkong, Taiwan und von anderen Gebieten auf dem Festland willkommen heißen, die sich auf diese Möglichkeit vorbereitet haben. Kann nicht die Existenz so vieler Mensdien mit derselben Vision ein Anzeichen dafür sein, daß Gott ihre Gebete erhören wird und die Tore zum Festland wieder öffnet? Außer den Chinesen würde das Willkommen gewiß audi anderen Asiaten gelten wie z. B. Koreanern, Japanern, Indonesiern oder Indern. Seit 1950 machte sich das chinesische Volk mit dem Kommen und Gehen großer Mengen »ausländischer Gäste« aus aller Welt vertraut. Und auch die »christlichen« Gäste aus anderen asiatischen Ländern waren im neuen China nicht verdächtig.
Jedoch muß ein Willkommen für Amerikaner von seiten des chinesischen Volkes als eine weit entfernte Möglichkeit betrachtet werden. Zwanzig Jahre eingeimpften Hasses gegen die sog. „US‑Imperialisten“, die Bitterkeit über den Vietnamkrieg, der US‑Schutz Taiwans und der Rassenkampf in den USA entfremdeten die Amerikaner und das chinesische Volk völlig. Kanada und Großbritannien hielten die diplomatischen Beziehungen zu China aufrecht. Australien und Neuseeland werden von Peking etwas wohlwollender als andere westliche Nationen betrachtet. Aber das Willkommen für Angehörige des britischen Commonwealth würde in China bestimmt nicht überschwenglich ausfallen.
Auf jeden Fall sollten wir uns folgende Fragen stellen:
Ist die christliche Kirche darauf vorbereitet, wenn sich die Tore Chinas plötzlich öffnen sollten? Haben wir eine gut durchdachte Strategie oder einen Plan? Was für eine Kampftruppe wird ausgebildet? In welcher Lage würden wir uns befinden? Wie würden wir das Evangelium in einem von Grund auf veränderten China vortragen? Welche Fehler der Vergangenheit würden wir zu vermeiden suchen?
Dies sind Fragen von mehr als akademischem Interesse. Sie sind von größter Bedeutung, wenn wir glauben, daß Gott die über eine Milliarde Menschen in China nicht verworfen hat. Solche Fragen müssen betend erörtert und von entsprechenden Taten gefolgt sein. Es wäre verbrecherisch, wieder so unvorbereitet eine Arbeit aufzunehmen, wie es bei der christlichen Kirche z. B. nach dem letzten Krieg in Japan der Fall war. Und wie tragisch wäre es, eine bunte Horde schlecht vorbereiteter und schlecht ausgerüsteter, ungeordneter und unbesonnener, wenn auch begeisterter „Missionare“, Asiaten, Amerikaner oder Europäer, auf eine argwöhnische, ja feindlich eingestellte Bevölkerung loszulassen! Der Gedanke an Hunderte von Gesellschaften unter verschiedenen Fahnen und verschiedenen Erkennungszeichen auf dem Marsch in die Höhle des kommunistischen Löwen läßt den Verstand stutzen. Wie gut ist die Kirche wirklich vorbereitet?

Die Situation im veränderten China
Können wir uns zunächst einmal ein Bild über das China machen, das wir vorfinden werden, wenn die gegenwärtigen Unruhen als Folge der Kulturrevolution aufhören? Es wäre ein China, das sich so vom China unterscheidet, das die Missionare 1951 verließen, wie sich Deutschland heute von dem vor hundert Jahren unterscheidet. Fortschritte, die im Westen einige Generationen andauerten, bewältigte China in einer einzigen Generation. Die Fortschritte der Industrie, der Landwirtschaft, im Verkehrswesen, in der Technik, im Gesundheits‑ und Sozialwesen sind überwältigend. Das nette China ist in vieler Hinsicht fast nicht mehr wiederzuerkennen. Während der letzten Jahre wurden in Europa und Asien Zentren zum Studium des Kornmunismus errichtet. Die Christen können es sich nicht leisten, im Studium der chinesischen Gesellschaft, Wirtschaft und der Auslandsbeziehungen hinter den anderen zurückzustehen, wenn sie begreifen wollen, was mit den Christen auf dem chinesischen Festland geschieht, und wenn sie die Bedingungen erfüllen wollen, die sie bei ihrer Rückkehr nach China vorfinden werden.

Tatsachen zum Nachdenken
1. Wir sollten uns mehr Zucht und Ordnung, Reinheit und Disziplin zu eigen machen. Alle Besucher Chinas, ob Geschäftsleute, Wissenschaftler oder Angehörige einer Kirche, sind von dem Unterschied zwischen dem heutigen China und dem alten China mit seinen Mängeln und der tatenlosen Regierung beeindruckt. Staatserziehung, Gesundheits‑ und Wohlfahrtsorganisationen übernahmen oder ersetzten die missionarischen Einrichtungen, für die kein Platz mehr vorhanden ist.
Was auch immer die Christen nach China bringen wollen, es wird bestimmt nicht nur Menschenliebe, soziale Wohlfahrt oder Wohltätigkeit sein können. Diese institutionelle Art des Beitrags ist für immer vorbei.
2. Die zwanzigjährige, gründliche Umschulung hat das Denken des ganzen Volkes, auch der Christen, weitgehend beeinflußt. Ihre politischen und internationalen Ansichten werden sehr eng sein, da ihnen objektive Informationen und freie Diskussionen verweigert wurden. In der Industrie des neuen China war die Propaganda am wirkungsvollsten.
3. Wir würden auf abgrundtiefen Haß gegen die Amerikaner und andere „imperialistische Länder“ stoßen, die beschuldigt werden, hinter den Mißständen dieser Welt zu stehen und das Haupthindernis der neuen, sozialen Ordnung auf der Grundlage der Gerechtigkeit zu sein. Als Imperialisten“ würden auch unsere Beweggründe zu einer Rückkehr nach China höchst verdächtig erscheinen.
4. Die meisten von uns würden sich noch schwerer tun, die Zeitungen zu verstehen. Einmal führten die Chinesen eine neue, vereinfachte Schrift ein, die nicht sehr leicht ohne Studium zu lesen ist. Aber was die Dinge noch erschwert, ist, daß die Ausdrücke des täglichen Lebens, die Redewendungen und der Wortschatz große Veränderungen durchmachten. Es wird allgemein eine kommunistische Umgangssprache verwendet. Die Sprache der einfachen Menschen wurde so anders, daß eine normale Verständigung am Anfang äußerst schwierig wäre. Ein gemeinsamer Punkt der Verständigung könnte nur sehr schwer erreicht werden.
5. Bei den Kindern würden die „großen“ Nasen der Menschen aus dem Westen dieselben alten Kommentare hervorrufen. Aber auch in anderen Beziehungen erscheinen wir ihnen wie Leute von einem anderen Planeten. Die jüngeren Chinesen wurden schon fast von der Wiege an vom dialektischen Materialismus bestimmt. Sie kennen keine andere Philosophie als den Materialismus. Wir fänden also zum größten Teil Atheisten vor, die die Christen als Dummköpfe und unwissenschaflliche „rückständige Elemente“ verachten. Der Unterschied zwischen den Generationen käme viel deutlicher als im Westen zum Ausdruck, und es wäre so gut wie unmöglich, die Kluft zu überbrücken.
6. Aber wir könnten auch sehen, daß Dingen wie Aberglauben, Ahnenverehrung und Götzendienst, die einst das große Hindernis auf dem Wege des Evangeliums darstellten, ein tödlicher Schlag erteilt wurde. Wir stünden daher in sozialer, intellektueller, religiöser und psychologischer Hinsicht einer Situation gegenüber, die wir nur mit der Weisheit und Kraft Gottes, die er seinen Knechten gewährt, bewältigen könnten. Jeder, der ungenügend vorbereitet wäre, erhielte vor Ablauf einiger Wochen einen ernsthaften »Kulturschock«. Diese Aufgabe ist ungeheuer. Aber unter der Führung des Geistes Gottes, der für jede Situation ausreicht, würden die Christen von den sich anhäufenden Schwierigkeiten nicht erdrückt. Evangelische Christen sollten zusammen beten, zusammen planen und eine gründlich ausgerüstete, internationale Truppe ausbilden, die bereit ist, wenn die Zeit kommt, einzurücken.

Strategie einer Verkündigung für Kommunisten
1. Die Rückkehr nach China sollte sich nicht auf eine Missionsgesellschaft gründen, sondern ein Unternehmen auf Kirchenbasis sein. Keine ausländische Missionsgesellschaft, kein Missionskomitee sollte als solches versuchen, auf einer Gesellschaftsgrundlage zurückzukehren. Es darf keine Wiederholung der vielschichtigen Gesellschaftssituation mehr geben. Es wäre daher ratsam, die evangelischen Kirchen Hongkongs zu vereinen, damit sie für Christen der Kanal nach China werden können. Ihr Gegenüber in China bildeten dann die sie willkommen heißenden Kirchen auf dem Festland. Ist dies zu idealistisch gedacht, so bestände vielleicht folgende Möglichkeit:
2. Ein gemeinsamer Annäherungsversuch an die Kirche Chinas könnte von einer repräsentativen Einrichtung im Ausland vorgenommen werden, die die Rückkehr ausgewählter Missionsarbeiter einleitet. In diesem Falle müßte jedoch eine chinesische Kirchenorganisation die gesamte Kirche Chinas vertreten können und die Verhandlungsgruppe genauso alle Organisationen mit dem größten Interesse an China repräsentieren.
Nicht jeder wird die Vorschläge akzeptieren, die ein katholischer Priester in den USA während einer Vorlesung machte. Aber er hat im Grunde genommen recht, wenn er sagt: »Ich bin der Meinung, wenn der Tag der Wiederaufnahme der Kontakte zur chinesischen Kirche wirklich kommt, so sollten diese nicht über einen Missionsausschuß oder durch nationale Missionsgesellschaften hergestellt werden. Meine Hoffnung richtet sich auf eine internationale, neutrale Gruppe von nichtnationalem Charakter. Es wäre auch zu wünschen, daß die ökumenische Bewegung bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Festland der missionarischen Tätigkeit wieder offensteht, einen solchen Entwicklungsstand erreicht hat, daß das Wort Gottes ohne Wiederholung der Bemühungen und ohne den Konkurrenzkampf, der heute in vielen Ländern auftritt, gepredigt wird.«
Es liegt Weisheit in diesen Worten, aber sie weisen auch auf eines der heikelsten Probleme hin, das die Rückkehr nach China erschwert. Ganz besonders für die voraussichtlichen Missionare, und das ist die Mehrheit, die dem Weltkirchenrat nicht angegliedert sind. Trotzdem ist etwas Derartiges gewiß wichtig, um eine so unglückliche Verwirrung wie vor der kommunistischen Ära zu verhindern. Auch wenn es Evangelischen schwerfällt, mit denen zusammenzuarbeiten, die ein »anderes Evangelium« predigen, so sollte es wenigstens nicht zu schwierig sein, sich untereinander auf eine gemeinsame Politik zu einigen.
3. Bevor ein endgültiges Programm festgelegt wird, müßte als erster Schritt die Gemeinschaft mit den Kirchen Chinas gesucht werden.
Die trennende Kluft ist breit und tief. Es wird viel Zeit brauchen, die enge Gemeinschaft in Christus zu erneuern. Mißverständnisse müssen gefunden und die Kritik anerkannt werden. Demut ist auf beiden Seiten wichtig. Wir, die wir keine Verfolgung durch den Kommunismus erlitten, werden uns zu Füßen der chinesischen Christen setzen müssen und die Lektionen mit ihnen teilen, die sie Gott im Leiden gelehrt hat. Sie wiederum werden nach dem Trost des Wortes hungern, nachdem sie so lange ohne Bibeln und ohne biblische Seelsorge auskommen mußten. Wir wären außerdem auf ihren Rat angewiesen, wie wir sieben‑ bis achthundert Millionen Menschen mit dem Evangelium erreichen und die neue Lage in China erfassen können. Stürzten wir uns mit unseren eigenen Plänen darauflos und übergingen dabei den zutiefst verwundeten Körper Christi in China, so hieße das, den Mißerfolg heraufbeschwören.
4. Im Austausch mit der Kirche würde uns bald klar, daß kein Gedanke daran sein kann, einfach zur Lage vor 1948 zurückzukehren.
Das Evangelium veränderte sich nicht, aber einige Formen, die früher in der Verkündigung angewandt wurden, wären höchstwahrscheinlich nicht mehr annehmbar. Die übliche Verfahrensweise und die evangelistische Umgangssprache würden das Eis bei einer Generation, die nur Marx und Mao kennt, nicht auftauen. Ein paar Methoden könnte man vom Kommunismus borgen, der sie ja ursprünglich vom Christentum entlehnte und für sich anwandte.
Man müßte auch ein Bibelverständnis übermitteln in der Art, wie Kommunisten die Gedanken Maos einimpfen.
Bei einem Zusammentreffen mit einigen Führern der China-Inland‑Mission in Schanghai im Jahre 1951 wurde Watchman Nee, der von einigen Kollegen begleitet wurde, gefragt, in welcher Funktion wir nach China zurückkehren sollten, falls sich die Tore jemals wieder öffneten. Darauf antwortete er: „Als lehrende Alteste in unseren Kirchen!“ Er erklärte, die Evangelisierung würde am besten von den Chinesen selbst unternomrnen. Aber das Lehren der Bibel in den Kirchen sei ein Amt, für das uns unsere Erfahrung und jüngerschaft ausgerüstet habe. Die Beschaffung von Literatur und Rundfunkseiiduti“cn wäre von großer Bedeutung, soweit sie erlaubt würden, aber auch sie müßten den Bedürfnissen und dem Charakter des neuen China entsprechen.
5. Es ist wichtig, die kommunistische Ideologie zu verstehen, damit wir das Evangelium entsprechend kraftvoll verkündigen können. Evangellsten sind manchmal der Meinung, das Predigen des Evangeliums bestehe nur in der Wiederholung bestimmter Lehren über Gott, Mensch, Sünde, Kreuz, Glaube, Himmel und Hölle (und das für gewöhnlich in der abendländischen Denkweise). Für Moslems, Buddhisten oder Hindus scheinen wir dasselbe Thema zu haben wie sie, nur daß sie es in östlicher Form tun. Oder sie empfinden es als seltsames Märchen einer fremden Religion: interessant, aber nicht annähernd so befriedigend wie die ihrige. Eine Verkündigung unter dem Kommunismus wäre mit ähnlichen Problemen verbunden. Er befaßt sich mit dieser Welt, nicht mit der zukünftigen, mit Armut, Hunger und Ungerechtigkeit, nicht mit der Sünde, mit dem Körper und nicht mit der Seele.
Bei einer Konferenz, die vor einiger Zeit in Malaya stattfand, enthüllte die Gruppendiskussion unter jungen chinesischen Christen, wie wenig sie über das Zeugnis gegenüber Andersgläubigen in ihrem eigenen Land wußten. Es ist daher ein viel eingehenderes Studium des Kommunismus notwendig als nur über die Grundzüge, die im 4. und 5. Kapitel dieses Buches beschrieben sind. Erst dann kann man die Fehler und wunden Punkte des Marxismus richtig einschätzen.
Der Christ muß auf Debatten, Zwiegespräche und Diskussionen vorbereitet sein, wenn er diejenigen überzeugen will, die der christlichen Wahrheit gegenüber voreingenommen sind. Aber sind wir auf all diese Anforderungen verstandesmäßig und geistlich vorbereitet? Eine rein negative antikommunistische Einstellung würde nur Widerspruch hervorrufen und das Ziel verfehlen, die harten Herzen und verfinsterten Gedanken dem Evangelium zugänglich zu machen.
Mitglieder des Kampftrupps müssen nicht nur in der christlichen Apologetik und der marxistischen Dialektik Bescheid wissen, sondern es müssen auch vom Geist Gottes erfüllte Männer und Frauen sein, wenn sie es mit den chinesischen Massen, deren Gedanken vom Kommunismus erfüllt sind, aufnehmen wollen.
6. Es ist wichtig, nicht nur halbe Wahrheiten und zweifelhafte Behauptungen zu verbreiten, wie es in der Vergangenheit verschiedentlich der Fall war, sondern die positive Gewißheit des christlichen Glaubens zu verkünden.
Es wäre verheerend, brächten wir die theologischen Zweifel und gegenwärtigen verschleierten Theorien, die unsere westlichen Kirchen plagen und sowohl die Kirchenstühle als auch die Kanzeln leerfegen.
Um gegen die eindeutigen Behauptungen und die tiefe überzeugung der Marxisten anzukommen, müssen die Christen eine eindeutige, maßgebende, kompromißlose biblische Botschaft verkündigen. Christlicher Liberalismus bietet der Welt, ganz besonders der kommunistischen, eine völlig unzulängliche Botschaft. Wir müssen zeigen, daß Gott lebendig und nicht tot ist. Christus muß als der Herr der Welt und als einziger Retter der Menschheit verkündet werden.
7. Unter Jugendlichen wäre es ratsam, kleine Gruppen oder zellenartige Zusammenkünfte zu bilden, wie es ihnen von den Kommunisten her vertraut ist.
Schon bevor der Kommunismus in China an die Macht kam, übten christliche Studenten in Peking eine seiner Verfahrensweisen. Einige ihrer Führer pflegten Zusammenkünfte, in denen von allen eine aufriditige selbstkritische Beteiligung gefordert wurde. Solange man die Gefahren kennt, kann man diese typische kommunistische Übung mit Gewinn praktizieren, um eine enge Gemeinschaft unter den Christen zu schaffen.
Christliche Gemeinschaft muß mehr sein als nur ein Gegenstück zu der glühenden Kameradschaft innerhalb der kommunistische Gesellschaft. Sie sollte den Charakter der Gemeinschaft haben, die an vielen Universitäten in der Nachkriegszeit unter christlichen Studenten zu finden war, bevor sich der Kommunismus durchsetzte.
8. Wir müßten einen einfachen Lebensstil annehmen und jede Selbstgefälligkeit meiden.
Es ist eigentlich überflüssig zu betonen, daß Missionsausschüsse nicht versuchen sollten, ihre früheren Grundstücke, Häuser oder Finrichtuiigen zurück zu bekommen. Es wäre in einer sozialistischen Gesellschaft untragbar, eine Ausnahmestellung und größereii Reichtum zur Schau zu tragen oder sich gar dem Luxus hinzugeben und auf Erleichterungen zu bestehen. Die)’enigen, die hlissionsarbeit in kommunistischen Ländern tun wollen, inüßten darauf vorbereitet sein, die Unterkunft und die Bedingungen anzunehmen, für die die einheimischen Kirchen gesorgt haben.Es istnötig,daß siemitspartanischereinfachheitzufriedell sind und ein enges Verhältnis zu der Bevölkerung suchen.
9. Es wäre ratsam, daß Missionare so wie der Apostel Paulus ihren Unterhalt selbst verdienen würden.
Die bisherige Vorstellung der Eingeborenen über Missionare ist oft nicht gerade schmeichelhaft: wohlhabend, verhältnismäßig müßig, ziemlich überlegen und zurückhaltend und nicht gewillt, ihre Hände an Dingen schmutzig zu machen, für die Diener angestellt waren.
Diejenigen, die nach China zurückkehrten, müßten das Predigen des Evangeliums mit einem praktischen Ausdruck des sozialen Interesses an der Entwicklung einer Gesellschaft verbinden. Missionskrankenhäuser gehören der Vergangenheit an, aber Arzte und Schwestern könnten in China in staatlichen Einrichtungen arbeiten. Missionsschulen oder Universitäten gibt es nicht mehr, aber Lehrer, Landwirtschaftsexperten, Ingenieure, Sozialarbeiter und Universitätslektoren könnten in Regierungsinst‑»tutionen willkommen sein.
Eines ist sicher: Christen der Zukunft müssen klüger als Schlangen und argloser als Tauben sein.
10. Diejenigen, die auf eine Rückkehr nach China hoffen, müssen nicht nur auf ihre Arbeit vorbereitet sein, sondern auch auf jedes Opfer.
Ein Aufsatz von Herbert Kane, »Der Konflikt ist unvermeidlich«, besagt unter anderem: Die christliche Kirche muß darauf vorbereitet sein, die Kommunisten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, sie zu übertreffen, noch wagemutiger zu sein, sie zu überleben und wenn nötig auch noch zu übersterben‘!“
Am 150. Jahrestag der Bibelgesellschaft hielt Professor James Stewart von Edinburgh vor der Königin und Prinz Philipp in der Westminster Abbey den Festgottesdienst. Sein Thema anläßlich dieses großen Ereignisses war, daß in Anbetracht der gegenwärtigen heidnischen Bedrohung der Welt das entkräftete, formelle, traditionelle heutige Christentum nutzlos sei. Man könne den antichristlichen Kräften nur durch die Macht des Wortes Gottes begegnen und durch Christen, die an seine Wahrheit glaubten. Diese müßten davon völlig überzeugt sein und bere‘ t, notfalls für ihren Glauben zu sterben.
Solche Männer und Frauen brauchen wir, um dem Kommunismus die Botschaft von Christus wirkungsvoll entgegenzusetzen. Sie könnten auch nadi China zurückkehren, in ein China, das seine alten Fundamente zerstörte und dann herausfand, daß der atheistische Kommunismus nichts bieten kann. Nichts, das die leeren Herzen der Menschen befriedigen und den Hohlraum ausfüllen könnte, den der Kommunismus selbst geschaffen hat. Die Chinesen sind wie wir von Gott geschaffen und auf Gott angelegt. Wenn sie das wüßten, so würden sie in den Ruf ausbrechen:
Du, o Christus, bist alles, was ich will;
mehr als alles finde ich in dir!

10. KAPITEL
DER KOMMUNISMUS ‑ HERAUSFORDERUNG AN DIE CHRISTENHEIT

In einem der vorausgehenden Kapitel versuchten wir zu beweisen, daß der Kommunismus eine Pseudoreligion, eine ausgeklügelte Fälschung des Christentums ist. Er trägt viele Grundzüge der ersten Gemeinde, die längst aus dem modernen Christentum verschwunden sind. Vielleicht ist das Ausmaß des Erfolgs der kommunistischen Bewegung während der letzten fünfzig Jahre der Maßstab für das Versagen der Kirche. Trotz des Risikos, einiges zu wiederholen, könnte eine Betrachtung der verschiedenen Arten, auf die der Kommunismus eine Herausforderung an die Christenheit darstellt, dazu dienen, das Thema zusammenzufassen.

Die Herausforderung seines Idealismus
Die treibende Kraft des Kommunismus ist der brennende Haß gegen die derzeitigen Verhältnisse der Welt und der große Glaube, die vollkommene Gesellschaft sei ein erreichbares Ideal. Der wahre Kommunismus tritt leidenschaftlich für soziale Gerechtigkeit ein. Und er wird in seiner Gewißheit durch seinen Glauben an ein natürliches Gesetz bestärkt, das den Menschen unausweichlich auf sein utopisches Ziel zutreibt. Es ist das Gesetz des dialektischen Materialismus oder des wirtschaftlichen Determinismus.
Von dieser utopischen Ära erwartet er vollkommene Gerechtigkeit, das Ende des aufreibenden Klassenkampfes, die Ausschaltung des Krieges, volle Genüge für alle, die Enthüllung der letzten Naturgeheimnisse, den endgültigen Sieg über Zerfallserscheinungen, die Vervollkommnung der menschlichen Natur und den Verzicht auf Polizei und jede Art des Zwangs. Dieser Plan wirkt besonders anziehend auf Menschen, die unter schlechten Regierungen, korrupten Beamten und ungerechten wirtschaftlichen Systemen leiden.
Aber weshalb hat die Welt nichts vom christlichen Ziel, von der Herrschaft Christi auf Erden erfahren? Weil die Christen nur zur Hälfte daran glauben? Warum ließen wir es zu, daß uns die Zeugen Jehovas den Wind aus den Segeln nahmen? Jesaja und die anderen Propheten schilderten das Nahen des Reiches Gottes in glühenden Worten. Der Apostel Paulus sah einen »neuen Himmel und eine neue Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt«. Und unser Herr lehrte uns zu beten: »Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!«
Fordert uns nicht der Kommunismus dazu heraus, klarer über die persönliche Rückkehr Christi und über das Reich zu sprechen, das er auf Erden errichten wird?

Die Herausforderung seiner Dynamik
Ein Vertreter eines bekannten britischen Chemiebetriebs, der Christ ist, gehörte einer Gruppe an, die Peking 1966 geschäftlich besuchte. Er war zutiefst beeindruckt, ja fast erschrocken über diese Nation, die vor ungeheurer Aktivität und starkem Orientierungsvermögen überschäumte. Die Leute arbeiteten mit Begeisterung, weil sie zu wissen glaubten, wohin sie gehen. Es gelang China, der früheren Schmach der Rückständigkeit ein Ende zu setzen, und es machte innerhalb von zwanzig Jahren riesige materielle Fortschritte.
Trotz häufiger Fehler und schwerwiegender Rückschläge kam der Fortschritt nicht zum Stillstand, und wir alle können die Beweise dafür sehen. Unter einer dynamischen Führung mit erstaunlichen organisatorischen Fähigkeiten krempelt das chinesische Volk sein eigenes Land in jeder Hinsicht um. Wirtschaftlich gesehen holt es den übrigen Ländern gegenüber rapide auf. Ein Ziel, das es sich gesetzt hat, ist, bis 1975 die Stahlproduktion Großbritanniens übertroffen zu haben. Experten sind der Ansicht, daß China mit seiner riesigen Bevölkerung, seiner großen Geschicklichkeit und seinen ungeheuren Bodenschätzen lange vor Ende des Jahrhunderts der größte Exporteur der Welt sein wird.
Die heutigen Christen sind kaum diejenigen, die die Welt auf den Kopf stellen. Von den Kommunisten kann man das wohl behaupten. Nicht als könnten wir unsere Hingabe an Christi Sache am Eifer der Kommunisten entzünden. Der Christ muß vom Kommunismus nichts lernen. Aber das verfallene, orthodoxe Christentum, das dem Christentum des Neuen Testaments kaum ähnelt, muß sich mit der Herausforderung des kriegerischen Kommunismus auseinandersetzen. Und das Christentum tut wohl daran, dieser Herausforderung zu begegnen und sie anzunehmen.

Die Herausforderung seines Materialismus
Diese Welt ist die einzige, die existiert, behauptet der Marxist. Der Mensch ist ein Körper ohne Seele. Der Tod ist das Ende. Daher sind die Bedürfnisse des Menschen auf seine körperlichen, sozialen und kulturellen Erfordernisse begrenzt, auf Nahrung, Geschlechtlichkeit, ein Haus, Arbeit und lohnende Freizeit. Stille diese Bedürfnisse, so stillst du alle Forderungen des Menschen. Der Mensch lebt allein vom Brot.
Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was es für einen Christen bedeutet, in einer solchen Atmosphäre zu leben und zu wissen, daß der Mensch doch nicht vom Brot allein lebt, daß er und alle seine Mitmenschen unsterbliche Seelen haben, für deren Errettung Christus gestorben ist. Andere um ihn her vertrauen auf das Sichtbare. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf die unsichtbaren, ewigen Dinge. Es ist daher äußerst schwierig, in einer materiellen, atheistischen Gesellschaft am christlichen Glauben festzuhalten.
In Deutschland scheint die größte Herausforderung die zu sein, daß die Mehrheit unserer Bevölkerung, wenn auch nicht aus theoretischen oder philosophischen, so doch aus praktischen Materialisten besteht. Gott ist keine Wirklichkeit. Die Seele zählt anscheinend nicht. Das Wichtigste ist für uns Nahrung, Sex, ein Haus, Arbeit und Freizeit, mit der jeder anfangen kann, was er will.
Die Gefahr liegt darin, daß wir unsere erste Verteidigungslinie gegen den Kommunismus preisgaben, als wir den Materialismus als Lebensweise annahmen. Wenn sich nun herausstellt, daß eine sozialistische (kommunistische) Regierung unser materielles Leben besser in die Hand nehmen kann als jedes andere System, warum lassen wir es dann nicht zu? Im Gegensatz zu den Christen haben die Humanisten keine Bedenken gegen den Kommunismus, was Religion betrifft, auch wenn sie sich vor seiner Tyrannei fürchten.
Die Herausforderung an die Christen ist deshalb, in ihrem Leben deutlich zum Ausdruck zu bringen, daß ihr Hauptanliegen nicht wie das ihrer Nachbarn und Kollegen der materielle Wohlstand ist. Die Liebe ihres Herzens richtet sich fest auf himmlische und nicht auf weltliche Dinge.

Die Herausforderung seines Atheismus
Während der letzten Zeit des nationalistischen Regimes in Peking war ich in eine Diskussion mit einer Studentengruppe der Universität Peking verwickelt. Es ging um das Thema »Die letzte Wirklichkeit«. Für einen Christen ist es naheliegend, mit der Antwort schnell bei der Hand zu sein, daß Gott die letzte Wirklichkeit ist. Aber einen Kommunisten, der im materialistischen Erklären der Welt geschult ist, überzeugt diese Antwort nicht.
Marx und die ersten kommunistischen Propheten lehnten Gott als eine Voraussetzung ab und bauten eine Philosophie auf seinem Nichtsein auf. Religion und Glaube wurden sogar als eindeutiges Hindernis auf dem Weg zum kommunistischen Ziel bezeichnet. »Die Religion ist das Opium des Volkes«, sagte Marx, das sie so betäubt, daß man sie dazu überreden kann, den sozialen Ungerechtigkeiten völlig gleichgültig gegenüberzustehen und nichts zur Anderung der Lage beizutragen.
Kommunisten tolerieren die Religion daher niemals. Genauer gesagt, sie sind militante Atheisten. Daher liegt ihre »letzte Wirklichkeit« nicht in der Religion und noch viel weniger bei Gott, sondern im dialektischen Fortschritt, der das menschliche Vorrücken in Richtung der vollkommenen Gesellschaft zusichert. Nach dieser Theorie ist der Mittelpunkt des Universums nicht Gott, sondern der Mensch selbst.
Wie begegnet ein Christ dieser Herausforderung? Er sollte diesem philosophischen Argument ein eigenes entgegensetzen können. In 1. Petr. 3, 15 wird uns gesagt, wir sollten immer bereit sein, jedem, der uns fragt, eine Antwort zu geben über die Hoffnung, die in uns ist. Aber letztlich ist diese Frage nicht geistig, sondern experimentell. Wie wirklich ist Gott für mich? Welcher Erfahrungen Gottes erfreue ich mich? Habe ich seine Macht in Zeiten der Not ausprobiert: im Leiden und in Schwierigkeiten? Ist mein religiöser Glaube mehr als eine lindernde Arznei für mich? Erweckt mein Glaube an Gott in mir ein praktisches Interesse an meiner Umwelt und ihren Problemen?

Die Herausforderung seines Evangeliums
Die tiefe Überzeugung, kühne Zusicherung und der brennende Haß der Kommunisten gegen soziale und politische Mißstände und gegen die dafür verantwortlichen Personen machen sie zu begeisterten Missionaren. Die »Roten Garden« gaben ein Beispiel für die ungeheure Glut, deren die junge Generation fähig ist, wenn sie den Wert einer Sache spürt. Michael Brownes Eindrücke über seinen Kantonbesuch 1967 sind es wert, wiedergegeben zu werden:
»Mao ist Gott, die Partei die Kirche und die Kreuzzugsevangelisten diese jugendlichen »Roten Garden«. Die »Auszüge« ersetzen die eingegebenen Schriften, und der Ruhm der Weltrevolution und des Weltkommunismus stellen ihren »Himmel« dar. Ungläubige sind Revisionisten und Klassenfeinde, die normalerweise als Ungeheuer oder Geister bezeichnet werden. Propagandamethoden haben Ähnlichkeit mit christlichen Kampagnen: Straßenversammlungen, Hausdienst, Traktatvertellung, Zeugnisse und sogar Gesangblätter …
Im Lichte dessen, was wir in China sahen, kommen wir zu dem Schluß, daß nichts in dem gegenwärtigen luxusliebenden, evangelischen Christentum im Westen auch nur entfernt an den furchterregenden Eifer herankommt, wie man ihn bei der politisch inspirierten Jugend Chinas findet. Wenn wir Christen nicht wenigstens eine annähernde Hingabe und Überzeugung für das Evangelium aufbringen können, zu dem wir uns bekennen, so wird unsere Botschaft wenig Eindruck bei einer Generation hinterlassen, die sich so leidenschaftlich ihrer glühenden Bestimmung hingibt.«
Das sind harte Worte, aber wer könnte ihre Richtigkeit anfechten?

Die Herausforderung seiner Sittenstrenge
Die kommunistische Ethik ist sachlich. Der Kommunist glaubt nicht an ein ewiges, unveränderliches moralisches Gesetz. Seine Vorstellungen von falsch und richtig sind völlig relativ. Da die Ethik einer bestimmten Ära die Widerspiegelung eines Stadiums des wirtschaftlichen Fortschritts darstellt, folgt daraus, daß sich der ethische Standard von Zeitalter zu Zeitalter verändert.
Im wesentlichen ist das richtig, was die Sache der kommunistischen Revolution fördert, und alles andere ist falsch. Das mag in manchen Fällen die Anwendung von Täuschung, Lüge, Grausamkeit, Mord und Quälerei rechtfertigen, aber nur, soweit dies dem angestrebten Ziel dient. Unter anderen Umständen werden diese Dinge als böse betrachtet, vor allem, wenn sie den Fortschritt des Sozialismus in Richtung auf sein Ziel behindern.
Die Kommunisten können in Wirklichkeit in ihren Ansichten sehr puritanisch sein, und sie sind es auch. Prostitution, Glücksspiel und leichter Diebstahl waren z. B. die ersten Angriffsziele des neuen Regimes. In erstaunlich kurzer Zeit verschwanden das berüchtigte organisierte Verbrechertum und das Glücksspielgewerbe aus Schanghai. Derartige „bourgeoisistischen“ Mißstände wie sexueller Partneraustausch, Scheidung und Jugendkriminalität werden mit Verachtung betrachtet.
1967 stellte Rev. Jan Thomson fest »Im Verlauf der drei ausgefüllten Wochen unter Tausenden von Menschen und unter verschiedenen Umständen erlebte ich keinen einzigen Vorfall von Unanständigkeit oder etwas, das einen in Verlegenheit hätte bringen können. In dieser Hinsicht ist China eine gesund eingestellte moralische Gesellschaft. Die Jugend ist mit der Revolution beschäftigt und ihr einziger, brennender Wunsch, dem Volke zu dienen, steht in bemerkenswertem Kontrast zu den Schlagzeilen der Zeitungen über Love‑in in England und Miniröcke in Moskau, was beides die Chinesen in ihrer Annahme über den Zerfall der Zielbewußtheit des Westens bestätigt haben würde.«
Die Kulturrevolution zielte darauf ab, die Gesellschaft von schlechten Angewohnheiten und von falschen Denkweisen zu säubern. Die alte marxistisclie Theorie argumentierte immer, es sei möglich, die menschliche Natur zu verändern, indem man die Umgebung des Menschen ändert, da das Böse einer falsch geordneten Gesellschaft entspringt. Und weil der Kapitalismus die Wurzel alles menschlichen Übels ist, wird dieses Übel mit der Zerstörung des kapitalistischen Systems verschwinden. Eine kapitalistische Gesellschaft, so behaupten sie, ermutigt den Egoismus, wohingegen eine sozialistische Gesellschaft (einer für alle und alle für einen) zur Selbstlosigkeit erzieht. In der endgültigen, vollkommenen sozialistischen Welt wird der Mensch seine Ichbezogenheit ablegen, und der vollkommene sozialistische Mensch wird schließlich die ideale, glückliche Gesellschaft zur Wirklichkeit machen.
Ein Traum, aber auch eine ungeheure Herausforderung an die christliche Gesellschaft, die revolutionäre Macht der selbstlosen Liebe Christi in allen menschlichen Beziehungen und in praktischen Versuchen, die menschlichen Probleme in Angriff zu nehmen, die die Sünde aufgeworfen hat, zu beweisen. Nur dann wird sich ein Kommunist überzeugen lassen, daß das Christentum tatsächlich funktioniert. »Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt« (Joh. 13, 35).

Die Herausforderung seines Nationalismus
Ein Student des Polytechnikums Woolwich forderte mich vor einiger Zeit im Verlauf einer Vorlesung über »Das China heute« heraus, die Unrichtigkeit der Vorwürfe zu beweisen, das Christentum und der Imperialismus steckten unter einer Decke.
Es ist unmöglich, das Gegenteil dessen zu beweisen, was in Afrika so offenkundig der Fall war. Dort waren die Missionen sehr oft Handlanger der Kolonialregierungen, deren großzügige Unterstützung von Anfang an Missionsschulen und Krankenhäuser unterhielt. Für die Missionen in China ließen sich bessere Argumente vorbringen, weil dort keine Regierungen aus dem Ausland christliche Einrichtungen finanzierten. Aber der Schmutz klebt den Missionen immer noch an, und vieles muß noch überwunden werden.
Die Herausforderung an die Missionen lautet hier eindeutig, die einheimischen Kirchen völlig unbeeinflußt zu lassen; sowohl in Verwaltungs‑ als auch in Finanzangelegenheiten eine frühere, väterlich herablassende Haltung zu meiden und eine neue Annäherung an die nationalen Kirchen der Welt zu suchen, indem wir ihnen unsere Kenntnis und Erfahrung und unseren demütigen Dienst anbieten.
In China wird sich die Kirche nie wieder vom Ausland kontrollieren lassen. In Afrika ist es höchste Zeit, darauf zu bestehen, daß die ausländische Kontrolle sofort aufhören muß, wenn in diesem Land das wahre Christentum überleben soll. Westliche Muster und Traditionen müssen verschwinden. Indien und Japan sollten sehr wohl in der Lage sein, ihre eigene biblische und doch asiatische Form der Theologie zu finden.
Die chinesische Kirche hat vielleicht damit begonnen, eine neue Ausdrucksweise des unveränderlichen Evangeliums zu prägen, die der dynamischen sozialistischen Gesellschaft entspricht. Könnten andere Chinesen, Asiaten und Angehörige des Westens, wenn sie das Vorrecht bekämen, die chinesische Kirche in ihrem Vorhaben, das Evangelium zu verbreiten, zu unterstützen, sich selbst von der traditionellen, westlich‑orientierten Form des Christentums befreien, die an eine fremde Kultur gebunden ist? Könnten sie die Kirche in China wiederaufbauen helfen, die nicht länger eine »fremde Religion« vertreten soll, sondern tief im Leben, dem Boden und der Kultur Chinas verwurzelt Ist und dem chinesischen Volk die tiefe Befriedigung anbietet, die es in den materialistischen Antworten des Kommunismus nicht finden kann?

11. KAPITEL

KONFRONTATION

Präsident Sukarno aus Indonesien mag zwar das „Konfrontasi“ geprägt haben, um seine ablehnende Haltung gegenüber dem neuen Staat Malaysia auszudrücken, aber der Gedanke stammte nicht von ihm.
In Offenbarung 12 verfolgt Satan eine Konfrontationspolltik der Kirche Jesu Christi gegenüber. Dies ist das Thema der ganzen Offenbarung, ja sogar der ganzen menschlichen Geschichte seit dem Sündenfall. Aber hier werden die beiden Wunder beschrieben: die Frau, die ein Kind gebiert, und der Drache, der seine Vernichtung sucht. Das Kind ist Christus, der eines Tages die Völker regieren wird (Vers 5), aber das Kind ist auch die Kirche. Ebenso wie Satan das Kind Jesus kurz nach seiner Geburt vernichten wollte, so versuchte er auch ‑ wie es die Apostelgeschichte beschreibt ‑, die Gemeinde kurz nach ihrer Geburt an Pfingsten durch heftige Verfolgung zu zerstören.
In der ganzen heutigen Welt ‑ und am deutlichsten in China – steht der große rote Drache der Kirche Christi feindlich gegenüber. Der anhaltende Krieg eilt seinem Höhepunkt zu (Vers 7). Satan, der Betrüger, der die Menschen mit seinen trügerischen Ideologien und attraktiven Kulten verwirrte, wurde auf die Erde geworfen als ein besiegter Widersacher (Vers 9‑10). Er ist von tiefem Haß erfüllt, weil er weiß, daß ihm nur noch kurze Zeit bleibt (Vers 12), und er dehnt seine Verfolgung aus (Vers 13).
Zeiten zunehmender Bedrängnisse nahen. ‑ »Wehe den Bewohnern der Erde …« (Vers 12). Aber dies ist die Stunde des Sieges für die Gemeinde: »Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus« (Vers 10). Das Blut des Lammes und das Wort unseres Zeugnisses werden uns den Sieg bringen unter der Bedingung: » …sie haben ihr Leben nicht geliebt bis in den Tod« (Vers 11). 
In dem, was sich als Schicksalsstunde der Weltgeschichte herausstellen mag, sieht Gott nach denen, die bereit sind, wenn nötig das höchste Opfer darzubringen, nach Männern und Frauen, die frei von jeder Selbstliebe und voller Liebe zu Jesus Christus darauf vorbereitet sind, ihm zu gehorchen, koste es, was es wolle.

Hat die Gemeinde in China überlebt?
1950 gab es in China 11470 örtliche Gemeinden, mehr als 7500 evangelistische Zentren, über eine Million getaufter, protestantischer Christen, mehr als zweitausend ordinierte chinesische Pastoren und über 10500 Evangelisten. Achtundvierzig theologische Universitäten und einundzwanzig Bibelschulen unterrichteten Tausende von Studenten. Außerdem gab es noch achtzehn christliche Universitäten und Hochschulen und über siebzig christliche Krankenhäuser.
Ist heute noch etwas davon übrig? Besaß die Kirche irgendwelche dauerhaften Eigenschaften? Wie überall in der bekennenden Kirche, ist dies verschieden zu beantworten. Es gab einerseits viel Formales. Und der Nominalismus war allzusehr verbreitet. Liberalismus und moderne Theologie hatten das Fundament weitgehend untergraben. Aber dort, wo die Kirche fest auf eine biblische Theologie gegründet war, zeichnete sie sich aus durch aufrichtige Hingabe, den Geist des Gebets, die Liebe zur Bibel, den Willen, ein aufopferungsvolles Leben zu führen, den Evangelisationseifer, durch die herzliche christliche Gemeinschaft, durch eine auf den Geist ausgerichtete Führung, durch die ungewöhnliche Fähigkeit, die Schrift auszulegen, und die leidenschaftliche Hingabe an Jesus Christus.
Ich werde die wenigen Jahre in Peking, die ich mit Studenten vor der kommunistischen Übernahme verbrachte, niemals vergessen. Die angeführten Eigenschaften kamen am deutlichsten unter diesen begeisterten jungen Leuten zum Ausdruck. Es waren ungefähr zweihundert, die gut wußten, was ihnen die Zukunft brachte.
Charles C. West vom ökumenischen Institut Bossey, Schweiz, verglich sie mit anderen Studentenorganisationen in seinem Buch Das christliche Zeugnis im kommunistischen China: »Der christliche Liberalismus verwandelte sich allzuleicht in einen christlich‑kommunistischen Liberalismus in China. Der christliche Liberalismus versäumte es, die Tiefe der Sünde und daher die Notwendigkeit der persönlichen Errettung, der Demut und der Grenzen der sozialen Macht zu erkennen.
Heute ist das kraftvollste christliche Leben in Peking nicht in den Kirchen, sondern in den von Universitäten organisierten Studentengruppen und Religionsgemeinschaften zu finden.«
Die gesamte Kirche Chinas konnte in groben Zügen wie folgt unterteilt werden: Liberalismus mit einer fast fehlenden Botschaft der Erlösung und Evangelismus mit Bibeltheologie und einer mächtigen, klaren Botschaft über Sünde und Gottes Antwort darauf in der Erlösung Christi.
Hat die »geistliche Partei« (der beleidigende Beiname, der den Evangelischen gegeben wird) überlebt, trotz Gefangenschaft, Verfolgung (nicht zuletzt durch ihre Mitchristen), Verbannung in Arbeitslager, Arbeitsverlust, Zerstörung der Bibeln, Schließung der Gotteshäuser und systematischer Umschulung, die ihren Glauben untergraben und zerstören sollte? Gegenwärtig kann auf diese Frage keine vollständige Antwort gegeben werden. Aber aus dem dünnen Strom der Briefe, die die Außenwelt erreichten, bietet sich uns der Eindruck, daß es in China einen Überrest gibt mit einem starken Glauben, der bis ans Ende beharren wird und geläutert aus dem Feuer kommen und seine wichtige Rolle übernehmen wird in der zukünftigen Geschichte der Kirche.

Briefe aus China
1960 zog es eine große Anzahl Chinesen, die in Indonesien unterdrückt wurde, vor, nach China zurückzukehren. Einige schrieben über ihre Erfahrungen:
Hainan 1961
„Geliebte Brüder und Schwestern in dem Herrn!
Gnade und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Gerade bin ich aus Indonesien angekommen, aber hier gibt es keinen Ort, um Gott zu verehren und seinen Namen zu rühmen. Mein geistliches Leben ist sehr schwach. Betet für uns, daß wir einen Weg finden, um an einen Ort zurückzukehren, an dem sich eine Kirche befindet, in der die Botschaft des teuren Blutes Christi verkündet wird und wir wieder hören können, daß der Mensch vom Tode zum Leben erlöst wurde, und daß wir sehen, daß Gott sich um uns kümmert … Das ist meine Hoffnung. Emmanuel!“
Peking 1961
Lieber Pastor!
Obwohl ich in Indonesien ein guter Student war, fiel ich bei der Aufnahmeprüfung für die Universität hier durch, weil ich nicht genügend »fortschrittlich« bin und immer noch religiöse Gedanken habe. Jetzt weiß ich, daß Sie recht hatten, als Sie mich warnten, nach China zu gehen, aber jetzt kann ich nicht mehr fort. Als wir in Tientsin in die Kirche gingen, weinte der Pfarrer, als er uns hereinkommen sah. Es waren außer uns nur ein paar alte Frauen anwesend.“
Peking 1964
»Lieber Bruder Te‑hsing!
Ich war vor Freude überwältigt, als ich Deinen Brief erhielt. Es sind nun schon fast vier Jahre her, seit ich Indonesien verließ. Ich kenne jedoch ein wenig Deine Lage und weiß, daß wir durch die große Liebe des Herrn und ein geistliches Leben verbunden sind. Aus der Ferne wünsche ich Dir seinen ewigen Frieden, geistlichen Segen und Erneuerung und eine größere Liebe zum Herrn.
Diejenigen, die in dieses Land zurückkehrten, haben sich sehr verändert. Einige wandten sogar dem Herrn und seiner Wahrheit den Rücken. Darüber bin ich zutiefst traurig. Aber es gibt auch eine kleine Gruppe in meiner Umgebung, die immer noch stark und tapfer für den Herrn eintritt und ihm weiter nachfolgt. Durch ihren Glauben sind sie siegreich.
Letzten Sommer war ich in Schanghai und besuchte drei Kirchen. Die Lage in den Kirchen ist dort zufriedenstellender als in den Kirchen von Peking. Die Internationale Kirche hatte einen Chor von zwanzig Leuten. Es ist möglich, daß im ganzen Land nur noch zwei Kirchenchöre existieren. Ja, wir liebten es, den Chor singen zu hören, und wir lauschten mit tiefer Ergriffenheit.
Was meine Schule anbetrifft, bin ich sehr zufrieden mit den Bedingungen hier. Obwohl mein Studium viel Zeit benötigt, kann ich doch jeden Tag beten und meine Bibel lesen und manchmal auch zur Kirche gehen. Ich gehe fröhlich und willig auf der Straße nach Golgatha und trage mein Kreuz für ihn. Nur diese Art des Lebens ist völlig befriedigend und nicht vergeblich. Ich danke Gott auch für seine Macht und seinen Schutz, als er mich davor bewahrte, dem Kommunistischen-Jugend‑Korps beizutreten. Ich kenne den Grund dafür. Denn wäre ich beigetreten, so hätte das bedeutet, daß ich öffentlich meinen Herrn vor den anderen hätte verleugnen müssen. – Bitte bete für diesen schwachen Bruder. Emmanuel!«

Briefe aus der Zeit der Sozialistischen Erziehungsbewegung
Nanking 1965
»Neulich schaltete ich ein Radiogerät ein. Eines Tages hörte ich zufällig eine Predigtsendung … Aus bestimmten Gründen nahm ich seit einigen Jahren an keinen Versammlungen mehr teil. Ich sehne mich aber nach der Botschaft und der Predigt des Evangeliums, wie ich sie im Rundfunk hören kann. Für gewöhnlich lese ich nur die Bibel und bete zu Hause. Ich gehöre aktiv keiner Gruppe an. Aber in meinem Herzen ist ein großes Bedürfnis nach Gemeinschaft mit anderen Brüdern und Schwestern.«
Yunnan 1965
»Zuerst möchte ich Dich grüßen. Ich danke Gott für seine treuen Diener, die täglich durch das rettende Evangelium die Nachricht der großen Liebe Gottes, seiner Gnade, Macht und Tat für die verlorenen Menschen senden. In diesei Zeit der sich verdunkelnden Nacht und des nahenden Tages, in der die Herzen der Menschen von Sünde und Schmerzen erfüllt sind, ist es erfrischend, Gottes Wort und Evangeliumslieder hören zu können. Wie tröstend das doch ist! Ich hoffe, daß das Wort Gottes immer in die Welt ausgestrahlt werden kann und wie ein Regen auf das ausgedorrte Leben der Menschen wirkt, damit sie beständig den Berg Zion im Auge behalten. Amen!«

Briefe aus der Zeit der Kulturrevolution
Yunnan 1966
»Liebe Tante!
Vater schrieb in seinem Brief, daß Du ein paar Weihnachtskarten an mich geschrieben hättest, die er aber nicht abzuschicken wagte, da die vom letzten Jahr beschlagnahmt wurden. Das macht nichts. Gottes Wort ist in unseren Herzen, und niemand kann es beschlagnahmen. Wir werden ihm immer in seinen Fußtapfen folgen. Bitte, liebe Tante, sei nicht traurig darüber.
Hattest Du ein schönes Weihnachtsfest? Ich feierte in meinem Herzen. Einen Tag vorher ging ich in die Berge und pflückte etwas Löwengras. Damit schmückte ich meine kleine Wohnung. Und ich sang die Weihnachtslieder, die wir zu singen pflegten, als ich noch klein war, und rief mir alle Weihnachten, die Du mit uns feiertest, ins Gedächtnis zurück.
Nun habe ich noch eine gute Nachricht für Dich. Als ich einmal das Radio einschaltete, hörte ich zufällig eine Evangeliumssendung aus dem Ausland: Gesang, Gebet und Schriftlesung … Nur konnte ich nicht lange zuhören, und ich verstand auch die fremde Sprache nicht. In der Stadt, in der ich lebe, wohnt eine Frau, die wirklich gläubig ist und in ihrem Haus Zeugnis gibt. Ich gehe immer dorthin, und sie ermutigt mich sehr. Jedesmal wenn wir uns sehen, halten wir zusammen eine kurze Andacht. Ihre ganze Familie ist gläubig. Möge der Herr dieser winzigen Kirche seinen Segen geben und sie ein kleines Licht in dieser Welt sein lassen! Friede sei mir dir … «

Aus einem Arbeitslager 1966
»Schwester in S. geht es gar nicht gut. Sie hat große Schwierigkeiten, die schwere Last der ganzen Familie auf ihren Schultern zu tragen. Das Gefühl, daß ihr Mann von zu Hause fort ist, plagt sie am allermeisten. Sie sind wie Waisen und Witwen vor Gott. Wir sollten viel für sie beten, daß ihnen Kraft gegeben wird, standhaft zu sein. Aber schreibe ihr bitte nicht. Es könnte ihr Leiden nur noch vertiefen. Ich weiß nicht, wann ich wieder mit meiner Familie vereint sein werde. Alles liegt in Gottes Hand.«
Aus einem Gefängnis 1967
»Es geht mir gut, und ich bin glücklich. Bitte, seid guten Mutes. Meine Gefühle sind dieselben wie die Deinigen. Du mußt sehr froh sein, das zu hören. Alle Dinge greifen ineinander zum Guten. Sei guten Mutes! Ich bin mehr wert als die Spatzen.«
Kanton Januar 1968
»Vielen Dank für Ihren Brief und den Kalender. Darf ich Sie etwas fragen? Ich wurde 1966 getauft und wurde Christ. Aber ich war in keiner Kirche mehr, seit ich Indonesien verließ, weil alle Kirchen geschlossen sind. Stimmt das, daß mich Christus verlassen hat? Diese Frage ängstigt mich, denn die gegenwärtigen Umstände treiben mich immer wieder dazu, zu sündigen.«
Januar 1968
»Ihr Brief und der schöne, bedeutungsvolle Kalender kamen sicher an. Nachdem wir beides angeschaut hatten, empfanden wir Freude und Trost wie beim Hören des Wortes Gottes. Dieser Brief brachte tiefe Gemeinschaft, traurige Erinnerungen und herzliche Gefühle. Ich kann Ihnen nicht genug danken für die Hinweise. Ich kam erst 1962 zum wahren Glauben an den Herrn, nachdem mich die Wahrheit dazu bewegt hatte. Ich bin noch jung und weiß nur wenig über den Weg und die Wahrheit . . . Ich brachte 1966 die Mittelschule hinter mich, aber die Schule wurde für ein Jahr geschlossen. Ich fühle mich traurig und bedrückt.«
April 1968
»Wenn immer ich sehr bedrückt bin und mein Herz verwirrt ist, erquicken mich die Stimme und der Ruf Gottes immer wieder. Er hilft mir, die Grundsätze zu verstehen, die mir nicht klar sind, und gibt mir auch ein besseres Verständnis der Welt um mich her. Ich glaube, es gibt auf der Welt zu viel Sünde, und Gott warnt uns …«
Mai 1968
»Ich sammle Weihnachtsbriefmarken. Bitte schicke mir den neuesten neuseeländischen Satz. Immer, wenn ich an all unsere Brüder und Schwestern denke, fühle ich mich sehr froh. Seit 1964 konnten wir keine Bibel mehr lesen. Die meisten Bibeln wurden verbrannt. Denkst Du nicht auch, daß dies ein Jammer ist? Die Zeit ist vorbei. Ich bete immer. Ein Student.«
Mai 1968
»Der Brief kam schon vor langer Zeit an. Aus verschiedenen Gründen habe ich bis heute nicht geantwortet. Viele Grüße an Deine Familie. Bitte erzähle den Leuten von unserer Lage und bitte sie, zu dem Einen zu beten, der unsere Nöte kennt. Dankt auch dafür, daß der Herr mir meinen Glauben, meine Liebe und meine Hoffnung erhalten und uns bewahrt hat, als wir in großen Schwierigkeiten waren. Er führte auch ein paar verlorene Schafe zu sich zurück, denn er hatte sie erwählt.
Was mich aber bedrückt, ist, daß es in letzter Zeit an der Harmonie fehlte. Christen verleumdeten einander auch innerhalb der Familien, und es mangelte an objektiver Haltung, an der Großzügigkeit und der Liebe, die der Sünden Menge bedeckt. Auch ich falle oft und begehe in meiner Schwachheit Sünden. Ich möchte ’Ägypten’, den Ort der bitteren Niederlage, verlassen.
In den letzten Monaten war es tatsächlich etwas besser. Dem Herrn sei Dank, der mich in diesen Monaten der Schwierigkeiten bewahrte. Um ehrlich zu sein, gibt es auch unter den Christen viele, die unvorstellbar tief gesunken sind. Aber ohne die Liebe Gottes wären sie hoffnungslos verloren.
Selbst kann ich, wenn ich meine Schwachheit sehe, nur auf den Einen trauen, der durch das dunkle Tal dieser Welt ging, und ihm vertrauen, daß er mich durch das Tor seiner Verheißung und Errettung bringen wird. Und ich hoffe, daß er am letzten Ende meine Seele aufnehmen wird.
Lieber Bruder, ich verbrachte sechsundzwanzig Jahre, und ich mußte viel bitteren Wein trinken. Aber jetzt verstehe ich die Bedeutung des Wortes: ’Stellt euch nicht dieser Welt gleich!’ Tief in meinem Herzen halte ich viel wichtige Lehren verborgen, und deshalb ist mein Herz nicht zu enttäuscht. Ich wünschte, ich könnte mit Paulus sagen: Ich habe den guten Kampf gekämpft. Ich habe den Lauf vollendet Alles liegt in der Hand des Herrn.
Unglücklicherweise mußte ich mein geliehenes Radio wieder zurückgeben. Aber ich kann immer noch die Bibel lesen und in meinem Herzen Lieder singen. Bitte verzeih die Länge dieses Briefes. Ich hoffe, daß ich Dir eines Tages persönlich die Hand geben kann. Emmanuel!«
Mai 1968
»Am 28. dieses Monats freute ich mich sehr, Deinen Brief zu erhalten. Er machte mich wirklich sehr glücklich. Ich glaube, daß Gott dafür die Ehre gegeben werden sollte. Es war seine Macht und sein Wille, der uns zusammenbrachte. Niemand kann ihn an seiner Macht und an seinem Willen hindern. Laßt uns hier den Herrn mit Ernst preisen, der uns zu Bekannten gemacht hat, auch wenn wir uns noch nie trafen. Möge unsere Freundschaft immer tiefer und stärker werden.
Du hast recht, wenn Du sagst, daß die Macht des Bösen, die uns umgibt, die endlosen Trübsale, der steinige Pfad alles Versuchungen sind, die der Herr zuläßt, damit unser Glaube und unsere Entschlossenheit um so größer werden. In unserem Leben erlebten wir viele Gefahren und viele Hindernisse. In der Vergangenheit verlor ich ein paarmal fast meinen Glauben und meine Hoffnung für die Zukunft. Dies konnte geschehen, weil mein Geist zu schwach war. Und trotzdem bin ich darauf vorbereitet, noch größere Versuchungen über mich ergehen zu lassen. Denn mein Leiden kann überhaupt nicht mit dem des Herrn Jesus Christus verglichen werden. Und außerdem muß sich mein schwacher Geist in ausgeprägte Stärke verwandeln.
Mein Freund, vor kurzem war mein Geist sehr bedrückt. Denn ich sah, wie im angrenzenden Fluß eine Anzahl Leichen aus der Provinz Kwangsi hinuntertrieben. Diese Menschen, junge und alte, Frauen und Kinder, die vom Satan irregeführt wurden und ihr Leben verloren, sind in eine verlorene Ewigkeit eingegangen. Was könnten wir tun? Wer hat jemals für sie gebetet, daß sie errettet werden mögen? – Freude sei mir Dir von Gott!«
Sie stiegen den steilen Weg zum Himmel empor,
durch Gefahr, Plage und Schmerzen.
Möge uns, o Gott, die Kraft gegeben werden,
ihrem Vorbild zu folgen!

Die Hervorhebungen im Text habe ich vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Januar 2009

Weitere Beiträge auf meiner Internetseite zum Thema Kommunismus und Christentum:
1. Atheismus – ein Weg? – von Pfr. Richard Wurmbrand
2. Das blutbeschmutzte Evangelium – R. Wurmbrand
3. Warum bin ich Revolutionär? – R. Wurmbrand
4. Christus wird siegen, was immer geschieht – R. Wurmbrand
5. Zerstörte Jahre (China) –
6. Der Weltkommunismus – Kurt E. Koch

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Gesetzlosigkeit+New Age

Erfüllung der Prophetie im New Age?

Vortrag von Peter P. J. Beyerhaus

Unsere diesjährige Osterakademie möchte ihren Blick auf das Ende der Geschichte richten. Aber nicht um ein uns völlig verhülltes Ereignis in ferner Zukunft soll es gehen, sondern um ein Geschehen, dessen Anbruch wir in zahlreichen Entwicklungen in unserer Gegenwart bereits deutlich verspüren. Wer wollte leugnen, dass die „schlimmen Zeiten“, von denen der Apostel Paulus an Timotheus (2Tim 3,1 ff) schreibt, in allem, was sie in seiner Sicht kennzeichnen, auch uns heutige Christen beständig beunruhigen und innerlich quälen?
Es entspricht ja durchaus biblischer Sicht, dass die Eschatologie von uns nicht wie ein spekulatives Schlußkapitelchen behandelt werden darf. Die Eschata, die „letzten Dinge, bilden vielmehr einen dynamisch bewegten Prozeß, der mit dem Hereinbrechen des Neuen Äons durch die Auferstehung Jesu Christi bereits begonnen hat und darum unsere ganze christliche Existenz im Wachen, verantwortlichem Handeln, im Kämpfen und Erleiden bestimmen soll.
So sieht es auch Jesus selber, und aus diesem Grunde hat er die letzte große Rede, von der uns die drei synoptischen Evangelien in deutlicher Übereinstimmung berichten eben der Endzeit und ihren Vorzeichen gewidmet. Unter diesen nennt er auf der einen Seite eine Reihe von unheilvollen Geschehnisse , die sich im Bereich der Natur, der Weltpolitik , der Kultur und auch der Kirchengeschichte abspielen.
Sie flauen mit der Zeit nicht etwa ab; vielmehr nehmen sie an Ausmaß zu und markieren somit das letzte Aufbäumen des von Teufel, Sünde und Tod bestimmten alten Äons.

Dem gegenüber steht nun aber das positive Zeichen der Endzeit – im Grunde genommen ist es nur dieses Eine, aber um so wichtigere – nämlich die weltweite Verkündigung der Heilsbotschaft vom Reich Gottes, das in durch Christi vollbrachtes Heilswerk schon angekommen ist  und bei seiner Wiederkunft in Herrlichkeit aufgerichtet werden wird (Matth 24,14).

Nach dieser einleitenden Schau auf das eschatologische Panorama wende ich mich nun konzentrierend der Aussage in Jesu Ölbergrede (Matth 24,12) zu, den die Veranstalter unserer Tagung lapidar in das Thema meines Referates aufgenommen haben:
„Weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe in vielen erkalten“ .

I. Das Wesen der Anomia
Der negative Kernbegriff in diesem Zitat ist das im Tagungsprogramm mit „Gesetzlosigkeit“ wiedergegebene griechische Wort anomia. Es wird in den zahlreichen Bibelübersetzung unterschiedlich verdolmetscht. Luther übersetzt „Ungerechtigkeit“, die Zürcher Bibel schreibt „Gesetzesverachtung“, und die Einheitsübersetzung paraphrasiert „die Mißachtung von Gottes Gesetz“. Diese Mannigfaltigkeit liegt sicher daran, dass es im allgemeinen Wortgebrauch tatsächlich Bedeutungsunterschiede gibt, angefangen bei dem objektiven Tatbestand, dass es Situationen gibt, in denen kein verbindliches Gesetz vorliegt. In anderen Fällen ist gemeint, dass Menschen handeln, ohne auf ein ihnen mehr oder weniger bekanntes Gesetz zu achten. Liegt ein höherer Bewußtseinsgrad vor, wäre zunächst sträflicher von „Gesetzwidrigkeit“ zu sprechen. Anomia kann aber auch bedeuten, dass bestimmte Menschen sich ganz bewußt gegen das herrschende Gesetz auflehnen, und hier träfen die Zürcher Bibel und die Einheitsübersetzung ins Schwarze.

1. Der neutestamentliche Gebrauch des Wortes Anomia
Das Wort anomia kommt in den Schriften des NT häufig vor, und zwar niemals in einem neutralen, sonders stets im negativen, verurteilenden Sinne. Es ist eine Bezeichnung für das Verhalten von Übeltätern, die sich bewußt des Bruches sowohl des staatlichen Gesetze wie auch der göttlichen Gebote schuldig machen und deswegen Bestrafung verdienen. In einem qualifiziert geistlich-theologischen Sinn bildet Anomia ein erklärendes Pendant zu einem andern negativen Zentralbegriff, nämlich der Hamartia, der Sünde. So lesen wir in 1Jo 3,4; „Jeder, der die Hamartia, d.h. die Sünde begeht, der begeht auch die Anomia, die Übertretung des Gesetzes, und die Hamartia ist die Anomia.“
„Hamartia“ meint ja wörtlich übersetzt die „Zielverfehlung“, d. h. das Verfehlen der von Gott dem Menschen als seinem Ihm zum Ebenbild und zur Gemeinschaft mit Ihm gesetzten Lebensbestimmung. Wer bewußt die Sünde tut, trennt sich damit von Gott, lebt in einem heillosen Zustande. Er steht außerhalb des Nomos, des Gebotes, mit dem Gott das Bundesverhältnis zwischen Ihm und der Menschheit und speziell dem Volk Israel regelt.
Dabei handelt es sich nicht immer um den Zustand eines einzelnen Menschen, sondern vielmals auch um einen kollektiven Zustand, der das Verhältnis einer sich von Gott abwendenden menschlichen Gemeinschaft kennzeichnet. Paulus zeigt im 2. Korintherbrief 6,14-15 anhand einer Reihe von Gegensatzpaaren ein dualistisches Weltbild auf, das die gegenwärtige Zwischenzeit der Überlappung der beiden Äonen bestimmt: des  prinzipiell überwundenen alten Äons einerseits und des schon begonnenen neuen Äons anderseits. Sie liegen  miteinander im Streit, bis schließlich mit der glorreichen Wiederkunft Christi zum Gericht der alte Äon mit allen ihn bestimmenden Mächten überwunden und abgetan sein wird. Die Gegensätze heißen:
Gerechtigkeit – Gesetzwidrigkeit;
 Licht – Finsternis;
Christus – Belial
Gläubige – Ungläubige;
Tempel des lebendigen Gottes – Tempel der Abgötter .

Es muß im Auge behalten werden, dass nach biblischem Verständnis der eigentliche Geber des Gesetzes kein Geringer als Gott selber ist. Das gilt für alle echten Gestalten des Gesetzes:
Es betrifft erstens das allen Menschen eingepflanzte Naturgesetz (Röm 2,14-15), zweitens die durch die staatlichen Autoritäten der Völker erlassenen Gesetze (Röm 13,1. 8-10),
drittens das dem Volk Israel auf dem Sinai in Gestalt der 10 Gebote gegebene mosaische Gesetz (Exodus 19,1-17), dann
viertens im Neuen Testament das in der Bergpredigt durch Jesus geistlich vertiefte Gesetz (Matth 5,17-48)  wie schließlich
fünftens das in Römer 8 von Paulus entfaltete Gesetz des Geistes (Röm 8,2).
Dieses enthält – im Unterschied zum mosaischen Gesetz – nicht nur die ethische und religiöse Forderung, sondern auch die Kraft, sie zu erfüllen.

In dieser grundlegenden biblischen Schau richtet sich die Anomia nur vordergründig gegen das kodifizierte Gesetz, das ja in seiner konkreten Gestalt im Blick auf sich wandelnde Situationen durch regierungsamtliche Gesetzesreform von Zeit zu Zeit aktualisiert werden muß. Im tiefsten Sinne richtet sich die bewußte Anomia gegen Gott selber; sie ist prinzipielle Empörung gegen Ihn, Bestreitung Seiner Herrschaft. Das geschieht meist im Namen einer vom Menschen beanspruchten Autonomie, letztlich aber auf Inspiration des satanischen Gegenspieler Gottes, des „Fürsten dieser Welt“ (Joh 14,12.31; 14,30; Eph 2,2). Dieser stellt dem Herrschaftsanspruch Gottes hybrid seinen eigenen entgegen. Wer sich aber dieser Ursünde allen göttlichen Warnungen zum trotz bleibend und unbußfertig verschreibt und sich dem Aufruf zur Buße, zum Sinneswandel, trotzig verweigert, auf den erwartet im Endgericht, wie Jesus selber in großem Ernst sogar den äußerlich frommen und gesetzestreuen Pharisäern vorgehalten hat (Matth 7,22-23), nichts Milderes als die Verdammnis.

2. Die geschichts-theologische Schau des Neuen Testaments
Eines der auf dieser Tagung gehaltenen Referate soll sich mit einer christlichen Theologie der Geschichte, und dies in Verbindung mit der biblischen Lehre vom Antichrist beschäftigen. Ohne dem vorgreifen zu wollen, möchte ich aufgrund des mir thematisch vorgegeben Bibelverses doch schon einige Grundzüge der biblischen Geschichtsschau andeuten.

Im Gegensatz zu einer in der zeitgenössischen akademischen Theologie und leider auch der kirchlichen Verkündigung verbreiteten Überzeugung vertreten die Autoren der neutestamentlichen Schriften wie schon die eschatologischen Aussagen der alttestamentlichen Propheten keine optimistisch -monistische, sondern eine realistisch-dualistische Schau. Damit meine ich keinen zeitlosen metaphysischen Dualismus wie im Manichäismus, sondern einen zeitlich begrenzten heilsgeschichtlichen Dualismus. Dieser besteht sowohl in der weltgeschichtlichen Epoche seit der Urrebellion Luzifers mit seinen Engeln und dem ihm im irdischen Bereich folgenden Sündenfall Adams. Der alte Äon wirkt aber auch nach dem Kommen Christi fort, nämlich  in der qualifiziert heilsgeschichtlichen Zwischenzeit zwischen dem unsichtbaren Herrschaftsantritt Christi bei seiner Auferstehung (vgl. Matth 28,18) und seiner Parusie zur Aufrichtung seiner auch universal sichtbaren Herrschaft (vgl. 1Kor 15,24-28).

Noch also hat Satan, der einst neben Michael der mächtigste Fürst der Engelscharen war und es nach seinem Sturz über die mit ihm abgefallenen finsteren Engelheere blieb (Judas 6), einen beträchtlichen Teil seiner ursprünglichen Macht behalten. Das tat er auch noch nach seiner grundlegenden Entrechtung und Entmachtung durch den Sieg, den Jesus Christus am Kreuz und in seiner Auferstehung über ihn gewonnen hat. Denn immer noch nennt Jesus selbst ihn den „Fürsten dieser Welt“ (Joh 12,31; 14,30; 16,11).
Das gilt uneingeschränkt für alle Bereiche, wo sich Menschen bewußt gegen die ihnen in Christus angebotene Erlösung von der Macht der Sünde und des Teufels sträuben und es vorziehen, im dämonischen Bereich der Finsternis zurück zu bleiben. Vorläufig stehen also der alte und der neue Äon gegenüber Apg. 26,18) und liegen, angeführt von ihrem je eigenen Oberhaupt Christus oder Belial, im Widerstreit.

In diesem also noch existenten alten Äon waltet die Anomia, die Auflehnung gegen die Gebote und den göttlichen Gebieter wie auch gegen die von Ihm eingesetzten staatlichen Ordnungsmächte. Was noch beunruhigender ist: Anomia tritt als Störungsfaktor leider immer wieder auch im Bereich der Kirche ein, wie das ja schon Mose und die Propheten beim alttestamentlichen Bundesvolk beklagten. Auseinandersetzung mit solcher auch in die Gemeinden eindringende Anomia bestimmen weitgehend die Ermahnungen und Warnungen in den apostolischen Schriften.
Ein äußerst beachtlicher Wesenszug in der neutestamentlichen Geschichtsschau ist die prophetische Erwartung, dass die Anomia nicht etwa im Gefolge der weltweiten missionarischen Ausbreitung der Kirche und der christlichen Durchdringung der ethnischen Kulturen immer mehr gebändigt und zurückgedrängt werden und schließlich fast zum Verschwinden kommen wird. Ganz im Gegenteil: Jesus kündigt in seiner Ölbergrede ein Anwachsen der Anomia an, die sich bis zum Ende der Geschichte ins Unerträgliche steigern werde (Matth 24,12-13). Nur eine Minderzahl von Menschen, die Auserwählten, werden dem standhalten; ja, wenn Gott diese allerletzte antichristliche Periode nicht um ihretwillen verkürzte (Matth 24,22), würden auch sie in den Strudel des Abfalls hineingerissen werden. Nun aber bleiben sie in ihrer Geduld und Leidensbereitschaft bewahrt, bis ihr wiederkommende Herr sie aus all ihren Bedrängnissen erlösen und mit sich für ewig zu seiner Brautgemeinde vereinen wird.
Wachsende Anomia ist also ein zentrales Kennzeichen des unheilsgeschichtlichen Abfalls in der Welt und auch in der Kirche. Es markiert das endzeitliche Stadium im Vorfeld der Parusie Jesu.

Eine unheilvolle Auswirkung der in die Gemeinde Christi selbst eindringenden Anomia ist, dass die „Liebe in vielen erkalten“ wird. Abgekühlte, lauwarme und für Christus inakzeptable Liebe ist das Kennzeichen der in Offb 3,14-2 angeredeten kleinasiatischen Gemeinde Laodizäa, welcher Jesus ausrichten läßt:
„Weil du aber lau bist, will ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ …

Unter den Bibelexegeten wird diskutiert, ob es sich bei der zu erkalten drohenden Agape um die Nächstenliebe oder die Liebe zu Gott handele. Die meisten neigen dazu; sie auf ihre beiden Objekte zu beziehen, jedoch der Liebe zu Gott, die eine Widerspiegelung Seiner eigenen erbarmenden Liebe zu uns ist, den Vorrang zu geben. Da, wo man die Gebote Gottes zu vernachlässigen beginnt, wirkt sich diese beginnende Anomia auch im Abkühlen der Liebe zu Ihm aus, der doch schon dem Volk Israel das Grundgebot gegeben hat:
„Höre Israel: der Herr unser Gott ist  e i n  Herr, und du sollst den Herrn deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.“ (Dt 6,4-5). Jesus bekräftigt dieses Grundgebot als das vornehmlichste und fügt ihm dann als gleich wichtig untrennbar an „… und deinen Nächten wie dich selbst.“ (Matth 22.36.38). Wo das nicht mehr ernst genommen wird, beginnt das Absterben der Lebensverbindung der Gemeinde und ihrer einzelnen Glieder mit Gott und droht ihnen der geistliche Tod. Das Erkalten der Liebe läßt alle Frömmigkeit und Ethik dahinschwinden, je länger, desto mehr.

Dies ist jedoch nicht einfach Ergebnis eines spontanen Verfallsprozesses, einer immanenten Müdigkeit und Erschlaffung. Vielmehr ist es gleichzeitig bewirkt durch dämonische Einflüsse, mit denen auch die Gemeinde permanent zu ringen hat. Da, wo die Gemeinde nicht wachsam ist, da, wo sie Anteil gewinnt an einer allgemeinen geistig-ethischen Orientierungslosigkeit, da wird sie empfänglich für auftretende Pseudopropheten und Pseudo-Messiasse. Schon in der Bergpredigt (Matth 7,15) warnt Jesus vor pseudo-prophetischen Verführungen. Ausdrücklich als endzeitliche Bedrohung kündigt er das Auftreten falscher Propheten und Pseudomessiasgestalten in unserm vorliegenden Textzusammenhang (Mt 24,5) an:
“Viele werden auftreten in meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und werden viele irreführen“; und wenig später (V.11): „Und viele falsche Propheten werden auftreten und werden viele irreführen.“ Unmittelbar darauf  setzt Jesus in V. 12 fort: „und weil die Anomia überhand nimmt, wird die Liebe in vielen erkalten.“
Adolf Schlatter schreibt zu dieser Stelle: „…die innere Unruhe und Glaubenslosigkeit wird viele gegen schlimme Verführer wehrlos machen. Solche Zeiten sind die günstigen Gelegenheiten, wo falsches Prophetentum entstehen und Glauben finden kann. Unter dem Druck der Not streckt sich der Mensch begierig nach Zeichen und Offenbarungen aus, die ihm Licht von oben bringen sollen.“
Und hier stehen wir auch schon mitten in der New-Age-Bewegung. Diejenigen, die sich gründlich mit ihr beschäftigt und nach den Ursachen ihrer raschen Aufnahme in alle Schichten der Gesellschaft und sogar in die Kirchen geforscht haben, kamen zu dem Schluß, dass es die gegenwärtig so weit verbreitete Sinnkrise sei, die diese Rezeptivität fördere.
Das aber bestätigt zugleich die Notwendigkeit der Geisterunterscheidung, welche die Apostel Paulus und Johannes ihren Gemeinden so dringlich ans Herz gelegt haben 1Kor12,10; 1Joh4,1-2. Denn die pseudoprophetischen Verführer kommen nicht mit Schwertgerassel, sondern auf leiden Sohlen, und sie verbergen bewußt ihre eigentlichen Zielsetzungen.
Das bringt uns zu einem weiteren wichtigen Aspekt der Anomia, nämlich ihrem
Geheimnischarakter.

3. Anomia als (un)heilsgeschichtliches Mysterium
Wir haben bereits verstanden, dass wir das Überhandnehmen der Anomia in einem biblisch-heilsgeschichtlichen Zusammenhang zu verstehen haben. Die Autoren des NTs sehen die Geschichte im Paradigma eines großen sich entfaltenden und eschatologisch zuspitzenden Dramas mit letztlich kosmischen Dimensionen. Die beiden Hauptgegenspieler darin sind Gott in seinem dreigestaltigen geschichtlichen Offenbarungs- und Heilshandeln auf der einen, der Teufel auf der anderen Seite.
Gott hält jedoch seinen schon vor aller Zeit gefaßten Heilsratschluß, besonders aber die Heilsstrategie, mit der Er ihn verwirklichen will, zunächst verborgen als ein Mysterium, wie Paulus im Epheserbrief (Eph 1,9f.) erklärt. Der Inhalt des Geheimnisses soll aber nicht für immer verborgen bleiben. Vielmehr ist der Sinn des heilsgeschichtlichen Mysteriums der zu seiner Zeit offenbart und von den anfänglichen  Offenbarungsempfängern schließlich sogar weltweit verkündigt zu werden.
Nun erfahren wir von Paulus und Johannes, dass auch Gottes Widerpart, Satan, sein eigenes Mysterium bzw. seine Mysterien hat, deren Inhalte nach Zielsetzung und Verwirklichung er geheim hält, bis er den günstigen Augenblick zur Entfesselung seiner Mächte und zum Losschlagen gekommen sieht. Denn er will die Menschen ja über seine wahren Absichten und deren verhängnisvollen Folgen im Dunkeln lassen, bis sie ihm wehrlos verfallen sind und ihr Schicksal nicht mehr abwehren können. Dem satanisch Bösen haftet also etwas Unheimliches, zugleich aber auch Faszinierendes, d. h. Verzauberndes an. Darum können Menschen danach greifen, als ob es sich hier um eine Quelle des Glückes handele, und können Menschen sich Satan und seinen Geistermächten ausliefern, als ob sie es in ihm wirklich um eine Lichtgestalt 2Kor 11,14) und einen universalen Beglücker der Menschheit handele.

Es gibt drei Inhalte  der Mysterien Satans. Dem ersten begegnen wir in der Anomia, wobei Paulus vom „Mysterion der Anomia“ spricht. Dieses ist das vorbereitende Wirken auf das personale Auftreten des „Menschen der Anomia“, also des Antichrist, hin.
In der Johannesoffenbarung wird der Begriff Mysterion unheilsgeschichtlich noch auf eine dritte apokalyptische Erscheinung bezogen. In Kap 17, 3 lesen wir: „Und ich sah ein Weib auf einem scharlachroten Tier sitzen …, und sie hatte einen goldenen Becher in ihrer Hand, voll von Greueln und Unzucht, und an ihrer Stirn stand ein Name geschrieben, ein Geheimnis, das große Babylon, die Mutter der Buhlerinnen und der Greuel der Erde“.
Der Seher Johannes bezeugt: „ich verwunderte mich sehr, als ich sie sah“. Er steht hier also fassungslos vor einem Mysterium tremendum, einem Geheimnis, das Furcht und Zittern erregt. Der Angelus interpres (Gottes Deuteengel) geht darauf ein und sagt (V. 7) zu dem Seher Johannes: „Warum verwunderst du dich? Ich will dir das Geheimnis des Weibes und des Tieres zeigen, das sie trägt ….“
Die Bibelausleger rätseln bis zum heutigen Tage, wer oder was wohl mit dem babylonischen Weib gemeint sei. Viele haben dabei an eine in der Endzeit pervertierte Kirche, eine dämonisch inspirierte Antikirche, die der wahren Kirche, der Braut Christi, feindlich gegenüber steht. Es gibt aber daneben auch die Deutung, dass es sich hier um die um eine von ihren christlichen Wurzeln total losgelöste Kultur handele, die zugleich auch eine politische und wirtschaftliche Macht darstellt. Es könnte sich aber auch um eine synkretistische Weltreligion handeln, zu der sich alle bestehenden Gestalten konkreter Religion verbinden.
Wenn man davon ausgeht, dass in dieser Verbindung die Kirche, bzw. ein abgefallener Teil von ihr selber eine integrierende Rolle spielen könnte, so würden sich die drei genannten Deutungsversuche nicht widersprechen, sondern gegenseitig ergänzen.
Wir stehen also vor einer geschichtlichen Gesamtschau, in welcher Anomia als menschliche Auflehnung gegen Gott, der Mensch der Anomia als deren personale Verkörperung und eine der Sittenlosigkeit verfallene Weltkultur zu einer apokalyptischen Trias verbinden.
Dieser Tage sandte mir ein Bekannter ein diesen Zustand treffend beschreibendes Zitat unbekannter Herkunft:

„Wenn die Menschen gottlos leben, sind die Sitten zügellos,
ist die Mode schamlos, sind die Lügen grenzenlos,
die Verbrechen maßlos, die Völker friedlos,
die Schulden zahllos, die Regierungen ratlos,
ist die Politik charakterlos, sind die Beratungen ergebnislos,
die Konferenzen endlos und die Aussichten trostlos!“

Gerade eine solche Situation wird dereinst die geschichtlichen Voraussetzungen bieten, die dem zu erwartenden universalen Tyrannen der Endzeit Tore und Türen  öffnen. Denn für den Zusammenhalt jeglicher sozialpolitischer Gemeinschaft wären ja die hier angesprochenen Verhältnisse schlechthin unerträglich. Sie würden geradezu schreien nach einer durchgreifenden Ordnungsmacht, die diesem anarchischen Chaos ein Ende setzt, und sei es durch eine diktatorische Zwangsordnung

4. Der Anthropos tees Anomias, d.h. der Mensch der Widergesetzlichkeit
Da wir auf dieser Tagung noch einen eigenen Vortrag über die Bedeutung des Antichristen für eine christliche Geschichtstheologie hören werden, möchte ich als für unsere heutige Thematik wesentlich die folgenden 6 Kennzeichen nennen:

Der Antichrist ist die abschließende Verkörperung einer zuerst von Daniel (Kap. 2, 7 und 9) prophetisch geschauten weltgeschichtlichen Entwicklung, in der nacheinander ein irdisches Weltreich das vorangegangene verdrängt, um im vierten Weltreich – gemeint ist in Dan 2,40-43 offenbar das Imperium Romanum –   ihre Vollendung und im letzten Monarchen ihre personale Spitze zu finden.

• Es handelt sich um eine satanisch inspirierte Gestalt, die in Konkurrenz zum authentischen Christus und dessen Königtum steht und ihn teils subtil, teils brutal zu verdrängen sucht. Es geht also um den entscheidenden Schlussakt des uralten Kampfes des Teufels mit Gott um die Weltherrschaft.

• Seine beiden  Grundmotive sind ein maßloser Selbstverwirklichungsdrang und in Verbindung damit der Haß gegen Gott und seine Ordnungen. Er wird ihn lästern (Dan 7, 20. 25; 2Thess 2,4; Offb 13,5f.) und seine Gebote auflösen, also als großer Verführer Gottlosigkeit und Immoralität verbreiten –  soweit diese sich mit seiner eigenen Vergötterung und dem von ihm diktatorisch verfügten Verhaltenskodex vereinen lassen.

• Er tritt mit einem sich selbst vergötternden Herrschaftsanspruch auf und verlangt von allen Menschen unbedingte Gefolgschaft und Verehrung, die sich in der Anbetung seines Idols und der Aufnahme seiner Zahl 666 als Erkennungszeichen beweist.

• Er macht sich zum Haupt eines durch globale Machtzusammenballung geschaffenen politischen und ideologischen Einheitssystems, eines zentralistischen Zehnstaatenbundes Offb 17,3. 12-14). Schließlich wird seine Herrschaft in Terror umschlagen.

• Er nimmt täuschend die Stellung des wiedergekommenen Christus ein. Er imitiert dessen Werke und kommt in der ersten Phase seines insgesamt dreieinhalbjährigen Wirkens unter der Maske des die Menschheit beglückenden Wohltäters. So wird es ihm –  unterstützt durch dämonische Wundertaten (Mt 24,24; 2Thess 2,9) –  gelingen, den Großteil auch der Christenheit zum Abfall zu verführen. Er wird sich in den Tempel Gottes setzen und von der gesamten Menschheit angebeten lassen (2Thess 2,4; Offb 13,3-4).
Man könnte in ihm  die Erfüllung der in vielen Religionen vorhandenen Hoffnung auf eine das Goldene Zeitalter heraufführende Rettergestalt unter Namen wie Maitreya, Krischna oder Mahdi erblicken. Das führt uns zum zweiten und dritten Teil unseres Themas:

II. Synkretistische Religiosität im Zuge der Postmoderne

1. Die neue Spiritualität
Eine erstaunliche Beobachtung, die wir seit drei Jahrzehnten bei der Analyse unserer westlichen Kultur anstellen können, ist das Wiedererwachen eines religiösen Interesses bei vielen Zeitgenossen. Die beiden Jahrhunderte, welche der Aufklärung und der Französischen Revolution folgten, wurden allgemein als das Zeitalter der Moderne bezeichnet. Sie standen wesentlich im Zeichen eines sich naturwissenschaftlich begründenden materialistischen Rationalismus, eines atheistischen Humanismus und einer unaufhaltsamen Säkularisation des öffentlichen wie des privaten Lebens. Dietrich Bonhoeffer zog daraus den Schlußsatz, dass wir nun am Beginn eines völlig religionslosen Zeitalters stünden. Der moderne Mensch sei zu seiner vollen rationalen Mündigkeit erwacht und habe zur Erklärung und Bewältigung seines Lebens die Hypothese „Gott“ nicht mehr nötig: Einflußreiche Philosophen wie Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, sowie die Schüler von Charles Darwin und Siegmund Freud, hatten das schon lange vor ihm behauptet.
Anfang der 1970er Jahre aber geschah nun das Unwahrscheinliche: Immer mehr Menschen wollten sich mit unserm rein rationalistischen Wirklichkeitsverständnis nicht mehr zufrieden geben; denn von ihm her konnten sie auf die zentralen Fragen ihres Lebens, besonders in den Grenzsituationen von Krankheit, Leid und Tod keine Antwort gewinnen. Junge Menschen wurden der materialistischen Konsumzivilisation überdrüssig und wandten sich aus Neugier und Erlebnishunger Erfahrung mit der Transzendenz zu. Durch diese – so hofften sie – würden sich ihnen ungeahnte Dimensionen erschließen, vermittels derer sie zu „Gipfelerfahrungen“ gelangen können – z. T. ganz ähnlich den durch Drogeneinnahme ausgelösten Rauschzuständen. Das Thema „Ekstase“ begegnet schlagartig in den unterschiedlichsten Zusammenhängen: Im Rauschgiftmilieu. In Sexualorgien, in der jugendlichen Diskoszene von Beat, Rock und Psychodelik, in spiritistischen Seancen, in Experimenten mit Yoga, Zen und anderen asiatischen Meditationsformen.

2. Auf dem Wege zu einer synkretistischen Religionssynthese
Der dänische Professor für Ökumenische Theologie und Religionswissenschaft Johannes Aagaard hat die These aufgestellt, dass gegenwärtig eine neue Weltreligion im Entstehen begriffen sei oder bewußt erschaffen werde. Sie habe ihre Wurzeln in den klassischen Religionen, von denen aber keine ausschließlich zur Herrschaft gelange. Vielmehr holen sich die Anhänger diejenigen Stücke aus einzelnen Religionen heraus, die ihnen für ihre Bedürfnisse passend erscheinen: Medien, Gurus, Propheten, Unsterblichkeit, Reinkarnation, Aura, geistige Meister, Yoga, Karma, Wiedergeburt, Biorhythmus, Tarotkarten und Astrologie. Die „neue Spiritualität“ entsteht nicht durch eine Rückkehr zu einer historischen Religion, d.h. auch nicht etwa durch eine christliche Erweckungsbewegung, sondern durch eine Vermischung aus verschiedenen Weltanschauungen und Religionen, aus Esoterik, Magie und Okkultismus.
Ich glaube, dass Aagaard hier richtig beobachtet hat. Es muß allerdings eine zweite Beobachtung hinzugefügt werden: Das religionsvermengende Geschehen läuft gleichzeitig auf zwei unterschiedlichen Ebenen ab. Die eine ist die private. Auf dieser wählt sich jede einzelne interessierte Person in Selbstbedienung auf dem Jahrmarkt bzw. der Weltausstellung religiöser Möglichkeiten diejenigen Elemente aus, die dem persönlichen Geschmack entsprechen bzw. zum Erreichen eigener Zwecke nützlich erscheinen. – z. B. einer gesundheitlichen Lebensreform oder einer künstlerischen Inspiration, und sei sie noch so schockierend!

3. Modelle synkretistischer Zukunftsgestaltung
Von dem soeben beschriebenen Geschehen auf privater Ebene zu unterscheiden – wenn auch nicht zu trennen – ist die Ebene programmatischer Gestaltungsbemühungen. Auf dieser Ebene verbindet sich der religions-pluralistische Prozeß mit einer visionären Zielsetzung seiner menschlichen Betreiber. Das trifft in vollem Maße für die theosophisch inspirierte Hauptrichtung zu, die sich mit den Namen Alice Bailey, David Spangler sowie Marilyn Ferguson und ihrem Buch „Die sanfte Verschwörung“ verbindet.
Ähnliche Bemühungen gibt es jedoch auch in anderen Bewegungen; die es z: T. sogar zu offizieller Anerkennung gebracht haben. Der schwedische Theologe Folke Olofsson hat dafür den Begriff das „synkretistische Projekt“ geprägt. Dieses sei dabei, das bisherige moderne „Projekt der Säkularisierung“ abzulösen.
Der Synkretismus erscheint danach weniger als ein Vorgang der sich ungewollt aus dem Zusammenfließen verschiedener Religionen und religiöser Kulturen ergibt. Vielmehr stellt er ein von bestimmten einflußreichen Persönlichkeiten absichtsvoll entwickeltes Programm dar, in dem ein innerweltlicher Zweck verfolgt wird, wie z. B. der Zusammenhalt verschiedener Völkerschaften in einem gemeinsamen Staatswesen oder auch eine moralische Reform wie schließlich das Überleben der Menschheit angesichts bevorstehender Weltkatastrophen. Die Absicht kann also subjektiv höchst respektabel sein.
Allerdings, und das ist das Entscheidende: Ein Projekt ist stets ein Vorhaben von Menschen, die es aus ihrer jeweiligen eigenen Perspektive verfolgen. „Von sich selbst aus“, schreibt Olofsson, „projiziert der Mensch seine Gedanken, Träume, Hoffnungen, seine Ideologie hinaus in Zeit und Raum.“ Im synkretistischen Projekt bemühen sich also einzelne Visionäre, ideologische Gruppierungen oder auch politische, kulturelle und religiöse Organisationen darum, in regionaler oder internationaler Perspektive die Zukunft der Menschheit nach ihren eigenen Leitbildern in den Griff zu bekommen und zu gestalten. Ein solches Beispiel bietet die NAB.

III. Anomia in der synkretistischen Vision von New Age

1. Identitätsmystik als Grundlage der New Age-Bewegung
In meinem früheren Vortrag an dieser Stelle habe ich darauf hingewiesen, dass eine wichtige Quelle der New Age-Bewegung in der wesentlich vom Hinduismus und Buddhismus Anleihen nehmenden Theosophie der Damen Helena Blavatsky und ihrer Schülering Alice Bailey zu suchen ist. Mit diesen teilt New Age die Grundkonzeption von der apersonalen Einheit alles Seienden, von Gottheit, Kosmos und Mensch. Auch hier geht es also um Identitätsmystik. Der menschlichen Seele eignet selbst Göttlichkeit, dem Menschen steht kein personaler Gott gegenüber, vor dem er sich zu verantworten hat. Vielmehr findet er Göttlichkeit, meist „Spiritualität“ genannt, in der Tiefe seiner eigenen Seele. Sie ist die Quelle seiner religiösen Erfahrung, sie bestimmt sein religiöses und moralisches Verhalten, in ihr findet er auch die Kraft zu seiner eigenen Befreiung von den Banden stofflicher Einhüllung. Erlösung bzw. Heil, wenn man diese christlichen Begriffe aus Gründen der Analogie überhaupt gebrauchen will, ist Bewußtseinerweiterung, ist Erlangung eines göttlichen Bewußtseins im Erkennen der wesentlichen Einheit von Atman = Seele und Brahman = Göttlichem. Methoden dafür sind Entspannungs- und Meditationsübungen, wie wir sie in den mannigfaltigen Yoga-Systemen des Hinduismus kennen und wie sie im Westen von den Gurubewegungen popularisiert werden.
In dem Maße, wie der Mensch auf diesem Wege voranschreitet, kommt es zu einer Auslöschung aller Gegensätze zwischen Makrokosmos und Mirokosmos, zwischen allen Einzelwesen. Das hat zur Folge auch die Leugnung des Dualismus von Licht und Finsternis, von Gutem und Bösem, von Engeln und Dämonen.

2. Auffälliges Fehlen ethischer Maßstäbe
Der in die NAB eintretende Christ eliminiert im vermeintlichen Erkennen seiner Göttlichkeit auch seine bisherigen Schuldgefühle sowie sein Sündenbewußtsein. Denn er ist ja im Wesen gut, und Fehlverhalten ist lediglich eine Folge eines mangelhaft entwickelten kosmischen Bewußtseins.
Um dieses Bewußtsein um die Einheit mit dem All zu erreichen, darf der New-Age-Anhänger jedes Mittel benutzen, was diesem Zwecke dienlich ist. Einer dieser Wege ist das aus Tibet kommende Tantra-Yoga.  Hier werden auch sexuelle Ausschweifungen empfohlen und praktiziert, die zu einer Ekstaseerfahrung führen. Das ist auch unter den Anhängern wie auch Seelenführern geduldet und verbreitet, wie das Ehepaar Victor und Victoria Trimundi in seinem Buch „Der Schatten des Dalai Lama“ ausführlich dargelegt hat. Es trägt den Untertitel: „Sexualität, Magie und Politik im tibetanischen Buddhismus“.
Hinduistische Gurus Yogis können sich auf ihrem spirituellen Streben nach Selbstvergottung zu spirituellen Egoisten entwickeln. In ihrer kontemplativen Konzentration auf ihre Einheit mit Brahman erscheinen sie in ihrer Yoga-Position wie leblose Figuren. Dabei lassen offenbar völlig gefühllos, bar jeglicher Liebesregung alle persönlichen Verbindungen sogar zu ihren nächsten Familienangehörigen absterben, sich in ihrem mystischen Hochmut von diesen aber gleichzeitig wie Götter in Menschengestalt bedienen und kultisch verehren. Das hat der nach schlimmen geistig-ethischen Verirrungen durch ein geistliches Wunder zum lebendigen Christusglauben gekommene Inder Rabindranath R. Maharaj sehr anschaulich erzählt in seinem autobiographischen Buch „Tod eines Gurus“. Darin berichtet er auch, wie es ihm zum Bewußtsein kam, dass er durch seine Yoga-Praktiken in okkulte Bindungen geraten war, aus denen  er nur durch eine völlige Lebensübergabe an Jesus Christus gelöst werden konnte. Auch nachher versuchten ihn die unsichtbaren Mächte immer wieder, ihn  in ihren Bann zurückzuziehen.

3. Die Zukunftsschau der New Age-Bewegung
Auch in der NAB geht es für jeden Einzelnen wie auch für eine ganze Gemeinschaft darum, zunächst selbst zum „Krishna-Bewußtsein“ zu gelangen und danach dieses auch anderen zu vermitteln. Der Weg dazu führt zunächst über meditative und asketische Übungen, pausenloses Chanting von Mantras und tänzerische Ekstasetechniken. Darüber hinaus gehört auf einer gehobenen Stufe dazu die Kontaktaufnahme mit transzendenten Geistern, die in der NAB als „aufgestiegene Meister“ bezeichnet werden und irgendwo in der transzendenten Überwelt (genannt wird oft die mythische Stadt Schambala) eine „Weiße Hierarchie“ bilden. Es handelt sich dabei um Parallelen zu den hinduistischen Avataras und den buddhistischen Bodhisattvas, also Menschen, welche ihre mystische Erleuchtung schon erreicht haben und dadurch in einen erhöhten spirituellen Zustand hinübergekommen sind. Sie stehen mit ihren irdischen Adepten medial in Verbindung und leiten sie dazu an, durch immer weitere Vernetzung der Menschheit nach und nach ein kosmisches Bewußtsein zu vermitteln. Dieses bildet die Grundlage für die Verwirklichung einer grandiosen Zukunftsvision.
New Age bedeutet ja Neues Zeitalter, und die NAB ist die Gemeinschaft derjenigen, die sich berufen fühlen, dazu beizutragen, das universale Kommen dieses Zeitalters zu beschleunigen. Dass es überhaupt kommen wird, steht für die Anhänger außer Frage; denn aufgrund eines kosmischen astrologischen Gesetzes ist dieses sogar bereits angebrochen. Es ist Zeitalter des Wassermanns, welches das abgelaufene Zeitalter Fische, also die Epoche des Christentums, abzulösen bestimmt ist. Die menschliche Unterstützung seitens der NAB geschieht vermittels einer „sanften („aquarischen“) Verschwörung“. Sie betreibt zunächst heimlich, dann offen eine Revolution, die nicht  mit terroristischen Methoden vorgeht, sondern vermittels medialer Einweihungen. Verlockt werden die Menschen dadurch, dass ihnen als Ziel dieser Bewegung eine friedliche Weltgemeinschaft versprochen wird, in der alle bisherigen sozialen, politischen und auch religiösen Trennmauern abgerissen und einer allgemeinen Harmonie in allen mitmenschlichen Beziehungen gewichen sein werden.
Das Aquarius-Lied im Musical Hair bringt diese New Age Vision auf ihre klassische Formel:
„Harmonie und Recht und Klarheit

Sympathie und Licht und Wahrheit
niemand will die Freiheit knebeln
niemand mehr den Geist umnebeln
Mystik wird uns Einsicht schenken
und der Mensch lernt wieder Denken
dank dem Wassermann.“
Es handelt sich also um ein großartiges utopisches Erlösungsprogramm durch spirituelle menschliche Selbstverwirklichung – jedoch ohne persönlichen Gott.

 4. Das pseudomessianische Element der New Age-Bewegung
Wir sprachen von der Rolle, welche in den Plänen der NAB die Weiße Hierarchie der aufgestiegenen Meister einnimmt. Unter diesen Meistern gibt es nun einige herausragende Große Meister, die in der Geschichte als Stifter von Weltreligionen aufgetreten sind und in der Mythologie der NAB eine wichtige Rolle spielen. Sie tun dies teils nach- und nebeneinander, teils werden sie einfach miteinander identifiziert, und ihre Namen werden austauschbar verwendet. Zu diesen Großen Meistern gehört auch Christus, meist mit dem bestimmten Artikel als „Der Christus“ angeführt. Dieser der Theosophie und der Anthroposophie Rudolf Steiners verdankte Christus ist eine überzeitliche und übergreifende Gestalt, die sich in den Gestalten verschiedener Religionsstiftern offenbart. Darunter findet sich auch Jesus. Mit ihm ist „der Christus“ jedoch nicht identisch, anders als es der biblisch-historische Jesus Christus aufgrund der bleibenden Inkarnation des göttlichen Logos ist.
Das wohl wichtigste Werk unter den im Lucis Trust (ursprünglich Lucifer Trust) erschienenen 24 Bänden der Esoterischen Philosophie von Alice Bailey’s  trägt den Titel: „The Re-Appearance of Christ“. In der Zusammenfassung wird die Rolle dieses wiederkommenden bzw. besser wieder erscheinenden Christus wie folgt beschrieben:

„Die Menschheit erlebt eine ihren Höhepunkt erreichenden Zeit des Wandels mit allen Formen von  Schmerz, Chaos und Auflösung, die diesen begleiten. …. Jedesmal in solchen Zeiten erscheint ein Lehrer, um das neue Zeitalter heraufzuführen, eine Welterlöser, ein Erleuchtender, ein Avatar, ein Vermittler von Kundgebungen, ein Christus. Auch unser Heute bildet keine Ausnahme von diesem uralten universalen Gesetz. Seit Jahrhunderten ist das Wiedererscheinen eines Avatars von den Gläubigen in aller Welt vorausgesehen worden, sowohl seitens der Christen als auch derer, die den Maitreya, den Boddhisattva, den Messias und den Imam Mahdi erwarten … Der kommende Weltlehrer wird eine Offenbarung bringen, die in unsere Gegenwart hinein spricht, indem er das internationale Kommunikationssystem benutzt , so dass „jedes Auge sehen und jedes Ohr hören wird“. Der Weltlehrer wird den Glauben an Gottes Liebe und an das Leben unserer gemeinsamen Göttlichkeit wiederherstellen, sowie in die enge unauflösliche Beziehung zwischen allen Völkern dieser Erde.“

Die gemeinsame Nennung dieser verschiedenen Namen und deren Identifizierung beweist, dass es sich hier, obwohl die christliche Wiederkunftserwartung positiv angesprochen wird, keineswegs um den biblischen Jesus Christus handelt. Vielmehr geschieht ein semantisches, synkretistisches Täuschungsmanöver. Letztlich ist dieser Maitreya-Christus nur die Verkörperung aller dem menschlichen Wesen innewohnenden spirituellen Potenzen. „Der Christus“ der NAB ist der Idealtypus der neuen Menschheit – zugleich eine korporative und eine individuelle Persönlichkeit. Bailey verrät sich durch ihr eigenes Vokabular. Wenn der Glauben an Gottes Liebe zugleich der an das Leben unserer gemeinsamen Göttlichkeit ist, so handelt es sich bei dem erwarteten und durch die sog. Große Invokation täglich von Hundertausenden von NAB-Anhängern herbeigerufenen Weltlehrer um die kollektive Selbstvergötterung der Menschheit.

Schaut man dann noch etwas näher auch in die Ausführungsbestimmungen, die wir bei David Spangler finden, so weist die vom Maitreya-Christus aufgerichtete Friedensordnung auf ein zutiefst totalitäres System hin. In ihm haben nur diejenigen Lebensraum, die den Grundvoraussetzungen der New-Age-Philosophie zustimmen, nämlich der wesentlichen Einheit aller Religionen, ihres spirituellen Ursprungs und ihrer Zielsetzung. Das erfordert inhaltliche Toleranz gegenüber allen religiösen Ausdrucksformen. Dagegen wird es für konservative Anhänger historischer Glaubenssysteme, Menschen, die sich weigern, die „Bewußtseinstransformation ins Neue Zeitalter“ mitzumachen, in der kommenden Weltgemeinschaft keinen Platz geben. Durch eine dem „Neuen Zeitalter“ vorausgehende Säuberungsaktion werden sie aus dem Lebens- und Wirkensbereich der neuen Menschheit entfernt werden. Sie sollen entweder auf eine andere Ebene des Bewußtseins der Erde ausquartiert oder sogar ganz von dieser Erde genommen werden. Hauptsache ist, schreibt Spangler, dass sie „vorläufig die Fähigkeit verlieren, die Entwicklung dieser Erde zu lenken und zu beeinflussen.“
Keine Toleranz also für Bekenner des biblischen Christus und treue Glieder seiner ihm gehorsam bleibenden Kirche!

Ich behaupte keineswegs, dass es die New Age-Bewegung  ist, welche ihre bizarren Vorstellungen in historische Realität umsetzen wird; im Gegenteil: angesichts ihrer Diffusion und Verebbung schließe ich das sogar aus.
Aber der Geist, aus dem sie geboren wurde, und die Konzepte, die hier spekulativ entwickelt wurden, sind auch in anderen durchsetzungsfähigeren Bewegungen und System wirksam. Jene Glaubensunterdrückung und Verfolgung, die ich eben andeutete, wird  in der Tat dereinst das Schicksal der Gemeinde unter der Weltherrschaft des Antichrist und in dessen Einheitsideologie sein. Das können wir dem Buch der Johannesoffenbarung entnehmen, wo es in Kap. 12,17 heißt:
„Und der Drache ergrimmte über das Weib und ging hin, Krieg zu führen mit den übrigen ihrer Nachkommenschaft, die das Gebot Gottes und das Zeugnis Jesu festhalten.“

Sehen wir Tendenzen in dieser Richtung nicht schon in unserer heutigen Gesellschaft walten?
Werden nicht Menschen, die sich dem Diktat der „political correctness“ bzw. auch der „clerical correctness“ nicht beugen, als Fundamentalisten und Friedensstörer verächtlich gemacht und werden ihnen die Möglichkeit öffentlicher Einflußnahme nicht systematisch entzogen?
Ich glaube, jedem von uns fallen aus seinem eigenen Horizont sofort Namen wie z. B. Eva Herman ein, von Christen mit Zivilcourage, die in unsern Tagen genau diese Erfahrung machen müssen!

Die Hervorhebungen stammen von mir. Horst Koch, Herborn.

www.horst-koch.de
info@horst-kochde




Genderismus-Slenczka

 

 Gutachten zu der Frage:

Mit welchen Gründen von Vernunft und Recht wird die Ideologie des Genderismus in Politik, Kirche und Schule eingeführt und aufgezwungen?

Von Professor Dr. theol. Reinhard Slenczka, D.D., Erlangen

  • I – Was ist Genderismus?

Gender“ ist im Englischen die Bezeichnung für das grammatische Geschlecht, unterschieden von „sex“, dem biologischen Geschlecht. Unter „Genderismus“ als Ideologie ist zu verstehen das Bestreben sowohl im Bereich der Sprache wie auch im biologischen Bereich vorliegende Unterscheidungen und Unterschiede radikal zu bekämpfen und zu beseitigen.

Nach Form und Ziel handelt es sich um eine revolutionäre Bewegung zur Veränderung der Gesellschaft und ihrer Grundlagen.

Sprachlich geschieht dies durch die gleichzeitige Verwendung von weiblichen und männlichen Bezeichnungen. Das wird als inklusive Sprache bezeichnet, die jedoch faktisch exklusiv ist, insofern das männliche Genus nicht auf Weibliches angewandt werden sollte. Das scheitert im Deutschen jedoch bereits an dem Wort der Mensch. Das maskuline Genus schließt jedenfalls nicht aus, dass Frauen auch Menschen sind.

Biologisch wird im Genderismus das Geschlecht nicht nach Mann und Frau mit ihren jeweiligen geschaffenen Geschlechtsmerkmalen definiert, sondern nach verschiedenen Formen des Gebrauchs der Geschlechtsorgane zur Befriedigung des Sexualtriebs. Da es zu allen Zeiten auf diesem biologisch, physisch und psychisch unveränderbarem Gebiet Brauch und Missbrauch gibt, haben wir es hier nicht mit neuen Erkenntnissen zu tun, sondern mit der Forderung interessierter Gruppen, bisher als widernatürlich beurteilte, weil schädliche Verhaltensweisen als natürliche anzuerkennen[1]: Nicht die organische Beschaffenheit, sondern die Befriedigung des Geschlechtstriebs in beliebiger Weise wird als beherrschende Norm durchgesetzt. Das statistisch erhobene Verhalten von Menschen wird als normativ angesehen. Es wird nicht gefragt, was qualitativ gut und recht, falsch oder schädlich ist, sondern was quantitativ praktiziert, behauptet und gefordert wird. Der Fachausdruck ist „Behaviorismus“, also die Orientierung am faktischen Verhalten von Menschen oder auch einfach an der öffentlichen oder herrschenden Meinung.

Um es mit gebotener Klarheit zu formulieren: Humanität im Sinne von rationaler Triebbeherrschung wird durch Willkür im Sinne von animalischer Triebbefriedung ersetzt.

Was mit dem Begriff Genderismus oder auch Gender Mainstreaming bezeichnet wird, ist eine in Amerika und Europa um sich greifende Bewegung, an der sich viele interessierte Gruppen beteiligen, der sich jedoch noch mehr Individuen und Organisationen, insbesondere protestantische Kirchenverwaltungen, anschließen in der blinden Überzeugung, dass es sich um etwas handele, was als neuzeitliche Entwicklung menschlicher Verhaltensweisen zu respektieren wäre.

Dafür gibt es jedoch keinerlei theologische, keine wissenschaftliche oder auch rechtlich-politische Begründung. Man kann es daher nur als einen Wahn bezeichnen.

Wohl aber gibt es Widerspruch, oft genug hilflos, gegenüber den Zwangsmaßnahmen, mit denen diese Ideologie durchgesetzt wird. Einen scharfen Gegensatz gibt es jedoch in und mit den Ländern, die von der Zwangsideologie des Marxismus-Leninismus[2] befreit sind, sowie aus islamischen Ländern. Hier kommt es unübersehbar zu einem scharfen Zusammenstoß von Zivilisationen (Samuel P. Huntington 1927-2008). Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem, das gerade in einer multikulturellen Gesellschaft nicht übersehen werden kann noch verdrängt werden sollte. Zumal in den Schulen kommt es hier zu scharfen Konflikten, die nicht mit Zwangsmaßnahmen beseitigt werden sollten.

  • II – Theologische Beurteilung
  1. Der Gegensatz: Es geht um die unaufhebbare Unterscheidung von Gott und Mensch:
    Nach Gottes Wort der Heiligen Schrift gilt: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, „männlich und weiblich schuf er sie“ (1 Mose 1, 27)

Von der Ideologie des Genderismus wird gefordert: Der Mensch schafft sich Gott nach seinem Bild, „weiblich und männlich schafft er sich ihn.

In Theologie und Kirche hat sich die Ideologie des Genderismus sehr weit verbreitet. Das begegnet immer wieder in Gottesdiensten, selbst nach amtlichen Formularen, dass die Gottesnamen männlich und weiblich modifiziert werden und vor allem die Anrede Herr als „patriarchalisch“ vermieden wird. Ein bekanntes Beispiel ist die „Bibel in gerechter Sprache“ [3]. in der die Gesetze der Philologie durch die Forderungen der Ideologie ersetzt werden.

Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift (1 Mos 1, 27) gilt: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie männlich und weiblich“.[4] Dies bedeutet: Der geschlechtliche, biologische Unterschied von Mann und Frau ist umfasst von der Würde der für beide geltenden Gottebenbildlichkeit. Diese Gleichheit ist in der Schöpfung vorgegeben; sie muss also nicht durch die Beseitigung von biologischen Unterschieden erkämpft werden, wohl aber ist sie zu respektieren und zu schützen.

Die Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf ist eine bleibende Anfechtung des Volkes Gottes im Alten wie im Neuen Bund. Die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf wird allein dadurch begründet, dass der wahre Gott seinem Volk im Wort Gottes, nicht im Bild des Geschaffenen begegnet (5 Mose 4!!).

Wo jedoch der wahre Gott nicht angebetet und verehrt wird, verfällt die Vernunft unter die Macht des von Gott Geschaffenen und damit zugleich unter das Zorn- und Strafgericht Gottes. Die Verehrung und Befriedigung des Sexualtriebs wird zur herrschenden Macht; sie tritt an die Stelle Gottes, und damit vollzieht sich das Strafgericht Gottes (Röm 1, 18-32!!).

Man macht sich, wie es leider auch in der theologischen Fachsprache heißt, seine Gottesbilder, männlich / weiblich. Im Alten Bund kam die ständige Versuchung von den fremden Göttern anderer Völker, vor allem die Fruchtbarkeits- und Sexualkulte von Baal und Astarte: „Die Priester fragten nicht: Wo ist der HERR?, und die Hüter des Gesetzes achteten meiner nicht, und die Hirten des Volks wurden mir untreu, und die Propheten weissagten im Namen des Baal und hingen den Götzen an, die nicht helfen können“ (Jer 2, 8)...

Beim Propheten Jeremia wird ein bei Frauen beliebter feministischer Kult der „Himmelskönigin“ (Jer 7, 18; 44) erwähnt, für die man Kuchen backt und Trankopfer spendet. Der Warnung des Propheten vor den Strafen Gottes erwidert man: „Den Worten, die du im Namen des HERRN uns sagst, wollen wir nicht gehorchen…“ (Jer 44, 16). Ist das heute etwa anders?

  1. Die Durchsetzung der Genderideologie in Theologie und Kirche.

Am 7. April 2014 wurde das „Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie“ in Hannover eröffnet, das aus einer Reihe von früheren Einrichtungen hervorgegangen ist, die sich ebenfalls mit entsprechenden gesellschaftspolitischen ideologischen Fragen befasst hatten. In der der Aufgabenbeschreibung dieser Einrichtung heißt es: „Das Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie will zur Gestaltung einer Kirche beitragen, in der die Vielfalt menschlicher Begabungen auf allen Ebenen unabhängig von Geschlechtsrollen und Geschlechtsidentitäten zum Tragen kommt (Zitat aus der Ansprache des Ratsvorsitzenden bei der Eröffnung). Ziel und Aufgabe ist es nach der Bezeichnung des Instituts, „Kirche geschlechtergerecht zu gestalten“. Hört nicht ein jeder, der die deutsche Kirchengeschichte kennt, bei dieser Bezeichnung die Forderung von 1933 nach einem : „Artgerechten Christentum“?

Im Studienzentrum sollen, wie es in der Selbstdarstellung der Leiterin heißt, Genderforschungsansätze verschiedener Fach- und Forschungsgebiete für die verschiedenen Handlungsfelder der Kirche exemplarisch ausgewertet und aufbereitet werden. Die Integration von Genderaspekten in das kirchliche Handeln soll auf diese Weise unterstützt werden. Inhaltlich gehe es um feministische Perspektiven sowie „Rassismus-Diskurse, ökumenische und interreligöse Dialoge, insbesondere den christlich-jüdischen Dialog, um queer-Theologien.[5]

Es ist nicht zu übersehen noch zu bestreiten, dass im heutigen Protestantismus die Ideologie des Genderismus nicht nur eine Plattform gefunden hat, sondern eine beherrschende Rolle einnimmt. Wo die Heilige Schrift nicht mehr als Wort Gottes anerkannt wird und in Geltung ist, treten unweigerlich Meinungen und Forderungen von Menschen als Autorität in der Kirche auf. Dafür ist der Protestantismus auch in unserer Zeit besonders anfällig.

 

So wird die Durchsetzung der Ordination von Frauen zu gemeindeleitenden Ämtern, wie es weithin geschieht, als Rechtsanspruch gefordert, selbst wenn dadurch bestehende Kirchengemeinschaft mit anderen Kirchen gebrochen wird (Osteuropa, Orthodoxie, Römisch-Katholisch). Schwesterkirchen werden mit moralischem Zwang und wirtschaftlichen Druck zur Einführung der Frauenordination und Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften gezwungen. Indes: Weder für Männer noch für Frauen kann die Ordination ein Rechtsanspruch sein, da es sich dabei nicht um Herrschaft, sondern um Sklavendienst handelt (Röm 1, 1 u. ö.)

Die Einsetzung der Ehe durch Gott (1 Mose 1, 27-30; 2 Mose 2 18-25) und ihr Schutz nach dem Sündenfall durch das 6. Gebot Gottes (2 Mose 20, 14; 5. Mose 5, 18; Mat 5, 17-32 wird in kirchenamtlichen Erklärungen mit der göttliche Autorität sich anmaßenden Behauptung aufgehoben, diese Grundlagen seien durch die gesellschaftspolitische Entwicklung überholt, und daher sei auch die Ehe anders aufzufassen als das nach Gottes Schöpfung und Gebot der Fall ist[6].

Es ist eindeutig, dass hier Gottes Wort durch Menschenwort ersetzt wird, und das geschieht sogar mit dem Anspruch, dass kirchenamtlich gesegnet wird, worauf kein Segen Gottes, sondern die Strafe Gottes liegt.

  • III – Rechtspolitische Grundlagen
  1. Es gibt keinerlei theologische, rechtliche und politische Berechtigung, die Forderungen der Gender-Ideologie in Staat, Kirche und vor allem in der Schule durchzusetzen und auf diese Weise die bestehende Gesellschafts- und Rechtsordnung tiefgreifend zu verändern, ja zu zerstören. Das ist Diktatur!

Vielmehr handelt sich um eine ideologische Bewegung, die aus dem Anspruch erwächst, die seit Jahrhunderten geltende Wertordnung mit ihren sittlichen und rechtlichen Normen den heutigen Verhältnissen und dem Verhalten des heutigen Menschen anzupassen. Dies bedeutet, dass das Recht der Politik folgen soll, und das steht im Widerspruch zu dem von Immanuel Kant eingeschärften Prinzip der Aufklärung: „Das Recht muss nie der Politik, wohl aber die Politik jederzeit dem Recht angepasst werden“[7].

Wenn dieser Grundsatz nicht mehr gelten sollte, wird der Willkür von Interessengruppen Tor und Tür geöffnet. Dies aber ist das Kennzeichen aller Diktaturen, die nach dem Prinzip verfahren: „Wer die Macht hat, hat das Recht, selbst wenn er Unrecht hätte“[8].

  1. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG. Kurz „Antidiskriminierungsgesetz“) vom 14. 8. 2006.

Dieses Gesetz gehört in das Arbeitsrecht, wo es bestimmte Benachteiligungen bei einer Stellenvergabe ausschließen soll. So heißt es in der deutschen Fassung: „Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen“.

Damit wird deutlich, dass die in der Verfassung garantierten Grundrechte durch die Hintertür des Arbeitsrechts ergänzt werden durch die „sexuelle Identität“. Außerdem ist zu bemerken: Dieses Gesetz hat ausdrücklich nicht nur eine präventive Funktion, die darin besteht, Straftaten zu verhindern. Es hat vielmehr eine produktive Funktion, Unterschiede zu „verhindern oder zu beseitigen“. Im Klartext: Gesellschaft soll durch dieses Gesetz verändert werden.

Der Inhalt dieses Gesetzes bezieht sich lediglich auf das Arbeitsrecht. Dabei gibt es nach § 8 sowie § 20, 4 eine „zulässige unterschiedliche Behandlung wegen der Religion und Weltanschauung“. Das heißt: Es ist keine Übernahme von den Kirchen gefordert. Eine Ordination von Frauen zum geistlichen Amt kann also nicht nach staatlichem Recht erzwungen werden. Dazu ist auch zu beachten: Das kirchliche Amt ist kein Rechts- und Versorgungsanspruch, etwa noch mit Stellenteilung und Teilzeit, sondern Dienst, ja Sklavendienst. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind unvereinbar mit Ämtern in einer christlichen Gemeinde. Ebenso kann eine Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder deren Zusammenleben im Pfarrhaus nach diesem Gesetz nicht gefordert werden.

 

Wo jedoch solche Bestimmungen in kirchliches Recht aufgenommen und durchgesetzt werden, erliegt man in kirchlichen Gremien und Leitungsämtern ohne gesetzlichen Zwang, jedoch unter dem starken Druck und Einfluss der öffentlichen Meinung und den auch in den kirchlichen Organen vertretenen Interessengruppen dem Ruf der Stunde, den Forderungen der Zeit. Seit jeher sind die Kirchen eine gesuchte Plattform, um in der Öffentlichkeit Einfluss zu gewinnen.

  1. Zur Durchsetzung der Genderideologie in Schulen.

    Was durch die sog. 68.-Bewegung nicht nur gefordert, sondern nachweislich auch praktiziert wurde, nämlich eine möglichst frühe Aktivierung des Sexualtriebs, wird heute durch interessierte Gruppen in Lehrpläne zur Sexualerziehung eingebracht. Ziel dieser Projekte ist es, die Befriedigung des Sexualtriebs in beliebiger Form nicht nur orientierend zur Wahl zu stellen, sondern ihn aufzuwecken und sogar auszuprobieren. Hierzu ist in aller Schärfe zu sagen: Das ist Kindesmissbrauch! Die Kinder werden um das gebracht, was nach dem Wesen der Ehe und dem göttlichen Gebot die schützende Scham und der notwendige Respekt in der Begegnung und Gemeinschaft von Mann und Frau ist[9].

Die sich ergebenden Folgen sind täglich in den Zeitungen zu lesen mit den Straffällen, bei denen der Sexualtrieb Schutz und Respekt vor anderen zerbricht.

Für derartige Lehrpläne gibt es keinerlei Rechtsgrundlage, sondern nur die gesellschaftspolitischen Machtinteressen bestimmter Gruppen, die sich seit Jahrzehnten um Einfluss bemühen und denen offenbar niemand argumentativ widersprechen kann, solange man die Normativität des Faktischen als moralisches, politisches und sogar rechtlich bindendes Prinzip annimmt.

  • IV – Beantwortung der gestellten Frage:

Mit welchen Gründen von Vernunft und Recht wird die Ideologie des Genderismus in Politik, Kirche und Schule eingeführt und aufgezwungen?

Es gibt weder aus menschlicher Vernunft, also Wissenschaft, noch aus geltendem Recht und letztlich nach Gottes Schöpfungsordnung und Geboten einen Grund für eine ethisch und rechtlich verbindliche Einführung und Durchsetzung der Gender-Ideologie. Vielmehr ist das, was hier unter dem Zwang interessierter Gruppen geschieht, ein tiefes Unrecht, durch das tragende Grundlagen einer Gesellschaft zerstört werden. Die physischen und psychischen Folgen sind durchaus, etwa bei verlassenen Frauen und verhaltensgestörten Kindern, erkennbar, auch wenn sie beschönigt oder verdrängt werden.

Hier ist die praktische Verantwortung von Kirche und Politik dringend gefordert.

Erlangen, am 18. Februar 2017     gez. Prof. Dr. Reinhard Slenczka.

[1] Was auf diesem Gebiet als wissenschaftliche Erkenntnis behauptet und verbreitet wird, ist bei genauem Zusehen in der Regel eine Selbstrechtfertigung von eigenen Formen der Triebbefriedigung, z. B.: Der Arzt Magnus Hirschfeld (1868-1935) mit der statistisch begründeten These vom „dritten Geschlecht“. – Der Arzt und Psychologe Wilhelm Reich, (1897-1957), der im Gegensatz zur Sublimationstheorie seines Lehrers Sigmund Freud eine „Orgasmustheorie“ stellte mit der Begründung, dass sexuelle Verdrängung zu Neurosen führe. – Der Zoologe (!!) Alfred C. Kinsey, (1894-1956), der mit seinen empirisch-statistischen Untersuchungen über das „sexuelle Verhalten“ einen enormen Einfluss hat mit der Behauptung, dass alles, was auf diesem Gebiet geschieht, auch zu akzeptieren sei. Diese und viele ihnen sich anschließende „wissenschaftliche“ Untersuchungen folgen dem Prinzip, dass statistische Häufigkeit zur ethischen Norm erhoben wird.

[2] Es ist nicht zu übersehen, dass wesentliche Anregungen zu der sog. sexuellen Revolution und einer Auflösung der Familie aus dem Sozialismus stammen. Z. B. das Buch des französischen Frühsozialisten Charles Fourier (1772-1837), Le nouveaux monde amoureux“; es wurde 1820 verfasst, erschien jedoch erst 1967 französisch und 1977 deutsch, „Die neue Liebeswelt“. Entsprechende Experimente mit einer sozialistischen Auflösung der Familie sind in Sowjetrussland in den 20ger Jahren sehr bald gescheitert und weitgehend rückgängig gemacht worden. In den früheren sozialistischen Staaten hat man jedenfalls als bittere Erfahrung hinter sich, was jetzt in westlichen Staaten aufgezwungen wird.

[3] Dazu ausführlich: R. Slenczka, Die Anbetung der Weiblichkeit Gottes und das Bilderverbot. Dogmatische Beurteilung der „Bibel in gerechter Sprache“. Verbreitet über Internet und von hier aus sehr oft auf Websites und in mehreren Zeitschriften. U. A.: Deutsches Pfarrerblatt 107, H. 7. 2007.356-263; R. Slenczka, Neues und Altes Band 4. Reformation gegen Deformation in der Kirche. Hg. Von Reiner Andreas Neuschäfer und Harald Seubert. Neuendettelsau 2016. S. 353-374

[4] So die genaue Übersetzung des hebräischen wie des griechischen Textes. Es ist immerhin beachtenswert, dass die „Bibel in gerechter Sprache“ genau diese Stelle philologisch richtig übersetzt.

[5] Claudia Janssen, Pressestatement zur Eröffnung des Studienzentrums der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover (ekd.de/vortraege 2014/201404407_pressestatement_studienzentrum_statement_janssen.html).

[6] Dazu ausführlich: R. Slenczka, Aufklärung zur Ehe: Theologische Stellungnahme zur Orientierungshilfe des Rates der EKD ‚Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken‘ (Gütersloh 2013). In: Ders., Neues und Altes. Bd. 4. Neuendettelsau 2016. 375-399.

[7] Immanuel Kant, Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen. Werke, Hg. W. Weischedel. Darmstadt 1956. Bd. IV. 637-643. 642.

[8] Mit dieser aus dem römischen Recht stammenden Formulierung hat der Staats- und Völkerrechtler Carl Schmitt (1888-1983) in seiner „Politischen Theologie“ die Machtergreifung Adolf Hitlers begründet.

[9] Kann man eigentlich noch übersehen, dass in unserer Gesellschaft ein Zustand eingetreten ist, wovor Papst Paul VI.in seiner (Pillen-) Enzyklika „Humanae Vitae“ vom 25. Juli 1968 gewarnt hat: „Man kann die Befürchtung haben, dass der Mann, wenn er sich an die Anwendung empfängnisverhütender Mittel gewöhnt, damit endet, dass er die Achtung vor der Frau verliert und, ohne sich weiter um ihr physisches und psychologisches Gleichgewicht Sorge zu machen, dahin verirrt, sie einfach als Werkzeug selbstsüchtiger Befriedigung und nicht mehr als eine Gefährtin zu betrachten, der er Achtung und Liebe schuldet“.

 




ANGST

Olaf Kornmannshaus

Warum ANGST Macht hat

1. Was mir Angst macht
Angst gehört zum Leben. Als Existenz- oder Zukunftsangst. Als Angst vor Schuld, Erkrankung, Verarmung oder Versagen, so benannte Kurt Schneider die vier Urängste des Menschen. Er war im Übrigen der Meinung, dass es viel erklärungsbedürftiger sei, wenn ein Mensch keine Angst hat, als dass er manchmal Angst kennt. Fast zum Allgemeinwissen gehört auch die Unterscheidung der vier „Grundformen der Angst“, die Fritz Riemann in dem gleichnamigen Buch vorgenommen hat: Angst vor Nähe, Distanz, Veränderung oder Festlegung. Sehr zugenommen haben in letzter Zeit die Panik- und Angststörungen, die auch als neue Variante von Stressreaktionen gesehen werden. „In der Welt habt Ihr Angst“, sagt Jesus, um dann zu betonen, dass er die Welt überwunden hat (Johannes 16, 33). Dass er alle Angst wegnimmt, hat er uns nicht zugesagt. Dieser Unterschied ist sehr wichtig.

Keine Angst?
„Keine Angst“ nannte sich die 1995 gegründete „Erste Zeitschrift speziell für Angstbetroffene“. Herausgegeben wurde sie von Menschen, die sich mit Angst auskennen, von dem Projekt Deutsche Angst-Störungen-Hilfe und Selbsthilfe in München. Ein Jahr später änderten die Herausgeber den Titel, er erinnerte zu sehr an die gut gemeinten Sätze von Eltern und Verwandten, die Kinder beruhigen wollen: „Du brauchst doch keine Angst zu haben!“ Angst aber gehört zum Leben und will darum ernst genommen werden. Das kommt auch in dem neu gewählten Titel zum Ausdruck. Als „Deutsche Angst-Zeitschrift“ (DAZ) informiert sie jetzt über Angststörungen aller Art, lässt Betroffene zu Wort kommen und stellt therapeutische Hilfen vor.
Ängste aller Art
Zunächst gilt es zwischen sinnvoller Angst und einengenden Angststörungen zu unterscheiden. Angst schützt. Einem Autofahrer, der keinerlei Angst kennt, würde ich mich nicht anvertrauen. Die Angst der Eltern, dass ihrem Kind etwas zustoßen könnte, leitet sie zur notwendigen Vorsicht und Achtsamkeit an. Angst kann die Aufmerksamkeit bei gefährlichen Verrichtungen erhöhen und die Häufigkeit von -Arbeitsunfällen senken. Angst in mildem Ausmaß kann höchst genüsslich sein, wie jeder Krimi-Leser bestätigen wird. Selbst Todesangst kann lustvoll sein, wenn man den Bungee-Springern glaubt. Angst vor einer Prüfung kann zu Ehrgeiz anspornen oder den Prüfling total blockieren. Angst in mittlerem Ausmaß erhöht die Leistungsfähigkeit eines Menschen; wird die Angst jedoch zu stark, dann sinkt die Leistung gegen Null. Angstgefühle sind biologische, psychologische und soziale Warnsysteme; Angststörungen dagegen sind unsinnige und qualvolle Überreaktionen dieser Warnsysteme.
Angst macht einsam
15 Prozent der Deutschen kennen spontane Angstanfälle, 6 Prozent haben Angst-, 1 Prozent Panikstörungen, 3-4 Prozent leiden unter Agoraphobie (Frauen doppelt so häufig wie Männer). Viele Betroffene geben den Beruf auf, verlassen nicht mehr das Haus, nehmen nicht mehr am kulturellen Leben teil. Oft wissen selbst Freunde nicht von der Erkrankung, weil sie schambesetzt ist. Einsamkeit verstärkt die Angststörungen noch, die unbehandelt meist einen schlechteren Verlauf nehmen als Depressionen. Auch Alkohol und Medikamente verstärken die Angst. Erst nach durchschnittlich sieben Jahren Leidenszeit nimmt ein Betroffener Therapie in Anspruch.
Unterscheidungen
Panikattacken sind plötzliche, meist unvorhersehbar auftretende Zustände starker Angst, verbunden mit Atemnot, Schwindel, Herzrasen, Schwitzen, Erstickungsgefühlen, Schmerzen oder Unwohlsein in der Brust, Angst zu sterben oder verrückt zu werden. 5-10 Minuten, maximal eine halbe Stunde dauert eine Attacke, die so heftig sein kann, dass schließlich die Angst vor der Angst ins Zentrum des Denkens rückt. Die körperlichen Symptome werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert, mit dem Willen oder dem Verstand sind sie kaum zu beeinflussen.
Agoraphobie nennt man die Angst vor Situationen, die nicht wirklich gefährlich sind. Ursprünglich bezeichnete man mit diesem Begriff die Angst vor großen freien Plätzen, daher der Name „Platzangst“. Im Volksmund spricht man auch von Platzangst, wenn eine ganz andere Situation, z. B. die Enge eines Fahrstuhls, großes Unbehagen auslöst. Inzwischen hat der wissenschaftliche Sprachgebrauch kapituliert und den Begriff der „Platzangst“ auf andere nicht wirklich gefährliche Situationen ausgeweitet. Über 200 unterschiedliche Phobien werden beschrieben, darunter Angst vor öffentlichen Plätzen, vor Kaufhäusern, Restaurants, Wartezimmern, vor besonderen Gegenständen u.v.m. 80% der allerersten Angstanfälle treten außerhalb der eigenen Wohnung an öffentlichen Orten auf – die man deshalb künftig meidet. Der Weg in die Isolation beginnt.
Generalisierte Angsterkrankung nennt man Formen, die nicht so „spektakulär“ wie die vorher genannten sind und doch die Lebensführung eines Menschen erheblich einschränken. Ängste, die nicht durch eine konkrete Situation ausgelöst werden, die sich als unrealistische, übertriebene Ängste vor der Zukunft auf die Alltagsbereiche legen: Ehe, Kinder, Arbeit, Gesundheit, finanzielle Absicherung. Bis zu 60% des Tages verbringen Menschen mit solchen Sorgen. Körperliche Anzeichen verstärken die Angst. Spannungen im Körper, Übererregbarkeit, Überwachheit, Konzentrations- und Schlafstörungen, Atemnot, Beklemmungsgefühle, Herzrasen machen das Leben so unerträglich, dass jeder vierte Betroffene arbeitsunfähig wird und jeder sechste versucht, sein Leben zu beenden. Drei Millionen Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an dieser Form, welche die Ängste noch schwerer fassbar macht als die Furcht vor konkret beschreibbaren Situationen.

2. Was Angst mit mir macht
Die drei Ebenen
Angst erleben wir auf drei Ebenen, denn sie ist mehr als ein Gefühl. Auf die körperliche Ebene weisen die schon genannten Symptome hin. Sie alle werden subjektiv als besonders alarmierend erlebt, stellen jedoch ungefährliche Reaktionen des so genannten autonomen oder vegetativen Nervensystems dar. Dieses steuert weitgehend automatisch die vielfältigen Abläufe der inneren Organe und sorgt im Zusammenspiel von Sympathicus und Parasympathicus für einen ausgeglichenen Zustand von Anspannung und Erregung. Angstsituationen aktivieren zunächst den Sympathicus, eine Art „Notfallmanager“. Er sorgt u.a. dafür, dass Stresshormone ausgeschüttet werden, um dem Organismus genug Energie zur Bewältigung der Gefahr zur Verfügung zu stellen. Durch eine Erhöhung des Blutdrucks sorgt er auch für ausreichende Sauerstoffzufuhr. Man kann sich diese Vorgänge als eine Art Mobilmachung des Körpers denken, der sich blitzschnell auf eine äußere (!) Bedrohung einstellt: Die Blutgefäße verengen sich, das Herz pumpt das Blut fünfmal schneller durch den Körper, um es mit Sauerstoff und Zucker anzureichern, die Muskelanspannung nimmt zu, die Bronchien erweitern sich, die Atmung wird schneller. Der Körper bereitet sich in einer halben bis einer Minute auf Flucht oder Angriff vor. Dann sorgt der Parasympathicus für die entgegengesetzte Anpassungsreaktion des Organismus: Die Verdauungsorgane werden angeregt; Übelkeit, Erbrechen, Durchfall stellen sich ein, mit all den unangenehmen Körpergefühlen, die sprichwörtlich geworden sind: Jemand macht sich vor Angst in die Hose; er hat Schiss; es dreht sich ihm der Magen rum. Die Gefahr ist inzwischen vorbei, aber die Körperreaktion dauert an. Tiefe Erschöpfung folgt.
So unangenehm diese Empfindungen sind – es sind harmlose Vorgänge, die nach bestimmten Gesetzen ablaufen. Allerdings sind die meisten der Körperreaktionen auf die Bewältigung äußerer Gefahren durch Flucht oder Angriff abgestimmt. Wenn die Situation nicht wirklich gefährlich ist, helfen sie nicht. Doch das Verstehen dessen, was im Körper geschieht, kann ein erster wichtiger Schlüssel zur Bewältigung der Angst werden.
Auf einer zweiten Ebene sind kognitive Prozesse beim Erleben und Entstehen von Angst beteiligt, also Gedanken, Erwartungen, Phantasien, Bewertungen, Vorstellungen. Sie verstärken oft die vagen Befürchtungen. Manche Menschen malen sich Katastrophen in den schlimmsten Bildern aus. Bei ihnen kann allein das Martinshorn eines Krankenwagens zu einer Angstattacke führen. Wie unmittelbar beteiligt die kognitiven Prozesse bei der Entstehung von Ängsten sein können, zeigt die berüchtigte „Angst vor der Angst“, die das Denken und Erleben eines Menschen total besetzen kann. Schon der Gedanke ans U-Bahnfahren führt zu Schweißausbrüchen, Sehstörungen und Atemnot. Die Vorstellung, vor einer Gruppe von Kollegen eine Rede zu halten, verursacht Herzrasen und Schweißausbrüche. Dabei ist die Erwartungsangst oft stärker als die Angst in der Situation selbst.
Zum Angsterleben gehört auch eine Verhaltensebene. Die Angst wird von Zittern, einer unsicheren Stimme, unruhigem Hin-und Herlaufen oder dem Gefühl, die Beine seien gelähmt oder zumindest sehr schwer, begleitet. Zugleich löst sie Fluchtgedanken aus: Nichts wie weg hier!
Eine Panikreaktion kann auf jeder Ebene beginnen und sich auf die beiden anderen auswirken. Sie kann durch die Vorstellung von Angst ausgelöst werden oder durch die Wahrnehmung körperlicher Symptome wie Schwindel oder Atemnot. Oft beruhen diese auf harmlosen Ereignissen: Jemand hat die Treppe zu schnell erklommen oder ungewöhnlich viel Kaffee getrunken, die Räume sind überhitzt o.Ä. Die Erfahrung, Angst nicht zu bewältigen, vermindert das Selbstvertrauen, ein verhängnisvoller Kreislauf beginnt oder setzt sich fort.

Wodurch entsteht eine Angsterkrankung?
Es gibt nicht eine Ursache für die bedrohliche Zunahme von Angsterkrankungen. Viele Faktoren tragen dazu bei, und nicht immer sind ursächliche Zusammenhänge überhaupt aufzeigbar. Oft verstärken sich verschiedene Erfahrungen, Gedanken und Verhaltensmuster in einem komplexen Geflecht verschiedener Faktoren. Sie können hier nur stichwortartig genannt werden:

* eine angeborene psychische Erregbarkeit begünstigt die Entwicklung von  
   Angststörungen
*eine überbehütete Erziehung behindert Selbständigkeit und Selbstvertrauen
* Hektik nimmt zu und der Betroffene kann ihr nichts entgegensetzen
* chronischer Stress kann zu Erschöpfung führen, ein erschöpfter Organismus ist
   anfälliger für Angsterkrankungen
* Rückenbeschwerden im Halswirbelbereich können zu Schwindelgefühlen und
   Gleichgewichtsstörungen führen
* Muskelverspannungen des oberen Rückens können zu Schmerzen unterhalb
   des Herzens führen
* Blutdruckschwankungen können als dramatisch erlebt werden
* eine Überfunktion der Schilddrüse kann zu Herzbeschleunigung,
   Schweißausbrüchen, körperlicher und psychischer Unruhe, Gefühlslabilität u.a.
   führen.
* eine ungesunde Lebensweise beeinflusst den Kreislauf negativ (Alkohol,
   Nikotin, Medikamente, mangelnde Bewegung)
* Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch erhöhen die Neigung zur
   Angst
* unterschiedliche „Stressoren“ wirken
zusammen:
– psychische Belastungen: Probleme, Arbeitslosigkeit, Tod eines nahen
   Angehörigen, Scheidung
– körperliche   Stressoren:   Krankheiten, Operationen, Schwangerschaft
– ökologische Stressoren: Schadstoffe
– soziale  Veränderungen:  Arbeitsplatzwechsel, Umzug, Glaubensverlust
Auch Allergien kommt wohl besondere Bedeutung zu: 50% aller ersten Panikanfälle sind möglicherweise Kreislauf- und Unverträglichkeitsreaktionen auf Pollen, Nahrungsmittel- oder Medikamentenzusätze. Dem Erkrankten ist dies nicht bekannt. Die Angst erscheint deshalb „sinnlos“, der Betroffene fühlt sich ihr hilflos ausgeliefert, der Kreislauf der Angst nimmt seinen unheilvollen Lauf. Insgesamt kann man sagen: Das psychische Erleben, die gedanklichen Muster (auch Glaubensüberzeugungen), das Hormonsystem und das Immunsystem eines Menschen spielen in besonderer Weise zusammen und beeinflussen sich gegenseitig – zur Stärkung oder auch zur Schwächung des Organismus.
Vermutlich sind Panikattacken nichts anderes als dramatisch ablaufende Alarmreaktionen auf solchen Stress, die sich durch die Gedanken und das eigene Erleben während der Attacken („Was ist mit mir los? Ich kenne mich nicht wieder!“) schnell verselbständigen.

Angsterkrankungen im Überblick
Spezielle Phobien. Menschen vermeiden bestimmte Objekte oder Situationen, weil diese sehr stark angstbesetzt sind. Das können z. B. Tierphobien sein (Spinnen, Schlangen, Hunde usw.), Angst vor engen Räumen (Klaustrophobie), Höhenangst, Flugangst oder Angst vor Blut.
Agoraphobie. Früher war damit die Angst gemeint, über freie Plätze zu gehen, heute ist sie als Öffentlichkeitsangst definiert. Die größte Angst entsteht unter vielen und unbekannten Menschen (also z.B. im Warenhaus).
Panikstörung. Hier steht das Auftreten von Panikattacken (Anfällen schlimmster Angst, die nicht selten zur Aufnahme auf die Intensivstation mit Herzinfarktverdacht führen) im Vordergrund, die aus heiterem Himmel auftreten. Bei genauem Hinsehen finden sich allerdings in der Regel doch minimale Auslöser, die sich jedoch schnell aufschaukeln.
Soziale Phobie. Die Furcht, einer prüfenden Betrachtung durch bekannte Personen ausgesetzt zu sein, ist hier das Hauptsymptom. Das kann sich auf das Reden in beruflichen Konferenzen richten, auf Kontakte zum anderen Geschlecht oder auf das Essen in der Öffentlichkeit. Oft verselbstständigen sich sekundäre Auswirkungen wie Erröten oder Händezittern, was Betroffene dann für das Hauptsystem halten.
Generalisierte Angststörung. Betroffene machen ihre Angst immer wieder an wechselnden Situationen oder Objekten fest, haben aber anhaltend mehr oder weniger Angst (dass den Kindern etwas passieren könnte, dass das Geld nicht reichen könnte, dass sie von Krankheit bedroht sind u.v.m.). Verbunden damit sind körperliche Anspannung und vegetativ bedingte Symptome wie Schwitzen, Schwindel, Oberbauchbeschwerden usw.

3. Warum Angst Macht hat
Vermeidung verstärkt die Angst
Wer Angst vor dem Supermarkt hat, meidet ihn. Die nette Nachbarin kauft ein – gut gemeint und doch verhängnisvoll. Dem Erkrankten bestätigt sich so fortdauernd, dass er krank ist und nicht unter die Leute gehen kann. Die Angst nimmt immer mehr Raum in den Gedanken und im Verhalten ein. Er lernt auch nicht, dass das Schlimme, das er befürchtet (Ohnmacht, Herzstillstand), gar nicht eintritt, sondern dass die Angst nach sehr schlimmen zehn Minuten schwindet. Nur das Aushalten der Angst und die Erfahrung „Es ist schlimm“ und „Es geht vorbei“ könnte zur Einsicht helfen: „Ich bin der Angst gewachsen.“
In diesem Zusammenhang muss man zwischen kurz- und langfristigen Folgen einer Handlung unterscheiden. Zunächst ist jemand erleichtert, wenn er einen unangenehmen Ort nicht aufzusuchen braucht, weil ein anderer ihm dies abnimmt. Dieses (kurze) gute Gefühl verstärkt aber das Vermeidungsverhalten. Ein Blick auf lerntheoretische Modelle hilft zum Verstehen: Jemand hat Angst davor, mit vielen Leuten im Supermarkt in der Schlange zu stehen. Lange grübelt er, wie er diese Situation bewältigen kann. Die Angst wird immer stärker. Nun kommt die nette Nachbarin oder die freundliche Schwester aus dem diakonischen Arbeitskreis der Gemeinde. Ehrensache, dass sie dem Angst geplagten Menschen den unangenehmen Einkauf abnimmt. Tatsächlich ist die „Hilfe“ aber ein „verstärkendes Verhalten“. Der Patient vermeidet die unangenehme Situation und wird dafür mit dem Verschwinden der Angst und dem Gefühl einer großen Erleichterung „belohnt“. Das problematische Verhalten, also die Angststörung und die Vermeidung, wird auf diesem Weg verstärkt.
Zur gleichen Zeit macht diese Person die Erfahrung, was sie alles nicht mehr kann. Abends, beim Rückblick auf den Tag, wird sie denken: So schlimm ist das mit meiner Angst, dass ich auch heute nicht das Haus verlassen konnte. Auch der Seelsorger, der hier seinem Bedürfnis folgt und dem Angstkranken schwierige Situationen abnimmt, trägt entgegen seiner Absicht dazu bei, den problematischen Kreislauf von Angst und Vermeidung aufrecht zu erhalten.

Begegnung mit der Angst
Appelle von außen helfen nicht. Umdenken von innen ist nötig: Nicht vermeiden, sondern auf die Angst mutig zugehen! Dieser Grundsatz gilt für die seelsorgerliche Begleitung wie für die verhaltenstherapeutische Hilfe. Alles, was hilft, sich der angstauslösenden Situation zu stellen, ist gut. Man unterscheidet dabei zwei entgegengesetzte Vorgehensweisen.
Das Prinzip der kleinen Schritte: Der Betroffene sucht möglichst alleine täglich kleine Angstsituationen auf, die er noch bewältigen kann. Nicht gleich zum Supermarkt, sondern lieber zum Briefkasten oder zum Kiosk an der Ecke. Es geht um die Stärkung der eigenen Aktivität, um Ermutigung durch gelungene kleine Schritte statt Entmutigung durch überfordernde große. Der Radius wird ständig etwas vergrößert, außer an sehr schlechten Tagen, an denen lediglich der Schritt vom Vortag wiederholt wird.
Angstüberflutung: Der Betroffene sucht allein oder mit Hilfe eines Therapeuten jede Angstsituation bewusst auf, verstärkt sie und hält sie so lange aus, bis die Angst schwindet. Wenn keine organische Erkrankung vorliegt, kann nichts Negatives passieren.

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Pokémon

Hans-Werner Deppe

Was sollen Christen vom Hype um Pokémon Go halten?

Seit Mitte Juli 2016 ist das Smartphone-Spiel Pokémon Go der absolute Renner. Der Aktienkurs der Firma Nintendo verdoppelte sich nach Veröffentlichung des Spiels von unter 15.000 Yen Anfang Juli auf 31.770 Yen am 19. Juli. Apple meldet, dass noch nie zuvor eine App so oft innerhalb einer Woche heruntergeladen wurde wie Pokémon Go. Allein in den USA haben sich bisher über 21 Millionen Nutzer Pokémon Go installiert – innerhalb von nicht einmal einem Monat!

Wie haben wir als Christen diesen Hype zu beurteilen und als Eltern damit umzugehen, wenn unsere Kinder bei diesem Spiel mitmachen wollen? In den 1990er Jahren war den meisten bibeltreuen Christen sofort klar, dass Pokémon einen okkulten Hintergrund hat und Christen die Finger davon lassen sollten. Heute wird Pokémon von den meisten Christen als harmlos beurteilt oder sogar als evangelistisch nützlich bewertet.

Der Begriff „Pokémon“ steht für „Pocket Monster“ oder „Taschendämonen“ – wobei das engl. Wort Poké auch eine sexuelle Konnotation hat wie etwa „bumsen“.  Dieses diabolophile Phänomen begann Mitte der 90er Jahre in Japan, zunächst als Sammelkartenspiel und später auf Spielekonsolen (Gameboy, Nintendo DS). Die Karten bildeten verschiedene Typen von Monstern ab, die gefangen, trainiert und im Kampf gegen andere Monster eingesetzt werden sollten. Herausgeber war die Firma „Wizards of the Coast“ („Zauberer der Küste“), die auch andere magisch-okkult geprägte Spiele veröffentlichte wie „Magic: die Zusammenkunft“ und diverse Rollenspiele. Sie kaufte auch die Firma TSR auf, die das populäre okkulte Rollenspiel Dungeons & Dragons („Verliese und Drachen“) herausgab.

Der Pokémon-Erfinder Satoshi Tajir war u.a. inspiriert vom Animismus – dem heidnischen Glauben an eine von Geistern bewohnte Natur. Der japanische Shintoismus lehrt, die Welt sei von tausenden „Kami“ (Götter-Geistern) bewohnt. Wenn Menschen diesen Geistern Aufmerksamkeit, Nahrung und Weihrauch darbringt, verleihen die Kami Glück und Erfolg, im anderen Fall hat man mit Rache und Feindseligkeit zu rechnen.

Die überaus populäre japanische Kawaii- („Niedlichkeits“-) Kultur beruht auf dieser animistischen Vorstellung, dass sich in den Dingen der materiellen Welt überall Geister verbergen. Ein aktuelles deutsches Beispiel für diese Kultur ist die deutsche European-Song-Contest-Vertreterin Jamie-Lee Kriewitz mit ihrem japanischen Kawaii-Outfit und ihrem dazu passenden Lied „Ghost“ (Geist).

Das animistisch-magische Denken hinter Pokémon kommt auch in dem Pokémon-Titelsong zum Ausdruck: „Ich werde durch das Land reisen / überall suchen / um jeden Pokémon zu verstehen / und ihre innere Kraft / Pokémon! – Schnapp‘ sie dir alle …“ Wegen dieser Vorstellung der innewohnenden Kraft wurden die Sammelkarten auch „Energie-Karten“ genannt. Die Kämpfe, die beim Spiel ausgetragen werden, sind nichts anderes als das Messen okkulter Kräfte. Nun, es ist ein Spiel – aber was für Vorstellungen und Vorlieben werden hierbei vermittelt und in die Seele eingeprägt? Wie fragwürdig das alles für Christen ist, wird auch an den Namen und Charakteren der über 700 verschiedenen Pokémons (151 bei Pokémon Go) deutlich. Zwei heißen z.B. Abra und Kadabra. Abra soll die Fähigkeit des Gedankenlesens vermitteln. Kadabra trägt das Satanszeichen Pentagramm auf der Stirn.

Sehr beunruhigend ist es auch, dass es in den 1990er Jahren im Zusammenhang von Pokémon in Japan zu einer Welle von Selbstmorden unter Kindern kam und einer starken Verbreitung von Angstzuständen, Depressionen und Kopfschmerzen. Dies wird als Lavandia-Syndrom bezeichnet, benannt nach der virtuellen Stadt Lavandia, die Pokémon-Spieler bei einem bestimmten Level erreichten, wobei dann eine raffiniert dissonante und unheimlich depressiv stimmende Musik abgespielt wurde.

Bei Pokémon Go gehen nun spielfreudige – also insbesondere junge – Leute auf die Suche nach diesen virtuellen Geistwesen, die aus dem japanischen Shintoismus entwickelt wurden – in einer „augmented reality“, in einer computergenerierten „erweiterten Realität“. Ihre Handykameras zeigen ihnen auf dem Display nicht nur die reale Welt, auf die sie die Kamera richten, sondern blenden darauf – am entsprechenden Ort – auch die versteckten Geister ein. Haben sie diese Geistwesen gefunden und für sich gewonnen, sollen sie sich deren übernatürlichen Fähigkeiten zunutze machen und weiterentwickeln (trainieren), um andere zu besiegen.

Manche sehen eine missionarische Chance im aktuellen Pokémon-Go-Hype. Christliche Gemeinden sollen als Suchorte („Pokéstops“) oder Kampfstätten („Arenen“) für das Spiel dienen und dadurch sollen Menschen bewegt werden, die Gemeinde oder Kirche aufzusuchen. Die soziale Komponente des Spiels soll beim Kontakteknüpfen helfen oder Kirchen sich als Aufladestationen für Handys anbieten. Doch angesichts des bedenklichen Hintergrunds von Pokémon klingt das etwa so, als wolle man mithilfe von Tarot-Karten evangelisieren.

Schon die früheren Pokémon-Versionen auf Gameboy und Spielekonsolen wurden als „Techno-Animismus“ bezeichnet, der moderne Technik mit archaisch-heidnischer Spiritualität verbindet. Durch die Weiterentwicklung auf „Pokémon Go“ kann nun die ganze reale Welt in diesen spirituellen Zirkus miteinbezogen werden – bzw. der realen Welt wird eine technisch-spirituelle Scheinrealität übergestülpt.

Bemerkenswerterweise hat die Technik die Welt nicht entzaubert – wie es der Soziologe Max Weber prognostizierte und postulierte –, sondern die Technik verzaubert die Welt neu mit einer magischen Religiosität und verhilft diesem Techno-Spiritismus erst zu einer rasanten Verbreitung und Entwicklung – in Synthese mit dem eiskalt kalkulierenden Kapitalismus milliardenschwerer Weltunternehmen, die letztlich davon profitieren (und nebenbei noch viel mehr Daten über die Nutzer sammeln können).

Pokémon Go missionarisch nutzen zu wollen, entspricht natürlich voll und ganz der Philosophie des „die Kultur Umarmens“, die die Emerging-Church-Bewegung so vehement als „missionalen“ Lebensstil für Christen propagiert. Christen sollen sich demnach in unserer modernen Kultur nicht ausgrenzen, sondern überall mitmischen. Diese Denkweise ist zutiefst unbiblisch, denn schon im 1. Jahrhundert musste Paulus die Christen auffordern, eine klare Grenzlinie zu den sündigen und verdorbenen Praktiken der damaligen römisch-hellenistischen Kultur zu ziehen. Er nennt sie „unfruchtbare Werke der Finsternis“, mit denen wir „nichts gemein“ haben, „sondern sie vielmehr bloßstellen“ sollen (Eph 5,11). Die Korinther lebten mitten in einem kulturellen Sündenpfuhl, und Paulus schrieb ihnen:

Geht nicht unter fremdartigem Joch mit Ungläubigen! Denn welche Verbindung haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen? Und welchen Zusammenhang der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Denn wir sind der Tempel des lebendigen Gottes; wie Gott gesagt hat: «Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.» Darum geht aus ihrer Mitte hinaus und sondert euch ab! spricht der Herr. Und rührt Unreines nicht an! Und ich werde euch annehmen und werde euch Vater sein, und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige. (2Kor 6,4-18)

Dass die Pokémon-Go Entwickler die Pokémons in ihrer virtuellen, der realen Welt übergestülpten Welt oft an Kirchen positionieren und dort Pokéstops einrichten, bedeutet nicht, dass sie dem Christentum gegenüber freundlich eingestellt sind. Könnte es nicht vielmehr sein, dass sie gerade christliche Jugendliche für ihr okkult-magisches Denken gewinnen wollen? Lassen wir uns nicht täuschen.   Hans-Werner Deppe  25.07. 2016

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